Mittwoch, Juli 01, 2026

Haatemaalo

Der Monsun marschiert ein, lese ich in der Zeitung. Am Himmel sieht immer alles anders auf. Der wieder ins Amt zurückgekehrte Innenminister verkündete unlängst, das Ziel seien 0 (null) Monsunopfer in diesem Jahr. Die NDRRMA (National Disaster Risk Reduction and Management Authority - so etwas wie Nationale Katastrophenverhinderungsbehörde) zählt aber bereits 27Unwetterbedingte Todesfälle seit Beginn des Jahres BS (= Mitte April AD): 6 Menschen sind ertrunken, 13 bei Sturm umgekommen, 5 wurden von Erdrutschen verschüttet, und 3 starben infolge heftiger Regenfälle.

Ich lerne derweil ein neues Wort: हातेमालो - haatemaalo von हाते - haat für die Hand und मालो - maalo für halten, umarmen, verlinken. Zusammenhalten. Zusammenstehen. Sich solidarisch verhalten, den Nachbarn helfen, in Not Geratene unterstützen, und so weiter. Und so fort. Ein schönes Wort. Eine gute Sache. Handreichung.

Außerdem wird eine App eingerichtet, über die über Ufer tretende Flüsse und abrutschende Hänge gemeldet werden können, damit entsprechende Hilfe ohne Verzögerung in die Wege geleitet wird. Wir werden sehen, was die nächsten Tage und Wochen bringen. Regen, Regen, Regen!

Dienstag, Juni 30, 2026

Erdbeermond

Dieser Juni-Vollmondname hat nichts mit Nepal zu tun. Hier ist auch nicht Juni sondern immer noch Ashad. Die Erdbeerernte ist längst vorbei. Wie in Japan reifen die Erdbeeren auch hier im Winter. Sie sind höchstens bis Anfang April im Angebot. Die Shutters haben nur saisonales Obst und Gemüse. Erdbeeren sind mir auf der Golfutar nicht begegnet, ich habe keine einzige gegessen. 

Eine Kollegin von W wollte ihren Unijob und Kathmandu an den buchstäblichen Nagel hängen und sich voll und ganz nur noch ihrer Erdbeerfarm in Nuwakot widmen. Das hat noch nicht geklappt, und wenn es dann so weit ist, werden wir sie besuchen. Spätestens zur nächsten Ernte.

Montag, Juni 29, 2026

Jya: Punhi:

Zur Feier des Tages finde ich eine tote Maus auf der Auffahrt. Sie sieht äußerlich unversehrt aus. Der Kater, der sie gejagt hat, will offenbar wieder einmal seine unendliche Liebe zu mir zum Ausdruck geben und kommuniziert auf diese Weise, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche, wenn er nicht regelmäßig um Futter bettelt an meiner Küchentür. Er ist nicht am Verhungern. Ich verstehe und entsorge den Kadaver in die Mülltonne. Die Ameisen haben sich schon darüber hergemacht. 

Dann fällt Regen und spült alles weg. Vollmond ist morgen früh, aber schon heute feiern die Hindus Masta Purnima oder in Newari Jya: Punhi: Der Vollmond, der den Beginn der Reisaussähzeit markiert. Im Park über dem Jagannath Tempel wird ein riesiges Zelt mit rotem Dach aufgestellt. Das ist wetterfest und nicht zu übersehen. Genaugenommen wird रोपाई महोत्सव - Ropai mahotsav - der (bereits 23.) Nationale Reispflanztag gefeiert, der immer auf den 15. Ashad BS / 29. Juni AD fällt. Wir hatten diesen Feiertag schon, den दही चिउरा खाने दिन - Dahi Chiura Khane Din. Exakt vor einem Jahr. Damals war der Monsun bereits in Höchstform. Aber der Reispflanztag bzw der Tag des Joghurt-und-gestampfte-Reisflocken-essens fiel nicht auf den Vollmond, auch nicht auf den Vorabend desselben.

Purnima - Vollmond, ist der letzte Tag der Shukla Paksha, der hell(er) werdenden Mondphase. Das ist logisch. Gläubige Hindus fasten heute von Sonnenaufgang bis Mondaufgang, praktischerweise geht der Mond auf, wenn die Sonne untergeht. Purnima Vrat - Vollmondfasten. Damit sichern sie sich nicht nur die Gunst und den Schutz von Lord Vishnu und Lord Shiva, sondern auch die unendliche Kraft und Gnade des vollen Mondes! 

Wie die Newari das Vollmondfasten mit dem Reispflanzen vereinbaren, lese ich in der Zeitung. In Khumaltar, Lalitpur wird von Drohnen Dünger auf die Reisfelder abgeworfen und der Reis mit Maschinen gepflanzt. Im Sinne von klimafreundlicher Technologie zur Selbstversorgung mit Reis und Wohlstand. Gegessen wird natürlich nichts, da der Reis noch nicht geerntet werden kann.

Sonntag, Juni 28, 2026

Bengalgeier

Ein Bengalgeier machte sich auf die Reise. Er flog aus dem Wildreservat Suklaphanta - शुक्लाफाँटा वन्यजन्तु आरक्ष Suklaphanta vanyajantu araksa - im äußersten südwestlichen Zipfel Nepals nach Indien. Das ist nicht weiter verwunderlich, liegt doch das Reservat an drei Seiten direkt an der Landesgrenze zu Indien.

Am 16. März wurde der Bengalgeier auf der Tarapur-Höhe (199 MüM) innerhalb des Reservats mit einem GPS-Sender ausgestattet und in die Freiheit entlassen. Am 18. März erreichte er den Pong Staudamm (Maharana Pratap Sagar) in Himachal Pradesh in Indien. Der Bengalgeier hat ohne Halt den indischen Jim Corbett Nationalpark überflogen und insgesamt 520 Kilometer zurückgelegt. In zwei Tagen. Er soll weiterhin im Wald rund um den Stausee hocken oder kreisen. Auf Kadaversuche. Das gehört sich auch so für einen Aasfresser.

Die Bengalgeier - Gyps bengalensis oder in nepali बंगाल गिद्ध - bengal giddha sind aufgrund von mittlerweile erklärbarem Massensterben in den letzten Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. In hinduistisch geprägten Gesellschaften Südasiens, die kein Rindfleisch essen, werden tote Rinder auf den Weiden liegen gelassen. Wurden die Rinder vorher mit Diclofenac, einem entzündungshemmenden Medikament behandelt, starben die Geier, die von dem Kadaver fraßen, an Nierenversagen. Mittlerweile ist Diclofenac in der Tiermedizin auch in Nepal verboten, wird aber trotzdem verwendet, da alternative Mittel teurer sind.

Die wenigen Bengalgeier werden nun gehätschelt und gepflegt. Ein grenzüberschreitendes ornithologisches Beobachtungsprogramm begleitet die gechipten die Vögel auf ihren Streifflügen. Verhält sich ein Tier auffällig, oder bewegt sich längere Zeit nicht von der Stelle, wird sofort ein Rettungstrupp losgeschickt.

Das Wildreservat Suklaphanta bietet eigentlich ideale Bedingungen, sperrt aber keine Tiere ein sondern lässt sie ziehen. Es umfasst die größte zusammenhängende Graslandfläche Nepals und diesem Superlativ verdankt es seinen Namen शुक्ला फाँटा - Sukla Phanta ist das Grasland. Hier wachsen Schilfrohre und Süßgräser wie Silberhaargras, Japanisches Blutgras, Gedrehtes Bartgras. An den Uferzonen und im Flachwasser der sieben kleinen Seen wachsen Wildes Zuckerrohr, Gerber-Akazien, Palisanderhölzer, in den Wäldern hauptsächlich Salbäume.

Samstag, Juni 27, 2026

Siebenschläfer

Der echte Siebenschläfer hat den schönen Namen Glis glis und kommt in Nepal in freier Wildbahn nicht vor. In den Rhododendronwäldern lebt die हिमाली मुसा - himali musa, die Nepalesische Waldmaus oder Himalaya-Waldmaus, wissenschaftlich Apodemus gurkha. Bei mir um die Ecke, rund um den kleinen Shiva-Tempel haben sich die लोखर्के - lokarkhe, die Streifenhörnchen massenhaft vermehrt - und jede Scheu verloren! - seit wir hier wohnen. Das ist weniger unserer Anwesenheit zu verdanken, als der Angewohnheit (aber-)gläubiger Hindus geschuldet, ihren Göttern nebst leuchtenden Blüten täglich mundgerecht zerkleinerte Früchte, Nüsse und Körner darzubieten. Wir hatten die लोखर्के, die Streifenhörnchen schon, so und andersrum.   

Glis glis aber, der lateinische Name für den echten Siebenschläfer, hat seine Wurzel in einer indogermanischen Ursprache, wie ich lese und ist verwandt mit Sanskrit गिरि - giri für Maus sowie mit dem altgriechischen γαλέη - galée für Wiesel. 

Mein Schwager ist ein Berliner Siebenschläfer und wird heute 75. Happy birthday und sto lat!

Freitag, Juni 26, 2026

Die Regenwarteschlange

Der Monsun sei da, berichtet das DHM (Department of Hydrology and Meteorology), verspätet und vorläufig ohne (heftige) Regenfälle. Die werden Mitte nächster Woche erwartet.

Was ist Monsun, wenn es nicht regnet? Die Winde sollen von Süden, Südosten kommen und die feuchtigkeitsgeladenen Monsunwolken aus dem Golf von Bengalen vor sich hertreiben. Über dem Indischen Ozean, heißt es, entwickelt sich gerade ein tropisches Wettersystem, begünstigt von einem Tiefdruckgebiet über dem Äquator, das die Regenaktivität hoffentlichg verstärken wird und den Monsun erstmal tiefer ins indische Festland bringt. Und später, wenn er richtig Fahrt aufgenommen hat, weiter nach Norden. Nach Nepal. So die Hoffnung aller Reisbauern im Tarai, die über sengende Hitze und staubtrockene Felder klagen.

Monsun, so die Meteorologen, bedeutet nicht zwingend zeitgleich Regen im ganzen Lande. Der Monsun beginnt, wenn die Südwestwinde so stark geworden sind, dass sie die Regenwolken an den Himalaya ziehen und langanhaltende Niederschlänge über großen Gebieten gewähren. Noch befinden wir uns in der Regenwarteschlange.

Donnerstag, Juni 25, 2026

Handarbeit

Heute wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Der Sommer der Hundertjährigen Dichterinnen ist angebrochen.  

In der Baugrube unter meinem Fenster beginnt die Feinarbeit. Von Hand und mit Spaten. In Slippers. Ohne Handschuhe. Ohne Lärm. Den lieben langen Tag werden leere Zement- oder Reissäcke mit Erde gefüllt und aufgestapelt als Schutzwall in dem stark abfallenden Gelände. Gegen Erdrutsche oä. Solange es nicht regnet, passiert bestimmt nichts. Vielleicht kommt irgendwann vor den neu errichteten Wall noch eine richtige Mauer. Hinter dem Wall steht nämlich schon eine seit mindestens einem Jahr. Die wurde aus riesigen Steinblöcken gebaut. Die Zwischenräume wurden damals zugepflastert und oben drüber Zement gegossen. Das sah so lange für die Ewigkeit gemacht aus, bis Gestrüpp aus den Ritzen wucherte, das jetzt erstmal abgehackt werden muss. Kurz vor Feierabend legt auch der Chef Hand an.