Nachdem nun rundum Ruhe eingekehrt ist - ein Rücktritt aus freien Stücken ist etwas anderes als ein Rauschmiss - verlassen wir den Hill für ein paar Tage. Wir fliegen am Mittag etwa 600 km nach Westen. Wie immer verwirren die Namen. Das Ziel, der Flughafen heißt SKH - Surkhet, die Stadt वीरेन्द्रनगर - Birendranagar. Der Flughafen ist nach dem Distrikt benannt, die Stadt aber, zu der er gehört und in der er liegt, hat ihren Namen von König वीरेन्द्र वीर विक्रम शाह - Birendra Bir Bikram Shah Dev bekommen, der 2001 zusammen mit fast allen seinen königlichen Verwandten vom eigenen Sohn erschossen wurde. Surkhet ist das Distrikt, Surkhet Jilla - सुर्खेत जिल्ला und liegt in einem Talkessel im südlichen Teil der Provinz Karnali, कर्णाली प्रदेश - Karnali Prades. Also im heißen Tarai. Birendranagar ist die Hauptstadt der Provinz Karnali. Und Karnali sowie den Karnali Fluss liebe ich aus der kühlen Ferne, seit ich Karnali Blues gelesen habe.
from golfutar
Donnerstag, April 23, 2026
Mittwoch, April 22, 2026
Der Buhmann
Der Bodhibaum hat nun wieder alle Blätter verloren. Das war schon letztes Jahr so. Ich habe gelernt, dass hier die Bäume im Frühjahr die Blätter verlieren, und erschrecke darüber nicht mehr. Denn sie kommen bald wieder. Am Morgen besucht mich am Tempel ein Affe, beäugt mein Tun kritisch und klettert dann hoch in den Laxmibaum. Die Krähen warnen und kreischen.
Am Nachmittag tritt der Innenminister zurück. Seine Amtsgeschäfte übernimmt stellvertretend vorübergehend der Premierminister.
Dienstag, April 21, 2026
Der Milchmann
Alles wird teurer, von Tag zu Tag, Woche zu Woche. Das Trinkwasser, die Bananen, der Kaffee, die Gerichte auf der Speisekarte von Sukunda ...
Nur mein Joghurtmann, der eigentlich ein Milchmann ist, verkauft open dahi nach wie vor zum selben Preis, seit ich bei ihm kaufe.
Die neue Regierung ist noch keinen Monat im Amt. Der Arbeitsminister wurde wegen Vetternwirtschaft letzte Woche entlassen, ohne großes Brimborium. Seine Kollegin im Gesundheitsministerium verwarnt. Weil sie die Vetternwirtschaft nicht verhindert bzw zugelassen hat. Still und leise. Lauter geht es zu und her rund um den Innenminister, der in der ersten Nacht seiner Amtszeit seinen Vorgänger sowie den Ex-PM verhaften ließ. Er schreite zügig zur Arbeit, verkündete er in den sozialen Medien und postete dazu ein Foto von sich, schlafend auf dem Sofa im Büro. Nun liegen seine Besitzverhältnisse offen und werfen Fragen auf. Er beantwortet sie ua mit selbstgeschaffenen bonmots. Es sei keine Sünde, arm geboren zu werden, aber eine Sünde arm zu sterben. Seinen Reichtum habe er vor Antritt seines politischen Amtes "angehäuft". Durch kluge Investitionen. Er werde aus seinen Fehlern lernen. Die Kritiker entgegnen zu recht, dass das Innenministerium kein Ort für learning by doing sei. Nun will er studieren. Rechtswissenschaften. Denn, auch das sagt er sozusagen vor laufender Kamera, er habe gedacht, er sei der mächtigste Mann im Staat. Und müsse nun begreifen, dass die Justiz über ihm stehe.
Auch die Plastiktüten werden aus dem Alltag und der Umwelt verschwinden. Denn es fehlen die Rohstoffe zur Produktion derselben. Wie die Nepalis demnächst ihre tägliche Milch kaufen, werden wir sehen.
Montag, April 20, 2026
Der Reisweg
Weiter im Text: Der Reis, den wir im Kathmandu Valley täglich verzehren, ist laut einer neuesten Studie "angereichert" mit bis zu 11 verschiedenen Pestiziden, darunter Fungizide, Insektizide und Rodentizide. Letzteres sind spezielle Nagergifte, die Antikoagulanzien enthalten, also blutgerinnungshemmende Stoffe. Die Ratten, die man damit bekämpft, verbluten innerlich. Jämmerlich!
Die Studienmacher untersuchten Reis, der in den drei Distrikten Kathmandu, Bhaktapur und Lalitpur angeboten wird. In der capital city konsumieren wir den weitaus giftigsten Reis: darin finden sich Azoxystrobin, Chlorpyrifos, Clothianidin, Difenoconazole, Imidacloprid, Malathion, Paclobutrazol, Propiconazole, Tebuconazole, Thiamethoxam, Tricyclazole. Basmati-Reis ist im Vergleich zu nicht-Basmati-Reis doppelt so hoch kontaminiert. Die Erklärung ist simpel, sagen die Fachleute: Basmatireis lässt sich zu einem höheren Preis verkaufen, weist aber eine geringere Resistenz gegen Schädlinge auf. Also verdoppeln die Reisbauern die Dosierung der Pflanzenschutzmittel und wenden sie häufiger als empfohlen an.
83 % der Proben enthalten Pestizide, davon 80 % zwei oder mehr Arten. Unter den 11 gefundenen Pestiziden übersteigen Tricyclazole, Thiamethoxam und Tebuconazole die Höchstgrenzen, die beispielsweise in der EU gelten, um ein Vielfaches. Nachgewiesen werden Konzentrationen von 5,09 Mikrogramm bis 312,54 Mikrogramm pro Kilo Reis. Außerdem sind in den Reiskörnern verbotene Substanzen wie Chlorpyrifos, Alpha-Cypermethrin und Profenofos enthalten.
Ich muss das alles nicht im Detail verstehen, weder die Bedeutung der Wörter noch die toxische Kurz- und Langzeitwirkung dieser Chemikalien. Ungesund ist Reisessen allemal. Der Mond hingegen hat sich gestern abend zum ersten Mal wieder am Himmel gezeigt. Liegend wie eine Schaukel.
Sonntag, April 19, 2026
Der Milchweg
Es ist heiß geworden. Auch nachts. Es gibt hier keine Übergänge. Keine Schonfristen. Wir haben uns von den Winterdecken verabschiedet. Sie liegen von einer Nacht zur nächsten plötzlich unerträglich schwer auf den müden Leibern und müssen in den Schrank!
Die Bäuerinnen in den Dörfern rund um Kamalamai nennen ihre schwarz-weißen Kühe "korean cows". Es gibt aber keine koreanischen Kühe. Es sind Holsteiner Kühe! Die Dörfer gehören wie die Stadt zum Distrikt Sindhuli und liegen im südöstlichsten Zipfel der Provinz Bagmati. Also gar nicht so weit weg von mir. Im Dezember 2022 kamen im Rahmen des Projekts zur Förderung der Milchproduktion in Nepal mit dem schönen Namen "milky way" 101 Holstein-Färsen und acht Holstein-Zuchtbullen aus Südkorea nach Nepal. Deshalb sind es im Volksmund korean cows. 80 dieser Tiere landeten im Distrikt Sinduli. Am 6. Februar 2024 wurde das erste Holstein-Kalb in Nepal geboren und "Gamsa" (= danke in koreanisch) bzw धन्यवाद (= dhanyavad, danke in nepali) genannt.
Neuerdings heißen die Holsteiner Hochleistungsviecher in Sinduli "AI cows", denn statt einer Kuhglocke tragen sie einen Sensor um den Hals. Der bimmelt nicht, sondern liefert den Bäuerinnen - es sind immer Frauen, die solche Haus-und-Hof-Arbeiten verrichten - nicht nur den genauen Standort, sondern auch Daten zur Gesundheit, zum Fress-, Trink-, Kauverhalten, zu Bewegungs- und Ruhephasen usw in real time aufs Smartphone. Damit soll die Arbeit erleichtert und die Milchproduktion gesteigert werden. Die ladies sind begeistert. Eine erzählt, sie verdiene nun netto monatlich das zweieinhalbfache ihres Gatten, der als Securityguard an einer Schule arbeite. Früher hielt sie 3 "local cows", die zusammen pro Tag 24 Liter Milch gaben. Nun hat sie zwei Holsteiner alias "korean AI cows", die pro Tag zusammen 60 Liter Milch produzieren. Eine Holsteiner, rechnet sie uns vor, entspreche ungefähr 5 local cows.
Die einst 80 Tiere sind in Sinduli mittlerweile auf 123 angewachsen, davon sind aktuell 11 trächtig. Die Herde gedeiht! "For us", sagt die Bäuerin, "Holstein is hope."
Samstag, April 18, 2026
Wegbereiten
Samstag. Wochenende. Und ich steige wie jeden Tag früh auf mein Trampolin. Morningroutine. Am Tempel sind viele fromme Frauen, die Shiva mit Wasser, Blumen, Früchten, Bändern und stillen Gebeten verehren. Das ist immer so am Samstag. Weil Wochenende. Oder weil Samstag. Wer will das schon wissen. Heute stört die Ruhe ein Bagger, der pünktlich um 6:30 am die halbfertige Straße unter dem Tempel hoch brummt. Hinter ihm ein Lastwagen, der lange röhrt und spult beim Versuch zu wenden. Damit die leere Ladefläche zum Bagger zeigt und dieser sie füllen kann. Kurz vor 7 am ziehen sie wieder ab. Der Kiesberg, der einst, vor fast einem Jahr, aufgeschüttet wurde damit, wie ich damals annahm, die Straße zu Ende gebaut werden kann, und der in der Zwischenzeit von allerlei Grünzeug, halben Bäumen überwuchert war, ist entfernt. Mit drei vollen Schaufelladungen auf die leere Ladefläche gekippt. Und fertig ist die Sache. Der Trampelpfad, den die Schulkinder und alle Mütter mit Kindern auf dem Rücken oder Gras für die Kühe im Laufe der Zeit um den Hügel herum festgetrampelt haben, ist nun verschwunden unter der Erde, die die Baggerschaufel zuletzt unordentlich darüber geschoben hat. Die Straße ist nicht fertig, nur der Durchgang wieder frei, und das Material zur Fertigstellung derselben abtransportiert.
Samstag, 5. Baisakh. Der letzte Tag von Biska Jatra in Bhaktapur. Die Neujahrsfeierlichkeiten enden so, wie sie begonnen haben: mit einem von begeistertem Jubel begleiteten Tauziehen zwischen Thane und Kwone. Danach kehren die Götter wieder dorthin zurück, wo die Menschen sie hergeholt haben und Ruhe kehrt ein.
Nachtrag: Vor zwei Tagen fand das erste Frauen-Tau-Ziehen in der Geschichte der Biska Jatra statt: Die sisters zogen mit vereinten Kräften den Wagen der Göttin Bhadrakali Devi. Hin und Her. Im Wettstreit zwischen der einen und der anderen Seite. Das Newari-Neujahrsfest ist ein einziges lachendes Hin und Her. Zwischen alt und neu, oben und unten, gut und bös. Das Gute, das ist die Gute Nachricht des Tages, siegt immer. Egal, auf welcher Seite es gerade steht.
Freitag, April 17, 2026
Neumond
Neumond in dieser Minute: 17:36 local time. Muttertag seit dem frühen Morgen. Er folgt in Nepal, anders als das Neujahr, dessen Festivitäten in Newarigemeinden immer noch im Gange sind, nicht der Sonne, sondern dem Mond. Der nepalesische Muttertag, माता तिर्थ औंसी - mata tirthi aunsi oder आमाको मुख हेर्ने दिन - aamako mukh herne din, ist nicht fest, sondern beweglich. Er fällt immer auf den Neumond im Monat Baisakh, also auf den ersten Neumond im nepalesischen Bikram Sambat Kalenderjahr. Wir hatten ihn hier schon, den Tag, den das Gesicht der Mutter prägt, vor etwas mehr als einem Jahr. Alles wiederholt sich unweigerlich. Wer keine Mutter (mehr) hat, pilgert heute zum Muttertagspilgersee, zum Matatirtha-Kund in Chandragiri, südwestlich von Kathmandu. Der Legende nach kam einst ein armer Viehhirte an diesen Teich und weinte um seine verstorbene Mutter. Als er in das Wasser blickte, erschien ihm darin ihr Gesicht. Seither kommen sie zu Tausenden, bringen Milch, Wasser, Reis und Blumen, waten duch den Teich und glauben fest daran, dass sie an diesem Ort mit der Mutter verbunden sind.
In Bhaktapur ist heute Sagun Jatra. Alle wichtigen Göttinnen und Götter werden aus den Tempeln und Shrines befreit und auf die Straßen, die Gassen, die Hinter- oder Vorderhöfe an die Sonne gestellt und bewirtet. Mit traditionellen Speisen wie Wo oder Bara (= herzhafter Linsenkuchen). Aber auch mit Eiern, जुजु धौ - Juju Dhau (Königsjoghurt aus Büffelmilch) oder Fisch.
Wir feiern unseren bescheidenen neunzehnten 17. Tag des Monats Anno Domini in diesem Land am Abend auf dem Dach mit dem bereits traditionellen Gläschen Baron d'Arignac.