Montag, November 02, 2026

Essenszeit

Der Mond hat deutlich abgenommen, ist ein 22 Tage alter waning gibbous, wie ich mir sagen lasse, steht aber unverhofft so hell über mir, in einer geraden Linie über Mars, Jupiter und Regulus, dass er meinen Blick geradezu magisch nach oben, in den Nachthimmel zieht. Es ist rundum noch stockfinster und ruhig, ich auf den Beinen. Die hintere Küchentür öffne ich aus lauter Gewohnheit, bis mein Wasser kocht, um nach dem Rechten oder den Schnecken zu sehen, oder ganz anderen Tieren. Regulus ist der Alpha Leonis, der hellste Stern im Sternbild Löwen, das "Herz des Tieres", wie ich später, bei Tageslicht lese, aber welchen Tieres? Frage ich mich da. Der Mond liegt wie eine Schaukel über mir. 

Als die Sonne über den Horizont gekrochen kommt, bereits deutlich südöstlich, stehe ich auf dem zweiten Dach und der Mond immer noch über mir. Als Nachtlager taugt er nun nicht mehr, die Schaukel ist gekippt. Wie ein Zeiger der Uhr, erklärt W. am späten Vormittag, endlich aus dem Bett gekommen. Der dreht sich auch im Laufe eines Tages oder einer Stunde. Und wäre an seinem Ende eine volle Suppenkelle befestigt, müsste irgendwann der leere Teller darunter stehen und den Inhalt aufnehmen. Denn dann ist Mittagszeit, sage ich. 

Sonntag, November 01, 2026

Kartoffeln

Ein Morgen wie November. Neblig, feucht, undurchsichtig. Dies, obwohl die Nacht sternenklar war und wir mitten im Monat Kartik sind. 

Ein Mittag wie Sommer. Die Wolken liegen noch tief, die Sonne steht schon hoch. Die Annapurna schält sich aus dem Nichts. Nichts ist einfacher als das. Klare Sicht, blauer Himmel.

Ein Abend wie Ausflug. Wir fahren mit den Fahrrädern zu Monalisa. Ich esse फापरको ढिँडो थकाली - Faparko Dhido Thakali (Buchweizengrütze Thakali), W das übliche Reis Thakali, dafür mit allem drum herum, Huhn, Fisch, Mutton. Danach nehmen wir ein Kilo goldgelbe, saftige, süße Mustang Äpfel mit nach Hause. Einen Geviertelten haben wir bereits zum Nachtisch verzehrt. Ein riesiger Berg Kartoffeln aus Mustang liegt auch zum Verkauf vor dem Restaurant. 

Samstag, Oktober 31, 2026

Die Kehrseite

Ein Samstag wie Dithmarschen. Wochenende. Bei dem Wetter arbeitet keiner. Es regnet den ganzen Vormittag ohn' Unterlass. Der Strom fällt stundenlang aus. Am Himmel nur grau. Am Boden Grün in Gelb- und Brauntönen. Der Wind hat die schweren Ähren der Reisfelder über Nacht geschüttelt, zerrupft und zerzaust. Vielleicht stehen sie wieder auf, wenn die Sonne wieder kommt. 

Im Norden Bhutans ist vorletzte Nacht der Shintaphu Tsho geborsten. Übergelaufen. Ausgebrochen. Ein durch eine Endmoräne aufgestauter Gletschersee im Hochgebirge Laya Gewog. Einer von 17 als instabil und gefährlich eingestuften Gletscherseen des Landes. In Nepal gibt es Dutzende ebensolcher. Eine Sturzflutwelle von schätzungsweise 7,4 Millionen Eiswasser ergoss sich in den Mo Chhu und seine Seitenarme. Die Bewohner aus der Region konnten rechtzeitig gewarnt und evakuiert werden. Auch in den angrenzenden indischen Bundesstaaten Assam und Westbengalen gab es akuten Flutalarm, über 10 000 Menschen wurden vorsorglich in Sicherheit gebracht.

Das ist die Kehrseite der Leben spendenden Himals, des ganzjährig schneebedeckten endlosen Himalayagebirges. Meiner alle mit Nahrung versorgenden Annapurna, der Mutter des Überflusses. Früher sicherte das Schmelzwasser den Bauern im Tal das Überleben, es war zuverlässig, kam pünktlich und gut dosiert, garantierte eine reiche Ernte. Heute ist es unberechenbar. Unbeherrscht. Fuchsteufelswild.

Am Mittag ist der Spuk - der Dithmarschenblues - plötzlich vorbei und die Sonne scheint, als wär' nichts gewesen.

Freitag, Oktober 30, 2026

Arnab

Ein Freitag wie Dithmarschen. Der Morgen ist grau. Die Annapurna trägt Schleier. Ab dem Mittag regnet es, nicht stark aber beständig. Zyklon Arnab trifft uns nicht direkt, aber seine Begleiter. Arnab ist in meinen Ohren ein ungewöhnlicher Name, irritierend und faszinierend zugleich. Ich lese, dass Bangladesh diesen Namen eingereicht hat. Er stand auf der Liste für tropische Wirbelstürme im Nördlichen Indischen Ozean und wurde vom Indischen Meteorolischen Dienst vergeben. Arnab ist ein männlicher Vorname und kommt wie alles in diesen Teilen der Welt aus dem Sanskrit. Arnabs sind beliebt im Bengalischen, Odia und Assamesischen. Sie bringen etwas Unendliches mit sich, Tiefe und Weite wie das Meer.

Hier unten regnet es, weiter oben fällt Schnee. Das ist gut für die Himals.

Donnerstag, Oktober 29, 2026

Kartik

Es ist schon der 12. Kartik - aber vorher kam ich nicht dazu. Zu erklären, dass dies mein neuer Lieblingsmonat ist. Früher war es der Oktober, dessen zweite Hälfte die erste des Kartik überlappt. Mehr Gemeinsamkeit ist aber nicht. Angekommen sind wir vor zwei Jahren am 1. Ashwin. Der Kartik war der zweite Monat in Nepal, aber der erste, dessen Name ich mir merken konnte. 

Kartik ist der heiligste, der energetisch kraftvollste und spirituell, wie es heißt, "ertragreichste" Monat im hinduistischen Kalender. Kartik wird von modernen Meistern mit "Schlussverkauf" verglichen - schon die kleinste Geste der Hingabe, wie das tägliche Anzünden einer Öllampe, wird tausendfach belohnt und bringt spirituell reiche Ernte. Kartik gilt als Damodara-Monat, und ist eng mit Radha und Krishna verbunden. Gott - in Form von Damodara - ist besonders zugänglich. Dann erwacht im Monat Kartik Vishnu aus seinem viermonatigen kosmischen Schlaf im Milchozean. Am Kartik-Vollmond (Kartik Purnima) erscheint er als Matsya Avatar - als Fisch-Inkarnation und rettet so die Schöpfung. Lord Shiva, sein Kollege, besiegt an demselben Vollmond den Dämon Tripurasura und rettet so die Götterwelt. Damit ist fast alles vor dem Untergang gerettet und die Hindus feiern Kartik Purnima als Lichterfest der Götter, als Dev Diwali. Der zunehmenden Dunkelheit auf Erden wirken sie aber mit allerhand Lichterfesten und tausenden nervös zitternden und in allen elektrisch verfügbaren Farben schillernden Lichterketten auch für sich selbst entgegen. Tihar oder Diwali fällt immer in den Monat Kartik. Wenn draußen kein oder immer weniger Licht ist, wird das Licht innen angezündet.

Mittwoch, Oktober 28, 2026

Setibeni

Setibeni liegt westlich von Pokhara am Ufer des Kali-Gandaki. Durch Pokhara fließt der Seti-Gandaki. Der eine Fluss ist der Schwarze, der andere der Weiße. Beide fließen kurvenreich von Nordwest nach Südost. Solche Konträrnamen für Flüsse gibt es auch andernorts auf der Welt. Meist hat die parallele Namensgebung geografische oder geologische Gründe. Der Schwarze, der Kali-Gandaki trat vor einem Monat nach tagelangen heftigen Regenfällen über die Ufer und nahm halb Setibeni mit sich. Das Zentrum, den Marktplatz und alle für Dashain bereits gut gefüllten Shutters, die Zufahrtsstraßen, zwei Brücken und 50 Wohnhäuser. Auch die Nachbargemeinden verschonte er nicht, riss 30 Häuser aus Bihadi und 20 aus Galyang fort. Er zerstörte die massive Brücke zwischen Mirmi und Harmichaur und damit die einzige Verbindung zwischen den drei Distrikten Parbat, Syangja und Gulmi. 

An der Grenze dieser drei Distrikte liegt am Kali-Gandaki ein riesiger Monolith, ein Shaligram Shila. Für gläubige Hindus sind diese Steine heilig, sie erkennen darin eine Manifestation Vishnus. Der Shaligram Shila von Setibeni gilt als größter weltweit. Ein viel bescheidenerer liegt bei uns um die Ecke im Ram-Tempel von Birauta. Shaligrams sind prähistorische Ammoniten-Fossilien, lese ich, aus dem ehemaligen Tethys-Meer. Als der Himalaya sich zu heben begann, gelangten solche Brocken in die Gandaki Flüsse, in den Kali und und den Seti. Strömung und Zeit schliffen sie rund. Der Monolith von Setibeni ist seit Jahren bedroht. Hinter der Staumauer des 7 Kilometer südlich gelegenen Wasserkraftwerks Kaligandaki A lagern sich Unmengen von Sedimenten ab, Sand, Steine, Geröll, Felstrümmer. Das Flussbett steigt kontinuierlich an und der heilige Shaligram Shila, den Scharen von Pilgern aufsuchen, um ihn mit einer Pradakshina (drei Umkreisungen im Uhrzeigersinn) zu verehren, ist dabei, in diesem Schutt zu verschwinden. Während des Monsuns versinkt er regelmäßig für Monate ganz unter Wasser und in trockenen Monaten ragt mittlerweile nur noch der oberste Teil aus dem Wasser.

Die Kali-Gandaki-Flut hat ihn nicht mitgenommen. Er ist schwer von der Stelle zu bewegen. Aber sie hat alle Zugangswege verschüttet. Seitbeni ist seither verwaist und der Shaligram unerreichbar. 

Dienstag, Oktober 27, 2026

Himal

Ich sagte es vielleicht schon das eine und andere mal: in Nepal sind Berge weiß. Was nicht weiß ist, ist kein Berg. Bestenfalls ein Hügel. Eine Anhöhe. Für einmal ist die Sprache hilfreich: Das Wort zeigt die Farbe. Alle Himal's sind Schneeberge, Schneebergketten, Schneebergmassive. Weiße, endlos sich hinziehende Gebirgszüge wie zum Beispiel der 55 Kilometer lange Annapurna Himal vor meinem Fenster. Oder der anschließende Lamjung Himal. Der Mardi Himal. Der Mansiri oder Gurkha Himal. Und so weiter und so fort.

Für einmal öffnet mir die Sprache die Augen. Das Wort हिमाल - Himal kommt aus dem Sanskrit und setzt sich aus zwei Teilen zusammen: हिम - Him für Schnee oder Eis, Frost, Winter, kalt. Und आलय - Alaya für Haus, Platz, Ort. हिमालय - Himalaya ist der Wohnsitz des Schnees, des Eises, der Kälte. Das Adjektiv "ewig" erübrigt sich in dieser semantischen Unfehlbarkeit.

Ich lerne die Welt von oben kennen. Wenn sie kopfsteht. Oder von unten. Wenn ich einen Kopfstand mache und das Blut mein Hirn flutet. Das Wort für Schnee in nepali - ich weiß nicht mehr, wann es mir zum ersten Mal begegnete - schien mir immer eines der absonderlichsten und unverständlichsten. Merken konnte ich es mir bis eben nie. हिउँ - hium, google transkribiert als hi'um̐. Mit Chandrabindu (= Punkt in einer halben, nach oben offenen Mondsichel) über dem "m", der die Nasalierung des vorangehenden Vokals anzeigt. Ich lasse mir das Wort vorsprechen und es klingt nach [hio]. Ein nasaliertes Endungs-o wie im Urklang des Universums ॐ - Om oder Aum! Ich frage nach der Etymologie. Und tatsächlich hat der Schnee, der die Gipfel des Himalaya erst zu Bergen macht, mit dem Absolutum der hinduistischen Weltordnung zu tun. हिउँ - hium ist ein leicht abgewandeltes, um den h-Konsonanten mit kurzem i erweitertes ॐ - Om. Om, lerne ich, ist die Schwingung, aus der alles Sichtbare und Unsichtbare entstanden ist. Noch sind die Berge, die Himals sichtbar vor meinem Schreibtisch. An einem klaren Tag wie heute. Mein ganzer Annapurna Himal, der Gebirgslangstreckenzug. Schneekappen und Schneekutten schwinden, Frostbeulen und Eisfüße schmelzen in geologischen Zeiträumen und Zeitschritten. Die kennen wir zum Glück nicht.