चौरासी - caurāsī ist die Zahl 84. Aber nicht Orwell - sondern Nepal. Das ist das Alter, das hier erstrebenswert ist. Wer 84 Jahre alt wird, hat einen Meilenstein in seinem Leben erreicht und gilt als Halbgott oder sterblicher Gott resp. Göttin. Darüber lese ich gerade ein Buch, über eine Großmutter, die zu ihrem चौरासी - caurāsī, zu ihrem 84. Geburtstag die drei in der westlichen Welt zerstreuten Enkelkinder zurückruft. Die Eltern dieser Enkel, also die Tochter und der Schwiegersohn der Jubilarin, starben früh bei einem Unfall, weshalb die Oma die Kinder aufzog. Deshalb suchten diese vielleicht bei der ersten sich bietenden erster Gelegenheit das Weite. Wie auch immer, der gap - Abgrund! - ist angelegt. Liest sich etwas zäh und langfädig. Ausufernde Sätze. Ein literarischer Erstling (aus dem Jahr 2016, dem längst preisgekrönte Zweit- und Drittlinge folgten).
Mich interessiert in erster Linie nur die Zahl. Nur die Sprache. 80 = अस्सी - assi. Und 4 = चार - car. Die Zahl 4 ist fast ein Vogel (= चरा - cara), aber ohne dessen langes helles a am Schluss. 84 wird in Nepali so gebildet wie im Deutschen: Vier-und-achzig, die 4 wird etwas aufgehellt als "caur"+"assi", aber syntaktisch spielt die Klangfarbe der Konsonanten (ja! das nepalesische Wort चौरासी - caurāsī besteht nur aus Konsonanten) keine Rolle. Die nepali numbers funktionieren wie die deutschen (Vierundachzig) und keineswegs wie englische (eightyfour).
Prajwal Parajuly, der Autor erklärt in seiner abschließenden Notiz, warum ausgerechnet der 84. Geburtstag im Leben eines Menschen so entscheidend ist. Er gesteht, dass keiner der Texte, Priester, Weisen, Unweisen, die er konsultierte, eine ihn überzeugende und stichhaltige Antwort geben konnten. Deshalb habe er sich eine eigene mathematische Formel zurechtgelegt: 12 (Vollmonde) x 84 (Lebensjahre) = 1008. Ein 84-jähriger Mensch hat nach Parajulys Gleichung in seinem Leben 1008 Vollmonde erlebt. Und 108 und 1008 gelten im Hinduismus als auspicious numbers - symbolische, wichtige, Glück verheißende Zahlen. Parajuly ist happy, die Lösung scheint gefunden.
Wie so vieles in diesem Land: reine Phantasie! Kreativ, zugegeben, hat aber leider nichts mit den Rotationen der Himmelskörper gemein. Wie wir wissen (wer weiß es nicht?), gibt es alle 2-3 Jahre ein Jahr mit 13 Vollmonden. So auch 2026: im Mai werden wir zwei Vollmonde am Himmel erleben, den zweiten als sogenannten bluemoon. Wir befinden uns gerade mitten in einem blauen Mondjahr. Und das ist den ungleichen Längen von Sonnen- und Mondjahr geschuldet, wie ich kürzlich schon feststellte. Nach wie vor addiert sich die Differenz von 11 Tagen nach etwa 3 Jahren zu einem zusätzlichen Mond-Monat. Und der beschert uns einen dreizehnten Vollmond. Auch einen 13. Neumond natürlich.
Ein 84-jähriger Mensch hat also die gute Chance, zu den von Herrn Parajuly ausgerechneten 1008 Vollmonden noch mehr oder weniger 30 Vollmonde mehr in seinem langen Leben gesehen zu haben. Ich habe mir den Spaß gemacht, auszurechnen, wieviele Vollmonde ich bis zu meinem 84. Geburtstag erlebt haben werde: 1008 + 31 = 1039. Ein Total ohne jede auspicious Qualität! Außer man oder frau (er)findet sie.