Mittwoch, Dezember 31, 2025

kar.ma

Kürzlich entdeckte ich ganz absichtslos den besten Kaffee Nepals. Dahinter steckte ein fürsorglicher Algorithmus eines Internethändlers, der mir zum french coffe maker (andernorts gilt das Teil als Schweizer Kaffeezubereiter) den passenden Kaffee anbot. Und ich biss an - weil es keinen Grund gibt, überzeugenden Versuchungen zu widerstehen: der Name der Marke gefiel mir, kar.ma coffee! Ich kann hier ruhig ein bisschen Werbung machen. Und dann war der bereits passend für frenchpress gemahlen, was mir mit meiner manuellen Mühle (das war noch vor dem Bosch-Mitbringsel aus Dubai) womöglich nicht fachgerecht gelingt. Also bestellte ich zum Ausprobieren 250 gr kar.ma coffee und mein Gatte war bei nächsten Frühstück begeistert! Ich auch. Seither bestelle ich direkt, dark roast, beans für meine italienische Espressomaschine, medium roast frenchpress für Ws französischen Kaffeezubereiter. Die letzte Lieferung kam letzten Freitag, am Tag nach public holiday (Christmas Day). Ich bestellt um 12:38 und erhielt die Bestätigung um 12:39 "I can send you in a few hours". Ich bezahlte um 12:44 über fonepay. Um 14:12 klingelte der Kurier an unserer Haustür. Ich packte 2 Kilo Kaffee aus und auf den Etiketts stand handschriftlich: roasted 22 dec 2025! Ich möchte mal wissen, wer auf der Welt frischeren Kaffee trinkt als wir! 

Kaffee wird in Nepal seit 1938 angebaut. Hira Giri brachte die ersten Kaffee-Samen aus der Sindu Provinz von damals Burma (heute Myanmar) und pflanzte sie in Aapchaur im heutigen Gulmi District bei Tansen an. Es dauerte gute 30 Jahre, bis der Staat (damals das einzige hinduistische Himalaya Königreich) das wirtschaftliche Potential erkannte und den kommerziellen Anbau von Kaffee förderte. 

In einer Pressemeldung der Swiss Nepal Chamber of Commerce lese ich heute, dass mein kar.ma coffee "in some of Switzerland's coolest cafés" angeboten werden soll. Haltet also Augen, Nasen und Ohren auf. Die genannten in-places (ViCAFE, Stoll Kaffee, CAFéNOIR, Cafiosa AG oder standout cafés wie MAME und Babu's) kenne ich allesamt nicht. So lange lebe ich schon nicht mehr in der Schweiz. Ich habe den Vorteil, kar.ma vor Ort zu trinken.

Dienstag, Dezember 30, 2025

Feuerpferd

Alle Jahre wieder ... Heute ist der 15 पौष oder पुष, Paus oder Pus, normalerweise als Poush oder auch Paush latinisiert. Neujahr für die Gurung. Sie verabschieden pugri, die Schlange und begrüßen heute schon toh, das Pferd bzw das Jahr des Feuer-Pferdes. Sie folgen, wie die Chinesen, mit ihrer Zeitrechnung den 12 Tierkreiszeichen, sind aber den großen Nachbarn gut eineinhalb Monate voraus. Das Fest beginnt heute Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Gurung-Dörfer in Lamjung, Gorkha, Tanahun, Syangja, Manang, Kaski und Parbat erreichen. 

Zum Zeichen der Toleranz ist heute in ganz Nepal public holiday. Kein einziges Moped auf dem Parking hinter der Municipality! In Kathmandu Feststimmung in Tundikhel. 

An meinem bescheidenen Shiva-Tempel werden andere Vorbereitungen getroffen. Heerscharen von Frauen und Männern tragen Töpfe, Geschirr, Möbel, Becken, Decken, Stühle, Bänke, Teppiche über die schiefe Ebene vom schiefen leeren Mopedparkplatz zum Gemeindehaus. Die Hindus feiern Paush Putrada Ekadashi - wir haben den 11. Mondtag der Shukla Paksha (in 4 Tagen ist Vollmond!) im Monat पौष oder पुष = Paus,  Pus, Poush oder Paush. Wie gehabt. Paare fasten von heute 07:50 am bis morgen 05:00 am, verehren Vishnu, schlafen nicht, sondern beten für einen guten Sohn, falls sie noch keinen haben. Ansonsten für die Gesundheit der Kinder. Es ist das Sohn-geben-Ekadashi. Putra - पुत्र  heißt Kind (im günstigsten Fall männlich) und da द geben. 

Montag, Dezember 29, 2025

Grenzverletzung Zwo

"You made my day!" sagte mir eines Mittags im April oder Mai ein बाइक चालक baik chalak - ein Biketaxidriver, der mich in die Sprachschule nach Thamel brachte. Er hatte gerade seinen Dienst angefangen und ich war seine erste Kundin. Das bringt Glück, strahlte er, eine Ausländerin. "You made my day!" 

Man stelle sich vor, ein deutscher Taxifahrer fährt in einer deutschen Großstadt mitten im deutschen Berufsverkehr eine türkische Studentin zur Uni, oder eine türkische Oma ins Krankenhaus, sie womöglich mit Kopftuch, er Christ oder Antichrist - was würde er wohl zu ihr sagen, beim Ein- oder Aussteigen, auch wenn sie mit Trinkgeld nicht knausert? Vielleicht ist die Frage müßig, weil es in Deutschland keine deutschen Taxifahrer (mehr) gibt. 

Anderes Beispiel. Kürzlich sprach uns im Sukunda - सुकुन्दा नेवारी खाजा घर unserer neuen Newari-Lieblingskneipe - einer der rauchenden Gäste an. Er wollte wissen, woher wir kommen und warum wir hier sind. Dann verabschiedete er sich mit dem Satz: "Thank you for your love for our country!"  

Ich frage alle meine deutschen Leserinnen und Leser: wer hat schon einmal zu einer afghanischen Mutter, einem afghanischen Opa auf dem Kinderspielplatz gesagt: Danke, dass Du da bist! Zu einem türkischen Obst- und Gemüsehändler, einem syrischen Arzt, einem arabischen Frisör, einer polnischen Restaurateurin, einer ukrainischen Zahnärztin ... Es muss ja nicht gleich alles (Liebe!) sein, Dank wäre schon schön genug. 

Soviel als Antwort auf die Frage in einem anonymen Kommentar. Ich weiß natürlich, wer sie punktgenau an Heilig Abend gelandet hat. Es ist aber nach fast genau zwei Jahren erst die zweite Grenzverletzung. Da will ich nicht meckern. Weder über Scheinheiligkeit noch über Hochmut. 

Vor vielen vielen Jahren erklärte mir eine Freundin im damals noch sozialistischen Polen, warum sie, eine Nichtraucherin, wenn sie Zug fährt, sich immer in ein Raucherabteil setzt. Das gab es damals noch. Und es gab die popularne, die populären und einzigen Zigaretten, ein fürchterliches Kraut. Aber: "Da sitzen einfach die netteren Leute." Zu Deutschland hatte ich nie eine emotionale Beziehung. Dort sind Raucher wie Nichtraucher unauffällig muffig. Von daher ist eine Frage, ob es in Deutschland "doch besser" sei (mit einem, wie ich vermute, gedachten "nicht" davor), bei mir (einer potentiell zu Remigrierenden) ganz falsch platziert. Zur Schweiz habe ich meine biografisch bedingte Beziehung erfolgreich abgearbeitet. Wenn es ein Land in Europa gibt, das mir nach wie vor am Herzen liegt, dann ist es Polen. Dort sind die Menschen einfach nett, die rauchenden etwas netter als die nicht rauchenden.

Sonntag, Dezember 28, 2025

Otter

Weit im Westen, an der Grenze zu Indien ist vor einem guten Jahr die kleinste Otterart überhaupt nach 185 Jahren in Nepal wieder gesichtet worden: Der Zwergotter oder Kurzkrallenotter, Asian small-clawed otter oder wissenschaftlich Aonyx cinereus. Förster entdeckten in einem Wald im Dadeldhura Distrikt, am Zusammenfluss von Rangun (oder Yangon) und Puntara, einen jungen, geschwächten und ausgehungerten सानो ओटर - saano otar. Sie päppelten den Kleinen auf, ohne zu wissen, was für eine Seltenheit sie da füttern. Da sie selbst neugierig waren, schickten sie Fotos in die Welt. Bei der IUCN Otter Specialist Group wurde die Sensation bestätigt: es ist ein Aonyx cinereus.   

Leider ist der Kleine, kaum zu Kräften gekommen, abgehauen und ward nicht mehr gesehen. Trotzdem ist die Fachwelt der Himalaya-Otter-Spezialisten überzeugt, dass er im Land geblieben ist. Die letzte Sichtungen vor ihm stammen aus dem Jahr 1839. Damals lebte er offenbar in verschiedenen Gebieten und Höhen, im Ost-Himalaya im Makalu Barun Nationalpark sowie in Kailali und Kapilvastu im westlichen Tarai.

Traditionell und bis heute leben außer dem Kurzkrallenotter in Nepal Weichfellotter (smooth-coated otter - lutrogale perspicilliata) und Eurasische Fischotter mit dem schönen wissenschaftlichen Namen lutra lutra.

Samstag, Dezember 27, 2025

Narayan

Samstag. Kein Moped auf dem schiefen Parking. Alle haben frei. Mein zweiter Ausflug nach Dhapasi. Ich finde viele मन्दिर (Mandir = Tempel), die googlemaps nicht kennt, dafür nicht alle, die googlemaps nennt. Einen zweiten auf dem Schlangenbett im Wasser schlafenden Vishnu finde ich nicht. Das ist gut so. Ich lerne, dass Lord Vishnu Narayan genannt wird, weil er im Wasser lebt (oder schläft), während die anderen Götter meist sitzend (oder auch mal stehend) dargestellt sind. Laxmi auch galoppierend, denn Vishnu hat sie, die seine Gattin war und ist, angeblich in ein Pferd verwandelt.

Der erste Teil des Wortes Narayan - नारायण (ist es ein Eigenname oder eine Berufsbezeichnung?), नारा - nara = Wasser, der zweite यण - ayan = Ort, Platz, Stelle, wo sich jemand gerade aufhält. Also der Gott im Wasser, aber kein Fisch und keine Schlange. Sondern Lord Vishnu in tiefe Meditation versunken. Wir hatten schon Vishnus viermonatigen Tiefschlaf - oder vornehmer ausgedrückt: sein चतुर्मास - Chaturmaas, die vier Monate andauernde yog nidra, Tiefenentspannung zwischen Wachsein und Schlaf im ksheer sagar, im Milchozean. Im Verständnis der Hindus sind in dieser Zeit alle auspicous acts (glücksverheißende Taten) verboten und die Mönche verzichten auf Reisen. Der Wohnsitz (oder treffender gesagt: die Wohnlage) im Wasser bewahrt Lord Vishnus unendliche Reinheit. Er gilt auch als Supreme Narayan oder Parabrahman.

Freitag, Dezember 26, 2025

Gohoro

Die Mopeds stehen wieder dicht an dicht. Das ist beruhigend, es wird wieder voll gearbeitet. Die westliche Welt feiert boxing day oder Stephanstag. Stephan ist der Protomärtyrer der Christenheit. Und der boxing day geht auf das Öffnen der Almosenboxen zurück. Nicht auf den Boxsack, den unsere Nachbarn im Außenbereich vor das Wohnzimmerfenster hängen ließen. Für ihre hyperaktiven Jungs und die Helikoptermama. Die hat die Kontrolle vom Sofa aus im Schatten. Sonne meiden die Frauen hier wie der Teufel das Weihwasser.

In der Zeitung lese ich, dass in den Sundarbans, den Mangrovenwäldern von Westbengalen eine Fischkatze, in der Gegend auch Fischtiger genannt, eines schönen Julimorgens zufällig vor die Kamera eines Naturfotografen lief, mit einem beträchtlichen Waran (monitor lizard oder locally gohoro) im Maul. Das ist ein eidechsenähnliches Schuppenkriechtier, das bis zu 3 Meter lang werden kann. 

Die Naturschützer sind begeistert (so etwas hat noch keiner je gesehen!) und besorgt zugleich: warum jagt eine Fischkatze, die eine ausgezeichnete Schwimmerin ist und sich, wie ihr Name sagt, normalerweise von Fischen ernährt, an Land? Warum ist sie am hellen Morgen noch auf der Jagd. Warum schleppt sie ein riesiges Schuppentier mit sehr harter Haut mit sich herum, an dessen zartes Fleisch sie nur mit großem Energieaufwand herankommt? Die Menschen, die meinen, die Tiere, die sie durch das Objektiv einer Kamera sehen, zu verstehen, schließen daraus, dass das Tier sehr hungrig gewesen sein muss. Es bekam in der Nacht nicht genug Fische in den Magen.

In meinem Garten erlegte kürzlich eine meiner wilden Hauskatzen eine Schönechse. Die war vergleichsweise winzig und der Jäger rührte sie nicht weiter an. Vielleicht war ihm der Panzer zu hart und/oder das Fleisch zu wenig. Natürlich lohnte hier die Mühe nicht, denn es ist allemal einfacher, sich vor meiner Küchentür anzustellen und lauthals Trockenfutter zu fordern.

Donnerstag, Dezember 25, 2025

brinjal

Feiertag in meinem nepali calendar. Christmas Day. Im Sinne der Toleranz in einem bis vor kurzem von Marxisten, Leninisten und Maoisten regierten einstigen einzigen Himalaya-Hindu-Kingdom. 

Das Mopedparking ist halbvoll. Also ist die halbe Belegschaft der Budhanilkantha Municipality vor 10 am zur Arbeit erschienen. Vielleicht doch kein public holiday. Auf der Golfutar reger Betrieb wie immer. Am Tempel auch. Ganesh ist aus dem Laxmibaum verschwunden. Entweder hat er sich in das Innere der vielen verschlungenen Stämme verkrochen oder überhaupt aus dem Staub gemacht. Göttern steht nichts im Wege.

Wieder zu Hause lese ich die wunderlichsten Dinge. Kürzlich habe ich bei dragon von der neuen Speisekarte das Wort eggplant gelernt. Wir bestellen alles, was neu aus der Küche kommt. Seither verzehren wir alle paar Tage einen ganzen Teller voll hervorragender eggplants (Auberginen). Nun lese ich in einem hinduistischen Internet-Forum, dass Sri Krishna eggplants dermaßen verabscheut haben soll, dass er auch alle Leute mied, die eggplants essen. Hoho, denke ich, das betrifft ja mich höchstpersönlich! Und verfolge die Kommentare. Blanker Unsinn, lese ich, ein Gott stehe über aller Materie, also auch über Gemüse jeglicher Art. Ein Gott verteile keine likes oder unlikes (ha! sprich: ein Gott hasst nicht und liebt nicht!), wer bloß so crazy sein könne, so etwas zu behaupten ... Und ganz nebenbei lerne ich, dass eggplant in indianenglish bringal oder brinjal heißt.

Mittwoch, Dezember 24, 2025

Quellen

Zur Feier des Tages ein Exkurs über Steckdosen. Wir hatten schon Stromausfälle, Kurzschlüsse, black outs und vor sich hin schmorende Sicherungskästen. Nun wenden wir uns den Quellen zu, von denen unsere Geräte ihren Strom im Haus beziehen. Damit der Strom fließt, müssen die Steckdosen eingeschaltet werden. Das gibt es anderswo auch.

Hier eine Paradebeispiel aus der Küche. An der rechten Dose hängt normalerweise der Wasserkocher, für den linken brauche ich einen Adapter, wenn ich die Bosch-Kaffeemühle, die W kürzlich von einer Reise mitbrachte mit einem Stromkabel, das an einem Commonwealth Steckverbinder (rectangular british 3-Pin) endet, in Betrieb nehmen will. Dadurch wird die Wand etwas bunter.

Die "normalen" (wie ich einst in meiner Unschuld dachte) nepalesischen Steckdosen hingegen sind schlicht rund und dreipolig. Dafür habe ich in meiner Einfalt in Europa auf Vorrat mehrere Adapter besorgt, die mir jetzt wenig nützen.

Unsere heater - der dritte ist, wie auch der zweite, ein Produkt der CG - Chaudhary Group ("multinationaler Mischkonzern mit Sitz in Nepal") - können nicht an diese "normalen" Steckdosen angeschlossen werden. Sie sind mit nepalesischen Sicherheitssteckern (wie zB auch die Mikrowelle und die Waschmaschine) ausgestattet, die oben in der Mitte einen dickeren Stift haben und nur in Steckdosen wie im Paradebeispiel links (s.o.) passen. Außerdem haben diese nepalesischen heater ein relativ kurzes Kabel. Auf Knien suche ich  die Räume nach passenden Steckdosen ab. Verlängerungskabel für diese dicken Sicherheitsstecker gibt es nicht. Jedenfalls nicht in meiner Laufnähe, wo es sonst alles gibt.  

Das offene Zimmer im ersten Stock, die Bibliothek, ist vor Wochen zu Ws Arbeitszimmer mutiert (aus Gründen, die ich nicht zu wiederholen brauche). Es muss nun zur Feier des Tages ummöbliert werden. Die einzige Steckdose, von der der Drittheater Strom zapfen kann, befindet sich hinter dem mächtigen Sofa, das zur Grundausstattung des Hauses gehört. Die andere sitzt unter der Decke, neben dem Fenster. Die Stromleitung dorthin ist wahrscheinlich vorsorglich für eine AC gelegt worden, die aber nie angeschafft wurde. Den heater in die Luft zu hängen scheint mir unzweckmäßig. Der kann nämlich rotieren und verteilt so die Wärme besser. Er ist aber kein Deckenventilator und in der Verpackung habe ich keine Aufhängevorrichtung gefunden. Eine dritte, "normale" nepalesische Steckdose, in die der heater-Stecker eh nicht passt, entdecke ich in der hinteren Ecke. Jemand hat in das linke untere Loch eine Schraube eingedreht, so dass gar kein Stecker mehr eingesteckt werden kann. Was das bedeuten soll, frage ich mich lieber nicht, und schiebe kurzerhand das zweiteilige Sofa, den Schreibtisch, das kleine Bücherregal, zwei Kisten mit CDs, die niemand hört, den Stuhl, den Tisch, einen Papierkorb und den chinesischen General, der über alles wacht, einmal im Halbkreis. So dass jedes Teil an der jeweils gegenüberliegenden Wand zum Stehen kommt und das Zimmer nun spiegelverkehrt aussieht. Der heater hat freie Bahn und die Sonne kann untergehen. 

Dienstag, Dezember 23, 2025

Goldschatz

W kommt am Mittag zurück aus einer kalten Schneelandschaft und sagt: "Hier ist  ja so warm!". Mit "hier" meint er Kathmandu. Hier ist "jetzt" tatsächlich warm. "Jetzt" meint Mittag, früher Nachmittag. Am Abend besorgen wir auf dem Weg zum Dragon einen Drittheater (das Theater zu Dritt wäre ein Dritttheater).

In meinem Goldvreneliland gibt es immer mal wieder einen Goldvrenelirausch. Kürzlich entstand daraus ein handfester Goldvreneliskandal. Wie jeder andere ging auch dieser Skandal unbemerkt an mir vorbei. Nun aber wurde ein Goldschatz gehoben in einem Wald, in dem ich als Kind herumgesprungen bin. Das elektrisiert natürlich bis in die hinterste Ecke der Welt. Im Bärenfelser Moor, etwas oberhalb unseres einstigen Lieblings-Sonntagsausflugsziel wurden zwei keltischen Goldmünzen gefunden, ein "Stater mit 7,8 Gramm" und ein "Viertelstater", wie meine Baselbieter Archäologen berichten. Ein Schatz gehört in der Schweiz immer dem Kanton, in dem er gehoben wird und nicht den suchenden und grabenden Spähern. Diese waren ehrenamtlich, aber gezielt unterwegs im Auftrag der Archäologie Baselland. Im Rahmen einer Nachuntersuchung sollte das Umfeld in der Flur Bärenfels abgesucht werden, wo vor zwei Jahren bereits ein Silberschatz entdeckt wurde, 34 keltische Silbermünzen. So ganz überraschend kam also der neue Goldschatz nicht zum Vorschein. Das Bärenfelser Moor war vermutlich für die Kelten ein Naturheiligtum, die gefundenen Münzen wahrscheinlich Weihegaben für die Götter. Eine schöne Geschichte, die jetzt zu Weihnachten das Licht der Welt erblickt, obwohl die beiden Goldmünzen bereits zu Ostern ausgebuddelt wurden.

Montag, Dezember 22, 2025

Der Zweitheater

Alle Jahre wieder  ... dies ist kein 2-(Personen-)Theater, sondern der 2. Heater im Haus auf dem Hill. Unser letztjähriger Halogenheater wärmt und leuchtet immer noch unverdrossen vor sich hin. Mir aber macht sein grausiges Licht schwer zu schaffen - mitten an einem halbsonnigen, diesigen Tag. Ich sehe fast nichts von den Häusern der Stadt und schon gar keine der Hügel, vielleicht trübt Smog schon am frühen Morgen meine Sicht, oder aufsteigender Nebel oder Rauch. In meinem Zimmer unter dem Dach wird es tagsüber nicht mehr wärmer als in der Nacht. So kann ich nicht arbeiten. Die Gedanken gefrieren auf dem Weg vom Hirn in die Hand. Der Weihnachtsbaumheater verströmt zwar so etwas wie wohlige Wärme, aber auch Gift für die Augen und die Seele. Ich verfluche ihn, schalte ihn aus, laufe die Treppen hinunter und aus dem Haus hinaus, hinaus aus der guarded community, hinaus auf die laute Golfutar und überquere sie. Schweratmend erreiche ich um die Ecke, um die gegenüberliegende Ecke unseren sozusagen community-eigenen CG-Shop und hole mir den Zweitheater, made in Nepal, without light!, flehe ich den Verkäufer an und er versteht, was ich meine. Ich habe und bekomme hier tatsächlich alles um die Ecke. 

Und trage stolz meinen edlen stummen Diener nach Hause, die Treppen hoch, danke mit Blick aus dem Fenster auf meinen kleinen Tempel Shiva für das eine Jahr Garantie, für die drei Heizstufen und das Thermostatsystem, das voraussetzt, dass der stumme Diener mit einem Temperaturfühler ausgestattet ist. Ich höre mein Herz klopfen, während ich das Ende des Kabels des Zweitheaters mit der Steckdose am Boden verbinde. Und erwartungsvoll warte.

Stille. Kein Knistern, kein Qualm, kein Rauch. Kein Kurzschluss. The heater is heating. The show can go on ...

Sonntag, Dezember 21, 2025

Wintersonnenwende

Wintersonnenwende und Worldmeditationday. Die Vereinten Nationen haben vor einem Jahr letzteren ausgerufen (auf Initiative natürlich Nepals und Indiens, aber auch Liechtensteins, Andorras, Mexikos ua) und auf den 21. Dezember festgelegt. Das Datum wurde natürlich mit Bedacht gewählt, sei doch der Tag der Wintersonnenwende prädestiniert (auspicious wie die Hindus hierzulande sagen würden)  für innere Einkehr. 

Für Nepal hat sich in New York Swami Anand Arun stark gemacht, der Gründer des Osho Tapoban Zentrums in den Nagarjun Hügeln im Westen der Stadt. तपोवन - Tapoban ist ein ruhiger Ort im Wald, geeignet für Besinnung und Zusichkommen. Das Wort setzt sich zusammen aus तप tapa - Schwerstarbeit im körperlichen und spirituellen Sinne; und वन ban - Wald. Und Osho ist ("never born, never died, only visited this planet earth between dec 11 1931 and jan 19 1990) der indischer Guru schlechthin, anderswo als Bhagwan bekannt, "Master of masters".

Hier gibt es pictures vom Wintersonnenwendenmeditieren in Kathmandu.

Samstag, Dezember 20, 2025

Tol Lhosar

courtesy to Hamro Patro 
Neumond und Neujahr, das älteste und erste Neujahr aller noch kommenden nepalesischen Neujahre. Ob es diesen Plural im Deutschen so gibt, spielt hier gar keine Rolle. In Nepal gibt es alles, was anderswo undenkbar wäre. Das ist der Vorteil eines Landes ohne Regeln, ohne Grammatik, ohne Pläne, ohne Sprache aber mit vielen Sprachen, ohne Zeit aber mit vielen Zeiten, ohne Kalender aber mit vielen Kalendern, ohne Agenda, ohne Terminplan, ohne Fahrplan, ohne Dienstplan, ohne Eisenbahn, Hochbahn oder U-Bahn, ohne Lokführer und ohne selbstfahrende Taxis. Aber mit festen Traditionen, Gebräuchen, Zeremonien. Heute, an Poush Shukla Pratipada, begrüßen die Menschen in den Bergen, in Humla, Jumla, Dopa, Mugu, Manang, aber auch in Tibet und Bhutan ein neues Jahr. Mit viel Freude und gebührendem Respekt, wie es heißt. Möge der Himalaya ihnen wohl gesonnen sein, mit einer geschlossenen Schneedecke und dem wolkenlos blauen Himmel vom Bild.

Freitag, Dezember 19, 2025

Winter

Tagsüber ist es heiß. Ich putze nun auch alle Fenster von außen. Und die Fliegengitter. Das geht nur bei Sonnenschein und kostet mich insgesamt mehr Zeit und Geschicklichkeit (außen an der Fassade hängend wie eine Cirkusakrobatin) als die Innenreinigung. Sei's drum. Ich schwitze ordentlich und das ist gut für den Stoffwechsel. Sobald die Sonne aber untergeht, wird es ungemütlich. Trotz streifenfreier Sicht in den Abendhimmel und auf die Abendstadt. Ich laufe zu Dragon und stille meinen Hunger mit scharfem roten Curry. Danach will ich endlich - wie von W seit jeher empfohlen - die AC (air condition) in meinem Arbeitszimmer in Betrieb nehmen, im Heiz-Modus, versteht sich. Prompt fliegt mit einem lauten Wumms die Sicherung im Flur raus! Das ist der Sicherungskasten, in dem es kürzlich schmorte. Ich erinnere mich gut an den Elektriker, der pfeifend die Treppen hochstieg und sagte "happy you - no fire!" Die Südwand, an der die AC im Innern hängt, ist immer noch nass. Der Schimmel trotzt all meinen Essigattacken und wächst immer wieder nach. Mal sehen, wer am Schluss gewinnt. Die elektrischen Leitungen liegen wahrscheinlich auch bei uns - wie Nachbarn kürzlich mit Bildbeleg entsetzt auf Viber berichteten - nackt und unisoliert im Mauerwerk. Monsun und andere Naturereignisse hin oder her. Auch die Waschmaschine hängt an einer Steckdose, deren Leitung zu einer immer noch klatschnassen Ecke auf der Terrasse führt. Dort weiß ich mittlerweile, welchen Außenschalter ich besser nicht betätige, da er zuverlässig einen short cut im ganzen Haus auslöst.  

Ich lasse die Hoffnung auf wärmere Innentemperaturen fahren und krieche mit Bells "Kathmandu" unter die Winterdecke. Morgen ist wieder ein heißer Tag! 

Donnerstag, Dezember 18, 2025

Trimurti

Ich muss mir die Götter merken. Bald ist Neujahr. Eines von vielen. Das erste. Ich putze alle Fenster von oben bis unten von innen. Das geht im Nu mit dem aus Deutschland reimportierten Microfaserhandschuh. Den tauche ich in kaltes Wasser und reibe die Scheiben anschließend mit zwei Trockentüchern trocken. Eines nach dem anderen. Fenster. Tücher. Sinnieren. Im Wasser auf Schlangenbetten ruhende Götter. Der kleine schlafende Shiva in Dhapasi Devi ist vielleicht kein Shiva. Ich nenne ihn nur der Einfachheit halber und wider besseren Wissens so. Der Tempel ist laut Inschrift "Shri Hari Vishnu Narayan" gewidmet. Und geweiht. 

Ich frage das Universum und bekomme so ausführliche Antworten, dass ich noch viele Fenster streifenfrei reinigend meditieren muss. Vishnu ist ein und alles. Dafür, dass er auch Lord Hari genannt wird, gibt es Dutzende Erklärungen. Über jede einzelne soll ich nachdenken. Das werde ich über die Jahre auch tun, bei jedem Fenster! Narayan meint den Brahman, die ultimative letzte und höchste Realität. Oder auf den Boden gekommen: den Gott, der im Wasser ruht. Das Om ist die Essenz des Brahman. Narayan ist immer der Gatte Laxmis, in welcher Form auch immer er sich manifestiert. Die erste Form, die Narayan in der materiellen Welt annimmt, ist Lord Vishnu schlafend auf dem Schlangenbett im Milchozean. Daraus hervor gehen andere. Rama. Krishna. Narashima ... aber es gibt die Trimurti, die heilige Dreifaltigkeit oder das Triumvirat des Hinduismus, die drei Formen Brahmans: Brahma der Schöpfer, Vishnu der Bewahrer und Shiva der Zerstörer. Die drei sind untrennbar verbunden im ewigen Zyklus der göttlichen Kräfte.

Mittwoch, Dezember 17, 2025

Länge und Breite

Wieder ein 17. auf unserem Kalender, aber ein 2. auf dem nepali calendar. Bisher war es oft so, dass unser - aber was heißt hier eigentlich "unser"? es war der Abreisetag aus Europa - 17. auf den Nepali 1. fiel. Wieder reist W ab, er fliegt quer über den Himalaya nach Chengdu und wundert sich, dass er bei guter Sicht und am Fensterplatz ein Meer von Felsspitzen unter sich hat. Er wird weiterreisen an einen Ort, von dem ich wieder keine Ahnung habe, dass es ihn gibt und wo er liegt - ungefähr auf gleicher Länge wie Kathmandu, berichtet er, aber nicht auf gleicher Breite. 

Ich will in einem organic shop wonder grains of Nepal bestellen, Kaguno Millet aus Karnali, Buckwheat Fafar ko Chyakhla und dergleichen mehr. Die Lieferadresse soll ich mit Koordinaten eingeben. Die Verknüpfung mit google maps funktioniert in dem Formular nicht. Dort könnte ich meine location einfach anclicken. So aber weiß nur der Himmel wie die latitude und longitude unseres Hills exakt ist. Also mache ich mich zu Fuß auf zur Konkurrenz. 

Dienstag, Dezember 16, 2025

Pus

Der neue Monat im Nepali calendar heißt पौष oder पुष - Paus oder Pus. Schreiben oder lesen ist immer noch Glückssache. Die Inschrift am schlafenden Mini-Shiva in Dhapasi Devi listet vor allem die Spenderinnen und Spender auf - wobei auch die Verwandtschaftsverhältnisse hier reine Glückssache sind. Quintessenz ist der letzte Satz, der besagt, dass "die ganze Shrestha Familie" (das ist doch eine Aussage!) diesen Shri Hari Vishnu Narayan Tempel am 11 Ashoj 2080, an Ananta Chaturdashi (stimmt! hab nachgeguckt) während des Tishi Indajatra Festivals mit einer Pran Pratishta Puja einweihten. 

Es gibt nur zwei Wörter, die ich aus der Inschrift hätte erkennen sollen, müssen, dürfen, weil sie bereits in meinen Grundwortschatz eingegangen sind: नातिनी - natini (Enkelin) und  नाति - nati (Enkel).  Das Datum 11 Ashoj (oder Aaswin) 2080 BS habe ich erfolgreich konvertiert zu Donnerstag, 28. September 2023.

Pran bedeutet "Atem" und Pratishta "Einweihung". Eine Pran Pratishta Puja ist die Zeremonie der Einweihung, bei der dem göttlichen Bildnis Atem eingehaucht wird, es also zum Leben erweckt wird. Schön gesagt und soviel habe ich nach einem Tag intensivster geistiger Arbeit verstanden!

Montag, Dezember 15, 2025

Der abnehmende Mond

Heute ist der letzte Tag des Monats Mangsir, der 29. In diesem Jahr hat er nur 29 Tage, in anderen 30. Warum das so ist, kann mir niemand erklären. Wie immer suche ich eigene Erklärungen. Ich nehme an, es liegt am Mond. Heute ist der 10. Tag des abnehmenden Mondes. Die Sichel am östlichen Morgenhimmel wird täglich dünner. Noch fünf Tage bis Neumond. 

Thomas Bell zitiert in seinem Buch über Kathmandu wörtlich einen buddhistischen Priester, einen alten gubhaju ("he was in his eighties, sitting cross-legged on the floor", p. 51), den er zum Mandala der Stadt befragen will und der ihm ungefragt ganz andere Auskünfte erteilt: "People celebrate the day Manjushree cut the mountain on the tenth day of the waning moon of Mangsir." (p. 51)

Das wäre also heute - the tenth day of the waning moon of Mangsir. Der 10. Tag des abnehmenden Mangsirmondes. Ich treffe niemanden an, der in besonderer Weise den Bodhisattwa der Weisheit, Manjushri dafür feiert, dass er mit seinem Feuerschwert den Berg zerschlagen hat, das Wasser ablaufen ließ, den Nagarajas ihre Lebensgrundlage nahm und gleichzeitig den Menschen eine Lebensgrundlage schuf. 

Sonntag, Dezember 14, 2025

Dhapasi Devi

Heute laufe ich in die andere Richtung. Nach Süden, Südwesten. Nach Dhapasi. Ich wollte schon lange zu dem alten Tempel. Und komme, ahnungs- und absichtslos an einer Kopie vom schlafenden Shiva (oder wer auch immer das ist) vorbei. Wieder im Wasserbecken (das Wasser kommt hier aus einem ganz normalen Plastikschlauch), wieder bewacht und beschützt von den Nagarajas, den elfköpfigen Schlangen, den Ureinwohner des Valleys. 

Dhapasi. Kleiner, bescheidener. Ein uraltes Dorf mitten in Kathmandu. Nett. Verblüffend. Auch unter einem Baldachin. Ich bin ganz allein hier. Es gäbe noch mindestens vier andere Tempel zu besichtigen. Aber ich eile nach Hause, um am Schreibtisch diese Inschrift zu entziffern:

Samstag, Dezember 13, 2025

Wir steigen endlich zum schlafenden Shiva hoch, zum Budhanilkanta Tempel. Unserem eigentlichen Haustempel. 

Das Prachtsexemplar eines ॐ (om), das wir dort entdecken ist einfach der Buchstabe O mit dem M darüber (in Sanskrit und allen ihm verwandten Sprachen wie Nepali).

Den schlafenden Shiva soll man nicht aufwecken und vor allem nicht knipsen, also belassen wir es beim ॐ (und erinnern uns an das Mantra ॐ नमः शिवाय). Es ist sonnig und warm und wir sind weit und breit die einzigen Ausländer. Es ist Samstag und die Nepali feiern ihr Wochenende und besuchen den liegenden Gott (manche sagen, es sei Vishnu oder Mahavishnu, andere Shiva, und dritte Narayan oder Jalakshayan Narayan). Er  soll aus einem Stück schwarzem Basalt geschaffen sein, mitsamt Schlangenbett! Die Schlangen gehören hier immer dazu. Man hört auch, dass der Basaltbrocken "außerirdischen" Ursprungs sei. Untersuchungen dazu werden aus Pietät nicht zugelassen. Man soll den Schlafenden nicht stören! Und natürlich schwimmt er in heiligem Wasser aus dem mythischen Gosaikundasee.

Freitag, Dezember 12, 2025

सुकुन्दा

Alles ist hier mehrstöckig. Ich sagte es bereits. Das Land ist steil und zerklüftet. Voller Berge und Täler. Auch die Stadt. Nach einem guten Jahr lernen wir, nach oben zu gucken, wenn ebenerdig nur Werkzeug oder rohes Fleisch verkauft wird. Wir sind auf der Suche nach Sukunda, einem Newari Restaurant um die Ecke. Geschrieben सुकुन्डा oder सुकुन्दा. Geht immer beides. सुकुन्दा नेवारी खाजा घर - Sukunda Newari Khaja Ghar. Sukunda - Newari Speiselokal. 

Wir steigen eine steile Treppe hoch und werden von oben bereits beäugt. Alle gucken. Die Raucher (eine Raucherkneipe), die Kinder, die Oma, die Köchin, der Kellner (ein Familienbetrieb). Wir essen wunderbare Speisen und von allem viel zu viel!

Zu Hause lerne ich, dass auch Sukunda mit dem See zu tun hat, auf dessen Grund wir leben. Ob unten im Tal oder oben auf dem Hill, Licht ist immer vonnöten. Sukunda ist die Öllampe der Newaris. Sie wurde von einem Newari-Kufpergießer im 19. Jahrhundert geschaffen und bildet in ihrem ästhetischen Konzept, wie es heißt, die traditionellen Werte ab. "Su" bedeutet schön und "kunda" See. Die Lampe ist verziert mit symbolträchtigen Figuren (dafür gibt es den Begriff Symb-oil-ism), so verschiedener Schlangen, einer elfköpfigen Kobra zum Beispiel, die die Nagarajas, die einstigen Bewohner und Besitzer den Sees verkörpern sowie den Göttern Ganesh, Krishna, Vishnu, Garuda usw. Sie wird heute von Buddhisten und Hindus benützt und zu Beginn aller feierlichen und unfeierlichen (wie Konferenzen und anderen Zusammenkünften, Preisverleihungen, Diplomfeiern usw) Anlässen entzündet.

Ohne Farbklecks im Bild geht nichts, ohne Moped oder Vespa nie. Auch am Morgen danach bei hellem Sonnenschein nicht.

Donnerstag, Dezember 11, 2025

Turn

Turn ist das gruppetto der Musiknotation. Ein stilisiertes S über oder neben der Note. Zeigt eine barocke Verzierung an, schlangenförmig wie das S. Die Hauptnote wird durch die unteren und oberen Nebentöne umspielt.  

Es gibt Turns, umgekehrte Turns, gespiegelte Turns und durchgestrichene Turns - sie geben jeweils die Reihenfolge vor. Von oben nach unten oder von unten nach oben. Diese Turns, die musikalischen gruppettos sind wohlklingend, ausschmückend, auf das Schöne und den Effekt, das Resultat bedacht, kooperativ und solidarisch. Wie die Radler.

Ich lese (hier gibt es alles dazu, quer durch die Jahrhunderte, quer durch die Sprachen), dass es Doppelschläge gibt, die verschieden angeschlagen oder angesungen werden. Man hat dafür Wörter wie Variiertriller, Pralltriller, Schleifer,  Mordent usw gefunden. Auch gibt es in der Musik Punkte mit Zeitwert, sie treten einzeln oder zu zweit auf (ohne Doppelpunkte zu sein), sind kleiner oder größer. Die Zeit beim Musizieren muss entsprechend eingehalten werden. 

Mittwoch, Dezember 10, 2025

weiß-rot

Es gibt einen zweiten Tempel über meinem bescheidenen kleinen Shivatempel. Hier ist alles steil und übereinander gestapelt. Der zweite Tempel (vielleicht war es einst der erste oder ist überhaupt die ursprünglich heilige Stätte) steht auf dem höchsten Punkt unseres bescheidenen kleinen Hills und hat kein Dach. Ich laufe täglich daran vorbei, bevor ich die steile Steintreppe mit den überdimensionierten Stufen hinunter zu meinem Laxmibaum nehme. Der open air Tempel ist mächtig, rechteckig und rundum gut gepflegt in den Farben Polens oder der Schweiz oder eben in buddhistisch-hinduistisch weiß für Reinheit und rot für Macht oder Leidenschaft. Tempel Zwo wird genau einmal im Jahr einen ganzen Tag lang mit Pauken, Trompeten und Trommeln von einer kleinen Gemeinde besucht. Mit einem halben Dutzend Ziegen, zwei Schlachtern, einem Priester unter einem Baldachin, vielen Begleitern und Helfern sowie rot gekleideten Frauen mit diversen Gaben. Auf der Wiese daneben (hinter unserem communityeigenen swimming pool) wird seit dem frühen Morgen jeweils gekocht in einer ad hoc installierten open air Küche. Riesige Mengen von Reis und Gemüse, Tellern und Gläsern, Gas- und Wasserflaschen werden herangeschafft. Stapelweise blaue Plastikstühle. Es ist immer derselbe Tag im Mondkalender, ungefähr fünf Tage nach Yomari Punhi oder nach Mangsir Vollmond. Jedenfalls war das letztes Jahr so und in diesem. Mehr Beobachtungszeitraum steht mir noch nicht zur Verfügung, aber so viel immerhin!

Innen gibt es eine Art Altar. Normalerweise liegen darauf nur schöne große runde Steine. Heute, am Tage danach, sieht er reich geschmückt und rundum blutverschmiert aus. Von den Ziegen ist nichts anderes mehr übrig. Ich knipse durch die Gitterstäbe. Das Tor ist das restliche Jahr über verschlossen. 

Das Blau über allem - der Himmel! - ist authentisch. So ist das Wetter in Kathmandu am 10. Dezember. Vor 32 Jahren haben wir in Warschau geheiratet. Es war bitterkalt und wir stapften durch kniehohen Schnee. Der Himmel war bleiern und bereits dunkel, als wir beim Standesamt eintrafen. Mäntel und Stiefel legten wir an der Garderobe ab und ich zog meine edlen gletschernelkenrosa Ballypumps aus der Tasche, die mir immer zu klein waren!

Dienstag, Dezember 09, 2025

Calotes versicolor

Auch mir werden Tieropfer dargebracht. Über Nacht hat mir eine der Katzen, vermute ich, wieder ein Geschenk vor die Tür gelegt. Tom ist schon lange nicht mehr da, dafür sind die anderen umso übermütiger. Eine Schönechse, wie ich vermute, mit elegant langem Schwanz. Aber sie bewegt sich nicht mehr und der Schwanz ist stocksteif. Wahrscheinlich war sie für ihren Mörder zu wenig ertragreich. Die Mühe lohnt nicht, den Panzer aufzubrechen und nach Fett oder Eiweiß zu suchen. Wobei das gar kein Panzer ist. Vielleicht ist es auch eine Blutsaugeragame. Beide gehören zu der Gruppe der calotes versicilor. Sie ist größer als alle Geckos, die ich im Haus und rund um das Haus sehe. Hat tatsächlich einen roten Hals, aber wie ich vermute blutunterlaufen, von Katzenzähnen zerbissen oder einer spitzen Kralle aufgekratzt. Sie liegt auf dem Rücken und zeigt mir auch auf der schmalen Brust eine Wunde. Ich trage sie an den Rand meines Gartens, hinter den jungen Feigenbaum und bedecke sie mit heruntergefallenen immer noch roten Papierblumenblütenblättern.

Montag, Dezember 08, 2025

Bougainville

Meine Papierblume hat den cleaning Staub der Teerarbeiten in unserer community einfach wieder abgeschüttelt und blüht stürmisch karmesin- oder purpurrot weiter. Kaum habe ich mir ihren botanischen Namen gemerkt - Bougainvillea - drängt sich ihr zweieiiger Zwilling - Bougainville in die Weltpresse. Und will ein eigenes Land werden.

Bougainville ist eine ehemalige deutsche Kolonie, eine bis heute winzige Insel im Pazifik, geographisch Teil des Salomonen-Archipels, politisch seit 2001 (nach einem blutigen Bürgerkrieg) eine autonome Provinz Papua-Neuguineas, wörtlich: Autonomous Bougainville Government (ABG). 

Nun wollen die etwa 250 Tausend Bougainvilleaner und Bougainvilleanerinnen (matrilinear organisiert!) unabhängig werden. Selbständig. Ein eigenes Land sein. Das 194. Land der Erde. 193 haben wir schon. Die Inselbewohner sprechen ungefähr 30 verschiedene Sprachen, aber das ist im Vergleich zu Papua-Neuguinea mit seinen etwa 800 (die bougainvilleanischen austronesischen und polynesischen wie  Askopan, Bannoni, Hahon, Lantanai, Naasiao, Nukumanu, Saposa, Takuu, Torau usw usf sowie das ausgestorbene Südostbougainvilleanesische Uruava nicht eingerechnet) Sprachen nicht viel.

Sonntag, Dezember 07, 2025

Schlaglöcher

Wir haben wieder ungesunde Luft. Und dies ist erst der Anfang. Der Anfang des Winters, der Anfang des Abbrennens von Feldern im Terai (oder in Indien, wie böse Zungen sagen) nach der Ernte, der Anfang von Kälte, die alle mit allen Mitteln zu bekämpfen suchen - und verbrennen, was geht. Die Straßenbauer sagen, der meiste Staub werde durch die Schlaglöcher aufgewirbelt und man sei bereits dabei, so viele wie möglich zu stopfen. Aber dann kämen Elektriker, die Stromleitungen aus der Luft unter den Boden verlegten. Und die reißen die gerade sanierten Straßen wieder auf. Oder Wassermänner, die notfallmäßig Leitungsbrüche beheben müssen. Und so weiter und so fort. Keiner weiß, was der andere tut, aber jeder tut nur sein bestes. W hat dafür einen wissenschaftlichen Fachbegriff gefunden (beim Radsport!) und in einen neuen Kontext gestellt: "gruppetto". Und ich darf ihn hier wörtlich (in english - unsere neue Umgangssprache) zitieren: "The wedding party confirmed my impression that cooperation beyond gruppettos is not in the DNA of Nepali." Kurz und bündig. 

Wir waren kürzlich nämlich eingeladen zu einer Newari-Hochzeit und haben 5 Stunden lang mehr oder weniger nur Fleisch gegessen. Die Braut erschien ungefähr zur Halbzeit und setzte sich unter tosendem Beifall zum lächelnden Bräutigam (die Zeremonienmeister waren sich nicht einig, wer zu wessen Seite Platz nehmen soll und sie wechselten auf dem roten Plüschsofa unter rotweißen Blumengirlanden mehrmals hin und her). Ein Mann, dem ein roter Schal umgelegt wurde zum Zeichen seiner priesterlichen Würde, verrichtete Eheschließungsrituale, die wir weder verstanden noch verfolgen konnten, da ungefähr 300 Gäste zugegen waren, die schnatterten, tranken, aßen und sich pudelwohl fühlten. Nun atmen wir wieder ungesunde Luft ein.

Samstag, Dezember 06, 2025

Blick aufs Ganze

Hier der Blick aufs Ganze, bei Sonnenaufgang vom Dach erfasst. Morgenrotweiß und hoch aufrecht die mehrstöckige Hinterseite der Budhanilkantha Municipality. Auf dem neuen schrägen Parking ein einsames Motorrad. Es ist Samstag. Wochenende. Niemand außer dem Nachtportier arbeitet. Darunter, ein Stück auf mich zu, der Betrachterin vom Dach, endet die neue Straße abrupt im Niemandsland. Daneben und halb darüber, davor, längs und in einem ganz anderen Winkel auch schräg der ordentlich eingezäunte Tempelvorplatz mit Bodhibaum (rot umrandet), dem viereckigen, weiß gefliesten Kubus, auf dem Shiva und Parvati sitzen. Das im Morgen noch schattige Dunkelgrün rechts daneben gehört dem Laxmibaum, in dem Ganesh sitzt. Der Baum ist so reich und ausladend, dass er den kleinen Tempel aus meiner hohen Sicht ganz unter sich verbirgt. Über allem ragt hinten die Spitze des Funkturms der Nepal Telecom Hattigauda in den Himmel. Und vor allem Wüstenei! Ein Teil (der mit dem sinnlos in der Gegend stehenden Wassertank) gehört zu unserer Community, jedenfalls werfen meine Nachbarn da regelmäßig ihren Gartenmüll ab und kürzlich, vor Tihar, versuchte der Community Manager dem Zeug Herr zu werden, indem er es an verschiedenen Stellen anzündete. Der andere ist in Privatbesitz oder im Besitz der öffentlichen Hand. Was immer das bedeutet. Jedenfalls warfen da kürzlich Beauftragte der Municipality, die alles Gestrüpp radikal von den Hängen rodeten, ihre halben und ganzen Bäume sowie anderen Großgrünschnitt ab.

This is Nepal, Kathmandu, the Capital City on a Saturday Morning!

Freitag, Dezember 05, 2025

Vollmond

Cold Moon oder Long Nights Moon - der letzte Vollmond des Jahres, folglich der letzte vor Yule, der letzte vor der Wintersonnenwende. Bei uns ist es weder besonders kalt noch sind die Nächte besonders lang. Um 6 pm ist es dunkel und um 7 am hell. Dazwischen scheint den lieben langen Tag die Sonne. Ich traue meinen Augen nicht, aber über Kathmandu liegt schon wieder Smog.

Donnerstag, Dezember 04, 2025

Yomari Punhi

Public holiday. Ich brauche nur aus dem Fenster zu schauen: kein einziges Bike auf dem neuen Parking hinter dem Municipality Gebäude. Also arbeitet dort heute niemand. Heute abend ist Vorabend, und den ganzen Tag Vortag von Kartik Purnima - also für die Newaris Yomari Punhi. Das Festival, das kürzlich in Tansen vorgefeiert wurde. Das einzige Festival, lese ich, im ganzen Lande, das nach einer Speise benannt ist - und nicht nach einer Gottheit oder einem Dämon oder dem Streben nach Gesundheit, Glück und Wohlstand. Sondern nach dem Streben von Sattheit. Für alle Nepali ist essen etwas vom wichtigsten. Und heute treffen sie sich alle zum Yomariessen.

Ich sitze auf dem Dach, solange die Sonne noch da ist, setze den 10mm Aufsatz auf meine Haarschneidemaschine und fahre ein paar Mal kreuz und quer über den wirren Kopf. Es kommt ein bisschen was runter, und der Wind trägt es weg.

Mittwoch, Dezember 03, 2025

Shivas Tränen

Wir hatten Ganesh und die beiden Sichtachsen, fehlt also noch Shiva. Mit Parvati. Er ohne Kopf. Beide von hinten. Hübsch nebeneinander. Das - im Verhältnis zu den Göttern - riesige  Lingam versperrt ihnen - ob mit oder ohne Kopf und Augen - die Sicht auf alles. 

Ich liebe meinen kleinen Tempel und seine Geheimnisse und Wunder. Heute hat mir einer der "Brüder" - sie sind alle Brüder, ich weiß aber nie, ob dai - दाई der Ältere oder bhai - भाइ der Jüngere, da ich meine liebe Not mit der Zeit überhaupt in diesem Land habe, aber auch damit, das Alter seiner Bewohner einzuschätzen im Vergleich zu meinem eigenen - die mich alle kennen, weil sie auch täglich am Tempel vorbeikommen, die Walnussgroßen Rudraksha-Samen gezeigt. Sie fallen gerade massenhaft vom Rudrakshabaum. Manche sind von den Krähen angepickt oder haben sich von selbst bereits aus der dunkelblauen Schale befreit und trocknen an der Sonne. Andere sind noch frisch verpackt. Er sprach und sang mir das Mantra vor: ॐ नमः शिवाय - Om Nama Shivaya. Und ich kann das nun schreiben und lesen! Auf dem peacewalk haben wir alle am zweiten Tag eine Malakette umgehängt bekommen - und trugen sie bis zum bitteren Ende. Hitze hin oder her. Die harten Nüsse rieben im Nacken. Aber das muss wohl so sein. Jetzt zähle ich nach: es ist eine halbe (54 Rudraksha + 1 Guruperle), eine ganze wäre doppelt so lang und doppelt so schwer: 108 + 1. Die Guruperle in der Mitte hilft, die Energie zu leiten. Ich muss meine nur zweimal durch die Finger laufen lassen, dann bin ich auch bei der ganzen angelangt. Soweit kann ich noch kopfrechnen. Ich kann auch noch einmal 54 + 1 Nüsse einsammeln und zu einer zweiten Malakette auffädeln.

रुद्र - rudra ist ein anderer Name für Shiva und  अक्ष - aksha heißt Auge. Letzteres hat mir Pranai in Thamel beigebracht, im Song der buddhistischen Nonne Ani Choying Drolma फुलको आँखामा - fulko ankama - und hat damals alle, die noch dabei waren, in höchste Verwirrung gestürzt. Weil alles  plötzlich ganz anders aussah auf dem Zettel mit dem Text, als wir je vorher von der Tafel schrieben. Anyway - später hat mir guruba schreiben und lesen beigebracht. Und nun ist alles gut. Die Hindus machen aus den Augen Tränen. Auch das ist nachvollziehbar. Der Legende nach soll Shiva nach einer langen Meditation (bittere?) Tränen vergossen haben (worüber, ist man sich nicht einig - über die Menschheit?). Dort, wo die Tränen zu Boden tropften, wuchsen Rudrakshabäume.

Dienstag, Dezember 02, 2025

Sichtachsen

Sichtachse 1: Das Bild, das Ganesh vom seinem Hochsitz im Laxmibaum vor den Elefantenaugen hat. Schöne Aussicht! Schönes Wetter. Morgensonne.





Sichtachse 2: Das Bild, das Parvati und ihr kopfloser Gatte vor Augen haben. Eine Ecke vom Tempeldach und die Steinstufen, die zu dem mächtigen Baum hochführen, der Laxmi gehört, und in dem ihr Sohn im Schatten sitzt. Bei jedem Wetter, zu jeder Tageszeit. 

Montag, Dezember 01, 2025

Ganesh

Hier sitzt er in meinem Laxmibaum. Dies ist ein Suchrätsel! Vor ein paar Tagen saß er noch im Schneidersitz zu Füßen von Laxmi und Seinesgleichen. An die Wurzeln des Baumes gelehnt, hinter den Steinen, die auch Götter oder Göttinnen sind, ich weiß nur nicht, welche. Notfalls immer Laxmi. Irgendwann ist er im Schutz der Dunkelheit von niemandem daran gehindert nach oben geklettert und genießt nun den Höhenblick. Er sitzt zwischen den verschlungenen Stämmchen und Stämmen genau in der Sichtachse zu seinen Eltern, Shiva und Parvati auf dem quadratischen Block neben dem Tempel. Shiva hat hier keinen Kopf, das ist untypisch und wahrscheinlich Vandalismus oder mutwilliger Beschädigung geschuldet. Auch das ist untypisch. Wer und warum Shiva den Kopf abgeschlagen hat, weiß niemand. Ich habe alle gefragt. Ich war es nicht, so wahr ich Judith heiße und mich die Bibel dazu prädestinierte ... ich begehe keinen Frevel an fremden Göttern und freue mich nun jeden Morgen, dass Ganesh mit dem Elefantenrüssel im Baum hockt. 

Und hier kommt die Auflösung des Bilderrätsels:
Ist er nicht schön? 


Sonntag, November 30, 2025

Tansen

Ich pflege meine Pflanzen im Garten. Im Sommer regnet es und im Winter muss ich gießen, denn es ist tagsüber sehr heiß und trocken. Ich spüle den cleaning-Staub von meinen kleinen Bäumen und rede den frischen Blättern gut zu. 

Es dauert noch ein paar Tage bis Vollmond. Trotzdem feiern die Newari in den Mahabharatbergen, in Tansen - einst die Hauptstadt des Magar-Königreichs Tanahun, später der wichtigste Umschlagsplatz der Newari auf der Handelsroute zwischen Pokhara und Butwal - bereits heute ihr Yomari Festival. Es wird gefuttert, was das Zeug hält! 

Yomari Punhi ist der Erntedank der Newari und gehört zum Mangsirvollmond. Der Mond wird am 19. Mangsir (= 5. Dezember) voll, der offizielle (nationale) Feiertag ist aber schon am 18., also am Vorabend (wie so oft, man denke nur an Heilig Abend, auf den die ganze westliche Welt gerade zusteuert). Der Reis ist geerntet und getrocknet. Davon konnte ich mich auf meinem kürzlichen Fußmarsch zu Namo Buddha mit Endstation Panauti überzeugen. In Bhaktapur wurde ich von meinen Wanderkameraden geradezu gezwungen, zu knipsen - denn so etwas sei einmalig und nirgendwo auf der Welt zu sehen: dass Reis auf den Straßen und Plätzen vor uralten Tempeln, mitten in einem Weltkulturerbe getrocknet werde. Auf dem Bild wirkt der Reis unspektakulär wie Sand am Meer. Wie so oft war die Wirklichkeit weit eindrücklicher.

Die ersten Yomari sollen aber in Panauti geknetet, geformt und gefüllt worden sein. Einige Historiker sagen, die Newari hätten das Rezept von den Tibetern und die wiederum von den Koreanern. Andere sagen, Yomaris seien indischen Ursprungs und die Lieblingsspeise von Ganesh, dem kopflosen Sohn von Shiva und Parvati. Nachdem der Vater dem Kind den Kopf abgeschlagen hatte, stülpte ihm die Mutter einen Elefantenkopf über - und so ist er nun überall dargestellt. Die Legenden sind brutal! Wie aber der Göttersohn mit dem Elefantenrüssel auf den Geschmack der Yomaris kam, wissen wir nicht. 

Wir wissen aber, dass "Yo" in newari bevorzugt oder süß bedeutet, und "mari" Brot. Yomaris sind Reismehlteigtaschen hell oder dunkel gefüllt, mit Chakku (Zuckerrohrsirup oder Melasse, was der Masse Schwärze verleiht, und Sesamsamen) oder Khuwa (ein Büffelmilchprodukt, was die Füllung hell macht). Lieblingsbrote! 

Samstag, November 29, 2025

Samstag

Wochenende. Freier Samstag. Und bei uns wird gearbeitet. In der Municipality wird nicht gearbeitet, auf dem neuen Parking steht ein einsames Motorrad. Wahrscheinlich vom Pförtner. Bei uns aber werden die gestern sauber gepusteten Verbindungssträßchen zu allen Häusern frisch geteert. Sie dienen auch als Spielstraßen. Die Kinder haben in der beschränkten Zone unserer Siedlung keine andere Möglichkeit, sich auszutoben. Heute müssen sie zu Hause bleiben oder mit den Eltern wegfahren. Sie haben schulfrei und die Eltern arbeitsfrei. Zwischen unseren Häusern wird plötzlich gearbeitet. Und wie! Mit verve am Wochenende. Teer wird gekocht, geschaufelt, verteilt und flach gewalzt. Den lieben langen Tag bis die Sonne untergeht und das neue Schwarz am Boden in der Dunkelheit der Nacht aufgeht. Der Mond ist schon wieder über halb voll.

Freitag, November 28, 2025

cleaning!

Nun aber! Nach einer Woche untätigen Herzumstehens wird das Arbeiten wieder aufgenommen. Es beginnt mit "cleaning" - ich höre während meiner Morgenmedatation unter dem Laxmibaum das Röhren (wie von einem Laubbläser) und sehe die Staubwolke, die langsam aufsteigt und nach und nach die ganze Siedlung verschluckt. Zum Glück, denke ich, sind alle Fenster geschlossen. Die Nächte sind nun frisch! Als ich frohgemut nach Hause trabe, kommt mir der Community Manager entgegen und erklärt "they are cleaning ..." und empfiehlt mir, eine Maske zu tragen. Des Staubes wegen. Klar! Aber ich bin ja unterwegs nach Hause, unters Dach, an meinen Schreibtisch. Vor der Haustür liegt bereits eine dicke Schickt Sand. Ich steige darüber und beschließe, meine Schuhe hineinzunehmen. Was sonst nicht meine Art ist. 

Cleaning à la népalaise: man wirbelt den Staub auf, damit eine Fläche . hier die Straßen zwischen unseren Wohnhäusern sauber - wird. Der Staub setzt sich natürlich auf hunderttausend anderen Flächen rund herum ab. Was soll er denn sonst tun?  

Donnerstag, November 27, 2025

Wolken

Es ist ein bisschen bewölkt heute, aber spürbar weniger Wind. Das macht den Tag angenehm. Die Arbeiter dümpeln immer noch vor sich hin in ihrem Camp vor unserem Tor. Also wage ich mich an die Bettwäsche und hänge das Dach voll. Die Sonne am Nachmittag ist kräftig genug.

Mittwoch, November 26, 2025

Feiertag

Aber nur in Madhesh. In जनकपुर - Janakpur. Dort wird heute Vivah Panchami gefeiert, der letzte Tag des siebentägigen Festival zu Ehren der bereits erwähnten ersten arrangierten Ehe überhaupt, der sagenhaften Vermählung von Sita und Ram. Es geschah in der Treta Yuga. Soviel habe ich von gestern auf heute gelernt. 

In Janakpur soll Sita geboren worden sein, sie gilt als Inkarnation von Laxmi, vor allem aber ist sie die Tochter der Mutter Erde - Bhumi (भूमि - die hatten wir schon und wie der Zufall so will, findet sich dort, wo wir das schon hatten, auch ein Bild von der halben Straße mit der noch unfertigen Schräge darüber, die nun zum Mopedparking mutiert ist). Deshalb, weil Sita Bhumis Tochter ist, fand König Janak von Mithila sie eines Tages beim Pflügen in einer Ackerfurche - als Baby, Neugeborenes, von der Mutter Erde ausgestoßen! - , nahm sie an sich, gab ihr den Namen Sita (=Ackerfrucht) und zog sie auf. 

Warum aber der König seinen Acker selber pflügen musste, wird nicht erklärt. Vielleicht hat er seine Arbeiter nicht bezahlt. Auch das scheint hier (seit altersher?) üblich. 

Dienstag, November 25, 2025

keine Arbeit

Die Straßenarbeiten in unserer Siedlung stocken seit Samstag. Das heißt: es wurde nur an einem Tag gearbeitet, nachdem am Vorabend zur Schlafenszeit die "wichtige" Meldung über Viber kam, es würde am nächsten Morgen um 9 losgehen. Die Arbeiter versammeln sich seither jeden Tag um den Kiesberg vor dem Eingangstor und ich habe den Eindruck, er würde größer je länger niemand etwas damit anfängt. Auch glaube ich, dass die Arbeiter nun in den Baracken hinter dem Zaun wohnen, schlafen, essen. Sie stehen jeden Morgen, wenn ich zum Tempel laufe, dort herum, warten, rauchen, reden, rasieren sich, putzen die Zähne oder waschen ihre Wäsche. Ich glaube, das ist hier so üblich. Arbeiter leben an ihren Arbeitsplätzen. Alle shutter-store-keeper leben in ihren shutters. Nur Mopedfahrer (ich glaube, die meisten sind männlich) sind mobil und fahren nach Feierabend nach Hause. 

Heute ist Bibaha Panchami - aber das ist kein Grund eineinhalb geteerte Straßen nicht fertig zu teeren. Bibaha Panchami erinnert an die Vermählung von Prinzessin Sita und Lord Ram vor langer langer Zeit. Deshalb gibt es Leute, die diese Verbindung als erste "arrangierte Ehe" bezeichnen. Andere stellen Weltrekorde auf  mit einem 111 Meter langen Chunri.

Montag, November 24, 2025

Arbeit

Ich arbeite am Schreibtisch. Von meinem Fenster sehe ich hinunter auf das kleine Tal. Der hintere Teil ist bebaut mit bunten Häusern, der vordere ein verwilderter Dschungel. Links davon, auf der Höhe erstreckt sich der sehr ordentlich angelegte öffentliche Jagannath Park. Er gehört zum Jagannath Tempel, das ist der größte Tempel in meiner Umgebung, aber ich kann ihn nicht sehen von meinem Schreibtisch aus. Es ist hier arg hügelig, und hinter dem Park geht es so steil hinunter, dass sich alles meinen Blicken entzieht. Auch in der Nacht. Im Park, auf der abgeflachten Hochebene drehen Nepalis im Morgengrauen ihre Runden. Frauen machen zu zweit Liegestützen. Am Nachmittag spielen Kinder. Zu meiner Rechten sehe ich hinter dem letzten Haus unserer Siedlung meinen kleinen Shivatempel - auch nicht! Der großartige und wunderbare Laxmibaum verdeckt ihn. Aber ich weiß, dass er da ist, denn ich besuche ihn jeden Morgen. Von meinem Schreibtisch aus sehe ich die neuen Bänke, den neuen Zaun, das neu gepflasterte Rondell um den Bodhibaum und diesen selbst. Dahinter, verdeckt von allerlei Gestrüpp sehe ich gerade zwei Ecken der Hinterseite des verkanteten Budhanilkantha Municipality-Gebäudes, unserer Kommunalverwaltung. Die wäre sicherlich für uns zuständig, hätten wir hier irgendetwas Behördliches zu regeln. Von hinten - von meinem Fenster unter dem Dach aus - ist das Gebäude weiß getüncht, hoch und schmal - von vorne, von der Golfutar Road aus, sieht es langgestreckt und ebenerdig aus, gebaut aus roten Ziegelsteinen. Der Widerspruch ist dem Gelände geschuldet, nach hintan fällt die Böschung so steil ab, dass da mehrere Untergeschosse Platz haben. Diese steile Böschung wird schon lange bearbeitet, ungefähr so lange wie wir hier wohnen. Also ein Jahr! Immer wieder wurde Erde ausgehoben und Beton hineingeschüttet. Wir konnten uns Sinn und Zweck dessen, was wir beobachteten nicht erklären. Vielleicht wurde eine Erdbebensicherungsanlage angelegt? W ist sicher, dass Nepali in solchen Dingen die absoluten Experten sind und hier vorsorgen, damit das Verwaltungsgebäude nicht eines Tages ins Tal kippt. Die Arbeiten lagen auch immer wieder wochenlang brach. Weil es regnete oder nicht regnete. Weil Material fehlte. Weil der Bagger nicht kam oder kam, aber der Fahrer weglief, kaum war er gekommen. Derweil wurde unten die Straße bis auf die halbe Höhe fertig. Auch das dauerte mindestens ein halbes Jahr und auf der halben Höhe endet sie nun an einem Kiesberg, der mittlerweile grün überwuchert ist. Die Natur nimmt sich, was sie kann und schenkt uns einen neuen Hügel in der hügeligen Stadtlandschaft. Dass sich darunter Baumaterial verbirgt, ahnt wahrscheinlich niemand mehr. Und die Schulkinder balancieren mittlerweile jeden Tag mehrmals geschickt darum herum. Während der Regenzeit spülte das Wasser vom Himmel vieles wieder fort, was vorher aufgeschüttet, begradigt oder bereinigt worden war. Nach der Regenzeit musste erstmal wieder gerodet werden. Letzte Woche wurden Lastwagenweise Pflastersteine abgeladen und die ganze schräge Fläche Tag für Tag, immer ein Stück weiter zugepflastert. Gestern - am Sonntag lärmten zwei Arbeiter bis nach Sonnenuntergang unsäglich. Sie schnitten Metallrohre zu und brachten ein massives Geländer rund um die gepflasterte Fläche an. Heute früh ist das ein Mopedparkplatz für die Mitarbeitenden der Municipality. Ich sehe, wie das erste kurz nach Sechs heruntergefahren kommt, einen eleganten Bogen schlägt und am hintersten Ende stehen bleibt. Danach reiht sich eines neben das andere, flugs und unkompliziert. Die letzten kommen vor zehn (da gehen die ersten schon bald wieder) und der neue Parkplatz ist voll. Meine vollkommen vergessene Moped(sehn)sucht erwacht wider Erwarten plötzlich wieder angesichts dieser schieren Masse in Reih und Glied in der Sonne glänzenden schweren Zweiplatzräder.

Sonntag, November 23, 2025

Gletscherseen

Es ist nichts passiert. Den meisten Zeitungen ist es heute keine müde Zeile wert zu berichten, was Ex-PM Oli seinen versammelten Anhängern gestern zu sagen hatte. Wiedereinsetzung des Parlaments. Wiedereinführung des status quo. Zurück zu Sicherheit und Ordnung (= Vetternwirtschaft und eine Polizei, die Schulkindern das Hirn zerschießt). Wenn nicht, mobilisiert er seine eigenen Schergen

Wir hätten gut und gern nach Thimi fahren können und wären ungehindert wieder auf den Hill gekommen.  

Im Hochgebirge rumort es. Der letzte Bericht von ICIMOD (International Centre for Integrated Mountain Development) und UNDP (United National Development Program) Nepal weist 47 potentiell gefährliche Gletscherseen innerhalb der Flussbecken von Koshi (42), Gandaki (3) und Karnali (2) aus. Diese Gletscherseen könn(t)en jederzeit ausbrechen. Das bedeutet: verheerende Fluten und Überschwemmungen. Nebst den "normalen" Wassermassen, die regelmäßig zu Monsunzeiten oder auch außerhalb niedergehen. Die Koshiregion ist am meisten bedroht. Dazu kommt die Gefahr ebensolcher Seen und Ereignisse in Tibet und Indien.

Heute ist ein sonniger Sonntag. Ob November oder Mangsir spielt keine Rolle. Das Internet ist langsam und am Mittag fällt der Strom für mehrere Stunden aus. 

Samstag, November 22, 2025

Thimi

Eigentlich wollten wir heute nach Thimi fahren. Eigentlich heißt die Stadt Madhyapur. Offiziell heißt sie मध्यपुर थिमि - Madhyapur Thimi. Eigentlich war ich da kürzlich zu Fuß. Aber wir peacewalker hatten die falsche Ausfahrt aus der metropolitan city genommen und liefen unendlich lange auf einer Umgehungsstraße nach Bhaktapur. Wir, W und ich wollten uns umsehen an einem sonnigen Samstag in der Umgebung. Nach einer neuen Bleibe. Aber das Deutsche Auswärtige Amt warnte rechtzeitig, nämlich gestern nachmittag um 16:17 Uhr Ortszeit seine lieben Landsleute vor heutigen Unruhen.  

Ex-PM Oli mobilisiert seine Marxisten und Leninisten, stellt eine NVF (National Volunteers Force) auf und ernennt zu deren Chef einen Mann, der mehrere Verfahren am Hals hat wegen Mordes, versuchten Mordes, Anstiftung zu Morden, Entführung, Erpressung und dergleichen mehr. So, so Oli, soll die öffentliche Ordnung gesichert, Gewalt und Anarchie entgegen gewirkt werden. Natürlich gibt niemand den greisen Marxisten und Leninisten freies Geleit!  

So bleiben wir also auf dem Hill und harren der Dinge, die da kommen werden. Geteert wird heute nicht. Und da die Arbeiten gestern nicht fertig wurden, bleiben die Verbindungsstraßen zu den Häusern im Norden der Siedlung weiterhin abgesperrt. Ich kaufe vorsorglich um die Ecke auf der Golfutar ein, Nudeln und Katzenfutter. Hustensaft und tiefgefrorene Yomaris. Bananen, natürlich nepalesische vom Strunk, und Orangen. Die kleinen süßen mit unglaublich vielen Kernen.

Freitag, November 21, 2025

Margasirsa

Zwei Beispiel zum Zeitverständnis: ich frage guruba, warum auf meinem Wandkalender auf dem aktuellen Blatt oben मार्गशीर्ष = Margasirsa steht, wo doch der Monat मंसिर = Mangsir heißt. Wie ich nachgeguckt habe, in der alten und neuen Schreib- und Sprechweise. Er weiß es nicht und fragt einen alten Nachbarn. Der sagt, früher habe der Monat saysb geheissen. Aber welcher?   

Unser Community Manager postete gestern abend um 08:24 pm (= 20:24 Uhr) eine message in nepali im communityinternen Viberchat. Ich verstand nur das Datum: 2082/08/05 - also der 5. des 8. Monats des Jahres 2082. Der fünfte Mangsir oder Margasirsa. Heute! Die anderen Zahlen deuteten wir als Hausnummern, unsere war nicht dabei. Trotzdem ließ ich den Text von einem Vibergestützten Programm ins Englische übersetzen und verstand kein Wort. Auch google präsentierte mir nur reinen nonsense. Wir vertrauten also auf den Augenschein. Als wir nämlich vom Abendessen zurückkamen, stand vor dem Eingangstor schweres Gerät. Das eine erkannte ich als die Teermaschine, die ich in Panipokhari gesehen hatte. Außerdem war ein riesiger Berg Kies abgeladen worden, während wir bei dragon saßen. Sowie mehrere dicke Baumstämme aufgestapelt, alle in identische Längen von etwa einem Meter zerhackt. 

Heute früh auf dem Weg zum Tempel sehe ich, dass vor dem Tor Betriebsamkeit herrscht. Wie immer, wenn gearbeitet werden soll, versammeln sich Menschen wie Ameisen. Es werden offenbar Vorbereitungen getroffen, die Straßen zwischen unseren Häusern neu zu teeren. Erstmal nur die Nordseite. Die Bewohner der Häuser, die es heute betrifft und die zB ihre Autos, Mopeds und Kinderwagen wegstellen sollten, da sie damit rechnen müssen, den ganzen Tag ihr Haus weder verlassen noch betreten zu können, haben das gestern abend zur Schlafenszeit erfahren.

Donnerstag, November 20, 2025

Neumond

Der Mond wird am Mittag neu auf dem Hill. Und das Internet verabschiedet sich. Der Strom ist da, auch das Wasser, die Sonne und der blaue Himmel. 

Was gibt es schöneres als internetfrei - ich setze mich aufs Dach mit Thomas Bells Buch über Kathmandu. Und stolpere sofort über das Zitat, das er Sylvain Lévi entlehnt und dem 6. Kapitel voranstellt:

"To be sure Hindus are far too little concerned with chronology to be in a position to claim that they introduce plausibility or logic into it, even when they invent it". 

Ich verstehe wohl, wovon die Rede ist - von der schwierigen Beziehung der Hindus zur Zeit (das gilt in nach-monarchistischen Zeiten in diesem Land auch für die Maoisten, Marxisten, Leninisten usw.). Ich verstehe aber die syntaktische Logik des Satzes nicht. Weil es eine Übersetzung aus dem Französischen ist, kehre ich an meinen Schreibtisch zurück und suche das Original. Dazu brauche ich das Internet und es ist wie durch ein Wunder wieder da. Der französische Orientalist Sylvain Lévi war 1898 auf Forschungsreise im Kathmandu Valley. Wieder zu Hause am Schreibtisch, schrieb er seine Ergebnisse nieder. Der von Bell englisch zitierte Satz lautet im Original so: "Sans doute les Hindous sont trop peu soucieux de la chronologie pour se piquer d'y introduire, même quand ils l'inventent, la vraisemblance et la logique" (Sylvain Lévi, Le Népal. Etude historique d'un royaume hindou. Paris Ed. Leroux 1905, S. 93)   

Google übersetzt mir das mit meiner minimalen Hilfe folgendermaßen: "Zweifellos kümmern sich Hindus zu wenig um die Chronologie, als dass sie sich die Mühe machen würden, Plausibilität und Logik hineinzubringen, selbst wenn sie sie erfinden."

Ich verstehe in allen drei Sprachen nicht, was die Hindus erfinden: die Chronologie, die Plausibilität oder die Logik? Wie auch immer. Kausalitäten verfälschen und Zeitläufte zurechtbiegen tun auch Menschen anderer Religionen oder Nationalitäten nicht ungerne. Lèvi bezieht sich auf  Stammesfürsten und Herrscher diverser Splitterkönigreiche im 13 Jahrhundert (AD - oder in ganz anderen Weltzeitaltern!). Er weist nach, dass "les Hindous" - wie er sie nennt - nicht nur ein Problem mit der Zeit und der historischen Einordnung ihrer vorsintflutlichen Oberhäupter haben, sondern auch mit den Zahlen. Dass sie etwa - dies nur beispielhaft, ohne historische Bedeutung - aus den Jahreszahlen 1234 und 1389 so etwas kreieren wie 3124 und 3189. Nur weil in beiden ursprünglichen Jahreszahlen die Zahlen 3 und 1 vorkommen.

Das ist das, was ich täglich in den shutters auf der Golfutar erlebe. Die Gemüse- und Obstverkäufer können nicht rechnen. Sie addieren alles auf ihren Taschenrechnern. Weil ich die Preise eh nicht verstehe, ist das praktisch. Denn ich kann lesen. Auch das Wechselgeld wird über die kleine Maschine, manchmal ist es auch das Smartphone, errechnet. Und die Noten in der Hand werden dreimal nachgezählt. Auch im Supermarkt mit elektronischer Kasse.

Vielleicht geht die Unfähigkeit der heutigen Nepali, die Welt oder das Leben in einer (auch) zeitlichen Dimension wahrzunehmen und zum Beispiel einen Kalender im Kopf zu haben, zu wissen, was heute ist und was sie morgen, übermorgen, oder nächste Woche tun werden, auf die Unfähigkeit zurück, Zahlen zu (er)kennen?

Mittwoch, November 19, 2025

Die Papierblume

Es ist eine Bougainvillea - eine Drillingsblume. Sie gehört zur Familie der Wunderblumengewächse. Ich lag mit meinen Vermutungen nicht verkehrt. Die roten Blätter sind Blätter und die Blüten weiß versteckt darin, jedenfalls bei mir, winzig und immer zu dritt angeordnet. Deswegen zu deutsch die Drillingsblume. Den wissenschaftlichen Namen verdanken wir Monsieur Louis Antoine de Bougainville, Seefahrer und Entdecker, wie ich lese. Er soll die Pflanze von Südamerika nach Europa gebracht haben. Aber ich lebe in Südasien und warum der Name des Abenteurers für die Pflanze leicht latinisiert (oder was bedeutet die Endung -ea?) wurde, weiß ich nicht. Die Insel Bougainville trägt seinen Namen stolz französisch.

Hier heißt sie कागजो फूल - kagaji ful - oder कागजको फूल - kagajko ful. "ful" für Blume (hatten wir schon des öftern) und "kagaji" oder "kagajko" zu कागज - das Papier mit (falls diese Sprache so etwas wie Grammatik kennt) Genitivpartikel. Die Papierblume! Die Blume des Papiers. Oder die Blume aus Papier. Diese leuchtend crimsonroten Blätter, die nicht die Blüten sind, aber die Pflanze, wenn sie blüht, vollkommen dominieren, fühlen sich tatsächlich zart wie japanisches Seidenpapier an, wenn ich sie berühre - was ich allerdings nicht zu oft tun sollte. Denn sie fallen leicht ab.

Dienstag, November 18, 2025

Das Idyll

Eier sind mehr als ein Viertel teurer geworden, seit ich das letzte Karat kaufte. Heute früh balancierte ich 5x6=30 frische Eier bruchsicher über die zu der Zeit immer chaotische Golfutar. Das machen alle so, also ist es nicht weiter schwierig.

Das Idyll hingegen ist statisch. Stillstand. Letztlich langweilig. Es taugt nicht zur Legendenbildung, ihm fehlt der Nervenkitzel. Mit der reinen Harmonie im Valley unter den Nagarajas musste etwas geschehen, sonst wäre sie nicht der Rede wert. Irgendwie mussten die Menschen angelockt werden, die heute die Straßen der Stadt füllen und die Luft zum Atmen verpesten. Schwimmen können die meisten Nepali nicht, Luft- oder Wasserschlösser bauen auch nicht, nicht einmal im Traum. Wasser ist nicht ihr Element! Wäre der See ein See geblieben, hätte man den Nagarajas, die sich darin pudelwohl fühlten, nicht den Garaus machen brauchen, und alles wäre in schönster kosmischer Ordnung geblieben. So aber, munkelt man, hocken die Nagas, die Schlangen, immer noch verschnupft und stinkesauer in unterirdischen Wasserläufen und lauern nur darauf, den Intrudern eins auszuwischen. Wehe, einer baut an der falschen Stelle und hört nicht auf den Rat der Weisen, Weissager, Wünschelrutengänger, Astrologen, Lamas, Gurus oder Geobiologen!

Montag, November 17, 2025

bleiben

Heute ist der 17. November 2025. Und der 1. Mangsir 2082. मंसिर oder मार्गशीर्ष ist der achte Monate im nepalesischen Kalender. In diesem Jahr hat er 29 Tage. In manchen auch 30.  

Wir sind am 17. vor einem Jahr und zwei Monaten in Kathmandu angekommen. Auch damals begann gerade ein neuer Monat im nepalesischen Kalender, es war der erste Tag des sechsten Monats असोज - Ashoj oder आश्विन - Ashwin des Jahres 2081. Wir sind also nach BS - Bikram Sambat exact 14 Monate im Lande. Das ist auch hier ein Jahr und zwei Monate.  

Zur Feier des Tages Bilder einer Pflanze, deren Name ich nicht kenne. Sie wächst an unserer Hauswand, obwohl die Besitzer vor unserem Einzug versucht haben, sie zu vertreiben. Der Strunk sah brutal und unprofessionell zerhackt aus. 
Anfang Februar gab sie mir deutlich zu verstehen, dass sie trotz Verunstaltung bleiben wollte, also schützte ich sie mit ein paar Steinen und versorgte sie regelmäßig mit Wasser. Alles andere bekam sie vom Himmel, von der Sonne. Die Handwerker, die bald darauf für Wochen, Monate unseren Vorgarten besetzten - zuerst die Maurer mit ihren Sand- und Zementsäcken, und den Schuttsäcken, die sie vom Dach herunterholten, dann die Maler und ihr rund um das Haus wanderndes massives Bambusgerüst - respektierten seltsamerweise mein Stein-Arrangement. Kein einziger der ersten zarten Triebe wurde gebrochen oder zertrampelt. 
Seither drängt die Pflanze mit aller Macht nach oben. Unsere Landlady versuchte mir einst zu verstehen zu geben, dass Pflanzen während der Regenzeit außer Kontrolle geraten. Ich verstand natürlich nicht, was sie mir damit sagen wollte.
Seit ein paar Tagen nun blüht unser Wunderkind feuerrot. Wunderkind, weil sie, die Pflanze eine unheimliche Kraft besitzt und bereits faustdicke Äste hat. Auch Dornen, übrigens. Aber Wunderkind vor allem, weil ich nicht verstehe, wie sie ihre Blüten produziert. Woher sie das crimson, das Purpur nimmt. Knospen sehe ich keine. Es ist so, als ob einfach unvermutet, quasi über Nacht Büschelweise rote Blätter hervorkommen. In den Novembermorgen, die Novembersonne, den Novemberhimmel. 

Ja, das ist unser November. Der nepalesische Mangsir. Und unsere Hauswand. 

Sonntag, November 16, 2025

Der Zwist

Ich verstehe nicht, warum Manjushri als Bodhisattva der Weisheit und eine der wichtigsten Figuren des Mahayana Buddhismus gilt. Für mich ist er ein Schlitzohr. Ein Waffenträger. Ein Draufgänger. Einer, der zuerst zuschlägt und erst dann die Folgen seines Tuns bedenkt. Einer, der Zerwürfnisse in Kauf nimmt, um seine Ideen durchzusetzen. Auch ein heiliges Schwert, ein Flammenschwert - vajra sword of discriminating light - rechtfertigt nicht den Frevel! 

Im Valley, in der Legende nach Swayambhu Purana war zuerst Kacchapal Parvata, der Schildkrötenberg erzürnt, verwundet und zutiefst verletzt. Manjushri hatte ihn ohne Vorwarnung entzweigehauen. Dann die Schlangen, denen mit dem abfließenden Wasser jede Lebensgrundlage entzogen wurde. Der Berg besänftigte Manjushri mit dem Versprechen, auf seinem lädierten Gipfel einen Schrein für Karunamaya, den Allbarmherzigsten zu errichten. Damit werde ein heiliger Ort installiert, der Pilger aus der ganzen Welt zur spirituellen Einkehr einlade. Der Schildkrötenberg nickte. Was blieb ihm anderes übrig? 

Die Schlangencommunity hingegen war unrettbar entzweit. Die Nagarajas hatten im Gegensatz zum Kacchapal Parvata den Vorteil, mobil zu sein. Nichts hielt sie nicht mehr in ihrem gelobten Lande. König Taksaka Nagaraja verließ mit seiner Familie hoch erhobenen Hauptes das Valley. Auf die Bücklinge des Bodhisattvas erwiderte er unmissverständlich: "Du hast meine Heimat - den See - zerstört. Ich gehe zur Konkurrenz - zum Meer!" Kulika Nagaraja, der zweite Schlangenkönig war nicht auf den Kopf gefallen und ließ sich auf einen Handel mit dem falschen Gönner ein. Manjushri versprach ihm ein ruhiges Gewässer als neue Heimat und Kulika rechnete damit, dass der Bodhisattva nicht ewig im Valley bleiben würde. Sobald er wieder verschwunden wäre, würden seine Schlangen Mittel und Wege finden, das Loch zuzustopfen und den See wieder mit Wasser zu füllen. Er zog guter Dinge mit seiner Familie nach Tokha an die Vishnumati Quelle. Nur Karkotaka, der König der Könige der Nagarajas, Besitzer des Nagarasahrada, des Königreichnagasees, akzeptierte das Angebot Manjushris ohne Hintergedanken und zog in eine neuerschaffene Residenz innerhalb des Valleys, an den Taudaha See.

Manjushri hatte Schmerz, Vertreibung, Unfrieden und böse Gedanken ins Valley gebracht - unter dem Vorwand, den Boden urbar zu machen, damit sich Menschen ansiedeln konnten, die Swayambhu verehren würden. Die Geschichtsbücher des Abendlandes kennen für so eine Konstellation den Begriff "Religionskrieg".

Samstag, November 15, 2025

Das Schwert

Der See war aber nicht unbewohnt, nicht unbeseelt, nicht unbeherrscht. Im Wasser lebten bereits "göttliche", "mythologische" Kreaturen: die Nagarajas, die Schlangenkönige und ihre Schlangenvölker. Der oberste Schlangenherrscher hieß Karkotaka Nagaraja - कक्र्कोदक नागराज und sein See - es war ja seiner! - folglich Nagarasahrada - नागरसरह्रद, der Königreich-Naga-See. Das Wasser war heilig. Hier trafen sich göttliche Wesen zur spirituellen Einkehr lange vor den Adis, Tathagatas und Buddhas. 

Man besetzt nicht ungestraft fremdes Gebiet und schon gar nicht heilige Stätten! Eine buddhistische Legende bedarf aber keiner feindlichen Übernahmen. Unter dem zweiten Tathagata, Sikhi trafen alle göttlichen Wesen aus allen Sphären des Universums am Gestade des Sees ein, um dem Lotuslicht zu huldigen. Auch Sesa Naga kam, der alleroberste Schlangenkönig, die Stütze des Schlangen-Weltalls. Die vereinten göttlichen Energien führten prompt zu einem heftigen Erdbeben - aber nicht einmal das reichte für die heimlichen Absichten der Buddhisten, den See trockenzulegen! 

Es gelang erst unter dem dritten Tathagata, Vishwabhu, als Treta Yuga auf dem Wege der fortschreitenden Degeneration das Goldene Zeitalter der vollkommenen Harmonie abgelöst hatte. Aus MahaChin (heute: China) kam der Bodhisattva Manjushri - मन्जुश्री बोधिसत्त्व mit seinem Schwert! Während einer Meditation auf Wutaishan, dem Berg der fünf Gipfel - im Sanskrit पञ्चशिर्ष पर्वत (Panchasirsa Parvata) hatte ihn angeblich das Valley mit dem Nagavasahrada, dem heiligen See der Schlangenkönige, und dem heiligen Licht der Swayambhu Dharmadhatu gerufen. Und zur Tat aufgefordert. Er pilgerte nach Nepal, fand im Süden des Valley den tiefsten Punkt am Kacchapal Parvata (Turtle Mountain) und zerhieb diesen Berg kurzerhand mit seinem Chandra Hasa - चन्द्रहास, dem Schwert mit der Symbolkraft eines Mantras. Das Wasser floss ab, in Richtung Ganges. Also in das heutige Indien. Nach dem Handstreich war das Valley trocken und fruchtbares Ackerland, aus dem der Swayambhu-Hügel "wie von selbst" als nun höchster Punkt herausragte.