Kürzlich las ich einen Artikel über die Entdeckung der Chemotherapie. Kürzlich ist relativ und in Wirklichkeit schon länger her, und eigentlich war es ein Artikel über Kriegsführung, wie er aktueller nicht sein könnte. Über Lügen, List, Vertuschung, Arroganz, Taktik, Dummheit und dergleichen mehr. Über Zufälle, die leidige Verkettung unglückseligster Umstände. Und über billigend in Kauf genommene - wie es neudeutsch so schön heißt: Kollateralschäden.
Im Dezember 1943 bombardierte die deutsche Luftwaffe den Hafen von Bari. Da war der Krieg, wie ich lese, für das Dritte Reich bereits entschieden - nämlich: verloren. Niemand (also: die Alliierten) erwartete von den Deutschen noch einen Angriff - und schon gar nicht in einem Nest in Süditalien, weit ab von der Front. Ein deutscher Aufklärer hatte aber Anfang Dezember dort eine ungewöhnlich große Konzentration von Schiffen in dem kleinen Hafen entdeckt. Das Hafenbecken war "mit 30 Versorgungsschiffen vollgestopft" und ein deutscher Luftflottenkommandeur nutzte die Gunst der Stunde. Sein Überraschungsangriff setzte eines Abends um 19:30 Uhr ein und war nach 15 Minuten beendet. Der Hafen war taghell erleuchtet gewesen, die Piloten konnten ihn aus 100 Kilometer Entfernung ausmachen, da Briten und Amerikaner wie Idioten ihre Kriegsindustrie rund um die Uhr laufen ließen. 17 Schiffe wurden versenkt, 8 beschädigt, über 1000 Soldaten und ungezählte Bewohner der Straßen und Häuser rund um den Hafen getötet. Die Explosionen der Munitionsschiffe sowie einer getroffenen Pipeline verstärkten das Inferno.
In der Nacht erreichte die Feuersäule die "John Harvey". Das Schiff ging mitsamt seiner Fracht - 100 Tonnen Chemiewaffen, u.a. flüssiger Schwefelsenf sowie 2000 Senfgasbomben - in Flammen auf. Die Matrosen, die ins Wasser gefallen waren, wurden von einer öligen Mischung bedeckt, in der sich der Schwefelsenf festsetzte. Natürlich wusste niemand in Bari von der giftigen Fracht und die, die es wussten, schwiegen tunlichst. Die aus dem Hafenwasser Geborgenen wurden falsch oder gar nicht behandelt, sie bekamen Morphium gegen den Schock. Als sie Symptome einer Gasvergiftung zeigten, wurde behauptet, die Deutschen hätten Gas abgeworfen. Als ein Experte für chemische Kriegsführung in Bari eintraf, erkannte er, dass die Verletzten Senfgas ausgesetzt waren. Aber erst als Taucher Reste der Senfgasbomben vom Grund des Hafenbeckens holten, war klar, woher das Gift stammte: aus der eigenen Küche, nämlich aus dem Frachtraum der "John Harvey". Was nicht heißt, dass die Wahrheit ans Licht kam. Nein, sie wurde fröhlich weiter vertuscht und zwar von oberster Stelle. Eisenhower und Churchill wollten Hitler keine Steilvorlage für einen Giftgaskrieg bieten. Die Krankenberichte mussten frisiert, das Senfgas eliminiert und durch "Verbrennungen durch feindliche Einwirkung" ersetzt werden. Die 600 Überlebende blieben mit ihren Langzeitqualen allein und der Bericht des Experten wurde als geheim "weggesperrt". Aber irgendein schlauer Kopf (Krebsspezialist) konnte vorher einen Blick darauf werfen und nutzte die Gunst der Stunde: er erkannte, dass Senfgas ein "Killer" war: es hatte weiße Blutkörperchen abgetötet. Der schlaue Kopf schloss daraus, dass die Killersubstanz auch als Heilmittel eingesetzt werden könnte. Bei der Behandlung von Krebs. Die Idee der Chemotherapie war geboren.