Montag, Mai 18, 2026

women climber

Der neue Mond ist am Abend zu sehen, eine dünne liegend Sichel, bereits 4,9 % gefüllt!

Gestern gab es Rekorde am Everest. Lhakpa Sherpa stand um 9:30 am zum elften Mal auf dem höchsten Gipfel der Erde. Und ist - wie berichtet wird - mittlerweile gesund wieder im Base Camp angekommen. Damit hat sie ihren eigenen Rekord von 10 Besteigungen übertroffen. Keine Frau der Welt war öfter auf dem Qomolangma (wie die Sherpas den Berg nach wie vor nennen). Sie stieg acht mal von Norden, von der tibetischen Seite hoch und gestern zum dritten Mal von Süden, von der nepalesischen Seite.   

Lhakpa Sherpa war nicht die erste Nepalesin auf dem Sagarmatha, aber sie war die erste ihres Landes, die nicht nur hoch- sondern auch wieder heruntergekommen ist. Zum ersten Mal am 18. Mai 2000. 

Die erste Frau auf dem Everest war die Japanerin Junko Tabei, sie erreichte den Gipfel am 16. Mai 1975 über die Südroute. Elf Tage später kam die Tibeterin Phanthog über die Nordroute hoch. Es folgten viele Frauen, aber erst 1993 eine Nepalesin - Pasang Lhamu Sherpa. Sie starb auf dem Abstieg, keine 100 Meter unter dem Gipfel, auf etwa 8,750 Metern. An Entkräftung, wie es heißt. Und aufgrund miserabler Wetterverhältnisse.  

Ihre Geschichte, bzw. die Geschichte der ersten nepalesischen 3-Frauen-Expedition kann man hier nachlesen. Die Autorin des Buches "Forty Years in the Mountains", Lhakpa Phuti Sherpa, ist natürlich nicht objektiv und sie muss es auch nicht sein. Es sind schließlich ihre autobiographischen Aufzeichnungen aus vier Jahrzehnten, die sie mit uns teilt. Sie war Teil des Frauentrios, Pasang war ihre "Schwester", Freundin, Gefährtin. Sie glichen sich auch äußerlich, berichtet Lhakpaphuti, und wurden oft verwechselt. Auch und gerade nach dem Tod der einen. Die Erinnerung an jene Tage und Wochen zwischen dem 8. März und dem 22. April 1993 sind schmerzhaft - das Scheitern und die Katastrophe kündigten sich in mehreren bad omens, schlechten Träumen und eindeutigen Orakeln diverser Lamas an. Auch der Donnerstag war als Wochentag der denkbar ungünstigste Moment für den Gipfelsturm. Hätte Pasang einen Tag zugewartet, wäre entweder Lhakpaphuti mit ihr gegangen oder der Wetterumschwung hätte beide davon abgehalten. Letztlich - dies ist meine persönliche Interpretation von sehr umsichtig formulierten (wiewohl keineswegs congenial ins Englische übersetzten) gut 50 Seiten - zahlte Pasang ihren Preis (den höchsten, den ein Mensch bezahlen kann) für unsolidarisches Verhalten, einen egoistischen Alleingang. Sie wollte die Erste sein und den Superlativ nicht teilen! Einer der vier Sherpas, die sie auf den Gipfel brachten, blieb bei ihr. Die anderen drei bereiteten die Spur für einen sicheren Abstieg. Vergeblich. Eine traurige Geschichte!

Heute ist alles einfacher am Berg, der, wie auch immer wir ihn nennen, den Sherpas gehört. Lhakpa Sherpa war gestern zum 11. Mal oben, in Eigenregie und Eigenverantwortung, Frauenrekord! Kami Rita Sherpa zum 32. Mal als Expeditionsleiter, Männerrekord.

Sonntag, Mai 17, 2026

Schaltmondmonat

अधिकमास - Adhikmas - der zusätzliche, dreizehnte, heilige Schalt-Mondmonat im Hindukalender beginnt mit dem heutigen Neumond um 01:46 local time und dauert bis zum nächsten, am 15. Juni 08:39. Das Zeitfenster ist logisch und der Name verständlich: अधिक - adhik heißt extra, मास - mas Monat. Wie immer existieren auch dafür viele andere Namen. So heißt der Monat auch Purushottam nach Lord Vishnu oder Malamas - der Monat ohne besondere Anlässe. Wir hatten das schon.    

Dieser "leere" Monat ist von Zeit zu Zeit (ganz genau alle 32 Monate, 16 Tage, 1 Stunde und 36 Minuten) notwendig, um den hinduistischen Feiertags- und Mondkalender wieder mit dem bürokratischen Sonnenkalender zu synchronisieren. Ob das immer genau auf die Minute zutrifft, ist fraglich, denn natürlich setzt ein Komitee - Nepal Panchanga Nirnayak Bikas Samiti (Nepal Calendar Determination Development Committee) - jeweils fest, wann der Adhikmas beginnt und endet. Ausgewählt wird von den Kalendermachern immer ein Mondmonat, in dem kein Surya Sankranti stattfindet, also die Sonne nicht in ein neues Sternbild übertritt. 

Adhikmas, der Schaltmondmonat soll frei bleiben von kamya karmas, von emotions- oder geschäftsgetriebenen Tätigkeiten wie Hochzeiten, Hausbau, Geldanlagen oder anderen Investitionen, denn er bietet keinen einzigen auspicious - glücksverheißenden und erfolgsversprechenden Moment an. Man darf kein Kind zeugen, denn es könnte krank sein oder werden. Jungvermählte sollen sich für diesen Monat sogar trennen. Die Ehefrau kehrt mit Einverständnis ihres Ehemannes zu den Eltern zurück, damit ja kein Unglück geschieht. Die Gläubigen sind angehalten, sich auf nishkama karmas, selbstloses Tun, Enthaltsamkeit und spirituelle Disziplin in der Verehrung Vishnus zu konzentrieren. Wer in diesem Monat eine Pilgerreise zum Matsyanarayan Tempel unternimmt, den Tempel, der Lord Vishnus erster Inkarnation als Fisch (Matsya) geweiht ist und dort in den Wasserteich eintaucht, oder zum reinigenden Bad in die Höhe wandert, zum Gosaikunda Snan, dem höchstgelegenen und heiligsten alpinen See Nepals auf 4.380 Metern über Meer, wird bestimmt von allen Sünden befreit.

Samstag, Mai 16, 2026

Shani Jayanti

Samstag. शनिबार - sanibar in Nepali. Der Tag des Planeten Saturn शनि ग्रह - sani graha. Heute ist ein besonderer Samstag, ein besonderer Saturntag, ein besonderer Tag überhaupt. Der Mond wird heute Nacht, kurz nach Mitternacht, also eigentlich morgen neu. Aber bereits der heutige Samstag sowie die Nacht auf morgen Sonntag gelten im hinduistischen Kalender als Amavasya - mondlos. Die mondlose Zeit ist spirituell die kraftvollste für Ahnenrituale. 

Und es ist ein besonderer Neumond - an Neumond im Monat Jesh oder Jeshta (der gestern begonnen hat) wird der Geburtstag von Lord Shani - der Gott des Saturn gefeiert. Es ist Zufall - oder auch nicht - dass Shanis Geburtstag in diesem Jahr auf einen Samstag, also auf den Tag des Saturn fällt. Das verstärkt die kosmischen Energien. Wer heute innehält, fastet, meditiert, einen Tempel besucht, eine Weile unter einem Baum verbringt, Pflanzen wässert und Bedürftigen schwarze Dinge (schwarze Kleidung, schwarze Sesamsamen, schwarzes Sesamöl, schwarze Bohnen, Urad Dal usw.) aber auch Gegenstände aus Eisen, Saphir oder Glas spendet, der durchbricht negative Einflüsse des Saturn und reinigt sein eigenes Karma. Denn Lord Shani - oder Lord Saturn - der Sohn von सूर्य - Surya (Sonne) und छायाँ - Chaya (Schatten) ist der Gott der Gerechtigkeit und des Karma.  

Aber noch immer ist des Guten nicht genug: in diesem Jahr fällt Shani Jayanti, der Geburtstag Saturns am Jesh-Neumond auch zusammen mit Vat Savitri Vrat. Savitri soll der Legende nach ihren Gatten Satyavan erfolgreich von Lord Yama, dem Gott des Todes zurückerobert haben! Es ist einer der Festtage, an denen die Hindufrauen für die Gesundheit und das lange Leben ihrer Ehemänner fasten.

Freitag, Mai 15, 2026

Sithi Cha:Hre

Heute ist der Erste Tag im Zweiten Monat des nepalesischen Jahres 2083 nach Bikram Sambat. जेठ - Jeth oder etwas altertümlicher जयेष्ठ - Jayestha, was verkürzt im heutigen Alltag zu Jestha wird. Die Sprache ist vielfältig. Die Zeit auch. Die Newari feiern heute सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre ihres Jahres 1146 ihres Kalenders Nepal Sambat. Der Doppelpunkt im zweiten Wort deutet ein angehauchtes oder nasaliertes, kaum vernehmbares "n" an.

सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre wird immer an Chaturdashi im Nepali Monat Jeth, das ist der Newari Monat  Bachala, gefeiert. Chaturdashi ist der 14., manchmal auch der 13. Tag jeder Mondphase, der shukla paksha - der hellen, zunehmenden wie der krishna paksha - der dunklen, abnehmenden. Momentan befinden wir uns in der krishna paksha, übermorgen ist in Nepal Neumond. Also ist heute eher der dreizehnte als der vierzehnte Tag der abnehmenden Mondphase. Im Newari Kalender Nepal Sambat ist außerdem der aktuelle Monat Bachala der 7. Monat des Jahres und nicht wie Jeth im Bikram Sambat der zweite. Kompliziert? Nein! 

Chaturdashi, also der 13. oder 14. Tag jeder Mondphase heißt in der Sprache der Nevari Cha:Hre. Aber nur heute ist सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre. Die Newari haben ihre Brunnen geputzt und verehren heute Lord Kumar Kartikeya, den zweiten Sohn von Shiva und Parvati, Ganeshs Bruder. Nicht zu verwechseln mit Kumar Kartikeya Singh, dem indischen linkshändig orthodoxen Cricket-Profi.

Donnerstag, Mai 14, 2026

Begradigtes Gelände

Gestern am späteren Nachmittag rückte der Bagger an und entfernte innert kürzester Zeit (bis die Sonne unterging und der Regen einsetzte) alles Gestrüpp am Ende der unfertigen Straße unter meinem bescheidenen Tempel. Der Baggerfahrer in seiner Kabine wurde von einem Einsatzleiter am Boden instruiert, was von wo wohin umgebaggert werden soll.  

Tatsächlich war bis zum Feierabend die verwilderte Fläche bereinigt und begradigt. Hier stand einst der Schutthügel, der kürzlich nur halbherzig entfernt wurde, um den herum Schulkinder und Mütter täglich ihren Weg nach unten oder nach oben finden mussten, ohne sich ein Bein oder das Genick zu brechen. 

Unter dem Wildwuchs verbargen sich nämlich mehrere einstige Brunnen. Halb oder ganz verschüttete natürliche Wasserläufe, immer noch aktiv. Es ist die ganzen Monate und Jahre, seit wir hier wohnen, nie jemand in einen dieser Brunnenschächte gefallen. Die Nepali, auch in der Hauptstadt, egal ob aus der Provinz zugezogen oder nicht, jung oder alt, Frau oder Mann, scheinen Gefahren instinktiv aus dem Weg zu gehen. Der Bagger hat gestern alle Löcher mit Erde aufgefüllt. Wie nachhaltig das ist, wird sich zeigen. Heute morgen ist das begradigte Gelände jedenfalls eine riesige Matschfläche. Zu dem Wasser aus dem Untergrund kam in der Nacht das Wasser vom Himmel. Es regnete ununterbrochen, bis die Sonne wieder aufging.

Mittwoch, Mai 13, 2026

Vermintes Gelände

Es regnet fast den ganzen Tag. Die Hill-Katzen waren hier schon lange nicht mehr zu Gast. Tom ist verschwunden. Seine Hütte habe ich abgebaut und den Müllmännern übergeben. Sigi hat sich in einen anderen Teil der Siedlung verzogen. Ob sie von einem der Kater, die sie vor etwa drei Monaten tagelang belästigten, gedeckt wurde, weiß ich nicht. Ich sehe weder sie noch ihre jüngsten Nachkommen. Die Designerkatze hockt ab und zu auf dem Mäuerchen vor dem Küchenfenster. Sie schweigt nach wie vor. Will kein Futter, markiert aber rundum. Whity sieht wieder verboten aus. Die Nachbarin meinte kürzlich, so würde ihn gerne "baden". Sein Fell sei voller Ungeziefer. Das ist mir nicht neu. Aber sie fürchte, sagt sie, und ich nicke höflich, dass er sich wehren und ihre Arme zerkratzen könnte. Innerlich schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen. So etwas muss die Natur regeln. Auch an anderen Orten und bei größeren Geschöpfen. Der Kater hinkt seit in paar Tagen. Er läuft dreibeinig, die linke Vorderpfote ist böse angeschlagen und er kann sie nicht aufsetzen. Sein Timbre, einst die krächzende Stimme eines alten Mannes, hat sich seltsamerweise in die eines kranken Kindes verjüngt. Deshalb bekommt er jetzt auf Nachfrage immer einen Nachschlag. Solange er frisst, ist alles gut. Aus der Ferne sichte ich ab und zu Toms Sohn. Ich bin sicher, dass er von Tom abstammt, obwohl er das Fell der Mutter hat. Aber so wie der hier die Wege abschreitet. Mit einer Determiniertheit, die ihn unbestritten als neuen, jungen, drahtigen Chef im Revier ausweist. Und ein fast Rabenschwarzer stromert neuerdings herum, mit unterschiedlich weiß gefärbten Pfoten und ein paar hellen Flecken an den Flanken. Whity kommt mit der ungefähr genau konträren Fellfärbung daher und vertreibt den Eindringling sogar humpelnd sang- und klanglos vom Parkplatz. Die Katzen suchen dort unter den Autos Schutz vor der gnadenlosen Mittagssonne. Im Winter wärmte sich immer eine, nur eine oder einer, strategisch siegessicher auf einer der Motorhauben. In meine nahegelegene Futterzone, an die hintere Küchentür wagt sich außer der fast schneeweißen Hinkepfote niemand. Das ist nach wie vor vermintes Gelände. 

Dienstag, Mai 12, 2026

Fahnengeschichten

Gipfelgeschichten. Sagarmatha hat seinen international bekannten Namen Everest von der ehrwürdigen "Royal Geographical Society" im Jahr 1865 verliehen bekommen. Der Namensgeber, der britische Landvermesser Sir Georg Everest war nicht einverstanden, dass der höchste Gipfel der Erde nach ihm benannt wird. Berge sollten, sagte er, "einheimische" Namen tragen. Also Namen, die ihm die Menschen geben, die zu seinen Füßen leben. Die Menschen, die zu Füßen des Everest leben, hatten immer schon ihre eigenen, nämlich weiblichen Namen. Sie nennen sie, wie bereits berichtet, Sagarmatha oder Qomolangma. Sir George hat den Everest Zeit seines Lebens nie gesehen, geschweige denn vermessen oder gar bestiegen. Vermessen hat Georg Everest - lange bevor ihn Queen Victoria für seine Verdienste zum Ritter schlug - "nur" etwa 2500 Kilometer des 78. Längengrads durch Indien. Dabei ruinierte er seine Gesundheit. Everest wollte das Werk seines Vorgängers William Lambton vollenden. Aber bis hoch in den Himalaya, auf das Dach der Welt, stieß erst sein Nachfolger Andrew Scott Waugh vor. Und der wollte das Werk seines Vorgängers ehren, indem er den von ihm, dem Nachfolger, entdeckten höchsten Gipfel der Erde den Namen Everest aufsetzte.

Sir Georg starb ein Jahr später. Ich weiß nicht, ob aus Gram oder an den Spätfolgen von Malaria oder aufgrund eines Wutanfalls. Angeblich war er rechthaberisch und aufbrausend.

Am Everest und im Internet kochen heute die Emotionen über. Im Base Camp wurde eine indische Fahne gesichtet, die größer ist, als die nepalesische daneben. Dies wird als "illegale Aktivität" und Provokation gewertet. Alle sind rechthaberisch und aufbrausend. Auch im Land der Göttinnen. Die Fahnen sollen von den indisch-tibetischen Grenzpolizisten aufgestellt worden sein, im Gedenken an ihren kürzlich tragisch zu Tode gekommenen nepalesischen Bergführer Lapka Dendi Sherpa.