Montag, April 20, 2026

Der Reisweg

Weiter im Text: Der Reis, den wir im Kathmandu Valley täglich verzehren, ist laut einer neuesten Studie "angereichert" mit bis zu 11 verschiedenen Pestiziden, darunter Fungizide, Insektizide und Rodentizide. Letzteres sind spezielle Nagergifte, die Antikoagulanzien enthalten, also blutgerinnungshemmende Stoffe. Die Ratten, die man damit bekämpft, verbluten innerlich. Jämmerlich!

Die Studienmacher untersuchten Reis, der in den drei Distrikten Kathmandu, Bhaktapur und Lalitpur angeboten wird. In der capital city konsumieren wir den weitaus giftigsten Reis: darin finden sich Azoxystrobin, Chlorpyrifos, Clothianidin, Difenoconazole, Imidacloprid, Malathion, Paclobutrazol, Propiconazole, Tebuconazole, Thiamethoxam, Tricyclazole. Basmati-Reis ist im Vergleich zu nicht-Basmati-Reis doppelt so hoch kontaminiert. Die Erklärung ist simpel, sagen die Fachleute: Basmatireis lässt sich zu einem höheren Preis verkaufen, weist aber eine geringere Resistenz gegen Schädlinge auf. Also verdoppeln die Reisbauern die Dosierung der Pflanzenschutzmittel und wenden sie häufiger als empfohlen an. 

83 % der Proben enthalten Pestizide, davon 80 % zwei oder mehr Arten. Unter den 11 gefundenen Pestiziden übersteigen Tricyclazole, Thiamethoxam und Tebuconazole die Höchstgrenzen, die beispielsweise in der EU gelten, um ein Vielfaches. Nachgewiesen werden Konzentrationen von 5,09 Mikrogramm bis 312,54 Mikrogramm pro Kilo Reis. Außerdem sind in den Reiskörnern verbotene Substanzen wie Chlorpyrifos, Alpha-Cypermethrin und Profenofos enthalten.

Ich muss das alles nicht im Detail verstehen, weder die Bedeutung der Wörter noch die toxische Kurz- und Langzeitwirkung dieser Chemikalien. Ungesund ist Reisessen allemal. Der Mond hingegen hat sich gestern abend zum ersten Mal wieder am Himmel gezeigt. Liegend wie eine Schaukel.

Sonntag, April 19, 2026

Der Milchweg

Es ist heiß geworden. Auch nachts. Es gibt hier keine Übergänge. Keine Schonfristen. Wir haben uns von den Winterdecken verabschiedet. Sie liegen von einer Nacht zur nächsten plötzlich unerträglich schwer auf den müden Leibern und müssen in den Schrank!

Die Bäuerinnen in den Dörfern rund um Kamalamai nennen ihre schwarz-weißen Kühe "korean cows". Es gibt aber keine koreanischen Kühe. Es sind Holsteiner Kühe! Die Dörfer gehören wie die Stadt zum Distrikt Sindhuli und liegen im südöstlichsten Zipfel der Provinz Bagmati. Also gar nicht so weit weg von mir. Im Dezember 2022 kamen im Rahmen des Projekts zur Förderung der Milchproduktion in Nepal mit dem schönen Namen "milky way" 101 Holstein-Färsen und acht Holstein-Zuchtbullen aus Südkorea nach Nepal. Deshalb sind es im Volksmund korean cows. 80 dieser Tiere landeten im Distrikt Sinduli. Am 6. Februar 2024 wurde das erste Holstein-Kalb in Nepal geboren und "Gamsa" (= danke in koreanisch) bzw धन्यवाद (= dhanyavad, danke in nepali) genannt. 

Neuerdings heißen die Holsteiner Hochleistungsviecher in Sinduli "AI cows", denn statt einer Kuhglocke tragen sie einen Sensor um den Hals. Der bimmelt nicht, sondern liefert den Bäuerinnen - es sind immer Frauen, die solche Haus-und-Hof-Arbeiten verrichten - nicht nur den genauen Standort, sondern auch Daten zur Gesundheit, zum Fress-, Trink-, Kauverhalten, zu Bewegungs- und Ruhephasen usw in real time aufs Smartphone. Damit soll die Arbeit erleichtert und die Milchproduktion gesteigert werden. Die ladies sind begeistert. Eine erzählt, sie verdiene nun netto monatlich das zweieinhalbfache ihres Gatten, der als Securityguard an einer Schule arbeite. Früher hielt sie 3 "local cows", die zusammen pro Tag 24 Liter Milch gaben. Nun hat sie zwei Holsteiner alias "korean AI cows", die pro Tag zusammen 60 Liter Milch produzieren. Eine Holsteiner, rechnet sie uns vor, entspreche ungefähr 5 local cows. 

Die einst 80 Tiere sind in Sinduli mittlerweile auf 123 angewachsen, davon sind aktuell 11 trächtig. Die Herde gedeiht! "For us", sagt die Bäuerin, "Holstein is hope."

Samstag, April 18, 2026

Wegbereiten

Samstag. Wochenende. Und ich steige wie jeden Tag früh auf mein Trampolin. Morningroutine. Am Tempel sind viele fromme Frauen, die Shiva mit Wasser, Blumen, Früchten, Bändern und stillen Gebeten verehren. Das ist immer so am Samstag. Weil Wochenende. Oder weil Samstag. Wer will das schon wissen. Heute stört die Ruhe ein Bagger, der pünktlich um 6:30 am  die halbfertige Straße unter dem Tempel hoch brummt. Hinter ihm ein Lastwagen, der lange röhrt und spult beim Versuch zu wenden. Damit die leere Ladefläche zum Bagger zeigt und dieser sie füllen kann. Kurz vor 7 am ziehen sie wieder ab. Der Kiesberg, der einst, vor fast einem Jahr, aufgeschüttet wurde damit, wie ich damals annahm, die Straße zu Ende gebaut werden kann, und der in der Zwischenzeit von allerlei Grünzeug, halben Bäumen überwuchert war, ist entfernt. Mit drei vollen Schaufelladungen auf die leere Ladefläche gekippt. Und fertig ist die Sache. Der Trampelpfad, den die Schulkinder und alle Mütter mit Kindern auf dem Rücken oder Gras für die Kühe im Laufe der Zeit um den Hügel herum festgetrampelt haben, ist nun verschwunden unter der Erde, die die Baggerschaufel zuletzt unordentlich darüber geschoben hat. Die Straße ist nicht fertig, nur der Durchgang wieder frei, und das Material zur Fertigstellung derselben abtransportiert.

Samstag, 5. Baisakh. Der letzte Tag von Biska Jatra in Bhaktapur. Die Neujahrsfeierlichkeiten enden so, wie sie begonnen haben: mit einem von begeistertem Jubel begleiteten Tauziehen zwischen Thane und Kwone. Danach kehren die Götter wieder dorthin zurück, wo die Menschen sie hergeholt haben und Ruhe kehrt ein.

Nachtrag: Vor zwei Tagen fand das erste Frauen-Tau-Ziehen in der Geschichte der Biska Jatra statt: Die sisters zogen mit vereinten Kräften den Wagen der Göttin Bhadrakali Devi. Hin und Her. Im Wettstreit zwischen der einen und der anderen Seite. Das Newari-Neujahrsfest ist ein einziges lachendes Hin und Her. Zwischen alt und neu, oben und unten, gut und bös. Das Gute, das ist die Gute Nachricht des Tages, siegt immer. Egal, auf welcher Seite es gerade steht.

Freitag, April 17, 2026

Neumond

Neumond in dieser Minute: 17:36 local time. Muttertag seit dem frühen Morgen. Er folgt in Nepal, anders als das Neujahr, dessen Festivitäten in Newarigemeinden immer noch im Gange sind, nicht der Sonne, sondern dem Mond. Der nepalesische Muttertag, माता तिर्थ औंसी - mata tirthi aunsi oder आमाको मुख हेर्ने दिन - aamako mukh herne din, ist nicht fest, sondern beweglich. Er fällt immer auf den Neumond im Monat Baisakh, also auf den ersten Neumond im nepalesischen Bikram Sambat Kalenderjahr. Wir hatten ihn hier schon, den Tag, den das Gesicht der Mutter prägt, vor etwas mehr als einem Jahr. Alles wiederholt sich unweigerlich. Wer keine Mutter (mehr) hat, pilgert heute zum Muttertagspilgersee, zum Matatirtha-Kund in Chandragiri, südwestlich von Kathmandu. Der Legende nach kam einst ein armer Viehhirte an diesen Teich und weinte um seine verstorbene Mutter. Als er in das Wasser blickte, erschien ihm darin ihr Gesicht. Seither kommen sie zu Tausenden, bringen Milch, Wasser, Reis und Blumen, waten duch den Teich und glauben fest daran, dass sie an diesem Ort mit der Mutter verbunden sind.

In Bhaktapur ist heute Sagun Jatra. Alle wichtigen Göttinnen und Götter werden aus den Tempeln und Shrines befreit und auf die Straßen, die Gassen, die Hinter- oder Vorderhöfe an die Sonne gestellt und bewirtet. Mit traditionellen Speisen wie Wo oder Bara (= herzhafter Linsenkuchen). Aber auch mit Eiern, जुजु धौ - Juju Dhau (Königsjoghurt aus Büffelmilch) oder Fisch.

Wir feiern unseren bescheidenen neunzehnten 17. Tag des Monats Anno Domini in diesem Land am Abend auf dem Dach mit dem bereits traditionellen Gläschen Baron d'Arignac

Donnerstag, April 16, 2026

Judhaunu Jatra

Ein weiteres Wettrennen oder Kollidieren. Gegenüberstellen. Die Khats von Mahakali und Mahalaxmi treffen heute in Bhaktapur aufeinander.  जुधाउनु - Judhaunu bedeutet kämpfen oder neutraler: aufeinandertreffen, gegenübertreten oder -stellen. Von Angesicht zu Angesicht bringen. Heute stehen sich also die beiden Göttinnen, Mahakali (die furchteinflößende große Kali, die höchste Göttin der Zeit, der Zerstörung und der Befreiung) und Mahalaxmi ( "meine" große Laxmi, die höchste Göttin des Wohlstands, des Glücks sowie der Schönheit und Fülle) gegenüber. Ihre Wagen werden den ganzen Tag feierlich durch die ganze Stadt gezogen.  

Mittwoch, April 15, 2026

Sindur Jatra

Sindur Jatra - oder das rote Fest von Thimi am zweiten Tag des neuen Jahres, am 2. Baisakh. Wir kennen die Zutat schon, die den heutigen Vormittag dort prägt: सिन्दूर - Sindur, das bleiversetzte Vermillion. Zinnoberrotes Riesengaudi in der Stadt, von 7 Uhr bis zum Mittag wird सिन्दूर - Sindur säckeweise in die Luft geworfen. Es symbolisiert Macht, Reinheit und den Frühlingsbeginn. Ich erkläre mir das so, dass durch den Ozean von Rot oder eher Orange bis Gelb das ganze Sonnenaufgangsspektrum bis zum Mittag anhalten darf. In das Farbenmeer tauchen dann mindestens 32 खट - Khats, tragbare Tempel mit den wichtigsten Gottheiten. Sie werden aus den verschiedenen Stadtteilen ins Zentrum zum Balkumari Tempel getragen. Begleitet von धिमय् - dhime, den typischen Newaritrommeln und Zimbeln. Den Höhepunkt bildet Lord Ganesh. Sein Khat wird von Nagadesh ins Zentrum gebracht und natürlich wollen ihn alle anderen Khats bzw Götter daran hindern, ans Ziel zu kommen. Ein nochmaliges Tauziehen beginnt, oder eher ein im-Weg-Herumstehen, den Durchgang behindern oder versperren, das Vorwärtskommen verunmöglichen. Darin sind Nepalis im täglichen Leben Weltmeister. Aber bei der Sindur Jatra geht es nur darum, das Ende des Festivals hinauszuzögern. Denn Ganeshs Ankunft in der Balkumari Tempelanlage bedeutet unweigerlich das Ende dieses unglaublich freudigen Sonnenaufgangsverlängerungschaos:

https://www.youtube.com/watch?v=Rs06HWamxJ8

https://www.youtube.com/watch?v=Jiq9Bc6O220

Dienstag, April 14, 2026

Der erste Tag des Jahres

नयाँ वर्ष - Naya varsa. Neujahr nach dem nepalesischen und hinduistischen Solarkalender. मेषा संक्रान्ति - Mesha Sankranti. Die Sonne ist aus dem Sternbild Fische मीन - min (Pisces) in das Sternbild Widder मेष oder मेष राशि - mesh oder mesh rashi (Aries) eingetreten und beginnt einen feurig aufgeladenen, frischen, klaren energetischen Zyklus. Deshalb ist heute मेष राशिको संक्रांति - Mesh Rashiko Sankranti. Oder मेष राशिको लागि संक्रान्ति - Mesh Rashiko laghi Sankranti. Das Aries-Sankranti, oder Aries Solstice. Sprache ist fast so unberechenbar wie Zeit. 

Heute endet Kharmas, der Zeitraum seit Eintritt der Sonne in die Fische, der als energetisch schwach und uninspiriert gilt. Deshalb sollen alle Aktivitäten, die (materielles) Glück erfordern (wie Hochzeiten, Hausbau oder Geschäftsgründung) ruhen. Man widmet sich in dieser dümpelhaften Zeit, die ungefähr einen Monat dauert, besser der inneren Einkehr und äußeren Wohltätigkeit. Wie das mit der Vereidigung der neuen Regierung einher ging, weiß ich nicht. Denn erst ab heute vergeben die Astrologen wieder wahrhaft auspicious (glückverheißende) Termine. An meiner Wand hängt der neue bunte Kalender. Er zeigt auf dem ersten Blatt बैशाख २०८३ - Baisakh 2083, darüber Shiva, Parvati und Ganesh, holy family zum Neuen Jahr. Der Lauf der neuen Zeit beginnt natürlich mit १. - dem 1. in Rot, denn public holiday.

Der pretender hat seine Neujahrsbotschaft im Netz platziert. Präsident Paudel, Vize-Präsident Yadav, PM Shah, Ex-Interims-PM Karki,  Ex-Präsidentin Bhandari und viele andere wünschen über diverse Kommunikationskanäle ebenfalls nur das Beste, Erfolg und Glück. Alle rufen zur nationalen Einheit auf. Zu vereinten Anstrengungen, das Land vorwärts zu bringen. In diesem Sinne grüßen sie auch die kleinen und großen Gemeinschaften im Tarai und Valley, die heute Judshital, Satuwain, Siruwa Pawani, Bisu Parba usw, oder eben in Bhaktapur (und Thimi und anderswo) Biska Jatra feiern. 

In Bhaktapur versammeln sich die Gläubigen seit dem frühen Morgen in Chupinghat und Lyasingkhel und verehren Bhairav, Bhadrakali, Betal und den Pfahl - Yosin Dyo, rhythmisch angetrieben von Trommeln, Schellen und Becken. Betal bekommt sein Tieropfer - einen Hahn. Am Abend darf Yosin Dyo kontrolliert fallen - natürlich erst nach einem erneuten Tauziehen. Die Wagen werden zurück nach Ga:hiti gezogen. Auch sie sollen möglichst kontrolliert miteinander kollidieren, so will es das Ritual und die Tradition der Sangam Jatra, in Newari Dyo Lwakigu Jatra genannt. 

Hier eine heitere Langform des Lingo Dhaleko, des zeremoniellen Tauziehens um Yosin Dyo (er fällt ungefähr bei Minute 49).