Samstag, April 11, 2026

weiß

Meine Mutter wäre heute 100 Jahre alt geworden. Sie ist vor hundert Jahren in einem katholischen Bauerndorf im Schwarzbubenland am Sonntag nach Ostern zur Welt gekommen. Der Sonntag nach Ostern wird dort (und anderswo in katholischen Landen) als Weißer Sonntag gefeiert. Die Kinder, die alt genug sind (meist 9-Jährige) und ein halbes Jahr entsprechend vorbereitet wurden, empfangen im Sonntagsgottesdienst die Erstkommunion.

In Bhaktapur ist Ruhetag (wie im übrigen im ganzen Land: Samstag!). Nach den Anstrengungen des ersten Tages von Biska Jatra gilt der zweite Tag als "zero" day

Freitag, April 10, 2026

Biska Jatra

In Bhaktapur und Umgebung (auch in Thimi!) beginnt heute बिस्का जात्रा - Biska Jatra, das Festival zum Jahreswechsel. Es dauert neun Tage und acht Nächte, vom 27 Chaitra 2082 über das Neujahr am 1. und weiter bis zum 5. Baisakh 2083.

Am ersten Tag - heute - findet das Wagen-Tauziehen zwischen den Bewohnern der Unterstadt Kwone und den Bewohnern der Oberstadt Thane statt. Vom zentralen Platz Taumadhi aus versucht jede Seite, den Wagen des Gottes Bhairav (Herr der Zeit, die furchterregende Manifestation Shivas, beschützt die Hingebungsvollen vor Angst und Unwissenheit) und der Göttin Bhadrakali (Göttin des Krieges und der Stärke, entstand aus dem dritten Auge Shivas um den Dämon Darika zu töten) in seinen Stadtteil zu ziehen. Wenn die Oberstadt siegt, wird der Wagen nach Dattatreya hochgezogen und später über Tamari nach Tekhaphukhu in der Unterstadt gebracht. Wenn die Unterstadt siegt, erfolgt der Umzug in umgekehrter Reihenfolge. So oder so wird der Wagen am Schluss in Ga:hiti abgestellt. Dort endet das bunte Treiben des ersten Tages. 

Donnerstag, April 09, 2026

grau

Die einen feiern heute Gründonnerstag und steuern einen Osternachtswaffenstillstand an, die andern sind längst über Ostern hinaus und nähern sich dem Weißen Sonntag. 

Zu Füßen meines verwurzelten Laxmibaums aber hat sich die holy family versammelt. Hinter den beiden schön abgerundeten Steinen, die auch Götter symbolisieren und deshalb täglich mit Crimson versorgt werden. Ich weiß leider nicht, welche Götter diesen Steinen zugeordnet sind oder darin hausen. Vielleicht dieselben, die jetzt in Blei (oder einem bleiähnlichem Material, Leichtmetall oder Plastik) dahinter Platz genommne haben wie in einer Weihnachtskrippe. Der liegende Ganesh unter den fürsorglich geneigten Häuptern seiner Eltern, Shiva und Parvati. Noch glänzen sie alle drei in reinstem Grau. Aber bald werden auch sie ihre tägliche Portion Farbe, frische Blüten, mundgerecht zerkleinerte Bananen, Äpfel, Papayas oder Nüsse, ungekochten Reis oder anderes Getreide sowie Grashalme abbekommen. So etwas geschieht hier ohne Pomp und Getöse.

Mittwoch, April 08, 2026

grün

Auf den blauen Dienstag folgt ein grüner Mittwoch. Ab dem Mittag wird der Himmel dunkel. Es fängt an zu regnen und hört nicht mehr auf. Das ist gut so, denn im kleinen Tal zu meinen Füßen wird sofort alles grün. Ich kann zugucken, wie die Blätter aus den Bäumen schießen, wie die Sträucher wachsen und all das Grünzeug wild wuchert, das in ein paar Tagen jemand abschneidet und auf dem Rücken nach Hause trägt. So werden hier Kühe oder Ziegen gefüttert. Auch mitten in der metropolitan city

Die Kirat Völker sind Animisten. Sie glauben an die Beseeltheit der gesamten Natur, aber auch des Kosmos und des Über- und Unterirdischen, Diesseitigen und Jenseitigen und einer Geisterwelt. Das Kirat Mundhum ist ihre Bibel. Der Leitfaden für soziale Werte, spirituelle Praktiken und rituelles Wissen. Mundum bedeutet "Kraft der großen Stärke". Was kann es besseres geben? 

Dienstag, April 07, 2026

blau

Ein klarer Morgen bricht an. Blauer Himmel! Frische Luft! Gute Sicht über die ganze Stadt bis an die gegenüberliegenden Hügel. Nachdem es die halbe Nacht geblitzt und gedonnert hat, ist nun die Atmosphäre gereinigt.

Kein einziges Bike auf dem Parking. Nicht einmal das blaue. Blau ist die Farbe der RSP (Rastriya Swatantra Party), der Partei, die mit einer komfortablen Mehrheit nun das Land regiert. Deutsch würde sie etwa Nationale Unabhängigkeitspartei heißen. Was dieser Name aber bedeutet, welche Zukunftsvision er schultert oder buckelt, weiß ich nicht. Unabhängig wovon? Jede Partei hatte während des Wahlkamps ihr Symbol, das der RSP war die Glocke, das der Kommunisten eine rote Sonne, der rote Stern für die Maosten, ein grüner Baum für die Kongresspartei. Und so weiter und so fort. Kann, wer will, hier nachgucken. Nicht jedes Symbol spricht eine verständliche Sprache. Aber die Farben der bisher Mehrheitsbildenden Parteien der Alten Männer waren durchwegs feuerrot. Auch die des Kongresses. Nun kommt Blau ins Spiel. Und die Glocke. Der Parteigründer (unser Nachbar) ist ein Medienmensch, kommt vom Fernsehen. Sein Spitzenkandidat, unser Rapper, kann mit modernen (sozialen) Medien umgehen und Massen begeistern. Für die Vereidigungszeremonie als Premierminister zog er einen Astrologen zu Rate und legte seinen Amtseid zur festgelegten auspicious time um 12:34 Uhr local time ab, in Anwesenheit von 108 Batuks, 16 buddhistischen Mönchen und 7 Muschelbläsern. Die rote Opposition ätzte, für solchen Zauber sei früher nie Zeit gewesen. Das Büro des neuen PM vermeldete, seine Familie sei sehr gläubig. So bezog sie - die Familie - denn auch erst nach erfolgter vedischer Feuerzeremonie die mit positiver Energie aufgeladene Residenz in Baluwatar. 

Nun also blau und mit Glocke. Beides Symbole des Hinduismus, aber nicht nur. Blau gilt als Wohlfühlfarbe, moderat, modern, jugendlich, neutral, aufgeschlossen. Kritiker befürchten eine "dopamine government", also eine Regierung, die über soziale Medien digitale kicks ansteuert und Suchtpotentiale bedient. Und eine Regierung, die trotz erklärter Transparenz und Offenheit, eine hidden agenda hat: Hindutva in blue - oder blau. Blau als Vorhang oder Hindutva durch die Hintertür. Für Blauäugige. Mit König (einem jungen oder dem alten pretender) würde daraus wieder das Alleinstellungsmerkmal: die einzige Hindu-Monarchie im Himalaya.

Montag, April 06, 2026

Itahari

Natürlich regt sich sofort Widerstand gegen die verwegene Idee einer 5-Tage-Woche, bzw eines 2-Tage-Wochenendes. Abgeordnete der Nationalversammlung fordern die sofortige Rücknahme des Beschlusses. Sie warnen, dass durch den Behördenmüßiggang von fast 3 Tagen ("keeping employees idle for nearly three days") Chaos im ganzen Land ausbrechen werde. Ganz zu schweigen von durcheinanderpurzelnden Lehrplänen. Ich verstehe die Logik dieser "fast" drei Tage nicht. Ich weiß, dass Nepalis erstens Probleme mit dem 1x1 haben und ihnen zweitens der Freitag immer schon heilig war. Denn darauf folgt der freie Samstag.

Wir verbrachten den letzten Freitag glücklich in den Hügeln um Dharan und den freien Samstag danach im heißen Tarai, in Itahari. Wir spazierten in der Innenstadt herum, bis die Zeit reif wurde für ein kühles Getränk. Danach reisten wir ab. Flugs! 
Im Gegensatz zu jedem anderen Ort, den wir bisher gesehen haben und abgeschritten sind, stießen wir in Itahari an keiner Ecke auf einen Tempel. Es gab dafür umso mehr shoeshutters und überall Schneiderinnen und Schneider. Sowie eine Solidaritätsbekundung der Jugend von Itahari für Inisha B. (das jüngste Vergewaltigungsopfer des Landes) an der Fußgängerkreuzung. Den Text verstehe ich auch nicht. "Nepal has had ENOUGH." Nepal hatte GENUG. Wovon? Von Toten Töchtern, Toten Schwestern, Toten Müttern? Oder von Ungerechtigkeit? Und warum Vergangenheit? Wenn nicht gar Vor-Vergangenheit? Es ist doch die brutale Gegenwart.     

Natürlich gibt es auch in Itahari Tempel, aber die sind modern und pompös am Stadtrand. Nicht in Laufnähe für uns. 

Sonntag, April 05, 2026

Nachlese

Die neue Regierung beschließt ein zwei-Tage-Wochenende für Regierungsbedienstete und das Ausbildungswesen. Um der Energiekrise entgegen zu treten. Dafür soll an den 5 Arbeitstagen eine Stunde länger, nämlich schon ab 9 Uhr früh gearbeitet werden. Gilt aber erst ab morgen. Das heißt: heute wird in allen Behördenzimmern wie immer sonntags emsig gewerkelt und die Kinder gehen zur Schule. Seit aber die neue Regierung im Amt ist, also seit einer guten Woche, bleibt das schiefe Parking hinter der Budhanilkantha Municipality weitestgehend leer. Alle public holidays, die ordentlichen wie die außerordentlichen sind längst vorbei. Nur das blaue Moped (des Pförtners? der Pförtnerin?) steht jeden Tag an seinem Platz. Entweder sind die anderen Mitarbeitenden und Mopedfahrenden entlassen worden. Oder sie dürfen hier nicht mehr parken. Oder sie werden im Zuge der Benzinknappheit mit E-Bus zu Hause aufgegabelt und gesammelt zur Arbeit gefahren. Nichts davon scheint mir plausibel.  

Auf einem anderen Hügel, बिजयपुर - Bijayapur Hill im Nordosten von Dharan, wächst Bambus ohne Spitzen. Am westlichen Ufer des Sewti Khola, der bei unserem Besuch vorgestern vollkommen ausgetrocknet und versandet war, ungefähr von der Höhe des दन्तकाली मन्दिर - Dantakali Mandir nach Norden bis zum बुढासुब्बा मन्दिर - Budhasubba Mandir. Bijayapur war einst die Hauptstadt des Kirat-Königreichs. Die Kirati gelten als Ureinwohner Nepals. Oder des östlichen Himalaya. Sie sind eine indigene tibetobirmanische Volksgruppe, zu ihnen gehören die Gemeinschaften der Rai, Limbu, Yakkha und Sunuwar. Der Hügel heute und die Stadt damals sind benannt nach dem Kirat-König Bijayanarayan. Also der Narayan von Bijaya. Narayan ist eigentlich, wie wir wissen, ein Epitheton für Lord Vishnu. Also ein Name für einen Gottgleichen per se. Als Prithvi Narayan Shah (auch ein Narayan, auch den kennen wir bereits) das Reich einte, mussten natürlich alle lokalen Herrscher der kleinen Königreiche eliminiert werden. In einer Quelle lese ich, dass Prithvis Schlächter den letzten Limbu König Buddhikam Khebang von Morang "diplomatically" in der Kirat Hauptstadt Bijayapur töteten. Eine andere Quelle beschreibt die List (Versprechen auf Verhandlungen), mit der der König in die Hauptstadt gelockt und dort ermordet wurde. Man sagt, dass seine Seele seither in Bijayapur unterwegs ist. Aber die Limbu people fürchten den Geist nicht, sie sagen, er sei freundlich, friedlich und hilfsbereit. Sie verehren ihren alten König, in ihrer Sprache bedeutet Subba König. Die Tempelanlage Budha Subba ist um sein Grab herum entstanden. Und dort wächst der Bambus ohne Spitzen.

Der geht aber auf eine Legende zurück. Budhasubba (nicht der alte König, sondern eine fiktive jugendliche Figur gleichen Namens) und seine Schwester Subbini (dito) machten sich einen Spaß daraus, mit Steinschleudern auf Krähen zu schießen. Eines Tages traf Budhasubba statt der Krähe die Spitze einer Bambuspflanze. Die brach ab und seither bildet keine Bambuspflanze in der Gegend mehr Spitzen. Und die Krähen sind wunderbarerweise für immer verschwunden. Also verbuddelte Budhasubba reumütig seine Steinschleuder und meditierte bis ans Ende seiner Tage an der Stelle, an der heute (s)ein - oder des alten Königs Buddhikam Khebangs - Tempel steht. Auch die Schwester hat ihren Tempel bekommen, obwohl sie ganz ohne Schuld ist. Tempel sind für alle(s) gut.