Donnerstag, Juni 18, 2026

Baugrube

Es wird Zeit, dass wir hier wegkommen. Am Mittag fährt der Bagger wieder auf und ebnet bis zum Abend eine beachtliche Baugrube direkt unter meinem Fenster. Die Vögel sind verstört, weil ihre Spielwiese verschwindet und die feinen Sträucher alle untergegraben werden. Oder weil in der frisch umgewälzten Erde allerlei Kriechzeug zum Vorschein kommt. Ein würziger Duft liegt in der Luft. Beim nächsten Einsatz wird wahrscheinlich das Fußballfeld der Stadtjugend daran glauben müssen.

Mittwoch, Juni 17, 2026

Der 21. Siebzehnte

21 Monate काठमाडौँ - Kathmandu. Ein-Dreiviertel Jahr. Nach unserem Kalender und nach dem Nepali Patro. Wir bleiben noch einen guten Monat auf dem Hill, dann verlassen wir ihn und das ganze Valley. Wir ziehen etwa 200 Kilometer nach Westen. Wie bereits berichtet in die geografische Mitte des langgezogenen Landes. Nach पोखरा - Pokhara und werden zu पोखरेली - Pokhareli. So heißen die Bewohner Pokharas. Menschen aus Kathmandu hingegen werden पुर्बेलि - Purbeli genannt. Von der Himmelsrichtung पूर्व - purva = Osten. Also Ossis! Die Wessis siedeln auch hier im Fernen Westen und heißen पसिमेलि - Pasimeli oder korrekter पश्चिमेली - Pascimeli. Zu der geografischen Bezeichnung पश्चिम - pascim = Westen. Die Endung -ली - "-li" (= Konsonant ल wie "la" mit i-Erweiterung) hat hier meines Wissens keine diminutivische, verkleinernde, abwertende oder ins Lächerliche ziehende Relevanz, sondern nur eine der örtlichen Zugehörigkeit. 

Im Gegensatz zu Deutschland sind in Nepal die Wessis arm. Zu den Far und  Mid Western Development Region zählen die beiden am wenigsten entwickelten Provinzen Sudurpaschim und Karnali. Die Ossis hingegen, zumeist Hauptstädter, sind eher reich. Die aus dem Westen auf der Suche nach Arbeit Zugewanderten bleiben unter sich, arm wie eh und je. Da die Pokhareli in der Mitte des Landes leben und diese Mitte schätzen, sind sie frei von allen Zuordnungen, Etiketten, Prädikaten oder Wandergelüsten. पोखरेली eben!

Noch sehen wir die Venus jeden Abend vom Dach auf dem Hill. Mit ein bisschen Glück auch den Jupiter. Der Mond ist noch verhältnismäßig jung (8,8% Füllung! Hängemattenmond). Er zeigt sich aber großzügig und geht erst um 21:28 Ortszeit unter.

Die Kamera meines Smartphones sieht mehr als das Auge. Der Neue Mond erscheint auf dem Bild prall und dick mitten im Nachthimmel, kugelrund, mit einem Hof. Der ganze Mond! Schräg darüber strahlt die Venus und fast senkrecht darunter zieht sich Jupiter bereits zurück. 

Dienstag, Juni 16, 2026

Wolkenmeer

Das könnte der Chomolungma sein, der heilige Berg der Sherpas. Der sich hier aus einem Wolkenmeer emporstemmt. W ist kürzlich darüber hinweg geflogen. Hillary Zwo ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er nimmt es niemandem übel, was ihm widerfahren ist. Die Fermurkondylenfraktur am rechten Bein heilt ohne Operation. Auch die Erfrierungen an den kleinen Fingern beider Hände erfordern, wenn er weiterhin Glück hat, keine Amputation  Der Ernst seiner Lage wurde ihm erst bewusst, als er über zwei Tage im Khumbueisbruch in einer Gletscherspalte festsaß. Vorher, vor dem Fall, hatte er immer noch den Weg nach unten vor sich. Nachher, nach dem Fall, wusste er nicht, wie er ohne Hilfe aus dem Eis wieder nach oben kam.

Montag, Juni 15, 2026

Adhikmaas Samapatti

Ein neuer Monat im Nepali Calendar: असार - Asar, oder auch Ashad. Ein neuer Mond am Himmel: औंसी - Aunsi. Das Ende des Adhikmaas, also अधिकमास समापत्ति - Adhikmaas Samapatti. Ende aller Ausnahmezustände. Man versammelt sich noch einmal zum Gebet, zur Meditation, zur inneren Einkehr. Zu Hause in den पुजा कोठा - Pujazimmern unter dem Dach, oder rund um die Tempel unter freiem Himmel. Zum Rezitieren der Vishnu- oder Krishna-Mantras. Zum Fastenbrechen. Manche runden den Monat ohne besondere Ereignisse spirituell ab mit dem vedischen Feuerritual Homa und einer Vishnu-Puja. Feuer reinigt und transformiert. Trägt den Segen nach unten und nach oben. 

Für uns einfach nur Neumond und Mitte Juni. Heiß und schwül. Es regnet nicht. Die Gewitter lassen auf sich warten, auch der Monsun. Am Abend stehen immer noch Jupiter und Venus am Himmel. Jeden Tag etwas weiter voneinander entfernt. Die kosmische Vereinigung hat nicht lange gehalten.

Sonntag, Juni 14, 2026

Urnengang

Ich habe nicht abgestimmt. Die Abstimmungsunterlagen sind zwar rechtzeitig auf dem Hill in Kathmandu, Hattigauda eingetroffen. Aber das E-Voting des Kantons Basel-Stadt ist aufgrund einer Panne bei der letzten Abstimmung bis Ende des Jahres 2026 ausgesetzt. Pannenhilfe kann zuweilen dauern. Am 8. März konnte "die elektronische Urne nicht entschlüsselt werden", teilt mir ein Vizestaatsschreiber in einem Vierzeiler mit. Also sind - wie mir auch mitgeteilt wird - 2048 elektronisch abgegebene Stimmen nicht in das Abstimmungsresultat des Halbkantons Basel-Stadt eingeflossen. Theoretisch könnte ich nun wahrscheinlich eine Lawine lostreten, protestieren und Einspruch erheben. Auf meine politischen Rechte in einem Land pochen, in dem ich seit Jahrzehnten nicht mehr lebe. Und eine Wiederholung jener Abstimmung fordern. 

Das lasse ich lieber. Auch das Abstimmen. Es ist mir gerade weder auf dem Postweg noch persönlich möglich, meine Stimme rechtzeitig im Stimmlokal abzugeben oder in einem dazu gehörigen Briefkasten legen zu lassen. Postalisch hätte dies bis gestern 12 Uhr MEZ erfolgen müssen, persönlich hätte ich 24 Stunden länger Zeit. Aber heute ist es mir zuwider wie noch nie, über angeblich gute "Nachhaltigkeit" abzustimmen, wo nur bösartige Ausländerfeindlichkeit dahinter steckt. Bleibt unter Euch! 10 Millionen Rütliwiesenbewohner. 

Samstag, Juni 13, 2026

Schmerzwege

Gestern in der DI Dental Clinic hat nichts weh getan. Ich war nach zwei Stunden Liegen so übermütig, dass ich auf den Hill laufen wollte. W hielt mich vernünftigerweise davon ab. Zu Hause legte ich mich sofort ins Bett. Ich sollte 40 Minuten nichts trinken und mehrere Stunden nichts essen. Und danach möglichst auf nichts Hartes beißen. Also schlief ich und der Schmerz tobte sich aus. Ich weiß nicht, woher er kam und wohin er ging. Er ist kugelrund und überall. Jede Stelle, die gestern von wem oder was auch immer berührt wurde, regt sich. Überstimulierte Nerven. Das Ziel ist das Hirn. 

Es dauert über 24 Stunden, bis sich mein Mund beruhigt und der Schmerz oben aus der Kopfhaut tritt. . Am Nachmittag gehe ich schwimmen.  Damit andere Muskeln und andere Nerven zum Zuge kommen. Am Abend essen wir beim Dragon Brinjal. Eggplant. Die sind weich und fett.

Freitag, Juni 12, 2026

Zähnebröckeln

Ich habe mir vor ein paar Tagen an einem zweiten Zahn auf der rechten Seite, nun aber oben, eine Ecke abgebissen. Wo sie abgeblieben ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich habe ich sie verschluckt. Die erste scharfe Kante habe ich seit ein paar Monaten rechts unten. Weh tut nichts, nur die Zunge eckt an. Sie ist neugierig und überprüft immer wieder, ob sich nichts rundschleift. Tut es natürlich nicht. Aus irgendeinem Grunde schone ich seit längerem die linke Gebissseite. 

Nun hat auch W einen Wackelzahn verloren. Also ist es höchste Zeit für einen Zahnarzt oder eine Zahnärztin. 

Ihm geschieht heute nichts außer einem x-ray. Das Bild, auch meines, kommt später in mein Smartphone. Nun weiß auch Big Brother, wie es um unsere Zähne steht und fällt. Ich liege geschlagene zwei Stunden auf dem Stuhl und lasse mich rundum säubern, pflegen, restaurieren. Noch nie habe ich eine so schmerzfreie Zahnreinigung erlebt, obwohl die Hälse immer länger und empfindlicher werden. Auch schnattert mich niemand an, warum ich nicht früher und regelmäßiger komme und ob ich überhaupt wisse (in meinem Alter!), was Mundhygiene sei. Nein, die professionelle Zähneputzerin - sie ist blutjung, wie ihre Kolleginnen rund um die Welt - fordert mich zwischendurch nur immer wieder auf, den Mund kurz zu schließen. Dann hält sie mir die Wangen. Ihre Hände sind sehr warm.