Dienstag, September 22, 2026

Seitenwechsel

Gläubige Hindus können fast täglich fasten und feiern. Heute ist हरिपरिवर्तिनी एकादशी - Hariparivartini Ekadashi. Ekadashi hatten wir schon öfters mal, das ist immer der elfte Tag einer Mondphase. Diesmal der hellen, zunehmenden, shukla paksha. Im derzeit 6. Monat des nepalesischen Jahres, Ashoi. Das andere unverständliche Wort ist so unverständlich nicht: Hari-parivartini. Hari ist so etwas wie Shri für Lord, oder Gott, beide natürlich besonders geeignet für Lord Vishnu: Shri Hari Vishnu. Und parivartini kommt vom Verb परिवर्तन - parivartan für ändern (die Position), sich drehen, wenden. Heute ist der Tag, an dem der im Milchozean 4 Monate lang seelig schlummernde Vishnu sich von der linken Seite auf die rechte dreht! Grund genug, auf Reis, Getreide jeder Art und Bohnen zu verzichten und den ganzen Tag zu beten.

Dieser Wechsel der Liegeposition findet nicht - wie ich denken würde - in der Mitte der viermonatigen kosmischen Ruhephase statt. Vishnu schläft seit हरिशयनी एकादशी - Harishayani Ekadashi. Der Name jenes Feiertags ist sprachlich genauso aufgebaut wie der des heutigen: der Elfte der Shukla Paksha (im 3. Monat des hinduistischen/nepalesischen Kalenders, Asadh) und Hari-shayani. Hari für Vishnu und shayani vom Verb शयन - shayana für schlafen gehen. Lord Vishnu befindet sich schon seit drei Monaten im göttlichen Tiefschlaf dreht sich erst heute auf die andere Seite.

Sonntag, September 20, 2026

अदुःख नवमी व्रत

Sonntag. Public holiday. Auf dem Dach wird wie wild gehämmert. Der private Sektor arbeitet, der öffentliche nicht. Weil nämlich der gestrige Verfassungstag auf einen arbeitsfreien Samstag fiel, wird der Feiertag - der freie Tag für Behörden, Schulen, öffentliche Einrichtungen - heute nachgeholt. Meines Wissens wurde vor einem knappen halben Jahr die 5-Tage-Woche eingeführt und dieser Beschluss seither nicht wieder, wie in der Vergangenheit mehrfach geschehen, zurückgenommen. Also ist auch der heutige Sonntag arbeitsfrei. Und der nachgeholte Feiertag kein solcher. 

Außerdem feiern die Hindufrauen अदुःख नवमी व्रत - adhuk nawami brat. Sie fasten schon wieder und ziehen sich festlich an, ich sehe ganze Heerscharen glücklicher junger Frauen durch unsere Straße 4 wandeln. अदुःख - adhuka bedeutet nämlich a-dukha, ohne Trauer, frei von allem Leid. दुःख - dukha ist nämlich das emotionale Leiden, Kummer, Gram, Not, die Traurigkeit. Das vorangestellte a- negiert diesen Zustand. Also dürfen alle heilfroh sein, wenigstens für einen Tag. नवमी - nawami ist der neunte (Mond-)Tag der shukla paksha, der hellen Mondhälfte. Und व्रत - brat oder vrat ist der Fasten. Es dient der spirituellen Reinigung. Wie immer. Angebetet werden die Mütter-Göttinnen Gauri (eine Inkarnation von Parvati) und Mahalaxmi (Göttin des Wohlstands, wie Laxmi). Wer 108 mal das Mantra ॐ ह्रीं महालक्ष्म्यै नमः - Om Hreem Mahalakshmy Hai Namah wird Glück und Wohlstand finden.

Ich faste nicht, betrachte aber den Mond auf dem Heimweg vom Abendbrot, er steht zu etwa 69% voll am klaren Himmel. Da gerade rundum der Strom ausgefallen ist, bin ich ihm besonders dankbar für sein Licht.  

In meinem Garten wird auch nicht gefastet. Am Morgen waren sie zu zweit da und lutschten genüsslich an der bereits etwas unansehnlichen Guave. Hier schreitet die Verwesung schnell voran. Ich lese, dass große Achatschnecken Zwitter sind. Sie berühren sich mit den Fühlern und interagieren. Erkennen sich zweifelsfrei. Artgenossen und Artgenossinnen. Tauschen Samen aus. Bald werden Dutzende, Hunderte, Tausende Achatschnecken ums Haus schleichen ... 

Samstag, September 19, 2026

Regenwaldterrarium

Es regnet seit dem frühen Morgen. संविधान दिवस - Samvidhan Diwas. Tag der (jungen) nepalesischen Verfassung. Landregen. Beständig. Sanft. Beruhigend. Beherzt greife ich zum बाबियो कुचो - babiyo kuco, zu dem harten nepalesischen Besen, den uns die landlords in weiser Voraussicht hinterlassen haben. Aussen herum tun diese Besen tatsächlich gute Dienste, drinnen will ich keinen haben. Nicht einmal einen weichen. Staubaufwirbler. 

Ich fege also mit dem robusten Wildgrasbesen (er könnte aus Khar Gras sein, oder eben aus babiyo - Eulaliopsis binata) und dank des Regenwassers, das mir von allen Seiten frisch zuläuft, Erde, Sand und Kies, den uns die Nachbarbaustellen bescheren, erfolgreich von der Auffahrt. In die Gosse. Dann entstaube ich die Fahrräder und poliere die Eingangsstufen. Zum Dank zeigt sich die Große Achatschnecke beim Frühstück. Sie ist offenbar zufrieden mit Regen, Garten, den Göttern und der Welt. Knabbert, lutscht an einer von Nachbars Baum heruntergeplumsten, bereits angebissenen Guave.

Meine Eidechsen, die sich lieber in der Sonne zeigen, aber keine Hauswände elegant hoch- und hinuntergleiten können wie die Achatschnecke, gehören vielleicht zu den Scharlach-Gartenagamen, zu den orientalischen Garteneidechsen. Die, die kürzlich unter meiner Kehrschaufel in den Himmelfand, könnte eine Sägerückenagame gewesen sein. Andernorts (lese ich und mir sträuben sich die Nackenhaare!) werden solche Tiere für teuer Geld in heimische Regenwaldterrarien gesetzt. Wegen "Stressanfälligkeit und Agressivität untereinander" wird aber Einzelhaltung "dringend" empfohlen. Ich zeige meine hier noch ein letztes Mal. Das Bild habe ich, ohne zu ahnen, wie nahe das Ende schon ist, wenige Stunden vor ihrem Tod gemacht. Noch hatte sie die Kraft, mir ihren wunderbar gezackten Nackenkamm sowie ihren langen langen Schwanz zu präsentieren. Und mich anzublinzeln.

Freitag, September 18, 2026

Straßenlaternenanzünder

Die Sonne geht bei uns wenige Minuten nach 18 Uhr unter. Die Dämmerung ist kurz. Die Strassenlaternen müssen immer noch bei Tageslicht angeknipst werden. Derzeit also spätestens um 18:15 Uhr. Die Nachbarin von gegenüber läuft auf die Straße und drückt den Schalter. 

Wir hatten den Mo:Mo-Koch schon unzählige Male dabei beobachtet, wie er seinen Herd verlässt, über die Straße schreitet - er tut alles mit der gebührenden Würde! - und drüben die Laterne anknipst. Weil sie nicht nur der Straße sondern auch seinen Imbiss beleuchtet, dachten wir, das sei vielleicht in seinem (Geschäfts-) Sinne, dass das Licht rechtzeitig angeht. Und wir essen Mo:Mo's immer zu Sonnenuntergangszeit. Mittlerweile weiß ich aber, weil ich es rundum sehe, dass das alle tun. Straßenlaternenanzünden ist hier offenbar Pflicht der Hausbesitzer oder Mieter, jener, die das Pech oder Glück haben, an einem Straßenlaternenpfahl zu wohnen.

Am Morgen geschieht alles in umgekehrter Reihenfolge. Derzeit geht die Sonne kurz vor 5 Uhr auf. Das heißt, die Lampen könnten gegen 4:45 ausgeschaltet werden. Nicht jede(r) mag da im Schlafanzug schon auf die Straße treten. Die Nepali treiben ihren Frühsport allerdings bereits im Dunkeln und ich habe schon Jogger von obersten Dach aus gesehen, die die ganze Straße 4 runtertraben auf dem Weg zu den Summer Falls, und jedes Licht ausmachen. 

Wer für Reparatur und Auswechseln der Birnen zuständig ist, weiß ich nicht. Gestern versmmelten sich vor dem Pfahl gegenüber drei Männer und eine Leiter. Die Laterne erleuchtet auch mein Schlafzimmer, und wenn sie nicht brennt, stört es wenn sie nicht brennt nicht. Sie fällt immer wieder aus, auch wenn der Strom fließt. Jemand wollte sie nun reparieren. Erstmal blieb der Erfolg - das Licht! - aus.

Donnerstag, September 17, 2026

rosige Ingwerknollen

असोज - Ashoj. Oder Ashwin. Der 6. Monat im nepalesischen Kalender beginnt. Das halbe Jahr ist bald um - oder schon um, denn wir hatten ja den adhikmaas, Schaltmondmonat. Heute ist Ashwin Sankranti, die Sonne titt in das Sternzeichen Jungfrau ein und die heißt in der vedischen Astrologie Kanya Rashi. Und heute ist Bishwokarma Puja. Bastu Diwas. Lord Bishwokarma wird geehrt, der Experte für traditionelle und göttliche Architektur, der allmächtige Schöpfer des Universums. Weltliche Bauherren, Handwerker und Handlanger begehen den Bastu-Diwas, den Tag des Bauens. Und gebaut wird wahrlich genug in diesem Land! Wer eine eigene Werkstatt hat, verehrt heute seinen Arbeitsraum und betet die Hand-Werkzeuge und die elektrischen Maschinen an - damit sie für den Rest des Jahres ohne zu stottern funktionieren.      

Der 1. Ashoj fällt bereits zum dritten Mal in Folge auf den 17. September. Daraus leite ich nun eine für mich allgemeingültige Gesetzmäßigkeit ab. Ab sofort feiern wir nicht mehr den 17.9., sondern den 1.6. Der zweite Jahrestag unserer Ankunft in Nepal, der Beginn des dritten Jahres. Am Nachmittag fällt wie aus dem Nichts heftiger Regen. Es schüttet bis in die Nacht hinein erbarmungslos vom Himmel. Die Arbeiter zur Linken oder zur Rechten, je nach dem, wo wir stehen, machen früher Feierabend. Das haben sie ihrem Patron, Lord Bishwokarma zu verdanken. Die gegenüber auch. Und so kommen wir unverhofft zu ein bisschen verdienter Ruhe. W meinte kürzlich, der Monsun sei so gut wie vorbei. Aber Irren ist menschlich. Und das Wetter launisch.  

Zwei Jahre Nepal. Das ist kein Grund, Bilanz zu ziehen. Man sagt, Ausländer würden übers Ohr gehauen. Wo immer es nur geht. Das mag sein und ist überall auf der Welt so. Hier vielleicht im Großen (indem man uns einen zur zu einem Viertel vollen Gaszylinder ins Haus liefert). Im Kleinen nicht. Kürzlich kaufte ich beim Obsthändler meines Vertrauens eine Papaya. Sie war schwer und reif, saftig und süß. Er wollte 240 Rupees haben. Ich reichte ihm zwei 100er und einen 50er. Passender hatte ich es nicht. Er gab mir einen 20-Rupee-Schein zurück und ich sagte: that's too much! Er lachte: You know nepali money!

Yes! I know nepali money. पैसा - paisa! Ich bin keine Anfängerin und schon gar keine zufällig Vorbeigekommene, die man bedenkenlos betrügen kann, weil sie nie wieder auftaucht. Ich kaufe bei dem Mann seit bald drei Monaten Obst und Gemüse. Bekomme immer 7 Bananen, wenn ich 6 will. Und ab und zu eine Handvoll Chili. In letzter Zeit hat er riesige rosige Ingwerknollen, denen ich nicht widerstehen kann.

Mittwoch, September 16, 2026

रसुवागढी

रसुवागढी - Rasuwagadhi, die Endstation von NH 42 an der Grenze zu China, war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Bollwerk. Jung Bahadur Rana ließ die massive Steinfestung 1855 während des dritten Nepal-Tibet-Krieges errichten. गढी - gadhi ist die Festung, रसुवा - Rasuwa ihr Name. Jung Bahadur Rana war ein adliger Militärführer, der nach dem Kot-Massaker 1846 die Macht im Lande übernommen, sich selbst zum Premierminister ernannt und damit die autokratisch regierende Rana-Dynastie begründet hatte. Die Könige im Königreich spielten fortan, während genau 104 Jahren bis 1950 politisch keine Rolle mehr. Sie durften höchstens noch bei offiziellen Anlässen eine bunte Kulisse abgeben.

Bis auf den letzten Stein hat die Bhadrasturzflut das historische Fort weggespült bzw unter Tonnen von Schlamm und Geröll begraben. Mitsamt aller moderneren Gebäude, den Büros der Zoll- und Grenzbehörden auf nepalesischer und tibetischer/chinesischer Seite, der Miteri Freundschaftsbrücke, dem NH 42, dem Rasuwagadhi-Wasserkraftwerk (111 MW Rasuwagadhi Hydropower Plant, kurz RHPL). Die meisten Menschen, die an dem Grenzposten diesseits und jenseits beschäftigt waren oder sich dort zur Abfertigung von Ein- oder Ausreiseformalitäten aufhielten, viele Pilger auf dem Weg zum oder vom Kailash, sind umgekommen oder werden vermisst. Gelten, solange keine Leichen gefunden und zweifelsfrei identifiziert sind, als out of contact.  

Wieviele Ingenieure, Techniker, Arbeiter sich in den unter- und oberirdischen Anlagen der 13 Wasserkraftwerke entlang des Trishuliflusses im Rasuwa District und Nuwakot Distrikt befanden, kann niemand sagen. Ungeachtet der Unfähgikeit der Nepali, mit Zahlen umzugehen, gab es offenbar auch keinerlei Arbeits- oder Einsatzpläne, keine Übersicht, wer wann wo was tut, keine Ein- und Ausgangskontrollen an den Tunneleingängen. Welcher Art auch immer. Vermisst werden nach wie vor um die 900 Mitarbeiter:

Upper Trishuli-1: vermisst 439, gerettet: 1 chinesischer Mitarbeiter, geborgen: 39 Leichen aus dem Tunnel "Audit 3"

Upper Trishuli-3A: vermisst 39, gerettet 2 Arbeiter, geborgen 1 Leiche  

Upper Trishuli-3B: vermisst 178

Rasuwagadhi Hydropower Plant: vermisst 93

Rasuwa-Bhotekoshi: vermisst: 3

Langtang Khola: vermisst 39, gerettet: 19 Arbeiter, geborgen: 2 Leichen

Chilime: vermisst 1, geborgen: 5 Leichen 

Mailung Khola: vermisst 7

Madhye Trishuli Ganga: vermisst 2

Trishuli Hydropower: vermisst 3

Zudem werden zahlreiche Mitarbeiter vermisst von der Devigath Hydropower Station, vom Trishuli-3B hub, vom Rasuwa Verteilzentrum und von der Chilime-Trishuli Übertragungsleitung.  

Dienstag, September 15, 2026

Indischer Wassernabel

Ich habe hier so etwas wie eine Hausapotheke. Draußen vor der Tür. Im Garten. Und auf dem zweiten Dach. So etwas wie eine Ayurvedakräuterplantage. Wildkräuter, von denen ich selbstredend keine Ahnung habe. Und wann ich immer ich AI frage, kommt sinngemäß als Antwort "staple remedy" (Hausmittel, Grundheilmittel, traditionelles Allheilmittel) im Ayurveda.   

Heute also घोडटाप्रे oder घोडताप्रे - Ghodtapre. Centella asiatica. Gotu kola, Tigergras oder Asiatic Pennywort. Ein Pennywort ist kein Wort sondern ein wuchernder Bodendecker. Ein natürliches Heilkraut, indischer oder asiatischer Wassernabel, Wassernabelkraut, Sumpfwassernabel, floating pennywort - Schwimmender Wassernabel - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Spatenblatt, Schaufelblatt. Ich glaubem, ich geh noch ein bisschen graben und lasse einfach alles wachsen. 

Heute ist Rishi Panchami, ein traditionelles Reinigungsritual für  Frauen. Sie reinigen sich von den Sünden des ganzen Jahres (falls sie mal menstruierend doch die Küche betreten haben, oä). Sie beißen 365 x auf einen Datiumzweig (Achyranthes aspera - das kauen dient natürlich nach Ayurveda auch der Zahngesundheit und Mundhygiene, hilft einer trägen Verdauung auf die Sprünge) und tauchen rituell 365 x ihre diversen Körperteile ins Wasser - einmal für jeden Tag des Jahres. Da ihnen der Zutritt zur Küche heute verboten ist, kochen die Männer. Sie bereiten den traditionellen कर्कलो भात -  karkalo bhat zu. भात - bhat = Reis. कर्कलो - karkalo = Curry aus den jungen, zarten Blättern und Stängeln der Taro-Pflanze.