Samstag, Oktober 10, 2026

Sohra Shradda

Heute geht Sohra Shradda zu Ende, auch Pitri Paksha genannt. Von paskha wie Hälfte, Mondhälfte, der zu- oder abnehmende Zyklus. Heute Nacht wird der Mond leer, dunkel. Neumond im Monat Ashoj oder Ashwin, die krishna paksha - die dunkle Mondphase endet, die vollständig den pitri, den Vorfahren, Ahnen, Vorvätern geweiht war. In den 15 (manche sagen, es seien 16) Tagen seit dem letzten Vollmond gedenken die Hindus ihrer Verstorbenen. So etwas wie ein auf einen halben Monat zerdehntes christliches Allerseeelen. Dieser so genannte Shradh Monat, der nach meiner Vorstellung nur ein halber ist, wird mit einem feierlichen Ritual abgeschlossen. Die Gläubigen bringen ihren Ahnen symbolische Speiseopfer dar: tarpan (Wasser vermischt mit schwarzem Sesam und Kushagras), sidadaan (ungekochte, zur Verarbeitung vorbereitete, gewaschene, geputzte Lebensmittel wie Reis, Linsen, Gemüse, Gewürze und Senföl) und pindadaan (runde Klöße aus gekochtem Reis, Gerstenmehl, schwarzem Sesam, Ghee und Honig).  

Wenn damit die Toten gestärkt, gesättigt und zufrieden sind, kann morgen Dashain beginnen, der Feiertagsmarathon für die Lebenden.

Freitag, Oktober 09, 2026

Der zweite Blumenstrauß

Der erste Besuch aus Kathmandu. Der zweite Blumenstrauß in Nepal! Wann ich den ersten bekommen habe, weiß ich nicht mehr (ich suchte gerade vergeblich mein eigenes blog ab - war mir wohl damals nicht der Rede wert). Als ich ihn auswickelte, hatte ich sofort ein haptisches déjà-vu. Das Papier ist in Streifen geschnitten, besser gesagt, in Torten- oder Pizzastückformen. Jedes Viertel oder Achtel ist kunstvoll in die Blumen hineingeklebt, mit sehr viel Tesastreifen (von denen ich nicht ahnte, dass es sie in diesen Mengen diesem Land gibt), so dass das Arrangement von außen hübsch und von innen jämmerlich verunstaltet aussieht. Von den Blumenstielen entferne ich meterlange Klebstreifen und wieder verstehe ich nicht, wie eine Floristin (oder wer war das?) den Pflanzen so etwas antun kann. In einem Land, das ein einziges Blumenmeer ist. Auf dem Dach jeder noch so schiefen Hütte stehen Dutzende Blumentöpfe eng aneinander geschmiegt. So viele, wie eben Platz haben. Ich frage mich immer und immer wieder, warum denn die Nepali ihre Blumen alle in Töpfe pflanzen und nicht in die Erde. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zu meinem zweiten Blumenstrauß, der icht in einen Topf, sondern in eine Vase gehört. Wir besitzen natürlich keine Blumenvase, weder eine passende noch eine unpassende. Wie ich den ersten Blumenstrauß vor dem Verdursten bewahrte, weiß ich auch nicht mehr. Das war in einer anderen Wohnung, in einer anderen Stadt, möglicherweise in Lalitpur (jenes blog habe ich zensiert, übertragen und dann gelöscht!), in einer anders ausgestatteten Küche. Vielleicht gab es dort so etwas wie bayerische Bierhumpen mit Henkel. Ich behelfe mich mit einer Kaffeetasse und beschließe, das geometrisch zurechtgeschnittene Grünzeug bei nächster Gelegenheit zu entfernen. Zuerst muss ich nun mit dem ersten Gast aus der Hauptstadt Schwarztee trinken.

Donnerstag, Oktober 08, 2026

Alle Jahre wieder

Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an die kanadische Dichterin und Übersetzerin Anne Carson. Sie sei ein writer's writer, ein poet's poet, lese ich. Aber ich gestehe, dass sie an mir vorbeigegangen ist und wohl nicht mehr vorbeikommen wird. Denn ich habe vieles hinter mir gelassen, auch Sappho (die sie ins Englische übersetzt hat) und die ganzen antiken Tragödien.

Mittwoch, Oktober 07, 2026

Ach, das Wetter

Der Tag beginnt mit mächtigem Grummeln, da ist die Nacht noch gar nicht zu Ende. Hell will es nicht werden. Lange hörte ich im Schlaf nur das Donnern in der Ferne. Dann wache ich plötzlich auf, weil die Blitze mich blenden und der Regen über das Dach prasselt, dass Shiva erbarm.

Gestern war das Licht am Morgen so milchig und mild, dass ich in meiner Einfalt oben auf dem zweiten Dach dachte, der Frühherbst sei nun da. Und der Monsun endgültig abgezogen. Mit all seinen Regenwolken. Und heute so etwas wie Weltuntergang. Ich lege Putzlappen unter das einzige Fenster im Haus, das sich nicht ganz schließen lässt. Im Spalt hängen die Kabel, die uns im ersten Stock mit der großen weiten Welt verbinden. Die kommen von oben, oder gehen nach oben - das ist eine Grundsatzfrage, welche Wege solche Verbindungen eigentlich nehmen - weil auch ich im zweiten Stock unter dem zweiten Dach etwas von der Welt haben muss. Das war, als wir einzogen, die praktisch schnelle Lösung, für die die Nepali weltberühmt sind. Aber eben - wie so oft, oder gar immer - nicht nachhaltig. Das muss irgendwann nachgebessert werden. Nachgearbeitet, Löcher gebohrt und die Kabel durch das Innere des Hauses geführt, mit Kabelschuhen oder einer richtigen Kabelschiene an den hohen Wänden und Decken befestigt werden ... das ist mühsam und man braucht eine Leiter. Der Weg durch das Treppenhau wäre von Anfang an der kürzere, aber eben aufwändigere gewesen. Wenn an einem Tag wie heute die Welt untergeht und ein kräftiger Ostwind den Regen an die Ostseite des Hauses klatscht, hangeln sich die akrobatisch versierten Regentropfen den Kabeln entlang ins Zimmer hinein.

Feuchte Luft ziehe derzeit vom Golf von Bengalen und vom Arabischen Meer nach Nepal, lese ich auf der Wetterseite der Zeitung. Und die beschere uns Regen, obwohl der Monsun bereits auf dem Rückzug sei. Wir befinden uns in einer transition period, einer Übergangsphase mit einer temporären Intensivierung der Regenfälle im Zentrum und in den Ostteilen des Landes. Wir leben exakt in der geografischen Mitte. Das wollten wir so. Es regnet den ganzen Tag und wird wieder dunkel, ehe es richtig hell war.

Dienstag, Oktober 06, 2026

Wie die Zeit vergeht!

Der Mond ist weder voll noch neu. Irgendwo dazwischen, abnehmend. Da es abends immer entsetzlich gewittert und schauert, sehe ich ihn nicht. Wenn ich noch 15 Jahre lebe, erreiche ich mein persönliches चौरासी - caurāsī. Wir hatten das schon. Die Zahl 84. Wir hatten fast alles schon. 84 ist das glückverheißendste Alter in Nepal, oder bei den Hindus. In Indien, Südostasien, wo auch immer. 

Ich hatte damals schon ausgerechnet, wie viele Vollmonde ich mit 84 Jahren erlebt haben werde, genau 1039. Jahre mit 13 - statt der üblichen 12 - Vollmonden heißen blaue Mondjahre. Warum, weiß ich nicht. Vielleicht entsprechend zum blue moon - dem blauen Mond, der nicht blau am Himmel steht, sondern nur als zweiter innerhalb eines westlichen Kalendermonats. 

Bis in 15 Jahren, 2041 AD (oder 2098 BS - diese Zahl gefällt mir besser!), werde ich folgende blauen Mondjahre erlebt haben - mit einem gewagten Sprung in die Zukunft kehre ich in die Gegenwart zurück und scanne die Vergangenheit:

2039 (2 Oktobervollmonde: 2. + 31.10.); 2037 (2 Januarvollmonde: 2. + 31.1. / kein Februarvollmond / 2 Märzvollmonde 2. + 31.3.); 2034 (2 Julivollmonde: 1. + 31.7.); 2031 (2 Septembervollmonde: 1. + 30.9.); 2028 (2 Dezembervollmonde: 2. + 31.12.); 2026 - da sind wir derzeit und haben die beiden Maivollmonde am 1. + 31.5. brereits am Himmel gesichtet;  2023 (2 Augustvollmonde: 1. + 31.8.); 2020 (2 Oktobervollmonde: 1. + 31.10.); 2018 (2 Januarvollmonde: 2. + 31.1. / kein Februarvollmond / 2 Märzvollmonde 2. + 31.3.); 2015 (2 Julivollmonde: 2. + 31.7.); 2012 (2 Augustvollmonde: 2. + 31.8.); 2009 (2 Dezembervollmonde: 2. + 31.12.); 2007 (2 Junivollmonde: 1. + 30.6.); 2004 (2 Julivollmonde: 2. + 31.7.); 2001 (2 Novembervollmonde: 1. + 30.11.); 1999 (2 Januarvollmonde: 2. + 31.1. / kein Februarvollmond / 2 Aprilvollmonde 1. + 30.4.); 1996 (2 Julivollmonde: 1. + 30.7.); 1993 (2 Septembervollmonde: 1. + 30.9.); 1990 (2 Dezembervollmonde: 2. + 31.12.); 1988 (2 Maivollmonde: 2. + 31.5.); 1985 (2 Julivollmonde: 2. + 31.7.); 1982 (2 Dezembervollmonde: 1. + 30.12.); 1980 (2 Märzvollmonde: 1. + 31.3.); 1977 (2 Julivollmonde: 1. + 30.7.); 1974 (2 Oktobervollmonde: 1. + 31.10.); 1971 (2 Dezembervollmonde: 2. + 31.12.); 1969 (2 Maivollmonde: 2. + 31.5.); 1966 (2 Augustvollmonde: 1. + 31.8.); 1963 (2 Dezembervollmonde: 1. + 30.12.); 1961 (2 Januarvollmonde: 2. + 31.1. / kein Februarvollmond / 2 Aprilvollmonde 1. + 30.4.); 1958 (2 Julivollmonde: 1. und 30. Juli 1958). Wie doch die Zeit vergeht!

Montag, Oktober 05, 2026

Honigmund

Ich war beim Honigmann, im honey mart. Der Mann hatte viele Honiggläser. Leider alle aus Plastik. Und alle gefüllt mit ein- und demselben Honig. Eine Honigmischung, erklärt der honeyman. Die Gläser  haben verschiedene Etiketten, die ich alle nicht lesen kann. Ich erkenne nur das Wort मह - maha = Honig. Er beruhigt mich. Alles ökologisch. प्राकृतिक शुध्द मह  - prakrtika sudhda maha = natural pure honey. Der kann nur in begrenzten Mengen produziert werden. Je nach Jahreszeit und Fleiß der Bienen. Ich kaufe also das größte Plastikglas, das er hat. Ein Liter bernsteinfarbener flüssiger Honig, eine Mischung aus तोरी - tori = Senf, चिउरी - chiuri und जगली रुदिलो - jangali rudilo. Senf kennen wir schon, ich koche (wennich denn koche) nur mit Senföl, es ist genauso goldgelb wie der Honig. Aber nicht süß, sondern angenehm bitter. Senfhonig wird aus den Winterblüten der Pflanze gewonnen und soll antiseptische Wirkung haben. Das fügt sich vor der kühleren Jahreszeit. Chiuri hatten wir auch schon auf dem Tisch, das ist Honig vom indischen Butterbaum. Auch Rudilo habe ich im Ökoladen an der Golfutar Residential Road bekommen. Ohne zu wissen, was hinter dem Wort steckt. Die Verkäuferion hatte mir einen kleinen Löffel voll zum Kosten angeboten. Eine Wildpflanze, Pogostemon oder Patschuli. Jangali Rudilo ist das bengalische (man hört es doch) Pogostemon, oder das indische Patschuli. Eine vielversprechende Gaumenmischung. Der Honigmann umwickelt das Gefäss doppelt und dreifach, stellt es zum Schluss aufrecht in einen Beutel. Ich verstehe, dass ich es so transportieren soll. Wahrscheinlich ist der Deckel nicht ganz dicht. Auch das hatten wir schon. Dünnflüssiggoldgelb auslaufender Honig. Ich trabe glücklich nach Hause.

Sonntag, Oktober 04, 2026

जितिया पर्व

Heute ist Feiertag und ich habe endlich die Uhr im blog auf blau und Pokhara umgestellt. Feiertag nur für Frauen, und nur für die,  die sich an die Regeln der  जितिया पर्व - Jitiya Parba halten. Das bedeutet heute: Fasten. Strenges, so genanntes निर्जला - nirjala-Fasten, nir heißt ohne, und jala in diesem Kontext Wasser. Verzicht auf alles, auch auf Flüßigkeit. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang ohne Wasser, ohne feste Nahrung. Für das Wohl der Nachkommen, der Kinder. Betrifft also nur Mütter. Im besten Falle sind sie auch verheiratet, muss aber nicht sein. Wenn sie einer bezahlten Arbeit nachgehen, dürfen sie heute zu Hause bleiben. Und fasten.

जितिया पर्व - Jitiya Parba dauert, wen wundert es denn, drei Tage lang. Gestern war der erste Tag, Saptami, der 7. Tag nach Vollmond: Nahai Khai - bade und esse! Die Mütter nehmen ihr Reinigunsgsbad und verzehren am Abend die letzte vollständige Mahlzeit. Heute ist der wichtigste, zweite, mittlere Tag. Ashtami, der achte Tag der abnehmenden Mondphase: Khar Din - der Tag des Kahr-Grases (wir hatten das schon, ein robustes Wildgras). Die Mütter fasten den ganzen Tag und beten die ganze Nacht. Morgen ist der dritte Tag, Navami, der neunte Tag: Parana - Der Tag des Fastenbrechens, die Mütter trinken, essen und beten.

Ich gehöre nicht dazu, aber immerhin bin ich verheiratet. Fasten muss und kann ich nicht. In meinem Alter! Bei meinem BMI. Frei habe ich sowieso (fast) immer. Ein kühler Morgen bricht an nach dem gestrigen Gewitter. Ich rette viele Regenwürmer vom zweiten Dach vor dem Verdursten und Austrocknen. Sie haben sich im Regen in der Nacht auf den Betonboden verirrt und kriechen verzweifelt über den harten Boden auf der Suche nach weicher Erde, in die sich mit dem heller werdenden Tag eingraben können. Ich fege sie auf mein himmelblaues Kehrblech, sie krümmen sich erschrocken, wissen nicht wie ihnen geschieht, bis ich sie ins Gemüsebeet werfe. Dort brauche ich sie noch! Ehe sie von den Ameisen zu Tode gequält (alles schon gesehen) oder von hungrigen Mamulastelzen aufgegriffen werden.