Montag, Mai 18, 2026

women climbers

Der neue Mond ist am Abend zu sehen, eine dünne liegend Sichel, bereits 4,9 % gefüllt!

Gestern gab es Rekorde am Everest. Lhakpa Sherpa stand um 9:30 am zum elften Mal auf dem höchsten Gipfel der Erde. Und ist - wie berichtet wird - mittlerweile gesund wieder im Base Camp angekommen. Damit hat sie ihren eigenen Rekord von 10 Besteigungen übertroffen. Keine Frau der Welt war öfter auf dem Qomolangma (wie die Sherpas den Berg nach wie vor nennen). Sie stieg acht mal von Norden, von der tibetischen Seite hoch und gestern zum dritten Mal von Süden, von der nepalesischen Seite.   

Lhakpa Sherpa war nicht die erste Nepalesin auf dem Sagarmatha, aber sie war die erste ihres Landes, die nicht nur hoch- sondern auch wieder heruntergekommen ist. Zum ersten Mal am 18. Mai 2000. 

Die erste Frau auf dem Everest war die Japanerin Junko Tabei, sie erreichte den Gipfel am 16. Mai 1975 über die Südroute. Elf Tage später kam die Tibeterin Phanthog über die Nordroute hoch. Die dritte Frau war die Polin Wanda Rutkiewicz am 16. Oktober 1978. Die vierte, die Deutsche Hannelore Schmatz , war die erste Frau, die auf dem Abstieg starb am 2. Oktober 1979. Es folgten viele viele Frauen, aber erst 1993 eine Nepalesin - Pasang Lhamu Sherpa. Sie starb auf dem Abstieg, keine 100 Meter unter dem Gipfel, auf etwa 8,750 Metern. An Entkräftung, wie es heißt. Und aufgrund miserabler Wetterverhältnisse.  

Pansangs Gipfelgeschichte, bzw. die Geschichte der ersten nepalesischen 3-Frauen-Expedition kann man hier nachlesen. Die Autorin des Buches "Forty Years in the Mountains", Lhakpa Phuti Sherpa, ist natürlich nicht objektiv, sie muss es auch nicht sein. Es sind schließlich ihre autobiographischen Aufzeichnungen aus vier Jahrzehnten, die sie mit uns teilt. Sie war Teil des Frauentrios, Pasang war ihre "Schwester", Freundin, Gefährtin. Sie glichen sich auch äußerlich, berichtet Lhakpaphuti, und wurden oft verwechselt. Auch und gerade nach dem Tod der einen. Die Erinnerung an jene Tage und Wochen zwischen dem 8. März und dem 22. April 1993 sind schmerzhaft - das Scheitern und die Katastrophe kündigten sich in mehreren bad omens, schlechten Träumen und eindeutigen Orakeln diverser Lamas an. Auch der Donnerstag war als Wochentag der denkbar ungünstigste Moment für den Gipfelsturm. Hätte Pasang einen Tag zugewartet, wäre entweder Lhakpaphuti mit ihr gegangen (die dritte im Bunde musste wegen Höhenkrankheit aufgeben), oder der Wetterumschwung hätte beide davon abgehalten. Letztlich - dies ist meine persönliche Interpretation von sehr umsichtig formulierten (wiewohl keineswegs congenial ins Englische übersetzten) gut 50 Seiten - zahlte Pasang ihren Preis (den höchsten, den ein Mensch bezahlen kann) für unsolidarisches Verhalten und einen egoistischen Alleingang. Sie wollte die Erste sein und den Superlativ nicht teilen! Einer der vier Sherpas, die sie auf den Gipfel brachten, blieb bei ihr. Die anderen drei bereiteten die Spur für einen sicheren Abstieg. Vergeblich. Eine traurige Geschichte! Sie war unbestritten die erste Nepalesin auf dem Gipfel und sie ist bis heute die einzige nepalesische Frau, die am Everest ihr Leben ließ. 

Es ist nun alles einfacher am Berg, der, wie auch immer wir ihn nennen, immer noch den Sherpas gehört. Lhakpa Sherpa war gestern zum 11. Mal oben, in Eigenregie und Eigenverantwortung, Frauenrekord! Kami Rita Sherpa zum 32. Mal als Expeditionsleiter, Männerrekord. Sie wird "Mountain Queen" genannt, er "Everest Man".

Sonntag, Mai 17, 2026

Schaltmondmonat

अधिकमास - Adhikmas - der zusätzliche, dreizehnte, heilige Schalt-Mondmonat im Hindukalender beginnt mit dem heutigen Neumond um 01:46 local time und dauert bis zum nächsten, am 15. Juni 08:39. Das Zeitfenster ist logisch und der Name verständlich: अधिक - adhik heißt extra, मास - mas Monat. Wie immer existieren auch dafür viele andere Namen. So heißt der Monat auch Purushottam nach Lord Vishnu oder Malamas - der Monat ohne besondere Anlässe. Wir hatten das schon.    

Dieser "leere" Monat ist von Zeit zu Zeit (ganz genau alle 32 Monate, 16 Tage, 1 Stunde und 36 Minuten) notwendig, um den hinduistischen Feiertags- und Mondkalender wieder mit dem bürokratischen Sonnenkalender zu synchronisieren. Ob das immer genau auf die Minute zutrifft, ist fraglich, denn natürlich setzt ein Komitee - Nepal Panchanga Nirnayak Bikas Samiti (Nepal Calendar Determination Development Committee) - jeweils fest, wann der Adhikmas beginnt und endet. Ausgewählt wird von den Kalendermachern immer ein Mondmonat, in dem kein Surya Sankranti stattfindet, also die Sonne nicht in ein neues Sternbild übertritt. 

Adhikmas, der Schaltmondmonat soll frei bleiben von kamya karmas, von emotions- oder geschäftsgetriebenen Tätigkeiten wie Hochzeiten, Hausbau, Geldanlagen oder anderen Investitionen, denn er bietet keinen einzigen auspicious - glücksverheißenden und erfolgsversprechenden Moment an. Man darf kein Kind zeugen, denn es könnte krank sein oder werden. Jungvermählte sollen sich für diesen Monat sogar trennen. Die Ehefrau kehrt mit Einverständnis ihres Ehemannes zu den Eltern zurück, damit ja kein Unglück geschieht. Die Gläubigen sind angehalten, sich auf nishkama karmas, selbstloses Tun, Enthaltsamkeit und spirituelle Disziplin in der Verehrung Vishnus zu konzentrieren. Wer in diesem Monat eine Pilgerreise zum Matsyanarayan Tempel unternimmt, den Tempel, der Lord Vishnus erster Inkarnation als Fisch (Matsya) geweiht ist und dort in den Wasserteich eintaucht, oder zum reinigenden Bad in die Höhe wandert, zum Gosaikunda Snan, dem höchstgelegenen und heiligsten alpinen See Nepals auf 4.380 Metern über Meer, wird bestimmt von allen Sünden befreit.

Samstag, Mai 16, 2026

Shani Jayanti

Samstag. शनिबार - sanibar in Nepali. Der Tag des Planeten Saturn शनि ग्रह - sani graha. Heute ist ein besonderer Samstag, ein besonderer Saturntag, ein besonderer Tag überhaupt. Der Mond wird heute Nacht, kurz nach Mitternacht, also eigentlich morgen neu. Aber bereits der heutige Samstag sowie die Nacht auf morgen Sonntag gelten im hinduistischen Kalender als Amavasya - mondlos. Die mondlose Zeit ist spirituell die kraftvollste für Ahnenrituale. 

Und es ist ein besonderer Neumond - an Neumond im Monat Jesh oder Jeshta (der gestern begonnen hat) wird der Geburtstag von Lord Shani - der Gott des Saturn gefeiert. Es ist Zufall - oder auch nicht - dass Shanis Geburtstag in diesem Jahr auf einen Samstag, also auf den Tag des Saturn fällt. Das verstärkt die kosmischen Energien. Wer heute innehält, fastet, meditiert, einen Tempel besucht, eine Weile unter einem Baum verbringt, Pflanzen wässert und Bedürftigen schwarze Dinge (schwarze Kleidung, schwarze Sesamsamen, schwarzes Sesamöl, schwarze Bohnen, Urad Dal usw.) aber auch Gegenstände aus Eisen, Saphir oder Glas spendet, der durchbricht negative Einflüsse des Saturn und reinigt sein eigenes Karma. Denn Lord Shani - oder Lord Saturn - der Sohn von सूर्य - Surya (Sonne) und छायाँ - Chaya (Schatten) ist der Gott der Gerechtigkeit und des Karma.  

Aber noch immer ist des Guten nicht genug: in diesem Jahr fällt Shani Jayanti, der Geburtstag Saturns am Jesh-Neumond auch zusammen mit Vat Savitri Vrat. Savitri soll der Legende nach ihren Gatten Satyavan erfolgreich von Lord Yama, dem Gott des Todes zurückerobert haben! Es ist einer der Festtage, an denen die Hindufrauen für die Gesundheit und das lange Leben ihrer Ehemänner fasten.

Freitag, Mai 15, 2026

Sithi Cha:Hre

Heute ist der Erste Tag im Zweiten Monat des nepalesischen Jahres 2083 nach Bikram Sambat. जेठ - Jeth oder etwas altertümlicher जयेष्ठ - Jayestha, was verkürzt im heutigen Alltag zu Jestha wird. Die Sprache ist vielfältig. Die Zeit auch. Die Newari feiern heute सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre ihres Jahres 1146 ihres Kalenders Nepal Sambat. Der Doppelpunkt im zweiten Wort deutet ein angehauchtes oder nasaliertes, kaum vernehmbares "n" an.

सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre wird immer an Chaturdashi im Nepali Monat Jeth, das ist der Newari Monat  Bachala, gefeiert. Chaturdashi ist der 14., manchmal auch der 13. Tag jeder Mondphase, der shukla paksha - der hellen, zunehmenden wie der krishna paksha - der dunklen, abnehmenden. Momentan befinden wir uns in der krishna paksha, übermorgen ist in Nepal Neumond. Also ist heute eher der dreizehnte als der vierzehnte Tag der abnehmenden Mondphase. Im Newari Kalender Nepal Sambat ist außerdem der aktuelle Monat Bachala der 7. Monat des Jahres und nicht wie Jeth im Bikram Sambat der zweite. Kompliziert? Nein! 

Chaturdashi, also der 13. oder 14. Tag jeder Mondphase heißt in der Sprache der Nevari Cha:Hre. Aber nur heute ist सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre. Die Newari haben ihre Brunnen geputzt und verehren heute Lord Kumar Kartikeya, den zweiten Sohn von Shiva und Parvati, Ganeshs Bruder. Nicht zu verwechseln mit Kumar Kartikeya Singh, dem indischen linkshändig orthodoxen Cricket-Profi.

Donnerstag, Mai 14, 2026

Begradigtes Gelände

Gestern am späteren Nachmittag rückte der Bagger an und entfernte innert kürzester Zeit (bis die Sonne unterging und der Regen einsetzte) alles Gestrüpp am Ende der unfertigen Straße unter meinem bescheidenen Tempel. Der Baggerfahrer in seiner Kabine wurde von einem Einsatzleiter am Boden instruiert, was von wo wohin umgebaggert werden soll.  

Tatsächlich war bis zum Feierabend die verwilderte Fläche bereinigt und begradigt. Hier stand einst der Schutthügel, der kürzlich nur halbherzig entfernt wurde, um den herum Schulkinder und Mütter täglich ihren Weg nach unten oder nach oben finden mussten, ohne sich ein Bein oder das Genick zu brechen. 

Unter dem Wildwuchs verbargen sich nämlich mehrere einstige Brunnen. Halb oder ganz verschüttete natürliche Wasserläufe, immer noch aktiv. Es ist die ganzen Monate und Jahre, seit wir hier wohnen, nie jemand in einen dieser Brunnenschächte gefallen. Die Nepali, auch in der Hauptstadt, egal ob aus der Provinz zugezogen oder nicht, jung oder alt, Frau oder Mann, scheinen Gefahren instinktiv aus dem Weg zu gehen. Der Bagger hat gestern alle Löcher mit Erde aufgefüllt. Wie nachhaltig das ist, wird sich zeigen. Heute morgen ist das begradigte Gelände jedenfalls eine riesige Matschfläche. Zu dem Wasser aus dem Untergrund kam in der Nacht das Wasser vom Himmel. Es regnete ununterbrochen, bis die Sonne wieder aufging.

Mittwoch, Mai 13, 2026

Vermintes Gelände

Es regnet fast den ganzen Tag. Die Hill-Katzen waren hier schon lange nicht mehr zu Gast. Tom ist verschwunden. Seine Hütte habe ich abgebaut und den Müllmännern übergeben. Sigi hat sich in einen anderen Teil der Siedlung verzogen. Ob sie von einem der Kater, die sie vor etwa drei Monaten tagelang belästigten, gedeckt wurde, weiß ich nicht. Ich sehe weder sie noch ihre jüngsten Nachkommen. Die Designerkatze hockt ab und zu auf dem Mäuerchen vor dem Küchenfenster. Sie schweigt nach wie vor. Will kein Futter, markiert aber rundum. Whity sieht wieder verboten aus. Die Nachbarin meinte kürzlich, so würde ihn gerne "baden". Sein Fell sei voller Ungeziefer. Das ist mir nicht neu. Aber sie fürchte, sagt sie, und ich nicke höflich, dass er sich wehren und ihre Arme zerkratzen könnte. Innerlich schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen. So etwas muss die Natur regeln. Auch an anderen Orten und bei größeren Geschöpfen. Der Kater hinkt seit in paar Tagen. Er läuft dreibeinig, die linke Vorderpfote ist böse angeschlagen und er kann sie nicht aufsetzen. Sein Timbre, einst die krächzende Stimme eines alten Mannes, hat sich seltsamerweise in die eines kranken Kindes verjüngt. Deshalb bekommt er jetzt auf Nachfrage immer einen Nachschlag. Solange er frisst, ist alles gut. Aus der Ferne sichte ich ab und zu Toms Sohn. Ich bin sicher, dass er von Tom abstammt, obwohl er das Fell der Mutter hat. Aber so wie der hier die Wege abschreitet. Mit einer Determiniertheit, die ihn unbestritten als neuen, jungen, drahtigen Chef im Revier ausweist. Und ein fast Rabenschwarzer stromert neuerdings herum, mit unterschiedlich weiß gefärbten Pfoten und ein paar hellen Flecken an den Flanken. Whity kommt mit der ungefähr genau konträren Fellfärbung daher und vertreibt den Eindringling sogar humpelnd sang- und klanglos vom Parkplatz. Die Katzen suchen dort unter den Autos Schutz vor der gnadenlosen Mittagssonne. Im Winter wärmte sich immer eine, nur eine oder einer, strategisch siegessicher auf einer der Motorhauben. In meine nahegelegene Futterzone, an die hintere Küchentür wagt sich außer der fast schneeweißen Hinkepfote niemand. Das ist nach wie vor vermintes Gelände. 

Dienstag, Mai 12, 2026

Fahnengeschichten

Gipfelgeschichten. Sagarmatha hat seinen international bekannten Namen Everest von der ehrwürdigen "Royal Geographical Society" im Jahr 1865 verliehen bekommen. Der Namensgeber, der britische Landvermesser Sir Georg Everest war nicht einverstanden, dass der höchste Gipfel der Erde nach ihm benannt wird. Berge sollten, sagte er, "einheimische" Namen tragen. Also Namen, die ihm die Menschen geben, die zu seinen Füßen leben. Die Menschen, die zu Füßen des Everest leben, hatten immer schon ihre eigenen, nämlich weiblichen Namen. Sie nennen sie, wie bereits berichtet, Sagarmatha oder Qomolangma. Sir George hat den Everest Zeit seines Lebens nie gesehen, geschweige denn vermessen oder gar bestiegen. Vermessen hat Georg Everest - lange bevor ihn Queen Victoria für seine Verdienste zum Ritter schlug - "nur" etwa 2500 Kilometer des 78. Längengrads durch Indien. Dabei ruinierte er seine Gesundheit. Everest wollte das Werk seines Vorgängers William Lambton vollenden. Aber bis hoch in den Himalaya, auf das Dach der Welt, stieß erst sein Nachfolger Andrew Scott Waugh vor. Und der wollte das Werk seines Vorgängers ehren, indem er den von ihm, dem Nachfolger, entdeckten höchsten Gipfel der Erde den Namen Everest aufsetzte.

Sir Georg starb ein Jahr später. Ich weiß nicht, ob aus Gram oder an den Spätfolgen von Malaria oder aufgrund eines Wutanfalls. Angeblich war er rechthaberisch und aufbrausend.

Am Everest und im Internet kochen heute die Emotionen über. Im Base Camp wurde eine indische Fahne gesichtet, die größer ist, als die nepalesische daneben. Dies wird als "illegale Aktivität" und Provokation gewertet. Alle sind rechthaberisch und aufbrausend. Auch im Land der Göttinnen. Die Fahnen sollen von den indisch-tibetischen Grenzpolizisten aufgestellt worden sein, im Gedenken an ihren kürzlich tragisch zu Tode gekommenen nepalesischen Bergführer Lapka Dendi Sherpa.

Montag, Mai 11, 2026

Skarifikation

Ich lerne, Mangobäume heranzuziehen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man lässt den aus der äußeren Schale befreiten Kern trocknen. Oder man legt ihn, nachdem man ihn vorher mit einem scharfen Messer kreuz und quer eingeritzt (= skarifiziert) hat, über Nacht in Wasser ein. Die "trockene" Variante sieht von Tag zu Tag erbärmlicher aus. Der Kern soll 14 Tage lang an einem sonnigen Platz am Fenster trocknen. Dabei bleibt fast gar nichts übrig. Die nasse Variante hingegen gibt Anlass zur Hoffnung. Ich habe den skarifizierten Kern nach Anleitung am Morgen aus dem Wasser genommen, in feuchtes Küchenpapier eingewickelt und in eine Plastiktüte gepackt. Man soll einen Gefrierbeutel nehmen, weil der verschließbar ist. Aber so etwas besitze ich nicht. Eine normale Plastiktüte von meiner Obstfrau tut es auch. Mehrmals umschlungen und auf das Fensterbrett gelegt. Entwickelt sich nach zehn Tagen ein so gesunder Trieb, dass ich den Kern mit dem Keimling nach oben in einen Blumentopf setze. Die beiden trockenen setze ich in zwei andere Blumentöpfe. Und harre nun der Dinge, die da aus der Erde kommen werden. 

Sonntag, Mai 10, 2026

Muttertag

Der Khumbu-Eisfall holt sich sein erstes (oder zweites?) Opfer. Das war nicht meine Absicht, als ich ihm gestern eine Seele zuschrieb. Bijay Ghimire Bishwakarma (was für ein Name!) hat früh am Morgen einen Schwächeanfall im Camp 1. Höhenkrankheit auf 6100 Metern? Er ist erst 35 Jahre alt und wird sofort ins Base Camp gebracht. Er stirbt unterwegs mitten im Khumbueis. Herzstillstand oder Kreislaufversagen?

Bijay ist der zweite Todesfall dieser Saison. Der erste war ein Unfall. Auch unerklärlich. Vor einer Woche stürzte der Bergführer Lapka Dendi Sherpa  auf der letzten Etappe zum Base Camp, auf  dem Weg von Gorak Shep, der letzten bewohnten Siedlung im Everesttal so unglücklich, dass er auf der Stelle verstarb. Die Strecke unterhalb des Basislagers über Moränen des Khumbugletschers gilt weder als technisch anspruchsvoll noch als besonders gefährlich. Lapka führte eine Gruppe der indisch-tibetischen Grenzpolizei an, die Expeditionsteilnehmer konnten ihm nicht mehr helfen.

Bijay war der erste Dalit (unterste hinduistische Kaste, die Unberührbaren), der erste Kaami (Angehörige der ethnischen Gemeinschaft der Bishwakarma innerhalb der Dalits) auf dem höchsten Punkt der Erde, auf der Qomolangma, der tibetischen Mutter des Universums, bzw der Sagarmatha, der nepalesischen Stirn des Himmels. Bijyaj hat den Gipfel, die Mutter des Universums viermal erreicht: 2017, 2019, 2023, 2025. 2026 nicht mehr. 

Sein Name विश्वकर्मा - Bishwakarma war sein Ziel, sage ich: विश्व - Vishna oder Bishwa für das Universum, die Welt oder schlichtweg "alles" und कर्म - Karma. Das berühmte Karma, das wir durch all unsere (guten) Taten und Werke, Gedanken und Handlungen im Laufe eines (einzigen) Lebens generieren, damit es für das nächste zur Verfügung steht. Bishwakarma als der (oder die) Allwirkende. Der Schöpfer des Universums. Möge er ruhen in Frieden oder weiter wandern.

Samstag, Mai 09, 2026

Sturm

Sturm über dem Valley. Und Sturm am Everest. Dort soll es schneien. Hier regnet es. Der Berg wettert! Und die Leute von nah und fern wettern. Alle wollen alles besser wissen, wie dieser - für die Nepali heilige - höchste Berg der Welt vermarktet werden darf, soll oder kann. Den Sherpas - die quasi erfahrene und unerfahrene Bergsteigen gleichermaßen an die Hand nehmen, damit sie zahlen und hochkommen - wirft man vor, sie würden die Situation ausnützen. Klar tun sie das (Hand aufs Herz: wer würde das nicht?), es ist ja auch ihr Leben und das Leben ihrer ganzen Familie, das sie riskieren, indem sie verwöhnte und ambitionierte Menschen an die Hand nehmen und sicher auf das Dach der Welt hinaufgeleiten. Sie holen auch die Leichen hinunter, immer unter extremsten Bedingungen, denn meist gibt der Körper dort auf, wo es am Unwegsamsten ist. Dem Staat wirft man vor, er sei geldgierig. Nun ja, da kenne ich andere Exempel von Geldgier, gekoppelt mit Machtgier. Er, der Staat muss ja letztlich auch mit dem Müll leben, den die Extremsportler hinterlassen. Inklusive Exkremente. Und das Wetter ist nun mal wie es ist. Ich glaube schon, dass dieser Berg - wie jeder andere in seiner unmittelbaren und mittelbaren Nachbarschaft - eine Seele hat. Auch der Khumbu Eisbruch hat seine Seele und weiß, wann er den nächsten Block ins Tal donnern lässt. Alles ist beseelt, nur die Menschen nicht.

Freitag, Mai 08, 2026

Sagarmatha Darshan Yatra 2083

Am Everest stockt gerade vieles. Aufgrund widriger Bedingungen, heftigen Winden und Schneefall. Die Poesie stockt nicht. Nach zwei Wochen Anlauf - im wahrsten Sinne des Wortes - geht heute das erste Hochgebirgs-Literaturfestival "Sagarmatha Darshan Yatra 2083" auf knapp 3000 müM in Pattale Dhap, im Grenzgebiet zwischen Solukhumbu und Okahdhunga zu Ende. 

सगरमाथा - Sagarmatha ist der offizielle nepalesische Name für den Mount Everest. Wörtlich meint सगर - sagar zwar den Himmel, aber सागर - saagar mit langem erstem "a" das Meer, den Ozean. Im Sanskrit ist es etwas unendlich weites und zugleich blaues. Himmel oder Meer?  माथा - matha oder माथाि - mathi bezeichnet alles, was oberhalb und vielleicht unerreichbar weit darüber ist. Naheliegender einfach das Haupt, den Kopf, die Stirn - den herausragendsten Punkt.

Der Start der literarischen Everest-Expedition begann natürlich unten. In Kathmandu. Die Teilnehmer - Beamte im Ruhestand, Tourismusspezialisten, Sozialarbeiter und Künstler - stiegen auf dem legendären Himalayapfad über Lukla, Namche Bazaar, Tengboche, Dingboche und Lobuche ins Everest Base Camp hoch. Auf atem(be)raubende 5364 MüM!

Die erste Lyrik-Session fand in Gorakshep unter dem Kala Patthar vor drei Tagen statt, die zweite vorgestern im Base Camp. Der emeritierte General der Nepalesischen Armee, Poet und Texter Krishna Prasad Bhandari trug im eisigen Wind, umgeben von schneebedeckten Gipfeln seine Gedichte vor, in denen er die Schönheit der Natur Nepals preist, aber auch Themen wie Familie und Arbeit, Identität und Patriotismus nicht ausspart. Die heutige Abschlussveranstaltung moderiert der Tourismusfachmann Ishwari Poudel, Überraschungsgast ist der Schauspieler Manoj Gajurel. Gelesen werden wieder Gedichte von Bhandari, diesmal über den Everest, als titelgebendes Symbol und Nationalstolztstiftendes Naturdenkmal. Ob er dabei auch auf die etymologische Tiefe und Weite und Farbe des सगरमाथा - Sagarmatha eingeht, weiß ich nicht. 

Die Teilnehmer erwartet morgen der weitere Abstieg. Sie sind hochzufrieden mit der körperlich anstrengenden Reise, teilen sie der Presse mit. Beglückt von einer spirituellen Erfahrung aus der Kombination von Natur und Literatur, von wärmenden Worten und kaltem Wind um die Nase.

Donnerstag, Mai 07, 2026

Zwillinge

Es gibt hier viele Kinder, aber verhältnismäßig wenige Zwillinge. Andernorts ist das umgekehrt. Das kann neben Ernährung und Reproduktionsmedizin auch mit dem Alter der Mütter bzw mit früher oder später Mutterschaft zusammenhängen. Die Mütter hier sind allesamt sehr jung - auch wenn sie älter aussehen - und tragen ihre Kinder das halbe Leben lang auf dem Rücken. Kinderwagen gibt es nicht. 

Meine Schwiegermutter war die jüngere Zwillingsschwester. Sie wäre heute 97 Jahre alt geworden, ihre Schwester, die ältere, wäre gestern 97 Jahre alt geworden. Auch das gibt es. Zwillinge, die vor oder nach Mitternacht geboren werden. Je nach Zeitzone haben sie dann an verschiedenen Kalendertagen Geburtstag

In unserer gated community gibt es ein Zwillings-Mädchenpaar. Es sind die frechsten Gören weit und breit. Auch das gibt es und in nepali heißen sie जुम्ल्याहा - jumlyaha. Da es verschiedene Wörter für jüngere oder ältere Schwester und Bruder gibt, ist es schwierig (jedenfalls für mich), sie korrekt zu benennen. दिदी - didi wäre die ältere, जुम्ल्याहा दिदी und बहिनी - bahini, जुम्ल्याहा बहिनी die jüngere Zwillingsschwester.

Schwiegermutter, so viel ist klar, war eine जुम्ल्याहा बहिनी - jumlyaha bahini.

Mittwoch, Mai 06, 2026

Fußabdrücke

Nicht nur in Nepal brennen Wälder. Und nicht nur in Nepal ist der Reis schadstoffbelastet.

Im Südosten Polens brennen Wälder, im Grenzgebiet zur Slowakei, im Karpatenvorland. In der Puszcza Solska, einem Urwald, etwa 100 km südlich von Lublin, brach gestern in der Nähe von Kozaki ein Feuer aus, das sich, begünstigt von heftigen Winden und langanhaltender Trockenheit, rasend schnell auf die Wälder der Umgebung ausbreitete. Bis zum Abend standen über 300 Hektar Wald in den Kreisen Biłgoraj, Zamość und Tomaszów in Flammen. 

Die Feuerwehren werden von der Armee unterstützt, es werden Drohnen, Hubschrauber und Agrarflugzeuge eingesetzt. Leider stürzte ein Dromedar-Löschflugzeug ab und der Pilot kam ums Leben. Das könnte hier nicht passieren, denn Löschflugzeuge gibt es nicht, und Wasserschläuche sind meist zu kurz für unwegsames Gelände. So werden die brennenden Bäume weitestgehend sich selbst überlassen.

In "ausnahmslos jedem Reis", der in Deutschland verkauft wird - lese ich, haben Tests der Stiftung Warentest ergeben -, findet sich das Halbmetall Arsen. Nebst anderen Leicht- und Schwermetallen wie zB Kadmium, Schimmelpilzen und Pestiziden. Zwar, lese ich weiter, überschreitet weder Basmati-, Jasmin-, Parboiled-, Vollkorn- noch Rundkorn-Reis die offiziellen Grenzwerte. Trotzdem (!) empfehlen die Experten, nicht täglich Reis zu essen. Sondern höchstens ein- oder zweimal in der Woche. Dass soll man mal hierzulande verkünden! Dann, so sagen sie, Reis hat auch einen ungünstigen CO2-Fußabdruck. Hier vielleicht nicht, weil er auf dem Feld nebenan angebaut wird. Mitten in der Stadt. In Bhaktapur wird er nach der Ernte mitten im Weltkulturerbe auf der staubigen Straße getrocknet. Über die Körnerberge stolpern höchstens Touristen. 

Dienstag, Mai 05, 2026

halo

Zuerst glaubte ich, es läge an meiner entzündungsbedingten Fehlsichtigkeit. Ich sah durch die Sonnenbrille, die ich jetzt draußen immer trage, einen kunterbunten und kugelrunden Regenbogen rund um die Sonne. Beim Morgenqigong vor dem Laxmibaum. Freie Sicht über das Valley bin zu den gegenüberliegenden baumbestandenen Hills. Klare Sicht. Gute Luft. Die Sonne mit dem bunten Hof vor mir, schon hoch und noch ziemlich weit im Osten. Es ist kurz nach acht und ich begreife: ein Sonnenhalo. So heißt das. Das Hallo vom Himmel, das verkünden soll: "Bald schlägt das Wetter um!" Lese ich später am Schreibtisch. Als ob hier nicht ständig etwas umschlüge. Oder um sich schlüge. Das halo war auch später am Vormittag bis gegen Mittag noch da, als ich auf dem Dach Wäsche aufhängte. Wieder mit Sonnenbrille. Eigentlich sollte es den ganzen Vormittag in Strömen regnen. Stattdessen trägt die Sonne bunt.

Das ist nicht einmal ungewöhnlich über Kathmandu, lese ich noch später am Schreibtisch. Hier ein Foto vom Juli 2015. Ich habe es natürlich versäumt, zu knipsen. Ich bin auch in dieser Hinsicht enthaltsam und gucke lieber. Außerdem lerne ich nun, warum der Regenbogen, der richtige Regenbogen in Nepali इन्द्रेणी - indreni heißt. Das Wort hatte uns der Doktor der Medizin in Thamel eines Tages an die Tafel geschrieben, wie immer, ohne etwas zu erklären. Ich fand es schon damals schön, ohne irgendetwas zu verstehen. Indreni kommt vom Regengott Indra. Der Regenbogen ist sein Bogen, wörtlich und präziser इन्द्रधनुष - indradhanus. इन्द्र - Indra für den Namen des Gottes und धनुष - dhanus für den Bogen. Der Bogen des Gottes Indra. 

Das Sonnnehalo hingegen heißt इन्द्रसभा - indrasabha. So etwas wie der Hof(staat) des Indra, sein Gremium oder der Versammlungssaal. Indrasabha entsteht nur bei hochgelegenen Cirrus- oder Cirrostratuswolken. Das Sonnenlicht trifft auf Eiskristalle - nicht auf Wassertropfen wie beim Indreni, dem Regenbogen. Die Eiskristalle sind winzige Prismen, sie brechen und reflektieren das Licht und zerlegen es in seine Spektralfarben. Ich sehe bunt am Himmel. 

Manche sagen, das Wetter verschlechtere sich nun. Für ältere Nepali ist इन्द्रसभा - indrasabha ein bad omen. Tibeter und Bergbewohner hingegen nehmen es als gutes Zeichen. Wie auch immer - für mich ist es der Beweis, dass die Luft kristallklar ist, und mein Auge hoffentlich auf dem Wege der Besserung.

Montag, Mai 04, 2026

hordeolum internum

Mein Langzeitgeschenk von dem kürzlich nicht stattgefundenen Ausflug nach Surkhet und in den Bardiya-Nationalpark: ein Gerstenkorn am linken Auge, genauer gesagt hordeolum internum im unteren Lid. Statt Rhesusaffen, Lippenbären oder Axishirsche zu bestaunen saßen wir (gefühlt, nicht wirklich) zwei Tag in der luftigen Abfertigungshalle des domestic airport. Über unseren Köpfen verwirbelten Dutzende Ventilatoren die heiße Luft. Ich saß ständig im Zug (nicht in der Eisenbahn) und spürte eine ungesunde Kühle im Nacken. Der Schal lag schön gefaltet im handlichen Köfferchen. Das Gepäck war aufgegeben und ich hatte keinen Zugriff mehr darauf, bis wir den turnaround über den Wolken hinter uns hatten und der Flug annulliert war. Das Gepäck kam mit uns auf demselben Weg zurück, auf dem es gegangen war. Ich zog den Schal hervor, noch bevor wir das Taxi ins Walnut bestiegen. Trotzdem zu spät!

Gerstenkorn. Das letzte hatte ich vor ungefähr zehn Jahren auf Hooge. Auch vom Zug, den es dort nicht gibt. Vom Wintersturm. Eissturm. Hier heißt das hordeolum आँखामा टाँसिने - Amkhama tasine oder आँखामा दाग - Amkhama dag. Englisch sty oder stye. Stye in the eye - ein unglücklicher Reim! Es gibt überall und immer für alles Varianten oder Alternativen. Meine Apothekerin auf der Golfutar verkauft mir Augentropfen, die auch für die Ohren geeignet sind. Damit soll ich das entzündete Auge fünf Tage lang dreimal täglich tröpfeln. Am zweiten Tag verschwindet das hordeolum externum, dafür setzt sich am dritten ein horrendes hordeolum internum fest. Hartnäckig. Heute ist der fünfte Tag.

Sonntag, Mai 03, 2026

smog

Es regnet fast jeden Abend und jede Nacht. Heftige Gewitter gehen nieder, begleitet von Starkregen. Die Luftqualität verbessert sich bis zum Morgen, und verschlechtert sich danach zuverlässig im Laufe des heißen trockenen Tages wieder. Ein hin und her, auf und ab. Es ist der erste Sonntag im Mai, andernorts Nationalfeiertag (święto konstytucji - die erste moderne Verfassung Europas wurde tatsächlich am 3. Mai 1791 vom Großen Sejm im Warschauer Königsschloss verabschiedet - es ist die zweite weltweit nach der der USA). Ich widme mich den Wörtern.

Es ist nun ein Jahr her, seit ich täglich durch den größten Smog nach Thamel gebraust bin und wieder zurück. Pranai, der Doktor der Medizin, der dort nepali for foreigners unterrichtet, hatte auf meine wiederholte und hartnäckige Frage, wie denn smog in nepali heiße, keine klare Antwort. Wie auch, bei der dicken Luft! Auch er kam täglich mit Bike angefahren, allerdings mit seinem eigenen. 

Nun bin ich also selber fündig geworden. Aufgrund des häufig auftretenden smogs in nepalesischen Städten wie Kathmandu sind die englischen Wörter smog oder haze in die Alltagssprache der Nepali eingegangen. Nahtlos sozusagen, kein Wunder, wie viele andere englische Wörter auch. Angeblich werden die Kinder in der Schule bestraft, wenn sie im Unterricht oder auch in den Pausen untereinander nicht englisch sprechen. 

Der technische Ausdruck air pollution (Luftverschmutzung) kann wörtlich übersetzt werden zu वायु प्रदूषण - vaju pradusan. वायु - vaju für air oder Luft, und प्रदूषण - pradusan für pollution oder Verschmutzung. Smog ist natürlich einfacher, allein wegen der Kürze! Alternativ kann (könnte, wenn man wollte) eine eher poetische Umschreibung verwendet werden: धुँवा र धुलो - dhuva ra dhulo. Rauch und Staub. Ergibt smog. Das ist irgendwie fast mathematisch logisch. Dann gibt es noch तुवाँलो - tuvalo. Das ist das Wort, das uns Pranai genannt hatte, aber in meinem Notizbuch finde ich eine so haarsträubende Schreibweise, dass ich das Wort nicht wiederholen mag. तुवाँलो - tuvalo ist das, was uns kürzlich am domestic airport in Kathmandu als Grund für den über mehr als zwei Tage immer wieder verschobenen und schließlich annullierten Flug nach Surkhet genannt wurde: haze. Dunst. Nebel. Rauchschwaden. Wolkenschleier. Unklare Sicht. Aufgrund der starken Rauchentwicklung über den brennenden Wäldern und Steppen. Wie wir heute wissen. 

Alles braucht seine Zeit. Auch die Einsicht, dass nicht immer alles sofort klar sein kann.

Samstag, Mai 02, 2026

Kwapa Dyah

Zur Feier von Buddhas 2570. Geburtstag wurde gestern क्वापाद्य: - der Torwächter Kwapa Dyah wieder an seinem angestammten Platz installiert. Es ist wichtig, dass jeder Heilige, jede Statue, jeder noch so kleine Stein am richtigen Ort steht, sitzt oder liegt. Und dort, wo er hingehört, seine Pflicht tut und dafür verehrt werden kann. Man denke nur an Kafkas Türhüter. Kwapa Dyah stammt aus dem 13. Jahrhundert, sein Platz ist seit eh und je das buddhistische Kloster Nhuchhe Baha oder Bajradhatu Bihar in Jorganesh Ombahal Tole, in Kathmandu Metropolitan City. 1980 wurde Kwapa Dyah aus seinem Schrein im Innenhof des Klosters gestohlen. Von wem, weiß man nicht. Oder sagt man nicht. Wieder aufgefunden wurde Kwapa Dyah eines Tages in der Tibet House Collection in New York. Im März 2022 brachte man ihn nach Nepal zurück und die Zeit bis gestern verbrachte er in den Werkstätten und unter den kundigen Händen der Archäologen im Hanuman Dhoka Museum. Er musste - oder durfte  umfassend gereinigt und restauriert werden. Und gelangte also gestern in einer festlichen Prozession endlich wieder in seine Nische im Hof, gegenüber dem Eingang, wo er den Überblick hat und alle Bewohner oder Besucher des Kloster begrüßen und beschützen kann.

Sein Name क्वापाद्य: Kwapa Dyah bedeutet in Newari "guardian of the community", er ist die zentrale Schutzgottheit eines Klosters und seiner Gemeinschaft. Und natürlich des gesamten Besitztums! क्वापाद्य: Kwapa Dyah geht zurück auf das Newariwort क्वाचपाल - kwacpal. Und das meint nicht nur den Beschützergott unter der Tür, den Gott im Eingangsbereich, im Torraum, sondern auch den Wächter über der Schatztruhe, den Kassenwart. Vielleicht nimmt er ja von jedem, der ihn begrüßt, gnädigst einen obolus entgegen und führt Buch über alle Eingänge. 

क्वाचपाल - kwacpal, lese ich, soll eigentlich कोषपाल - koshpal heißen und ich wundere mich überhaupt nicht (mehr) über derartige Konsonantenverschiebungen. कोष - kosh ist heute so etwas wie cash, oder Knete, auch schon wieder aus der Mode gekommen, denn für alles zahlt mittlerweile das Smartphone über einen QR-Code, der auch an allen Tempeltoren zu finden uist. Früher war कोष - kosh vielleicht tatsächlich eine Truhe. Eine Kassette. Ein Tresor. Und पाल - paal ist der Hüter, der guard, der Aufpasser und Verwalter, der den einzigen Schlüssel zum Schatz besitzt. 

Wer einen क्वापाद्य: - Kwapa Dyah, einen क्वाचपाल - kwacpal oder einen कोषपाल - koshpal klaut, auch wenn er nicht weiß oder nicht versteht, was er tut und wen er in seinen schmierigen Fingern hält, ist nicht mehr zu retten. Nicht in dieser und in keiner anderen Welt. Sein Karma ist endgültig verdorben.

Freitag, Mai 01, 2026

Swanya Punhi

Feiertag. Endlich! Multipler Feiertag. Purnima. Vollmond. Der erste Mai-Vollmond. Hier Baisakh-Purnima , also Baisakh-Vollmond, der Vollmond im ersten Monat des neuen nepalesischen Jahres. An dem Tag wird immer, ganz unabhängig vom Sonnenkalendertag, Buddhas Geburtstag, Buddhas Erleuchtung und Buddhas Tod, Mahaparinirvana, Buddhas Eingang ins endgültige Nirvana gefeiert. Alles in einem, ein kompakter Dreifachfeiertag. Nach dem Nepali Kalender Bikram Sambat wird Buddha heute, am 18. Baisakh 2083 2570 Jahre alt. Er hat einen beweglichen Geburts-, Erleuchtungs- und Todestag, im letzten Jahr feierte er am 29. Baisakh 2082 = 12. Mai 2025. Vorletztes Jahr ging die Baisakh-Purnima-Regel nicht auf. Warum? Das wissen nur die hinduistischen Götter. Buddha hatte am 10. Jeth  2081 / 23. Mai 2024 Geburtstag. 2024 AD war ein Schaltjahr und der Februar einen Tag länger. Bikram Sambat kennt alle 32 Monate und 16 Tage einen Schaltmonat - Adhik Mas, den zusätzlichen Monat "ohne besondere Anlässe" - damit werden Mond- und Sonnenkalender wieder etwas angeglichen. Tatsächlich war Shrawan 2080 ein Adhik Mas. Mag sein, dass dadurch etwas wieder auf Spur gebracht wurde, während anderes etwas entgleiste. 

Die Newari nennen den heutigen Tag Swanya Punhi und das bedeutet in ihrer Sprache der Blumenvollmond. Die Newari haben nicht nur eine eigene (Bilder-)Sprache und einen eigenen Kalender (Nepal Sambat, aktuell sind sie mitten im Jahr 1146), sondern auch, wie könnte es anders sein, und eigene Monatsnamen. Der Nepali Monat Baisakh heißt in Newari Bachhala.  

Die Kirati (bei denen wir kürzlich zu Besuch waren) feiern heute Chandi Purnima und Ubhauli (oder Urvyaului Parba - ach dieser Sprachen ... ). Auch sie haben ihren eigenen Kalender, den Yelam Sambat, und der zeigt aktuell das Jahr 5086. Chandi Purnima bezieht sich natürlich auch auf den Vollmond und Lord Buddha, ist aber ein Landwirtschaftsfest, feiert den Beginn der Saat- und Ackersaison, erbittet den Segen für eine reiche Ernte. Ubhauli markiert den Start nach oben, wenn Bauern, Korn und Vieh in höhere Regionen ziehen, um der sengenden Hitze im Tarai zu entgehen.

In Gotikhel, Lalitpur schließlich wird heute zum Ende des heiligen Bademonats Baisakhsnan Sampati  ein letztes spirituell reinigendes Bad im Baitarni Fluss genommen: Baitarnidham Snan! Dieses Bad soll ultimativ alle alten Sünden abwaschen!

Ein wahrlicher bedeutungsschwangerer Tag in Nepal. Ganz am Schluss folgt in der Aufzählung der vielen Festivitäten in meinem nepali calendar noch in englisch: World Workers Day! Alles in rot. Public holiday. Kein bike, keine Schule, alle shutters offen.

Donnerstag, April 30, 2026

Sri Narasimha Jayanti

Shukla Chaturdashi - der vierzehnte Tag des zunehmenden Mondes. Die Hindus feiern नरसिंह - Narasimha, die vierte der zehn Hauptinkarnationen, der दशावतार - Dashavatara Vishnus. Lord Narasimha ist, was sein Name sagt: halb Mann, halb Löwe. नर - nar für männlich(er Mensch) und सिंह - simha für Löwe.

Narasimha Jayanti ist Narasimhas Geburtstag. Er erschien hienieden in der Abenddämmerung von Shukla Chaturdashi im Monat Baisakh, deshalb sollen gläubige Hindus heute bis Sonnenuntergang auf Getreide, Fleisch und schlechte Gedanken verzichten.

Der Legende nach hatte Narasimha die Aufgabe, seinen treuen Anhänger Prahlada vor dessen mächtigem Vater Hiranyakashipu zu beschützen. Hiranyakashipu war ein Dämonenkönig und der Erzfeind Vishnus, seit Varaha, die dritte Inkarnation Vishnus, seinen jüngeren Bruder tötete. Durch strenge Bußübungen erlangte Hiranyakashipu von Lord Brahma einen besonderen Segen, der ihm unendliche Macht und quasi Unsterblichkeit verlieh: so konnte er nicht getötet werden von einem durch Brahma erschaffenen Lebewesen (weder Halbgott, Dämon, Mensch oder Tier), weder drinnen noch draußen, weder tags noch nachts, weder auf Erden noch im Himmel, weder durch eine Waffe noch ein lebendes oder lebloses Wesen. Hiranyakashipu hasste seinen Sohn Prahlada und versuchte ihn zu töten, weil er Vishnu verehrte.

Vishnu inkarnierte sich in Gestalt von Narasimha, als halb Mensch-halb Löwe (dies ist weder ein Mensch noch ein Tier). Narasimha tötete den Dämon Hiranyakashipu am Abend (dies ist weder Tag noch Nacht) unter der Tür auf der Schwelle zu einer Versammlungshalle (dies ist weder drinnen noch draußen), indem er ihn im Schoß hielt (dies ist weder Erde noch Himmel) und seinen Leib mit seinen Krallen zerriss (dies ist weder eine Waffe noch ein lebendes oder lebloses Wesen). So bezwang Narasimha den Dämon trotz des besonderen Schutzes Brahmas.     

Heute früh versammelten sich so viele gläubige und festlich angezogene Hindus rund um meinen kleinen Haustempel, wie ich hier noch nie gesehen haben. Sie feierten eine अभिषेक - Abisheka. Verehrten Shiva und Parvati, Vishnu und beteten zu Narasimha, er möge sie von allen Gefahren und Turbulenzen auf dem spirituellen Weg bewahren, sie empfingen selbst Segen vom Priester, besprengten das Lingam mit Wasser, Milch, Honig und Ghee. Eine panche baaja spielte auf, Feuer wurde gemacht. Am Mittag war alles vorbei. Der Himmel hatte ein Einsehen, der Regen setzte erst am Nachmittag ein.

Mittwoch, April 29, 2026

Mother Qomolangma

Die Polen machen auch hier von sich reden. Pan Bartek hat mitgeholfen, Leitern und Fixseile durch den Khumbu Eisbruch zu befestigen. Es hat sich nichts geändert in den letzten Tagen, der Eisklotz - eine instabile, etwa 30 Meter hohe Eismasse, ein riesiger Eisturm, eine Eispyramide oder auch Serac - kann jederzeit und ohne Vorwarnung abbrechen. Entweder als ganzes oder in Teilen. Trotzdem wird heute - acht Tage verspätet und, wie es heißt, auf zunehmenden Druck der "Institutionen" - die Passage geöffnet. Eine Voraustruppe, darunter auch der Pole Bartek, ist über den Serac hoch geklettert und wieder herunter gekommen. Safe, wie sie sagen: "We believe Mother Qomolangma has shown us a path to make a safe climb." Sie glauben, dass Mutter Qomolangma ihnen den sicheren Weg gezeigt hat. Manchmal bleibt in der Tat nur der Glaube an die Göttinnen. 

Qomolangma (oder Chomolungma) ist der tibetische Name für den Mount Everest. Kommt von tibetisch ཇོ་མོ་གླང་མ jo-mo-glang-ma und bedeutet Göttin Mutter dieser Erde (der Khumbugegend!). Oder des Schnees auf dieser Erde. Oder auch des Lebens in diesem Tal und auf diesem Berg. Die universal weibliche göttliche Kraft! Die Nepali nennen den Mount Everest seit 1956 सगरमाथा - Sagarmatha - auf Geheiß von König Mahendra, für den weder der uralte tibetische noch der neue britische Name akzeptabel war. सगरमाथा - Sagarmatha ist auch weiblich und bedeutet, je nach Sichtweise Göttin des Himmels oder das (Ober-)Haupt der Erde, das den Himmel berührt. Die Schnittstelle zwischen Himmel und Erde. Auch schön!

Auf dem Hill am kleinen Tempel ist die holy family wieder getrennt. Jemand hat Shiva und Parvati entfernt, zurückgeblieben ist Ganesh. Am Himmel über unseren Köpfen grummelt es den ganzen Morgen.

Dienstag, April 28, 2026

Czy będę mógł wrócić?

In Polen wird gefeiert. An der Ostgrenze, am Übergang Białowieża-Piererow nimmt Donald Tusk den seit 1860 Tagen in belarussischen Straflagern inhaftierten Journalisten Andrzej Poczobut in Empfang. Umarmt ihn, heißt ihn willkommen. Und was antwortet der sichtlich mitgenommene, abgemagerte, unbeugsame Verfechter des Wortes? 

"Czy będę mógł wrócić? Zostali tam ludzie, którzy we mnie wierzą ..." 

Werde ich zurückkehren können? Dort sind Menschen, die an mich glauben. 

Człowiek Skała - Ein Mann wie ein Fels. Oder besser Granit. Der ist anders als der Mann aus Marmor (Człowiek z marmuru, 1976) oder der Mann aus Eisen (Człowiek z żelaza, 1981). 

Montag, April 27, 2026

we don't teach females ...

... they learned anyway!

In Biratnagar, wo wir kürzlich waren, im südöstlichen Tarai, haben sich die Frauen durchgesetzt. Zwei Jahre lang nervten sie die Beamten im metropolitan office, bis Geld bewilligt und Räume zur Verfügung gestellt wurden, damit auch sie, nicht nur die Männer, traditionelle Instrumente spielen lernen konnten.

नौमती बाजा - Naumati baja ist ein nepalesisches Musikensemble aus 9 Instrumenten: नौ - nau ist die Zahl 9 und बाजा - baja sind die Instrumente. Naumati Baja besteht aber nur aus 6 verschiedenen Instrumenten, 3 sind doppelt vertreten: 2 Narsingha in Ost- und Zentralnepal (lange Horntrompete in der Form eines C) oder 2 Karnal im Westen Nepals (mehr als 1 Meter lange, gerade Trompete mit Schallbecher) , 2 Damaha (große Kesseltrommel), 2 Sanai (Folklore Oboe), je eine Tyamko (kleine Kesseltrommel), Dholaki (Trommel) und Jhyali (Cymbal).

नौमती बाजा - Naumati baja ist die erweiterte (lautere, wie ich lese und festlichere) Form von पञ्चे बाजा - panche baaja, das Ensemble aus fünf Instrumenten. पाँच - pac für 5 und बाजा - baja sind wie gehabt für Instrumente. Beide Ensembles treten bei Hochzeiten und religiösen Festen auf, die Musiker sind traditionell natürlich Männer und gehören den untersten Kasten der Damai oder Gaine, der untouchable - der Unberührbaren an. 

Und da kommen Frauen und wollen auch! Nur weil sie sich in Itahari auf einer Hochzeit prächtig amüsiert hatten. Ihnen wird gesagt, dass selbstverständlich keine Chhetri- oder Bahun-Frau Musik mache. Und sie werden hingehalten, abgewiesen, ausgelacht ... aber sie sind stur und entschlossen, etwas aus ihrem eigenen Leben zu machen. Sie finden einen Lehrer, werden unterstützt, lernen, lachen, freuen sich. Musik diene auch dem Stressabbau, sagen sie, dem sozialen Miteinander, dem gegenseitigen Aufmuntern und Motivieren. Ganz zu schweigen von dem, wenn auch vorläufig bescheidenen, Einkommen, das die Trommlerinnen und Trompeterinnen nebenher generieren. 

In Biratnagar wird die Tradition gerade umgekrempelt. Durch Frauen, who refused to stay silent. 

Sonntag, April 26, 2026

Januskopf

Bei der Luftqualität (AQI - Air Quality Index) ist Kathmandu wieder an der Weltspitze angekommen. Offiziell 192, bei uns auf dem Hill, in Golfutar 205 oder mehr. Im Everest Base Camp hängen seit einer Woche ein paar Hundert ausländische Bergsteiger und ihre nepalesischen Betreuer, Sherpas, Porters, Köche usw. fest. Sie können den Khumbu-Eisfall nicht queren, das immer schon schwierigste Nadelöhr auf dem Weg nach oben. Dort taut und gefriert es in einem, der Untergrund ist unberechenbar, in ständiger Bewegung. Nun drohen mehrere Eisklötze abzubrechen, wann und wohin die Eislawine ihren Weg nimmt, ist nicht abzusehen. So ist es auch nicht weiter schlimm, dass am Freitag sämtliche Morgenflüge nach Lukla ausfielen, due to weather, wie unserer nach Surkhet. Sonst würden sich im Base Camp noch mehr frustrierte Westler die Füße vertreten. Das Wetter ist kein Januskopf, es hat nicht zwei, sondern viele und vielfältige Gesichter in diesem Land.

Hätten wir rechtzeitig einen Blick auf die Regierungsseite Forest Fire Detection and Monitoring System in Nepal geworfen, hätten wir uns nicht wundern brauchen. Waldbrände sind im Tarai zu dieser Jahreszeit, in der Hitze vor dem Monsun, nichts Ungewöhnliches. Im District Surkhet sind aktuell 11 Waldbrände registriert, in Bardyia 7, in Banke 19. Dass brennende Wälder und Felder wesentlich dazu beitragen, dass die Luft kaum zum Atmen ist, wissen wir. Aber bislang war das ein theoretisches Wissen. Noch nie hat uns ein Flächenbrand persönlich betroffen. In unserer unmittelbaren Umgebung wird zwar ständig gezündelt,  im Winter, um die Hände zu wärmen und das ganze Jahr über, um den Müll loszuwerden. Ich habe mich aber immer schon gefragt, warum diese Feuer in den engen Hinterhöfen nie einen ordentlichen Hausbrand entfachen. 

Feuer ist also nicht der Rede wert. Feuer handeln die locals gekonnt und tragen dessen Konsequenzen mit stoischer Gelassenheit. Eis aber ist der Rede wert. Denn am Eis - an der Passage durch den Khumbu-Gletscher - hängt das (einzig) lukrative Geschäft des Bergsteigertourismus.

Samstag, April 25, 2026

Bardiya Nationalpark

Vorgestern wären wir in Karnali angereist, gestern hätte Wissenschaft für W auf dem Plan gestanden, für mich sightseeing und loneliness. Heute wären wir zusammen auf Safari im Bardiya Nationalpark und bestaunten seltene Wildtiere wie Asiatische Elefanten, Bengaltiger, Schweinshirsche oder Barasingha-Hirsche, Hirschziegenantilopen, Ganges-Gaviale, Sumpfkrokodile oder Panzernashörner - so sie denn unseren Weg kreuzten. Leoparden, Wildschweine, Muntjaks. Wir hörten mit etwas Glück den Gesang seltener Vogelarten, sähen einen Saruskranich schreiten, oder eine Flaggentrappe, den Gangesadler auffliegen ... und so weiter und so fort. Aber wir sind nach unseren beiden ausgedehnten Ausflügen zum domestic airport nur wieder zu Hause gelandet. Zu unserem Besten!

Denn heute lese ich in der Zeitung, dass im Bardiya Nationalpark seit zwei Wochen der Sal-Wald brennt, bereits mehr als 20 % der Gesamtfläche stehen in Flammen. Der Brand entstand in den nördlichen Chure-Hügeln und breitet sich aufgrund anhaltender Trockenheit nach Süden und Osten aus. Die Rauchentwicklung ist massiv und belastet umliegende Siedlungen. Das hat uns niemand verraten. Auch nicht die Ranger, die wir - typisch deutsch! - rechtzeitig vorab angefragt hatten für eine Ganz- oder Halbtagesführung. 

Vielleicht ist deshalb der Flughafen Surkhet seit Tagen wegen schlechter Sicht geschlossen. Auch das hat uns keiner verraten. Bei uns auf dem Hill kam letzte Nacht kühler Wind auf, es regnete, blitzte und donnerte heftig. Und gerade ist das nächste Gewitter mit Starkregen über unsere Köpfe gezogen. 

Freitag, April 24, 2026

Surkhet Zwei

Wir haben wenig geschlafen und starten zum zweiten Versuch. Umgebucht auf den Frühflug, brechen wir um 6 Uhr erneut auf. Gepackt wie gestern. Gelaunt gemischt. Haze auch in Kathmandu. Air pollution very high

W soll um 11 Uhr auf der Internationalen Konferenz der Mid-West University zu diesem Thema sprechen.

11:38 Uhr: back home! Diesmal ohne Rundflug. Vier Stunden in der Departure Lounge verbracht, gefrühstückt, beim ersten und zweiten Espresso auf die Anzeige "delay due to weather" gestarrt, bis sie auf "cancelled" wechselte, Surkhet Airport ist closed und wird es vielleicht noch lange bleiben! Das abgefertigte Gepäck wieder im Empfang genommen, nach Hause gefahren und Koffer ausgepackt.  

Heute ist der 11. Baisakh, also Loktantra Diwas. Tag der Demokratie. Genauer: der 20. Jahrestag der Demokratie. Kein public holiday, oder doch? Ich weiß es nicht. Die zweitägige Reise an Ort und Stelle hat mich erschöpft.  Loktantra Diwas erinnert an die "Zweite Volksbewegung" - लोकतन्त्र आन्दोलन Loktantra Andolan, am 11 Baisakh 2063 (= 24.4.2006). Sie beendete vor 20 Jahren in 19 Tagen die autokratische Herrschaft von König Gyanendra, stellte das 2002 von diesem aufgelöste Parlament wieder her, bereitete den Weg zur Abschaffung der Monarchie und Ausrufung einer demokratischen Republik. 

Donnerstag, April 23, 2026

Surkhet

Nachdem nun rundum Ruhe eingekehrt ist - ein Rücktritt aus freien Stücken ist etwas anderes als ein Rauschmiss - verlassen wir den Hill für ein paar Tage. Wir fliegen am Mittag etwa 600 km nach Westen. Wie immer verwirren die Namen. Das Ziel, der Flughafen heißt SKH - Surkhet, die Stadt वीरेन्द्रनगर - Birendranagar. Der Flughafen ist nach dem Distrikt benannt, die Stadt aber, zu der er gehört und in der er liegt, hat ihren Namen von König वीरेन्द्र वीर विक्रम शाह - Birendra Bir Bikram Shah Dev bekommen, der 2001 zusammen mit fast allen seinen königlichen Verwandten vom eigenen Sohn erschossen wurde. Surkhet ist das Distrikt, Surkhet Jilla - सुर्खेत जिल्ला und liegt in einem Talkessel im südlichen Teil der Provinz Karnali, कर्णाली प्रदेश - Karnali Prades. Also im heißen Tarai. Birendranagar ist die Hauptstadt der Provinz Karnali. Und Karnali sowie den Karnali Fluss liebe ich aus der kühlen Ferne, seit ich Karnali Blues gelesen habe. 

20:42 Uhr: wir sind wieder auf dem Hill angekommen.

Nach einem excellenten Abendessen im Walnut Bistro. Wir haben den ganzen Tag nichts gegessen außer einer warmen Zimtschnecke.

Nach einem beeindruckenden turnaround über Nepals Westen, einmal KTM - SKH und zurück. 

Nachdem der Flugkapitän kurz nach 17 Uhr die Reiseflughöhe nicht verließ, sondern die Maschine um 180° wendete, so dass alle schneebedeckten Gipfel über den Wolken plötzlich die Seite wechselten und mich kurz die Sonne blendete. Der Pilot aktualisierte seine letzte Durchsage: wir würden in ca 35 Minuten in Kathmandu landen. Surkhet sei wieder geschlossen.

Nachdem der Flugkapitän kurz vor 17 Uhr persönlich die Durchsage machte, man möge die Anschnallzeichen beachten, wir würden die Reiseflughöhe nun verlassen und in 25 Minuten in Surkhet landen. 

Nachdem wir die Buddha-Air-Maschine am domestic airport in Kathmandu erleichtert und fröhlich mit knapp zwei Stunden Verspätung doch besteigen durften.

Nachdem wir seit 13 Uhr vor den domestic-Schaltern in KTM vom freundlichen Bodenpersonal vetröstet wurden, Sukhet sei wegen schlechten Wetters (haze, schlechte Sicht) geschlossen, aber alle hofften, das der Flug später (bis maximal 17 Uhr müssten wir noch Geduld haben) durchgeführt werden könne. Die auf die Morgenmaschine (7:30 am) gebuchten Pasagiere würden alle auch noch warten.

Nachdem wir das Haus auf dem Hill kurz nach 12 Uhr kompakt gepackt und frohen Mutes verlassen hatten.

Mittwoch, April 22, 2026

Der Buhmann

Der Bodhibaum hat nun wieder alle Blätter verloren. Das war schon letztes Jahr so. Ich habe gelernt, dass hier die Bäume im Frühjahr die Blätter verlieren, und erschrecke darüber nicht mehr. Denn sie kommen bald wieder. Am Morgen besucht mich am Tempel ein Affe, beäugt mein Tun kritisch und klettert dann hoch in den Laxmibaum. Die Krähen warnen und kreischen.  

Am Nachmittag tritt der Innenminister zurück. Seine Amtsgeschäfte übernimmt stellvertretend vorübergehend der Premierminister. 

Dienstag, April 21, 2026

Der Milchmann

Alles wird teurer, von Tag zu Tag, Woche zu Woche. Das Trinkwasser, die Bananen, der Kaffee, die Gerichte auf der Speisekarte von Sukunda ...   

Nur mein Joghurtmann, der eigentlich ein Milchmann ist, verkauft open dahi nach wie vor zum selben Preis, seit ich bei ihm kaufe. 

Die neue Regierung ist noch keinen  Monat im Amt. Der Arbeitsminister wurde wegen Vetternwirtschaft letzte Woche entlassen, ohne großes Brimborium. Seine Kollegin im Gesundheitsministerium verwarnt. Weil sie die Vetternwirtschaft nicht verhindert bzw zugelassen hat. Still und leise. Lauter geht es zu und her rund um den Innenminister, der in der ersten Nacht seiner Amtszeit seinen Vorgänger sowie den Ex-PM verhaften ließ. Er schreite zügig zur Arbeit, verkündete er in den sozialen Medien und postete dazu ein Foto von sich, schlafend auf dem Sofa im Büro. Nun liegen seine Besitzverhältnisse offen und werfen Fragen auf. Er beantwortet sie ua mit selbstgeschaffenen bonmots. Es sei keine Sünde, arm geboren zu werden, aber eine Sünde arm zu sterben. Seinen Reichtum habe er vor Antritt seines politischen Amtes "angehäuft". Durch kluge Investitionen. Er werde aus seinen Fehlern lernen. Die Kritiker entgegnen zu recht, dass das Innenministerium kein Ort für learning by doing sei. Nun will er studieren. Rechtswissenschaften. Denn, auch das sagt er sozusagen vor laufender Kamera, er habe gedacht, er sei der mächtigste Mann im Staat. Und müsse nun begreifen, dass die Justiz über ihm stehe. 

Auch die Plastiktüten werden aus dem Alltag und der Umwelt verschwinden. Denn es fehlen die Rohstoffe zur Produktion derselben. Wie die Nepalis demnächst ihre tägliche Milch kaufen, werden wir sehen.

Montag, April 20, 2026

Der Reisweg

Weiter im Text: Der Reis, den wir im Kathmandu Valley täglich verzehren, ist laut einer neuesten Studie "angereichert" mit bis zu 11 verschiedenen Pestiziden, darunter Fungizide, Insektizide und Rodentizide. Letzteres sind spezielle Nagergifte, die Antikoagulanzien enthalten, also blutgerinnungshemmende Stoffe. Die Ratten, die man damit bekämpft, verbluten innerlich. Jämmerlich!

Die Studienmacher untersuchten Reis, der in den drei Distrikten Kathmandu, Bhaktapur und Lalitpur angeboten wird. In der capital city konsumieren wir den weitaus giftigsten Reis: darin finden sich Azoxystrobin, Chlorpyrifos, Clothianidin, Difenoconazole, Imidacloprid, Malathion, Paclobutrazol, Propiconazole, Tebuconazole, Thiamethoxam, Tricyclazole. Basmati-Reis ist im Vergleich zu nicht-Basmati-Reis doppelt so hoch kontaminiert. Die Erklärung ist simpel, sagen die Fachleute: Basmatireis lässt sich zu einem höheren Preis verkaufen, weist aber eine geringere Resistenz gegen Schädlinge auf. Also verdoppeln die Reisbauern die Dosierung der Pflanzenschutzmittel und wenden sie häufiger als empfohlen an. 

83 % der Proben enthalten Pestizide, davon 80 % zwei oder mehr Arten. Unter den 11 gefundenen Pestiziden übersteigen Tricyclazole, Thiamethoxam und Tebuconazole die Höchstgrenzen, die beispielsweise in der EU gelten, um ein Vielfaches. Nachgewiesen werden Konzentrationen von 5,09 Mikrogramm bis 312,54 Mikrogramm pro Kilo Reis. Außerdem sind in den Reiskörnern verbotene Substanzen wie Chlorpyrifos, Alpha-Cypermethrin und Profenofos enthalten.

Ich muss das alles nicht im Detail verstehen, weder die Bedeutung der Wörter noch die toxische Kurz- und Langzeitwirkung dieser Chemikalien. Ungesund ist Reisessen allemal. Der Mond hingegen hat sich gestern abend zum ersten Mal wieder am Himmel gezeigt. Liegend wie eine Schaukel.

Sonntag, April 19, 2026

Der Milchweg

Es ist heiß geworden. Auch nachts. Es gibt hier keine Übergänge. Keine Schonfristen. Wir haben uns von den Winterdecken verabschiedet. Sie liegen von einer Nacht zur nächsten plötzlich unerträglich schwer auf den müden Leibern und müssen in den Schrank!

Die Bäuerinnen in den Dörfern rund um Kamalamai nennen ihre schwarz-weißen Kühe "korean cows". Es gibt aber keine koreanischen Kühe. Es sind Holsteiner Kühe! Die Dörfer gehören wie die Stadt zum Distrikt Sindhuli und liegen im südöstlichsten Zipfel der Provinz Bagmati. Also gar nicht so weit weg von mir. Im Dezember 2022 kamen im Rahmen des Projekts zur Förderung der Milchproduktion in Nepal mit dem schönen Namen "milky way" 101 Holstein-Färsen und acht Holstein-Zuchtbullen aus Südkorea nach Nepal. Deshalb sind es im Volksmund korean cows. 80 dieser Tiere landeten im Distrikt Sinduli. Am 6. Februar 2024 wurde das erste Holstein-Kalb in Nepal geboren und "Gamsa" (= danke in koreanisch) bzw धन्यवाद (= dhanyavad, danke in nepali) genannt. 

Neuerdings heißen die Holsteiner Hochleistungsviecher in Sinduli "AI cows", denn statt einer Kuhglocke tragen sie einen Sensor um den Hals. Der bimmelt nicht, sondern liefert den Bäuerinnen - es sind immer Frauen, die solche Haus-und-Hof-Arbeiten verrichten - nicht nur den genauen Standort, sondern auch Daten zur Gesundheit, zum Fress-, Trink-, Kauverhalten, zu Bewegungs- und Ruhephasen usw in real time aufs Smartphone. Damit soll die Arbeit erleichtert und die Milchproduktion gesteigert werden. Die ladies sind begeistert. Eine erzählt, sie verdiene nun netto monatlich das zweieinhalbfache ihres Gatten, der als Securityguard an einer Schule arbeite. Früher hielt sie 3 "local cows", die zusammen pro Tag 24 Liter Milch gaben. Nun hat sie zwei Holsteiner alias "korean AI cows", die pro Tag zusammen 60 Liter Milch produzieren. Eine Holsteiner, rechnet sie uns vor, entspreche ungefähr 5 local cows. 

Die einst 80 Tiere sind in Sinduli mittlerweile auf 123 angewachsen, davon sind aktuell 11 trächtig. Die Herde gedeiht! "For us", sagt die Bäuerin, "Holstein is hope."

Samstag, April 18, 2026

Wegbereiten

Samstag. Wochenende. Und ich steige wie jeden Tag früh auf mein Trampolin. Morningroutine. Am Tempel sind viele fromme Frauen, die Shiva mit Wasser, Blumen, Früchten, Bändern und stillen Gebeten verehren. Das ist immer so am Samstag. Weil Wochenende. Oder weil Samstag. Wer will das schon wissen. Heute stört die Ruhe ein Bagger, der pünktlich um 6:30 am  die halbfertige Straße unter dem Tempel hoch brummt. Hinter ihm ein Lastwagen, der lange röhrt und spult beim Versuch zu wenden. Damit die leere Ladefläche zum Bagger zeigt und dieser sie füllen kann. Kurz vor 7 am ziehen sie wieder ab. Der Kiesberg, der einst, vor fast einem Jahr, aufgeschüttet wurde damit, wie ich damals annahm, die Straße zu Ende gebaut werden kann, und der in der Zwischenzeit von allerlei Grünzeug, halben Bäumen überwuchert war, ist entfernt. Mit drei vollen Schaufelladungen auf die leere Ladefläche gekippt. Und fertig ist die Sache. Der Trampelpfad, den die Schulkinder und alle Mütter mit Kindern auf dem Rücken oder Gras für die Kühe im Laufe der Zeit um den Hügel herum festgetrampelt haben, ist nun verschwunden unter der Erde, die die Baggerschaufel zuletzt unordentlich darüber geschoben hat. Die Straße ist nicht fertig, nur der Durchgang wieder frei, und das Material zur Fertigstellung derselben abtransportiert.

Samstag, 5. Baisakh. Der letzte Tag von Biska Jatra in Bhaktapur. Die Neujahrsfeierlichkeiten enden so, wie sie begonnen haben: mit einem von begeistertem Jubel begleiteten Tauziehen zwischen Thane und Kwone. Danach kehren die Götter wieder dorthin zurück, wo die Menschen sie hergeholt haben und Ruhe kehrt ein.

Nachtrag: Vor zwei Tagen fand das erste Frauen-Tau-Ziehen in der Geschichte der Biska Jatra statt: Die sisters zogen mit vereinten Kräften den Wagen der Göttin Bhadrakali Devi. Hin und Her. Im Wettstreit zwischen der einen und der anderen Seite. Das Newari-Neujahrsfest ist ein einziges lachendes Hin und Her. Zwischen alt und neu, oben und unten, gut und bös. Das Gute, das ist die Gute Nachricht des Tages, siegt immer. Egal, auf welcher Seite es gerade steht.

Freitag, April 17, 2026

Neumond

Neumond in dieser Minute: 17:36 local time. Muttertag seit dem frühen Morgen. Er folgt in Nepal, anders als das Neujahr, dessen Festivitäten in Newarigemeinden immer noch im Gange sind, nicht der Sonne, sondern dem Mond. Der nepalesische Muttertag, माता तिर्थ औंसी - mata tirthi aunsi oder आमाको मुख हेर्ने दिन - aamako mukh herne din, ist nicht fest, sondern beweglich. Er fällt immer auf den Neumond im Monat Baisakh, also auf den ersten Neumond im nepalesischen Bikram Sambat Kalenderjahr. Wir hatten ihn hier schon, den Tag, den das Gesicht der Mutter prägt, vor etwas mehr als einem Jahr. Alles wiederholt sich unweigerlich. Wer keine Mutter (mehr) hat, pilgert heute zum Muttertagspilgersee, zum Matatirtha-Kund in Chandragiri, südwestlich von Kathmandu. Der Legende nach kam einst ein armer Viehhirte an diesen Teich und weinte um seine verstorbene Mutter. Als er in das Wasser blickte, erschien ihm darin ihr Gesicht. Seither kommen sie zu Tausenden, bringen Milch, Wasser, Reis und Blumen, waten duch den Teich und glauben fest daran, dass sie an diesem Ort mit der Mutter verbunden sind.

In Bhaktapur ist heute Sagun Jatra. Alle wichtigen Göttinnen und Götter werden aus den Tempeln und Shrines befreit und auf die Straßen, die Gassen, die Hinter- oder Vorderhöfe an die Sonne gestellt und bewirtet. Mit traditionellen Speisen wie Wo oder Bara (= herzhafter Linsenkuchen). Aber auch mit Eiern, जुजु धौ - Juju Dhau (Königsjoghurt aus Büffelmilch) oder Fisch.

Wir feiern unseren bescheidenen neunzehnten 17. Tag des Monats Anno Domini in diesem Land am Abend auf dem Dach mit dem bereits traditionellen Gläschen Baron d'Arignac

Donnerstag, April 16, 2026

Judhaunu Jatra

Ein weiteres Wettrennen oder Kollidieren. Gegenüberstellen. Die Khats von Mahakali und Mahalaxmi treffen heute in Bhaktapur aufeinander.  जुधाउनु - Judhaunu bedeutet kämpfen oder neutraler: aufeinandertreffen, gegenübertreten oder -stellen. Von Angesicht zu Angesicht bringen. Heute stehen sich also die beiden Göttinnen, Mahakali (die furchteinflößende große Kali, die höchste Göttin der Zeit, der Zerstörung und der Befreiung) und Mahalaxmi ( "meine" große Laxmi, die höchste Göttin des Wohlstands, des Glücks sowie der Schönheit und Fülle) gegenüber. Ihre Wagen werden den ganzen Tag feierlich durch die ganze Stadt gezogen.  

Mittwoch, April 15, 2026

Sindur Jatra

Sindur Jatra - oder das rote Fest von Thimi am zweiten Tag des neuen Jahres, am 2. Baisakh. Wir kennen die Zutat schon, die den heutigen Vormittag dort prägt: सिन्दूर - Sindur, das bleiversetzte Vermillion. Zinnoberrotes Riesengaudi in der Stadt, von 7 Uhr bis zum Mittag wird सिन्दूर - Sindur säckeweise in die Luft geworfen. Es symbolisiert Macht, Reinheit und den Frühlingsbeginn. Ich erkläre mir das so, dass durch den Ozean von Rot oder eher Orange bis Gelb das ganze Sonnenaufgangsspektrum bis zum Mittag anhalten darf. In das Farbenmeer tauchen dann mindestens 32 खट - Khats, tragbare Tempel mit den wichtigsten Gottheiten. Sie werden aus den verschiedenen Stadtteilen ins Zentrum zum Balkumari Tempel getragen. Begleitet von धिमय् - dhime, den typischen Newaritrommeln und Zimbeln. Den Höhepunkt bildet Lord Ganesh. Sein Khat wird von Nagadesh ins Zentrum gebracht und natürlich wollen ihn alle anderen Khats bzw Götter daran hindern, ans Ziel zu kommen. Ein nochmaliges Tauziehen beginnt, oder eher ein im-Weg-Herumstehen, den Durchgang behindern oder versperren, das Vorwärtskommen verunmöglichen. Darin sind Nepalis im täglichen Leben Weltmeister. Aber bei der Sindur Jatra geht es nur darum, das Ende des Festivals hinauszuzögern. Denn Ganeshs Ankunft in der Balkumari Tempelanlage bedeutet unweigerlich das Ende dieses unglaublich freudigen Sonnenaufgangsverlängerungschaos:

https://www.youtube.com/watch?v=Rs06HWamxJ8

https://www.youtube.com/watch?v=Jiq9Bc6O220

Dienstag, April 14, 2026

Der erste Tag des Jahres

नयाँ वर्ष - Naya varsa. Neujahr nach dem nepalesischen und hinduistischen Solarkalender. मेषा संक्रान्ति - Mesha Sankranti. Die Sonne ist aus dem Sternbild Fische मीन - min (Pisces) in das Sternbild Widder मेष oder मेष राशि - mesh oder mesh rashi (Aries) eingetreten und beginnt einen feurig aufgeladenen, frischen, klaren energetischen Zyklus. Deshalb ist heute मेष राशिको संक्रांति - Mesh Rashiko Sankranti. Oder मेष राशिको लागि संक्रान्ति - Mesh Rashiko laghi Sankranti. Das Aries-Sankranti, oder Aries Solstice. Sprache ist fast so unberechenbar wie Zeit. 

Heute endet Kharmas, der Zeitraum seit Eintritt der Sonne in die Fische, der als energetisch schwach und uninspiriert gilt. Deshalb sollen alle Aktivitäten, die (materielles) Glück erfordern (wie Hochzeiten, Hausbau oder Geschäftsgründung) ruhen. Man widmet sich in dieser dümpelhaften Zeit, die ungefähr einen Monat dauert, besser der inneren Einkehr und äußeren Wohltätigkeit. Wie das mit der Vereidigung der neuen Regierung einher ging, weiß ich nicht. Denn erst ab heute vergeben die Astrologen wieder wahrhaft auspicious (glückverheißende) Termine. An meiner Wand hängt der neue bunte Kalender. Er zeigt auf dem ersten Blatt बैशाख २०८३ - Baisakh 2083, darüber Shiva, Parvati und Ganesh, holy family zum Neuen Jahr. Der Lauf der neuen Zeit beginnt natürlich mit १. - dem 1. in Rot, denn public holiday.

Der pretender hat seine Neujahrsbotschaft im Netz platziert. Präsident Paudel, Vize-Präsident Yadav, PM Shah, Ex-Interims-PM Karki,  Ex-Präsidentin Bhandari und viele andere wünschen über diverse Kommunikationskanäle ebenfalls nur das Beste, Erfolg und Glück. Alle rufen zur nationalen Einheit auf. Zu vereinten Anstrengungen, das Land vorwärts zu bringen. In diesem Sinne grüßen sie auch die kleinen und großen Gemeinschaften im Tarai und Valley, die heute Judshital, Satuwain, Siruwa Pawani, Bisu Parba usw, oder eben in Bhaktapur (und Thimi und anderswo) Biska Jatra feiern. 

In Bhaktapur versammeln sich die Gläubigen seit dem frühen Morgen in Chupinghat und Lyasingkhel und verehren Bhairav, Bhadrakali, Betal und den Pfahl - Yosin Dyo, rhythmisch angetrieben von Trommeln, Schellen und Becken. Betal bekommt sein Tieropfer - einen Hahn. Am Abend darf Yosin Dyo kontrolliert fallen - natürlich erst nach einem erneuten Tauziehen. Die Wagen werden zurück nach Ga:hiti gezogen. Auch sie sollen möglichst kontrolliert miteinander kollidieren, so will es das Ritual und die Tradition der Sangam Jatra, in Newari Dyo Lwakigu Jatra genannt. 

Hier eine heitere Langform des Lingo Dhaleko, des zeremoniellen Tauziehens um Yosin Dyo (er fällt ungefähr bei Minute 49).

Happy Biska Jatra 2083 from Thimi

Happy Biska Jatra 2083 from Siddhikali-Temple in Thimi!

Happy Biska Jatra 2083 from Thimi

Montag, April 13, 2026

Der letzte Tag des Jahres

३०. चैत्र - 30. Chaitra. Der letzte Monat des Jahres 2082 geht zu Ende. Das schiefe Parking ist zum ersten Mal seit vielen Tagen wieder gut gefüllt. Es wird seit 9 Uhr gearbeitet.

Die sogenannten Bürgersteige (Gehwege: पैदल मार्ग - paidal marg, von पैदल = zu Fuß und मार्ग = Gasse, kleiner Weg, Durchgang; oder फुटपाथ - futpath wie footpath, sidewalk oder pedestrian path) beidseits der Golfutar sind nur zum Teil wieder begehbar. An manchen Stellen sind die Löcher ebenerdig aufgefüllt, an anderen werden sie gerade frisch ausgehoben, viel breiter, länger und tiefer als je zuvor. Der Aushub liegt ordentlich daneben aufgehäuft. Und wir, die wir zu Fuß unterwegs sind, haben keine andere Chance, wir müssen auf die wuselige Straße ausweichen.  

Am Morgen wird in Bhaktapur am Potterysquare Kumale Tole in Talako der Yosin Dyo aufgerichtet, ein 55 Handlängen langer Pfahl ohne Griffe. Den ganzen Tag über finden tantrischen Rituale statt und am Abend wird der Yosin Dyo nach Lyasingkhel umgesetzt. Der Pfahl symbolisiert den Abschied vom alten Jahr und den Beginn des Neuen. Geschmückt ist er mit zwei Fahnen, Bir Dhwaja und Bishwo Dhwaja die auf keinen Fall unterwegs gelöst werden dürfen, denn sie bedeuten den Übergang vom alten ins neue Jahr. Damit er nicht umfällt, wird Yosin Dyo am endgültigen Standort, in Lyasingkhel mit 8 Seilen aufgerichtet und befestigt. Die Seile symbolisieren Ashta Matrika - die acht Mutter-Göttinnen. In der Nacht versammeln sich um Yosin Dyo, so der Volksglaube, die Navadurga Göttinnen, also die 9 Manifestationen der Göttin Durga. Auch der Wagen Bhairavs und Bhadrakalis wird heute nach Lyasingkhel gezogen.

Hier ein Biska Jatra Special, wie der Yosin Dyo in Bode vor dem Mahalaxmi Tempel aufgerichtet wird. Ganz schön schweißtreibend. Und fröhlich!

In Bhaktapur dauert es länger, bis der Pfahl steht! Der Jubel ist umso größer. 

Der heutige Festtag gilt als "enemy-destroying festival" - der Tag der Vernichtung der Feinde. Damit sie nicht mit ins neue Jahr kommen. 

Die Ungarn haben gestern gewählt. Nach dem Beispiel Nepals. Die alte Garde abgestraft, eine Zweidrittelmehrheit für die Demokratie.

Sonntag, April 12, 2026

Schlachtfest

Der erste freie Sonntag, seit wir in Nepal leben. Das Müllauto sei da, teilt der Community Manager um 06:48 Uhr auf Viber mit. Man möge bitte umgehend den Abfall rausstellen. Es kommt sonst immer montags. Auf der rechten Golfutar-Seite werden die Gräben im Bürgersteig, die seit Wochen aufgerissen sind, seit die Erdkabel verlegt wurden, zugeschüttet und die alten Platten wieder so schief wie eh und je verlegt. Überall - außerhalb der Municipalitiy - wird emsig gearbeitet. Kein Bike auf dem schiefen Parking. Dafür räumt der Mönch persönlich am benachbarten Tempel auf. Reißt Unkraut aus, entfernt Wildwuchs am Zaun. Seine Frau kehrt die Feuerstelle leer. Siebt die Asche. Was brauchbar ist (als Dünger?), kommt auf den Grasfleck. Alles andere landet dort, wo alles landet, was nicht brauchbar ist. Im Dickicht. Gegenüber. Bei den Nachbarn. Jenseits des Zauns. Das restliche Laub wird in die nun leere Feuerstelle gekippt. Und wahrscheinlich demnächst, vielleicht mit Einbruch der Dunkelheit, verbrannt.  

In Bhaktapur ist derweil nach dem Ruhetag der dritte Tag von Biska Jatra im Gange. Am Bhairavnath Tempel in Ga:Hiti (dort, wo vorgestern der Umhzug endete und der Wagen abgestellt wurde) muss ein Büffel geschlachtet werden, als Opfergabe für Lord Bhairav. Das Ritual überwacht das Guthi Sansthan und verteilt das Fleisch anschließend als prasad oder in ihrer Sprache als Syakwatyakwah an die Bevölkerung.

Samstag, April 11, 2026

weiß

Meine Mutter wäre heute 100 Jahre alt geworden. Sie ist vor hundert Jahren in einem katholischen Bauerndorf im Schwarzbubenland am Sonntag nach Ostern zur Welt gekommen. Der Sonntag nach Ostern wird dort (und anderswo in katholischen Landen) als Weißer Sonntag gefeiert. Die Kinder, die alt genug sind (meist 9-Jährige) und ein halbes Jahr entsprechend vorbereitet wurden, empfangen im Sonntagsgottesdienst die Erstkommunion.

In Bhaktapur ist Ruhetag (wie im übrigen im ganzen Land: Samstag!). Nach den Anstrengungen des ersten Tages von Biska Jatra gilt der zweite Tag als "zero" day

Freitag, April 10, 2026

Biska Jatra

In Bhaktapur und Umgebung (auch in Thimi!) beginnt heute बिस्का जात्रा - Biska Jatra, das Festival zum Jahreswechsel. Es dauert neun Tage und acht Nächte, vom 27 Chaitra 2082 über das Neujahr am 1. und weiter bis zum 5. Baisakh 2083.

Am ersten Tag - heute - findet das Wagen-Tauziehen zwischen den Bewohnern der Unterstadt Kwone und den Bewohnern der Oberstadt Thane statt. Auf dem zentralen Taumadhi Platz, vor dem fünfstöckigem Tempel versucht jede Partei, den Wagen des Gottes Bhairav (Herr der Zeit, die furchterregende Manifestation Shivas, beschützt die Hingebungsvollen vor Angst und Unwissenheit) und der Göttin Bhadrakali (Göttin des Krieges und der Stärke, entstand aus dem dritten Auge Shivas um den Dämon Darika zu töten) auf ihre Seite, in ihren Stadtteil zu ziehen. Dazu nutzen sie fünf Seile, die an der Vorderseite des Wagens befestigt sind, sowie vier an der Rückseite. Dieses Tauziehen ist das Highlight des ganzen Festivals. Hier kann man sich einen Eindruck davon verschaffen, wie das vonstatten geht ... und wie es aussieht, wenn die Entscheidung gefallen ist

Wenn die Oberstadt siegt, wird der Wagen nach Dattatreya hochgezogen und später über Tamari nach Tekhaphukhu in der Unterstadt gebracht. Wenn die Unterstadt siegt, erfolgt der Umzug in umgekehrter Reihenfolge. So oder so wird der Wagen am Schluss in Ga:hiti abgestellt und dort endet das buntfröhliche Treiben des ersten Tages.

Biska Jatra: End of Day 1

Donnerstag, April 09, 2026

grau

Die einen feiern heute Gründonnerstag und steuern einen Osternachtswaffenstillstand an, die andern sind längst über Ostern hinaus und nähern sich dem Weißen Sonntag. 

Zu Füßen meines verwurzelten Laxmibaums aber hat sich die holy family versammelt. Hinter den beiden schön abgerundeten Steinen, die auch Götter symbolisieren und deshalb täglich mit Crimson versorgt werden. Ich weiß leider nicht, welche Götter diesen Steinen zugeordnet sind oder darin hausen. Vielleicht dieselben, die jetzt in Blei (oder einem bleiähnlichem Material, Leichtmetall oder Plastik) dahinter Platz genommne haben wie in einer Weihnachtskrippe. Der liegende Ganesh unter den fürsorglich geneigten Häuptern seiner Eltern, Shiva und Parvati. Noch glänzen sie alle drei in reinstem Grau. Aber bald werden auch sie ihre tägliche Portion Farbe, frische Blüten, mundgerecht zerkleinerte Bananen, Äpfel, Papayas oder Nüsse, ungekochten Reis oder anderes Getreide sowie Grashalme abbekommen. So etwas geschieht hier ohne Pomp und Getöse.

Mittwoch, April 08, 2026

grün

Auf den blauen Dienstag folgt ein grüner Mittwoch. Ab dem Mittag wird der Himmel dunkel. Es fängt an zu regnen und hört nicht mehr auf. Das ist gut so, denn im kleinen Tal zu meinen Füßen wird sofort alles grün. Ich kann zugucken, wie die Blätter aus den Bäumen schießen, wie die Sträucher wachsen und all das Grünzeug wild wuchert, das in ein paar Tagen jemand abschneidet und auf dem Rücken nach Hause trägt. So werden hier Kühe oder Ziegen gefüttert. Auch mitten in der metropolitan city

Die Kirat Völker sind Animisten. Sie glauben an die Beseeltheit der gesamten Natur, aber auch des Kosmos und des Über- und Unterirdischen, Diesseitigen und Jenseitigen und einer Geisterwelt. Das Kirat Mundhum ist ihre Bibel. Der Leitfaden für soziale Werte, spirituelle Praktiken und rituelles Wissen. Mundhum bedeutet "Kraft der großen Stärke". Was kann es besseres geben? 

Dienstag, April 07, 2026

blau

Ein klarer Morgen bricht an. Blauer Himmel! Frische Luft! Gute Sicht über die ganze Stadt bis an die gegenüberliegenden Hügel. Nachdem es die halbe Nacht geblitzt und gedonnert hat, ist nun die Atmosphäre gereinigt.

Kein einziges Bike auf dem Parking. Nicht einmal das blaue. Blau ist die Farbe der RSP (Rastriya Swatantra Party), der Partei, die mit einer komfortablen Mehrheit nun das Land regiert. Deutsch würde sie etwa Nationale Unabhängigkeitspartei heißen. Was dieser Name aber bedeutet, welche Zukunftsvision er schultert oder buckelt, weiß ich nicht. Unabhängig wovon? Jede Partei hatte während des Wahlkamps ihr Symbol, das der RSP war die Glocke, das der Kommunisten eine rote Sonne, der rote Stern für die Maosten, ein grüner Baum für die Kongresspartei. Und so weiter und so fort. Kann, wer will, hier nachgucken. Nicht jedes Symbol spricht eine verständliche Sprache. Aber die Farben der bisher Mehrheitsbildenden Parteien der Alten Männer waren durchwegs feuerrot. Auch die des Kongresses. Nun kommt Blau ins Spiel. Und die Glocke. Der Parteigründer (unser Nachbar) ist ein Medienmensch, kommt vom Fernsehen. Sein Spitzenkandidat, unser Rapper, kann mit modernen (sozialen) Medien umgehen und Massen begeistern. Für die Vereidigungszeremonie als Premierminister zog er einen Astrologen zu Rate und legte seinen Amtseid zur festgelegten auspicious time um 12:34 Uhr local time ab, in Anwesenheit von 108 Batuks, 16 buddhistischen Mönchen und 7 Muschelbläsern. Die rote Opposition ätzte, für solchen Zauber sei früher nie Zeit gewesen. Das Büro des neuen PM vermeldete, seine Familie sei sehr gläubig. So bezog sie - die Familie - denn auch erst nach erfolgter vedischer Feuerzeremonie die mit positiver Energie aufgeladene Residenz in Baluwatar. 

Nun also blau und mit Glocke. Beides Symbole des Hinduismus, aber nicht nur. Blau gilt als Wohlfühlfarbe, moderat, modern, jugendlich, neutral, aufgeschlossen. Kritiker befürchten eine "dopamine government", also eine Regierung, die über soziale Medien digitale kicks ansteuert und Suchtpotentiale bedient. Und eine Regierung, die trotz erklärter Transparenz und Offenheit, eine hidden agenda hat: Hindutva in blue - oder blau. Blau als Vorhang oder Hindutva durch die Hintertür. Für Blauäugige. Mit König (einem jungen oder dem alten pretender) würde daraus wieder das Alleinstellungsmerkmal: die einzige Hindu-Monarchie im Himalaya.

Montag, April 06, 2026

Itahari

Natürlich regt sich sofort Widerstand gegen die verwegene Idee einer 5-Tage-Woche, bzw eines 2-Tage-Wochenendes. Abgeordnete der Nationalversammlung fordern die sofortige Rücknahme des Beschlusses. Sie warnen, dass durch den Behördenmüßiggang von fast 3 Tagen ("keeping employees idle for nearly three days") Chaos im ganzen Land ausbrechen werde. Ganz zu schweigen von durcheinanderpurzelnden Lehrplänen. Ich verstehe die Logik dieser "fast" drei Tage nicht. Ich weiß, dass Nepalis erstens Probleme mit dem 1x1 haben und ihnen zweitens der Freitag immer schon heilig war. Denn darauf folgt der freie Samstag.

Wir verbrachten den letzten Freitag glücklich in den Hügeln um Dharan und den freien Samstag danach im heißen Tarai, in Itahari. Wir spazierten in der Innenstadt herum, bis die Zeit reif wurde für ein kühles Getränk. Danach reisten wir ab. Flugs! 
Im Gegensatz zu jedem anderen Ort, den wir bisher gesehen haben und abgeschritten sind, stießen wir in Itahari an keiner Ecke auf einen Tempel. Es gab dafür umso mehr shoeshutters und überall Schneiderinnen und Schneider. Sowie eine Solidaritätsbekundung der Jugend von Itahari für Inisha B. (das jüngste Vergewaltigungsopfer des Landes) an der Fußgängerkreuzung. Den Text verstehe ich auch nicht. "Nepal has had ENOUGH." Nepal hatte GENUG. Wovon? Von Toten Töchtern, Toten Schwestern, Toten Müttern? Oder von Ungerechtigkeit? Und warum Vergangenheit? Wenn nicht gar Vor-Vergangenheit? Es ist doch die brutale Gegenwart.     

Natürlich gibt es auch in Itahari Tempel, aber die sind modern und pompös am Stadtrand. Nicht in Laufnähe für uns. 

Sonntag, April 05, 2026

Nachlese

Die neue Regierung beschließt ein zwei-Tage-Wochenende für Regierungsbedienstete und das Ausbildungswesen. Um der Energiekrise entgegen zu treten. Dafür soll an den 5 Arbeitstagen eine Stunde länger, nämlich schon ab 9 Uhr früh gearbeitet werden. Gilt aber erst ab morgen. Das heißt: heute wird in allen Behördenzimmern wie immer sonntags emsig gewerkelt und die Kinder gehen zur Schule. Seit aber die neue Regierung im Amt ist, also seit einer guten Woche, bleibt das schiefe Parking hinter der Budhanilkantha Municipality weitestgehend leer. Alle public holidays, die ordentlichen wie die außerordentlichen sind längst vorbei. Nur das blaue Moped (des Pförtners? der Pförtnerin?) steht jeden Tag an seinem Platz. Entweder sind die anderen Mitarbeitenden und Mopedfahrenden entlassen worden. Oder sie dürfen hier nicht mehr parken. Oder sie werden im Zuge der Benzinknappheit mit E-Bus zu Hause aufgegabelt und gesammelt zur Arbeit gefahren. Nichts davon scheint mir plausibel.  

Auf einem anderen Hügel, बिजयपुर - Bijayapur Hill im Nordosten von Dharan, wächst Bambus ohne Spitzen. Am westlichen Ufer des Sewti Khola, der bei unserem Besuch vorgestern vollkommen ausgetrocknet und versandet war, ungefähr von der Höhe des दन्तकाली मन्दिर - Dantakali Mandir nach Norden bis zum बुढासुब्बा मन्दिर - Budhasubba Mandir. Bijayapur war einst die Hauptstadt des Kirat-Königreichs. Die Kirati gelten als Ureinwohner Nepals. Oder des östlichen Himalaya. Sie sind eine indigene tibetobirmanische Volksgruppe, zu ihnen gehören die Gemeinschaften der Rai, Limbu, Yakkha und Sunuwar. Der Hügel heute und die Stadt damals sind benannt nach dem Kirat-König Bijayanarayan. Also der Narayan von Bijaya. Narayan ist eigentlich, wie wir wissen, ein Epitheton für Lord Vishnu. Also ein Name für einen Gottgleichen per se. Als Prithvi Narayan Shah (auch ein Narayan, auch den kennen wir bereits) das Reich einte, mussten natürlich alle lokalen Herrscher der kleinen Königreiche eliminiert werden. In einer Quelle lese ich, dass Prithvis Schlächter den letzten Limbu König Buddhikam Khebang von Morang "diplomatically" in der Kirat Hauptstadt Bijayapur töteten. Eine andere Quelle beschreibt die List (Versprechen auf Verhandlungen), mit der der König in die Hauptstadt gelockt und dort ermordet wurde. Man sagt, dass seine Seele seither in Bijayapur unterwegs ist. Aber die Limbu people fürchten den Geist nicht, sie sagen, er sei freundlich, friedlich und hilfsbereit. Sie verehren ihren alten König, in ihrer Sprache bedeutet Subba König. Die Tempelanlage Budha Subba ist um sein Grab herum entstanden. Und dort wächst der Bambus ohne Spitzen.

Der geht aber auf eine Legende zurück. Budhasubba (nicht der alte König, sondern eine fiktive jugendliche Figur gleichen Namens) und seine Schwester Subbini (dito) machten sich einen Spaß daraus, mit Steinschleudern auf Krähen zu schießen. Eines Tages traf Budhasubba statt der Krähe die Spitze einer Bambuspflanze. Die brach ab und seither bildet keine Bambuspflanze in der Gegend mehr Spitzen. Und die Krähen sind wunderbarerweise für immer verschwunden. Also verbuddelte Budhasubba reumütig seine Steinschleuder und meditierte bis ans Ende seiner Tage an der Stelle, an der heute (s)ein - oder des alten Königs Buddhikam Khebangs - Tempel steht. Auch die Schwester hat ihren Tempel bekommen, obwohl sie ganz ohne Schuld ist. Tempel sind für alle(s) gut. 

Samstag, April 04, 2026

Zeitmaschine

Die Zeit, die uns auf dem Hinweg scheinbar in domestic-Warteräumen verloren ging, kommt auf dem Rückweg unaufgefordert zurück. Da wir rechtzeitig am Provinzflughafen Biratnagar vorfahren - der übrigens bei Tageslichte betrachtet gar nicht so unsympathisch wirkt, daneben entsteht gerade ein mächtiges neues Gebäude - wohl für die Zukunft des Südost-Drehkreuzes -, werden wir unkompliziert auf den aktuellen Flug nach KTM umgebucht, der bereits mit "boarding" angezeigt wird. Die Maschine ist allerdings noch nicht da, vielleicht noch gar nicht gestartet in KTM. Man sieht hier alles, das Flugfeld liegt direkt vor den wenigen Stühlen im sonnenlichtdurchfluteten Warteraum, von denen wir zwei besetzen.

Wir erreichen lange vor der Zeit, vor Sonnenuntergang, vor Einbruch der Dunkelheit unser kühles house auf dem Golfutarhill. Der eigentlich für uns bestimmte Flug wird sicherlich ausfallen, oder aus Gründen der Rentabilität mit dem letzten Nachtflug zusammen gelegt. Uns kümmert das nicht mehr. Wir sitzen längst auf dem Dach und warten auf den Mondaufgang. 

Nun habe ich nämlich das Prinzip Zeit in Nepal verstanden: sie - die Zeit - pendelt. In aller Ruhe. Hin und her. Schlägt mal in die eine Richtung aus, dann wieder in die andere. 

Freitag, April 03, 2026

Holzslippers

Wir verpflichten den Fahrer für den ganzen Tag. So kann er nicht zwischendurch abdrehen. Ohne unser Wissen. Oder gar ohne uns. Wir fahren in die Hügel. Über Dharan nach Bhedetar. Leider ist die Sicht nicht optimal. Trotzdem muss ich auf den Skywalk. Eine hässliche Stahlkonstruktion. Die Besucher laufen auf Glas über dem Abgrund. Das erhöht den Blutdruck! Eigentlich sind wir auf dem Weg nach Namje zum house of spirit - आत्मा घर aatma ghar oder besser place (location) of spirit (oder soul?) - आत्माका स्थान aatmako sthan. Denn ein Haus ist es nicht, nicht einmal ein Unterstand, so ganz ohne Dach und nah unter dem Himmel. Die Straße wurde aber leider ungefähr vor der letzten Kehre ungefähr vorgestern während eines heftigen Gewitters mit Starkregen verschüttet und ist noch nicht wieder passierbar. Also drehen wir im gegenseitigen Einvernehmen ab. Und besuchen die Tempel in Dharan: Budhasubba (Bambustempel), Dantakali, Pindeshwor Shiva. Machen tapfer ein paar Schritte zu Fuß durch Dharan (die freundlichste und toleranteste Stadt Nepals mit einer stilechten Kopie des clock towers von Hong Kong). 

Dann ab nach Süden, Südwesten zum रामधुनी मन्दिर - Ramdhuni mandir, zum Tempel von Lord Ram (den hatten wir kürzlich schon) und des Waschens. राम = Ram und धुनु = dhunu wie waschen (alles mögliche: Kleider, Hände, Füße, Haare ... ). Es gibt eine Art Ampitheater, die Bühne ist aber mit Wasser gefüllt (auch wenn es auf dem Bild grün wie Gras aussieht) und in der Mitte steht auf einer Säule, mit den Füßen in einem güldenen (Wasser-)Bottich und über dem Haupt ein güldenes Dach, aufrecht und vollständig bekleidet eine grüßende Frauenfigur (nein, natürlich keine christliche Madonna). Man erzählt uns, die Gattin Rams habe hier gebadet. Beobachtet auf den Steinreihen rundum von wem? Eine andere Legende besagt, Ram habe auf diesem heiligen Gelände seine Schuhe verloren. Genauer gesagt: seine खराउ - kharau, das sind Holzslippers! Die Hindus verehren diesen Ort aus vielerlei Gründen. Unter anderem eben deshalb, weil Lord Ram hier mit bloßen Füßen herumgelaufen sein soll. Ich verstehe wieder einmal nichts. Wer Schuhe trägt (und nicht verliert), ob Plastik- oder Holzslippers, geschnürte Think's oder gelbe Regenstiefel, muss sie doch ständig von den Füßen schütteln und stehen lassen.

Donnerstag, April 02, 2026

pink moon

Purnima im Monat Chaitra. Der letzte Vollmond des Jahres 2082. Er begann nach hinduistischem Kalender gestern um 07:06 Uhr und endet heute um 07:41. Uhr. Und heute feiern die Hindus Shree Hanuman Jayanti - den Geburtstag von Lord Hanuman. Er ist der Affengott, gilt als stark, treu, klug und verschmitzt. Hanuman ist der 11. Avatar von Lord Shiva und ein, wie ich lese "Symbol unerschütterlicher Loyalität" Lord Rams - dessen Geburtstag wir letzte Woche feierten. 

Nach meinem lunar calendar wird der Mond über Kathmandu um 07:56 voll. Der Aprilvollmond heißt dort auch pink moon, egg moon, awakening moon, budding moon, breaking ice moon, paschal moon ... was das Herz begehrt. 

Wir feiern nicht Ostern, sondern verreisen heute Nachmittag. Wir fliegen von KTM nach BIR (Biratnagar) ins südöstliche Tarai. Das Land ist groß und langgezogen. Es gibt keine Eisenbahn und also (fast) keine Alternative zu Inlandflügen. Die Gewitter sind vorbei. Keine Turbulenzen am Himmel.

W hat sich vor dem Abflug schlau gemacht. Durchschnittlich sind die Domestic Departures ab TIA heute um 99 Minuten verspätet. Unser Flug ist nicht verspätet, sondern gestrichen. Wird mit einem späteren zusammengelegt. Aus logistischen Gründen. Wie das hier üblich ist. Damit nicht zwei halbvolle Maschinen den Luftraum besetzen, sondern eine gut gefüllte fliegen wir erst um den Sonnenuntergang los. Und werden belohnt mit klarer Sicht auf die schneebedeckten 6-, 7-, 8-Tausender der östlichen Himalayakette. Die Gipfel ergrauen majestätisch vor unseren Augen im Abendlicht. Und dann steigt der Vollmond über den Horizont. In güldner Pracht. Nix von pink und nix von Eisb(r)echer. Genug der Poesie.

Weil der Flug verspätet war oder unter der angegebenen Flugnummer nicht existierte, ist der Fahrer, der uns abholen sollte, wieder abgedreht. Wir warten nochmals fast eine geschlagene Stunde. Es ist heiß und feucht. Wir trinken Lassi im Airport Café. Die Moskitos erfreuen sich an uns. 

Mittwoch, April 01, 2026

Swargadwari

Ich habe mich geirrt - es gibt Aprilscherze in diesem Land: Gateway to Heaven.

https://thehimalayantimes.com/nepal/gateway-to-heaven-goes-orbital-nepal-to-launch-satellites-from-swargadwari

Da die Nepali auf Aprilscherze offenbar nicht trainiert sind, erfolgt am Schluss die Auflösung.

Temal Jatra

Einen 1. April kennt man in Nepal nicht. Sonst wäre ja die Entdeckung des Steinschmätzers am 1. April 1983 ein Aprilscherz gewesen. War es nicht. Heute wird in Bouddha Temal Jatra gefeiert. Immer am Vorabend vor dem letzten Vollmond des nepalesischen Jahres Bikram Sambat betet die Tamang Community für die Seelen der Verstorbenen. An der Bouddha Stupa brennen heute Hunderte, wenn nicht Tausende Butterlampen. Nach den Gebeten erfreuen sich die Lebenden des Lebens und singen in ihrer Sprache um die Wette im Duett Tamang Dohori