Samstag, März 21, 2026

Sturmwarnung

Feiertag. Zuckerfest - Eid al-Fitr. Aber da Samstag ist, kurvt eh kein Bike die Schräge hinunter auf das Parking. Regen seit dem frühen Morgen. Oder die ganze Nacht. Meine Bäume sind glücklich. Die Katzen haben sich verzogen. Sturmwarnung! Ich glaube, das gab es noch nie, seit wir hier sind. Regenwarnungen, Unwetterwarnungen zuhauf. Aber Windwarnung? Die einen Nachbarn warnen vor den Blumentöpfen auf den Dächern, die herunterfallen und uns erschlagen könnten. Die anderen lachen darüber. Es ist nun mal Tradition, dass überall Blumentöpfe stehen. Vor ein paar Tagen hat der boy (der gleichzeitig driver und Mann für alles ist, auch mal Wäsche auf dem Dach aufhängt oder glänzende Messinggefäße verschiedener Größe an der Sonne zum Trocknen aufstellt) der Nachbarn die Blumentöpfe nicht nur alle ausgeleert, gereinigt, sondern auch angepinselt. Womit, weiß ich nicht. Mit einem farblosen Lack, einem Staub- und Schmutzabweisenden Zeug, nehme ich an. Dann mit frischer Erde befüllt und die blühenden Blumen wieder reingesetzt und gewässert. Er war bestens gelaunt und erklärte mir "flowers!". Dann solrtierte er alle Töpfe im Eingangsbereich wieder in Reih und Glied, so dass das (täglich polierte) Auto in seinem Bewegungsradius nicht eingeschränkt ist. Maids und boys rundum sind tagelang mit völlig unsinnigen Aktivitäten beschäftigt. Sie müssen offenbar beschäftigt sein und das auch zeigen. Man könnte die Pflanzen im Garten in die Erde unter den freien Himmel pflanzen und dem Regen aussetzen. 

Aber heute ist Zuckerfest. Und die Noch-Interims-Premierministerin Karki nimmt es zum Anlass, dem Land und seinen Bewohnern ein stabiles, respektvolles, harmonisches Miteinander zu wünschen. Auf Facebook gratuliert sie den muslimischen Brüdern und Schwestern zum Fastenbrechen. Das Fasten, schreibt sie, lehre uns Geduld, Toleranz und Opferbereitschaft. Sich selbst beherrschen und zurücknehmen, nur Gutes tun!

Freitag, März 20, 2026

Der Gimpel mit dem gebrochenen Flügel

Primär-Äquinoktium, die Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche. Über dem Valley explodiert die Hitze am Nachmittag. Es blitzt und donnert und schüttet vom Himmel. Stundenlang. Ich war noch nie so froh um Regen wie hier. Wir können das Haus nicht verlassen und bekommen auch kein Essen geliefert. Bleibt nur Rührei.

Zum ersten Mal lese ich in einer nepalesischen Zeitung einen Bericht aus Warschau. Der dortige Zoo (in einem früheren Leben beobachtete ich die Bären im Bärengraben, während ich an der lauten Aleje Solidarność-Allee auf die Straßenbahn wartete, die mich über die Weichsel brachte) hat einen bird emergency room eingerichtet. Eine Notfallklappe für Vögel. Dort werden verletzte Vögel, meist Singvögel wie Spatzen, Meisen, Drosseln entgegengenommen. Der Zoo betreibt seit 1998 ein Vogelkrankenhaus und kann die in der Klappe abgegebenen Fluguntauglichen bestens betreuen und aufpäppeln. Und wieder in die Freiheit entlassen. Das Ziel sei: Freiheit. Denn - so der Zoodirektor, ein Ornithologe: die Not der Vögel verursache der Mensch. Also müsse der auch die Verantwortung übernehmen und sich um kranke Tiere kümmern. Ein Vogel sei ein Kind des Waldes, und verstehe zum Beispiel das Prinzip "Fenster" nicht. Wohl wahr! Gerade wurde ein Gimpel mit gebrochenem Flügel eingeliefert.

Donnerstag, März 19, 2026

Neumond

Neumond. In Kathmandu um 07:08 am. Also Chaitra Shukla Pratipada. Der erste Tag des heller werdenden Mondzyklus im Monat Chaitra. Im hinduistischen Mondkalender fängt heute das Neue Jahr an. Auf meinem (alten und neuen) Wandkalender aber erst am 1. Baisakh BS. Also in fast einem Monat, genauer: drei Tage vor dem nächsten Neumond. Das soll noch eine/r verstehen.

Mittwoch, März 18, 2026

घोडे जात्रा

Feiertag. Mitten in der Woche. घोडे जात्रा - Ghode Jatra. Oder आश्व यात्रा - Ashwa Yatra. Das Pferdefest. In Tundikhel reitet die Armee mit grandeur auf zur Parade. Immer an Neumond im Monat Chaitra wird der Frühling sowie der Sieg über den Dämon Tundi gefeiert. Neumond ist nach meinem Kalender erst morgen früh, aber heute ist Chaitra Krishna Aunsi - der dunkelste Tag im Monat Chaitra. Morgen fängt bereits der helle Mondzyklus an. 

Der Legende nach wohnte der unersättliche Kinderfresser Tundi (die Newari nennen ihn Gurumapa) auf dem einst sumpfigen Tundikhel-Feld, dort liegt er auch begraben. Nach seinem Tod haben sich die Bewohner zu Freudentänzen auf Pferden rund um sein Grab versammelt. Pferdegetrappel soll bis heute verhindern, dass Tundis Geist wieder an die Erdoberfläche aufsteigt und er weiterhin sein Unwesen treiben kann in der Stadt. Solange er unter der Erde bleibt, gilt er als unschädlich. Je schneller die Pferde rennen, desto besser! Wie bei allen volkstümlichen und religiösen Feierlichkeiten triumphiert auch hier letztlich das Gute über das Böse. Mittlerweile ist die Angst vor dem Kindermörder in der Hauptstadt zu einem lokalen Feiertag mutiert. Und auf eben jenem Feld - das wohl (aus welchem Grunde auch immer) nach dem furchterregenden Dämon benannt ist - zeigen die Armeepferde und ihre Reiter heute ihr akrobatisches Können vor den obersten Staatsdienern. Fotos siehe link oben unter der grandeur. Kein einziges Bike auf meinem schiefen Gelände.

Dienstag, März 17, 2026

Der letzte Schweif

Am Morgen ist die Luft klar und frisch wie selten. Ich kann atmen und gucken. Der letzte Schweif des abnehmenden Mondes zeigt sich nur kurz in der Dämmerung. Die Sonne geht jetzt schon früh auf und verschluckt ihn sofort.

Nach dem Gewitter und dem heftigen Regen in der Nacht air quality unter hundert, 79! Das ändert sich schnell im Laufe des Tages.   

Am Abend sitzen wir auf der Terrasse und betrachten den Orion. Er bewegt sich über uns und immer mehr Sterne kommen zum Vorschein. Wie immer am 17. trinken wir unseren Monatssekt.

Montag, März 16, 2026

तोरीको तेल

तोरीको तेल - toriko tel = mustard oil. Senföl. Das Öl, mit dem hier gekocht wird. Es ist dickflüssig, würzig-bitter und natürlich senfsamengelb. Auf der Flasche in meinem Schrank steht शुद्ध तोरीको तेल - also sud'dha toriko tel. Pure mustard oil. Reines Senföl. Das Wort für pure oder rein besteht aus einem dieser entsetzlichen Konsonantencluster. Deshalb lasse ich es lieber sein. Das Öl kann ja nicht not pure sein. Da die Flasche fast leer ist, laufe ich zu meinem Gewährsmann auf der Golfutar, der die besten Äpfel hat (oder hatte - sie sind aufgegessen), roten Reis, jede Art Bohnen und Linsen, die wunderlichsten Mehl (buckwheat, millet, barley ...) aber leider die ganzen Körner, die ich möchte. Zum Beispiel कोदो - kodo oder millet, deutsch Hirse, dafür aber rosarote und schwarze  Klumpen von Himalayasalz. Einer dieser shutters, mit einem erstaunlichen Sortiment. Alles bio aus seinem Dorf! Je nach Erntezeit liegt ein riesiger Haufen Kartoffeln vor dem Eingang, über den ich und alle anderen Kundinnen steigen, um zum shutterkeeper vorzustoßen und zu bezahlen. Manchmal schläft er auch in seiner Ecke, dann wird er geweckt. Geklaut wird hier nicht. Er hat auch तोरीको तेल - das reinste Seinföl da stehen. In kleinen Plastikflaschen. Und an der Seite hängen lange Malaketten aus den Tränen Shivas. 

Das Senföl benützen die Nepalifrauen in der Küche, wenn es erhitzt wird, verliert es seinen bitteren Geschmack. Sie legen damit ihre pickles ein und bereiten den Sandheko aus Kartoffeln, Bohnen, Erdnüssen, Zwiebeln, Knoblauch, Kräutern, Chili usw zu. Ein scharfer Appetizer. Oder sie reiben ihre Haare damit ein und massieren schmerzende Gelenke.

Sonntag, März 15, 2026

Das letzte Blatt

Der letzte Monat des Jahres beginnt: चैत्र - Chaitra. Ich blättere meinen Wandkalender zum letzten Mal um. Dies ist das letzte Blatt des nepali patro 2082. So steht es obendrüber in güldenen Lettern. Darunter sieben Kugeln auf- und absteigend im Halbkreis angeordnet. Die Wochentage. In der Mitte, unter बुधबार (budhabar = Mittwoch) steht der Name des aktuellen Monats: चैत्र - Chaitra. Der Mittwoch hat in Nepali nichts mit der Mitte zu tun, auch wenn er auf dem Kalenderblatt genau dort steht. Mittwoch ist hier der Tag des Planeten Merkur: बुध ग्रह. Fünf Wochentage sind einem Planeten zugeordnet (dazu ein andermal mehr) plus einer, der Sonntag (wie überall) der Sonne (Fixstern oder gelber Zwerg) und ein anderer, der Montag (dito) dem Mond (unserem Trabanten).  

Von heute an kann und muss ich Ausschau halten in den shutterstores auf der Golfutar nach dem Kalender für das Jahr 2083.

Die Übergänge sind nicht fließend sondern abrupt. Schon ist es so heiß tagsüber, dass ich nachts lüfte und tagsüber die Vorhänge zuziehe. Schon brennt die Sonne so gnadenlos auf das Dach, dass ich es dort, wo ich noch vor ein paar Tagen etwas Wärme suchte, nicht mehr aushalte. Die Bäume verlieren ihre Blätter. Das war schon letztes Jahr so. Nun erschreckt es mich nicht mehr. Alles wiederholt sich. Auch die Schreie der Vögel kenne ich mittlerweile, die den Frühling ankündigen. Alles vertraut und normal. Mitten am Tag kommt heftiger Wind auf, es wird finster und donnert und blitzt, ein paar wenige Regentropfen fallen. Kaum der Rede wert und vorbei der Spuk. Aber die Sicht über der Stadt ist plötzlich klar wie schon lange nicht mehr.