Samstag, September 19, 2026

Regenwaldterrarium

Es regnet seit dem frühen Morgen. संविधान दिवस - Samvidhan Diwas. Tag der (jungen) nepalesischen Verfassung. Landregen. Beständig. Sanft. Beruhigend. Beherzt greife ich zum बाबियो कुचो - babiyo kuco, zu dem harten nepalesischen Besen, den uns die landlords in weiser Voraussicht hinterlassen haben. Aussen herum tun diese Besen tatsächlich gute Dienste, drinnen will ich keinen haben. Nicht einmal einen weichen. Staubaufwirbler. 

Ich fege also mit dem robusten Wildgrasbesen (er könnte aus Khar Gras sein, oder eben aus babiyo - Eulaliopsis binata) und dank des Regenwassers, das mir von allen Seiten frisch zuläuft, Erde, Sand und Kies, den uns die Nachbarbaustellen bescheren, erfolgreich von der Auffahrt. In die Gosse. Dann entstaube ich die Fahrräder und poliere die Eingangsstufen. Zum Dank zeigt sich die Große Achatschnecke beim Frühstück. Sie ist offenbar zufrieden mit Regen, Garten, den Göttern und der Welt. Knabbert, lutscht an einer von Nachbars Baum heruntergeplumsten, bereits angebissenen Guave.

Meine Eidechsen, die sich lieber in der Sonne zeigen, aber keine Hauswände elegant hoch- und hinuntergleiten können wie die Achatschnecke, gehören vielleicht zu den Scharlach-Gartenagamen, zu den orientalischen Garteneidechsen. Die, die kürzlich unter meiner Kehrschaufel in den Himmelfand, könnte eine Sägerückenagame gewesen sein. Andernorts (lese ich und mir sträuben sich die Nackenhaare!) werden solche Tiere für teuer Geld in heimische Regenwaldterrarien gesetzt. Wegen "Stressanfälligkeit und Agressivität untereinander" wird aber Einzelhaltung "dringend" empfohlen. Ich zeige meine hier noch ein letztes Mal. Das Bild habe ich, ohne zu ahnen, wie nahe das Ende schon ist, wenige Stunden vor ihrem Tod gemacht. Noch hatte sie die Kraft, mir ihren wunderbar gezackten Nackenkamm sowie ihren langen langen Schwanz zu präsentieren. Und mich anzublinzeln.

Donnerstag, September 17, 2026

rosige Ingwerknollen

असोज - Ashoj. Oder Ashwin. Der 6. Monat im nepalesischen Kalender beginnt. Das halbe Jahr ist bald um - oder schon um, denn wir hatten ja den adhikmaas, Schaltmondmonat. Heute ist Ashwin Sankranti, die Sonne titt in das Sternzeichen Jungfrau ein und die heißt in der vedischen Astrologie Kanya Rashi. Und heute ist Bishwokarma Puja. Bastu Diwas. Lord Bishwokarma wird geehrt, der Experte für traditionelle und göttliche Architektur, der allmächtige Schöpfer des Universums. Weltliche Bauherren, Handwerker und Handlanger begehen den Bastu-Diwas, den Tag des Bauens. Und gebaut wird wahrlich genug in diesem Land! Wer eine eigene Werkstatt hat, verehrt heute seinen Arbeitsraum und betet die Hand-Werkzeuge und die elektrischen Maschinen an - damit sie für den Rest des Jahres ohne zu stottern funktionieren.      

Der 1. Ashoj fällt bereits zum dritten Mal in Folge auf den 17. September. Daraus leite ich nun eine für mich allgemeingültige Gesetzmäßigkeit ab. Ab sofort feiern wir nicht mehr den 17.9., sondern den 1.6. Der zweite Jahrestag unserer Ankunft in Nepal, der Beginn des dritten Jahres. Am Nachmittag fällt wie aus dem Nichts heftiger Regen. Es schüttet bis in die Nacht hinein erbarmungslos vom Himmel. Die Arbeiter zur Linken oder zur Rechten, je nach dem, wo wir stehen, machen früher Feierabend. Das haben sie ihrem Patron, Lord Bishwokarma zu verdanken. Die gegenüber auch. Und so kommen wir unverhofft zu ein bisschen verdienter Ruhe. W meinte kürzlich, der Monsun sei so gut wie vorbei. Aber Irren ist menschlich. Und das Wetter launisch.  

Zwei Jahre Nepal. Das ist kein Grund, Bilanz zu ziehen. Man sagt, Ausländer würden übers Ohr gehauen. Wo immer es nur geht. Das mag sein und ist überall auf der Welt so. Hier vielleicht im Großen (indem man uns einen zur zu einem Viertel vollen Gaszylinder ins Haus liefert). Im Kleinen nicht. Kürzlich kaufte ich beim Obsthändler meines Vertrauens eine Papaya. Sie war schwer und reif, saftig und süß. Er wollte 240 Rupees haben. Ich reichte ihm zwei 100er und einen 50er. Passender hatte ich es nicht. Er gab mir einen 20-Rupee-Schein zurück und ich sagte: that's too much! Er lachte: You know nepali money!

Yes! I know nepali money. पैसा - paisa! Ich bin keine Anfängerin und schon gar keine zufällig Vorbeigekommene, die man bedenkenlos betrügen kann, weil sie nie wieder auftaucht. Ich kaufe bei dem Mann seit bald drei Monaten Obst und Gemüse. Bekomme immer 7 Bananen, wenn ich 6 will. Und ab und zu eine Handvoll Chili. In letzter Zeit hat er riesige rosige Ingwerknollen, denen ich nicht widerstehen kann.

Mittwoch, September 16, 2026

रसुवागढी

रसुवागढी - Rasuwagadhi, die Endstation von NH 42 an der Grenze zu China, war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Bollwerk. Jung Bahadur Rana ließ die massive Steinfestung 1855 während des dritten Nepal-Tibet-Krieges errichten. गढी - gadhi ist die Festung, रसुवा - Rasuwa ihr Name. Jung Bahadur Rana war ein adliger Militärführer, der nach dem Kot-Massaker 1846 die Macht im Lande übernommen, sich selbst zum Premierminister ernannt und damit die autokratisch regierende Rana-Dynastie begründet hatte. Die Könige im Königreich spielten fortan, während genau 104 Jahren bis 1950 politisch keine Rolle mehr. Sie durften höchstens noch bei offiziellen Anlässen eine bunte Kulisse abgeben.

Bis auf den letzten Stein hat die Bhadrasturzflut das historische Fort weggespült bzw unter Tonnen von Schlamm und Geröll begraben. Mitsamt aller moderneren Gebäude, den Büros der Zoll- und Grenzbehörden auf nepalesischer und tibetischer/chinesischer Seite, der Miteri Freundschaftsbrücke, dem NH 42, dem Rasuwagadhi-Wasserkraftwerk (111 MW Rasuwagadhi Hydropower Plant, kurz RHPL). Die meisten Menschen, die an dem Grenzposten diesseits und jenseits beschäftigt waren oder sich dort zur Abfertigung von Ein- oder Ausreiseformalitäten aufhielten, viele Pilger auf dem Weg zum oder vom Kailash, sind umgekommen oder werden vermisst. Gelten, solange keine Leichen gefunden und zweifelsfrei identifiziert sind, als out of contact.  

Wieviele Ingenieure, Techniker, Arbeiter sich in den unter- und oberirdischen Anlagen der 13 Wasserkraftwerke entlang des Trishuliflusses im Rasuwa District und Nuwakot Distrikt befanden, kann niemand sagen. Ungeachtet der Unfähgikeit der Nepali, mit Zahlen umzugehen, gab es offenbar auch keinerlei Arbeits- oder Einsatzpläne, keine Übersicht, wer wann wo was tut, keine Ein- und Ausgangskontrollen an den Tunneleingängen. Welcher Art auch immer. Vermisst werden nach wie vor um die 900 Mitarbeiter:

Upper Trishuli-1: vermisst 575, geborgen: 18 Leichen aus dem Tunnel "Audit 3"

Upper Trishuli-3A: vermisst 42, gerettet 3 Arbeiter, geborgen 6 Leichen  

Upper Trishuli-3B: vermisst 122

Rasuwagadhi Hydropower Plant: vermisst 93

Rasuwaghosi: vermisst: 4

Langtang Khola: vermisst 42

Chilime: vermisst 6, geborgen 5 Leichen 

Mailung Khola: vermisst 7

Dienstag, September 15, 2026

Indischer Wassernabel

Ich habe hier so etwas wie eine Hausapotheke. Draußen vor der Tür. Im Garten. Und auf dem zweiten Dach. So etwas wie eine Ayurvedakräuterplantage. Wildkräuter, von denen ich selbstredend keine Ahnung habe. Und wann ich immer ich AI frage, kommt sinngemäß als Antwort "staple remedy" (Hausmittel, Grundheilmittel, traditionelles Allheilmittel) im Ayurveda.   

Heute also घोडटाप्रे oder घोडताप्रे - Ghodtapre. Centella asiatica. Gotu kola, Tigergras oder Asiatic Pennywort. Ein Pennywort ist kein Wort sondern ein wuchernder Bodendecker. Ein natürliches Heilkraut, indischer oder asiatischer Wassernabel, Wassernabelkraut, Sumpfwassernabel, floating pennywort - Schwimmender Wassernabel - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Spatenblatt, Schaufelblatt. Ich glaubem, ich geh noch ein bisschen graben und lasse einfach alles wachsen. 

Heute ist Rishi Panchami, ein traditionelles Reinigungsritual für  Frauen. Sie reinigen sich von den Sünden des ganzen Jahres (falls sie mal menstruierend doch die Küche betreten haben, oä). Sie beißen 365 x auf einen Datiumzweig (Achyranthes aspera - das kauen dient natürlich nach Ayurveda auch der Zahngesundheit und Mundhygiene, hilft einer trägen Verdauung auf die Sprünge) und tauchen rituell 365 x ihre diversen Körperteile ins Wasser - einmal für jeden Tag des Jahres. Da ihnen der Zutritt zur Küche heute verboten ist, kochen die Männer. Sie bereiten den traditionellen कर्कलो भात -  karkalo bhat zu. भात - bhat = Reis. कर्कलो - karkalo = Curry aus den jungen, zarten Blättern und Stängeln der Taro-Pflanze.

Montag, September 14, 2026

हरितालिका तीज

हरितालिका तीज - haritalika tij. Feiertag for women only. Eigentlich: Fasttag nur für Frauen. Nicht Festtag. Wir hatten तीज - tij schon, vor einem guten Jahr. Immer am dritten Tag nach Neumond im Monat Bhadra fasten die verheirateten Frauen für die Gesundheit ihrer Gatten. Die unverheirateten fasten in weiser Voraussicht für die Gesundheit ihrer zukünftigen Gatten. Damals saß ich noch der Unsitte allgegenwärtiger englischer Transkriptionen (in die eine wie in die andere Richtung) in diesem Land auf und nannte den Tag lautschriftlich: teedschi. Er heißt nach Sanskrit O-Ton tidsch und gensauso in Devanagari. Es gibt mehrere तीज - tij im Jahr. Eigentlich ist jeder dritte Tag nach Neu- oder Vollmond ein तीज - tij. Bzw ein(e) tritiya. So steht es auch geschrieben. In meinem nepali calendar. Aber natürlich wäre es zuviel des Guten, wenn alle Frauen das ganze Jahr über zweimal im Monat für die Gesundheit der Männer fasten müssten.

हरितालिका तीज - Haritalika tij erinnert an die selbstlose Hingabe Parvatis, um Lord Shiva für sich zu gewinnen. Sie hat ihn erfolgreich bezirzt! Geholfen hat ihr dabei, wie das so ist im Leben, eine Freundin. Das Wort हरितालिका - Haritalika setzt sich zusammen aus harit für entführen und alika für Freundin. Die beste Freundin "entführte" Parvati, brachte sie in einen Wald, wo sie unabgelenkt ihren Göttergatten anhimmeln (pardon: anbeten) konnte.

Die Frauen fasten und die Männer arbeiten. Lärmen auf dem Dach der Nachbarn. Sie zimmern in kleinteiliger Handarbeit das Gerüst zurecht, das ihnen demnächst ermöglichen wird, die Decke über dem zusätzlichen Stockwerk zu zementieren. Wo immer ich hingucke, wird gebaut.

Gleichzeitig ist heute गणेश चतुर्थी व्रत - Ganesh caturthi vrat, das Fasten zu Ehren von Ganesh am vierten Tag der hellen Mondphase, also vier Tage nach Neumond. Für Haritalika tij sind wir am dritten Tag nach Neumond, für Ganesh am vierten. So ist es mit der Zeitrechnung. Genaugenommen beginnt heute um 7:06 am das zehntägige Ganeshotsav Festival mit einem Fasttag. Das Festival endet an Chaturdashi, also am vierzehnten Tag nach Neumond. Das ist der Tag vor dem nächsten Vollmond.

Sonntag, September 13, 2026

सेतो टिकटिके

W brachte kürzlich - es ist schon etwas länger her - noch ein zweites Buch nach Hause. Dann war er leicht eingeschnappt, dass (und wie!) ich nur das erste erwähnte. Nun also das zweite: Birds of Nepal. Über 500 Seiten, reich bebildert, aber leider ohne erkennbare Systematik, ohne Sortierung, ohne - zB geografisches, alphabetisches, ornithologisches Register, ohne Möglichkeit, den Vogel zu finden, der auf dem obersten Dach hockt, am liebsten auf dem ganz dünnen, zu den Wassertonnen herabgebogenen Ende der massiven Bambusstange, im Wind wiegt, mit dem Schwanz wippt und trilliert, was das Zeug hält. Während ich die Wolken betrachte und mich in der Erde verwurzle. Morning-Qi Gong-Meditation. Neuerdings hockt ein zweiter auf dem Nachbardach, dort wo nackte Metallstäbe in den Himmel ragen, die dereinst das zusätzliche Stockwerk zu tragen haben. 

Mehr zufällig und schon ziemlich mürrisch finde ich meinen Vogel. Der so treu und absolut zuverlässig ist. Ich wollte schon aufgeben, hatte die Geduld verloren, wetterte innerlich gegen das sinnwidrige Lexikon (was sonst ist es?) und blätterte wie im Wahn, wie im Daumenkino. Im Schnelldurchlauf. Er pfiff mich auf Seite 479 zurück: सेतो टिकटिके - seto tiktike. White-browed wagtail. Die Weißbrauenstelze oder Mamulastelze,  wissenschaftlich Motacilla maderaspatensis. Seto ist weiß (wie der Sonntag) und tiktike wahrscheinlich lautmalerisch für den drum and bass, den dieser Muntermacher mit dem schneeweißen Überaugenstreif und dem schwarzen Brustlatz jeden Morgen verbreitet.

Samstag, September 12, 2026

Celosia

Die gute Nachricht vorneweg: es gibt noch Eidechsen im Garten. Sie sind, wie gesagt, am Tag aktiv und wachsam. Können blinzeln und ihre Farbe der Umgebung anpassen. Hier versteckt sich eine wie ein Chamäleon am oberen Blütenstand meiner Celosia. Auch so wunderbare Sträucher wachsen in meinem neuen Garten, der nicht viel größer ist als der alte. Aber wesentlich bunter und beseelter. Seit ich sämtliche Beete von Plastik-, Getreide- und Zementsäcken, gefüllt mit Erde, Sand, jungen Bäumen, Gräsern und Schnecken befreit habe, tummeln sich in der feuchten Erde winzige braune Frösche. Auch sie passen sich farblich der Umgebung an, ich erkenne sie nur, wenn sie sich bewegen, weghüpfen, wegspringen, wegducken. Einer wollte eines Abends mit mir hinein in die Küche. Ich komplimentierte ihn erfolgreich wieder hinaus. Gestern saß einer doch in der Küche und sprang immer wieder an  die geschlossene Tür. Als ob er wüsste, dass dies eine Tür ist und ahnte, dass ich die Macht habe, sie zu öffnen. 

Heute also eine junge Eidechse an der Celosia. Auch die Celosia ist, wie gesagt, ein Wunder. In nepali habe ich mehr als eine Handvoll Namen für sie gefunden, auch deutsch wird sie mit aussagekräftigen Prädikaten geschmückt wie Brandschof, Silber-Brandschopf, Federbusch, Feder-Hahnenkamm oder trivial Sammetblume und Tausendschön.

In Nepali चया फुल - caya ful (Teeblume); चेन्जे फूल - cenje ful (change ful, die Blume, die ihre Farbe wechselt, Chamäleonblume); सेतो चाँगे - seto change (white change - Weißhaar oder Silberschopf); भाले फूल - bhale ful (rooster flower, cockskomb, Hahnenkamm); सिउरे फूल - siure ful (Brandschopf); सिताभारका - sitabharka (silver cockscomb, Silberschopf).

Der botanische Name Celosia kommt aus dem Altgriechischen, leitet sich ab von "kileos" für flammend, brennend, feurig, leuchtend.