Freitag, Mai 01, 2026

Swanya Punhi

Feiertag. Endlich! Multipler Feiertag. Purnima. Vollmond. Der erste Mai-Vollmond. Hier Baisakh-Purnima , also Baisakh-Vollmond, der Vollmond im ersten Monat des neuen nepalesischen Jahres. An dem Tag wird immer, ganz unabhängig vom Sonnenkalendertag, Buddhas Geburtstag, Buddhas Erleuchtung und Buddhas Tod, Mahaparinirvana, Buddhas Eingang ins endgültige Nirvana gefeiert. Alles in einem, ein kompakter Dreifachfeiertag. Nach dem Nepali Kalender Bikram Sambat wird Buddha heute, am 18. Baisakh 2083 2570 Jahre alt. Er hat einen beweglichen Geburts-, Erleuchtungs- und Todestag, im letzten Jahr feierte er am 29. Baisakh 2082 = 12. Mai 2025. Vorletztes Jahr ging die Baisakh-Purnima-Regel nicht auf. Warum? Das wissen nur die hinduistischen Götter. Buddha hatte am 10. Jeth  2081 / 23. Mai 2024 Geburtstag. 2024 AD war ein Schaltjahr und der Februar einen Tag länger. Bikram Sambat kennt alle 32 Monate und 16 Tage einen Schaltmonat - Adhik Mas, den zusätzlichen Monat "ohne besondere Anlässe" - damit werden Mond- und Sonnenkalender wieder etwas angeglichen. Tatsächlich war Shrawan 2080 ein Adhik Mas. Mag sein, dass dadurch etwas wieder auf Spur gebracht wurde, während anderes etwas entgleiste. 

Die Newari nennen den heutigen Tag Swanya Punhi und das bedeutet in ihrer Sprache der Blumenvollmond. Die Newari haben nicht nur eine eigene (Bilder-)Sprache und einen eigenen Kalender (Nepal Sambat, aktuell sind sie mitten im Jahr 1146), sondern auch, wie könnte es anders sein, und eigene Monatsnamen. Der Nepali Monat Baisakh heißt in Newari Bachhala.  

Die Kirati (bei denen wir kürzlich zu Besuch waren) feiern heute Chandi Purnima und Ubhauli (oder Urvyaului Parba - ach dieser Sprachen ... ). Auch sie haben ihren eigenen Kalender, den Yelam Sambat, und der zeigt aktuell das Jahr 5086. Chandi Purnima bezieht sich natürlich auch auf den Vollmond und Lord Buddha, ist aber ein Landwirtschaftsfest, feiert den Beginn der Saat- und Ackersaison, erbittet den Segen für eine reiche Ernte. Ubhauli markiert den Start nach oben, wenn Bauern, Korn und Vieh in höhere Regionen ziehen, um der sengenden Hitze im Tarai zu entgehen.

In Gotikhel, Lalitpur schließlich wird heute zum Ende des heiligen Bademonats Baisakhsnan Sampati  ein letztes spirituell reinigendes Bad im Baitarni Fluss genommen: Baitarnidham Snan! Dieses Bad soll ultimativ alle alten Sünden abwaschen!

Ein wahrlicher bedeutungsschwangerer Tag in Nepal. Ganz am Schluss folgt in der Aufzählung der vielen Festivitäten in meinem nepali calendar noch in englisch: World Workers Day! Alles in rot. Public holiday. Kein bike, keine Schule, alle shutters offen.

Donnerstag, April 30, 2026

Sri Narasimha Jayanti

Shukla Chaturdashi - der vierzehnte Tag des zunehmenden Mondes. Die Hindus feiern नरसिंह - Narasimha, die vierte der zehn Hauptinkarnationen, der दशावतार - Dashavatara Vishnus. Lord Narasimha ist, was sein Name sagt: halb Mann, halb Löwe. नर - nar für männlich(er Mensch) und सिंह - simha für Löwe.

Narasimha Jayanti ist Narasimhas Geburtstag. Er erschien hienieden in der Abenddämmerung von Shukla Chaturdashi im Monat Baisakh, deshalb sollen gläubige Hindus heute bis Sonnenuntergang auf Getreide, Fleisch und schlechte Gedanken verzichten.

Der Legende nach hatte Narasimha die Aufgabe, seinen treuen Anhänger Prahlada vor dessen mächtigem Vater Hiranyakashipu zu beschützen. Hiranyakashipu war ein Dämonenkönig und der Erzfeind Vishnus, seit Varaha, die dritte Inkarnation Vishnus, seinen jüngeren Bruder tötete. Durch strenge Bußübungen erlangte Hiranyakashipu von Lord Brahma einen besonderen Segen, der ihm unendliche Macht und quasi Unsterblichkeit verlieh: so konnte er nicht getötet werden von einem durch Brahma erschaffenen Lebewesen (weder Halbgott, Dämon, Mensch oder Tier), weder drinnen noch draußen, weder tags noch nachts, weder auf Erden noch im Himmel, weder durch eine Waffe noch ein lebendes oder lebloses Wesen. Hiranyakashipu hasste seinen Sohn Prahlada und versuchte ihn zu töten, weil er Vishnu verehrte.

Vishnu inkarnierte sich in Gestalt von Narasimha, als halb Mensch-halb Löwe (dies ist weder ein Mensch noch ein Tier). Narasimha tötete den Dämon Hiranyakashipu am Abend (dies ist weder Tag noch Nacht) unter der Tür auf der Schwelle zu einer Versammlungshalle (dies ist weder drinnen noch draußen), indem er ihn im Schoß hielt (dies ist weder Erde noch Himmel) und seinen Leib mit seinen Krallen zerriss (dies ist weder eine Waffe noch ein lebendes oder lebloses Wesen). So bezwang Narasimha den Dämon trotz des besonderen Schutzes Brahmas.     

Heute früh versammelten sich so viele gläubige und festlich angezogene Hindus rund um meinen kleinen Haustempel, wie ich hier noch nie gesehen haben. Sie feierten eine अभिषेक - Abisheka. Verehrten Shiva und Parvati, Vishnu und beteten zu Narasimha, er möge sie von allen Gefahren und Turbulenzen auf dem spirituellen Weg bewahren, sie empfingen selbst Segen vom Priester, besprengten das Lingam mit Wasser, Milch, Honig und Ghee. Eine panche baaja spielte auf, Feuer wurde gemacht. Am Mittag war alles vorbei. Der Himmel hatte ein Einsehen, der Regen setzte erst am Nachmittag ein.

Mittwoch, April 29, 2026

Mother Qomolangma

Die Polen machen auch hier von sich reden. Pan Bartek hat mitgeholfen, Leitern und Fixseile durch den Khumbu Eisbruch zu befestigen. Es hat sich nichts geändert in den letzten Tagen, der Eisklotz - eine instabile, etwa 30 Meter hohe Eismasse, ein riesiger Eisturm, eine Eispyramide oder auch Serac - kann jederzeit und ohne Vorwarnung abbrechen. Entweder als ganzes oder in Teilen. Trotzdem wird heute - acht Tage verspätet und, wie es heißt, auf zunehmenden Druck der "Institutionen" - die Passage geöffnet. Eine Voraustruppe, darunter auch der Pole Bartek, ist über den Serac hoch geklettert und wieder herunter gekommen. Safe, wie sie sagen: "We believe Mother Qomolangma has shown us a path to make a safe climb." Sie glauben, dass Mutter Qomolangma ihnen den sicheren Weg gezeigt hat. Manchmal bleibt in der Tat nur beten. 

Qomolangma (oder Chomolungma) ist der tibetische Name für den Mount Everest. Kommt von tibetisch ཇོ་མོ་གླང་མ jo-mo-glang-ma und bedeutet Göttin Mutter der Welt. Oder des Schnees. Oder auch des Lebens. Die universal weibliche göttliche Kraft! Die Nepali nennen den Mount Everest सगरमाथा - Sagarmatha. Auch weiblich. Göttin des Himmels.

Auf dem Hill am kleinen Tempel ist die holy family wieder getrennt. Jemand hat Shiva und Parvati entfernt, zurückgeblieben ist Ganesh. Am Himmel über unseren Köpfen grummelt es den ganzen Morgen.

Dienstag, April 28, 2026

Czy będę mógł wrócić?

In Polen wird gefeiert. An der Ostgrenze, am Übergang Białowieża-Piererow nimmt Donald Tusk den seit 1860 Tagen in belarussischen Straflagern inhaftierten Journalisten Andrzej Poczobut in Empfang. Umarmt ihn, heißt ihn willkommen. Und was antwortet der sichtlich mitgenommene, abgemagerte, unbeugsame Verfechter des Wortes? 

"Czy będę mógł wrócić? Zostali tam ludzie, którzy we mnie wierzą ..." 

Werde ich zurückkehren können? Dort sind Menschen, die an mich glauben. 

Człowiek Skała - Ein Mann wie ein Fels. Oder besser Granit. Der ist anders als der Mann aus Marmor (Człowiek z marmuru, 1976) oder der Mann aus Eisen (Człowiek z żelaza, 1981). 

Montag, April 27, 2026

we don't teach females ...

... they learned anyway!

In Biratnagar, wo wir kürzlich waren, im südöstlichen Tarai, haben sich die Frauen durchgesetzt. Zwei Jahre lang nervten sie die Beamten im metropolitan office, bis Geld bewilligt und Räume zur Verfügung gestellt wurden, damit auch sie, nicht nur die Männer, traditionelle Instrumente spielen lernen konnten.

नौमती बाजा - Naumati baja ist ein nepalesisches Musikensemble aus 9 Instrumenten: नौ - nau ist die Zahl 9 und बाजा - baja sind die Instrumente. Naumati Baja besteht aber nur aus 6 verschiedenen Instrumenten, 3 sind doppelt vertreten: 2 Narsingha in Ost- und Zentralnepal (lange Horntrompete in der Form eines C) oder 2 Karnal im Westen Nepals (mehr als 1 Meter lange, gerade Trompete mit Schallbecher) , 2 Damaha (große Kesseltrommel), 2 Sanai (Folklore Oboe), je eine Tyamko (kleine Kesseltrommel), Dholaki (Trommel) und Jhyali (Cymbal).

नौमती बाजा - Naumati baja ist die erweiterte (lautere, wie ich lese und festlichere) Form von पञ्चे बाजा - panche baaja, das Ensemble aus fünf Instrumenten. पाँच - pac für 5 und बाजा - baja sind wie gehabt für Instrumente. Beide Ensembles treten bei Hochzeiten und religiösen Festen auf, die Musiker sind traditionell natürlich Männer und gehören den untersten Kasten der Damai oder Gaine, der untouchable - der Unberührbaren an. 

Und da kommen Frauen und wollen auch! Nur weil sie sich in Itahari auf einer Hochzeit prächtig amüsiert hatten. Ihnen wird gesagt, dass selbstverständlich keine Chhetri- oder Bahun-Frau Musik mache. Und sie werden hingehalten, abgewiesen, ausgelacht ... aber sie sind stur und entschlossen, etwas aus ihrem eigenen Leben zu machen. Sie finden einen Lehrer, werden unterstützt, lernen, lachen, freuen sich. Musik diene auch dem Stressabbau, sagen sie, dem sozialen Miteinander, dem gegenseitigen Aufmuntern und Motivieren. Ganz zu schweigen von dem, wenn auch vorläufig bescheidenen, Einkommen, das die Trommlerinnen und Trompeterinnen nebenher generieren. 

In Biratnagar wird die Tradition gerade umgekrempelt. Durch Frauen, who refused to stay silent. 

Sonntag, April 26, 2026

Januskopf

Bei der Luftqualität (AQI - Air Quality Index) ist Kathmandu wieder an der Weltspitze angekommen. Offiziell 192, bei uns auf dem Hill, in Golfutar 205 oder mehr. Im Everest Base Camp hängen seit einer Woche ein paar Hundert ausländische Bergsteiger und ihre nepalesischen Betreuer, Sherpas, Porters, Köche usw. fest. Sie können den Khumbu-Eisfall nicht queren, das immer schon schwierigste Nadelöhr auf dem Weg nach oben. Dort taut und gefriert es in einem, der Untergrund ist unberechenbar, in ständiger Bewegung. Nun drohen mehrere Eisklötze abzubrechen, wann und wohin die Eislawine ihren Weg nimmt, ist nicht abzusehen. So ist es auch nicht weiter schlimm, dass am Freitag sämtliche Morgenflüge nach Lukla ausfielen, due to weather, wie unserer nach Surkhet. Sonst würden sich im Base Camp noch mehr frustrierte Westler die Füße vertreten. Das Wetter ist kein Januskopf, es hat nicht zwei, sondern viele und vielfältige Gesichter in diesem Land.

Hätten wir rechtzeitig einen Blick auf die Regierungsseite Forest Fire Detection and Monitoring System in Nepal geworfen, hätten wir uns nicht wundern brauchen. Waldbrände sind im Tarai zu dieser Jahreszeit, in der Hitze vor dem Monsun, nichts Ungewöhnliches. Im District Surkhet sind aktuell 11 Waldbrände registriert, in Bardyia 7, in Banke 19. Dass brennende Wälder und Felder wesentlich dazu beitragen, dass die Luft kaum zum Atmen ist, wissen wir. Aber bislang war das ein theoretisches Wissen. Noch nie hat uns ein Flächenbrand persönlich betroffen. In unserer unmittelbaren Umgebung wird zwar ständig gezündelt,  im Winter, um die Hände zu wärmen und das ganze Jahr über, um den Müll loszuwerden. Ich habe mich aber immer schon gefragt, warum diese Feuer in den engen Hinterhöfen nie einen ordentlichen Hausbrand entfachen. 

Feuer ist also nicht der Rede wert. Feuer handeln die locals gekonnt und tragen dessen Konsequenzen mit stoischer Gelassenheit. Eis aber ist der Rede wert. Denn am Eis - an der Passage durch den Khumbu-Gletscher - hängt das (einzig) lukrative Geschäft des Bergsteigertourismus.

Samstag, April 25, 2026

Bardiya Nationalpark

Vorgestern wären wir in Karnali angereist, gestern hätte Wissenschaft für W auf dem Plan gestanden, für mich sightseeing und loneliness. Heute wären wir zusammen auf Safari im Bardiya Nationalpark und bestaunten seltene Wildtiere wie Asiatische Elefanten, Bengaltiger, Schweinshirsche oder Barasingha-Hirsche, Hirschziegenantilopen, Ganges-Gaviale, Sumpfkrokodile oder Panzernashörner - so sie denn unseren Weg kreuzten. Leoparden, Wildschweine, Muntjaks. Wir hörten mit etwas Glück den Gesang seltener Vogelarten, sähen einen Saruskranich schreiten, oder eine Flaggentrappe, den Gangesadler auffliegen ... und so weiter und so fort. Aber wir sind nach unseren beiden ausgedehnten Ausflügen zum domestic airport nur wieder zu Hause gelandet. Zu unserem Besten!

Denn heute lese ich in der Zeitung, dass im Bardiya Nationalpark seit zwei Wochen der Sal-Wald brennt, bereits mehr als 20 % der Gesamtfläche stehen in Flammen. Der Brand entstand in den nördlichen Chure-Hügeln und breitet sich aufgrund anhaltender Trockenheit nach Süden und Osten aus. Die Rauchentwicklung ist massiv und belastet umliegende Siedlungen. Das hat uns niemand verraten. Auch nicht die Ranger, die wir - typisch deutsch! - rechtzeitig vorab angefragt hatten für eine Ganz- oder Halbtagesführung. 

Vielleicht ist deshalb der Flughafen Surkhet seit Tagen wegen schlechter Sicht geschlossen. Auch das hat uns keiner verraten. Bei uns auf dem Hill kam letzte Nacht kühler Wind auf, es regnete, blitzte und donnerte heftig. Und gerade ist das nächste Gewitter mit Starkregen über unsere Köpfe gezogen.