Sonntag, März 15, 2026

Das letzte Blatt

Der letzte Monat des Jahres beginnt: चैत्र - Chaitra. Ich blättere meinen Wandkalender zum letzten Mal um. Dies ist das letzte Blatt des nepali patro 2082. So steht es obendrüber in güldenen Lettern. Darunter sieben Kugeln auf- und absteigend im Halbkreis angeordnet. Die Wochentage. In der Mitte, unter बुधबार (budhabar = Mittwoch) steht der Name des aktuellen Monats: चैत्र - Chaitra. Der Mittwoch hat in Nepali nichts mit der Mitte zu tun, auch wenn er auf dem Kalenderblatt genau dort steht. Mittwoch ist hier der Tag des Planeten Merkur: बुध ग्रह. Fünf Wochentage sind einem Planeten zugeordnet (dazu ein andermal mehr) plus einer, der Sonntag (wie überall) der Sonne (Fixstern oder gelber Zwerg) und ein anderer, der Montag (dito) dem Mond (unserem Trabanten).  

Von heute an kann und muss ich Ausschau halten in den shutterstores auf der Golfutar nach dem Kalender für das Jahr 2083.

Die Übergänge sind nicht fließend sondern abrupt. Schon ist es so heiß tagsüber, dass ich nachts lüfte und tagsüber die Vorhänge zuziehe. Schon brennt die Sonne so gnadenlos auf das Dach, dass ich es dort, wo ich noch vor ein paar Tagen etwas Wärme suchte, nicht mehr aushalte. Die Bäume verlieren ihre Blätter. Das war schon letztes Jahr so. Nun erschreckt es mich nicht mehr. Alles wiederholt sich. Auch die Schreie der Vögel kenne ich mittlerweile, die den Frühling ankündigen. Alles vertraut und normal. Mitten am Tag kommt heftiger Wind auf, es wird finster und donnert und blitzt, ein paar wenige Regentropfen fallen. Kaum der Rede wert und vorbei der Spuk. Aber die Sicht über der Stadt ist plötzlich klar wie schon lange nicht mehr.  

Samstag, März 14, 2026

Der letzte Tag

Heute ist der letzte Tag des vorletzten Monats im nepalesischen Kalender. Der 30. Falgun 2082. Dashami, der zehnte Tag von Krishna Paksha, dem dunklen Mondzyklus. Noch weckt mich die abnehmende Sichel, aber sie wird von Morgen zu Morgen dünner und schwächer, kommt später und geht früher. Ist kaum mehr zu sehen.

Ein für Nepal richtungsweisender Monat geht zu Ende. Die Wahlen am 21. Falgun 2082 BS (= 5. März 2026 AD) haben für die etablierten Parteien und ihre strammen Soldaten ein beschämendes Ergebnis gebracht. Fast alle greisen Köpfe quer durchs Land wurden abgestraft. Im zukünftigen HoR - House of Representative - werden von den 67 Parteien, die sich zur Wahl gestellt hatten, 6 vertreten sein. Und von denen hat die junge Partei unseres Nachbarn knapp die Zweidrittelmehrheit verfehlt (vor Gericht wird noch um ein zusätzliches Direktmandat gestritten). So oder so kann sich das Resultat sehen lassen: die 275 Sitze des HoR verteilen sich wie folgt: 

  • 182 RSP (Rastriya Swatantra Party - Nationale Unabhängige Partei, gegründet am 1.7.2022) 
  • 38 NC (Nepali Congress - die einst stärkste Partei des Landes) 
  • 25 UML (Unified Marxist-Leninist, die Partei des Ex-PM KP Sharma Oli)
  • 17 NCP (Nepali Communist Party) 
  • 7 SSP (Shram Sanskriti Party - Labour Culture Party, gegründet am 28.9.2025)
  • 5 RPP (Rastriya Prajatantra Party - National Democratic Party, strebt die Wiedereinführung des hinduistischen Königreichs an)  
  • 1 Unabhängiger

Nicht genug, dass der damalige PM KP Sharma Oli sein Amt am 9. September unter Druck der Gen Z Demonstrationen mit den ersten 20 toten Jugendlichen aufgeben musste: sein Haus wurde abgefackelt, auch das Haus seines Vaters in Jhapa, er verlor am 5.3. seinen Wahlkreis Jhapa haushoch gegen den Herausforderer Balendra Shah, seine Partei verlor den Rückhalt im ganzen Land wahrscheinlich lange vor den Wahlen und er selbst die Glaubwürdigkeit. Auch wenn es ein schleichender Prozess war zwischen dem 8.9.2025 und dem 5.3.2026, wahrhaben wollte es bis zuletzt niemand. Gestern früh starb KP Sharma Olis Vater im Alter von 97 Jahren und am Nachmittag musste er als ältester Sohn (er ist gerade mal 23 Jahre jünger) die letzten Dienste bei der hinduistischen Einäscherungszeremonie verrichten. Die ganze UML versammelte sich hinter ihrem 1. Sekretär (pardon: Präsidenten) in Pashupatinath. Aber die Zeichen der Zeit lesen will keiner. 

Freitag, März 13, 2026

Das zweite Gewitter

Es kommt erst am späten Abend und bringt viel mehr Regen als gestern. Meine jungen Bäume vor dem Haus danken dem Nachthimmel. Der gepflasterte Hinterhof hingegen ist innerhalb weniger Minuten geflutet. Wie sich herausstellen wird (sobald es wieder hell geworden sein wird), ist das neue Fallrohr, das im Rahmen der dreimonatigen waterproof-waterrestistance-Renovierungsmaßnahmen letztes Jahr angebracht wurde, damit das Wasser vom Dach überflutungssicher abläuft, unten nicht an das kurze Verbindungsstück über unserer Küchenhintertür angeschlossen, das dort nochmals um eine Ecke in den Boden führt. Deshalb steht jetzt der Futterplatz meiner Katzen unter Wasser. Bei Gewitter verkriechen die sich eh und bis zum Frühstück wird der Regen hoffentlich nachgelassen haben und das überschüssige Wasser durch die Ritzen zwischen den Steinplatten versickert sein.

Donnerstag, März 12, 2026

Das erste Gewitter

Während wir beim Dragon am Fenster sitzen und auf das Essen warten, konsultiert W seine Wetterapp. Die sagt schon seit Tagen Regen an. Meine übrigens auch, obwohl ich eine andere befrage. Aber wir wissen, dass wir auf Wettervorhersagen nichts geben dürfen. Auf andere Vorhersagen auch nicht. Der Regen würde die Luft waschen. Und gewaschene Luft würde uns das Atmen erleichtern. Bislang fiel kein einziger von den versprochenen Tropfen. Jetzt, sagt W, ist der Regen aus der Prognose verschwunden. Das war's also. Wir sind immer noch Rekordhalter in Sachen pollution. Tapfer machen wir uns über unseren Reis her. In der Zeitung habe ich am Nachmittag gelesen, dass in ein paar Tagen der Himmel wieder zu sehen sein soll. Kaum brechen wir auf, über die immer noch aufgerissenen Bürgersteige nach Hause - es ist bereits stockdunkel - fallen die ersten Tropfen. Wie immer sind die hier prall gefüllt. Wir werden sofort bis auf die Haut nass! Kaum sind wir im Haus kracht es über dem Valley. Das langersehnte Gewitter! Der Strom fällt beim ersten Blitzschlag aus. Und dabei bleibt es für den Rest der Nacht. 

Mittwoch, März 11, 2026

ओखर

ओखर - okhar steht in meinem Schreiblehrbuch als Beispielwort für den Vokal ओ - wie o. Und zwar so etwas wie ein langes, geschlossenes o. Okhar ist die Walnuss, bzw in der Schweiz die Baumnuss. W wollte mir kürzlich weismachen, dass die Walnuss so etwas ist wie das Welschland, nämlich ein Fremdling. Aber dieses Konzept geht mit der schlicht und ergreifenden Baumnuss nicht auf.

Die Walnuss - sagt auch der Duden - stammt aus dem Orient (also ungefähr von da, wo ich jetzt bin), kam aber über Italien in den deutschen Sprachraum. Deshalb hieß sie im 18. Jahrhundert die "welsche Nuss" oder dann "Welschnuss". Aber auch "Gallische Nuss"! Das altgermanische Adjektiv "welsch" bedeutet - immer nach Duden - romanisch = italienisch oder französisch! Das Substantiv "welsch" bezeichnete die keltischen Bewohner westeuropäischer Gebiete, daraus wurde mhd "walch", ahd "walah" und altenglisch "wealth" = Welscher. Auch Wales ist damit verwandt und eben das schweizerische Welschland. Die Mädels aus der deutschsprachigen Schweiz machten früher, ehe sie heirateten, ihr Welschlandjahr, um der (ungeliebten) Sprache der Fremden mächtig zu werden.

ओखर - okhar - bzw hier im Bild  खोलमा ओखर - kholma okhar, meine nepalesischen Baumnüsse in meiner nepalesischen Küche in ihrer nepalesischen Schale, sind da außen vor. Es ist mir noch nicht gelungen, ein Etymologisches Wörterbuch zu finden. Wahrscheinlich müsste ich den Umweg über Sanskrit machen. Die खोलमा ओखर, wörtlich die Nüsse mit Schale, sehen hier, wie so manches andere, anders aus als im deutschsprachigen Raum: sie sind größer, heller und sauberer! Ich glaube nicht, dass sie vor dem Verkauf gebürstet werden. Im übrigen ist das "o" in "kholma" mitnichten ein Vokal wie das Anfangs-o in "okhar". Sondern eine Abwandlung des Konsonanten "kha" zu "kho". Die Schale - खोल - khol -  ist ohne Vokal nicht so verrunzelt wie die der welschen oder gallischen Nüsse. Sondern eher glatt und dadurch vielleicht staubabweisend? Meist ist sie ziemlich dünn, manchmal sogar zart und zerbrechlich wie Seidenpapier. 

Meist lässt sie sich ohne Nussknacker problemlos aufbrechen. Da ich jeden Morgen eine ओखर - okhar essen soll und mir angewöhnt habe, sie mit Schale, also खोलमा ओखर - kholma okar zu kaufen, konnte ich mich bereits als Nussknackerin perfektionieren. Wenn die Schale dem einfachen Druck meiner Faust nicht sofort nachgibt, haue ich schlicht und ergreifend vor dem Frühstück mit dem Hammer auf sie ein. Dann sieht sie allerdings nicht mehr so schön aus!

Dienstag, März 10, 2026

Haar, Ohr, Gold ?

In Nepal schneiden sich die Frauen das Haar nur in Ausnahmefällen. Meist nach Tod (des Ehemannes) zum Zeichen der Trauer. Keine Frau kommt hier auf die Idee, vor einer Wahl das Versprechen abzugeben, sich im Falle der Niederlage ihrer Partei oder ihres Lieblingskandidaten eine Glatze zu rasieren. Ich glaube, ich bin die einzige Frau im ganzen Lande, die den Haarschneider auf dem eigenen Kopf ansetzt - und nicht auf dem der Kinder oder des Gatten. Hier werden vorzugsweise andere Körperteile abgeschnitten. 

Renuka Baral hat seltene Berühmtheit erlangt. Sie sagte in einem vielleicht unbedachten Moment, in der aufgeheizten Stimmung vor dem Wahllokal, in dem sie ihre Stimme abgab, sie würde sich das Ohr abschneiden, falls Balendra Shah den Wahlkreis Jhapa-5 gewinnt, und ihm ihren goldenen Ohrring schenken. Ihre Aussage wurde natürlich von der begeisterten Menge gefilmt. Und ging viral.    

If Balen wins, I will cut off this ear in Jhapa and go to the teaching hospital to get it stiched and give the gold earring to Balen.

Zur Erinnerung: Jhapa-5 ist der Wahlkreis des einstigen Premierministers KP Sharma Oli. Balen ließ sich absichtlich dort aufstellen, das sei das einzige, erklärte er in einem kurzen statement vor dem Wahllokal, was er für die erschossenen Gen-Z-Demonstrierenden tun könne. Direkt gegen den Mann anzutreten, der damals die politische Verantwortung für das Land trug. Wie wir wissen, gewann Balen das Direktmandat haushoch. Und die ganz normale shutter-store-Betreiberin Renuka Baral? Muss sich den Spott der Brüder und Schwestern im Netz und auf der Straße gefallen lassen. Jammert über mental stress. Beklagt sich, dass sie beim Großeinkauf auf dem Gemüsemarkt verfolgt, belagert, umringt werde und ihre ganze Familie Hass und Häme ernte. Sie fürchte sich, aus dem Haus, die Kinder schämten sich in die Schule zu gehen. Das ganze Land wartet nur darauf, dass sie ihr blutiges Versprechen einlöst.  

Anders im deutschen Ländle (ach!). Die Generalsekretärin der FDP hat ihren Kopf (genauer: die wilden schwarzen Locken) darauf gewettet, dass ihre Partei den Einzug in den Landtag von Baden-Württemberg schafft. "Sie werden mich nie mit Glatze sehen", hatte sie der Schwäbischen Zeitung kürzlich noch selbstbewusst angekündigt. Und nun? Stehe sie zu ihrem Wort, sagt sie, weil Liberale das tun.

Montag, März 09, 2026

Weltrekorde

Kathmandu steht wieder weltweit an erster Stelle der Luftverschmutzung, mit einem AQI (Air Quality Index) von 184, vor Dhaka mit 170 und Kalkutta mit 169.

Auch sonst sind wir Weltspitze. Es erwartet uns ein Youthquake - die Anzahl der über 70-Jährigen im zukünftigen Parlament ist erfreulicherweise überschaubar: Direktmandate haben vier Herren dieser Altersklasse errungen: 2 71-Jährige (1 NC und 1 Unabhängiger) und 2 70-Jährige (1 Kommunist und 1 NC). Einer von ihnen wird die Ehre haben, als "Ältester" administrativ die Vereidigung der Abgeordneten zu übernehmen, bis ein Sprecher und sein Stellvertreter des HoR gewählt sind. Auch die Ü 60 lassen sich vorläufig noch an einer Hand abzählen.

Und unser einstiger Bürgermeister, der 35-jährige Rapper und wahrscheinlich zukünftige Premierminister rappt धन्यवाद dan'yavād - thank you!  जय नेपाल धन्यवाद jaj Nepal dan'yavād - Glory to Nepal, thank you!