Freitag, September 25, 2026

Der unendliche Vierzehnte

Es regnet, wie vorhergesagt, immer noch. Nun schon den dritten Tag in Folge. Ohne Pause. So habe ich mir einst, naiv wie ich war, die Regenzeit vorgestellt. Regen ohne Ende. Bis vor ein paar Tagen habe ich in Nepal nie Regen ohne Ende erlebt. 

Heute ist im Valley, in dem ich nicht mehr wohne, Feiertag. Die Newaris huldigen dem Regengott Indra. Danken für seinen reichen Segen während des Monsuns. So etwas wie Erntedank. Ernten kann man nur, wenn genug Regen gefallen ist. Trotzdem mutet es heute zynisch an, den Regengott zu verherrlichen. Unser PM, der einstige Rapper, spricht im Morgengrauen (nepali time) im gewohnten outfit in New York vor der UN Vollversammlung. Ua über die Bhotekoshi-Trishuli-Flutkatastrophe, deren Folgen noch niemand, nicht einmal er, in Worte fassen oder mit Zahlen beziffern mag. Derweil fällt in ganz Nepal gerade soviel Wasser vom Himmel, in der Höhe (am Manaslu, im Annapurnagebiet, in Manang und Mustang) als Schnee, dass ihn vielleicht bei der Rückkehr nach Hause bereits die nächste Katastrophe erwartet.

Kathmandu und das Valley feiert Indra Jatra. Hindus außerhalb des Valleys feiern अनन्त चतुर्दशी - Ananta caturdashi. Ananta ist ein Beiname, eines der unzähligen Epitetha von oder für Lord Vishnu. Ananta kommt fast in jedem Mantra vor, damit kann nach meinem Dafürhalten jeder Gott besonders inbrünstig angerufen werden. Bedeutet der oder die oder das Unendliche. Caturdashi ist der Vierzehnte Tag einer Mondphase, derzeit der heller werdenden. Vierzehn Tage nach Neumond, einfacher gesagt: ein Tag vor Vollmond. Zusammengefasst bedeutet अनन्त चतुर्दशी - Ananta caturdashi schlicht der unendliche Vierzehnte. Wie so oft, ist das Davor wichtiger als das Eigentliche. 

Vor zehn Tagen, am vierten Tag dieser momentanen shukla paksha erbaten die Ganesh-Verehrerinnen mit spiritueller Disziplin und dem गणेश चतुर्थी व्रत - Ganesh caturthi vrat, dem Fasten am Vierten Tag nach Neumond, die Segnungen von Lord Ganesh. Und begannen hungrig das zehntägige Ganesh-Festival, das nun also heute, wie berichtet, sein Ende findet. 

Die Welt ist so kompliziert wie ihre Zahlen und deren Wörter, wie ihre Götter und deren Namen. 

Donnerstag, September 24, 2026

schulfrei

Es regnet den ganzen Tag. Leise und leicht, aber beständig. Das Rieseln, Tröpfeln, Klopfen (aufs Regendach) sowie das Getrappel von Shivas Nandi, ist wider Erwarten beruhigend. Ein für hiesige Verhältnisse aussergewöhnlich stiller Tag. Niemand hämmert bei diesem Wetter. Niemand lässt Bretter oder schwere Bambusstangen von oben nach unten krachen, die an anderer Stelle wieder von unten nach oben geschleppt werden. Niemand baut Gerüste auf oder ab. Keine Schulbusse fahren. Es wird seit Tagen vor Starkregen und Starkwinden gewarnt. Wer kann, soll zu Hause bleiben. Vielerorts gilt bereits ein Nachtfahrverbot. Die Schulen sind in weiten Teilen des Landes heute und morgen geschlossen. Alle Flüsse, warnen die Meteorologen, werden über die Ufer treten. Früher oder später. Ist das das Monsunende? In der Theorie oder im Schulbuch hört er am 23. September auf, das war gestern. Aber heute bietet in unserer Straße 4 kein fliegender Händler seine Ware an, von Gemüse und Obst angefangen, über Küchenutensilien, Plastikeimer, Putzmittel bis zu Tüchern, Teppichen und langen Gewändern. Kein indischer Pappesammler fragt nach Pappe. Keine blinde Obdachlose bittet per Megafon um ein Almosen. Niemand ist auf dem Moped unterwegs, zur Arbeit, zum Arzt, zur Tante, zum Onkel. Geschweige denn zu Fuß! Keine Lastwagen brummen, weil sie kaum aneinander vorbei kommen, und kippen Steine, Kies, Sand einfach vor unser Gartentor mitten auf die Straße.

An diesem Regentag gibt es eine Bildergeschichte der besonderen Art. Dies ist der Baumaterialsammelplatz gegenüber unserem Haus in Pokhara für mindestens zwei Baustellen. 

Hier habe ich endlich kapiert, was mit langen, zur halben, am einen Ende offenen Ellipse gebogenen Eisenstangen passiert. Ich hatte diese Teile in Kathmandu an der Golfutar in einem Hinterhof immer zu einem riesigen Haufen aufgetürmt liegen gesehen. Der Haufen wurde in regelmäßigen Abständen restlos abgetragen. Männer schleppten die schweren Teile Tag für Tag auf Ladeflächen von klapprigen Kleintransportern, die damit wegfuhren. Ich fragte mich immer, wohin und wozu. Wenn ein Haufen abgetragen war, wurde der nächste aufgetragen. Das Umgekehrte passierte. Die schweren Teile wurden en gros von einem Großlaster angeliefert, abgeladen und zu einem riesigen Haufen aufgetürmt. 

Seit zwei Monaten geniesse ich ganz umsonst Anschauungsunterricht: mit diesen elendiglich langen und unhandlichen halben Eisenellipsen werden Häuser gebaut! Stützsäulen armiert. Das Eisen hält den Beton und der sorgt hoffentlich für die Statik. Die Jungs - es sind allesamt blutjunge, schlaksige Kerle, die hier stets gut gelaunt, singend und pfeifend, bei der größten Hitze arbeiten - brechen und biegen das sperrige Material auf die Form zurecht, die sie gerade brauchen. Von Hand. Sie beherrschen bewundernswerte Techniken, mit der sie harte Metallstäbe ganz ohne Feuer oder Hitze kurz und klein, lang und gerade oder ins raffinierte Rechteck verwandeln. 

Von oben, von meinem Arbeitszimmer sowie vom ersten oder zweiten Dach aus, sieht alles easy aus. Ich höre die Jungs lachen und scherzen. 

Kann eigentlich nicht sein, sagt in meinem Kopf der Verstand und in meiner Brust das Herz.

Aber so werden wohl derzeit alle Häuser an dieser Straße, in dieser Stadt und in diesem Land gebaut.

Mittwoch, September 23, 2026

शरद

शरद oder शरद ऋतु sharad oder sharad ritu ist der Herbst. Ob er heute auch im nepali calendar anfängt, bezweifle ich. Ich habe nämlich gerade gelernt, dass es im nepalesischen Jahr sechs Jahreszeiten gibt! Mich wundert hier nichts mehr. Der Herbst fällt in die Monate Ashoj und Kartik (also ungefähr jetzt bis Dashain). Darauf folgen der kühle Vorwinter, der kalte Kernwinter, der Frühling, der Frühsommer, die Regenzeit ... Ich wusste nicht, dass der Monsun eine Jahreszeit ist. Ich dachte, das sei ein Wetterereignis. Eine Windrichtung. Ein Ende ist gerade gar nicht absehbar. Es regnet wie wahnsinnig!   

Das Herbstäquinoktium hingegen wird auch hier heute erreicht, und zwar jetzt, am frühen Morgen, kurz vor Sonnenaufgang um 05:50 am Ortszeit. 

Dienstag, September 22, 2026

Seitenwechsel

Gläubige Hindus können fast täglich fasten und feiern. Heute ist हरिपरिवर्तिनी एकादशी - Hariparivartini Ekadashi. Ekadashi hatten wir schon öfters mal, das ist immer der elfte Tag einer Mondphase. Diesmal der hellen, zunehmenden, shukla paksha. Im derzeit 6. Monat des nepalesischen Jahres, Ashoi. Das andere unverständliche Wort ist so unverständlich nicht: Hari-parivartini. Hari ist so etwas wie Shri für Lord, oder Gott, beide natürlich besonders geeignet für Lord Vishnu: Shri Hari Vishnu. Und parivartini kommt vom Verb परिवर्तन - parivartan für ändern (die Position), sich drehen, wenden. Heute ist der Tag, an dem der im Milchozean 4 Monate lang seelig schlummernde Vishnu sich von der linken Seite auf die rechte dreht! Grund genug, auf Reis, Getreide jeder Art und Bohnen zu verzichten und den ganzen Tag zu beten.

Dieser Wechsel der Liegeposition findet nicht - wie ich denken würde - in der Mitte der viermonatigen kosmischen Ruhephase statt. Vishnu schläft seit हरिशयनी एकादशी - Harishayani Ekadashi. Der Name jenes Feiertags ist sprachlich genauso aufgebaut wie der des heutigen: der Elfte der Shukla Paksha (im 3. Monat des hinduistischen/nepalesischen Kalenders, Asadh) und Hari-shayani. Hari für Vishnu und shayani vom Verb शयन - shayana für schlafen gehen. Lord Vishnu befindet sich schon seit drei Monaten im göttlichen Tiefschlaf dreht sich erst heute auf die andere Seite.

Sonntag, September 20, 2026

अदुःख नवमी व्रत

Sonntag. Public holiday. Auf dem Dach wird wie wild gehämmert. Der private Sektor arbeitet, der öffentliche nicht. Weil nämlich der gestrige Verfassungstag auf einen arbeitsfreien Samstag fiel, wird der Feiertag - der freie Tag für Behörden, Schulen, öffentliche Einrichtungen - heute nachgeholt. Meines Wissens wurde vor einem knappen halben Jahr die 5-Tage-Woche eingeführt und dieser Beschluss seither nicht wieder, wie in der Vergangenheit mehrfach geschehen, zurückgenommen. Also ist auch der heutige Sonntag arbeitsfrei. Und der nachgeholte Feiertag kein solcher. 

Außerdem feiern die Hindufrauen अदुःख नवमी व्रत - adhuk nawami brat. Sie fasten schon wieder und ziehen sich festlich an, ich sehe ganze Heerscharen glücklicher junger Frauen durch unsere Straße 4 wandeln. अदुःख - adhuka bedeutet nämlich a-dukha, ohne Trauer, frei von allem Leid. दुःख - dukha ist nämlich das emotionale Leiden, Kummer, Gram, Not, die Traurigkeit. Das vorangestellte a- negiert diesen Zustand. Also dürfen alle heilfroh sein, wenigstens für einen Tag. नवमी - nawami ist der neunte (Mond-)Tag der shukla paksha, der hellen Mondhälfte. Und व्रत - brat oder vrat ist der Fasten. Es dient der spirituellen Reinigung. Wie immer. Angebetet werden die Mütter-Göttinnen Gauri (eine Inkarnation von Parvati) und Mahalaxmi (Göttin des Wohlstands, wie Laxmi). Wer 108 mal das Mantra ॐ ह्रीं महालक्ष्म्यै नमः - Om Hreem Mahalakshmy Hai Namah wird Glück und Wohlstand finden.

Ich faste nicht, betrachte aber den Mond auf dem Heimweg vom Abendbrot, er steht zu etwa 69% voll am klaren Himmel. Da gerade rundum der Strom ausgefallen ist, bin ich ihm besonders dankbar für sein Licht.  

In meinem Garten wird auch nicht gefastet. Am Morgen waren sie zu zweit da und lutschten genüsslich an der bereits etwas unansehnlichen Guave. Hier schreitet die Verwesung schnell voran. Ich lese, dass große Achatschnecken Zwitter sind. Sie berühren sich mit den Fühlern und interagieren. Erkennen sich zweifelsfrei. Artgenossen und Artgenossinnen. Tauschen Samen aus. Bald werden Dutzende, Hunderte, Tausende Achatschnecken ums Haus schleichen ... 

Samstag, September 19, 2026

Regenwaldterrarium

Es regnet seit dem frühen Morgen. संविधान दिवस - Samvidhan Diwas. Tag der (jungen) nepalesischen Verfassung. Landregen. Beständig. Sanft. Beruhigend. Beherzt greife ich zum बाबियो कुचो - babiyo kuco, zu dem harten nepalesischen Besen, den uns die landlords in weiser Voraussicht hinterlassen haben. Aussen herum tun diese Besen tatsächlich gute Dienste, drinnen will ich keinen haben. Nicht einmal einen weichen. Staubaufwirbler. 

Ich fege also mit dem robusten Wildgrasbesen (er könnte aus Khar Gras sein, oder eben aus babiyo - Eulaliopsis binata) und dank des Regenwassers, das mir von allen Seiten frisch zuläuft, Erde, Sand und Kies, den uns die Nachbarbaustellen bescheren, erfolgreich von der Auffahrt. In die Gosse. Dann entstaube ich die Fahrräder und poliere die Eingangsstufen. Zum Dank zeigt sich die Große Achatschnecke beim Frühstück. Sie ist offenbar zufrieden mit Regen, Garten, den Göttern und der Welt. Knabbert, lutscht an einer von Nachbars Baum heruntergeplumsten, bereits angebissenen Guave.

Meine Eidechsen, die sich lieber in der Sonne zeigen, aber keine Hauswände elegant hoch- und hinuntergleiten können wie die Achatschnecke, gehören vielleicht zu den Scharlach-Gartenagamen, zu den orientalischen Garteneidechsen. Die, die kürzlich unter meiner Kehrschaufel in den Himmelfand, könnte eine Sägerückenagame gewesen sein. Andernorts (lese ich und mir sträuben sich die Nackenhaare!) werden solche Tiere für teuer Geld in heimische Regenwaldterrarien gesetzt. Wegen "Stressanfälligkeit und Agressivität untereinander" wird aber Einzelhaltung "dringend" empfohlen. Ich zeige meine hier noch ein letztes Mal. Das Bild habe ich, ohne zu ahnen, wie nahe das Ende schon ist, wenige Stunden vor ihrem Tod gemacht. Noch hatte sie die Kraft, mir ihren wunderbar gezackten Nackenkamm sowie ihren langen langen Schwanz zu präsentieren. Und mich anzublinzeln.

Freitag, September 18, 2026

Straßenlaternenanzünder

Die Sonne geht bei uns wenige Minuten nach 18 Uhr unter. Die Dämmerung ist kurz. Die Strassenlaternen müssen immer noch bei Tageslicht angeknipst werden. Derzeit also spätestens um 18:15 Uhr. Die Nachbarin von gegenüber läuft auf die Straße und drückt den Schalter. 

Wir hatten den Mo:Mo-Koch schon unzählige Male dabei beobachtet, wie er seinen Herd verlässt, über die Straße schreitet - er tut alles mit der gebührenden Würde! - und drüben die Laterne anknipst. Weil sie nicht nur der Straße sondern auch seinen Imbiss beleuchtet, dachten wir, das sei vielleicht in seinem (Geschäfts-) Sinne, dass das Licht rechtzeitig angeht. Und wir essen Mo:Mo's immer zu Sonnenuntergangszeit. Mittlerweile weiß ich aber, weil ich es rundum sehe, dass das alle tun. Straßenlaternenanzünden ist hier offenbar Pflicht der Hausbesitzer oder Mieter, jener, die das Pech oder Glück haben, an einem Straßenlaternenpfahl zu wohnen.

Am Morgen geschieht alles in umgekehrter Reihenfolge. Derzeit geht die Sonne kurz vor 5 Uhr auf. Das heißt, die Lampen könnten gegen 4:45 ausgeschaltet werden. Nicht jede(r) mag da im Schlafanzug schon auf die Straße treten. Die Nepali treiben ihren Frühsport allerdings bereits im Dunkeln und ich habe schon Jogger von obersten Dach aus gesehen, die die ganze Straße 4 runtertraben auf dem Weg zu den Summer Falls, und jedes Licht ausmachen. 

Wer für Reparatur und Auswechseln der Birnen zuständig ist, weiß ich nicht. Gestern versmmelten sich vor dem Pfahl gegenüber drei Männer und eine Leiter. Die Laterne erleuchtet auch mein Schlafzimmer, und wenn sie nicht brennt, stört es wenn sie nicht brennt nicht. Sie fällt immer wieder aus, auch wenn der Strom fließt. Jemand wollte sie nun reparieren. Erstmal blieb der Erfolg - das Licht! - aus.