Samstag, März 28, 2026

Gerechtigkeit

Samstag. Wochenende. Kein Bike. Die ersten Gewitter gehen bereits früh am Morgen nieder. Begleitet von prasselndem Regen. Woher kommt das viele Wasser? Woher diese Spannung in der Atmosphäre, die sich nach einer angenehm abgekühlten Nacht mit so lautem Krachen entladen muss?

Die neue Regierung ist gebildet und arbeitet. Trotz Wochenende. Der frühere Premierminister KP Sharma Oli und der frühere Innenminister Ramesh Lekhak werden im Morgengrauen verhaftet. Auf Empfehlung des Untersuchungsberichts zu den brutalen Auseinandersetzungen von Polizei und Sicherheitsdiensten mit unbewaffneten Gen-Z-Demonstrierenden am 8. September 2025.   

Der erst gestern ins Amt gekommene neue Innenminister bezeichnet die Festnahmen als Beginn der Gerechtigkeit. Er hat eine erste anstrengende Nachtschicht hinter sich. 


Freitag, März 27, 2026

1234

Nun kommt der Höhepunkt. Public holiday. Kein Bike hinter der Municipality. Nicht, weil Balendra Shah heute zum jüngsten Premierminister in der Geschichte Nepals installiert wird, sondern weil die Hindus den Geburtstag von Ram (einer Inkarnation Vishnus) feiern. Ram Nawami. Oder Shree Ram Jayanti. Da Shah ein gläubiger Hindu ist, gilt der Tag für ihn doppelt auspicious. Er hat sich von einem Astrologen die beste Zeit für den Amtseid ausrechnen lassen: 12:34 Uhr local time. Er leistet ihn nach den vedischen Sanatan-Ritualen: 108 Batuks (vedische Priester) rezitieren Swasti Shanti, 16 buddhistische Mönche Ashtamangala und 7 Muschelbläser verrichten das Shankhanad.

Am Abend ziehen Gewitter auf. Es donnert und blitzt stundenlang. Sturzbäche fallen vom Himmel. Was will er uns bloß damit sagen? Wir halten uns still zu Hause und essen Mo:Mo's.

Donnerstag, März 26, 2026

Silam Sakma

Die Regierungsbildung geht weiter. Der Älteste, Arjun Narsingh KC übernimmt das Zepter bei der Vereidigung der 275 neuen, mehrheitlich jungen Parlamentsmitglieder: 182 RSP, 38 NC, 25 CPN-UML, 17 NCP, 7 SSP, 5 RPP sowie 1 Unabhängiger. Damit beginnen deren Pflichten. 

Balendra Shah - rapper, hiphopper, früherer Bürgermeister der Capital City - sitzt heute noch als unbedarfter Besucher in der eilends fertig gestellten neuen Multipurpose Hall im Singa Durbar. Er hat noch keine Pflichten. Außer musikalischen. So stellt er am Abend sein resampeltes (nennt man das so?) Video "Jaj Mahakali" ins Netz. Oder repräsentativen. So wird kommentiert, dass er während der Zeremonie in der ersten Reihe saß, und nach der Zeremonie sofort ohne ein Wort an die auch versammelte Presse verschwand. Am Steuer seines eigenen Autos. Ohne driver. Und natürlich der (oder das?) auffälliger Badge am Revers: Balendra Shah trug ein Silam Sakma (hier kann man es sehen). Dies ist, lese ich, ein Talisman der Kirat-Gemeinde. In der Kirati-Sprache bedeutet "si" Tod und "lam" Weg. Wer sich ein Silam Sakma ansteckt, blockiert den Weg in den Tod, trägt aber auch ein glückverheißendes Omen und demonstriert vor aller Welt sein vor allem Bösen schützendes Amulett. 

Mittwoch, März 25, 2026

Designerperser

Der oder die CG-Hills Designer-Perser sieht nicht mehr so elegant aus. Hat sich hier angepasst und ist zerzaust. Scheint etwas schlanker geworden. Das macht vielleicht die Bewegung an der frischen Luft. Sitzt weiterhin jeden Morgen mit traurigen senfgelben Augen auf dem Mäuerchen nah am Zaun, aber in unserem Garten. Verlangt nach wie vor kein Futter. Jammert nicht. Fürchtet sich nicht (vor mir). Sucht stumm Gesellschaft. 

Am Mittag vereidigt Präsident Paudel vorab den 78-Jährigen Arjun Narsingh KC als Dienstältesten im neuen HoR (House of Representative - Repräsentantenhaus). KC ist weitaus älter als alle Abgeordneten, die ihre Sitze über Direktmandate gewonnen haben und wurde von seiner Partei, dem einst stärksten, aber nun auch arg dezimierten Nepali Congress im Verhältniswahlrecht vorgeschlagen. Ein letztes Zittern der Altvorderen, ein vergeblicher Versuch, das Youthquake im neuen Parlament zu verhindern. Die Regierungsbildung hat begonnen.

Dienstag, März 24, 2026

turn about

Nach langer Abstinenz fahre ich wieder einmal Bike. Wieder einmal nach Thamel. In einen schattigen kühlen Garten. Danach laufe ich wieder einmal durch meine alte Heimat, die laute Lazimpat hoch, am Bluemoon vorbei zu Books Mandala und last but not least, zu Mo:Mo Maya. Mit 200 gefrorenen Momos happy zurück auf den Hill.  

Montag, März 23, 2026

Kuckucksrufe

Der Asienkoel schreit wieder. Am Tag und in der Nacht. Oder viele Asienkoels. Indische Koels. Die so außerordentlich ruffreudigen männlichen Exemplare mit den feuerroten Augen im schwarzen Gefieder. Die Krähen, lese ich, regieren mit auffälligem Hassverhalten auf die frisch Zugeflogenen. Das mag sein. Es ist gerade alles sehr lebhaft in der Luft und alles in diesem Jahr früher. Der Regen. Der Wind. Die Kuckucks. Und die Mangos. Ein einziger Obstshutter hat schon ganze Berge davon. Gelbe, weiche, kleine. So wie sie aussehen, kommen sie nicht aus den Gewächshäusern Chinas, auch nicht aus Indien. Bleibt nur Nepal. Sie duften ganz wunderbar, wenn ich sie aufschneide. 

Sonntag, März 22, 2026

Odyssee

Alles läuft wie am Schnürchen. Ich habe zwei Paar neue Schnürsenkel bestellt. Dort, wo man auch hierzulande alles bestellen kann. Im Internet. Zwei, weil ich dachte, wenn schon - denn schon. Und weil ich ein zweites Paar Schuhe derselben Marke besitze, aber in einer anderen Farbe. Dort könnte das Schnürzeug eines Tages auch an der dümmsten Stelle (an der Sollbruchstelle natürlich) reißen. Also vorsorgen. Einmal schlicht beige und einmal verwegen purple red. Jeweils 1 Meter und 20 Zentimeter lang. Es gab nur die Auswahl 120 cm oder 100 cm. Die einen sind zu kurz, die andern zu lang.

Die shoelaces kommen - das war der erste Schock, nachdem ich den Bestellvorgang mit Vorkasse abgeschlossen hatte - aus oversea. Normalerweise erscheint dieser Hinweis früher im Bestellablauf. Dann verzichte ich auf die Ware. Oversea in einem Binnenland wie Nepal mutet seltsam an. Ich machte schon einmal schlechte Erfahrung mit diesem geografischen Begriff (gefühlt drei Monate auf eine Teekanne gewartet). Nun denn. Geduld. Der zweite Schock kam mit der Mitteilung "Spiltted as different packages, clicked to see more detail". Ganz abgesehen von Schreib-, Syntax- und Grammatikfehlern verstand ich die Welt nicht mehr. Zwei Sendungen? Für zwei Paar Schuhbändel? Aus oversea? Ich clickte immer mal wieder auf die Sendungsverfolgung "more detail". Die beiden Päckchen liefen den ganzen Weg zu See oder Luft parallel und synchron. Bis zu einer imaginären Grenze, Zollabfertigung auf der einen, dann auf der anderen Seite. Und schnurstracks im Sauseschritt in die Hauptstadt. Immer näher zu mir nach Budhanilkantha.

Bis mir heute Nachmittag ein freundlicher Kurier die beiden spiltted (= splitted - kein Wunder ist mein Sprachlehrer der Meinung, dass in jeder Sprache, nicht nur in Nepali, jeder schreibt, wie es ihm gerade gefällt) Pärchen in Hattigauda (auch meine Adresse schreiben sie im Internet seit Anbeginn falsch: Hatiigauda) an meiner Haustür in die Hand drückt und sagt "have a good day!"

Nun denn. Neu eingefädelt. Das helle Paar. Sorgfältig geschnürt. Großzügig die Schleifen. Auf geht's. Have a good day!