Sonntag, April 05, 2026

Nachlese

Die neue Regierung beschließt ein zwei-Tage-Wochenende. Um der Energiekrise entgegen zu treten. Gilt aber erst ab morgen. Das heißt: heute wird in allen Behördenzimmern wie immer sonntags emsig gearbeitet und die Kinder gehen zur Schule. Seit aber die neue Regierung im Amt ist, also seit einer guten Woche, bleibt das schiefe Parking hinter der Budhanilkantha Municipality weitestgehend leer. Alle public holidays haben wir hinter uns. Nur das blaue Moped (des Pförtners? der Pförtnerin?) steht jeden Tag an seinem Platz. Entweder sind die anderen Mitarbeitenden und Mopedfahrenden entlassen worden. Oder sie dürfen hier nicht mehr parken. Oder sie werden im Zuge der Benzinknappheit mit E-Bus zu Hause aufgegabelt und gesammelt zur Arbeit gefahren. Nichts davon scheint mir plausibel.  

Auf einem anderen Hügel, बिजयपुर - Bijayapur Hill im Nordosten von Dharan, wächst Bambus ohne Spitzen. Am westlichen Ufer des Sewti Khola, der bei unserem Besuch vorgestern vollkommen ausgetrocknet und versandet war, ungefähr von der Höhe des दन्तकाली मन्दिर - Dantakali Mandir nach Norden bis zum बुढासुब्बा मन्दिर - Budhasubba Mandir. Bijayapur war einst die Hauptstadt des Kirat-Königreichs. Die Kirati gelten als Ureinwohner Nepals. Oder des östlichen Himalaya. Sie sind eine indigene tibetobirmanische Volksgruppe, zu ihnen gehören die Gemeinschaften der Rai, Limbu, Yakkha und Sunuwar. Der Hügel heute und die Stadt damals sind benannt nach dem Kirat-König Bijayanarayan. Also der Narayan von Bijaya. Narayan ist eigentlich, wie wir wissen, ein Epitheton für Lord Vishnu. Also ein Name für einen Gottgleichen per se. Als Prithvi Narayan Shah (auch ein Narayan, auch den kennen wir bereits) das Reich einte, mussten natürlich alle lokalen Herrscher der kleinen Königreiche eliminiert werden. In einer Quelle lese ich, dass Prithvis Schlächter den letzten Limbu König Buddhikam Khebang von Morang "diplomatically" in der Kirat Hauptstadt Bijayapur töteten. Eine andere Quelle beschreibt die List (Versprechen auf Verhandlungen), mit der der König in die Hauptstadt gelockt und dort ermordet wurde. Man sagt, dass seine Seele seither in Bijayapur unterwegs ist. Aber die Limbu people fürchten den Geist nicht, sie sagen, er sei freundlich, friedlich und hilfsbereit. Sie verehren ihren alten König, in ihrer Sprache bedeutet Subba König. Die Tempelanlage Budha Subba ist um sein Grab herum entstanden. Und dort wächst der Bambus ohne Spitzen.

Der geht aber auf eine Legende zurück. Budhasubba (nicht der alte König, sondern eine fiktive jugendliche Figur gleichen Namens) und seine Schwester Subbini (dito) machten sich einen Spaß daraus, mit Steinschleudern auf Krähen zu schießen. Eines Tages traf Budhasubba statt der Krähe die Spitze einer Bambuspflanze. Die brach ab und seither bildet keine Bambuspflanze in der Gegend mehr Spitzen. Und die Krähen sind wunderbarerweise für immer verschwunden. Also verbuddelte Budhasubba reumütig seine Steinschleuder und meditierte bis ans Ende seiner Tage an der Stelle, an der heute (s)ein - oder des alten Königs Buddhikam Khebangs - Tempel steht. Auch die Schwester hat ihren Tempel bekommen, obwohl sie ganz ohne Schuld ist. Tempel sind für alle(s) gut. 

Samstag, April 04, 2026

Zeitmaschine

Die Zeit, die uns auf dem Hinweg scheinbar in domestic-Warteräumen verloren ging, kommt auf dem Rückweg unaufgefordert zurück. Da wir rechtzeitig am Provinzflughafen Biratnagar vorfahren - der übrigens bei Tageslichte betrachtet gar nicht so unsympathisch wirkt, daneben entsteht gerade ein mächtiges neues Gebäude - wohl für die Zukunft des Südost-Drehkreuzes -, werden wir unkompliziert auf den aktuellen Flug nach KTM umgebucht, der bereits mit "boarding" angezeigt wird. Die Maschine ist allerdings noch nicht da, vielleicht noch gar nicht gestartet in KTM. Man sieht hier alles, das Flugfeld liegt direkt vor den wenigen Stühlen im sonnenlichtdurchfluteten Warteraum, von denen wir zwei besetzen.

Wir erreichen lange vor der Zeit, vor Sonnenuntergang, vor Einbruch der Dunkelheit unser kühles house auf dem Golfutarhill. Der eigentlich für uns bestimmte Flug wird sicherlich ausfallen, oder aus Gründen der Rentabilität mit dem letzten Nachtflug zusammen gelegt. Uns kümmert das nicht mehr. Wir sitzen längst auf dem Dach und warten auf den Mondaufgang. 

Nun habe ich nämlich das Prinzip Zeit in Nepal verstanden: sie - die Zeit - pendelt. In aller Ruhe. Hin und her. Schlägt mal in die eine Richtung aus, dann wieder in die andere. 

Freitag, April 03, 2026

Holzslippers

Wir verpflichten den Fahrer für den ganzen Tag. So kann er nicht zwischendurch abdrehen. Ohne unser Wissen. Oder gar ohne uns. Wir fahren in die Hügel. Über Dharan nach Bhedetar. Leider ist die Sicht nicht optimal. Trotzdem muss ich auf den Skywalk. Eine hässliche Stahlkonstruktion. Die Besucher laufen auf Glas über dem Abgrund. Das erhöht den Blutdruck! Eigentlich sind wir auf dem Weg nach Namje zum house of spirit - आत्मा घर aatma ghar oder besser place (location) of spirit (oder soul?) - आत्माका स्थान aatmako sthan. Denn ein Haus ist es nicht, nicht einmal ein Unterstand, so ganz ohne Dach und nah unter dem Himmel. Die Straße wurde aber leider ungefähr vor der letzten Kehre ungefähr vorgestern während eines heftigen Gewitters mit Starkregen verschüttet und ist noch nicht wieder passierbar. Also drehen wir im gegenseitigen Einvernehmen ab. Und besuchen die Tempel in Dharan: Budhasubba (Bambustempel), Dantakali, Pindeshwor Shiva. Machen tapfer ein paar Schritte zu Fuß durch Dharan (die freundlichste und toleranteste Stadt Nepals mit einer stilechten Kopie des clock towers von Hong Kong). 

Dann ab nach Süden, Südwesten zum रामधुनी मन्दिर - Ramdhuni mandir, zum Tempel von Lord Ram (den hatten wir kürzlich schon) und des Waschens. राम = Ram und धुनु = dhunu wie waschen (alles mögliche: Kleider, Hände, Füße, Haare ... ). Es gibt eine Art Ampitheater, die Bühne ist aber mit Wasser gefüllt (auch wenn es auf dem Bild grün wie Gras aussieht) und in der Mitte steht auf einer Säule, mit den Füßen in einem güldenen (Wasser-)Bottich und über dem Haupt ein güldenes Dach, aufrecht und vollständig bekleidet eine grüßende Frauenfigur (nein, natürlich keine christliche Madonna). Man erzählt uns, die Gattin Rams habe hier gebadet. Beobachtet auf den Steinreihen rundum von wem? Eine andere Legende besagt, Ram habe auf diesem heiligen Gelände seine Schuhe verloren. Genauer gesagt: seine खराउ - kharau, das sind Holzslippers! Die Hindus verehren diesen Ort aus vielerlei Gründen. Unter anderem eben deshalb, weil Lord Ram hier mit bloßen Füßen herumgelaufen sein soll. Ich verstehe wieder einmal nichts. Wer Schuhe trägt (und nicht verliert), ob Plastik- oder Holzslippers, geschnürte Think's oder gelbe Regenstiefel, muss sie doch ständig von den Füßen schütteln und stehen lassen.

Donnerstag, April 02, 2026

pink moon

Purnima im Monat Chaitra. Der letzte Vollmond des Jahres 2082. Er begann nach hinduistischem Kalender gestern um 07:06 Uhr und endet heute um 07:41. Uhr. Und heute feiern die Hindus Shree Hanuman Jayanti - den Geburtstag von Lord Hanuman. Er ist der Affengott, gilt als stark, treu, klug und verschmitzt. Hanuman ist der 11. Avatar von Lord Shiva und ein, wie ich lese "Symbol unerschütterlicher Loyalität" Lord Rams - dessen Geburtstag wir letzte Woche feierten. 

Nach meinem lunar calendar wird der Mond über Kathmandu um 07:56 voll. Der Aprilvollmond heißt dort auch pink moon, egg moon, awakening moon, budding moon, breaking ice moon, paschal moon ... was das Herz begehrt. 

Wir feiern nicht Ostern, sondern verreisen heute Nachmittag. Wir fliegen von KTM nach BIR (Biratnagar) ins südöstliche Tarai. Das Land ist groß und langgezogen. Es gibt keine Eisenbahn und also (fast) keine Alternative zu Inlandflügen. Die Gewitter sind vorbei. Keine Turbulenzen am Himmel.

W hat sich vor dem Abflug schlau gemacht. Durchschnittlich sind die Domestic Departures ab TIA heute um 99 Minuten verspätet. Unser Flug ist nicht verspätet, sondern gestrichen. Wird mit einem späteren zusammengelegt. Aus logistischen Gründen. Wie das hier üblich ist. Damit nicht zwei halbvolle Maschinen den Luftraum besetzen, sondern eine gut gefüllte fliegen wir erst um den Sonnenuntergang los. Und werden belohnt mit klarer Sicht auf die schneebedeckten 6-, 7-, 8-Tausender der östlichen Himalayakette. Die Gipfel ergrauen majestätisch vor unseren Augen im Abendlicht. Und dann steigt der Vollmond über den Horizont. In güldner Pracht. Nix von pink und nix von Eisb(r)echer. Genug der Poesie.

Weil der Flug verspätet war oder unter der angegebenen Flugnummer nicht existierte, ist der Fahrer, der uns abholen sollte, wieder abgedreht. Wir warten nochmals fast eine geschlagene Stunde. Es ist heiß und feucht. Wir trinken Lassi im Airport Café. Die Moskitos erfreuen sich an uns. 

Mittwoch, April 01, 2026

Swargadwari

Ich habe mich geirrt - es gibt Aprilscherze in diesem Land: Gateway to Heaven.

https://thehimalayantimes.com/nepal/gateway-to-heaven-goes-orbital-nepal-to-launch-satellites-from-swargadwari

Da die Nepali auf Aprilscherze offenbar nicht trainiert sind, erfolgt am Schluss die Auflösung.

Temal Jatra

Einen 1. April kennt man in Nepal nicht. Sonst wäre ja die Entdeckung des Steinschmätzers am 1. April 1983 ein Aprilscherz gewesen. War es nicht. Heute wird in Bouddha Temal Jatra gefeiert. Immer am Vorabend vor dem letzten Vollmond des nepalesischen Jahres Bikram Sambat betet die Tamang Community für die Seelen der Verstorbenen. An der Bouddha Stupa brennen heute Hunderte, wenn nicht Tausende Butterlampen. Nach den Gebeten erfreuen sich die Lebenden des Lebens und singen in ihrer Sprache um die Wette im Duett Tamang Dohori

Dienstag, März 31, 2026

Das Z

Ein Monat geht zu Ende. Ein anderer ist erst in der Hälfte angekommen. Der Mond nähert sich dem Maximum. Er ist derzeit am Abendhimmel zu sehen, wenn nicht gerade ein Gewitter mit Starkregen niedergeht. Kopfüber oder mit Hängebauch, zu ungefähr 97,8% gefüllt. Das muss so ein Trabant erstmal aushalten! Und ein aufrechtes deutsches Z wie "zunehmend" wird daraus nie, nicht in Nepal!

Ich suche (immer noch) ein anderes Z - das der Zeit und lande ich bei den Sternen. Es gibt auch ein siderisches Jahr. Zu lateinisch sidus = der Stern, mit Genitiv sideris. Das Sternenjahr. Es ist, lese ich rund 20 Minuten und 24n Sekunden länger als das tropische Jahr. Das tropische Jahr kommt aus dem Griechischen. Zu tropos = Drehung, Wendung. Es ist die Zeit, zum Beispiel, von einer Frühlings-Tagundnnachtgleiche zur nächsten. Oder von Sommersonnenwende zu Sommersonnenwende. Das tropisch bezieht sich auf diese Wende, nicht auf die Temperatur. Das tropische Jahr bildet die Basis für unser bürgerliches Jahr, unser Kalenderjahr. 

Das Z wird nicht schlüssiger, je länger ich darüber nachdenke. Auf die Lebenserwartung eines Menschen bezogen, soll der Unterschied zwischen siderischem, tropischem und bürgerlichem Jahr "vernachlässigbar" sein. Nur die Sternbilder am Himmel verschieben sich. Minimal. Über viele Jahrhunderte hinweg. Mich interessiert nicht die Lebenserwartung, sondern der Lauf der Zeit. Dass der Mond kopfüber am Himmel steht, sehe ich von bloßem Auge.