Sonntag, September 27, 2026

Sonntag

Es regnet heftig und ich denke beim Aufwachen natürlich an Indra, den Gott des Regens. An Indra Jatra, das Fest, das wie alle Hindufeste mehr als einen Tag dauert, ungefähr 8 oder eine Woche. Letzten Donnerstag, am zweiten Tag fanden die traditionellen "Kinderumzüge" (ich nenne das profanerweise so, in Anlehnung an Fasnachts-Kinderumzüge in anderen Teilen der Welt) auf dem Hanuman Dhoka Durbar Square in Lalitpur statt. Im strömenden Regen! Regen stört niemanden, hindert niemanden, Regen gehört einfach dazu. Nicht nur die Echte Kumari wurde durch die Straßen der Altstadt getragen, hunderte kleine Mädchen nahmen an der Kumari Puja teil. Gekleidet, geschminkt und mit opulentem Schmuck behängt wie die richtige. 

Die Eltern erhoffen sich durch das Massenritual Segen und Gesundheit für ihr Töchterchen, Frieden und Wohlstand für die ganze Familie. Teilnehmen dürfen nur Mädchen im vorpubertären Alter und während der Zeremonie gelten sie als wahrhaftige und lebende Stellvertreterinnen der Schutzgöttin Taleju Bhawani. Irgendwann ist der Spuk vorbei, die Girlies schlüpfen in ihre Alltagsklamotten zurück und hüpfen aufgeregt herum wie ganz normale Kinder. 

Ich stehe seufzend auf. Kein Qi Gong auf dem zweiten Dach. Keine Zwiesprache mit सेतो टिकटिके - seto tiktike, der Weißbrauenstelze. Beim schnellen Rundgang durch den Garten betrachte ich die Beete. Alles steht unter Wasser. Wie sollen da Drachenfrüchte gedeihen? Wie der Bogenhanf, der absolute Trockenheit will? Die Achatschnecke hockt auf dem Mäuerchen. Sie ist jeden Morgen in einer anderen Ecke, legt in der Dunkelheit beachtliche Strecken zurück.  

Und dann ist der Spuk vorbei. Irgendwann gegen Mittag. Ich kann nicht sagen, wann. Ein Fingerschnipsenmoment und die Berge stehen im Norden, majestätisch, als wäre nichts gewesen. Sie leuchten besonders frisch, denn was hier unten als Regen ankam, bescherte ihnen frischen Schnee. Der Himmel ist blau wie im Bilderbuch. Wir sitzen auf dem Dach und trinbken Kaffee. Reiben ungläubig die Augen. 

Samstag, September 26, 2026

Vollmond

Am Morgen kann ich in einer Regenpause einkaufen. Es gibt nicht viel frisches Gemüse. Die Lieferwege sind blockiert, ernten kann bei diesem Wetter niemand. Ich kaufe das grüne lange Zeug, auf das immer Verlass ist. Zwiebeln und Knoblauch. Dann gehe ich zum you and me shopping center nebenan, kaufe Ayurveda-Senföl, Nudeln und Klopapier. Was man eben so braucht. Beim Bezahlen fragt mich der shopkeeper, wie das Gemüse, das aus meine Rucksack herausguckt, auf englisch heißt. Ich bin perplex. I don't know, sage ich frank und frei, I even don't know, how you call it in nepali. Dass ich auch nicht weiß, wie es auf deutsch heißt, verrate ich ihm nicht. Das würde unser Gespräch nur unnötig kompliziert machen. Er hingegen sagt "Ghirola" und wiederholt das Wort mehrmals, damit ich es mir merken kann. I'll check at home, verpreche ich, and tell you next time. 

Ich radle nach Hause, das Gemüse auf dem Rücken, das Klopaier am Lenker. Kaum angekommen, setzt der Regen wieder ein und hört den ganzen Tag nicht auf. Ich schicke einen kurzen Dank hoch zu Lord Indra über den Regenwolken und vertiefe mich in die Botanik. Ghirola schreibt mein Wörterbuch so: घिरौंला - und transkribiert es als Ghiraula oder Ghiraunla. Die Punkte über den Zeichen soll ich ignorieren, habe ich gelernt. Sie irritieren trotzdem.

घिरौंला - Ghiraula: englisch sponge gourd oder smooth luffa. Wissenschaftlich luffa cylindrica oder luffa acutangula oder luffa aegyptiaca. Deutsch Schwammkürbis, Flügelgurke oder Luffagurke. Ein ungestümes Klettergewächs. Wächst hier überall die Hausfassaden hoch, sobald man ihnen etwas zum Festhalten hinhängt. Bei mir wuchsen sie den Zaun rund ums Grundstück entlang und sie ernährten mich wochenlang. Ich ahnte ja nicht, dass ich sie hätte trocknen lassen können. Das Innere besteht nämlich aus einem Fasergerüst, das sich verfestigt, je mehr Feuchtigkeit daraus entweicht. Und ich hätte daraus umweltfreundliche Naturbadeschwämme (oder Putzschwämme) gewinnen können und die Füße oder den Rücken sauberrubbeln. Daher kommt wahrscheinlich das englische sponge und der deutsche Schwamm in den Kürbis. 

Der Mond wird erst spät voll, es ist der harvest moon, der Erntemond. Davon ist man hier gerade weit entfernt. Ich höre die ganze Nacht den Regen prasseln, ohn' Unterlass.

Freitag, September 25, 2026

Der unendliche Vierzehnte

Es regnet, wie vorhergesagt, immer noch. Nun schon den dritten Tag in Folge. Ohne Pause. So habe ich mir einst, naiv wie ich war, die Regenzeit vorgestellt. Regen ohne Ende. Bis vor ein paar Tagen habe ich in Nepal nie Regen ohne Ende erlebt. 

Heute ist im Valley, in dem ich nicht mehr wohne, Feiertag. Die Newaris huldigen dem Regengott Indra. Danken für seinen reichen Segen während des Monsuns. So etwas wie Erntedank. Ernten kann man nur, wenn genug Regen gefallen ist. Trotzdem mutet es heute zynisch an, den Regengott zu verherrlichen. Unser PM, der einstige Rapper, spricht im Morgengrauen (nepali time) im gewohnten outfit in New York vor der UN Vollversammlung. Ua über die Bhotekoshi-Trishuli-Flutkatastrophe, deren Folgen noch niemand, nicht einmal er, in Worte fassen oder mit Zahlen beziffern mag. Derweil fällt in ganz Nepal gerade soviel Wasser vom Himmel, in der Höhe (am Manaslu, im Annapurnagebiet, in Manang und Mustang) als Schnee, dass ihn vielleicht bei der Rückkehr nach Hause bereits die nächste Katastrophe erwartet.

Kathmandu und das Valley feiert Indra Jatra. Hindus außerhalb des Valleys feiern अनन्त चतुर्दशी - Ananta caturdashi. Ananta ist ein Beiname, eines der unzähligen Epitetha von oder für Lord Vishnu. Ananta kommt fast in jedem Mantra vor, damit kann nach meinem Dafürhalten jeder Gott besonders inbrünstig angerufen werden. Bedeutet der oder die oder das Unendliche. Caturdashi ist der Vierzehnte Tag einer Mondphase, derzeit der heller werdenden. Vierzehn Tage nach Neumond, einfacher gesagt: ein Tag vor Vollmond. Zusammengefasst bedeutet अनन्त चतुर्दशी - Ananta caturdashi schlicht der unendliche Vierzehnte. Wie so oft, ist das Davor wichtiger als das Eigentliche. 

Vor zehn Tagen, am vierten Tag dieser momentanen shukla paksha erbaten die Ganesh-Verehrerinnen mit spiritueller Disziplin und dem गणेश चतुर्थी व्रत - Ganesh caturthi vrat, dem Fasten am Vierten Tag nach Neumond, die Segnungen von Lord Ganesh. Und begannen hungrig das zehntägige Ganesh-Festival, das nun also heute, wie berichtet, sein Ende findet. 

Die Welt ist so kompliziert wie ihre Zahlen und deren Wörter, wie ihre Götter und deren Namen. 

Donnerstag, September 24, 2026

schulfrei

Es regnet den ganzen Tag. Leise und leicht, aber beständig. Das Rieseln, Tröpfeln, Klopfen (aufs Regendach) sowie das Getrappel von Shivas Nandi, ist wider Erwarten beruhigend. Ein für hiesige Verhältnisse aussergewöhnlich stiller Tag. Niemand hämmert bei diesem Wetter. Niemand lässt Bretter oder schwere Bambusstangen von oben nach unten krachen, die an anderer Stelle wieder von unten nach oben geschleppt werden. Niemand baut Gerüste auf oder ab. Keine Schulbusse fahren. Es wird seit Tagen vor Starkregen und Starkwinden gewarnt. Wer kann, soll zu Hause bleiben. Vielerorts gilt bereits ein Nachtfahrverbot. Die Schulen sind in weiten Teilen des Landes heute und morgen geschlossen. Alle Flüsse, warnen die Meteorologen, werden über die Ufer treten. Früher oder später. Ist das das Monsunende? In der Theorie oder im Schulbuch hört er am 23. September auf, das war gestern. Aber heute bietet in unserer Straße 4 kein fliegender Händler seine Ware an, von Gemüse und Obst angefangen, über Küchenutensilien, Plastikeimer, Putzmittel bis zu Tüchern, Teppichen und langen Gewändern. Kein indischer Pappesammler fragt nach Pappe. Keine blinde Obdachlose bittet per Megafon um ein Almosen. Niemand ist auf dem Moped unterwegs, zur Arbeit, zum Arzt, zur Tante, zum Onkel. Geschweige denn zu Fuß! Keine Lastwagen brummen, weil sie kaum aneinander vorbei kommen, und kippen Steine, Kies, Sand einfach vor unser Gartentor mitten auf die Straße.

An diesem Regentag gibt es eine Bildergeschichte der besonderen Art. Dies ist der Baumaterialsammelplatz gegenüber unserem Haus in Pokhara für mindestens zwei Baustellen. 

Hier habe ich endlich kapiert, was mit langen, zur halben, am einen Ende offenen Ellipse gebogenen Eisenstangen passiert. Ich hatte diese Teile in Kathmandu an der Golfutar in einem Hinterhof immer zu einem riesigen Haufen aufgetürmt liegen gesehen. Der Haufen wurde in regelmäßigen Abständen restlos abgetragen. Männer schleppten die schweren Teile Tag für Tag auf Ladeflächen von klapprigen Kleintransportern, die damit wegfuhren. Ich fragte mich immer, wohin und wozu. Wenn ein Haufen abgetragen war, wurde der nächste aufgetragen. Das Umgekehrte passierte. Die schweren Teile wurden en gros von einem Großlaster angeliefert, abgeladen und zu einem riesigen Haufen aufgetürmt. 

Seit zwei Monaten geniesse ich ganz umsonst Anschauungsunterricht: mit diesen elendiglich langen und unhandlichen halben Eisenellipsen werden Häuser gebaut! Stützsäulen armiert. Das Eisen hält den Beton und der sorgt hoffentlich für die Statik. Die Jungs - es sind allesamt blutjunge, schlaksige Kerle, die hier stets gut gelaunt, singend und pfeifend, bei der größten Hitze arbeiten - brechen und biegen das sperrige Material auf die Form zurecht, die sie gerade brauchen. Von Hand. Sie beherrschen bewundernswerte Techniken, mit der sie harte Metallstäbe ganz ohne Feuer oder Hitze kurz und klein, lang und gerade oder ins raffinierte Rechteck verwandeln. 

Von oben, von meinem Arbeitszimmer sowie vom ersten oder zweiten Dach aus, sieht alles easy aus. Ich höre die Jungs lachen und scherzen. 

Kann eigentlich nicht sein, sagt in meinem Kopf der Verstand und in meiner Brust das Herz.

Aber so werden wohl derzeit alle Häuser an dieser Straße, in dieser Stadt und in diesem Land gebaut.

Mittwoch, September 23, 2026

शरद

शरद oder शरद ऋतु sharad oder sharad ritu ist der Herbst. Ob er heute auch im nepali calendar anfängt, bezweifle ich. Ich habe nämlich gerade gelernt, dass es im nepalesischen Jahr sechs Jahreszeiten gibt! Mich wundert hier nichts mehr. Der Herbst fällt in die Monate Ashoj und Kartik (also ungefähr jetzt bis Dashain). Darauf folgen der kühle Vorwinter, der kalte Kernwinter, der Frühling, der Frühsommer, die Regenzeit ... Ich wusste nicht, dass der Monsun eine Jahreszeit ist. Ich dachte, das sei ein Wetterereignis. Eine Windrichtung. Ein Ende ist gerade gar nicht absehbar. Es regnet wie wahnsinnig!   

Das Herbstäquinoktium hingegen wird auch hier heute erreicht, und zwar jetzt, am frühen Morgen, kurz vor Sonnenaufgang um 05:50 am Ortszeit. 

Dienstag, September 22, 2026

Seitenwechsel

Gläubige Hindus können fast täglich fasten und feiern. Heute ist हरिपरिवर्तिनी एकादशी - Hariparivartini Ekadashi. Ekadashi hatten wir schon öfters mal, das ist immer der elfte Tag einer Mondphase. Diesmal der hellen, zunehmenden, shukla paksha. Im derzeit 6. Monat des nepalesischen Jahres, Ashoi. Das andere unverständliche Wort ist so unverständlich nicht: Hari-parivartini. Hari ist so etwas wie Shri für Lord, oder Gott, beide natürlich besonders geeignet für Lord Vishnu: Shri Hari Vishnu. Und parivartini kommt vom Verb परिवर्तन - parivartan für ändern (die Position), sich drehen, wenden. Heute ist der Tag, an dem der im Milchozean 4 Monate lang seelig schlummernde Vishnu sich von der linken Seite auf die rechte dreht! Grund genug, auf Reis, Getreide jeder Art und Bohnen zu verzichten und den ganzen Tag zu beten.

Dieser Wechsel der Liegeposition findet nicht - wie ich denken würde - in der Mitte der viermonatigen kosmischen Ruhephase statt. Vishnu schläft seit हरिशयनी एकादशी - Harishayani Ekadashi. Der Name jenes Feiertags ist sprachlich genauso aufgebaut wie der des heutigen: der Elfte der Shukla Paksha (im 3. Monat des hinduistischen/nepalesischen Kalenders, Asadh) und Hari-shayani. Hari für Vishnu und shayani vom Verb शयन - shayana für schlafen gehen. Lord Vishnu befindet sich schon seit drei Monaten im göttlichen Tiefschlaf dreht sich erst heute auf die andere Seite.

Sonntag, September 20, 2026

अदुःख नवमी व्रत

Sonntag. Public holiday. Auf dem Dach wird wie wild gehämmert. Der private Sektor arbeitet, der öffentliche nicht. Weil nämlich der gestrige Verfassungstag auf einen arbeitsfreien Samstag fiel, wird der Feiertag - der freie Tag für Behörden, Schulen, öffentliche Einrichtungen - heute nachgeholt. Meines Wissens wurde vor einem knappen halben Jahr die 5-Tage-Woche eingeführt und dieser Beschluss seither nicht wieder, wie in der Vergangenheit mehrfach geschehen, zurückgenommen. Also ist auch der heutige Sonntag arbeitsfrei. Und der nachgeholte Feiertag kein solcher. 

Außerdem feiern die Hindufrauen अदुःख नवमी व्रत - adhuk nawami brat. Sie fasten schon wieder und ziehen sich festlich an, ich sehe ganze Heerscharen glücklicher junger Frauen durch unsere Straße 4 wandeln. अदुःख - adhuka bedeutet nämlich a-dukha, ohne Trauer, frei von allem Leid. दुःख - dukha ist nämlich das emotionale Leiden, Kummer, Gram, Not, die Traurigkeit. Das vorangestellte a- negiert diesen Zustand. Also dürfen alle heilfroh sein, wenigstens für einen Tag. नवमी - nawami ist der neunte (Mond-)Tag der shukla paksha, der hellen Mondhälfte. Und व्रत - brat oder vrat ist der Fasten. Es dient der spirituellen Reinigung. Wie immer. Angebetet werden die Mütter-Göttinnen Gauri (eine Inkarnation von Parvati) und Mahalaxmi (Göttin des Wohlstands, wie Laxmi). Wer 108 mal das Mantra ॐ ह्रीं महालक्ष्म्यै नमः - Om Hreem Mahalakshmy Hai Namah wird Glück und Wohlstand finden.

Ich faste nicht, betrachte aber den Mond auf dem Heimweg vom Abendbrot, er steht zu etwa 69% voll am klaren Himmel. Da gerade rundum der Strom ausgefallen ist, bin ich ihm besonders dankbar für sein Licht.  

In meinem Garten wird auch nicht gefastet. Am Morgen waren sie zu zweit da und lutschten genüsslich an der bereits etwas unansehnlichen Guave. Hier schreitet die Verwesung schnell voran. Ich lese, dass große Achatschnecken Zwitter sind. Sie berühren sich mit den Fühlern und interagieren. Erkennen sich zweifelsfrei. Artgenossen und Artgenossinnen. Tauschen Samen aus. Bald werden Dutzende, Hunderte, Tausende Achatschnecken ums Haus schleichen ...