Sonntag, Oktober 04, 2026

जितिया पर्व

Heute ist Feiertag und ich habe endlich die Uhr im blog auf Pokhara gestellt. Feiertag nur für Frauen, und nur für die,  die sich an die Regeln der  जितिया पर्व - Jitiya Parba halten. Das bedeutet heute: Fasten. Strenges, so genanntes निर्जला - nirjala-Fasten, nir heißt ohne, und jala in diesem Kontext Wasser. Verzicht auf alles, auch auf Flüßigkeit. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang ohne Wasser und Nahrung. Für das Wohl der Nachkommen, der Kinder. Betrifft also nur Mütter. Im besten Falle sind sie auch verheiratet, muss aber nicht sein. Wenn sie einer bezahlten Arbeit nachgehen, dürfen sie heute zu Hause bleiben. Und fasten.

जितिया पर्व - Jitiya Parba dauert, wen wundert es denn, drei Tage lang. Gestern war der erste Tag, Saptami, der 7. Tag nach Vollmond: Nahai Khai - bade und esse! Die Mütter nehmen ihr Reinigunsgsbad und verzehren am Abend die letzte vollständige Mahlzeit. Heute ist der wichtigste, zweite, mittlere Tag. Ashtami, der achte Tag der abnehmenden Mondphase: Khar Din - der Tag des Kahr-Grases (wir hatten das schon, ein robustes Wildgras). Die Mütter fasten den ganzen Tag und beten die ganze Nacht. Morgen ist der dritte Tag, Navami, der neunte Tag: Parana - Der Tag des Fastenbrechens, die Mütter trinken, essen und beten.

Ich gehöre nicht dazu, aber immerhin bin ich verheiratet. Fasten muss und kann ich nicht. In meinem Alter! Bei meinem BMI. Frei habe ich sowieso (fast) immer. Ein kühler Morgen bricht an nach dem gestrigen Gewitter. Ich rette viele Regenwürmer vom zweiten Dach vor dem Verdursten und Austrocknen. Sie haben sich im Regen in der Nacht auf den Betonboden verirrt und kriechen verzweifelt über den harten Boden auf der Suche nach weicher Erde, in die sich mit dem heller werdenden Tag eingraben können. Ich fege sie auf mein himmelblaues Kehrblech, sie krümmen sich erschrocken, wissen nicht wie ihnen geschieht, bis ich sie ins Gemüsebeet werfe. Dort brauche ich sie noch! Ehe sie von den Ameisen zu Tode gequält (alles schon gesehen) oder von hungrigen Mamulastelzen aufgegriffen werden.

Samstag, Oktober 03, 2026

Temperatursturz

In der Zeitung steht, der Monsun würde sich seit heute früh zurückziehen. Die Monsunwinde haben an Kraft verloren, die Wolken lösen sich auf. Zuerst über Sudurpaschim und Karnali. Das sind die beiden westlichsten Provinzen. Bis der erklärte Rückzug bei uns und weiter im Osten ankommt, dauert es vielleicht noch ein oder zwei Tage. Tagsüber ist es sehr heiß. Drückend. Und mitten im Nachmittag geht ein heftiges Gewitter über unseren Köpfen nieder. Temperatursturz. Der nachfolgende Regen dauert bin in die Nacht.

Freitag, Oktober 02, 2026

Mülltag

Der Müll wird abgeholt. Warum gerade heute, weiß nur Shiva auf dem obersten Dach. Als wir nach Pokhara gezogen sind, an einem Freitag wie heute, erklärte mir der landlord, das Müllauto käme "ungefähr alle zwei Wochen". Ich fragte nicht, was das bedeute. Die Antwort kenne ich. Er beruhigte mich aber: ich werde es nicht überhören, nie. Seither bin ich auf der Hut! Eine Woche später kam tatsächlich ein laut tutendes Gefährt, das über Lautsprecher auch Text und Musik verbreitete. Vom Text verstand ich nichts, die Musik lud eher zum tantrischen Tanze als zum Reinemachen. Rundum strömten aus allen Häusern Frauen und Männer mit vollen einstigen Reis- oder Zementsäcken. Oder einfachen Plastiktüten. Eine ökologische Zweitverwertung. Eine sinnvolle Alternative zu andernorts gesetzlich vorgeschriebenen Abfallsäcken. 

Dass der Müll dem Müllmann auf dem Müllwagen oben hochgereicht werden muss, habe ich bereits berichtet. Ich bin die einzige, die dem Mann einen Mülleimer zum Auskippen gibt. Er tut das anstandslos und gibt den leeren Eimer zurück. 

Müll darf nicht am Straßenrand stehen. Nich einmal eine halbe Stunde. Schon gar kein halber Tag oder eine halbe Woche. Denn die Müllabfuhr funktoniert nicht regelmäßigm, sondern unregelmäßig. Schuld daran sind die Chinesen! Die haben der Stadt einen internationalen Flughafen zu nah an der einstigen Mülldeponie am Seti Fluss. Obwohl der internationale Teil des Flughafens erst vor ein paar Tagen seinen Betrieb aufgenommen hat (mit einem Flug täglich von und am Abend zurück nach Dubai), musste die Mülldeponie 2022 Hals über Kopf geschlossen werden. Denn: Müll Stinkt zum Himmel. Und zieht Vögel an. Die stören den Flugbetrieb. Oder sind zumindest ein Sicherheitsrisiko. 

Die Notfall-Müllkippe, die über Nacht gefunden werden musste, läuft über. Alternative Standorte wurden gefunden, aber überall regt sich - verständlich! - der Widerstand der Anwohner. Nach bekanntem Muster blockieren Dorfbewohner die Zugangsstraßen zu ihren Dörfern. Ein hochmodernes Abfallverarbeitungszentrum ist in Planung, in dem der Müll sortiert, getrennt, wiederverwertet werden soll. Angeblich sind die Verträge bereits unterzeichnet. Aber noch siegen Bürokratie, Streitigkeiten um Hoheitrsrechte und dergleichen mehr. 

Derweil werde ich weiterhin lauern. Ich habe mir angewöhnt, den Tag im Kalender grün zu markieren, wenn das tutende Gefährt da war. Damit ich mir ausrechnen kann, wann "ungefähr zwei Wochen" um sind. Damit ich weiß, ab wann ich die Ohren spitzen muss. Von früh bis spät. Allzeit bereit! Und: allzeit zu Hause! Wer zufällig einkaufen ist oder beim Frisör sitzt, hat Pech gehabt.

Donnerstag, Oktober 01, 2026

国庆节

An meiner Wand im blauen Zimmer hängt über dem Lichtschalter ein kleiner chinesischer Tagesabreißkalender. Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn entferne ich das Gestern. Die Zahlen und den Monat kann ich lesen, mehr nicht. Die dünnen Blätter sind vollgekritzelt, wahrscheinlich mit Anweisungen der Harmonielehre. Darüberhinaus erkenne ich die Farben. Normale Tage sind grün, Wochenende und Feiertage rot. Heute ist rot, obwohl Donnerstag. Andere Länder, andere Sitten. Ich glaube, in Nepal gibt es keine Abreißkalender. Wir haben Wandkalender. Meiner im blauen Zimmer hängt unter dem Lichtschalter. Die Wandkalender sind Monatskalender und dünn. Sie haben nur 6 Blätter. Wir blättern sechs mal die Vorderseite um, drehen dann auf die Rückseite und blättern sechs mal zurück. Andere Länder, andere Sitten. Auch in China dauert der heutige Feiertag - es ist 国庆节 - Guóqìngjié, der Nationalfeiertag, am 1.10.1949 wurde die Volksrepublik gegründet - eine ganze Woche. Und diese Woche ist den chinesischen Machthabern "Gold wert" und so haben sie vor einem guten Vierteljahrhundert diese "Goldene Woche" ins Leben gerufen. Es gibt noch eine zweite. Beim Frühlingsfest oder vulgo chinesisch Neujahr. Alle Menschen im großen Reich der Mitte haben während der goldenen Wochen frei und sollen Geld ausgeben. Reisen, einkaufen, konsumieren, essen, trinken. Über die Stränge schlagen. Mit beiden Händen. Schaufeln. Sich nicht nur etwas, sondern viel mehr gönnen. Die Staatskasse füllen. Die aktuelle chinesische goldene Woche hat nichts mit dem europäischen goldenen Herbst zu tun. In Nepal gibt es weder goldene Wochen noch einen goldenen Herbst. Derzeit haben wir शरद - sarad, das ist die Nachmonsunzeit, Erntezeit, die Zeit der strahlend blauen Himmel - nicht der fallenden Blätter. Sarad liegt im modernen nepalesischen Kalender in der Jahresmitte. Und ich denke, die vielen, übers ganze Jahr verteilten tage-, ja wochenlangen Hindufeste dienen überhaupt nicht dazu, dem Staat finanziell unter die Arme zu greifen. Andere Länder, andere Sitten. Ganz nebenbei frage ich mich seit langem, wann und wo gläubige Hindus eigentlich so viel sündigen können, dass sie sich ständig beim morgendlichen Bade im kalten Fluss und mit strengem Fasten bis Sonnenuntergang von eben diesen Sünden lossagen und reinwaschen müssen. Ich dachte immer, der Umgang mit Sünden und Absolution sei allein Rom vorbehalten. 

Mittwoch, September 30, 2026

14. Ashoj

Der 14. Ashoj. In Lalitpur - wo wir einst wohnen wollten - endet nach acht Tagen Indra Jatra. Mit einem letzten feierlichen, lauten Umzug. Diesmal mit Frauen. Seit ein paar Jahren haben die Frauen die Kontrolle über den letzten Tag. Frauen ziehen die Wagen von Ganesh, dem Dämon Bhairav und der lebenden Kindergöttin Kumari durch die Innenstadt, von Basantapur durch Pyaphal, Naradevi, Kulagal, Asan, Indra Chowk und Makhan und zurück nach Basantapur. Der Regen hat auch in der Hauptstadt aufgehört. Indra schläft. Die Kumari, das Kind - die Kindergöttin selbst, wird aber von Männern getragen, wenn sie die goldene Sänfte, den Prozessionswagen verlassen und wieder in ihre vier Wände zurückkehren muss. Bis zum nächsten Fest. 

Wenn ich diese Bilder sehe, frage ich mich, was in einem dreijährigen Mädchen vorgeht, auf dem Arm eines und umgeben von vielen strahlenden Männern, die vor Manneskraft nur so strotzen.

Dienstag, September 29, 2026

Monsun

Monsun wie Dienstag. Nein, es regnet nicht. Klare Sicht auf überwältigende Schneegipfel. Der Larke Pass auf 5.106 Metern ist seit letztem Donnerstag aufgrund anhaltender Schneefälle gesperrt. Das tägliche Leben in den nördlichen Teilen Gorkhas ist zum Erliegen gekommen, niemand gelangt derzeit nach Manang. Keine Wanderer, keine Bauern, keine Lastesel und Maultiere. Die Tiere sind auf der falschen Seite gefangen. Oder die Lasten. Die Lagerhäuser. Die Waren. Überflutungen und Erdrutsche haben trittfeste Übergänge sogar für Unpaarhufer zerstört. Zerrissene Hängebrücken führen nur noch in die Schlucht. In Samagaun und Samdo werden die Lebensmittel knapp. Hunderte in- und ausländische Trekkers sowie ihre nepalesischen guides und porters, die auch essen müssen, und sind dort gestrandet. Die Wege können von Freiwilligen nicht mehr freigeschaufelt werden. Der Schnee ist zu hoch, zu nass, zu schwer.

Daten der letzten 30 Jahre zeigen, dass der Monsun in Nepal im Durchschnitt 112 Tage dauert, knapp vier Monate. In dieser Zeit fallen 80 % der jährlichen Niederschläge. Bis zum Jahr 2003 setzte der Monsun zuverläßig um den 10. Juni ein und endete um den 23. September. Seither zieht sich das Ende der Regenzeit tendenziell immer später in den Oktober hinein. Letztes Jahr erlebten wir (denn wir waren ja schon da!) mit 135 Tagen den längsten Monsun in Nepal seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1968. Er begann bereits am 29. Mai, 15 Tage früher als im Durchschnitt, und endete erst am 10. Oktober. In diesem Jahr begann er erst am 9. Juni, also 6 Tage verspätet. Vom 24. bis zum 27. September erlebte das ganze Land noch einmal verheerende Starkregentage. Und ob nun damit die Monsunwolken ausgepowert sind, wird sich zeigen.

Der kürzeste Monsun mit 73 Tagen fand im Jahr 1979 statt. 2013 wurde am 19. Oktober das späteste Ende verzeichnet. Ein Sprecher des Departements für Hydrologie und Meteorologie berichtet, dass in den letzten zehn Jahren im Juli verhältnismäßig wenig und im August oft gar kein Regen fiel, dafür aber gegen Ende des Monsuns und im ganzen Oktober rekordverdächtige Mengen niedergingen.

Es kann also noch einiges kommen. Auch bei derzeit strahlend blauem Himmel.

Montag, September 28, 2026

Montag

Montag wie Monsun. Es ist vorbei. So sieht es zumindet aus. Vorerst. Eine schwere Last liegt am Morgen noch am Boden, hängt an den Hügeln, die gesammelte Feuchtigkeit von vier oder fünf Starkregentagen und -nächten. Darüber die Schneegipfel, silbern und rosig in der Morgendämmerung. Der Dunstnebel kriecht langsam in die Höhe und verschluckt alles Rosarote, die Felsen und den Schnee. Bis die Sonne hoch und warm genug ist, und ein wirklich traumhafter Tag anhebt. Unvorstellbar! So wird es jetzt immer sein, beruhigt mich die Jüngste der Nachbarn, die vor Schulbeginn, sie habe heute Examen, sagt sie, auf dem Dach, das da drüben eine Baustelle ist, begeistert knipst. So wie auch ich. Ich wünsche ihr good luck. Und sie bedankt sich artig, steigt ab und zieht auf dem unteren Balkon die Schuluniform an.

Die Kehrseite steht in der Zeitung: Über 1000 Familien sind von den heftigen Regenfällen seit letztem Donnerstag betroffen, 27 Menschen starben, 4 werden noch vermisst, 104 Nutztiere ertranken, 227 Häuser wurden komplett, 142 teilweise zerstört, landesweit kam es zu 304 Erdrutschen, 31 Brücken stürzten ein, unzählige Straßen sind wieder, kaum repariert, gesperrt. Etwa 2000 Menschen mussten aus Hochrisikogebieten in sicheres Gelände evakuiert werden, Helikopter retteten Eingeschlossene auf Flussinseln oder aus verschütteten Straßen und Wegen. 
186 Messstationen verzeichneten über 100 Millimeter Regen seit dem 24. September. Dedhgaun in Nawalparasi Ost hält die Höchstmarke von 544.2 mm, gefolgt von Panchase in Kaski (das ist bei uns um die Ecke, etwa 70 Kilometer westlich) mit 500.2 mm und Atraulitaar in Tanahum mit 472 mm.
Eine massive Lawine verschüttete gestern das Basecamp vom Himlung-Himal (Manang, Annapurna Region, auch bei uns um die Ecke). Die zahlenden ausländischen Touristen waren rechtzeitig gestoppt worden. Begraben unter 3-4 Metern schwerem Neuschnee wurde die "Vorhut", das "Fußvolk". Sherpas, die gewöhnlich als Alleinverdiener für eine Großfamilie sorgen, ihren Kindern eine Ausbildung und bessere Zukunft gönnen wollen und darum diese hochriskanten Jobs annehmen. Sie sollten das Basecamp vorbereiten, Zelte hübsch herrichten und die Küche einrichten. Die Köche hatten bereits Reisäcke und Gaszylinder auf 4.800 Meter hochgeschleppt. Die Route musste - komme was wolle - rechtzeitig präpariert und die Fixseile angebracht sein. Die Meteorologen, das Innenministerium, die ihm unterstellte Behörde mit der schönen Abkürzung NDRRMA und einem unaussprechlichen Namen dahinter (National Disaster Risk Reduction and Management Authority) hatten seit Tagen gewarnt. Was auf meinem Dach als Stark- und Dauerregen ankam, fiel in der Höhe als Schnee ohne Ende. 4 der Verschütteten sind tot geborgen, 12 weitere werden noch vermisst.