Sonntag, August 16, 2026

Der letzte Tag des Monats

Sonntag. Der 31. Shrawan, der letzte Tag des Monats. Nach zwei vergeblichen Versuchen (beim ersten war die Werkstatt offen, aber ich hatte die Schuhe nicht dabei, beim zweiten hatte ich die Schuhe dabei und die Werkstatt war offen, aber der Schuhmacher, denn ein solcher ist er, beim Essen, wie mir die Nachbarshutterfrau zweifelsfrei durch entsprechene Gestik zu verstehen gab) treffe ich heute den Schuhmacher beim Arbeiten an. Er legt den Schuh, an dem er arbeitet, zur Seite und repariert mir auf der Stelle die ausgeleierten, zum Teil gerissenen Elastikbänder an insgesamt 4 Schuhen. Für die Orangefarbenen fädelt er eine Orangefarbene Fadenspule in seine Schuhmachernähmaschine. Ich warte, sitze auf einem Hocker und denke die ganze Zeit an meine emeritierte Menznauer Schuhmacherin mit ihrer Aversion gegen Näharbeiten, die sie ihr ganzes aktives Berufsleben begleitet hatte.

Der Schuhmacher gibt mir jeden Schuh einzeln zum Anprobieren, ob er fest genug sitzt, an einem trennt er die Nähte klaglos wieder auf und arbeitet nach. Schließlich laufe ich überglücklich in den uralten grünen Vabenes durch die street no 11 und nehme die Abkürzung am Kanal entlang nach Hause. Gekostet hat die ganze Sache so viel wie kürzlich das perfekte Gasherdkreuz. Oder eine Portion scharfe Chicken Chowmein. 

Freitag, August 14, 2026

Mitbewohner

Drei Wochen Pokhara. Ich huste schon lange nicht mehr. Wir wohnen mitten in Reisfeldern. Mitten in Neubauten. Die Häuser werden täglich etwas höher. In Zukunft werden sie sicher auch mehr und die Felder weniger. Noch herrscht die Natur vor.  

Wir haben viele Mitbewohner im Haus und rund um das Haus herum. Kleinzeug vetreibe ich mit rabiaten Mitteln. In der Küche verfolge ich Cockroaches erbarmungslos. Wenn sie sich nicht freiwillig ergeben - und das tun sie nie, warum sollten sie? - erschlage ich sie mit einer leeren Wasserflasche. Für irgendetwas muss das viele Plastik gut sein, das wir hier anhäufen.  

Schuhschränke stehen traditionsgemäß vor den Hauseingängen. Sie sind riesig. An ihren Dimensionen erkenne ich, wie viele Menschen welchen Alters in welchem Haus leben. Schuhe lässt man immer draußen stehen.  

In unserem Schuhschrank vor der Haustür wohnt eine Maus. Er ist noch relativ leer, weil ich mich scheue, meine Sonntagsschuhe (zum Beispiel) draußen aufzubewahren. Die Erfahrung auf dem Hill hat mich gelehrt, dass nicht alle Schuhe das wirklich schätzen. Außerdem ist die Hälfte des Schuhschranks voll mit altem Zeug der landlords, einem kaputten Motorradhelm, ausgetrochneter brauner Schuhwichse, Boden-, Wand- oder Badfliesen, rostigen Werkzeugen, bröselnden Blumendüngerpackungen usw. Ausgerechnet in diesem gastlichen Teil hat es sich eine Maus bequem gemacht. Sie guckt mich mit ihren Knopfaugen erschrocken an, wenn ich die Schiebetür zur Seite schiebe. Und verzieht sich in eine Ecke. Solange sie allein ist, mag sie bleiben, denke ich. 

Donnerstag, August 13, 2026

Ehrgeiz

Ehrgeiz ist nicht nur sprachlich eine Art von Geiz. Im Sinne von Gier. Das Wort setzt sich aus den althochdeutschen Begriffen für Ehre (êre) und Habgier, Gier oder Geiz (gite) zusammen und bedeutete ursprünglich eine unersättliche Sucht nach Ehre und Anerkennung.

Ich habe "Beyond possible" längst ausgelesen. Ich wusste von Anfang an, dass mir dieser ältere Bruder Nims nicht sympathisch ist. Ich bin biografisch vorbelastet durch meinen echten älteren Bruder. Ich habe nie verstanden, wie man sich für das Militär, den Krieg, den sinnlosen Drill und absoluten Gehorsam bis hin zur Selbstverleugnung begeistern kann. Wie man freiwillig sein ganzes Leben in eine Militärkarriere investiert. Mein wahrer Bruder hat den Ernstfall nie erlebt, für ihn war es immer nur ein Spiel auf dem Trockenen. Aber trotzdem so todernst, dass es für mich nur lächerlich wirkte! Nimsdai hingegen war ein britischer Elitesoldat und erzählt in "Beyond possible" voller Stolz, wie er das als erster Nepali überhaupt geschafft hat. Mich interessiert das nicht. Und statt seiner Frau die Schmerzen, die er während der Ausbildung leiden musste, zu verschweigen (wie er schreibt), hätte er ihr vielleicht besser davon erzählt. Aber das ist seine Privatsache und nun zu spät. Nicht seine Privatsache ist, dass er das Bergsteigen in extremen Höhen, das Funktionieren in der sogenannten Todeszone (über 8000 müM) ständig mit Krieg vergleicht, mit Angriffen, Schlachten, bombensicheren Plänen usw. Sein Vokabular ist widerlich! Er funktioniert dort oben wie der oberste Befehlshaber - der er naturgemäß nicht ist, niemals sein kann. Aber was bleibt seinen Trägern und Helfern, den Sherpas, sowie den zahlenden Kunden anderes übrig, als zu gehorchen?

Krieg zu führen ist für mich keine akzeptable Lebenshaltung, denn es bedeutet immer das Gegenteil von Leben. Nämlich Tod, und Tod nicht unbedingt des Schwächeren, Tod nicht als Gerechtigkeit. Nun hat Nimsdai der Ehrgeiz das Leben gekostet. Leider nicht nur seines, sondern auch das von 9 weiteren Bergsteigern.

Die Lawine (avalanche) taucht in dem Buch von der ersten bis zur letzten Seite ständig auf. Als Nimsdai es niederschrieb (2020) war er ein Neuling, ein Grünschnabel in Sachen Prominenz und Ehrsucht. Hätte er auf sich selbst gehört, auf seine innere Stimme, die ihm das Wort "avalanche" immer wieder in die Hand diktierte und auf den Bildschirm legte, wäre vielleicht alles anders gekommen. Vielleicht auch nicht. Denn die Lawine war sein Schatten, sein zweites Selbst. Sie begleitete ihn überallhin. In Pakistan hatte er im Juli 2019 am Nanga Parbat wahrscheinlich begründet Sorge vor einem Racheakt der Taliban. Aufgrund seiner Vergangenheit als Kämpfer der UK Special Forces. Dort fällt - in der Erinnerung im Buch - der Satz "I've rather have died in an avalanche than in an execution". Dieser Wunsch zumindest ist ihm in Erfüllung gegangen. Die Lawine vor zwei Wochen kam vom Broad Peak. In Pakistan. 

Wenn ich den Berichten glauben darf, war es eine doppelte Lawine. Sie führte die Schneelast von zwei Flanken ab, und vereinigte sie genau dort, wo zehn Leute unvernünftigerweise hochkletterten. Es hatte seit Tagen heftig geschneit und alle anderen Expeditionen waren abgestiegen und nach Hause geflogen. Es gilt als ungeschriebenes Gesetz in diesen Höhenlagen, dass nach anhaltendem Schneefall erst mal abgewartet werden soll. Bis der Neuschnee sich setzt. Oder die steilen Hänge herunter gekommen ist.

Mittwoch, August 12, 2026

Neumond

Von Sonnenfinsternis ist hier nichts zu sehen. Ein ganz normaler Neumond, eine ganz normale finstere Nacht. Auch von Sternschnuppenschauern ist nichts zu sehen. Es gießt gnadenlos. Eine ganz normale Monsunnacht. Das ist gut so. Der Reis unter meinem Fenster muss wachsen.

Dienstag, August 11, 2026

Karela Ko Acar

Die Ernte geht weiter. Das Gemüse übersteigt meine Kochkünste. Und meine Experimentierlaune.  

करेलाको अचार - Karelako acar. Bitter Gourd. Deutsch Bittermelone, Bittergurke oder Balsambirne. Oder eben Karela. Man kann daraus Pickle machen. Oder spicy salad. Ist sehr sehr bitter. Sehr sehr aufwändig. Wir haben diesen spicy salad schon gegessen. Meist vorsichtig. In homöopatischen Mengen. Es ist eine der Zutaten bei Thakali. Und dort ist es auch ok. Aber in meiner Küche geht das nicht. Das runzlige Grün ist über Nacht gelb geworden und voller übermütig springender Maden. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich gebe die Gurken dem Garten zurück. Dort brechen sie in schwindellerregendem Tempo auf, zeigen ein blutrotes Inneres. Die Vögel toben vor Freude. Von den Ameisen ganz zu schweigen. 

Montag, August 10, 2026

Das weiße Huftier

Heute ist der vierte und letzte Shrawansombar. Der Monat geht seinem Ende entgegen. Die heiligen Montage schwinden.

Auch an die Geräusche in und um das Haus muss ich mich gewöhnen. Seit ich am Morgen auf dem zweiten Dach stehe, rückt alles an seinen festen Ort und in seinen feste Ordnung. Auch das Klopfen am Tag und in der Nacht. Je nach Wind und Wetter mal aufdringlicher, mal zurückhaltender. Mal heftiger, mal sanfter. Wir leben in einem Hindu-Haus. Wir haben einen Andachtsraum unter dem zweiten Dach, am Ausgang auf die Terrasse, das erste Dach. Und an der nordöstlichen Ecke das Hauses ist ein massiver Bambuspfahl aufgestellt und befestigt. Er ist höher als das Haus und seine immer dünner werdende Spitze neigt sich nach unten und wiegt m Wind. Der Bambuspfahl dient als religiöser Flaggenmast. Und die Flagge klopft, nicht der Bambus. Wahrscheinlich ist es eine Dharmafahne. Sie ist schon etwas verblichen, aber darauf reitet ein Gott auf einem weißen Pferd. Entweder ist es Kalki, der auf Devadatta reitet. Kalki ist der erwartete zehnte Avatar Vishnus, der Retter, der das jetzige finstere Zeitalter, die Kali Yuga beenden und die Welt von allem Bösen reinigen wird. Oder es ist Lord Shiva himself, und das Pferd ist kein Pferd, sondern der weiße Stier Nandi. Wie auch immer, wir sind beschützt vom Getrappel eines weißen Huftiers.

Sonntag, August 09, 2026

Die erste Ernte

Im Gemüsebeet auf dem zweiten Dach entdecke ich kleine rote, kreisrunde Chillis. Sie sind scharf wie der Teufel und es sind so viele,  dass ich sie unmöglich frisch verzehren kann. Ich muss sie trocknen. Aber wie? In der Küche gibt es viele nachtaktive Mitesser. 

Ich lerne, dass die verführerisch roten Beeren viele Namen haben: डल्ले खुर्सानी - Dalle khursani (runde Chillis); अकबारे खुर्सानी - Akbare khursani (Königschilli - nach dem Mogulkaiser Akbar) oder  ज्यानमारा खुर्सानी - Jyanmara khursani (Mörderchili - wegen ihrer tödlichen Schärfe). Es sind die schärfsten Chillis im Land. Wenn nicht überhaupt im Universum. Nepali world. Frau Sherpa hat mir schon vor langer langer Zeit die Lektion erteilt, dass nur runde Chillis wahre Chillis sind. Jetzt weiß ich warum: sie stehen auf der Scoville-Skala - dem Schärfeindex - ganz oben. Haben bis zu 350 000 SHU - Scoville Heat Units, Schärfeeinheiten, vergleichbar in etwa mit den mexikanischen Habaneros. 

Die Maßeinheit SHU ist benannt nach ihrem Erfinder, dem amerikanischen Pharmakologen Wilbur Lincoln Scoville. Mr Scoville war kein besonderer Freund von scharfem Essen, ihn trieb nur die wissenschaftliche Neugier: Wieviel schärfemachendes Capsaicin ist in welcher Chillisorte enthalten. Um dies herauszufinden, entwickelte er 1912 eine denkbar simple Methode: Das Capsaicin wird solange mit  Wasser verdünnt, bis die Schärfe nicht nur nicht mehr brennt auf den Schleimhäuten im Mund und Rachen, sondern ganz und gar aus dem menschlichen Empfinden verschwindet. Auch hat Mr Scoville in Selbsttests bewiesen, dass Milch das beste Gegenmittel gegen "Pfefferhitze" ist.

Ich habe heute vormittag um die Ecke endlich diesen shutter entdeckt : श्री कृष्ण दुघ डेरी - Shri Krishna dugh deri, Shri Krishnas Dugh Diary. Shri Krishnas Milchkäserei.