Sonntag, August 16, 2026

Der letzte Tag des Monats

Sonntag. Der 31. Shrawan, der letzte Tag des Monats. Nach zwei vergeblichen Versuchen  (beim ersten hatte ich die Schuhe nicht dabei, beim zweiten hatte ich die Schuhe dabei und die Werkstatt war offen, aber der Schuster beim Essen, wie mir die Nachbarshutterfrau zweifelsfrei durch entsprechene Gestik zu verstehen gab) treffe ich heute den Schuster beim Arbeiten an. Er repariert mir auf der Stelle die ausgeleierten, zum Teil gerissenen Elastikbänder an insgesamt 4 Schuhen. Für die Orangefarbenen fädelt er eine Orangefarbene Fadenspule in seine Schuhmachernähmaschine. Ich warte, sitze auf einem Hocker und denke die ganze Zeit an meine emeritierte Menznauer Schuhmacherin mit ihrer Aversion gegen Näharbeiten, die sie ihr ganzes aktives Berufsleben begleitet hatte.

Der Schuster gibt mir jeden Schuh einzeln zum Anprobieren, ob er fest genug sitzt, an einem arbeitet er klaglos nach, und ich laufe schließlich überglücklich in den uralten grünen Vabenes nach Hause. Gekostet hat die ganze Sache so viel wie kürzlich das perfekte Gasherdkreuz oder eine Portion scharfe gebratene Nudeln. 

Donnerstag, August 13, 2026

Ehrgeiz

Ehrgeiz ist nicht nur sprachlich eine Art von Geiz. Im Sinne von Gier. Das Wort setzt sich aus den althochdeutschen Begriffen für Ehre (êre) und Habgier, Gier oder Geiz (gite) zusammen und bedeutete ursprünglich eine unersättliche Sucht nach Ehre und Anerkennung.

Ich habe "Beyond possible" längst ausgelesen. Ich wusste von Anfang an, dass mir dieser ältere Bruder Nims nicht sympathisch ist. Ich bin biografisch vorbelastet durch meinen echten älteren Bruder. Ich habe nie verstanden, wie man sich für das Militär, den Krieg, den sinnlosen Drill und absoluten Gehorsam bis hin zur Selbstverleugnung begeistern kann. Wie man freiwillig sein ganzes Leben in eine Militärkarriere investiert. Mein wahrer Bruder hat den Ernstfall nie erlebt, für ihn war es immer nur ein Spiel auf dem Trockenen. Aber natürlich todernst! Nimsdai hingegen war ein britischer Elitesoldat und erzählt in "Beyond possible" voller Stolz, wie er das als erster Nepali überhaupt geschafft hat. Mich interessiert das nicht. Und statt seiner Frau die Schmerzen, die er während der Ausbildung leiden musste, zu verschweigen (wie er schreibt), hätte er ihr vielleicht besser davon erzählt. Aber das ist seine Privatsache und nun eh zu spät. Nicht seine Privatsache ist, dass er das Bergsteigen in extremen Höhen, das Funktionieren in der sogenannten Todeszone (über 8000 müM) ständig mit dem Krieg vergleicht, mit Schlachten, mit bombensicheren Plänen. Sein Vokabular ist widerlich! Er funktioniert dort oben natürlich wie der oberste Befehlshaber. Was bleibt den Sherpas, den Kunden anderes übrig, als zu gehorchen? Bis zum bitteren Ende.

Krieg zu führen ist für mich keine akzeptable Lebenshaltung, denn es bedeutet immer das Gegenteil von Leben. Nämlich Tod, und Tod nicht unbedingt des Schwächeren, Tod nicht als Gerechtigkeit. Nun hat Nimsdai der Ehrgeiz das Leben gekostet. Leider nicht nur seines, sondern auch das von 9 weiteren Bergsteigern.

Die Lawine (avalanche) taucht in dem Buch von der ersten bis zur letzten Seite ständig auf. Als er das Buch schrieb (2020) war er ein absoluter Neuling, ein Grünschnabel. Hätte er auf sich selbst gehört, auf seine innere Stimme, die ihm das Wort "avalanche" immer wieder in die Hände legte und auf den Bildschirm knallte, wäre vielleicht alles anders gekommen. Die Lawine war sein Schatten, sein zweites Selbst. Die Lawine begleitete ihn überallhin. In Pakistan 2019 hatte er wahrscheinlich begründet Angst vor einem Racheakt der Taliban. Aufgrund seiner Militärkarriere bei den UK Special Forces. Dort fällt - in der Einnerung im Buch - der Satz "I've rather have died in an avalanche than in an execution". Dieser Wunsch zumindest ist in Erfüllung gegangen. Die Lawine vor zwei Wochen kam vom Broad Peak. In Pakistan. 

Mittwoch, August 12, 2026

Neumond

Von Sonnenfinsternis ist hier nichts zu sehen. Ein ganz normaler Neumond, eine ganz normale finstere Nacht. Auch von Sternschnuppenschauern ist nichts zu sehen. Es gießt gnadenlos. Eine ganz normale Monsunnacht. Das ist gut so. Der Reis unter meinem Fenster muss wachsen.

Dienstag, August 11, 2026

Karela Ko Acar

Die Ernte geht weiter. Das Gemüse übersteigt meine Kochkünste. Und meine Experimentierlaune.  

करेलाको अचार - Karelako acar. Bitter Gourd. Deutsch Bittermelone, Bittergurke oder Balsambirne. Oder eben Karela. Man kann daraus Pickle machen. Oder spicy salad. Ist sehr sehr bitter. Sehr sehr aufwändig. Wir haben das schon gegessen. Meist vorsichtige. In homöopatischen Mengen. Es ist eine der Zutaten bei Thakali. Und dort ist es auch ok. Aber in meiner Küche geht das nicht. Das runzlige Grün ist über Nacht gelb geworden und voller übermütig springender Maden. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich gebe die Gurken dem Garten zurück. Dort brechen sie in schwindellerregendem Tempo auf, zeigen ein blutrotes Inneres. Die Vögel toben vor Freude. Von den Ameisen ganz zu schweigen. 

Montag, August 10, 2026

Das weiße Huftier

Heute ist der vierte und letzte Shrawansombar. Der Monat geht seinem Ende entgegen. Die heiligen Montage schwinden.

Auch an die Geräusche in und um das Haus muss ich mich gewöhnen. Seit ich am Morgen auf dem zweiten Dach stehe, rückt alles an seinen festen Ort und in seinen feste Ordnung. Auch das Klopfen am Tag und in der Nacht. Je nach Wind und Wetter mal aufdringlicher, mal zurückhaltender. Mal heftiger, mal sanfter. Wir leben in einem Hindu-Haus. Wir haben einen Andachtsraum unter dem zweiten Dach, am Ausgang auf die Terrasse, das erste Dach. Und an der nordöstlichen Ecke das Hauses ist ein massiver Bambuspfahl aufgestellt und befestigt. Er ist höher als das Haus und seine immer dünner werdende Spitze neigt sich nach unten und wiegt m Wind. Der Bambuspfahl dient als religiöser Flaggenmast. Und die Flagge klopft, nicht der Bambus. Wahrscheinlich ist es eine Dharmafahne. Sie ist schon etwas verblichen, aber darauf reitet ein Gott auf einem weißen Pferd. Entweder ist es Kalki, der auf Devadatta reitet. Kalki ist der erwartete zehnte Avatar Vishnus, der Retter, der das jetzige finstere Zeitalter, die Kali Yuga beenden und die Welt von allem Bösen reinigen wird. Oder es ist Lord Shiva himself, und das Pferd ist kein Pferd, sondern der weiße Stier Nandi. Wie auch immer, wir sind beschützt vom Getrappel eines weißen Huftiers.

Sonntag, August 09, 2026

Die erste Ernte

Im Gemüsebeet auf dem zweiten Dach entdecke ich kleine rote, kreisrunde Chillis. Sie sind scharf wie der Teufel und es sind so viele,  dass ich sie unmöglich frisch verzehren kann. Ich muss sie trocknen. Aber wie? In der Küche gibt es viele nachtaktive Mitesser. 

Ich lerne, dass die verführerisch roten Beeren viele Namen haben: डल्ले खुर्सानी - Dalle khursani (runde Chillis); अकबारे खुर्सानी - Akbare khursani (Königschilli - nach dem Mogulkaiser Akbar) oder  ज्यानमारा खुर्सानी - Jyanmara khursani (Mörderchili - wegen ihrer tödlichen Schärfe). Es sind die schärfsten Chillis im Land. Wenn nicht überhaupt im Universum. Nepali world. Frau Sherpa hat mir schon vor langer langer Zeit die Lektion erteilt, dass nur runde Chillis wahre Chillis sind. Jetzt weiß ich warum: sie stehen auf der Scoville-Skala - dem Schärfeindex - ganz oben. Haben bis zu 350 000 SHU - Scoville Heat Units, Schärfeeinheiten, vergleichbar in etwa mit den mexikanischen Habaneros. 

Die Maßeinheit SHU ist benannt nach ihrem Erfinder, dem amerikanischen Pharmakologen Wilbur Lincoln Scoville. Mr Scoville war kein besonderer Freund von scharfem Essen, ihn trieb nur die wissenschaftliche Neugier: Wieviel schärfemachendes Capsaicin ist in welcher Chillisorte enthalten. Um dies herauszufinden, entwickelte er 1912 eine denkbar simple Methode: Das Capsaicin wird solange mit  Wasser verdünnt, bis die Schärfe nicht nur nicht mehr brennt auf den Schleimhäuten im Mund und Rachen, sondern ganz und gar aus dem menschlichen Empfinden verschwindet. Auch hat Mr Scoville in Selbsttests bewiesen, dass Milch das beste Gegenmittel gegen "Pfefferhitze" ist.

Ich habe heute vormittag um die Ecke endlich diesen shutter entdeckt : श्री कृष्ण दुघ डेरी - Shri Krishna dugh deri, Shri Krishnas Dugh Diary. Shri Krishnas Milchkäserei.

Samstag, August 08, 2026

Das zweite Dach

Wir haben ein erstes Dach, das ist die Terrasse. Sie ist riesengroß und überdacht mit einer soliden Blechkonstruktione. Darunter sitzen wir in der Nacht auch bei Regen im Trockenen und tagsüber im kühlen Schatten. Auf das zweite Dach führt vom ersten eine Wendeltreppe. Das Dach über der Terrasse ist nicht begehbar. Der Boden des zweiten Dachs ist aus massivem Beton und eine ebenso massive Brüstung schützt Kinder und Senioren vor einem Sturz auf die Straße. Nach oben ist alles offen und der Regen fällt ein, wann immer es ihm gefällt. Das ist gut so, denn es gibt ein Gemüsebeet auf dem zweiten Dach. Sowie unsere solarbetriebene Heißwasseranlage. Beides braucht die Verbindung zum Himmel. Das dritte Dach ist klein und keine Aussichtsplattform. Es gibt keine Sicherheitsmauern. Menschen sollen nur im Notfall über die schmale Leiter aufsteigen. Vögeln, Geistern oder Göttern ist der Zutriff nie verwehrt. Auf dem dritten Dach stehen zwei silberne Eintausendliter-Wassertanks. Sie weden automatisch aufgefüllt, dafür sorgt eine elektrisch betriebene Pumpe und ein Sensor. Menschen haben dort oben nur etwas zu suchen, wenn die Technik versagt und zum Beispiel die Tanks überlaufen. Normalerweise passiert das nicht und wir sind mit Wasser bestens versorgt. Es muss immer zuoberst stehen. Wegen der Schwerkraft und dem Druck in den Leitungen.

Ich beschließe, zum Sonnenaufgang aufs zweite Dach zu steigen, wenn es nicht gerade in Strömen regnet. An guten Tagen kann ich im Angesicht des schneebedeckten Zweizacks (माछापुच्छ्रे - Machapucchre, fishtail) sowie der anderen gemässigt gewölbt und geneigten Gipfel der Annapurnakette mein Morning QiGong absolvieren. The only way is up ... das war schon das Motto im ULNÖ in Krems an der Donau vor Jahren, Jahrzehnten und ist es wohl bis heute. Nun sehe ich oben zur Linken, wenn ich nach Norden stehe und nach Westen gucke, die zweitgrößte Shivastatue des Landes. Lord Giant Shiva schaut vom Pumdikot Hill auf mich herab. Und direkt daneben, auf dem Ananda Hill, leuchtet die weiße Shanti Stupa, die buddhistische Weltfriedenspagode. Auch mit der Gnade von ganz oben bin ich bestens versorgt.