Dienstag, März 31, 2026

Das Z

Ein Monat geht zu Ende. Ein anderer ist erst in der Hälfte angekommen. Der Mond nähert sich dem Maximum. Er ist derzeit am Abendhimmel zu sehen, wenn nicht gerade ein Gewitter mit Starkregen niedergeht. Kopfüber oder mit Hängebauch, zu ungefähr 97,8% gefüllt. Das muss so ein Trabant erstmal aushalten! Und ein aufrechtes deutsches Z wie "zunehmend" wird daraus nie, nicht in Nepal!

Ich suche (immer noch) ein anderes Z - das der Zeit und lande ich bei den Sternen. Es gibt auch ein siderisches Jahr. Zu lateinisch sidus = der Stern, mit Genitiv sideris. Das Sternenjahr. Es ist, lese ich rund 20 Minuten und 24n Sekunden länger als das tropische Jahr. Das tropische Jahr kommt aus dem Griechischen. Zu tropos = Drehung, Wendung. Es ist die Zeit, zum Beispiel, von einer Frühlings-Tagundnnachtgleiche zur nächsten. Oder von Sommersonnenwende zu Sommersonnenwende. Das tropisch bezieht sich auf diese Wende, nicht auf die Temperatur. Das tropische Jahr bildet die Basis für unser bürgerliches Jahr, unser Kalenderjahr. 

Das Z wird nicht schlüssiger, je länger ich darüber nachdenke. Auf die Lebenserwartung eines Menschen bezogen, soll der Unterschied zwischen siderischem, tropischem und bürgerlichem Jahr "vernachlässigbar" sein. Nur die Sternbilder am Himmel verschieben sich. Minimal. Über viele Jahrhunderte hinweg. Mich interessiert nicht die Lebenserwartung, sondern der Lauf der Zeit. Dass der Mond kopfüber am Himmel steht, sehe ich von bloßem Auge. 

Montag, März 30, 2026

Steinschmätzer

Vor zwei Tagen ist der गाजले भुइनरोबिन - Gajale Bhuinrobin, Northern wheatear oder Steinschmätzer nach 43 Jahren zum ersten Mal wieder in Nepal gesichtet worden. Am Rande des Chitwan Nationalparks, am Ufer des Narayani in Amaltari. Die nepalesischen Vogelgucker sind begeistert, denn am 1. April 1983 entdeckten zwei blutjunge britische Ornithologen, Clive Byers und Alan Adams, den Gajale Bhuinrobin zum ersten Mal in Nepal, nur ein paar Kilometer flussaufwärts von der aktuellen Sichtung, in Meghauli.  

Adams begab sich anschließend auf eine (wahrscheinlich vogelkundliche) Trekkingtour durch das Langtanggebiet. Und kam nicht zurück. Er gilt seit Mai 1983 als verschollen. Sein Kollege Byers, der sich einen Namen als bird-artist und einer der ersten twitcher machte, starb vor wenigen Tagen, nach langer Krankheit, wie ich lese, in Norfolk im Alter von 68 Jahren. 

Und der Steinschmätzer ist am Narayani zurück. Wahrscheinlich nur für ein paar Tage, aber immerhin, zum Auftanken. Er gilt als Langstreckenzieher, kommt aus Afrika oder Indien und will in sein Brutgebiet, nach China, in die Mongolei oder nach Sibirien.

Sonntag, März 29, 2026

Arbeitstag

Natürlich haben Olis Kumpel landesweit zu Protesten aufgerufen. Heute ab 12 Uhr Mittags soll der Sturm losgehen. Aber die, die kürzlich an der Wahlurne nicht für die vereinten Marxisten und Leninisten (UML) gestimmt haben, werden nun den Teufel tun, in deren Namen einen Volksaufstand anzuzetteln. Der Vorsitzende ist alt und krank und bedarf besonderer Pflege. Jedenfalls sagen das seine Ärzte. Er sitzt nicht im Knast sondern liegt im Krankenhaus. Die Presse handhabt den Datenschutz (Persönlichkeitsrechte, Privatsphären) von allen Bürgerinnen und Bürgern gleichermaßen transparent: als erstes wird der Name des Krankenhauses veröffentlicht, in das Oli zum check-up eingeliefert wurde, als zweites die Nummer des Bettes, in dem er sich dort auskuriert.

Die Regierung indes, die neue, junge, engagierte aber unerfahrene Truppe, lässt Untersuchungen einleiten gegen drei ehemalige Premierminister (den fünfmaligen Ex-PM Sher Bahadur Deuba, Kongresspartei, den ungefähr viermaligen Ex-PM KP Sharma Oli, Marxist, sowie den dreimaligen Ex-PM Pushpa Kamal Dahal, Maoist, genannt Prachanda, der Kämpferische) und deren Familien. Sowie gegen die beiden Ex-Minister Arzu Rana Deuba und Deepak Khadka. Letzter sitzt seit heute früh in U-Haft. Erstere ist die Gattin des Ex-5xPM Deuba, beide sowie ihre gesamte nähere und weitere Verwandtschaft befinden sich aus gutem Grunde außer Landes. Weil die Herren sich immer wieder reihum das Amt in die Hand gaben, ist der Kreis der Verdächtigen überschaubar. Ermittelt wird gegen sie wegen des Verdachts auf Geldwäsche im großen Stil und unsauberer Bereicherung im Amt. Das ambitionierte Ziel des erst zwei Tage alten Kabinetts: Die Besitzverhältnisse aller führenden Politiker bis zurück ins Jahr 1991 durchleuchten.

Es regnet fast den ganzen anstrengenden Arbeitstag mit ultrakurzen sonnigen Unterbrüchen.

Samstag, März 28, 2026

Gerechtigkeit

Samstag. Wochenende. Kein Bike. Die ersten Gewitter gehen bereits früh am Morgen nieder. Begleitet von prasselndem Regen. Woher kommt das viele Wasser? Woher diese Spannung in der Atmosphäre, die sich nach einer angenehm abgekühlten Nacht mit so lautem Krachen entladen muss?

Die neue Regierung ist gebildet und arbeitet. Trotz Wochenende. Der frühere Premierminister KP Sharma Oli und der frühere Innenminister Ramesh Lekhak werden im Morgengrauen verhaftet. Auf Empfehlung des Untersuchungsberichts zu den brutalen Auseinandersetzungen von Polizei und Sicherheitsdiensten mit unbewaffneten Gen-Z-Demonstrierenden am 8. September 2025.   

Der erst gestern ins Amt gekommene neue Innenminister bezeichnet die Festnahmen als Beginn der Gerechtigkeit. Er hat eine erste anstrengende Nachtschicht hinter sich.

Freitag, März 27, 2026

1234

Nun kommt der Höhepunkt. Public holiday. Kein Bike hinter der Municipality. Nicht, weil Balendra Shah heute zum jüngsten Premierminister in der Geschichte Nepals installiert wird, sondern weil die Hindus den Geburtstag von Ram (einer Inkarnation Vishnus) feiern. Ram Nawami. Oder Shree Ram Jayanti. Da Shah ein gläubiger Hindu ist, gilt der Tag für ihn doppelt auspicious. Er hat sich von einem Astrologen die beste Zeit für den Amtseid ausrechnen lassen: 12:34 Uhr local time. Er leistet ihn nach den vedischen Sanatan-Ritualen: 108 Batuks (vedische Priester) rezitieren Swasti Shanti, 16 buddhistische Mönche Ashtamangala und 7 Muschelbläser verrichten das Shankhanad.

Am Abend ziehen Gewitter auf. Es donnert und blitzt stundenlang. Sturzbäche fallen vom Himmel. Was will er uns bloß damit sagen? Wir halten uns still zu Hause und essen Mo:Mo's.

Donnerstag, März 26, 2026

Silam Sakma

Die Regierungsbildung geht weiter. Der Älteste, Arjun Narsingh KC übernimmt das Zepter bei der Vereidigung der 275 neuen, mehrheitlich jungen Parlamentsmitglieder: 182 RSP, 38 NC, 25 CPN-UML, 17 NCP, 7 SSP, 5 RPP sowie 1 Unabhängiger. Damit beginnen deren Pflichten. 

Balendra Shah - rapper, hiphopper, früherer Bürgermeister der Capital City - sitzt heute noch als unbedarfter Besucher in der eilends fertig gestellten neuen Multipurpose Hall im Singa Durbar. Er hat noch keine Pflichten. Außer musikalischen. So stellt er am Abend sein resampeltes (nennt man das so?) Video "Jaj Mahakali" ins Netz. Oder repräsentativen. So wird kommentiert, dass er während der Zeremonie in der ersten Reihe saß, und nach der Zeremonie sofort ohne ein Wort an die auch versammelte Presse verschwand. Am Steuer seines eigenen Autos. Ohne driver. Und natürlich der (oder das?) auffälliger Badge am Revers: Balendra Shah trug ein Silam Sakma (hier kann man es sehen). Dies ist, lese ich, ein Talisman der Kirat-Gemeinde. In der Kirati-Sprache bedeutet "si" Tod und "lam" Weg. Wer sich ein Silam Sakma ansteckt, blockiert den Weg in den Tod, trägt aber auch ein glückverheißendes Omen und demonstriert vor aller Welt sein vor allem Bösen schützendes Amulett. 

Mittwoch, März 25, 2026

Designerperser

Der oder die CG-Hills Designer-Perser sieht nicht mehr so elegant aus. Hat sich hier angepasst und ist zerzaust. Scheint etwas schlanker geworden. Das macht vielleicht die Bewegung an der frischen Luft. Sitzt weiterhin jeden Morgen mit traurigen senfgelben Augen auf dem Mäuerchen nah am Zaun, aber in unserem Garten. Verlangt nach wie vor kein Futter. Jammert nicht. Fürchtet sich nicht (vor mir). Sucht stumm Gesellschaft. 

Am Mittag vereidigt Präsident Paudel vorab den 78-Jährigen Arjun Narsingh KC als Dienstältesten im neuen HoR (House of Representative - Repräsentantenhaus). KC ist weitaus älter als alle Abgeordneten, die ihre Sitze über Direktmandate gewonnen haben und wurde von seiner Partei, dem einst stärksten, aber nun auch arg dezimierten Nepali Congress im Verhältniswahlrecht vorgeschlagen. Ein letztes Zittern der Altvorderen, ein vergeblicher Versuch, das Youthquake im neuen Parlament zu verhindern. Die Regierungsbildung hat begonnen.

Dienstag, März 24, 2026

turn about

Nach langer Abstinenz fahre ich wieder einmal Bike. Wieder einmal nach Thamel. In einen schattigen kühlen Garten. Danach laufe ich wieder einmal durch meine alte Heimat, die laute Lazimpat hoch, am Bluemoon vorbei zu Books Mandala und last but not least, zu Mo:Mo Maya. Mit 200 gefrorenen Momos happy zurück auf den Hill.  

Montag, März 23, 2026

Kuckucksrufe

Der Asienkoel schreit wieder. Am Tag und in der Nacht. Oder viele Asienkoels. Indische Koels. Die so außerordentlich ruffreudigen männlichen Exemplare mit den feuerroten Augen im schwarzen Gefieder. Die Krähen, lese ich, regieren mit auffälligem Hassverhalten auf die frisch Zugeflogenen. Das mag sein. Es ist gerade alles sehr lebhaft in der Luft und alles in diesem Jahr früher. Der Regen. Der Wind. Die Kuckucks. Und die Mangos. Ein einziger Obstshutter hat schon ganze Berge davon. Gelbe, weiche, kleine. So wie sie aussehen, kommen sie nicht aus den Gewächshäusern Chinas, auch nicht aus Indien. Bleibt nur Nepal. Sie duften ganz wunderbar, wenn ich sie aufschneide. 

Sonntag, März 22, 2026

Odyssee

Alles läuft wie am Schnürchen. Ich habe zwei Paar neue Schnürsenkel bestellt. Dort, wo man auch hierzulande alles bestellen kann. Im Internet. Zwei, weil ich dachte, wenn schon - denn schon. Und weil ich ein zweites Paar Schuhe derselben Marke besitze, aber in einer anderen Farbe. Dort könnte das Schnürzeug eines Tages auch an der dümmsten Stelle (an der Sollbruchstelle natürlich) reißen. Also vorsorgen. Einmal schlicht beige und einmal verwegen purple red. Jeweils 1 Meter und 20 Zentimeter lang. Es gab nur die Auswahl 120 cm oder 100 cm. Die einen sind zu kurz, die andern zu lang.

Die shoelaces kommen - das war der erste Schock, nachdem ich den Bestellvorgang mit Vorkasse abgeschlossen hatte - aus oversea. Normalerweise erscheint dieser Hinweis früher im Bestellablauf. Dann verzichte ich auf die Ware. Oversea in einem Binnenland wie Nepal mutet seltsam an. Ich machte schon einmal schlechte Erfahrung mit diesem geografischen Begriff (gefühlt drei Monate auf eine Teekanne gewartet). Nun denn. Geduld. Der zweite Schock kam mit der Mitteilung "Spiltted as different packages, clicked to see more detail". Ganz abgesehen von Schreib-, Syntax- und Grammatikfehlern verstand ich die Welt nicht mehr. Zwei Sendungen? Für zwei Paar Schuhbändel? Aus oversea? Ich clickte immer mal wieder auf die Sendungsverfolgung "more detail". Die beiden Päckchen liefen den ganzen Weg zu See oder Luft parallel und synchron. Bis zu einer imaginären Grenze, Zollabfertigung auf der einen, dann auf der anderen Seite. Und schnurstracks im Sauseschritt in die Hauptstadt. Immer näher zu mir nach Budhanilkantha.

Bis mir heute Nachmittag ein freundlicher Kurier die beiden spiltted (= splitted - kein Wunder ist mein Sprachlehrer der Meinung, dass in jeder Sprache, nicht nur in Nepali, jeder schreibt, wie es ihm gerade gefällt) Pärchen in Hattigauda (auch meine Adresse schreiben sie im Internet seit Anbeginn falsch: Hatiigauda) an meiner Haustür in die Hand drückt und sagt "have a good day!"

Nun denn. Neu eingefädelt. Das helle Paar. Sorgfältig geschnürt. Großzügig die Schleifen. Auf geht's. Have a good day! 

Samstag, März 21, 2026

Sturmwarnung

Feiertag. Zuckerfest - Eid al-Fitr. Aber da Samstag ist, kurvt eh kein Bike die Schräge hinunter auf das Parking. Regen seit dem frühen Morgen. Oder die ganze Nacht. Meine Bäume sind glücklich. Die Katzen haben sich verzogen. Sturmwarnung! Ich glaube, das gab es noch nie, seit wir hier sind. Regenwarnungen, Unwetterwarnungen zuhauf. Aber Windwarnung? Die einen Nachbarn warnen vor den Blumentöpfen auf den Dächern, die herunterfallen und uns erschlagen könnten. Die anderen lachen darüber. Es ist nun mal Tradition, dass überall Blumentöpfe stehen. Vor ein paar Tagen hat der boy (der gleichzeitig driver und Mann für alles ist, auch mal Wäsche auf dem Dach aufhängt oder glänzende Messinggefäße verschiedener Größe an der Sonne zum Trocknen aufstellt) der Nachbarn die Blumentöpfe nicht nur alle ausgeleert, gereinigt, sondern auch angepinselt. Womit, weiß ich nicht. Mit einem farblosen Lack, einem Staub- und Schmutzabweisenden Zeug, nehme ich an. Dann mit frischer Erde befüllt und die blühenden Blumen wieder reingesetzt und gewässert. Er war bestens gelaunt und erklärte mir "flowers!". Dann solrtierte er alle Töpfe im Eingangsbereich wieder in Reih und Glied, so dass das (täglich polierte) Auto in seinem Bewegungsradius nicht eingeschränkt ist. Maids und boys rundum sind tagelang mit völlig unsinnigen Aktivitäten beschäftigt. Sie müssen offenbar beschäftigt sein und das auch zeigen. Man könnte die Pflanzen im Garten in die Erde unter den freien Himmel pflanzen und dem Regen aussetzen. 

Aber heute ist Zuckerfest. Und die Noch-Interims-Premierministerin Karki nimmt es zum Anlass, dem Land und seinen Bewohnern ein stabiles, respektvolles, harmonisches Miteinander zu wünschen. Auf Facebook gratuliert sie den muslimischen Brüdern und Schwestern zum Fastenbrechen. Das Fasten, schreibt sie, lehre uns Geduld, Toleranz und Opferbereitschaft. Sich selbst beherrschen und zurücknehmen, nur Gutes tun! Auch unser PM in spe, Balendra Shah ruft zum gegenseitigen Respekt der Religionen und Kulturen auf. Verständnis und Einigkeit könnten die Gesellschaft verbessern. 

Nichtsdestotrotz fliegen wieder Steine zwischen Hindus, die am Kali Tempel Neujahr feiern und Moslems, die in der Moschee beten wollen. Diesmal in Jigana Chowk, in der Maharajganj Municipality, westlich von Bargadagaun. Die Polizei greift ein und versucht mit einer prohibitory order, Ruhe zu schaffen. Was nur halbherzig gelingt. 23 Personen sind verletzt, darunter Gläubige beider Seiten, Zivilisten und Polizisten.

Freitag, März 20, 2026

Der Gimpel mit dem gebrochenen Flügel

Primär-Äquinoktium, die Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche. Über dem Valley explodiert die Hitze am Nachmittag. Es blitzt und donnert und schüttet vom Himmel. Stundenlang. Ich war noch nie so froh um Regen wie hier. Wir können das Haus nicht verlassen und bekommen auch kein Essen geliefert. Bleibt nur Rührei.

Zum ersten Mal lese ich in einer nepalesischen Zeitung einen Bericht aus Warschau. Der dortige Zoo (in einem früheren Leben beobachtete ich die Bären im Bärengraben, während ich an der lauten Solidarność-Allee auf die Straßenbahn wartete, die mich über die Weichsel brachte) hat einen bird emergency room eingerichtet. Eine Notfallklappe für Vögel. Dort werden verletzte Vögel, meist Singvögel wie Spatzen, Meisen, Drosseln entgegengenommen. Der Zoo betreibt seit 1998 ein Vogelkrankenhaus und kann die in der Klappe abgegebenen Fluguntauglichen bestens betreuen und aufpäppeln. Und wieder in die Freiheit entlassen. Das Ziel sei: Freiheit. Denn - so der Zoodirektor, ein Ornithologe: die Not der Vögel verursache der Mensch. Also müsse der auch die Verantwortung übernehmen und sich um kranke Tiere kümmern. Ein Vogel sei ein Kind des Waldes, und verstehe zum Beispiel das Prinzip "Fenster" nicht. Wohl wahr! Gerade wurde ein Gimpel mit gebrochenem Flügel eingeliefert.

Donnerstag, März 19, 2026

Neumond

Neumond. In Kathmandu um 07:08 am. Also Chaitra Shukla Pratipada. Der erste Tag des heller werdenden Mondzyklus im Monat Chaitra. Im hinduistischen Mondkalender fängt heute das Neue Jahr an. Auf meinem (alten und neuen) Wandkalender aber erst am 1. Baisakh BS. Also in fast einem Monat, genauer: drei Tage vor dem nächsten Neumond. Das soll noch eine/r verstehen.

Mittwoch, März 18, 2026

घोडे जात्रा

Feiertag. Mitten in der Woche. घोडे जात्रा - Ghode Jatra. Oder आश्व यात्रा - Ashwa Yatra. Das Pferdefest. In Tundikhel reitet die Armee mit grandeur auf zur Parade. Immer an Neumond im Monat Chaitra wird der Frühling sowie der Sieg über den Dämon Tundi gefeiert. Neumond ist nach meinem Kalender erst morgen früh, aber heute ist Chaitra Krishna Aunsi - der dunkelste Tag im Monat Chaitra. Morgen fängt bereits der helle Mondzyklus an. 

Der Legende nach wohnte der unersättliche Kinderfresser Tundi (die Newari nennen ihn Gurumapa) auf dem einst sumpfigen Tundikhel-Feld, dort liegt er auch begraben. Nach seinem Tod haben sich die Bewohner zu Freudentänzen auf Pferden rund um sein Grab versammelt. Pferdegetrappel soll bis heute verhindern, dass Tundis Geist wieder an die Erdoberfläche aufsteigt und er weiterhin sein Unwesen treiben kann in der Stadt. Solange er unter der Erde bleibt, gilt er als unschädlich. Je schneller die Pferde rennen, desto besser! Wie bei allen volkstümlichen und religiösen Feierlichkeiten triumphiert auch hier letztlich das Gute über das Böse. Mittlerweile ist die Angst vor dem Kindermörder in der Hauptstadt zu einem lokalen Feiertag mutiert. Und auf eben jenem Feld - das wohl (aus welchem Grunde auch immer) nach dem furchterregenden Dämon benannt ist - zeigen die Armeepferde und ihre Reiter heute ihr akrobatisches Können vor den obersten Staatsdienern. Fotos siehe link oben unter der grandeur. Kein einziges Bike auf meinem schiefen Gelände.

Dienstag, März 17, 2026

Der letzte Schweif

Am Morgen ist die Luft klar und frisch wie selten. Ich kann atmen und gucken. Der letzte Schweif des abnehmenden Mondes zeigt sich nur kurz in der Dämmerung. Die Sonne geht jetzt schon früh auf und verschluckt ihn sofort.

Nach dem Gewitter und dem heftigen Regen in der Nacht air quality unter hundert, 79! Das ändert sich schnell im Laufe des Tages.   

Am Abend sitzen wir auf der Terrasse und betrachten den Orion. Er bewegt sich über uns und immer mehr Sterne kommen zum Vorschein. Wie immer am 17. trinken wir unseren Monatssekt.

Montag, März 16, 2026

तोरीको तेल

तोरीको तेल - toriko tel = mustard oil. Senföl. Das Öl, mit dem hier gekocht wird. Es ist dickflüssig, würzig-bitter und natürlich senfsamengelb. Auf der Flasche in meinem Schrank steht शुद्ध तोरीको तेल - also sud'dha toriko tel. Pure mustard oil. Reines Senföl. Das Wort für pure oder rein besteht aus einem dieser entsetzlichen Konsonantencluster. Deshalb lasse ich es lieber sein. Das Öl kann ja nicht not pure sein. Da die Flasche fast leer ist, laufe ich zu meinem Gewährsmann auf der Golfutar, der die besten Äpfel hat (oder hatte - sie sind aufgegessen), roten Reis, jede Art Bohnen und Linsen, die wunderlichsten Mehl (buckwheat, millet, barley ...) aber leider die ganzen Körner, die ich möchte. Zum Beispiel कोदो - kodo oder millet, deutsch Hirse, dafür aber rosarote und schwarze  Klumpen von Himalayasalz. Einer dieser shutters, mit einem erstaunlichen Sortiment. Alles bio aus seinem Dorf! Je nach Erntezeit liegt ein riesiger Haufen Kartoffeln vor dem Eingang, über den ich und alle anderen Kundinnen steigen, um zum shutterkeeper vorzustoßen und zu bezahlen. Manchmal schläft er auch in seiner Ecke, dann wird er geweckt. Geklaut wird hier nicht. Er hat auch तोरीको तेल - das reinste Seinföl da stehen. In kleinen Plastikflaschen. Und an der Seite hängen lange Malaketten aus den Tränen Shivas. 

Das Senföl benützen die Nepalifrauen in der Küche, wenn es erhitzt wird, verliert es seinen bitteren Geschmack. Sie legen damit ihre pickles ein und bereiten den Sandheko aus Kartoffeln, Bohnen, Erdnüssen, Zwiebeln, Knoblauch, Kräutern, Chili usw zu. Ein scharfer Appetizer. Oder sie reiben ihre Haare damit ein und massieren schmerzende Gelenke.

Sonntag, März 15, 2026

Das letzte Blatt

Der letzte Monat des Jahres beginnt: चैत्र - Chaitra. Ich blättere meinen Wandkalender zum letzten Mal um. Dies ist das letzte Blatt des nepali patro 2082. So steht es obendrüber in güldenen Lettern. Darunter sieben Kugeln auf- und absteigend im Halbkreis angeordnet. Die Wochentage. In der Mitte, unter बुधबार (budhabar = Mittwoch) steht der Name des aktuellen Monats: चैत्र - Chaitra. Der Mittwoch hat in Nepali nichts mit der Mitte zu tun, auch wenn er auf dem Kalenderblatt genau dort steht. Mittwoch ist hier der Tag des Planeten Merkur: बुध ग्रह. Fünf Wochentage sind einem Planeten zugeordnet (dazu ein andermal mehr) plus einer, der Sonntag (wie überall) der Sonne (Fixstern oder gelber Zwerg) und ein anderer, der Montag (dito) dem Mond (unserem Trabanten).  

Von heute an kann und muss ich Ausschau halten in den shutterstores auf der Golfutar nach dem Kalender für das Jahr 2083.

Die Übergänge sind nicht fließend sondern abrupt. Schon ist es so heiß tagsüber, dass ich nachts lüfte und tagsüber die Vorhänge zuziehe. Schon brennt die Sonne so gnadenlos auf das Dach, dass ich es dort, wo ich noch vor ein paar Tagen etwas Wärme suchte, nicht mehr aushalte. Die Bäume verlieren ihre Blätter. Das war schon letztes Jahr so. Nun erschreckt es mich nicht mehr. Alles wiederholt sich. Auch die Schreie der Vögel kenne ich mittlerweile, die den Frühling ankündigen. Alles vertraut und normal. Mitten am Tag kommt heftiger Wind auf, es wird finster und donnert und blitzt, ein paar wenige Regentropfen fallen. Kaum der Rede wert und vorbei der Spuk. Aber die Sicht über der Stadt ist plötzlich klar wie schon lange nicht mehr.  

Samstag, März 14, 2026

Der letzte Tag

Heute ist der letzte Tag des vorletzten Monats im nepalesischen Kalender. Der 30. Falgun 2082. Dashami, der zehnte Tag von Krishna Paksha, dem dunklen Mondzyklus. Noch weckt mich die abnehmende Sichel, aber sie wird von Morgen zu Morgen dünner und schwächer, kommt später und geht früher. Ist kaum mehr zu sehen.

Ein für Nepal richtungsweisender Monat geht zu Ende. Die Wahlen am 21. Falgun 2082 BS (= 5. März 2026 AD) haben für die etablierten Parteien und ihre strammen Soldaten ein beschämendes Ergebnis gebracht. Fast alle greisen Köpfe quer durchs Land wurden abgestraft. Im zukünftigen HoR - House of Representative - werden von den 67 Parteien, die sich zur Wahl gestellt hatten, 6 vertreten sein. Und von denen hat die junge Partei unseres Nachbarn knapp die Zweidrittelmehrheit verfehlt (vor Gericht wird noch um ein zusätzliches Direktmandat gestritten). So oder so kann sich das Resultat sehen lassen: die 275 Sitze des HoR verteilen sich wie folgt: 

  • 182 RSP (Rastriya Swatantra Party - Nationale Unabhängige Partei, gegründet am 1.7.2022) 
  • 38 NC (Nepali Congress - die einst stärkste Partei des Landes) 
  • 25 UML (Unified Marxist-Leninist, die Partei des Ex-PM KP Sharma Oli)
  • 17 NCP (Nepali Communist Party) 
  • 7 SSP (Shram Sanskriti Party - Labour Culture Party, gegründet am 28.9.2025)
  • 5 RPP (Rastriya Prajatantra Party - National Democratic Party, strebt die Wiedereinführung des hinduistischen Königreichs an)  
  • 1 Unabhängiger

Nicht genug, dass der damalige PM KP Sharma Oli sein Amt am 9. September unter Druck der Gen Z Demonstrationen mit den ersten 20 toten Jugendlichen aufgeben musste: sein Haus wurde abgefackelt, auch das Haus seines Vaters in Jhapa, er verlor am 5.3. seinen Wahlkreis Jhapa haushoch gegen den Herausforderer Balendra Shah, seine Partei verlor den Rückhalt im ganzen Land wahrscheinlich lange vor den Wahlen und er selbst die Glaubwürdigkeit. Auch wenn es ein schleichender Prozess war zwischen dem 8.9.2025 und dem 5.3.2026, wahrhaben wollte es bis zuletzt niemand. Gestern früh starb KP Sharma Olis Vater im Alter von 97 Jahren und am Nachmittag musste er als ältester Sohn (er ist gerade mal 23 Jahre jünger) die letzten Dienste bei der hinduistischen Einäscherungszeremonie verrichten. Die ganze UML versammelte sich hinter ihrem 1. Sekretär (pardon: Präsidenten) in Pashupatinath. Aber die Zeichen der Zeit lesen will keiner. 

Freitag, März 13, 2026

Das zweite Gewitter

Es kommt erst am späten Abend und bringt viel mehr Regen als gestern. Meine jungen Bäume vor dem Haus danken dem Nachthimmel. Der gepflasterte Hinterhof hingegen ist innerhalb weniger Minuten geflutet. Wie sich herausstellen wird (sobald es wieder hell geworden sein wird), ist das neue Fallrohr, das im Rahmen der dreimonatigen waterproof-waterrestistance-Renovierungsmaßnahmen letztes Jahr angebracht wurde, damit das Wasser vom Dach überflutungssicher abläuft, unten nicht an das kurze Verbindungsstück über unserer Küchenhintertür angeschlossen, das dort nochmals um eine Ecke in den Boden führt. Deshalb steht jetzt der Futterplatz meiner Katzen unter Wasser. Bei Gewitter verkriechen die sich eh und bis zum Frühstück wird der Regen hoffentlich nachgelassen haben und das überschüssige Wasser durch die Ritzen zwischen den Steinplatten versickert sein.

Donnerstag, März 12, 2026

Das erste Gewitter

Während wir beim Dragon am Fenster sitzen und auf das Essen warten, konsultiert W seine Wetterapp. Die sagt schon seit Tagen Regen an. Meine übrigens auch, obwohl ich eine andere befrage. Aber wir wissen, dass wir auf Wettervorhersagen nichts geben dürfen. Auf andere Vorhersagen auch nicht. Der Regen würde die Luft waschen. Und gewaschene Luft würde uns das Atmen erleichtern. Bislang fiel kein einziger von den versprochenen Tropfen. Jetzt, sagt W, ist der Regen aus der Prognose verschwunden. Das war's also. Wir sind immer noch Rekordhalter in Sachen pollution. Tapfer machen wir uns über unseren Reis her. In der Zeitung habe ich am Nachmittag gelesen, dass in ein paar Tagen der Himmel wieder zu sehen sein soll. Kaum brechen wir auf, über die immer noch aufgerissenen Bürgersteige nach Hause - es ist bereits stockdunkel - fallen die ersten Tropfen. Wie immer sind die hier prall gefüllt. Wir werden sofort bis auf die Haut nass! Kaum sind wir im Haus kracht es über dem Valley. Das langersehnte Gewitter! Der Strom fällt beim ersten Blitzschlag aus. Und dabei bleibt es für den Rest der Nacht. 

Mittwoch, März 11, 2026

ओखर

ओखर - okhar steht in meinem Schreiblehrbuch als Beispielwort für den Vokal ओ - wie o. Und zwar so etwas wie ein langes, geschlossenes o. Okhar ist die Walnuss, bzw in der Schweiz die Baumnuss. W wollte mir kürzlich weismachen, dass die Walnuss so etwas ist wie das Welschland, nämlich ein Fremdling. Aber dieses Konzept geht mit der schlicht und ergreifenden Baumnuss nicht auf.

Die Walnuss - sagt auch der Duden - stammt aus dem Orient (also ungefähr von da, wo ich jetzt bin), kam aber über Italien in den deutschen Sprachraum. Deshalb hieß sie im 18. Jahrhundert die "welsche Nuss" oder dann "Welschnuss". Aber auch "Gallische Nuss"! Das altgermanische Adjektiv "welsch" bedeutet - immer nach Duden - romanisch = italienisch oder französisch! Das Substantiv "welsch" bezeichnete die keltischen Bewohner westeuropäischer Gebiete, daraus wurde mhd "walch", ahd "walah" und altenglisch "wealth" = Welscher. Auch Wales ist damit verwandt und eben das schweizerische Welschland. Die Mädels aus der deutschsprachigen Schweiz machten früher, ehe sie heirateten, ihr Welschlandjahr, um der (ungeliebten) Sprache der Fremden mächtig zu werden.

ओखर - okhar - bzw hier im Bild  खोलमा ओखर - kholma okhar, meine nepalesischen Baumnüsse in meiner nepalesischen Küche in ihrer nepalesischen Schale, sind da außen vor. Es ist mir noch nicht gelungen, ein Etymologisches Wörterbuch zu finden. Wahrscheinlich müsste ich den Umweg über Sanskrit machen. Die खोलमा ओखर, wörtlich die Nüsse mit Schale, sehen hier, wie so manches andere, anders aus als im deutschsprachigen Raum: sie sind größer, heller und sauberer! Ich glaube nicht, dass sie vor dem Verkauf gebürstet werden. Im übrigen ist das "o" in "kholma" mitnichten ein Vokal wie das Anfangs-o in "okhar". Sondern eine Abwandlung des Konsonanten "kha" zu "kho". Die Schale - खोल - khol -  ist ohne Vokal nicht so verrunzelt wie die der welschen oder gallischen Nüsse. Sondern eher glatt und dadurch vielleicht staubabweisend? Meist ist sie ziemlich dünn, manchmal sogar zart und zerbrechlich wie Seidenpapier. 

Meist lässt sie sich ohne Nussknacker problemlos aufbrechen. Da ich jeden Morgen eine ओखर - okhar essen soll und mir angewöhnt habe, sie mit Schale, also खोलमा ओखर - kholma okar zu kaufen, konnte ich mich bereits als Nussknackerin perfektionieren. Wenn die Schale dem einfachen Druck meiner Faust nicht sofort nachgibt, haue ich schlicht und ergreifend vor dem Frühstück mit dem Hammer auf sie ein. Dann sieht sie allerdings nicht mehr so schön aus!

Dienstag, März 10, 2026

Haar, Ohr, Gold ?

In Nepal schneiden sich die Frauen das Haar nur in Ausnahmefällen. Meist nach Tod (des Ehemannes) zum Zeichen der Trauer. Keine Frau kommt hier auf die Idee, vor einer Wahl das Versprechen abzugeben, sich im Falle der Niederlage ihrer Partei oder ihres Lieblingskandidaten eine Glatze zu rasieren. Ich glaube, ich bin die einzige Frau im ganzen Lande, die den Haarschneider auf dem eigenen Kopf ansetzt - und nicht auf dem der Kinder oder des Gatten. Hier werden vorzugsweise andere Körperteile abgeschnitten. 

Renuka Baral hat seltene Berühmtheit erlangt. Sie sagte in einem vielleicht unbedachten Moment, in der aufgeheizten Stimmung vor dem Wahllokal, in dem sie ihre Stimme abgab, sie würde sich das Ohr abschneiden, falls Balendra Shah den Wahlkreis Jhapa-5 gewinnt, und ihm ihren goldenen Ohrring schenken. Ihre Aussage wurde natürlich von der begeisterten Menge gefilmt. Und ging viral.    

If Balen wins, I will cut off this ear in Jhapa and go to the teaching hospital to get it stiched and give the gold earring to Balen.

Zur Erinnerung: Jhapa-5 ist der Wahlkreis des einstigen Premierministers KP Sharma Oli. Balen ließ sich absichtlich dort aufstellen, das sei das einzige, erklärte er in einem kurzen statement vor dem Wahllokal, was er für die erschossenen Gen-Z-Demonstrierenden tun könne. Direkt gegen den Mann anzutreten, der damals die politische Verantwortung für das Land trug. Wie wir wissen, gewann Balen das Direktmandat haushoch. Und die ganz normale shutter-store-Betreiberin Renuka Baral? Muss sich den Spott der Brüder und Schwestern im Netz und auf der Straße gefallen lassen. Jammert über mental stress. Beklagt sich, dass sie beim Großeinkauf auf dem Gemüsemarkt verfolgt, belagert, umringt werde und ihre ganze Familie Hass und Häme ernte. Sie fürchte sich, aus dem Haus, die Kinder schämten sich in die Schule zu gehen. Das ganze Land wartet nur darauf, dass sie ihr blutiges Versprechen einlöst.  

Anders im deutschen Ländle (ach!). Die Generalsekretärin der FDP hat ihren Kopf (genauer: die wilden schwarzen Locken) darauf gewettet, dass ihre Partei den Einzug in den Landtag von Baden-Württemberg schafft. "Sie werden mich nie mit Glatze sehen", hatte sie der Schwäbischen Zeitung kürzlich noch selbstbewusst angekündigt. Und nun? Stehe sie zu ihrem Wort, sagt sie, weil Liberale das tun.

Montag, März 09, 2026

Weltrekorde

Kathmandu steht wieder weltweit an erster Stelle der Luftverschmutzung, mit einem AQI (Air Quality Index) von 184, vor Dhaka mit 170 und Kalkutta mit 169.

Auch sonst sind wir Weltspitze. Es erwartet uns ein Youthquake - die Anzahl der über 70-Jährigen im zukünftigen Parlament ist erfreulicherweise überschaubar: Direktmandate haben vier Herren dieser Altersklasse errungen: 2 71-Jährige (1 NC und 1 Unabhängiger) und 2 70-Jährige (1 Kommunist und 1 NC). Einer von ihnen wird die Ehre haben, als "Ältester" administrativ die Vereidigung der Abgeordneten zu übernehmen, bis ein Sprecher und sein Stellvertreter des HoR gewählt sind. Auch die Ü 60 lassen sich vorläufig noch an einer Hand abzählen.

Und unser einstiger Bürgermeister, der 35-jährige Rapper und wahrscheinlich zukünftige Premierminister rappt धन्यवाद dan'yavād - thank you!  जय नेपाल धन्यवाद jaj Nepal dan'yavād - Glory to Nepal, thank you!

Sonntag, März 08, 2026

womens day

Immer noch Feiertag. Hört das denn nie auf? Kein Bike! Leichter Nieselregen. Dicker Smog! Internationaler Frauentag. Auch in Nepal. Obwohl hier die Frauen zb bei den gerade abgehaltenen Wahlen unterrepräsentiert sind. Die Parteien sind laut Verfassung verpflichtet, 30 % Kandidatinnen aufzustellen. Tut natürlich keine. Auch nicht die unseres Nachbarn Rabi Lamichhane, die gerade die gesamte steinalte, männliche und hintervorgestrig verkrustete Garde aus der politischen Landschaft Nepals gefegt hat. Man(n) freut sich, dass von den 16 Kandidatinnen immerhin 13 Erfolge (und zwar beachtliche) eingefahren haben. 

Die sind aber nicht auf dem Bild! Auf dem Bild sind die Nachbarinnen mit Rabi! Er überragt alle. Der community manager teilte um 15:08 über den internen community chat mit, dass Rabi L. gegen 15:45 zu einem Empfang lade. Also nix wie hin. Zeit ist wie immer ausreichend vorhanden. Es gibt nepali food, zubereitet von den lachenden ladies, Reis mit Zutaten, viele Fotos und glückliche Gesichter. Kein einziger bodyguard, wundert sich der Berliner auf dem Heimweg um die Ecke, gar kein Polizeiaufgebot. Wir leben in sicheren Gefielden.

Samstag, März 07, 2026

Samstag nach der Wahl

Wochenende. Immer noch und verdienter freier Tag. Kein Bike auf der schiefen Ebene. 

Es sieht so aus, als ob die Partei unseres Nachbarn, die er erst vor drei Jahren gegründet hat, einen Erdrutschsieg im ganzen Land einholt. Und dass unser cooler Rapper, der Ex-Bürgermeister von Kathmandu, Premierminister wird. 

Die alte Garde kann nun in ihren verdienten Ruhestand gehen.  

Freitag, März 06, 2026

Freitag

Immer noch Feiertag. Was niemand der Interimsregierung zutrauen wollte und bis in die letzten Tage immer wieder von allen Seiten angezweifelt wurde: die Wahl hat im ganzen Lande ohne größere Zwischenfälle termingemäß am 21. Falgun 2082 stattgefunden. Die Tagestemperatur steigt gerade rapide. Und obwohl gestern ein allgemeines Fahrverbot galt, sind wir heute wieder weltweit auf Platz drei der Luftverschmutzung.

Ein politischer Tsunami fegt durchs Land, die Nepali haben ihre korrupten und unfähigen Langzeitpolitiker, die dachten, sie hätten ein Recht auf Lebenszeitpolitiker, abgestraft.   

Liveticker zum Fortschritt der Auszählungen "election 2082" hier: https://election.ekantipur.com/?lng=eng

Donnerstag, März 05, 2026

प्रतिनिधि सभा निर्वाचन

Wahltag. Feiertag. Ruhetag. Landesweites Fahrverbot, eingeschränkterFlugverkehr, geschlossene Grenzen. Ein Besinn-dich-Tag. 

प्रतिनिधि सभा निर्वाचन  - pratinidhi sabha nirvacan. Pratinidhi sabha = HoR House of Representatives, Abgeordnetenhaus. Nirvacan = election, Wahl. Also: Parlamentswahl. 

3406 Direktkandidaten, davon 3017 männlich, 388 weiblich, 1 divers stellen sich der Mehrheitswahl in 165 Wahlkreisen. 2263 der Direktkandidaten gehören einer der 65 Parteien an, 1143 sind unabhängig.

Daneben werden 110 Sitze nach Verhältniswahl vergeben, darum bewerben sich 3135 weitere Kandidaten, davon sind 1363 männlich, 1772 weiblich.  

Die Wahllokale sind von 7 am bis 5 pm geöffnet. Danach beginnt das Auszählen.  

Mittwoch, März 04, 2026

Lachnummer

Feiertag. Der Tag vor der Wahl. Alle haben frei, damit sie nach Hause fahren können, bzw an den Ort, wo die für sie zuständige Wahlurne steht. 

Ich gehe spazieren. Vor ein paar Tagen ist zuerst der Schnürsenkel am linken Schuh und jetzt auch am rechten gerissen. Beide ungefähr an derselben Stelle, nämlich im obersten rechten Loch. Dort wird der Schuhbändel am meisten strapaziert. Es gibt weitere Sollbruchstellen, zB am untersten linken Loch. Noch kann ich mit beiden verkürzten Schnüren die Schuhe notdürftig binden. Ich meine immer noch, Halt am Fuß zu brauchen. Vielleicht ist das gar nicht so. Mutig mache ich mich über holperige Gehsteige auf die Suche nach Schuhbändeln in einem Land, in dem kaum jemand mit geschnürten Schuhen an den Füßen anzutreffen ist. Aber Schuh-Shutters gibt es alle paar Meter. Slipper-Shutters. Plastikslippers in allen Größen und Farben, vorausschauend stehen auch schon die Gummistiefel in Reih und Glied. Nächste Woche soll es nämlich regnen. Aber auf meine Frage nach laces - laces??? - ernte ich nur unbändiges Lachen. Die nepalesische Bezeichnung जुत्ताको फिता - juttako fita - wörtlich der Schuhe Bändel - sagt ja auch alles. जुत्ता - jutta sind feste Schuhe. Die sind geschnürt oder auch nicht. Was hier an allen Ecken angeboten wird, sommers wie winters, auch an Feiertagen und Tagen vor Feiertagen oder am Tag vor der alles entscheidenden Parlamentswahl, sind चप्पल - cappal. Schlupfschuhe. Slippers. Schlärpli. 

Dienstag, März 03, 2026

होली पुन्ही

होली पुन्ही - Holi Punhi. Holi Zwo. Falgu Purnima, Falgun Vollmond. Andernorts worm moon - Wurmmond (die Regenwürmer erwachen zum Leben!) oder Krähenmond, Saftmond, Lenzmond genannt. Der Vollmond im März bedeutet das Ende des Winters und den Beginn des Frühlings auf der ganzen Nordhalbkugel. Also auch in Nepal. Und totale Mondfinsternis dort, wo sie zu sehen ist. Bei uns nicht. Bei uns wird nach wie vor mit feurigen Farben gesprüht. होली पुन्ही - Holi Punhi. Eigentlich Feiertag nur im Tarai. Aber natürlich arbeitet in der capital city keiner, der nicht unbedingt muss, zwischen den Feiertagen. Zwischen gestern und morgen, vorgestern und übermorgen, dem Wochenende und was danach auch immer kommen mag. Den ganzen Tag steht nur ein einziges himmelblaues Bike auf dem Parkplatz. So etwas wie Ausnahmezustand. Oder Ruhe vor dem Sturm. Der Staatspräsident wünscht sich und seinen Landsleuten, dass Holi Inspiration sein möge, die nationale Kultur zu fördern und böse Bräuche in der Gesellschaft auszurotten. Nepal first - verkündete schon kürzlich der pretender in seiner Videobotschaft. 

Seit Mitternacht gilt Wahlruhe - 72 Stunden vor Öffnung der Wahllokale ist der Wahlkampf vorbei, die Parteien müssen ihr Propagandamaterial aus dem öffentlichen Raum entfernt haben. Holi hat den Kandidaten auf der letzten Strecke tüchtig eingeheizt, sie mussten ihre Abschlussbotschaften rechtzeitig platzieren, wo auch immer. 

Wir essen im Singatown einen ganzen Fisch. Auf dem Heimweg regnet es.

Montag, März 02, 2026

होली चिरदह

Feiertag. Gestern schon war das schiefe Parking höchstens halb besetzt und auch das nur den halben Tag. Heute होली चिरदह - Holi Chirdaha und gar kein Bike. Das Festival der Farben, des Feuers, des Frühlings. Der erste bzw. letzte oder vorletzte Tag eines wie immer mehrtägigen Festivals.  चिर - Chir, die massive Bambusstange mit den bunten Stoffteilen, die an Falgun Shukla Astami, also am 8. Tag des zunehmenden Mondes, am Basantapur Durbar Square in Kathmandu feierlich aufgerichtet wurde, wird heute, am Tag vor Vollmond, wieder abgebaut. Wer kann, nimmt einen bunten Fetzen nach Hause und bewahrt ihn gut auf. Der soll Glück bringen. Feiertag in Kathmandu, in der hilly region und im inner Madhes.

Weil die Wahlen vor der Tür stehen, gelten gesonderte Sicherheitsbestimmungen. Zwar darf man lachen und fröhlich sein und sich gegenseitig mit Farben bekleckern - aber bitte mit Maß. Größere Ansammlungen im Regierungsviertel und an anderen neuralgischen Punkten der Stadt sowie Wahlkampfauftritte im ganzen Lande sind während dem hinduistischen Fest Holi verboten.

So weit ist es gekommen mit regierenden Maoisten, vereinten oder nicht vereinten Kommunisten, Marxisten, Leninisten: sie alle beugen sich dem religiösen Kalender und den Traditionen des einstigen einzigen und jahrhundertealten Himalaya-Hindu-Königreichs. 

Sonntag, März 01, 2026

Bari 1943

Kürzlich las ich einen Artikel über die Entdeckung der Chemotherapie. Kürzlich ist relativ und in Wirklichkeit schon länger her, und eigentlich war es ein Artikel über Kriegsführung, wie er aktueller nicht sein könnte. Über Lügen, List, Vertuschung, Arroganz, Taktik, Dummheit und dergleichen mehr. Über Zufälle, die leidige Verkettung unglückseligster Umstände. Und über billigend in Kauf genommene - wie es neudeutsch so schön heißt: Kollateralschäden.

Im Dezember 1943 bombardierte die deutsche Luftwaffe den Hafen von Bari. Da war der Krieg, wie ich lese, für das Dritte Reich bereits entschieden - nämlich: verloren. Niemand (also: die Alliierten) erwartete von den Deutschen noch einen Angriff - und schon gar nicht in einem Nest in Süditalien, weit ab von der Front. Ein deutscher Aufklärer hatte aber Anfang Dezember dort eine ungewöhnlich große Konzentration von Schiffen in dem kleinen Hafen entdeckt. Das Hafenbecken war "mit 30 Versorgungsschiffen vollgestopft" und ein deutscher Luftflottenkommandeur nutzte die Gunst der Stunde. Sein Überraschungsangriff setzte eines Abends um 19:30 Uhr ein und war nach 15 Minuten beendet. Der Hafen war taghell erleuchtet gewesen, die Piloten konnten ihn aus 100 Kilometer Entfernung ausmachen, da Briten und Amerikaner wie Idioten ihre Kriegsindustrie rund um die Uhr laufen ließen. 17 Schiffe wurden versenkt, 8 beschädigt, über 1000 Soldaten und ungezählte Bewohner der Straßen und Häuser rund um den Hafen getötet. Die Explosionen der Munitionsschiffe sowie einer getroffenen Pipeline verstärkten das Inferno. 

In der Nacht erreichte die Feuersäule die "John Harvey". Das Schiff ging mitsamt seiner Fracht - 100 Tonnen Chemiewaffen, u.a. flüssiger Schwefelsenf sowie 2000 Senfgasbomben - in Flammen auf. Die Matrosen, die ins Wasser gefallen waren, wurden von einer öligen Mischung bedeckt, in der sich der Schwefelsenf festsetzte. Natürlich wusste niemand in Bari von der giftigen Fracht und die, die es wussten, schwiegen tunlichst. Die aus dem Hafenwasser Geborgenen wurden falsch oder gar nicht behandelt, sie bekamen Morphium gegen den Schock. Als sie Symptome einer Gasvergiftung zeigten, wurde behauptet, die Deutschen hätten Gas abgeworfen. Als ein Experte für chemische Kriegsführung in Bari eintraf, erkannte er, dass die Verletzten Senfgas ausgesetzt waren. Aber erst als Taucher Reste der Senfgasbomben vom Grund des Hafenbeckens holten, war klar, woher das Gift stammte: aus der eigenen Küche, nämlich aus dem Frachtraum der "John Harvey". Was nicht heißt, dass die Wahrheit ans Licht kam. Nein, sie wurde fröhlich weiter vertuscht und zwar von oberster Stelle. Eisenhower und Churchill wollten Hitler keine Steilvorlage für einen Giftgaskrieg bieten. Die Krankenberichte mussten frisiert, das Senfgas eliminiert und durch "Verbrennungen durch feindliche Einwirkung" ersetzt werden. Die 600 Überlebende blieben mit ihren Langzeitqualen allein und der Bericht des Experten wurde als geheim "weggesperrt". Aber irgendein schlauer Kopf (Krebsspezialist) konnte vorher einen Blick darauf werfen und nutzte die Gunst der Stunde: er erkannte, dass Senfgas ein "Killer" war: es hatte weiße Blutkörperchen abgetötet. Der schlaue Kopf schloss daraus, dass die Killersubstanz auch als Heilmittel eingesetzt werden könnte. Bei der Behandlung von Krebs. Die Idee der Chemotherapie war geboren.