Die kurze Frühjahrhochgebirgsklettersaison dauert noch ein paar Tage, also kann ich meine Gedanken weiterhin um den Berg kreisen lassen, den die Tibeter und die Sherpas Qomolangma oder Chomolungma nennen. Den Namen "Everest" hat ihm, wie wir wissen, die ehrwürdige "Royal Geographical Society" (von der mein Gatte ein ehrwürdiger fellow ist) 1865 verliehen und in die Welt verbreitet.
Die Tibeter hatten ihren Namen schon immer. Jedenfalls ist mir nichts Gegenteiliges bekannt. Eine französische Karte von 1733, die offenbar Zeichnungen von Kapuzinermönchen als Grundlage nutzte, die im frühen 18. Jahrhundert in Lhasa lebten, nennt den Berg "Tschoumou-Lancma". Die orthographische Verwandtschaft und/oder die artikulatorische Nähe zu Qomolangma oder Chomolungma ist nicht zu überhören. Noch vor der Erstbesteigung, nämlich im Juni 1952 erklärte übrigens das offizielle Peking per Dekret, dass der Mount Everest im Chinesischen nur seinen ursprünglichen Namen Chomolungma tragen soll.
Dieser Umstand mag den damals amtierenden König Mahendra dazu bewogen haben, dem Berg, der immerhin zur Hälfte in seinem Hoheitsgebiet, dem einzigen Hindu-Himalayakönigreich steht, endlich einen nepalesischen Namen zu geben. Er schickte seine Untertanen auf die Suche nach dem eigentlich richtigen Namen und die fanden in einem Artikel des Historikers Baburam Acharya von 1938 den Namen bereits im Titel "Sagarmatha or Jhyamolongma" angelegt. Soweit sind meine bescheidenen Nepalikenntnisse bereits gediehen, dass ich in dem zweiten Namen natürlich den tibetischen erkenne, in nepalesischer Aussprache eben. Nicht so Barubam, der nepalesische Historiker. Angeblich (ich berufe mich auf Informationen aus zweiter Hand, die mir zugänglich sind, da mir das Original nicht zugänglich ist) lässt er sich in seinem wissenschaftlichen Essay intensiv darüber aus, dass "Jyhamolongma" ein - wie man heute sagen würde - no-name sei. Ist es auch, bei Lichte betrachtet. Um Sagarmatha hingegen baut er Berge und Abgründe von Spekulationen über die Kiratsparche - die keiner seriösen Überprüfung standhalten dürften. Acharya selbst soll Jahrzehnte später erklärt haben, der Name sei ihm "zugefallen". Das sind die weltweit bekannten Erinnerungslücken bei Erklärungsnot. Alles deutet darauf hin, dass ihm der Name auf dem Flur zwischen den Büros der Behörde, bei der er damals beschäftigt war, zugefallen ist oder zugetragen wurde. In einem Pausengespräch oder neudeutsch small talk. Eine "third-hand" Fundsache. Aber immerhin. Den König überzeugte sie nach heftigen internen Querelen (der Hof warf dem Historiker ua mangelnddn Patriotismus vor) doch. Nach fast 20 Jahre. Und so erhob sich Sagarmatha - die Stirn der Erde, die den Himmel berührt - aus dem Himalayamassiv.