Mittwoch, April 08, 2026

grün

Auf den blauen Dienstag folgt ein grüner Mittwoch. Ab dem Mittag wird der Himmel dunkel. Es fängt an zu regnen und hört nicht mehr auf. Das ist gut so, denn im kleinen Tal zu meinen Füßen wird sofort alles grün. Ich kann zugucken, wie die Blätter aus den Bäumen schießen, wie die Sträucher wachsen und all das Grünzeug wild wuchert, das in ein paar Tagen jemand abschneidet und auf dem Rücken nach Hause trägt. So werden hier Kühe oder Ziegen gefüttert. Auch mitten in der metropolitan city

Die Kirat Völker sind Animisten. Sie glauben an die Beseeltheit der gesamten Natur, aber auch des Kosmos und des Über- und Unterirdischen, Diesseitigen und Jenseitigen und einer Geisterwelt. Das Kirat Mundhum ist ihre Bibel. Der Leitfaden für soziale Werte, spirituelle Praktiken und rituelles Wissen. Mundum bedeutet "Kraft der großen Stärke". Was kann es besseres geben? 

Dienstag, April 07, 2026

blau

Ein klarer Morgen bricht an. Blauer Himmel! Frische Luft! Gute Sicht über die ganze Stadt bis an die gegenüberliegenden Hügel. Nachdem es die halbe Nacht geblitzt und gedonnert hat, ist nun die Atmosphäre gereinigt.

Kein einziges Bike auf dem Parking. Nicht einmal das blaue. Blau ist die Farbe der RSP (Rastriya Swatantra Party), der Partei, die mit einer komfortablen Mehrheit nun das Land regiert. Deutsch würde sie etwa Nationale Unabhängigkeitspartei heißen. Was dieser Name aber bedeutet, welche Zukunftsvision er schultert oder buckelt, weiß ich nicht. Unabhängig wovon? Jede Partei hatte während des Wahlkamps ihr Symbol, das der RSP war die Glocke, das der Kommunisten eine rote Sonne, der rote Stern für die Maosten, ein grüner Baum für die Kongresspartei. Und so weiter und so fort. Kann, wer will, hier nachgucken. Nicht jedes Symbol spricht eine verständliche Sprache. Aber die Farben der bisher Mehrheitsbildenden Parteien der Alten Männer waren durchwegs feuerrot. Auch die des Kongresses. Nun kommt Blau ins Spiel. Und die Glocke. Der Parteigründer (unser Nachbar) ist ein Medienmensch, kommt vom Fernsehen. Sein Spitzenkandidat, unser Rapper, kann mit modernen (sozialen) Medien umgehen und Massen begeistern. Für die Vereidigungszeremonie als Premierminister zog er einen Astrologen zu Rate und legte seinen Amtseid zur festgelegten auspicious time um 12:34 Uhr local time ab, in Anwesenheit von 108 Batuks, 16 buddhistischen Mönchen und 7 Muschelbläsern. Die rote Opposition ätzte, für solchen Zauber sei früher nie Zeit gewesen. Das Büro des neuen PM vermeldete, seine Familie sei sehr gläubig. So bezog sie - die Familie - denn auch erst nach erfolgter vedischer Feuerzeremonie die mit positiver Energie aufgeladene Residenz in Baluwatar. 

Nun also blau und mit Glocke. Beides Symbole des Hinduismus, aber nicht nur. Blau gilt als Wohlfühlfarbe, moderat, modern, jugendlich, neutral, aufgeschlossen. Kritiker befürchten eine "dopamine government", also eine Regierung, die über soziale Medien digitale kicks ansteuert und Suchtpotentiale bedient. Und eine Regierung, die trotz erklärter Transparenz und Offenheit, eine hidden agenda hat: Hindutva in blue - oder blau. Blau als Vorhang oder Hindutva durch die Hintertür. Für Blauäugige. Mit König (einem jungen oder dem alten pretender) würde daraus wieder das Alleinstellungsmerkmal: die einzige Hindu-Monarchie im Himalaya.

Montag, April 06, 2026

Itahari

Natürlich regt sich sofort Widerstand gegen die verwegene Idee einer 5-Tage-Woche, bzw eines 2-Tage-Wochenendes. Abgeordnete der Nationalversammlung fordern die sofortige Rücknahme des Beschlusses. Sie warnen, dass durch den Behördenmüßiggang von fast 3 Tagen ("keeping employees idle for nearly three days") Chaos im ganzen Land ausbrechen werde. Ganz zu schweigen von durcheinanderpurzelnden Lehrplänen. Ich verstehe die Logik dieser "fast" drei Tage nicht. Ich weiß, dass Nepalis erstens Probleme mit dem 1x1 haben und ihnen zweitens der Freitag immer schon heilig war. Denn darauf folgt der freie Samstag.

Wir verbrachten den letzten Freitag glücklich in den Hügeln um Dharan und den freien Samstag danach im heißen Tarai, in Itahari. Wir spazierten in der Innenstadt herum, bis die Zeit reif wurde für ein kühles Getränk. Danach reisten wir ab. Flugs! 
Im Gegensatz zu jedem anderen Ort, den wir bisher gesehen haben und abgeschritten sind, stießen wir in Itahari an keiner Ecke auf einen Tempel. Es gab dafür umso mehr shoeshutters und überall Schneiderinnen und Schneider. Sowie eine Solidaritätsbekundung der Jugend von Itahari für Inisha B. (das jüngste Vergewaltigungsopfer des Landes) an der Fußgängerkreuzung. Den Text verstehe ich auch nicht. "Nepal has had ENOUGH." Nepal hatte GENUG. Wovon? Von Toten Töchtern, Toten Schwestern, Toten Müttern? Oder von Ungerechtigkeit? Und warum Vergangenheit? Wenn nicht gar Vor-Vergangenheit? Es ist doch die brutale Gegenwart.     

Natürlich gibt es auch in Itahari Tempel, aber die sind modern und pompös am Stadtrand. Nicht in Laufnähe für uns. 

Sonntag, April 05, 2026

Nachlese

Die neue Regierung beschließt ein zwei-Tage-Wochenende für Regierungsbedienstete und das Ausbildungswesen. Um der Energiekrise entgegen zu treten. Dafür soll an den 5 Arbeitstagen eine Stunde länger, nämlich schon ab 9 Uhr früh gearbeitet werden. Gilt aber erst ab morgen. Das heißt: heute wird in allen Behördenzimmern wie immer sonntags emsig gewerkelt und die Kinder gehen zur Schule. Seit aber die neue Regierung im Amt ist, also seit einer guten Woche, bleibt das schiefe Parking hinter der Budhanilkantha Municipality weitestgehend leer. Alle public holidays, die ordentlichen wie die außerordentlichen sind längst vorbei. Nur das blaue Moped (des Pförtners? der Pförtnerin?) steht jeden Tag an seinem Platz. Entweder sind die anderen Mitarbeitenden und Mopedfahrenden entlassen worden. Oder sie dürfen hier nicht mehr parken. Oder sie werden im Zuge der Benzinknappheit mit E-Bus zu Hause aufgegabelt und gesammelt zur Arbeit gefahren. Nichts davon scheint mir plausibel.  

Auf einem anderen Hügel, बिजयपुर - Bijayapur Hill im Nordosten von Dharan, wächst Bambus ohne Spitzen. Am westlichen Ufer des Sewti Khola, der bei unserem Besuch vorgestern vollkommen ausgetrocknet und versandet war, ungefähr von der Höhe des दन्तकाली मन्दिर - Dantakali Mandir nach Norden bis zum बुढासुब्बा मन्दिर - Budhasubba Mandir. Bijayapur war einst die Hauptstadt des Kirat-Königreichs. Die Kirati gelten als Ureinwohner Nepals. Oder des östlichen Himalaya. Sie sind eine indigene tibetobirmanische Volksgruppe, zu ihnen gehören die Gemeinschaften der Rai, Limbu, Yakkha und Sunuwar. Der Hügel heute und die Stadt damals sind benannt nach dem Kirat-König Bijayanarayan. Also der Narayan von Bijaya. Narayan ist eigentlich, wie wir wissen, ein Epitheton für Lord Vishnu. Also ein Name für einen Gottgleichen per se. Als Prithvi Narayan Shah (auch ein Narayan, auch den kennen wir bereits) das Reich einte, mussten natürlich alle lokalen Herrscher der kleinen Königreiche eliminiert werden. In einer Quelle lese ich, dass Prithvis Schlächter den letzten Limbu König Buddhikam Khebang von Morang "diplomatically" in der Kirat Hauptstadt Bijayapur töteten. Eine andere Quelle beschreibt die List (Versprechen auf Verhandlungen), mit der der König in die Hauptstadt gelockt und dort ermordet wurde. Man sagt, dass seine Seele seither in Bijayapur unterwegs ist. Aber die Limbu people fürchten den Geist nicht, sie sagen, er sei freundlich, friedlich und hilfsbereit. Sie verehren ihren alten König, in ihrer Sprache bedeutet Subba König. Die Tempelanlage Budha Subba ist um sein Grab herum entstanden. Und dort wächst der Bambus ohne Spitzen.

Der geht aber auf eine Legende zurück. Budhasubba (nicht der alte König, sondern eine fiktive jugendliche Figur gleichen Namens) und seine Schwester Subbini (dito) machten sich einen Spaß daraus, mit Steinschleudern auf Krähen zu schießen. Eines Tages traf Budhasubba statt der Krähe die Spitze einer Bambuspflanze. Die brach ab und seither bildet keine Bambuspflanze in der Gegend mehr Spitzen. Und die Krähen sind wunderbarerweise für immer verschwunden. Also verbuddelte Budhasubba reumütig seine Steinschleuder und meditierte bis ans Ende seiner Tage an der Stelle, an der heute (s)ein - oder des alten Königs Buddhikam Khebangs - Tempel steht. Auch die Schwester hat ihren Tempel bekommen, obwohl sie ganz ohne Schuld ist. Tempel sind für alle(s) gut. 

Samstag, April 04, 2026

Zeitmaschine

Die Zeit, die uns auf dem Hinweg scheinbar in domestic-Warteräumen verloren ging, kommt auf dem Rückweg unaufgefordert zurück. Da wir rechtzeitig am Provinzflughafen Biratnagar vorfahren - der übrigens bei Tageslichte betrachtet gar nicht so unsympathisch wirkt, daneben entsteht gerade ein mächtiges neues Gebäude - wohl für die Zukunft des Südost-Drehkreuzes -, werden wir unkompliziert auf den aktuellen Flug nach KTM umgebucht, der bereits mit "boarding" angezeigt wird. Die Maschine ist allerdings noch nicht da, vielleicht noch gar nicht gestartet in KTM. Man sieht hier alles, das Flugfeld liegt direkt vor den wenigen Stühlen im sonnenlichtdurchfluteten Warteraum, von denen wir zwei besetzen.

Wir erreichen lange vor der Zeit, vor Sonnenuntergang, vor Einbruch der Dunkelheit unser kühles house auf dem Golfutarhill. Der eigentlich für uns bestimmte Flug wird sicherlich ausfallen, oder aus Gründen der Rentabilität mit dem letzten Nachtflug zusammen gelegt. Uns kümmert das nicht mehr. Wir sitzen längst auf dem Dach und warten auf den Mondaufgang. 

Nun habe ich nämlich das Prinzip Zeit in Nepal verstanden: sie - die Zeit - pendelt. In aller Ruhe. Hin und her. Schlägt mal in die eine Richtung aus, dann wieder in die andere. 

Freitag, April 03, 2026

Holzslippers

Wir verpflichten den Fahrer für den ganzen Tag. So kann er nicht zwischendurch abdrehen. Ohne unser Wissen. Oder gar ohne uns. Wir fahren in die Hügel. Über Dharan nach Bhedetar. Leider ist die Sicht nicht optimal. Trotzdem muss ich auf den Skywalk. Eine hässliche Stahlkonstruktion. Die Besucher laufen auf Glas über dem Abgrund. Das erhöht den Blutdruck! Eigentlich sind wir auf dem Weg nach Namje zum house of spirit - आत्मा घर aatma ghar oder besser place (location) of spirit (oder soul?) - आत्माका स्थान aatmako sthan. Denn ein Haus ist es nicht, nicht einmal ein Unterstand, so ganz ohne Dach und nah unter dem Himmel. Die Straße wurde aber leider ungefähr vor der letzten Kehre ungefähr vorgestern während eines heftigen Gewitters mit Starkregen verschüttet und ist noch nicht wieder passierbar. Also drehen wir im gegenseitigen Einvernehmen ab. Und besuchen die Tempel in Dharan: Budhasubba (Bambustempel), Dantakali, Pindeshwor Shiva. Machen tapfer ein paar Schritte zu Fuß durch Dharan (die freundlichste und toleranteste Stadt Nepals mit einer stilechten Kopie des clock towers von Hong Kong). 

Dann ab nach Süden, Südwesten zum रामधुनी मन्दिर - Ramdhuni mandir, zum Tempel von Lord Ram (den hatten wir kürzlich schon) und des Waschens. राम = Ram und धुनु = dhunu wie waschen (alles mögliche: Kleider, Hände, Füße, Haare ... ). Es gibt eine Art Ampitheater, die Bühne ist aber mit Wasser gefüllt (auch wenn es auf dem Bild grün wie Gras aussieht) und in der Mitte steht auf einer Säule, mit den Füßen in einem güldenen (Wasser-)Bottich und über dem Haupt ein güldenes Dach, aufrecht und vollständig bekleidet eine grüßende Frauenfigur (nein, natürlich keine christliche Madonna). Man erzählt uns, die Gattin Rams habe hier gebadet. Beobachtet auf den Steinreihen rundum von wem? Eine andere Legende besagt, Ram habe auf diesem heiligen Gelände seine Schuhe verloren. Genauer gesagt: seine खराउ - kharau, das sind Holzslippers! Die Hindus verehren diesen Ort aus vielerlei Gründen. Unter anderem eben deshalb, weil Lord Ram hier mit bloßen Füßen herumgelaufen sein soll. Ich verstehe wieder einmal nichts. Wer Schuhe trägt (und nicht verliert), ob Plastik- oder Holzslippers, geschnürte Think's oder gelbe Regenstiefel, muss sie doch ständig von den Füßen schütteln und stehen lassen.

Donnerstag, April 02, 2026

pink moon

Purnima im Monat Chaitra. Der letzte Vollmond des Jahres 2082. Er begann nach hinduistischem Kalender gestern um 07:06 Uhr und endet heute um 07:41. Uhr. Und heute feiern die Hindus Shree Hanuman Jayanti - den Geburtstag von Lord Hanuman. Er ist der Affengott, gilt als stark, treu, klug und verschmitzt. Hanuman ist der 11. Avatar von Lord Shiva und ein, wie ich lese "Symbol unerschütterlicher Loyalität" Lord Rams - dessen Geburtstag wir letzte Woche feierten. 

Nach meinem lunar calendar wird der Mond über Kathmandu um 07:56 voll. Der Aprilvollmond heißt dort auch pink moon, egg moon, awakening moon, budding moon, breaking ice moon, paschal moon ... was das Herz begehrt. 

Wir feiern nicht Ostern, sondern verreisen heute Nachmittag. Wir fliegen von KTM nach BIR (Biratnagar) ins südöstliche Tarai. Das Land ist groß und langgezogen. Es gibt keine Eisenbahn und also (fast) keine Alternative zu Inlandflügen. Die Gewitter sind vorbei. Keine Turbulenzen am Himmel.

W hat sich vor dem Abflug schlau gemacht. Durchschnittlich sind die Domestic Departures ab TIA heute um 99 Minuten verspätet. Unser Flug ist nicht verspätet, sondern gestrichen. Wird mit einem späteren zusammengelegt. Aus logistischen Gründen. Wie das hier üblich ist. Damit nicht zwei halbvolle Maschinen den Luftraum besetzen, sondern eine gut gefüllte fliegen wir erst um den Sonnenuntergang los. Und werden belohnt mit klarer Sicht auf die schneebedeckten 6-, 7-, 8-Tausender der östlichen Himalayakette. Die Gipfel ergrauen majestätisch vor unseren Augen im Abendlicht. Und dann steigt der Vollmond über den Horizont. In güldner Pracht. Nix von pink und nix von Eisb(r)echer. Genug der Poesie.

Weil der Flug verspätet war oder unter der angegebenen Flugnummer nicht existierte, ist der Fahrer, der uns abholen sollte, wieder abgedreht. Wir warten nochmals fast eine geschlagene Stunde. Es ist heiß und feucht. Wir trinken Lassi im Airport Café. Die Moskitos erfreuen sich an uns.