Dienstag, November 03, 2026

Reisreifezeit

Die Nacht war feucht, der abnehmende Mond trifft in der Früh Mars, bevor der Morgennebel Himmel und Erde verschluckt. Einige fangen trotzdem an, die umgewehten Halme zu schneiden und sie ordentlich zum Trocknen auszulegen. Es ist wahrscheinlich früher reifender Reis. Die meisten lassen die Felder, wie sie sind. Verwüstet, geknickt, in Wellen und Tälern. Von Wind und Regen gepeitscht. Postmonsun. 

Gegen Mittag hat die Sonne den Nebel verschluckt und HImmel und Erde wieder freigegeben. Ein Viertel des Reisfeldes bleibt einen Tag lang stehen. Liegende Halme brauchen mehr Platz als stehende. Wenn sie geschnitten sind, sehe ich, wie ordentlich angepflanzt wurde. Und wie ordentlich jetzt geschnitten ist.

Der eigentliche Frühreis heißt चैते धान - Chaite Dhan. Das ist der Frühlingsreis, der vor dem Monsun geerntet wird und entsprechend früh, im Monat Falgun (= Februar/März) ausgesät, im Chaitra (= März/April) umgepflanzt und im Asar (=Juni/Juli) geerntet wird. Er hat den Namen चैते धान - Chaite Dhan nicht vo, Zeitpunkt der Ernte, sondern vom Zeitpunkt des Umpflanzens bekommen. 

धान Dhan ist ungekochter, roher, ungeschälter Reis - Körner, die direkt vom Feld kommen. Im Gegensatz zu भात - Bhat, gekochter Reis den wir tagtäglich im Nationalgericht दाल भात - Dalbhat (dünne Linsensuppe mit Reis und diversen Zutaten) zu uns nehmen.

Was jetzt umgeknickt auf den Feldern vor meinem Fenster liegt ist बरखे धान - Barakhe Dhan. Monsunreis. Ein schöner Name! Der wird vor dem Monsun ausgesät, vor dem ersten starken Monsunregen umgepflanzt, damit er mit dem Monsun wachsen kann, und nach dem Monsun - also jetzt, gestern, heute oder morgen - geerntet. Meist erst nach Dashain und Tihar, da zu den ausgedehnten Festivalzeiten keiner arbeiten will.

Montag, November 02, 2026

Essenszeit

Der Mond hat deutlich abgenommen, ist ein 22 Tage alter waning gibbous, wie ich mir sagen lasse, steht aber unverhofft so hell über mir, in einer geraden Linie über Mars, Jupiter und Regulus, dass er meinen Blick geradezu magisch nach oben, in den Nachthimmel zieht. Es ist rundum noch stockfinster und ruhig, ich auf den Beinen. Die hintere Küchentür öffne ich aus lauter Gewohnheit, bis mein Wasser kocht, um nach dem Rechten oder den Schnecken zu sehen, oder ganz anderen Tieren. Regulus ist der Alpha Leonis, der hellste Stern im Sternbild Löwen, das "Herz des Tieres", wie ich später, bei Tageslicht lese, aber welchen Tieres? Frage ich mich da. Der Mond liegt wie eine Schaukel über mir. 

Als die Sonne über den Horizont gekrochen kommt, bereits deutlich südöstlich, stehe ich auf dem zweiten Dach und der Mond immer noch über mir. Als Nachtlager taugt er nun nicht mehr, die Schaukel ist gekippt. Wie ein Zeiger der Uhr, erklärt W. am späten Vormittag, endlich aus dem Bett gekommen. Der dreht sich auch im Laufe eines Tages oder einer Stunde. Und wäre an seinem Ende eine volle Suppenkelle befestigt, müsste irgendwann der leere Teller darunter stehen und den Inhalt aufnehmen. Denn dann ist Essenszeit, sage ich. 

Sonntag, November 01, 2026

Kartoffeln

Ein Morgen wie November. Neblig, feucht, undurchsichtig. Dies, obwohl die Nacht sternenklar war und wir mitten im Monat Kartik sind. 

Ein Mittag wie Sommer. Die Wolken liegen noch tief, die Sonne steht schon hoch. Die Annapurna schält sich aus dem Nichts. Nichts ist einfacher als das. Klare Sicht, blauer Himmel.

Ein Abend wie Ausflug. Wir fahren mit den Fahrrädern zu Monalisa. Ich esse फापरको ढिँडो थकाली - Faparko Dhido Thakali (Buchweizengrütze Thakali), W das übliche Reis Thakali, dafür mit allem drum herum, Huhn, Fisch, Mutton. Danach nehmen wir ein Kilo goldgelbe, saftige, süße Mustang Äpfel mit nach Hause. Einen Geviertelten haben wir bereits zum Nachtisch verzehrt. Ein riesiger Berg Kartoffeln aus Mustang liegt auch zum Verkauf vor dem Restaurant. 

Samstag, Oktober 31, 2026

Die Kehrseite

Ein Samstag wie Dithmarschen. Wochenende. Bei dem Wetter arbeitet keiner. Es regnet den ganzen Vormittag ohn' Unterlass. Der Strom fällt stundenlang aus. Am Himmel nur grau. Am Boden Grün in Gelb- und Brauntönen. Der Wind hat die schweren Ähren der Reisfelder über Nacht geschüttelt, zerrupft und zerzaust. Vielleicht stehen sie wieder auf, wenn die Sonne wieder kommt. 

Im Norden Bhutans ist vorletzte Nacht der Shintaphu Tsho geborsten. Übergelaufen. Ausgebrochen. Ein durch eine Endmoräne aufgestauter Gletschersee im Hochgebirge Laya Gewog. Einer von 17 als instabil und gefährlich eingestuften Gletscherseen des Landes. In Nepal gibt es Dutzende ebensolcher. Eine Sturzflutwelle von schätzungsweise 7,4 Millionen Eiswasser ergoss sich in den Mo Chhu und seine Seitenarme. Die Bewohner aus der Region konnten rechtzeitig gewarnt und evakuiert werden. Auch in den angrenzenden indischen Bundesstaaten Assam und Westbengalen gab es akuten Flutalarm, über 10 000 Menschen wurden vorsorglich in Sicherheit gebracht.

Das ist die Kehrseite der Leben spendenden Himals, des ganzjährig schneebedeckten endlosen Himalayagebirges. Meiner alle mit Nahrung versorgenden Annapurna, der Mutter des Überflusses. Früher sicherte das Schmelzwasser den Bauern im Tal das Überleben, es war zuverlässig, kam pünktlich und gut dosiert, garantierte eine reiche Ernte. Heute ist es unberechenbar. Unbeherrscht. Fuchsteufelswild.

Am Mittag ist der Spuk - der Dithmarschenblues - plötzlich vorbei und die Sonne scheint, als wär' nichts gewesen.

Freitag, Oktober 30, 2026

Arnab

Ein Freitag wie Dithmarschen. Der Morgen ist grau. Die Annapurna trägt Schleier. Ab dem Mittag regnet es, nicht stark aber beständig. Zyklon Arnab trifft uns nicht direkt, aber seine Begleiter. Arnab ist in meinen Ohren ein ungewöhnlicher Name, irritierend und faszinierend zugleich. Ich lese, dass Bangladesh diesen Namen eingereicht hat. Er stand auf der Liste für tropische Wirbelstürme im Nördlichen Indischen Ozean und wurde vom Indischen Meteorolischen Dienst vergeben. Arnab ist ein männlicher Vorname und kommt wie alles in diesen Teilen der Welt aus dem Sanskrit. Arnabs sind beliebt im Bengalischen, Odia und Assamesischen. Sie bringen etwas Unendliches mit sich, Tiefe und Weite wie das Meer.

Hier unten regnet es, weiter oben fällt Schnee. Das ist gut für die Himals.

Donnerstag, Oktober 29, 2026

Kartik

Es ist schon der 12. Kartik - aber vorher kam ich nicht dazu. Zu erklären, dass dies mein neuer Lieblingsmonat ist. Früher war es der Oktober, dessen zweite Hälfte die erste des Kartik überlappt. Mehr Gemeinsamkeit ist aber nicht. Angekommen sind wir vor zwei Jahren am 1. Ashwin. Der Kartik war der zweite Monat in Nepal, aber der erste, dessen Name ich mir merken konnte. 

Kartik ist der heiligste, der energetisch kraftvollste und spirituell, wie es heißt, "ertragreichste" Monat im hinduistischen Kalender. Kartik wird von modernen Meistern mit "Schlussverkauf" verglichen - schon die kleinste Geste der Hingabe, wie das tägliche Anzünden einer Öllampe, wird tausendfach belohnt und bringt spirituell reiche Ernte. Kartik gilt als Damodara-Monat, und ist eng mit Radha und Krishna verbunden. Gott - in Form von Damodara - ist besonders zugänglich. Dann erwacht im Monat Kartik Vishnu aus seinem viermonatigen kosmischen Schlaf im Milchozean. Am Kartik-Vollmond (Kartik Purnima) erscheint er als Matsya Avatar - als Fisch-Inkarnation und rettet so die Schöpfung. Lord Shiva, sein Kollege, besiegt an demselben Vollmond den Dämon Tripurasura und rettet so die Götterwelt. Damit ist fast alles vor dem Untergang gerettet und die Hindus feiern Kartik Purnima als Lichterfest der Götter, als Dev Diwali. Der zunehmenden Dunkelheit auf Erden wirken sie aber mit allerhand Lichterfesten und tausenden nervös zitternden und in allen elektrisch verfügbaren Farben schillernden Lichterketten auch für sich selbst entgegen. Tihar oder Diwali fällt immer in den Monat Kartik. Wenn draußen kein oder immer weniger Licht ist, wird das Licht innen angezündet.

Mittwoch, Oktober 28, 2026

Setibeni

Setibeni liegt westlich von Pokhara am Ufer des Kali-Gandaki. Durch Pokhara fließt der Seti-Gandaki. Der eine Fluss ist der Schwarze, der andere der Weiße. Beide fließen kurvenreich von Nordwest nach Südost. Solche Konträrnamen für Flüsse gibt es auch andernorts auf der Welt. Meist hat die parallele Namensgebung geografische oder geologische Gründe. Der Schwarze, der Kali-Gandaki trat vor einem Monat nach tagelangen heftigen Regenfällen über die Ufer und nahm halb Setibeni mit sich. Das Zentrum, den Marktplatz und alle für Dashain bereits gut gefüllten Shutters, die Zufahrtsstraßen, zwei Brücken und 50 Wohnhäuser. Auch die Nachbargemeinden verschonte er nicht, riss 30 Häuser aus Bihadi und 20 aus Galyang fort. Er zerstörte die massive Brücke zwischen Mirmi und Harmichaur und damit die einzige Verbindung zwischen den drei Distrikten Parbat, Syangja und Gulmi. 

An der Grenze dieser drei Distrikte liegt am Kali-Gandaki ein riesiger Monolith, ein Shaligram Shila. Für gläubige Hindus sind diese Steine heilig, sie erkennen darin eine Manifestation Vishnus. Der Shaligram Shila von Setibeni gilt als größter weltweit. Ein viel bescheidenerer liegt bei uns um die Ecke im Ram-Tempel von Birauta. Shaligrams sind prähistorische Ammoniten-Fossilien, lese ich, aus dem ehemaligen Tethys-Meer. Als der Himalaya sich zu heben begann, gelangten solche Brocken in die Gandaki Flüsse, in den Kali und und den Seti. Strömung und Zeit schliffen sie rund. Der Monolith von Setibeni ist seit Jahren bedroht. Hinter der Staumauer des 7 Kilometer südlich gelegenen Wasserkraftwerks Kaligandaki A lagern sich Unmengen von Sedimenten ab, Sand, Steine, Geröll, Felstrümmer. Das Flussbett steigt kontinuierlich an und der heilige Shaligram Shila, den Scharen von Pilgern aufsuchen, um ihn mit einer Pradakshina (drei Umkreisungen im Uhrzeigersinn) zu verehren, ist dabei, in diesem Schutt zu verschwinden. Während des Monsuns versinkt er regelmäßig für Monate ganz unter Wasser und in trockenen Monaten ragt mittlerweile nur noch der oberste Teil aus dem Wasser.

Die Kali-Gandaki-Flut hat ihn nicht mitgenommen. Er ist schwer von der Stelle zu bewegen. Aber sie hat alle Zugangswege verschüttet. Seitbeni ist seither verwaist und der Shaligram unerreichbar.