An meiner Wand im blauen Zimmer hängt über dem Lichtschalter ein kleiner chinesischer Tagesabreißkalender. Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn entferne ich das Gestern. Die Zahlen und den Monat kann ich lesen, mehr nicht. Die dünnen Blätter sind vollgekritzelt, wahrscheinlich mit Anweisungen der Harmonielehre. Darüberhinaus erkenne ich die Farben. Normale Tage sind grün, Wochenende und Feiertage rot. Heute ist rot, obwohl Donnerstag. Andere Länder, andere Sitten. Ich glaube, in Nepal gibt es keine Abreißkalender. Wir haben Wandkalender. Meiner im blauen Zimmer hängt unter dem Lichtschalter. Die Wandkalender sind Monatskalender und dünn. Sie haben nur 6 Blätter. Wir blättern sechs mal die Vorderseite um, drehen dann auf die Rückseite und blättern sechs mal zurück. Andere Länder, andere Sitten. Auch in China dauert der heutige Feiertag - es ist 国庆节 - Guóqìngjié, der Nationalfeiertag, am 1.10.1949 wurde die Volksrepublik gegründet - eine ganze Woche. Und diese Woche ist den chinesischen Machthabern "Gold wert" und so haben sie vor einem guten Vierteljahrhundert diese "Goldene Woche" ins Leben gerufen. Es gibt noch eine zweite. Beim Frühlingsfest oder vulgo chinesisch Neujahr. Alle Menschen im großen Reich der Mitte haben während der goldenen Wochen frei und sollen Geld ausgeben. Reisen, einkaufen, konsumieren, essen, trinken. Über die Stränge schlagen. Mit beiden Händen. Schaufeln. Sich nicht nur etwas, sondern viel mehr gönnen. Die Staatskasse füllen. Die aktuelle chinesische goldene Woche hat nichts mit dem europäischen goldenen Herbst zu tun. In Nepal gibt es weder goldene Wochen noch einen goldenen Herbst. Derzeit haben wir शरद - sarad, das ist die Nachmonsunzeit, Erntezeit, die Zeit der strahlend blauen Himmel - nicht der fallenden Blätter. Sarad liegt im modernen nepalesischen Kalender in der Jahresmitte. Und ich denke, die vielen, übers ganze Jahr verteilten tage-, ja wochenlangen Hindufeste dienen überhaupt nicht dazu, dem Staat finanziell unter die Arme zu greifen. Andere Länder, andere Sitten. Ganz nebenbei frage ich mich seit langem, wann und wo gläubige Hindus eigentlich so viel sündigen können, dass sie sich ständig beim morgendlichen Bade im kalten Fluss und mit strengem Fasten bis Sonnenuntergang von eben diesen Sünden lossagen und reinwaschen müssen. Ich dachte immer, der Umgang mit Sünden und Absolution sei allein Rom vorbehalten.
Donnerstag, Oktober 01, 2026
Mittwoch, September 30, 2026
14. Ashoj
Der 14. Ashoj. In Lalitpur - wo wir einst wohnen wollten - endet nach acht Tagen Indra Jatra. Mit einem letzten feierlichen, lauten Umzug. Diesmal mit Frauen. Seit ein paar Jahren haben die Frauen die Kontrolle über den letzten Tag. Frauen ziehen die Wagen von Ganesh, dem Dämon Bhairav und der lebenden Kindergöttin Kumari durch die Innenstadt, von Basantapur durch Pyaphal, Naradevi, Kulagal, Asan, Indra Chowk und Makhan und zurück nach Basantapur. Der Regen hat auch in der Hauptstadt aufgehört. Indra schläft. Die Kumari, das Kind - die Kindergöttin selbst, wird aber von Männern getragen, wenn sie die goldene Sänfte, den Prozessionswagen verlassen und wieder in ihre vier Wände zurückkehren muss. Bis zum nächsten Fest.
Wenn ich diese Bilder sehe, frage ich mich, was in einem dreijährigen Mädchen vorgeht, auf dem Arm eines und umgeben von vielen strahlenden Männern, die vor Manneskraft nur so strotzen.
Dienstag, September 29, 2026
Monsun
Monsun wie Dienstag. Nein, es regnet nicht. Klare Sicht auf überwältigende Schneegipfel. Der Larke Pass auf 5.106 Metern ist seit letztem Donnerstag aufgrund anhaltender Schneefälle gesperrt. Das tägliche Leben in den nördlichen Teilen Gorkhas ist zum Erliegen gekommen, niemand gelangt derzeit nach Manang. Keine Wanderer, keine Bauern, keine Lastesel und Maultiere. Die Tiere sind auf der falschen Seite gefangen. Oder die Lasten. Die Lagerhäuser. Die Waren. Überflutungen und Erdrutsche haben trittfeste Übergänge sogar für Unpaarhufer zerstört. Zerrissene Hängebrücken führen nur noch in die Schlucht. In Samagaun und Samdo werden die Lebensmittel knapp. Hunderte in- und ausländische Trekkers sowie ihre nepalesischen guides und porters, die auch essen müssen, und sind dort gestrandet. Die Wege können von Freiwilligen nicht mehr freigeschaufelt werden. Der Schnee ist zu hoch, zu nass, zu schwer.
Daten der letzten 30 Jahre zeigen, dass der Monsun in Nepal im Durchschnitt 112 Tage dauert, knapp vier Monate. In dieser Zeit fallen 80 % der jährlichen Niederschläge. Bis zum Jahr 2003 setzte der Monsun zuverläßig um den 10. Juni ein und endete um den 23. September. Seither zieht sich das Ende der Regenzeit tendenziell immer später in den Oktober hinein. Letztes Jahr erlebten wir (denn wir waren ja schon da!) mit 135 Tagen den längsten Monsun in Nepal seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1968. Er begann bereits am 29. Mai, 15 Tage früher als im Durchschnitt, und endete erst am 10. Oktober. In diesem Jahr begann er erst am 9. Juni, also 6 Tage verspätet. Vom 24. bis zum 27. September erlebte das ganze Land noch einmal verheerende Starkregentage. Und ob nun damit die Monsunwolken ausgepowert sind, wird sich zeigen.
Der kürzeste Monsun mit 73 Tagen fand im Jahr 1979 statt. 2013 wurde am 19. Oktober das späteste Ende verzeichnet. Ein Sprecher des Departements für Hydrologie und Meteorologie berichtet, dass in den letzten zehn Jahren im Juli verhältnismäßig wenig und im August oft gar kein Regen fiel, dafür aber gegen Ende des Monsuns und im ganzen Oktober rekordverdächtige Mengen niedergingen.
Es kann also noch einiges kommen. Auch bei derzeit strahlend blauem Himmel.
Montag, September 28, 2026
Montag
Sonntag, September 27, 2026
Sonntag
Es regnet heftig und ich denke beim Aufwachen natürlich an Indra, den Gott des Regens. An Indra Jatra, das Fest, das wie alle Hindufeste mehr als einen Tag dauert, ungefähr 8 oder eine Woche. Letzten Donnerstag, am zweiten Tag fanden die traditionellen "Kinderumzüge" (ich nenne das profanerweise so, in Anlehnung an Fasnachts-Kinderumzüge in anderen Teilen der Welt) auf dem Hanuman Dhoka Durbar Square in Lalitpur statt. Im strömenden Regen! Regen stört niemanden, hindert niemanden, Regen gehört einfach dazu. Nicht nur die Echte Kumari wurde durch die Straßen der Altstadt getragen, hunderte kleine Mädchen nahmen an der Kumari Puja teil. Gekleidet, geschminkt und mit opulentem Schmuck behängt wie die richtige.
Die Eltern erhoffen sich durch das Massenritual Segen und Gesundheit für ihr Töchterchen, Frieden und Wohlstand für die ganze Familie. Teilnehmen dürfen nur Mädchen im vorpubertären Alter und während der Zeremonie gelten sie als wahrhaftige und lebende Stellvertreterinnen der Schutzgöttin Taleju Bhawani. Irgendwann ist der Spuk vorbei, die Girlies schlüpfen in ihre Alltagsklamotten zurück und hüpfen aufgeregt herum wie ganz normale Kinder.
Ich stehe seufzend auf. Kein Qi Gong auf dem zweiten Dach. Keine Zwiesprache mit सेतो टिकटिके - seto tiktike, der Weißbrauenstelze. Beim schnellen Rundgang durch den Garten betrachte ich die Beete. Alles steht unter Wasser. Wie sollen da Drachenfrüchte gedeihen? Wie der Bogenhanf, der absolute Trockenheit will? Die Achatschnecke hockt auf dem Mäuerchen. Sie ist jeden Morgen in einer anderen Ecke, legt in der Dunkelheit beachtliche Strecken zurück.
Und dann ist der Spuk vorbei. Irgendwann gegen Mittag. Ich kann nicht sagen, wann. Ein Fingerschnipsenmoment und die Berge stehen im Norden, majestätisch, als wäre nichts gewesen. Sie leuchten besonders frisch, denn was hier unten als Regen ankam, bescherte ihnen frischen Schnee. Der Himmel ist blau wie im Bilderbuch. Wir sitzen auf dem Dach und trinbken Kaffee. Reiben ungläubig die Augen.
Samstag, September 26, 2026
Vollmond
Am Morgen kann ich in einer Regenpause einkaufen. Es gibt nicht viel frisches Gemüse. Die Lieferwege sind blockiert, ernten kann bei diesem Wetter niemand. Ich kaufe das grüne lange Zeug, auf das immer Verlass ist. Zwiebeln und Knoblauch. Dann gehe ich zum you and me shopping center nebenan, kaufe Ayurveda-Senföl, Nudeln und Klopapier. Was man eben so braucht. Beim Bezahlen fragt mich der shopkeeper, wie das Gemüse, das aus meine Rucksack herausguckt, auf englisch heißt. Ich bin perplex. I don't know, sage ich frank und frei, I even don't know, how you call it in nepali. Dass ich auch nicht weiß, wie es auf deutsch heißt, verrate ich ihm nicht. Das würde unser Gespräch nur unnötig kompliziert machen. Er hingegen sagt "Ghirola" und wiederholt das Wort mehrmals, damit ich es mir merken kann. I'll check at home, verpreche ich, and tell you next time.
Ich radle nach Hause, das Gemüse auf dem Rücken, das Klopaier am Lenker. Kaum angekommen, setzt der Regen wieder ein und hört den ganzen Tag nicht auf. Ich schicke einen kurzen Dank hoch zu Lord Indra über den Regenwolken und vertiefe mich in die Botanik. Ghirola schreibt mein Wörterbuch so: घिरौंला - und transkribiert es als Ghiraula oder Ghiraunla. Die Punkte über den Zeichen soll ich ignorieren, habe ich gelernt. Sie irritieren trotzdem.
घिरौंला - Ghiraula: englisch sponge gourd oder smooth luffa. Wissenschaftlich luffa cylindrica oder luffa acutangula oder luffa aegyptiaca. Deutsch Schwammkürbis, Flügelgurke oder Luffagurke. Ein ungestümes Klettergewächs. Wächst hier überall die Hausfassaden hoch, sobald man ihnen etwas zum Festhalten hinhängt. Bei mir wuchsen sie den Zaun rund ums Grundstück entlang und sie ernährten mich wochenlang. Ich ahnte ja nicht, dass ich sie hätte trocknen lassen können. Das Innere besteht nämlich aus einem Fasergerüst, das sich verfestigt, je mehr Feuchtigkeit daraus entweicht. Und ich hätte daraus umweltfreundliche Naturbadeschwämme (oder Putzschwämme) gewinnen können und die Füße oder den Rücken sauberrubbeln. Daher kommt wahrscheinlich das englische sponge und der deutsche Schwamm in den Kürbis.
Der Mond wird erst spät voll, es ist der harvest moon, der Erntemond. Davon ist man hier gerade weit entfernt. Ich höre die ganze Nacht den Regen prasseln, ohn' Unterlass.
Freitag, September 25, 2026
Der unendliche Vierzehnte
Es regnet, wie vorhergesagt, immer noch. Nun schon den dritten Tag in Folge. Ohne Pause. So habe ich mir einst, naiv wie ich war, die Regenzeit vorgestellt. Regen ohne Ende. Bis vor ein paar Tagen habe ich in Nepal nie Regen ohne Ende erlebt.
Heute ist im Valley, in dem ich nicht mehr wohne, Feiertag. Die Newaris huldigen dem Regengott Indra. Danken für seinen reichen Segen während des Monsuns. So etwas wie Erntedank. Ernten kann man nur, wenn genug Regen gefallen ist. Trotzdem mutet es heute zynisch an, den Regengott zu verherrlichen. Unser PM, der einstige Rapper, spricht im Morgengrauen (nepali time) im gewohnten outfit in New York vor der UN Vollversammlung. Ua über die Bhotekoshi-Trishuli-Flutkatastrophe, deren Folgen noch niemand, nicht einmal er, in Worte fassen oder mit Zahlen beziffern mag. Derweil fällt in ganz Nepal gerade soviel Wasser vom Himmel, in der Höhe (am Manaslu, im Annapurnagebiet, in Manang und Mustang) als Schnee, dass ihn vielleicht bei der Rückkehr nach Hause bereits die nächste Katastrophe erwartet.
Kathmandu und das Valley feiert Indra Jatra. Hindus außerhalb des Valleys feiern अनन्त चतुर्दशी - Ananta caturdashi. Ananta ist ein Beiname, eines der unzähligen Epitetha von oder für Lord Vishnu. Ananta kommt fast in jedem Mantra vor, damit kann nach meinem Dafürhalten jeder Gott besonders inbrünstig angerufen werden. Bedeutet der oder die oder das Unendliche. Caturdashi ist der Vierzehnte Tag einer Mondphase, derzeit der heller werdenden. Vierzehn Tage nach Neumond, einfacher gesagt: ein Tag vor Vollmond. Zusammengefasst bedeutet अनन्त चतुर्दशी - Ananta caturdashi schlicht der unendliche Vierzehnte. Wie so oft, ist das Davor wichtiger als das Eigentliche.
Vor zehn Tagen, am vierten Tag dieser momentanen shukla paksha erbaten die Ganesh-Verehrerinnen mit spiritueller Disziplin und dem गणेश चतुर्थी व्रत - Ganesh caturthi vrat, dem Fasten am Vierten Tag nach Neumond, die Segnungen von Lord Ganesh. Und begannen hungrig das zehntägige Ganesh-Festival, das nun also heute, wie berichtet, sein Ende findet.
Die Welt ist so kompliziert wie ihre Zahlen und deren Wörter, wie ihre Götter und deren Namen.
Donnerstag, September 24, 2026
schulfrei
Es regnet den ganzen Tag. Leise und leicht, aber beständig. Das Rieseln, Tröpfeln, Klopfen (aufs Regendach) sowie das Getrappel von Shivas Nandi, ist wider Erwarten beruhigend. Ein für hiesige Verhältnisse aussergewöhnlich stiller Tag. Niemand hämmert bei diesem Wetter. Niemand lässt Bretter oder schwere Bambusstangen von oben nach unten krachen, die an anderer Stelle wieder von unten nach oben geschleppt werden. Niemand baut Gerüste auf oder ab. Keine Schulbusse fahren. Es wird seit Tagen vor Starkregen und Starkwinden gewarnt. Wer kann, soll zu Hause bleiben. Vielerorts gilt bereits ein Nachtfahrverbot. Die Schulen sind in weiten Teilen des Landes heute und morgen geschlossen. Alle Flüsse, warnen die Meteorologen, werden über die Ufer treten. Früher oder später. Ist das das Monsunende? In der Theorie oder im Schulbuch hört er am 23. September auf, das war gestern. Aber heute bietet in unserer Straße 4 kein fliegender Händler seine Ware an, von Gemüse und Obst angefangen, über Küchenutensilien, Plastikeimer, Putzmittel bis zu Tüchern, Teppichen und langen Gewändern. Kein indischer Pappesammler fragt nach Pappe. Keine blinde Obdachlose bittet per Megafon um ein Almosen. Niemand ist auf dem Moped unterwegs, zur Arbeit, zum Arzt, zur Tante, zum Onkel. Geschweige denn zu Fuß! Keine Lastwagen brummen, weil sie kaum aneinander vorbei kommen, und kippen Steine, Kies, Sand einfach vor unser Gartentor mitten auf die Straße.
An diesem Regentag gibt es eine Bildergeschichte der besonderen Art. Dies ist der Baumaterialsammelplatz gegenüber unserem Haus in Pokhara für mindestens zwei Baustellen.
Hier habe ich endlich kapiert, was mit langen, zur halben, am einen Ende offenen Ellipse gebogenen Eisenstangen passiert. Ich hatte diese Teile in Kathmandu an der Golfutar in einem Hinterhof immer zu einem riesigen Haufen aufgetürmt liegen gesehen. Der Haufen wurde in regelmäßigen Abständen restlos abgetragen. Männer schleppten die schweren Teile Tag für Tag auf Ladeflächen von klapprigen Kleintransportern, die damit wegfuhren. Ich fragte mich immer, wohin und wozu. Wenn ein Haufen abgetragen war, wurde der nächste aufgetragen. Das Umgekehrte passierte. Die schweren Teile wurden en gros von einem Großlaster angeliefert, abgeladen und zu einem riesigen Haufen aufgetürmt.
Mittwoch, September 23, 2026
शरद
शरद oder शरद ऋतु sharad oder sharad ritu ist der Herbst. Ob er heute auch im nepali calendar anfängt, bezweifle ich. Ich habe nämlich gerade gelernt, dass es im nepalesischen Jahr sechs Jahreszeiten gibt! Mich wundert hier nichts mehr. Der Herbst fällt in die Monate Ashoj und Kartik (also ungefähr jetzt bis Dashain). Darauf folgen der kühle Vorwinter, der kalte Kernwinter, der Frühling, der Frühsommer, die Regenzeit ... Ich wusste nicht, dass der Monsun eine Jahreszeit ist. Ich dachte, das sei ein Wetterereignis. Eine Windrichtung. Ein Ende ist gerade gar nicht absehbar. Es regnet wie wahnsinnig!
Das Herbstäquinoktium hingegen wird auch hier heute erreicht, und zwar jetzt, am frühen Morgen, kurz vor Sonnenaufgang um 05:50 am Ortszeit.
Dienstag, September 22, 2026
Seitenwechsel
Gläubige Hindus können fast täglich fasten und feiern. Heute ist हरिपरिवर्तिनी एकादशी - Hariparivartini Ekadashi. Ekadashi hatten wir schon öfters mal, das ist immer der elfte Tag einer Mondphase. Diesmal der hellen, zunehmenden, shukla paksha. Im derzeit 6. Monat des nepalesischen Jahres, Ashoi. Das andere unverständliche Wort ist so unverständlich nicht: Hari-parivartini. Hari ist so etwas wie Shri für Lord, oder Gott, beide natürlich besonders geeignet für Lord Vishnu: Shri Hari Vishnu. Und parivartini kommt vom Verb परिवर्तन - parivartan für ändern (die Position), sich drehen, wenden. Heute ist der Tag, an dem der im Milchozean 4 Monate lang seelig schlummernde Vishnu sich von der linken Seite auf die rechte dreht! Grund genug, auf Reis, Getreide jeder Art und Bohnen zu verzichten und den ganzen Tag zu beten.
Dieser Wechsel der Liegeposition findet nicht - wie ich denken würde - in der Mitte der viermonatigen kosmischen Ruhephase statt. Vishnu schläft seit हरिशयनी एकादशी - Harishayani Ekadashi. Der Name jenes Feiertags ist sprachlich genauso aufgebaut wie der des heutigen: der Elfte der Shukla Paksha (im 3. Monat des hinduistischen/nepalesischen Kalenders, Asadh) und Hari-shayani. Hari für Vishnu und shayani vom Verb शयन - shayana für schlafen gehen. Lord Vishnu befindet sich schon seit drei Monaten im göttlichen Tiefschlaf dreht sich erst heute auf die andere Seite.
Montag, September 21, 2026
नजर
नजर लगना - nazar lagna heißt, vom bösen Blick getroffen sein, to be jinxed in Englisch. Verhext, verflucht, vom Pech verfolgt.
Dagegen hilft nur नजर ना लगे - nazar na lage. Der fromme Wunsch, vom bösen Blick nicht getroffen zu werden, touch wood, auf Holz klopfen. Insbesonders bei Neugeborenen muss diese Formulierung immer verwendet werden. Wer ein Baby mit "ach wie süß!" o.ä. lobt, soll sofort नजर ना लगे - nazar na lage hinterherschieben. Denn Kleinkinder sind besonders anfällig für Teufel und Neider, und deren Verfluchungen und Verwünschungen. Den bösen Blick eben.
Es bleibt alles, wie es ist auf dem zweiten Dach. Mögen die Kakteen und ihre Dornen sich entwickeln. Der eine zeigt ja schon einen hoffnungsvollen Trieb.
Sonntag, September 20, 2026
अदुःख नवमी व्रत
Sonntag. Public holiday. Auf dem Dach wird wie wild gehämmert. Der private Sektor arbeitet, der öffentliche nicht. Weil nämlich der gestrige Verfassungstag auf einen arbeitsfreien Samstag fiel, wird der Feiertag - der freie Tag für Behörden, Schulen, öffentliche Einrichtungen - heute nachgeholt. Meines Wissens wurde vor einem knappen halben Jahr die 5-Tage-Woche eingeführt und dieser Beschluss seither nicht wieder, wie in der Vergangenheit mehrfach geschehen, zurückgenommen. Also ist auch der heutige Sonntag arbeitsfrei. Und der nachgeholte Feiertag kein solcher.
Außerdem feiern die Hindufrauen अदुःख नवमी व्रत - adhuk nawami brat. Sie fasten schon wieder und ziehen sich festlich an, ich sehe ganze Heerscharen glücklicher junger Frauen durch unsere Straße 4 wandeln. अदुःख - adhuka bedeutet nämlich a-dukha, ohne Trauer, frei von allem Leid. दुःख - dukha ist nämlich das emotionale Leiden, Kummer, Gram, Not, die Traurigkeit. Das vorangestellte a- negiert diesen Zustand. Also dürfen alle heilfroh sein, wenigstens für einen Tag. नवमी - nawami ist der neunte (Mond-)Tag der shukla paksha, der hellen Mondhälfte. Und व्रत - brat oder vrat ist der Fasten. Es dient der spirituellen Reinigung. Wie immer. Angebetet werden die Mütter-Göttinnen Gauri (eine Inkarnation von Parvati) und Mahalaxmi (Göttin des Wohlstands, wie Laxmi). Wer 108 mal das Mantra ॐ ह्रीं महालक्ष्म्यै नमः - Om Hreem Mahalakshmy Hai Namah wird Glück und Wohlstand finden.
Ich faste nicht, betrachte aber den Mond auf dem Heimweg vom Abendbrot, er steht zu etwa 69% voll am klaren Himmel. Da gerade rundum der Strom ausgefallen ist, bin ich ihm besonders dankbar für sein Licht.In meinem Garten wird auch nicht gefastet. Am Morgen waren sie zu zweit da und lutschten genüsslich an der bereits etwas unansehnlichen Guave. Hier schreitet die Verwesung schnell voran. Ich lese, dass große Achatschnecken Zwitter sind. Sie berühren sich mit den Fühlern und interagieren. Erkennen sich zweifelsfrei. Artgenossen und Artgenossinnen. Tauschen Samen aus. Bald werden Dutzende, Hunderte, Tausende Achatschnecken ums Haus schleichen ...
Samstag, September 19, 2026
Regenwaldterrarium
Es regnet seit dem frühen Morgen. संविधान दिवस - Samvidhan Diwas. Tag der (jungen) nepalesischen Verfassung. Landregen. Beständig. Sanft. Beruhigend. Beherzt greife ich zum बाबियो कुचो - babiyo kuco, zu dem harten nepalesischen Besen, den uns die landlords in weiser Voraussicht hinterlassen haben. Aussen herum tun diese Besen tatsächlich gute Dienste, drinnen will ich keinen haben. Nicht einmal einen weichen. Staubaufwirbler.
Ich fege also mit dem robusten Wildgrasbesen (er könnte aus Khar Gras sein, oder eben aus babiyo - Eulaliopsis binata) und dank des Regenwassers, das mir von allen Seiten frisch zuläuft, Erde, Sand und Kies, den uns die Nachbarbaustellen bescheren, erfolgreich von der Auffahrt. In die Gosse. Dann entstaube ich die Fahrräder und poliere die Eingangsstufen. Zum Dank zeigt sich die Große Achatschnecke beim Frühstück. Sie ist offenbar zufrieden mit Regen, Garten, den Göttern und der Welt. Knabbert, lutscht an einer von Nachbars Baum heruntergeplumsten, bereits angebissenen Guave.Meine Eidechsen, die sich lieber in der Sonne zeigen, aber keine Hauswände elegant hoch- und hinuntergleiten können wie die Achatschnecke, gehören vielleicht zu den Scharlach-Gartenagamen, zu den orientalischen Garteneidechsen. Die, die kürzlich unter meiner Kehrschaufel in den Himmelfand, könnte eine Sägerückenagame gewesen sein. Andernorts (lese ich und mir sträuben sich die Nackenhaare!) werden solche Tiere für teuer Geld in heimische Regenwaldterrarien gesetzt. Wegen "Stressanfälligkeit und Agressivität untereinander" wird aber Einzelhaltung "dringend" empfohlen. Ich zeige meine hier noch ein letztes Mal. Das Bild habe ich, ohne zu ahnen, wie nahe das Ende schon ist, wenige Stunden vor ihrem Tod gemacht. Noch hatte sie die Kraft, mir ihren wunderbar gezackten Nackenkamm sowie ihren langen langen Schwanz zu präsentieren. Und mich anzublinzeln.Freitag, September 18, 2026
Straßenlaternenanzünder
Die Sonne geht bei uns wenige Minuten nach 18 Uhr unter. Die Dämmerung ist kurz. Die Strassenlaternen müssen immer noch bei Tageslicht angeknipst werden. Derzeit also spätestens um 18:15 Uhr. Die Nachbarin von gegenüber läuft auf die Straße und drückt den Schalter.
Wir hatten den Mo:Mo-Koch schon unzählige Male dabei beobachtet, wie er seinen Herd verlässt, über die Straße schreitet - er tut alles mit der gebührenden Würde! - und drüben die Laterne anknipst. Weil sie nicht nur der Straße sondern auch seinen Imbiss beleuchtet, dachten wir, das sei vielleicht in seinem (Geschäfts-) Sinne, dass das Licht rechtzeitig angeht. Und wir essen Mo:Mo's immer zu Sonnenuntergangszeit. Mittlerweile weiß ich aber, weil ich es rundum sehe, dass das alle tun. Straßenlaternenanzünden ist hier offenbar Pflicht der Hausbesitzer oder Mieter, jener, die das Pech oder Glück haben, an einem Straßenlaternenpfahl zu wohnen.
Am Morgen geschieht alles in umgekehrter Reihenfolge. Derzeit geht die Sonne kurz vor 5 Uhr auf. Das heißt, die Lampen könnten gegen 4:45 ausgeschaltet werden. Nicht jede(r) mag da im Schlafanzug schon auf die Straße treten. Die Nepali treiben ihren Frühsport allerdings bereits im Dunkeln und ich habe schon Jogger von obersten Dach aus gesehen, die die ganze Straße 4 runtertraben auf dem Weg zu den Summer Falls, und jedes Licht ausmachen.
Wer für Reparatur und Auswechseln der Birnen zuständig ist, weiß ich nicht. Gestern versmmelten sich vor dem Pfahl gegenüber drei Männer und eine Leiter. Die Laterne erleuchtet auch mein Schlafzimmer, und wenn sie nicht brennt, stört es wenn sie nicht brennt nicht. Sie fällt immer wieder aus, auch wenn der Strom fließt. Jemand wollte sie nun reparieren. Erstmal blieb der Erfolg - das Licht! - aus.
Donnerstag, September 17, 2026
rosige Ingwerknollen
असोज - Ashoj. Oder Ashwin. Der 6. Monat im nepalesischen Kalender beginnt. Das halbe Jahr ist bald um - oder schon um, denn wir hatten ja den adhikmaas, Schaltmondmonat. Heute ist Ashwin Sankranti, die Sonne titt in das Sternzeichen Jungfrau ein und die heißt in der vedischen Astrologie Kanya Rashi. Und heute ist Bishwokarma Puja. Bastu Diwas. Lord Bishwokarma wird geehrt, der Experte für traditionelle und göttliche Architektur, der allmächtige Schöpfer des Universums. Weltliche Bauherren, Handwerker und Handlanger begehen den Bastu-Diwas, den Tag des Bauens. Und gebaut wird wahrlich genug in diesem Land! Wer eine eigene Werkstatt hat, verehrt heute seinen Arbeitsraum und betet die Hand-Werkzeuge und die elektrischen Maschinen an - damit sie für den Rest des Jahres ohne zu stottern funktionieren.
Der 1. Ashoj fällt bereits zum dritten Mal in Folge auf den 17. September. Daraus leite ich nun eine für mich allgemeingültige Gesetzmäßigkeit ab. Ab sofort feiern wir nicht mehr den 17.9., sondern den 1.6. Der zweite Jahrestag unserer Ankunft in Nepal, der Beginn des dritten Jahres. Am Nachmittag fällt wie aus dem Nichts heftiger Regen. Es schüttet bis in die Nacht hinein erbarmungslos vom Himmel. Die Arbeiter zur Linken oder zur Rechten, je nach dem, wo wir stehen, machen früher Feierabend. Das haben sie ihrem Patron, Lord Bishwokarma zu verdanken. Die gegenüber auch. Und so kommen wir unverhofft zu ein bisschen verdienter Ruhe. W meinte kürzlich, der Monsun sei so gut wie vorbei. Aber Irren ist menschlich. Und das Wetter launisch.
Zwei Jahre Nepal. Das ist kein Grund, Bilanz zu ziehen. Man sagt, Ausländer würden übers Ohr gehauen. Wo immer es nur geht. Das mag sein und ist überall auf der Welt so. Hier vielleicht im Großen (indem man uns einen zur zu einem Viertel vollen Gaszylinder ins Haus liefert). Im Kleinen nicht. Kürzlich kaufte ich beim Obsthändler meines Vertrauens eine Papaya. Sie war schwer und reif, saftig und süß. Er wollte 240 Rupees haben. Ich reichte ihm zwei 100er und einen 50er. Passender hatte ich es nicht. Er gab mir einen 20-Rupee-Schein zurück und ich sagte: that's too much! Er lachte: You know nepali money!
Yes! I know nepali money. पैसा - paisa! Ich bin keine Anfängerin und schon gar keine zufällig Vorbeigekommene, die man bedenkenlos betrügen kann, weil sie nie wieder auftaucht. Ich kaufe bei dem Mann seit bald drei Monaten Obst und Gemüse. Bekomme immer 7 Bananen, wenn ich 6 will. Und ab und zu eine Handvoll Chili. In letzter Zeit hat er riesige rosige Ingwerknollen, denen ich nicht widerstehen kann.
Mittwoch, September 16, 2026
रसुवागढी
रसुवागढी - Rasuwagadhi, die Endstation von NH 42 an der Grenze zu China, war seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Bollwerk. Jung Bahadur Rana ließ die massive Steinfestung 1855 während des dritten Nepal-Tibet-Krieges errichten. गढी - gadhi ist die Festung, रसुवा - Rasuwa ihr Name. Jung Bahadur Rana war ein adliger Militärführer, der nach dem Kot-Massaker 1846 die Macht im Lande übernommen, sich selbst zum Premierminister ernannt und damit die autokratisch regierende Rana-Dynastie begründet hatte. Die Könige im Königreich spielten fortan, während genau 104 Jahren bis 1950 politisch keine Rolle mehr. Sie durften höchstens noch bei offiziellen Anlässen eine bunte Kulisse abgeben.
Bis auf den letzten Stein hat die Bhadrasturzflut das historische Fort weggespült bzw unter Tonnen von Schlamm und Geröll begraben. Mitsamt aller moderneren Gebäude, den Büros der Zoll- und Grenzbehörden auf nepalesischer und tibetischer/chinesischer Seite, der Miteri Freundschaftsbrücke, dem NH 42, dem Rasuwagadhi-Wasserkraftwerk (111 MW Rasuwagadhi Hydropower Plant, kurz RHPL). Die meisten Menschen, die an dem Grenzposten diesseits und jenseits beschäftigt waren oder sich dort zur Abfertigung von Ein- oder Ausreiseformalitäten aufhielten, viele Pilger auf dem Weg zum oder vom Kailash, sind umgekommen oder werden vermisst. Gelten, solange keine Leichen gefunden und zweifelsfrei identifiziert sind, als out of contact.
Wieviele Ingenieure, Techniker, Arbeiter sich in den unter- und oberirdischen Anlagen der 13 Wasserkraftwerke entlang des Trishuliflusses im Rasuwa District und Nuwakot Distrikt befanden, kann niemand sagen. Ungeachtet der Unfähgikeit der Nepali, mit Zahlen umzugehen, gab es offenbar auch keinerlei Arbeits- oder Einsatzpläne, keine Übersicht, wer wann wo was tut, keine Ein- und Ausgangskontrollen an den Tunneleingängen. Welcher Art auch immer. Vermisst werden nach wie vor um die 900 Mitarbeiter:
Upper Trishuli-1: vermisst 439, gerettet: 1 chinesischer Mitarbeiter, geborgen: 39 Leichen aus dem Tunnel "Audit 3"
Upper Trishuli-3A: vermisst 39, gerettet 2 Arbeiter, geborgen 1 Leiche
Upper Trishuli-3B: vermisst 178
Rasuwagadhi Hydropower Plant: vermisst 93
Rasuwa-Bhotekoshi: vermisst: 3
Langtang Khola: vermisst 39, gerettet: 19 Arbeiter, geborgen: 2 Leichen
Chilime: vermisst 1, geborgen: 5 Leichen
Mailung Khola: vermisst 7
Madhye Trishuli Ganga: vermisst 2
Trishuli Hydropower: vermisst 3
Zudem werden zahlreiche Mitarbeiter vermisst von der Devigath Hydropower Station, vom Trishuli-3B hub, vom Rasuwa Verteilzentrum und von der Chilime-Trishuli Übertragungsleitung.
Dienstag, September 15, 2026
Indischer Wassernabel
Ich habe hier so etwas wie eine Hausapotheke. Draußen vor der Tür. Im Garten. Und auf dem zweiten Dach. So etwas wie eine Ayurvedakräuterplantage. Wildkräuter, von denen ich selbstredend keine Ahnung habe. Und wann ich immer ich AI frage, kommt sinngemäß als Antwort "staple remedy" (Hausmittel, Grundheilmittel, traditionelles Allheilmittel) im Ayurveda.
Heute also घोडटाप्रे oder घोडताप्रे - Ghodtapre. Centella asiatica. Gotu kola, Tigergras oder Asiatic Pennywort. Ein Pennywort ist kein Wort sondern ein wuchernder Bodendecker. Ein natürliches Heilkraut, indischer oder asiatischer Wassernabel, Wassernabelkraut, Sumpfwassernabel, floating pennywort - Schwimmender Wassernabel - der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Spatenblatt, Schaufelblatt. Ich glaubem, ich geh noch ein bisschen graben und lasse einfach alles wachsen.
Heute ist Rishi Panchami, ein traditionelles Reinigungsritual für Frauen. Sie reinigen sich von den Sünden des ganzen Jahres (falls sie mal menstruierend doch die Küche betreten haben, oä). Sie beißen 365 x auf einen Datiumzweig (Achyranthes aspera - das kauen dient natürlich nach Ayurveda auch der Zahngesundheit und Mundhygiene, hilft einer trägen Verdauung auf die Sprünge) und tauchen rituell 365 x ihre diversen Körperteile ins Wasser - einmal für jeden Tag des Jahres. Da ihnen der Zutritt zur Küche heute verboten ist, kochen die Männer. Sie bereiten den traditionellen कर्कलो भात - karkalo bhat zu. भात - bhat = Reis. कर्कलो - karkalo = Curry aus den jungen, zarten Blättern und Stängeln der Taro-Pflanze.
Montag, September 14, 2026
हरितालिका तीज
हरितालिका तीज - haritalika tij. Feiertag for women only. Eigentlich: Fasttag nur für Frauen. Nicht Festtag. Wir hatten तीज - tij schon, vor einem guten Jahr. Immer am dritten Tag nach Neumond im Monat Bhadra fasten die verheirateten Frauen für die Gesundheit ihrer Gatten. Die unverheirateten fasten in weiser Voraussicht für die Gesundheit ihrer zukünftigen Gatten. Damals saß ich noch der Unsitte allgegenwärtiger englischer Transkriptionen (in die eine wie in die andere Richtung) in diesem Land auf und nannte den Tag lautschriftlich: teedschi. Er heißt nach Sanskrit O-Ton tidsch und gensauso in Devanagari. Es gibt mehrere तीज - tij [tidsch] im Jahr. Eigentlich ist jeder dritte Tag nach Neu- oder Vollmond so ein तीज - tij. Bzw ein(e) tritiya. So: tritiya steht es auch geschrieben. In meinem nepali calendar. Regelmäßig zweimal in jedem Monat. Aber natürlich wäre es zuviel des Guten, wenn die frommen Hindufrauen alle vierzeh Tage für die Gesundheit ihrer Männer fasten müssten.
हरितालिका तीज - Haritalika tij erinnert an die selbstlose Hingabe Parvatis an Lord Shiva. Sie wollte ihn unbedingt für sich gewinnen und bezirzte ihn erfolgreich! Geholfen hat ihr dabei, wie das so ist im Leben, die beste Freundin. Das Wort हरितालिका - Haritalika setzt sich zusammen aus harit für entführen und alika für Freundin. Die beste Freundin "entführte" Parvati, brachte sie in einen Wald, damit sie von niemandem und nichts abgelenkt Lord Shiva verehren, anhimmeln (pardon: anbeten) konnte.
Die Frauen fasten und die Männer arbeiten. Lärmen auf dem Dach der Nachbarn. Sie zimmern in kleinteiliger Handarbeit das Gerüst zurecht, das ihnen demnächst ermöglichen wird, die Decke über dem zusätzlichen Stockwerk zu zementieren. Wo immer ich hingucke, wird gebaut. Das ganze Land ist im Werden, nicht nur seine Hauptstadt.
Gleichzeitig ist heute गणेश चतुर्थी व्रत - Ganesh caturthi vrat, das Fasten zu Ehren von Ganesh am vierten Tag der hellen Mondphase, also vier Tage nach Neumond. Für Haritalika tij sind wir am dritten Tag nach Neumond angekommen, für Ganesh bereits am vierten. So ist das im Leben und mit der Zeit. Alles ist relativ. Genaugenommen beginnt heute genau um 7:06 am das zehntägige Ganeshotsav, das Ganesh utsav (utsav = Fest in Sanskrit) - das Ganesh Festival mit einem Fasttag. Es endet an Chaturdashi, also am vierzehnten Tag nach Neumond. Das müsste der Tag vor dem nächsten Vollmond sein.
Sonntag, September 13, 2026
सेतो टिकटिके
W brachte kürzlich - es ist schon etwas länger her - noch ein zweites Buch nach Hause. Dann war er leicht eingeschnappt, dass (und wie!) ich nur das erste erwähnte. Nun also das zweite: Birds of Nepal. Über 500 Seiten, reich bebildert, aber leider ohne erkennbare Systematik, ohne Sortierung, ohne - zB geografisches, alphabetisches, ornithologisches Register, ohne Möglichkeit, den Vogel zu finden, der auf dem obersten Dach hockt, am liebsten auf dem ganz dünnen, zu den Wassertonnen herabgebogenen Ende der massiven Bambusstange, im Wind wiegt, mit dem Schwanz wippt und trilliert, was das Zeug hält. Während ich die Wolken betrachte und mich in der Erde verwurzle. Morning-Qi Gong-Meditation. Neuerdings hockt ein zweiter auf dem Nachbardach, dort wo nackte Metallstäbe in den Himmel ragen, die dereinst das zusätzliche Stockwerk zu tragen haben.
Mehr zufällig und schon ziemlich mürrisch finde ich meinen Vogel. Der so treu und absolut zuverlässig ist. Ich wollte schon aufgeben, hatte die Geduld verloren, wetterte innerlich gegen das sinnwidrige Lexikon (was sonst ist es?) und blätterte wie im Wahn, wie im Daumenkino. Im Schnelldurchlauf. Er pfiff mich auf Seite 479 zurück: सेतो टिकटिके - seto tiktike. White-browed wagtail. Die Weißbrauenstelze oder Mamulastelze, wissenschaftlich Motacilla maderaspatensis. Seto ist weiß (wie der Sonntag) und tiktike wahrscheinlich lautmalerisch für den drum and bass, den dieser Muntermacher mit dem schneeweißen Überaugenstreif und dem schwarzen Brustlatz jeden Morgen verbreitet.
Samstag, September 12, 2026
Celosia
Die gute Nachricht vorneweg: es gibt noch Eidechsen im Garten. Sie sind, wie gesagt, am Tag aktiv und wachsam. Können blinzeln und ihre Farbe der Umgebung anpassen. Hier versteckt sich eine wie ein Chamäleon am oberen Blütenstand meiner Celosia. Auch so wunderbare Sträucher wachsen in meinem neuen Garten, der nicht viel größer ist als der alte. Aber wesentlich bunter und beseelter. Seit ich sämtliche Beete von Plastik-, Getreide- und Zementsäcken, gefüllt mit Erde, Sand, jungen Bäumen, Gräsern und Schnecken befreit habe, tummeln sich in der feuchten Erde winzige braune Frösche. Auch sie passen sich farblich der Umgebung an, ich erkenne sie nur, wenn sie sich bewegen, weghüpfen, wegspringen, wegducken. Einer wollte eines Abends mit mir hinein in die Küche. Ich komplimentierte ihn erfolgreich wieder hinaus. Gestern saß einer doch in der Küche und sprang immer wieder an die geschlossene Tür. Als ob er wüsste, dass dies eine Tür ist und ahnte, dass ich die Macht habe, sie zu öffnen.
Heute also eine junge Eidechse an der Celosia. Auch die Celosia ist, wie gesagt, ein Wunder. In nepali habe ich mehr als eine Handvoll Namen für sie gefunden, auch deutsch wird sie mit aussagekräftigen Prädikaten geschmückt wie Brandschof, Silber-Brandschopf, Federbusch, Feder-Hahnenkamm oder trivial Sammetblume und Tausendschön.
In Nepali चया फुल - caya ful (Teeblume); चेन्जे फूल - cenje ful (change ful, die Blume, die ihre Farbe wechselt, Chamäleonblume); सेतो चाँगे - seto change (white change - Weißhaar oder Silberschopf); भाले फूल - bhale ful (rooster flower, cockskomb, Hahnenkamm); सिउरे फूल - siure ful (Brandschopf); सिताभारका - sitabharka (silver cockscomb, Silberschopf).
Der botanische Name Celosia kommt aus dem Altgriechischen, leitet sich ab von "kileos" für flammend, brennend, feurig, leuchtend.
Freitag, September 11, 2026
कुशे औंसी
कुशे औंसी - Kushe Aunsi. Neumond im Monat Bhadra. औंसी - Aunsi ist der Neumond im religiösen, spirituellen Sinn, nicht im streng wissenschaftlichen. Deshalb können hinduistische Rituale dem astronomischen Neumond durchaus zuvorkommen oder hinterherhinken, ihn zerdehnen und zurechtrücken. Die Hindus befragen ihre Astrologen, nicht die Astronomen, wenn sie den günstigsten, den so genannten auspicious Zeitpunkt (wofür auch immer) nicht verpassen wollen.
Heute also कुशे औंसी - Kushe Aunsi. Vatertag. Das Kushgras hatten wir kürzlich schon, aber in einem anderen, bitteren Kontext. Wie das Gras zum Vater(tag) kommt, bleibe erstmal dahingestellt. Mit vollständigem Namen ist heute बुवाको मुख हेर्ने दिन - buwako mukh herne din. Der Tag, an dem das Gesicht des Vaters betrachtet und verehrt wird. Von den Kindern natürlich. Auch der bereits verstorbenen Väter wird gedacht. Mit besonderen Zeremonien, Gebeten, Mantras und Speisespenden (Shradda). Wir hatten das Pendent schon, den Neumond im Monat Baisakh, an dem die Kinder das Gesicht der Mutter betrachten und sie so verehren.
Das Kush-Gras soll heute gesammelt, heute von einem Priester gesegnet und heute im Haus verteilt werden. Nur so sorgt es (stellvertetend für Lord Vishnu) für Glück und Wohlstand der Familie das ganze Jahr über. An allen anderen, "normalen" Tagen gesammeltes Kushgras kann seine spirituelle und reinigende Kraft nur an dem betreffenden einen Tag entfalten.
Donnerstag, September 10, 2026
Die himmelblaue Kehrschaufel
Mittwoch, September 09, 2026
Schultag
Dienstag, September 08, 2026
Gedenktag
Die Tage jagen sich. Heute जेन जेड शहीद दिवस - Gen Z Sahid Divas, Märtyrertag der Gen Z, im Gedenken an die Toten der Gen-Z-Proteste vor einem Jahr. Da es noch einen anderen Märtyrertag gibt, der schlicht शहीद दिवस - Sahid Divas heißt, muss der heutige konkretisiert werden. Diese Gen Z Märtyrer waren allesamt jung und unerfahren, hingerichtete Kinder in Schuluniformen und andere Unschuldige. Von hinten in den Kopf oder von vorne in die Brust Erschossene. Public holiday.
Ein September jagt den anderen. In meiner gedanklichen Nachlese, ist es bereits mein dritter Katastrophenseptember in diesem Land. Im ersten lief ich, kaum angekommen drei Tage lang mit einer Handvoll Buddhisten auf staubtrockenem Asphalt von Kathmandu nach Südosten, zum Namo Buddha Tempel. Kaum zurück im 10. Stock des einen der twintowers, in dem wir damals wohnten, ging ein folgenschweres post-monsoon-Unwetter nieder. Es regnete drei Tage lang ununterbrochen und sogar die Nachbarn in Kathmandu sagten, so etwas hätten sie noch nie erlebt. Der Koshi-Fluss schwoll an (dem wir peacewalker schwitzend gefolgt waren) und verwüstete u.a. Panauti, die alten Tempel und das Kloster (wo wir verköstigt wurden) - wir hatten das schon - sowie ungefähr 500 andere Gebäude vollständig und 713 teilweise, 20 Menschen nahm er mit. In den Tod. Damals war ich mir der Gefahr überhaupt nicht bewusst, der wir nur knapp, um gerade mal zwei Tage entgangen waren. Noch pflegte ich meinen jetlag. Und Schnupfen nach dem Marsch.
Der Septemberschock vom letzten Jahr saß und sitzt immer noch tief. Er wirkt bis heute nach, bewusst oder unbewusst. Auf so einen Gewaltausbruch war ich nicht vorbereitet. Und wenn ich heute eine Nachlese lese, stehen mir noch einmal die Haare zu Berge. Wie blind und arrogant ("beratungsresistent") dürfen greise Politiker eigentlich sein? Vollkommen ungestraft. Sofort drängen sich in meinem Kopf Parallelen auf. Die verteibe ich mit dem अम्रिसो कुचो - amriso kuco, dem weichen traditionellen nepali Grasbesen.
In diesem Jahr kam die Flut schon im August, oder besser im nepalesischen Monat Bhadra. Mitten in der Regenzeit, aber nicht der Regen hat sie ausgelöst. Es regnete tagelang überhaupt nicht. Der Monsun in diesem Jahr ist untypisch. Viel mehr Regen als üblich fiel bereist in der pre-monsun Zeit, also im Frühjahr, im März und April. Und während des eigentlichen Monsun gibt es untypische längere Trockenphasen. Die Bhadra-Sturzflut - oder Rasuwa-Flut, China-Nepal-Flut, Nepal-Tibet-Flut, Bhotekoshi-Flut, soviele Namen hat sie schon! - kam vom blauen Himmel über die Menschen im Trishuli-Korridor. Und das ist erstmal unfassbar. Kompliziert zu verstehen. Und zu bewältigen.
In Mustang, Manang, im nördlichen Gandaki (das ist unsere Provinz) bebt um 21:53 Ortszeit die Erde. 4,9 oder 5,3 - wie immer variieren die Angaben. Aber Schäden werden keine gemeldet.
Montag, September 07, 2026
Trauertag
National day of mourning - Staatstrauertag. Kein public holiday. Es wird gearbeitet, die Fahnen hängen auf Halbmast. Trauerbeflaggung im ganzen Land und in allen nepalesischen diplomatischen Vertretungen weltweit.
Heute ist der 13. Tag nach der verheerenden Bhotekoshi-Sturzflut. Normalerweise wird von der "August 26 flood" gesprochen oder geschrieben. Kürzlich las ich zum ersten Mal in einem englischsprachigen Artikel (andere verstehe ich nicht) von der "Bhadra 10 flood". Diese Bezeichnung ist eigentlich angemessener und erleichtert für einmal die zeitliche Ein- und Zuordnung. Heute ist der 22. Bhadra und der 13. Tag nach der Flut (den ersten, den 10. miteingerechnet). In der hinduistischen Tradition hat der 13. Tag nach dem Tod eines Menschen eine besondere Bedeutung. Nichts ist hier ganz ohne Bedeutung. Aber die 13 Tage Trauerzeit sind wichtig im Leben eines jeden, auch ungläubigen Menschen. Trauernde separieren sich, sondern sich zum Schweigen (= nicht reden, kein Smartphone benützen) und Beten ab, verzichten auf Salz und sind in einfache weiße Tücher gekleidet, die sie jeden Morgen waschen. Ich habe unzählige Solche auf dem Hill an dem kleinen Shivatempel erlebt. Die Männer scheren sich den Kopf kahl. Die Frauen tun dies nur nach dem Tod des Gatten, wobei "scheren" in ihrem Fall "feminin" ausgelegt wird. Es reicht, wenn das oft hüftlange, dichte schwarze Haar auf Nackenlänge gekürzt wird. Der 13. Tag ist der feierliche Abschluss. Die Seele des Verstorbenen wird entlassen, die weitverzweigte Familie versammnelt sich und veranstaltet eine puja mit anschließendem Festessen. Dann kehren die Angehörigen in ihren Alltag zurück. Auf dem Hill bedeutete das: auf die geschäftige Golfutar.
Dieser 13. Tag nach der Todesflut ist heute. Aber kaum jemand unter den Überlebenden hat noch einen Alltag. Und alle, die weiterhin warten, auf eine Rückkehr oder einen Anruf, haben noch gar nicht angefangen zu akzeptieren, zu zählen, zu trauern. Und die, die schweren Herzens willens sind, hatten in den letzten Tagen keine Gelegenheit, keinen Ort um sich zu separieren, zu schweigen, saubere weiße Tücher zu tragen und sie jeden Tag zu waschen. Wer verzichtet schon auf Salz, wenn er oder sie auf Notrationen angewiesen ist, die aus dem Helikopter abgeworfen werden. Ja, sie sammeln nun Kush-Gras und flechten die Kush-Effigies - aber dann heißt es (lese ich), dass für mehrere Mitglieder ein und derselben Familie die final rites, die letzten Dienste, auch bei der symbolischen Kremation einer Graspuppe, nicht an ein und demselben Kalendertag stattfinden dürfen ... Die Menschen haben es wahrlich nicht leicht. Ganze Dörfer sind physisch zerstört und im wahrsten Sinne des Wortes ausgestorben.Weitverzweigte Sippschaften, Großfamilien eben, denn anders funktionierte das Leben in den Bergen nie, sind vom Schlamm mitgerissen worden und darin erstickt. Auf wieviele Tage, Wochen, Monate soll nun der heutige letzte, 13. Tag der Trauerrituals ausgedehnt werden?
Gestern gab die Regierung Zahlen bekannt:
- 1.355 Leichen wurden insgesamt geborgen, davon konnten 98 identifiziert werden
- von 1.181 nicht mehr identifizierbaren Leichen oder Leichenteilen wurden DNA-Proben entnommen, die sterblichen Überreste anschließend aus hygienischen Gründen vorläufig erdbestattet
- 1.186 Überlebende gaben Blutproben zum DNA-Abgleich ab
- 13.396 Menschen wurden gerettet
- 4.996 Menschen sind weiterhin out of contact = vermisst
- Ungefähr 7.570 Häuser wurden zerstört, davon 48 Regierungsgebäude
- 32.933 Menschen sind obdachlos geworden
- 55 Kilometer Straße, 37 befahrbare Brücken, 68 Hängebrücken, etwa 1.806 Hektar Ackerland, 13 Wasserkraftwerke, 1 Solarkraftwerk, 2 Übertragungsleitungen wurden komplett zerstört, 783 MW Erzeugungskapazität aus Wasserkraft gingen verloren
Sonntag, September 06, 2026
NH 18
Mir fehlt das schiefe Bike-Parking als Orientierung - nicht in der Landschaft, sondern in der Zeit. Heute ist Sonntag. Ich muss mein Hirn schon sehr anstrengen, um das zu begreifen. Es ist einigermaßen ruhig rundherum. Aber das kann vieles oder nichts bedeuten.
Sonntag. Also Ausflug. Die meisten Highways in diesem Land sind nach historisch wichtigen Männern benannt, nach Herrschern, Tyrannen, Volksverächtern oder Königen. Manche tragen keinen Namen, aber alle, auch die (noch) namenlosen, die in die Kategorie NH wie National Highway gehören, sind nummeriert. Es gibt 80 davon. Wir sind auf dem NH 17, auf dem Prithvi Highway von Kathmandu nach Pokhara umgezogen. Gut haben wir das Ende Juli gemacht, denn einen Monat später, Ende August wären wir wahrscheinlich nicht weit gekommen. Den Prithvi Highway - benannt nach Prithvi Narayan Shah, den wir schon kennen - hat nämlich der steigende Pegel des Trishuli in Krishnabhir in Dhading unterspült. Und der Highway, der während des Monsuns immer für Kummer sorgt, für stunden- oder auch tagelanges Warten an verschütteten Stellen, bis ein Bagger das Schlimmste wegschiebt und danach Schritttempofahren über Kies und durch Schlaglöcher, ist diesmal auf mehreren Kilometern abgesackt und vorläufig vollständig gesperrt.
"Highway" ist ein Euphemismus. Oft sind es Staubpisten, nach Regen verschlammte Serpentinen, auf denen zwei PKWs oder Reisebusse "gerade so" - dank excellenter Fahrtechniken der Driver! - aneinander vorbeikommen. Die einzige Frau, die auf dieser hohen Ebene in Nepals Straßennetz verewigt wurde, ist Pasang Lhamu Sherpa. Auch sie kennen wir bereits, sie war die erste Nepalesin auf dem Gipfel des Everest, überlebte aber den Abstieg nicht. Deshalb kam der NH 18 zu seinem - ihrem! - Namen. Der Pasang Lhamu Highway beginnt im Westen Kathmandus im Stadtteil Balaju und führt nach Nordwesten in die Berge, am Trishuli-Flussbett entlang durch das Nuwakot Distrikt nach Dhunche und weiter ins Rasuwa Distrikt. Er endet in Syafrubesi bzw geht dort in den namenlosen NH 42 über, der den in den letzten Jahren rapide angestiegenen Waren-, Personen- und Pilgerverkehr durch den Trishuli Korridor weiter nach Norden bis zur Grenzstation Rasuwagadhi ermöglichte. Ermöglichte! All diese Flurnamen sind uns in den letzten Tagen aus nicht gutem Grunde geläufig geworden. Orte, die allesamt verwüstet wurden, Dörfer, die von der Landkarte verschwanden. Brücken, die mitsamt ihrer Mess- und Alarmstationen einstürzten und weggespült wurden. Der nördlichste Abschnitt des NH 18 ist nicht mehr befahrbar, ganz zu schweigen vom NH 42. Der Trishuli Korridor ist mehr oder wenig vollständig zugeschüttet. Die Bewohner der höher gelegenen, unversehrten Dörfer an seinem Verlauf sind, wenn sie noch leben, gefangen. Sie sind auf Hilfe angwiesen, können nur noch aus der Luft versorgt werden oder müssen auf eben diesem Weg evakuiert werden. Wer es nicht glaubt, kann es hier nachlesen oder nachgucken. Also kein Sonntagsausflug heute.
Samstag, September 05, 2026
Kush-Effigie
Samstag. Wochenende. Freier Tag. Ruhe rundum. Fast gespenstig.
पहिरेबेसी - Pahirebesi war ein Dorf in der Gemeinde Uttargaya Rural Municipality im Rasuwa Distrikt. Es lag direkt am Ufer des Trishuli. Seit November 2024 Standort der Trishuli 3B Hub Substation, neben Thambuchet die zweite wichtige Umspannstation für die Chilime-Trishuli Übertragungsleitung. Das Dorf, die Masten, die Stationen - komplett zerstört. Ein knappes Viertel der Bewohner konnte sich retten, fast alle ihre Häuser liegen unter Felstrümmern, Schutt und zähelm Schlamm.
Die Bewohner waren Kummer gewohnt, ihr Dorf war immer bedroht. Von oben und von unten. Von herabrutschenden Hängen, vom steigenden Flusspegel. Sie räumten nach jedem Monsun auf. Die Frauen entwickelten sogar ein Selbsthilfeprogramm, versuchten durch den gezielten Anbau von tiefwurzelnden Pflanzen die Erde an den steilen Hängen zu stabilisieren. Warum das Dorf an dieser Stelle überhaupt je entstand, kann ich nicht sagen. Es trug sein Schicksal, wie alle in diesem Land ihr Schicksal tragen: gefasst. Es hatte das Orakel im Namen: पहिरो - pahiro = Erdrutsch. बेसी - besi = Flachland (Bassin), Flussniederung, fruchtbares Land zwischen Bergen. Also etwa das Erdrutschtal. Das Dorf am Fuße einer Naturkatastrophe. In einem der ersten Kommentare eines nepalesischen Geologen nach der Katastrophe hörte ich (sinngemäß) den Satz: unsere Großeltern wohnten nie unten im Tal, dort bewirtschafteten sie auf dem fruchtbaren Boden ihre Felder, die Häuser aber bauten sie oben.
Die Überlebenden von पहिरेबेसी - Pahirebesi, dem Erdrutschtaldorf leben nun in überfüllten Notunterkünften und beginnen, ihre vermissten Angehörigen symbolisch zu bestatten. Nach hinduistischer Tradition soll man spätestens am achten Tag die Trauerrituale beginnen, am 13. Tag müssen sie abgeschlossen sein, damit die Seele freikommt. Die Hinterbliebenen flechten eine Effigie, eine Puppe aus Kush Gras und zelebrieren eine कुश शव दहन - kush sav dahan. Eine Behelfs-Kremation. Ein Stellvertreterritual. Sie verbrennen eine Graspuppe anstelle des Leichnams. कुश - kush ist auch eines der höchst heiligen Hindu-Gräser, aber ich glaube, es wuchs nicht in meinen bescheidenen Beeten, also habe ich ihm kein Unrecht angetan!
Auch in den buddhistischen Tamang-Dörfern Thulo Bharkhu und Sano Bharkhu - etwa Groß-Bharku und Klein-Bharkhu beginnt allmählich die "Akzeptanz", wie es der 83-jährige Lama nennt. Er macht den Anfang mit der eigenen Familie. Ein Sohn und zwei Schwiegertöchter sind vermisst - aber wie lange können wir warten? Fragt er. Auch in der buddhistischen Tradition muss am 7. Tag nach dem Tod das Trauerritual abgehalten werden, also tut er es. Geht voran. Wer es in der ersten Woche nicht schafft, kann es in der zweiten Woche versuchen, sagt der alte Priester. In der 7. Woche nach der Flut wird er eine gemeinschaftliche Trauerfeier abhalten, damit die Seelen ihren "ewigen Frieden" finden können. Dazu brauchen sie unsere Unterstützung, unsere Gebete, unsere Riten. Sagt der alte Priester. Die beiden Dörfer liegen auf fast 2000 Metern Höhe und blieben vor materieller Zerstörung verschont. Aber viele ihrer Bewohner arbeiteten unten, am Fluss, in den Tunneln der Kraftwerke und kehrten nach dem 26. August nicht mehr nach Hause zurück.
Freitag, September 04, 2026
Shree Krishna Janmashtami
Freitag. Feiertag, public holiday, rund um um mein Arbeitszimmer wird gehämmert und gelärmt. Auf der Baustelle gegenüber ist ein Heer von Frauen in bunten Kopftüchern aufmarschiert. Das verheißt nichts Gutes. Wenn es etwas zu schaufeln und zu schleppen gibt, werden immer Frauen eingesetzt. Und unser direkter Nachbar im Süden - zwischen den Häusern ist ein winziger Spalt - stockt das Dach auf. Für den Nachwuchs (nehme ich an). Verheißt auch nichts Gutes.
Aber immer mit der Ruhe. Shree Krishna Janmashtami - sagt mein nepali calendar. Geburtstag von Lord Krishna, dem achten Avatar Vishnus. Ram, wir erinnern uns, ist der siebte. Aber heute ist Astami, der achte Tag der krishna paksha, der dunklen Mondphase, im Monat Bhadra. Lord Krishna soll um Mitternacht im Gefängnis von Mathura in Nordindien zur Welt gekommen sein.
- Weil Krishnas Onkel mütterlicherseits Kansa, der grausamer Herrscher von Mathura, seine Schwester und deren Mann Vasudeva eingesperrt hatte.
- Weil ein Orakel vorausgesagt hatte, dass Devakis achter Sohn König Kansa töten werde.
- Weil der tobsüchtige Kansa dachte, er könnte seinem Schicksal entgehen, indem er jedes Neugeborene seiner Schwester in der Gefängniszelle umbringen ließ.
- Weil den Eltern nach Krishnas Geburt die Flucht gelang.
- Weil sich im Hinduismus jedes Orakel erfüllt. Früher oder später. Als Krishna herangewachsen und kräftig genug war, nahm er den Kampf mit dem bösen Onkel auf.
Rund um das einstige Gefängnis wurde Krishnas Geburtstempel errichtet - der Sri-Krishna-Janmasthan- Tempel. Dort - und anderswo - versammeln sich heute die Pilger zum Singen, Fasten und Beten. Und hier die message unseres PM Balendra Shah.
Donnerstag, September 03, 2026
Heilige Dreifaltigkeit
Donnerstag. दूर्वा - durva, oder दूर्वा घास - durva ghas, ist ein den Hindus heiliges Gras. Ich habe es wahrscheinlich kürzlich zuhauf eliminiert aus dem Garten. Weil ich alles ausriss, was mir zu sehr wucherte. Ich wollte sehen, was außer Gras und Sandsäcken in den Beeten steckt. Und potentiellen Blumen oder Sträuchern etwas Luft und Licht verschaffen. Ihnen die Gelegenheit geben, sich auch zu entwickeln. Stürmisch oder nicht
Durva Gras oder zu deutsch Hundszahngras, auch Bermudagras ist eine, wie ich erst jetzt lerne, in hinduistischen Ritualen "unverzichtbare Opfergabe". Soll göttlichen Segen bringen und göttlichen Ursprungs sein. Das Haar der Mutter Erde. Nun denn, hin ist hin ... aber nein: es ist so robust und so tief verwurzelt, dass es sofort nachwächst, wenn man einen Halm abzwackt oder vermeintlich mitsamt Wurzel aus dem weichen Boden zieht. दूर्वा - durva ist ein kriechendes, widerstandsfähiges, sich flugs regenerierendes Gras. Deshalb steht es für Fruchtbarkeit, Neubeginn, Wiedergeburt. Und: es ist Ganeshs Lieblingsgras. Das hätte ich ihm vorgestern, am Dienstag, an Mangal Chauthi darbringen müssen. Keine Puja für Ganesh ist vollständig ohne Durva. Lese ich. Nun denn. Ich habe ihm bloß ein kurzes Verweilen auf dem Karmaholz gegönnt.
Die Halme verzweigen sich dreiblättrig. Daran erinnere ich mich. Dass ich an dreiblättrigen Gräsern zog und mir sofort kilometerlange Stränge und Verwachsungen in die Hände fielen. दूर्वा - durva lässt sich tatsächlich widerstandslos aus, unter oder über der Erde entfernen. Das Dreiblättrige ist aber auch heilig! Diese natürlich gewachsene Form, lese ich, vereine die göttlichen Kräfte von Shiva, Parvati und Ganesh. Heilige Dreifaltigkeit!
Ein vielleicht schwacher Trost - nebst den Rhizomen - ist, dass viele meiner Halme bereits Rispen trugen. Samentragende Gräser sind nutzlos für religiöse Rituale. Blühen oder Reifen verringert die Vitalität der Pflanze. Dann ist ihre biologische Kraft aufgebraucht und der göttliche Zauber wirkt nicht mehr.
Mittwoch, September 02, 2026
Mittwoch
Die Zeit ist zäh wie der Schlamm im Bhotekoshi Flussbett. Die UNDP schätzt in einer ersten Stellungnahme, dass die Sturzflut etwa 2,2 Millionen Tonnen Schutt in den Tälern des Bhotekoshi und des Trishuli verteilt hat. Bestehend aus Baumaterial eingestürzter Gebäude und Brücken, Hausrat, mitgerissenen Bäumen und anderer Vegetation sowie Geröll, Felstrümmern und Sedimenten.
Viele fragen sich, warum Lord Shiva diese Katastrophe zugelassen hat. Ausgerechnet zwei Tage vor Janaj Purnima, als gerade so viele Pilger auf dem Weg zu ihm, zum Berg Kailash waren.
Hier in Pokhara sitzt der zweitgrößte Shiva des Landes, the Giant Shiva, der Riesenshiva auf dem Pumdikot Hügel. Ich sehe ihn jeden Morgen vom zweiten Dach aus. Er ragt im Profil bei jedem Wetter aus den Wolken. Und ich frage mich jeden Morgen, warum er so sitzt, wie er sitzt - nämlich etwas schräg in der Welt. Ich frage mich, ob er aus hinduistischer Sicht wirklich am besten ausgerichtet ist, glückverheißend und auspicious eben. Oder nicht.
Ich frage AI. Wen soll ich sonst fragen? Die antwortet, Lord Shiva schaue nach Süden auf den Berg Kailash. Es sei hinduistische Tradition, dass Gottheiten ihren Blick auf die heiligen Stätten im Himalaya richten. Sie ergänzt noch, dass der Pumdikot Hügel südlich des Fewa-Sees liege und Lord Shiva so den besten Blick über das Tal "in besagte sakrale Richtung" habe.
Ich antworte wenig diplomatisch. Das sei völliger Unsinn. Der Himalaya, die Annapurnakette und irgendwo dahinter der Berg Kailash befänden sich nördlich von Pokhara.
AI entschuldigt sich für den "peinlichen geografischen Dreher" und dankt für den "direkten" Hinweis. Sie korrigiert: der Berg Kailash liege tatsächlich im Nordwesten von Pokhara, in Tibet. So weit so gut. Die Shiva-Statue sei mit dem Rücken nach Süden aufgestellt. Lord Shiva blicke nach Norden, über das Tal, den See auf das Annapurnamassiv und den Berg Kailash. Wörtlich fügt sie hinzu: "Wenn Sie vor der Statue stehen und sie von vorne betrachten, blicken Sie nach Süden und haben die schneebedeckten Gipfel des Himalaya im Rücken".
Sie siezt mich, was mich nicht daran hindert, hartnäckig und unfreundlich zu bleiben. Das sei absoluter Quatsch! Ich verrate nicht, dass ich Shiva am Horizont sogar von meinem Schreibtisch aus sehen kann.
Ihr ist es nun "wirklich unangenehm" und sie will das "geografische Chaos" ein für allemal beenden. Lord Giant Shiva sitze auf dem Pumdikot Hügel mit dem Rücken nach Nordosten (zum Himalaya - aber vor allem: leicht von mir auf dem zweiten Dach abgewandt, so dass er sich aus meiner Perspektive klar vom Hintergrund, dem zumeist blauen Himmel im Profil abhebt) und blicke nach Südwesten. Das sei aufgrund der Topografie sinnvoll: Pilger steigen 108 Stufen von Südwesten hoch und haben die Statue als visuelle Kulisse vor oder über sich, oben angekommen erblicken sie hinter dem Riesen die atemberaubenden Gipfel der Annapurnakette. So weit so wunderbar!
Lord Shiva ist auf dem Pumdikot dem Irdischen, den Menschen, ankommenden Besuchern, aufsteigenden Gläubigen zugewandt - und keiner irgendwie sakralen Gegend und schon gar nicht dem eigenen mythischen Hochsitz. Glaubt einer AI kein Wort. Nie! Auch wenn sie bereit ist, sich zu entschuldigen und halbherzige Gefühle zeigt.
Sobald es tagsüber nicht mehr so heiß ist, mache ich mich auf den Weg zum Pumdikot. Zu Fuß. Ich war schon einmal dort oben, über viele Serpentinen in einem Auto.
Dienstag, September 01, 2026
Dienstag
Heute ist मङ्गल चौथी - Mangal Chauthi oder Mangalwari Chaturti. Wenn im Monat Bhadra, in dem wir uns gerade befinden, der vierte Tag einer Mondphase, derzeit der abnehmenden, dunklen krishna paksha, auf einen Dienstag fällt, ist das ein ganz besonders glücksverheißender Tag. मंगलबार - mangalbar ist der Dienstag in nepali und चौथी - cauthi der Vierte. Die Hindus glauben, dass an einem Dienstag wie heute Ganesh geboren wurde. Von seiner Mutter Parvati, die - nur zur Erinnerung - mit Ganeshs Vater, Lord Shiva auf dem Berg Kailash thront, wohin kürzlich gerade so viele Pilger unterwegs waren ...
... zurück an meinen Schreibtisch: W hat kürzlich von einer Reise (nicht zum Kailash) diesen handlichen Ganesh mitgebracht und ich habe ihn zu meinem Schreibtischganesh erhoben. Normalerweise sitzt er auf dem Fensterbrett vor dem Schreibtisch und guckt mich an. Befreit mich vor Schreib(tisch)blockaden. Fürs Foto habe ich ihn auf das Karmaholz gestellt und nach Osten ausgerichtet.Ganesh ist ein विघ्नहर्ता - Vignaharta. Ein Beseitiger von Bremsklötzen oder Steinhaufen. Der Zerstörer von Hindernissen. विघ्न - Vigna sind Störungen aller Art, und हर्ता harta ist derjenige, der dies alles entfernt, was stört. Im Leben. Auf dem Weg. Zu Wasser, Land oder in der Luft. Ein Vignaharta ist in Nepal gerade sehr vonnöten. Einer, der nicht nur die triefenden Schuttmassen wegbewegen kann, sondern den Überlebenden auch Schmerz, Leid, Trauer, den Schock und das Trauma abnimmt.
Wer heute den ganzen Tag fastet, bis am Abend der Mond aufgeht, und betet, wird spirituell belohnt, angeblich um das Millionenfache gestärkt im Vergleich zu normalen Fasttagen, normalen Gebeten und normalen Riten. Das brauchen die Menschen in diesem Land auch!
Ein erster Bericht der nepalesischen Regierung nennt 1,6 Millionen Menschen, die von der Flut betroffen sind. Die meisten in den Distrikten Rasuwa und Nuwakot an der Grenze zu Tibet. Dahinter folgen Dhading, Gorkha und Chitwan. Geborgen sind Tausend Einhundert Tote, vermisst werden weiterhin fast Fünftausend. Stand heute, Dienstag, मङ्गल चौथी - Mangal Chauthi.
Montag, August 31, 2026
Die Verwundbarkeit
Sonntag, August 30, 2026
Heiliger Bimbam
Ich verliere den Verstand über all dem Unsinn, der mir im Netz entgegenschlägt. Die AI-Sturzflut! Die Videos, die mir gerade helfen, die Welt etwas besser zu verstehen, habe ich im blog vom 27. August "the day after" verlinkt. Vor allem anderen versuche ich mich zu schützen.
Und trete aus dem Haus. Um durchzuatmen. Frische Luft ist immer gut. Um einen Blick in den Garten zu werden. Halte rechtzeitig inne. Heiliger Bimbam! Déjà-vu! Katze auf dem chinesischen Frieden! Oder ist es die Erde? Das Reich der Mitte? Egal! Das Rot ist blasser geworden, der Liegekomfort aber offenbar derselbe geblieben.Samstag, August 29, 2026
Heiliger Schweiß
Die Göttin Bhagawati schwitzte vor ein paar Tagen! Die Gläubigen, die sich in Kavrepalanchowk in der dreistöckigen Pagode zum abendlichen Lichtritual, dem आरती - Aarti versammelt hatten und Bhagawati brennende Ghee- und Kampferlampen darbrachten, beobachteten, wie Schweißtropfen aus der Stirn der Saligramstein-Statue traten. Dies wird als schlechtes omen gedeutet, als Warnung vor Katastrophen oder Krisen. Angeblich gab es ähnliche Zeichen 2058 BS (2001 AD) vor dem Massaker im Königspalast, 2072 BS (2015 AD) vor dem großen Erdbeben sowie vor zwei Jahren vor den massiven post-monsoon-Erdrutschen. Die 2001 in Lalitpur amtierende Kumari (Kindergöttin) hatte vor dem Königsmassaker einen unerklärlichen Tränenfluss. In normalen Zeiten sind Göttinnen Masken, ob sie leben oder nicht. Sie zeigen keinerlei Regungen. Sie behalten alle Gefühle und Gedanken für sich.
Nun also Schweißperlen der Bhagawati von Palanchowk. Wir schwitzen ja gerade alle mehr oder weniger ständig. Aber der heilige Schweiß gilt natürlich im Nachhinein - dann wenn wir alle klüger sind - als Verweis auf die Bhotekoshi-Sturzflut. Gestern wurde in Bhagawatis Tempel eine kshama puja abgehalten, ein Vergebungs- und Sühneritual. Die Göttin wurde zermoniell gebadet und mit tantrischen Tänzen um Gnade gebeten.
Freitag, August 28, 2026
जनै पूर्णिमा
Vollmond. Purnima. Ein spezieller Vollmond: जनै पूर्णिमा - Janaj purnima. Feiertag - der erste public holiday, seit wir in Pokhara sind. Ein multipler Feiertag: Janai Purnima, Rishi Tarpani, Rakshya Bandhan, Gun:Punhi, Kwati Puni.
Am Nachmittag fängt es an zu regnen. Der wirklich verheerende Regen kommt erst nach der verheerenden Sturzflut. Er bringt keine Erlösung.
Weil heute ein besonderer Vollmond ist - Janaj purnima waren in den letzten Tagen im Langtang Gebiet viele Pilger unterwegs. Buddhisten, Hinduisten, Animisten, Anhänger der Bon-Tradition. Und alle anderen. Auf dem Weg zum heiligen Gosaikunda See im Rasuwa District. Oder auf dem Weg zum Heiligen Berg Kailash, auf dem Lord Shiva mit seiner Parvati lebt. Niemand darf den Kailash besteigen, aber die Gläubigen umkreisen ihn und nehmen das reinigende Bad im मानस सरोवर - im "unübertroffenen" Mansa Sarovar See, dessen Wasser alle acht Eigenschaften "perfekten Wassers" besitzen soll: es ist kühl, süß, leicht, weich, klar und rein, reizt weder den Magen noch den Hals!
Weil heute ein besonderer Vollmond ist und weil der heilige Berg Kailash und der heilige See Mansarovar zu seinen Füßen in Tibet liegen, sind die meisten Pilger genau dort in das Reich der Mitte ein- oder ausgereist, wo die Überwachungskameras die ersten entsetzlichen Bilder einer unvorstellbaren Sturzflut festhielten: am Grenzübergang Gyirong.
Niemandem ist heute, am zweiten Tag danach, so richtig zum Feiern zumute. Auch nicht den Geschwistern, die mit Rakshya Bandhan ihre schützende und unverbrüchliche Verbindung beschwören und als Zeichen ein Rakhi, ein kunstvoll gestaltetes Band um das rechte Handgelenk flechten. जनै - Janaj ist der heilige Faden, der heute erneuert wird. Man bedankt sich bei den Saptarishi, den sieben großen Weisen für das spirituelle Wissen. Und isst Kwati, eine dicke heiße Suppe aus neun verschiedenen Bohnen und Hülsenfrüchten. Kwati wärmt den Körper und stärkt das Immunsystem. Bewahrt gerade zur Monsunzeit vor Erkältungen.
Wirkt heute, jedenfalls auf mich, wie aus der Welt gefallen.
Donnerstag, August 27, 2026
the day after
Alles, was wir gestern an Erklärungsversuchen gehört, gesehen oder gelesen haben, ist heute überholt. Weder gab es ein Erdbeben noch ist ein Gletschersee ausgebrochen. Ein Felssturz in Verbindung mit einem Gletscherabbruch an der Nordseite des Langtang Lirung brachte Material mit einem 10- bis 40-fachen Volumen des Ereignisses vom helvetischen Nesthorn und Birchgletscher (das Blatten, das evakuierte einstige 300-Seelen-Dorf im Lötschental verschüttete), in den chinesisch-nepalesischen Grenzfluss Lhende-Khola. Die unglaubliche Masse an Schlamm, Wasser, Eis und Geröll zerstörte den Grenzübergang Gyirong, an dem wie immer reger Betrieb herrschte und wälzte sich dann durch das enge steile Tal des Bhotekoshi, der talabwärts in den Trishuli übergeht, etwa 200 Kilometer quer durch das schmale Land nach Südosten bis an die indische Grenze.
Cause: https://www.youtube.com/watch?v=u5F175REX_U
updates:
The lake: https://www.youtube.com/watch?v=USgiTgiyi30
The warning: https://www.youtube.com/watch?v=D5em-GxG4PU&t=61s
The rescue: https://www.youtube.com/watch?v=zhhRZ6UTRgw
The water: https://www.youtube.com/watch?v=bfRyoauV3Wg&t=23s
Mittwoch, August 26, 2026
26-08-26
Ich hatte schon einmal eine fast perfekt anmutende Zahlensymmetrie, hinter der sich unvorstellbare Abgründe auftun: 11-03-11. Nun also 26-08-26. Funktioniert natürlich nur im westlichen Kalender und in westlichen Hirnen. Im nepali calendar haben wir heute schlicht 10-05-83, den 10. Tag des 5. Monats Bhadra im Jahr 2083.
Wie auch immer wir die Zeit berechnen und darstellen, der heutige Tag - genauer: die Geschehnisse ab 08:37 am Nepal time im Himalaya Grenzgebiet Nepal-Tibet-China, im Einzugsgebiet der Flüsse Lhende Khola, Bhotekoshi und Trishuli, quer durchs Land nach Süden bis zur indischen Grenze, wird in die Geschichte der Naturkatastrophen eingehen. Unter welchem Namen und mit welchen Etiketts wird sich noch zeigen müssen. Vorerst sind wir alle fassungslos. Und sprachlos.
Dienstag, August 25, 2026
amaranthus retroflexus
Ich bin immer noch im Garten. Die Schnecke auch. Sie ist nachtaktiv und zeigt sich nur kurz am Morgen. Ich weiß immer noch nicht, was ich wachsen lassen soll und was ich besser entferne. Ausreiße mit Stumpf und Stiel. Weil es zu stürmisch wuchert, giftig ist oder dürr. Bereits abgestorben. Unter den vielen schweren Säcken hat nur Robustes überlebt.
Ich lasse erst einmal alles einregnen. Wilder Amaranth gehört an einen poetischen Wegesrand. Ins Poesiealbum. Oder in einen nepalesischen Hausgarten. Küchengarten. Wilder Amaranth soll ein Superfood sein, voller Nährstoffe, Aminosäuren und Antioxidantien. Sagen westliche Esoterikerinnen. Der Wilde Amaranth ist, wie sein Name schon sagt - amaranthus retroflexus - ein Wildkraut. Die Blätter sind essbar, die Samenstände auch. Für die Hindus ist es ein an Fastentagen erlaubtes Pseudogetreide. Amaranth gehört botanisch zu den Fuchsschwanzgewächsen und gilt als sattvisch = rein. Im Ayurveda ist der Amaranth ein geschätztes Heilkraut mit kühlender energetischer Wirkung. Hindufrauen nennen es das Korn Gottes. Von Sanskrit ramdana = das Korn von Lord Ram. Die Alten Griechen wussten es aus einem anderen (sprachlichen, etymologischen) Grund zu schätzen. Der Name leitet sich für sie von griechisch amarantos = unvergänglich ab. Ein Konzept der Unsterblichkeit gepaart mit dem Symbol für Reinheit und Lord Ram. Ich lasse das Unkraut stehen und weiterwuchern. Die Schnecke braucht ja was zum abknabbern mit ihrer Raspelzunge.












