Freitag, Juli 10, 2026

Marubhumi

Freitag - noch zwei Wochen KTM. Ich schalte in den Packmodus und denke über Götter und Dämonen nach. Wenn ich aus dem Fenster gucke, sehe ich die Baugrube. Trotz wiederholter Bhumimantras und Räuchereien, tut der umgewälzte Boden, was er will. Der Regen füllt Senken und spült ungeahnte Schlünde frei.

मरुभूमि - marubhumi ist die Wüste in Nepali. In Nepal gibt es keine Wüste. Trotzdem kennen die Nepali das Wort. Mir hat es Pranai in Thamel beigebracht durch eine seiner listigen Fragen:

के नेपालमा हिमाल, नदी, खोला, मरुभूमि र बुनजङ्गल छन्? - Ke Nepalma himal, nadi, khola, marubhumi ra bunjangala chan? [Does Nepal have mountains, rivers, streams, deserts and jungles? - man beachte: kein einziges Substantiv mit dem Nepali-Pluralsuffix -haru!]

Meine korrekte Antwort lautete: नेपालमा मरुभूमि छैन - Nepalma marubhumi chaina. In Nepal gibt es keine Wüste. 

Vor meinen Augen schon, hin und wieder. Und das innere Auge sieht immer noch den vom Dämon Mara bedrängte kurz vor der Erleuchtung stehende (sitzende) Earth-Touching-Buddha. Die Wüste ist ödes, abgestorbenes, ausgetrocknetes Land - maru-bhumi. Maru in Sanskrit meint genau das und soll auf eine indoeuropäische Wurzel mer für sterben zurückgehen. Ich frage mich nun natürlich, ob das etwas mit dem teuflisch schimpfenden Mara zu tun hat. Hat es (sagt AI), denn im Buddhismus ist Mara, wie wir bereits wissen, die Personifizierung des Bösen und vereint aller der Erleuchtung entgegenwirkenden Energien in sich. Ein listiger Versucher, der mit allen Kräften verhindern wollte, dass Buddha unter dem Bodhimbaum sein höchstes Ziel erreicht. Mara ist der buddhistische Teufel schlechthin, der Dämon des Todes, der Vergänglichkeit, der Illusion. Sein Name kommt von Sanskrit mr für sterben oder tot. Und das ist nicht sehr weit von mer oder Marubhumi, der vertrockneten, kein Leben mehr spendenden Erde.

Donnerstag, Juli 09, 2026

Dhurbe

Elefanten sind keine Engel. Dhurbe ist ein rogue elephant, ein aggressiver Einzelgänger-Elefantenbulle aus dem Chitwan Nationalpark. Elefanten sind frei wie Bengalgeier. Sie müssen sich nicht an Grenzen halten, schon gar nicht an die eines Nationalparks. Immer wieder gibt es Übergriffe auf Dörfer der Umgebung. Immer wieder tödliche. Die wilden Elefanten terrorisieren die Menschen.

Dhurbe trampelte im Dezember 2012 Shanicharas Eltern in Madi tot. Madi gilt als malerisches Öko-Reiseziel südlich des Chitwan Nationalparks. Shanichara beschloss in seiner Verzweiflung, mit seiner Frau und den drei Söhnen wegzuziehen. Sie zogen nach Norden, überquerten zwei Flüsse und wähnten sich in Jagatpur in  Sicherheit. Vor einer Woche kam Dhurbe wieder. Ob er wirklich Shanichara verfolgte oder einer blinden Zerstörungswut folgte, bleibt dahingestellt. Dhurbe griff Shanicharas neue Hütte an. Shanicharas ältester Sohn versuchte den Angreifer mit Feuer zu vertreiben. Das gelang ihm schließlich, aber zu spät. Seine Frau und der 4-jährige Sohn waren bereits tot und was Dhurbe nicht zertrampelt hatte, ging in den Flammen auf. Der Rest der 9-köpfigen Großfamilie überlebte und hat nun kein Dach mehr über dem Kopf!

Elefanten sind keine Glücksbringer. Dhurbe ist ein Killer und wird seit Jahren überwacht. Er trägt ein Satelliten-Ortungs-Collier. Sein erweiteres Revier außerhalb des Nationalparks ist den Behörden gut bekannt. Auch seine menschlichen Opfer, nun auf 25 angestiegen, darunter zwei Armeeangehörige, die für die Sicherheit im Nationalpark abgestellt waren. Versuche, Dhurbe mit Feuerschusswaffen zu töten, scheiterten. Elefanten sind Dickhäuter! Die Ortung schlägt immer wieder fehl. 2023 wurde ihm bereits das dritte Halsband appliziert.

Mittwoch, Juli 08, 2026

Der weiße Elefant

Eine Ecke des Buddha Peace Park in Nagarkot ist Mayadevi, der Mutter Siddhartha Gautamas gewidmet. Ein Wegweiser führt zu ihrem Tempel, der aber noch im Bau scheint. Der vergitterte Käfig mit dem kargen Interieur mutet wie eine Gefängniszelle an. Nebst einer bereits verwitternden leeren Liege betört (mich) einzig der kleine Elefant auf dem hohen Sockel. Auf einer stilisierten Lotosblüte.

Der weiße Elefant erschien Mayadevi im Traum. Er berührte ihre rechte Seite und kündigte die Geburt eines "starken Sohnes" an. Wir hatten das schon und die Geschichte gehört eigentlich in den Königspalast nach Kapilavastu. In anderen Kulturen wird das Überbringen solch glückverheißender Nachrichten anderen, eher ätherischen, leichten, schwebenden, himmlischen Wesen wie beispielsweise Engeln zugeordnet. Hier ist es ein Elefant und die "Berührung" durch das bodenständige schwere Tier hätte auch gut gern "erdrückend", also mit dem Tod der Schlafenden enden können.

Aber Siddharta Gautama ward geboren und vielleicht ist die "Gefängniszelle" in Nagarkot deshalb leer, weil der "starke Junge", aus der Rechten der Mutter entsprungen, genau an der Stelle, wo der weiße Elefant sie in einer Nacht (unsittlich?) berührt hatte, mit Geburt bereits laufen konnte. Eine Art Garten-Eden-Szene ist hinter dem leeren Tempel installiert. Noch lebt die Mutter, sie stirbt erst eine Woche nach der Geburt. Schon steht sie aufrecht, obwohl gerade entbunden. Unter einem Plastikbaum, obwohl rundum wahrlich genug natürliches Grün in den Himmel wächst. Sie winkt dem weglaufenden Kind hinterher. Was bleibt ihr denn anderes übrig? 

Dienstag, Juli 07, 2026

देव भूमि

Noch mehr Bhumi. देव भूमि - Dev Bhumi. Das (heilige) Land der Götter. Oder kurz gesagt: Nepal. 

In diesem Kontext bedeutet भूमि - Bhumi nicht die Göttin, nicht die Mutter Erde, sondern konkret den Boden, die Fläche, das Territorium. Frei interpretierbar zu: Heimat. देव - Dev ist schon der Gott oder die Göttin, die Gottheit im Allgemeinen. Ob die Götter im Wortspiel देव भूमि - Dev Bhumi im Singular oder Plural auftreten, darüber streiten sich die native speaker, die ich befragt habe. Tatsächlich mutet es mich wie doppeltgemoppelt an, denn ich verstehe: Gott oder Göttin im Allgemeinen + die spezielle Göttin Bhumi. Für mich ist देव - Dev ein Singular. Kombiniert mit भूमि - Bhumi entsteht daraus natürlich ein Plural, sofern Bhumi auch als Göttin auftritt. Wenn Bhumi aber der schnöde Erdboden meint, müsste an das Substantiv Dev zur Kennzeichnung des Plurals das Suffix हरू - haru angehängt werden und das Land der Götter hieße korrekt  देवहरू भूमि - Devharu Bhumi. Das ist holperig und umständlich, wie viele Wege in diesem Land. Allerdings habe ich auch gelernt, dass auf das Plural-Suffix verzichtet werden kann, wenn aus dem Kontext, etwa in Verbindung mit Zahlen, dieser logisch hervorgeht. 

देव भूमि - Dev Bhumi - ist der neue Slogan der neuen Regierung für das neue Fiskaljahr 2083/2084 BS (2026/2027 AD). Nepal soll sich als wichtigste Destination für den globalen spirituellen Tourismus etablieren. Ein hochgestecktes Ziel. Zumal Indien, vor allem die Provinzen Uttarakhand und Himachal Pradesh, diesen Werbespruch schon lange für sich beansprucht. Mit identischen Inhalten: Sitz der Götter, Quelle der goßen heiligen Flüsse (zB der "Zwillinge" Ganges und Yamuna), alte Klöster und Tempel als Pilgerstätten und Meditationzentren.   

Nepals Flüsse fließen allesamt nach Süden, nach Indien. Sie sollen nun im eigenen Land geschützt und reingehalten werden. Als Orte der Biodiversität, der Kultur und der Zivilisation. Tempel und Klöster sind auch da, zuhauf, altehrwürdig, spirituell hochprozentig: Pashupatinath, Lumbini (Buddhas Geburtsort), Janakpurdham, Muktinath ua. In Randregionen wie Karnali, Sudurpaschim, Madhesh und Koshi sollen touristische Angebote und Flugverbindungen (weil, bis Straßen von Menschenhand gebaut sind ...) verbessert werden. Alles kundenorientiert digitalisiert. देव भूमि - Dev Bhumi!

Montag, Juli 06, 2026

भूमिस्पर्श मुद्रा

Wir sind im Newariland, im Buddhaland, im peacewalkland. Nach dem Frühstück reicht die Zeit für einen kleinen Spaziergang zum Buddha Peace Park. Hier sitzt Lord Buddha in Gold als भूमिस्पर्श मुद्रा - Bhumisparsha Mudra, als "Earth Touching Buddha". Der die Erde berührende Buddha. भूमि - Bhumi kennen wir schon als Göttin der Erde. Ihr wird unter meinem Fenster in Kathmandu jetzt regelmäßig gehuldigt. Die Bauherren und Baudamen wollen jedes weitere disaster (eines gab es schon, aber davon vielleicht ein ander Mal) unbedingt vermeiden! Hier aber, in Nagarkot, unweit von Thimi (wo wir mal hinziehen wollten, wo das Denkmal der Kiratkönigs Yalambar steht), unweit von Bhaktapur, unweit von Namo Buddha, sitzt Lord Buddha auf dem goldenen Sockel, seine rechte Hand zeigt zur Erde (mehr symbolisch als wirklich). Der Mittelfinger dieser Hand berührt das goldene Kissen, auf dem der in Meditation Versunkene thront und das die Erde symbolisiert, als Zeichen der Erleuchtung.  

Der Legende nach saß Buddha unter einem Bodhibaum und meditierte. Der Dämon Mara versuchte ihn dabei mit wüsten Worten zu stören, aber Buddha widerstand den verbalen Versuchungen. Er rief Bhumi, die Göttin der Erde an, sie möge seine Erleuchtung bezeugen, wenn er mit dem Finger sie - also die Erde - berühre.
Bhumi war nicht nur Zeugin, sondern auch Beschützerin. Sie setzte eine mächtige Flut in Bewegung, die den immer noch brüllenden Dämon Mara fortriss und Lord Buddha erlaubte, seinen spirituellen Weg zu Ende zu gehen.  

Deshalb भूमिस्पर्श मुद्रा - Bhumisparsha Mudra:
भूमि - Bhumi, die Göttin der Erde und 
स्पर्श - sparsha = berühren und  
मुद्रा - mudra (in Sanskrit ursprünglich Siegel)  = die symbolische Handstellung 

Der die (Göttin) Erde mit dem Mittelfinger der rechten Hand (im Moment der Erleuchtung) berührende Lord Buddha.

Am Nachmittag fahren wir zurück in die laute Stadt.

Sonntag, Juli 05, 2026

Yala Chhen

Bevor wir abgeholt werden, sehe ich den Mond über den Dächern der Nachbarn untergehen (wer sieht ihn nicht?). Der Himmel strahlt am Morgen auch über der Capital City und über dem Hill, wenn in der Nacht viel Regen gefallen ist. 

Um die Zeit zu nutzen, fahren wir noch einmal nach Nagarkot. Ungefähr zum vierten - und wahrscheinlich vorerst letzten Mal ans östliche Ende des Valleys. Wir tanken frische Luft und genießen eine unverstellte Aussicht, so lange es eben geht. Der Himmel zieht sich zu, wie schon beim letzten Mal, kaum sind wir angekommen. Diesmal sind es Monsunwolken und sie entleeren sich, während wir beim Mittagessen sitzen.
Wir wohnen im Yala Chhen - in Yalas Palast! Das ist das Haus von Yala in Newari. "Chhen" ist das Haus, die Hütte, das Gebäude oder eben der Palast! Und "Yala" nannten die Newari ihre Stadt, die heute Lalitpur heißt und einst Patan war. Ich wusste nicht, dass der südlich gelegene Stadtteil von Kathmandu (wo wir einst vorhatten, wohnen zu wollen - wer erinnert sich nicht?) einen dritten, noch älteren Namen besitzt: Yala  nach dem ersten Kirati-König यलम्बर - Yalambar.
Wir wohnen also in यलम्बर - Yalambars bescheidener Kate, in der Königssuite. यलम्बर - Yalambar ist auch, das wissen wir schon, der Namensgeber für den Mondkalender der Kirat, Yelam Sambat. Der Wechsel von YA zu YE erklärt sich dadurch, dass König Yalambar auch Yalamber oder verkürzt Yalam oder Yele genannt wurde (vielleicht eine Art Kosename?).

Samstag, Juli 04, 2026

20 Tage

Samstag. In drei Wochen sind wir umgezogen. Ich muss mich ranhalten mit Tagerunterzählen. Die ersten Kisten habe ich aufgeklappt und die Böden zugeklebt. Nun stehen sie in Reih und Glied im Zimmer, das einst W's Arbeitszimmer war und seit Monaten leer steht. Der Regen kommt in der Nacht, ziemlich heftig. Ein Gewitter tobt sich stundenlang über unseren Köpfen aus. Wir hoffen, dass die Zimmerdecke noch Nässe speichern kann. Dass der Regen nicht durch das Dach in die bereitstehenden leeren Umzugskisten läuft.