Dienstag, Mai 26, 2026

Zeichen der Zeit

Wozu ich das alles mache? Heute früh - so etwas kann ich nur ganz früh am morgen machen, riss ich büschelweise Gras aus. Das ist hier "Rasenmähen". Das Gras wächst derzeit ungefähr einen halben Meter pro Tag. Viel Gras ist es nicht. Mehr Klee und sonstiges Wucherzeug. Das muss ich daran hindern, dass es meine zarten Plantagen verschlingt. Wozu ich das alles mache? Um ein - oder mehrere Zeichen zu setzen. Die Nachbarn haben tausende Blumentöpfe rund um ihre Häuser, auf den Dächern, Terrassen, Mauervorsprüngen und rund um ihr Auto vor den Wohnzimmerfenstern stehen. Die werden täglich aufwändig gewässert. Dafür ist ein boy oder eine maid angestellt. Die meisten Töpfe stehen so, dass sie von dem Regen, der ab und zu sintflutartig niedergeht, gar nichts abbekommen.

Wozu ich das alles mache? Um Zeichen gesetzt zu haben. Wir haben gestern abend unsere Bleibe in dieser stolzen Festung auf dem Hill gekündigt. Und vorgestern in Pokhara einen neuen Mietvertrag unterschrieben. Wir verlassen das Valley und ziehen in ein Reisfeld.  

Seit unser Entschluss steht, ist das schiefe Bike-Parking hinter der Municipality wieder bis auf den letzten Platz gefüllt.    

Montag, Mai 25, 2026

Gartenarbeit

Der erste Mangobaum begrüßt mich im Topf. Aus der Erde heraus. Er hat meine Abwesenheit trotz Hitze überstanden.

Den zweiten wickele ich aus seinem improvisierten Tropenhaus. Er kommt nun auch in die Erde. In einen Tontopf. Er hat unter Gewächshausbedingungen auf meinem Fensterbrett eine kräftige Wurzel und den Beginn einer Krone ausgebildet. Den dritten zeige ich nicht, da ist nicht viel zu sehen, ich setze ihn hoffnungsvoll trotzdem in die Erde. Denn aller guten Dinge sind Drei. Die Kerne, die ich austrocknen ließ, dienen höchstens noch als Kompost.  

Auf der Golfutar sind bereits fliegende Händler mit Litschibüscheln unterwegs. Im Garten wachsen, wenn ich mich nicht irre, drei Litchibäume heran. Ich habe letztes Jahr Dutzende von Kernen verbuddelt. Ich verbuddele hier alles. Kürzlich warf ich eine überreife Tomate in eine Ecke im Garten, weil der Mülleimer nicht der geeignete Platz für so etwas schien. Ich zerquetsche sie leicht mit den Zehenspitzen, der Saft spritzte nach allen Richtungen. Dann schob ich ein bisschen Erde darüber. Ganz ohne mich zu bücken. Wie es aussieht, haben die Kerne verstanden, was ich von ihnen will. Vor ein paar Wochen entdeckte ich im Gestrüpp neben meinem Tempel jungen Bambus. Zart und frisch. Ich habe keine Ahnung, woher der plötzlich kam. Am nächsten Morgen steckte ich mein ein und alles-Werkzeug in die Tasche, den कुटो कोदालो - kuto kodalo und zog nach dem Morgenqiogong drei Triebe aus dem weichen warmen Boden. Es hatte die ganze Nacht geregnet und ich setzte den Bambus in die den Tomaten entgegengesetzte Ecke. Zuerst sahen die Triebe höchst unglücklich aus, mittlerweile aber haben auch sie sich an mich gewöhnt. 

Sonntag, Mai 24, 2026

Pokhara drei

Wir fliegen zurück ohne das berauschende Hochgebirgspanorama gesehen zu haben. Dafür haben wir berauschenden Regen erlebt, Wasserbüffel, Reisfelder und weiße Kraniche bestaunt. Und frischen Fisch aus dem See gegessen. 

Back on the hill. Mit sozusagen null Verspätung. Ohne Himalayasicht,. Wir flogen durch dicke Gewitterwolken und mussten während des ganzen Fluges angeschnallt bleiben. Später, als es dunkel und wir müde waren, sahen wir vom Dach aus den Mond über Kathmandu. Schon über halb voll. 

Samstag, Mai 23, 2026

Pikhalakhu

पिखालखु - pikhalakhu bedeutet in der Sprache der Newari "draußen vor der Tür".  

पिखालखु - pikhalakhu ist ein kleines Symbol aus Stein, Marmor oder auch Metall, meist in Form einer offenen Lotusblüte. पिखालखु - pikhalakhu hat seinen festen Platz draußen vor der Tür, eingelassen in den Boden, in die Erde, in das Pflaster. Unverrückbar vor dem Haupteingang des Hauses. In Thimi haben wir viele solche gesehen in der Innenstadt, पिखालखु - pikhalakhu gehört dort zu jedem Haus. Es ist der absorbierende Stein, die geschmückte kleine erhabene und tief verehrte Stelle draußen vor der Tür, die Unreinheiten, Dreck und Staub, aber auch alle bad omens und bad vibrations von den Innenräumen fernhält. Die Newari sind überzeugt, dass Lord Kumar sie immerfort beschützt, wenn sie den Tag mit einem Gebet "draußen vor der Tür", an पिखालखु - pikhalakhu beginnen. Viele Häuser unserer Nachbarn auf dem Hill zieren übermenschlich mächtige Ganeshskulpuren. Die Newari sind weniger auf Pomp und Prunk bedacht in der Verehrung von Ganeshs Bruder Kumar.

Wir sind in Pokhara, out of the Kathmandu Valley, draußen vor der Tür.  पोखरा - Pokhara kommt von पोखरी - pokhari = Teich, See, Tümpel, Wasserloch. पोखरा - Pokhara ist die Stadt der Seen und liegt exakt in der geografischen Mitte des Landes, das lang und schmal zwischen zwei Großmächten liegt. Klimatisch längs dreigestreift ins subtropische Tarai, das gemäßigte Mittelgebirge, hilly region mit Kathmandu Valley und die hochalpine, arktische Himalayakette. Hier in पोखरा am See und am Fuße des Annapurnamassivs ist es heiß und gewittrig.

Freitag, Mai 22, 2026

Sithi Nakha

Wir fliegen nach Pokhara. Es regnet. Es ist der 6. Tag der shukla paksha im Monat Jesh, also der hellen Mondphase. Der Mond nimmt von Abend zu Abend merklich zu. 

Es müsste Sithi Nakha gefeiert werden, wenn gefeiert würde und wir uns nicht im Malamas befänden, im Monat des Nichtfeierns. Die Natur nimmt ihren Lauf und keine Rücksicht auf weltliche Kalender. Für die Newari bedeutet Sithi Nakha das Ende der Trockenzeit. Sie reinigen nun trotzdem, wie bereitsvor einer Woche berichtet, vor dem Monsun ihre hitis und verehren weiterhin  कुमार - Kumar, Shivas Sohn, Ganeshs Bruder.

Mittwoch, Mai 20, 2026

swimmingpool

Ich habe gestern meine Schwimmsaison eröffnet. Der Pool wurde über die Wintermonate entleert und ich fragte mich lange Zeit, wo das Wasser wohl hin gegangen ist. Die blauen Fliesen wurden aufwändig geputzt, geflickt und dann das Wasser sehr langsam wieder eingelassen.  

Dienstag, Mai 19, 2026

namegame

Die kurze Frühjahrhochgebirgsklettersaison dauert noch ein paar Tage, also kann ich meine Gedanken weiterhin um den Berg kreisen lassen, den die Tibeter und die Sherpas Qomolangma oder Chomolungma nennen. Den Namen "Everest" hat ihm, wie wir wissen, die ehrwürdige "Royal Geographical Society" (von der mein Gatte ein ehrwürdiger fellow ist) 1865 verliehen und in die Welt verbreitet. 

Die Tibeter hatten ihren Namen schon immer. Jedenfalls ist mir nichts Gegenteiliges bekannt. Eine französische Karte von 1733, die offenbar Zeichnungen von Kapuzinermönchen als Grundlage nutzte, die im frühen 18. Jahrhundert in Lhasa lebten, nennt den Berg "Tschoumou-Lancma". Die orthographische Verwandtschaft und/oder die artikulatorische Nähe zu Qomolangma oder Chomolungma ist nicht zu überhören. Noch vor der Erstbesteigung, nämlich im Juni 1952 erklärte übrigens das offizielle Peking per Dekret, dass der Mount Everest im Chinesischen nur seinen ursprünglichen Namen Chomolungma tragen soll.

Dieser Umstand mag den damals amtierenden König Mahendra dazu bewogen haben, dem Berg, der immerhin zur Hälfte in seinem Hoheitsgebiet, dem einzigen Hindu-Himalayakönigreich steht, endlich einen nepalesischen Namen zu geben. Er schickte seine Untertanen auf die Suche nach dem eigentlich richtigen Namen und die fanden in einem Artikel des Historikers Baburam Acharya von 1938 den Namen bereits im Titel "Sagarmatha or Jhyamolongma" angelegt. Soweit sind meine bescheidenen  Nepalikenntnisse bereits gediehen, dass ich in dem zweiten Namen natürlich den tibetischen erkenne, in nepalesischer Aussprache eben. Nicht so Barubam, der nepalesische Historiker. Angeblich (ich berufe mich auf Informationen aus zweiter Hand, die mir zugänglich sind, da mir das Original nicht zugänglich ist) lässt er sich in seinem wissenschaftlichen Essay intensiv darüber aus, dass "Jyhamolongma" ein - wie man heute sagen würde - no-name sei. Ist es auch, bei Lichte betrachtet. Um Sagarmatha hingegen baut er Berge und Abgründe von Spekulationen über die Kiratsparche - die keiner seriösen Überprüfung standhalten dürften. Acharya selbst soll Jahrzehnte später erklärt haben, der Name sei ihm "zugefallen". Das sind die weltweit bekannten Erinnerungslücken bei Erklärungsnot. Alles deutet darauf hin, dass ihm der Name auf dem Flur zwischen den Büros der Behörde, bei der er damals beschäftigt war, zugefallen ist oder zugetragen wurde. In einem Pausengespräch oder neudeutsch small talk. Eine "third-hand" Fundsache. Aber immerhin. Den König überzeugte sie nach heftigen internen Querelen (der Hof warf dem Historiker ua mangelnddn Patriotismus vor) doch. Nach fast 20 Jahre. Und so erhob sich Sagarmatha - die Stirn der Erde, die den Himmel berührt - aus dem Himalayamassiv.