Freitag, April 17, 2026

Neumond

Neumond in dieser Minute: 17:36 local time. Muttertag seit dem frühen Morgen. Er folgt in Nepal, anders als das Neujahr, dessen Festivitäten in Newarigemeinden immer noch im Gange sind, nicht der Sonne, sondern dem Mond. Der nepalesische Muttertag, माता तिर्थ औंसी - mata tirthi aunsi oder आमाको मुख हेर्ने दिन - aamako mukh herne din, ist nicht fest, sondern beweglich. Er fällt immer auf den Neumond im Monat Baisakh, also auf den ersten Neumond im nepalesischen Bikram Sambat Kalenderjahr. Wir hatten ihn hier schon, den Tag, den das Gesicht der Mutter prägt, vor etwas mehr als einem Jahr. Alles wiederholt sich unweigerlich. Wer keine Mutter (mehr) hat, pilgert heute zum Muttertagspilgersee, zum Matatirtha-Kund in Chandragiri, südwestlich von Kathmandu. Der Legende nach kam einst ein armer Viehhirte an diesen Teich und weinte um seine verstorbene Mutter. Als er in das Wasser blickte, erschien ihm darin ihr Gesicht. Seither kommen sie zu Tausenden, bringen Milch, Wasser, Reis und Blumen, waten duch den Teich und glauben fest daran, dass sie an diesem Ort mit der Mutter verbunden sind.

In Bhaktapur ist heute Sagun Jatra. Alle wichtigen Göttinnen und Götter werden aus den Tempeln und Shrines befreit und auf die Straßen, die Gassen, die Hinter- oder Vorderhöfe an die Sonne gestellt und bewirtet. Mit traditionellen Speisen wie Wo oder Bara (= herzhafter Linsenkuchen). Aber auch mit Eiern, जुजु धौ - Juju Dhau (Königsjoghurt aus Büffelmilch) oder Fisch.

Wir feiern unseren bescheidenen neunzehnten 17. Tag des Monats Anno Domini in diesem Land am Abend auf dem Dach mit dem traditionellen Gläschen Baron d'Arignac

Donnerstag, April 16, 2026

Judhaunu Jatra

Ein weiteres Wettrennen oder Kollidieren. Gegenüberstellen. Die Khats von Mahakali und Mahalaxmi treffen heute in Bhaktapur aufeinander.  जुधाउनु - Judhaunu bedeutet kämpfen oder neutraler: aufeinandertreffen, gegenübertreten oder -stellen. Von Angesicht zu Angesicht bringen. Heute stehen sich also die beiden Göttinnen, Mahakali (die furchteinflößende große Kali, die höchste Göttin der Zeit, der Zerstörung und der Befreiung) und Mahalaxmi ( "meine" große Laxmi, die höchste Göttin des Wohlstands, des Glücks sowie der Schönheit und Fülle) gegenüber. Ihre Wagen werden den ganzen Tag feierlich durch die ganze Stadt gezogen.  

Mittwoch, April 15, 2026

Sindur Jatra

Sindur Jatra - oder das rote Fest von Thimi am zweiten Tag des neuen Jahres, am 2. Baisakh. Wir kennen die Zutat schon, die den heutigen Vormittag dort prägt: सिन्दूर - Sindur, das bleiversetzte Vermillion. Zinnoberrotes Riesengaudi in der Stadt, von 7 Uhr bis zum Mittag wird सिन्दूर - Sindur säckeweise in die Luft geworfen. Es symbolisiert Macht, Reinheit und den Frühlingsbeginn. Ich erkläre mir das so, dass durch den Ozean von Rot oder eher Orange bis Gelb das ganze Sonnenaufgangsspektrum bis zum Mittag anhalten darf. In das Farbenmeer tauchen dann mindestens 32 खट - Khats, tragbare Tempel mit den wichtigsten Gottheiten. Sie werden aus den verschiedenen Stadtteilen ins Zentrum zum Balkumari Tempel getragen. Begleitet von धिमय् - dhime, den typischen Newaritrommeln und Zimbeln. Den Höhepunkt bildet Lord Ganesh. Sein Khat wird von Nagadesh ins Zentrum gebracht und natürlich wollen ihn alle anderen Khats bzw Götter daran hindern, ans Ziel zu kommen. Ein nochmaliges Tauziehen beginnt, oder eher ein im-Weg-Herumstehen, den Durchgang behindern oder versperren, das Vorwärtskommen verunmöglichen. Darin sind Nepalis im täglichen Leben Weltmeister. Aber bei der Sindur Jatra geht es nur darum, das Ende des Festivals hinauszuzögern. Denn Ganeshs Ankunft in der Balkumari Tempelanlage bedeutet unweigerlich das Ende dieses unglaublich freudigen Sonnenaufgangsverlängerungschaos:

https://www.youtube.com/watch?v=Rs06HWamxJ8

Dienstag, April 14, 2026

Der erste Tag des Jahres

नयाँ वर्ष - Naya varsa. Neujahr nach dem nepalesischen und hinduistischen Solarkalender. मेषा संक्रान्ति - Mesha Sankranti. Die Sonne ist aus dem Sternbild Fische मीन - min (Pisces) in das Sternbild Widder मेष oder मेष राशि - mesh oder mesh rashi (Aries) eingetreten und beginnt einen feurig aufgeladenen, frischen, klaren energetischen Zyklus. Deshalb ist heute मेष राशिको संक्रांति - Mesh Rashiko Sankranti. Oder मेष राशिको लागि संक्रान्ति - Mesh Rashiko laghi Sankranti. Das Aries-Sankranti, oder Aries Solstice. Sprache ist fast so unberechenbar wie Zeit. 

Heute endet Kharmas, der Zeitraum seit Eintritt der Sonne in die Fische, der als energetisch schwach und uninspiriert gilt. Deshalb sollen alle Aktivitäten, die (materielles) Glück erfordern (wie Hochzeiten, Hausbau oder Geschäftsgründung) ruhen. Man widmet sich in dieser dümpelhaften Zeit, die ungefähr einen Monat dauert, besser der inneren Einkehr und äußeren Wohltätigkeit. Wie das mit der Vereidigung der neuen Regierung einher ging, weiß ich nicht. Denn erst ab heute vergeben die Astrologen wieder wahrhaft auspicious (glückverheißende) Termine. An meiner Wand hängt der neue bunte Kalender. Er zeigt auf dem ersten Blatt बैशाख २०८३ - Baisakh 2083, darüber Shiva, Parvati und Ganesh, holy family zum Neuen Jahr. Der Lauf der neuen Zeit beginnt natürlich mit १. - dem 1. in Rot, denn public holiday.

Der pretender hat seine Neujahrsbotschaft im Netz platziert. Präsident Paudel, Vize-Präsident Yadav, PM Shah, Ex-Interims-PM Karki,  Ex-Präsidentin Bhandari und viele andere wünschen über diverse Kommunikationskanäle ebenfalls nur das Beste, Erfolg und Glück. Alle rufen zur nationalen Einheit auf. Zu vereinten Anstrengungen, das Land vorwärts zu bringen. In diesem Sinne grüßen sie auch die kleinen und großen Gemeinschaften im Tarai und Valley, die heute Judshital, Satuwain, Siruwa Pawani, Bisu Parba usw, oder eben in Bhaktapur (und Thimi und anderswo) Biska Jatra feiern. 

In Bhaktapur versammeln sich die Gläubigen seit dem frühen Morgen in Chupinghat und Lyasingkhel und verehren Bhairav, Bhadrakali, Betal und den Pfahl - Yosin Dyo, rhythmisch angetrieben von Trommeln, Schellen und Becken. Betal bekommt sein Tieropfer - einen Hahn. Am Abend darf Yosin Dyo kontrolliert fallen - natürlich erst nach einem erneuten Tauziehen. Die Wagen werden zurück nach Ga:hiti gezogen. Auch sie sollen möglichst kontrolliert miteinander kollidieren, so will es das Ritual und die Tradition der Sangam Jatra, in Newari Dyo Lwakigu Jatra genannt. 

Hier eine heitere Langform des Lingo Dhaleko, des zeremoniellen Tauziehens um Yosin Dyo (er fällt ungefähr bei Minute 49).

Happy Biska Jatra 2083 from Thimi

Happy Biska Jatra 2083 from Siddhikali-Temple in Thimi!

Happy Biska Jatra 2083 from Thimi

Montag, April 13, 2026

Der letzte Tag des Jahres

३०. चैत्र - 30. Chaitra. Der letzte Monat des Jahres 2082 geht zu Ende. Das schiefe Parking ist zum ersten Mal seit vielen Tagen wieder gut gefüllt. Es wird seit 9 Uhr gearbeitet.

Die sogenannten Bürgersteige (Gehwege: पैदल मार्ग - paidal marg, von पैदल = zu Fuß und मार्ग = Gasse, kleiner Weg, Durchgang; oder फुटपाथ - futpath wie footpath, sidewalk oder pedestrian path) beidseits der Golfutar sind nur zum Teil wieder begehbar. An manchen Stellen sind die Löcher ebenerdig aufgefüllt, an anderen werden sie gerade frisch ausgehoben, viel breiter, länger und tiefer als je zuvor. Der Aushub liegt ordentlich daneben aufgehäuft. Und wir, die wir zu Fuß unterwegs sind, haben keine andere Chance, wir müssen auf die wuselige Straße ausweichen.  

Am Morgen wird in Bhaktapur am Potterysquare Kumale Tole in Talako der Yosin Dyo aufgerichtet, ein 55 Handlängen langer Pfahl ohne Griffe. Den ganzen Tag über finden tantrischen Rituale statt und am Abend wird der Yosin Dyo nach Lyasingkhel umgesetzt. Der Pfahl symbolisiert den Abschied vom alten Jahr und den Beginn des Neuen. Geschmückt ist er mit zwei Fahnen, Bir Dhwaja und Bishwo Dhwaja die auf keinen Fall unterwegs gelöst werden dürfen, denn sie bedeuten den Übergang vom alten ins neue Jahr. Damit er nicht umfällt, wird Yosin Dyo am endgültigen Standort, in Lyasingkhel mit 8 Seilen aufgerichtet und befestigt. Die Seile symbolisieren Ashta Matrika - die acht Mutter-Göttinnen. In der Nacht versammeln sich um Yosin Dyo, so der Volksglaube, die Navadurga Göttinnen, also die 9 Manifestationen der Göttin Durga. Auch der Wagen Bhairavs und Bhadrakalis wird heute nach Lyasingkhel gezogen.

Hier ein Biska Jatra Special, wie der Yosin Dyo in Bode vor dem Mahalaxmi Tempel aufgerichtet wird. Ganz schön schweißtreibend. Und fröhlich!

In Bhaktapur dauert es länger, bis der Pfahl steht! Der Jubel ist umso größer. 

Der heutige Festtag gilt als "enemy-destroying festival" - der Tag der Vernichtung der Feinde. Damit sie nicht mit ins neue Jahr kommen. 

Die Ungarn haben gestern gewählt. Nach dem Beispiel Nepals. Die alte Garde abgestraft, eine Zweidrittelmehrheit für die Demokratie.

Sonntag, April 12, 2026

Schlachtfest

Der erste freie Sonntag, seit wir in Nepal leben. Das Müllauto sei da, teilt der Community Manager um 06:48 Uhr auf Viber mit. Man möge bitte umgehend den Abfall rausstellen. Es kommt sonst immer montags. Auf der rechten Golfutar-Seite werden die Gräben im Bürgersteig, die seit Wochen aufgerissen sind, seit die Erdkabel verlegt wurden, zugeschüttet und die alten Platten wieder so schief wie eh und je verlegt. Überall - außerhalb der Municipalitiy - wird emsig gearbeitet. Kein Bike auf dem schiefen Parking. Dafür räumt der Mönch persönlich am benachbarten Tempel auf. Reißt Unkraut aus, entfernt Wildwuchs am Zaun. Seine Frau kehrt die Feuerstelle leer. Siebt die Asche. Was brauchbar ist (als Dünger?), kommt auf den Grasfleck. Alles andere landet dort, wo alles landet, was nicht brauchbar ist. Im Dickicht. Gegenüber. Bei den Nachbarn. Jenseits des Zauns. Das restliche Laub wird in die nun leere Feuerstelle gekippt. Und wahrscheinlich demnächst, vielleicht mit Einbruch der Dunkelheit, verbrannt.  

In Bhaktapur ist derweil nach dem Ruhetag der dritte Tag von Biska Jatra im Gange. Am Bhairavnath Tempel in Ga:Hiti (dort, wo vorgestern der Umhzug endete und der Wagen abgestellt wurde) muss ein Büffel geschlachtet werden, als Opfergabe für Lord Bhairav. Das Ritual überwacht das Guthi Sansthan und verteilt das Fleisch anschließend als prasad oder in ihrer Sprache als Syakwatyakwah an die Bevölkerung.