Sonntag, Mai 31, 2026

Feiertag

Weil Sonntag. Neuerdings auch Wochenende. Vollmond, der zweite im Monat Mai des westlichen Kalenders. Ein sogenannter blue moon, heute sogar ein blue micro moon, ein winziger Vollmond, der kleinste des ganzen Jahres 2026 AD. Denn er befindet sich auf seiner Umlaufbahn gerade im Apogäum, an dem Punkt, der am weitesten entfernt von der Erde liegt. Weiter geht nicht. Außer unser Erdtrabant würde plötzlich aus seiner Bahn austreten - oder durch etwas Unvorhergesehenes aus ihr hinauskatapultiert. 

Ein blue apogee micro moon kommt selten vor (nicht ganz so selten wie kshaya maas), sagt die Fachwelt. Der letzte zeigte sich am 31. Oktober 2020, und der nächste kommt erst am 30. Juli 2053 wieder an unseren Nachthimmel. Dieselbe Fachwelt sagt, die Bezeichnung blue moon beruhe auf einem Missverständnis. In einem Artikel von 1946 im Fachjournal "Sky and Telescope Magazin" bezog sich der Autor auf eine frühere, komplexere Definition des blue moon und interpretierte sie falsch. Ursprünglich war ein blue moon der dritte Vollmond einer Jahreszeit (Frühling, Sommer, Herbst und Winter), in der vier statt üblicherweise nur drei Vollmonde auftreten. Blue moon meint also eigentlich den dritten Vollmond einer Jahreszeit und nicht den zweiten Vollmond eines Monats. Der heutige Vollmond wäre auf den Frühling (März, April, Mai) bezogen, der dritte oder der vierte. Je nach dem, wie man die Jahreszeit definiert. Ob kalendarisch oder astronomisch. Im Endeffekt eine rein fachweltliche Haarspalterei!   

Für die Hindus fällt der heutige Vollmond mitten in den Malamaas - in den Schaltmonat ohne besondere Anlässe. Da gibt es nur einen Vollmond und der heißt अनला पुन्ही - Anala Punhi. Der Vollmond in Anala. Anala ist ein weiterer Name für den zusätzlichen Monat, in dem nichts Wichtiges unternommen werden soll, nicht einmal in Gedanken!

Und so "blau" geht der blue apogee micro moon auf am Abend. Die Stadt liegt mir zu Füßen. In der Nacht ist sie lichtverschmutzt. Von meinem Dach aus gesehen trifft अनला पुन्ही - Anala Punhi die Sache besser!

Samstag, Mai 30, 2026

Feiertag

Samstag. Der erste Tag des freien Wochenendes. Es regnet. Immer noch Prämonsunniederschlag, wie es heißt. Auch die ersten Erdrutsche und Schlammlawinen, verschütteten Straßen und eingestürzten Brücken. In Pokhara sackte in der Nacht in Nadipur, am westlichen Ufer des Seti Flusses ein Stück Straße ab, und beeinträchtigte das anliegende Haus. Bis zum Morgen erstreckte sich die Senkung im Boden auf über 10 Meter. Prämonsunwetterereignisse.  

16. Jestha 2083 BS, ein bescheidener Feiertag: राष्ट्रिय महिला अधिकार दिवस - Rastriya mahila adhikar divas - Nationaler Tag der Frauenrechte. Er wird erst zum achten Mal begangen und nicht als public holiday. Aber weil Samstag ist, haben alle frei. Außer die Hausfrauen und Mütter, Shutterstorebesitzerinnen, Gemüse- und Obstverkäuferinnen usw. Der Nationale Tag für Frauenrechte steht unter dem offiziellen Motto Campaign for Respect for Women's Rights, Self-Reliance, and Prosperity (महिला अधिकारको सम्मान, आत्मनिर्भरता र समृद्धिको अभियान) und Präsident Paudel spricht in seinem Grußwort große Dankbarkeit an alle aus, die Frauenrechte ermöglichen. Die Anerkennung von Fähigkeiten und Führungsqualitäten der Frauen trage entscheidend zum nationalen Wohlstand bei, sagt das Staatsoberhaupt. In einer gesunden Gesellschaft müsse jede Form von Diskriminierung, Gewalt und Ungleichbehandlung gegen Frauen ausgeräumt werden. Das sei "unsere gemeinsame" Verantwortung. PM Shah bekräftigt in seiner Botschaft, dass die Verfassung Nepals die Rechte der Frauen als fundamentale Rechte gewährleistet. Er unterstreicht aber, dass rechtliche wie gesellschaftliche Anstrengungen notwendig seien, um "schädliche Bräuche" wie Hexenverfolgung, Frühverheiratung, chhaupadi (Menstruationshütten), dowry (Mitgift-Praktiken) und Tilak Traditionen zu unterbinden sowie genderbasierter, häuslicher und digitaler Gewalt entgegenzutreten. 

Vor acht Jahren rief die damalige Frauen- und Familienministerin Tham Maya Thapa den Nationalen Tag der Frauenrechte ins Leben. Das Datum verknüpfte sie mit einer historischen Abstimmung im nepalesischen Parlament vom 16. Jestha 2063 BS (2006 AD). Die Abgeordneten fassten damals auf Antrag von Bidya Dewi Bhandari einstimmig einen Beschluss auf Frauenförderung in drei Punkten: 1. Das Recht auf Staatsbürgerschaft über den Namen der Mutter. 2. Den Frauenanteil von mindestens einem Drittel in allen staatlichen Gremien. 3. Die Beendigung jeglicher Form von Gewalt gegen Frauen. Als der Nationale Tag der Frauenrechte zum ersten Mal in Nepal gefeiert wurde, am 16 Jestha 2076 BS (= 30. Mai 2019 AD), war die einstige Abgeordnete Bhandari Staatspräsidentin.

Freitag, Mai 29, 2026

Feiertag

Public holiday. Wie gestern. Heute ist der 15. Jestha und es wird गणतन्त्र दिवस - Ganatantra Diwas gefeiert. Ein politischer Feiertag. Also kann er auch mitten im hinduistischen Malamaas begangen werden. Der Tag der Republik. गण - gan oder gana sind die Auserwählten, die Gewählten,  तन्त्र - tantra ist das System, das Regime. Die Macht im Staat gehört den gewählten Repräsentanten, seit am 15 Jestha 2065 BS (= 28.5.2008 AD) die Shah-Monarchie in Nepal abgeschafft und ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg beendet wurde.

Foto: WGA auf Flug KTM - KMG 
Und der 29. Mai ist traditionell der Internationale Everest Day, in Nepal natürlich der Sagarmatha Day. Heute wird in Kathmandu der 73. Sagarmatha Day gefeiert, denn vor 73 Jahren standen die ersten zwei Menschen auf dem höchsten Gipfel der Erde, Tenzing Norgay Sherpa und Sir Edmund Hillary. Aber vor 73 Jahren kannte niemand den Namen Sagarmatha. Der Berg hieß Everest in der Welt und bei den locals Chomolungma. Das hatten wir kürzlich schon. Heute geht auch die Frühjahrsbergsteigesaison zu Ende. Das wetterbedingte Zeitfenster für das Erklimmen des Gipfels schließt sich für die nächsten Monate und die Sherpas und Icefalldoctors machen sich noch einmal an die Arbeit. Sammeln Fixseile und Leitern wieder ein, befreien ihren heiligen Chomolungma von jedem Unrat, soviel sie eben auf ihren Rücken ins Tal tragen können. Das DoI (Department of Tourism) teilt mit, dass in dieser Saison so viele Bergsteiger wie noch nie in einer Saison den Gipfel erreichten: 1008. Ab sofort herrscht oben wieder unendliche Einsamkeit.

Donnerstag, Mai 28, 2026

Feiertag

Public holiday. Kein Bike auf dem seit einigen Tagen wieder überfüllten schiefen Parking. Mein Nepali Calendar zeigt mir den Tag erst heute früh rot an. So ist das hier. Es kommt auch vor, dass ein freier Tag erst im Nachhinein als solcher erklärt wird. Trotzdem funktioniert alles. 

प्रदोष व्रत - Pradosh Vrat oder auch Pradosham ist der hinduistische Fastentag, der jeden Monat zweimal begangen wird - wohl auch im derzeitigen Purushottam, dem Adhikmaas oder Malamaas. Immer am 13. Tag der shukla paksha, des zunehmenden Mondes (das ist heute) sowie am 13 Tag der krishna paksha, des abnehmenden Mondes (das wird in ca 2 Wochen sein). Die Gläubigen, meist sind es Frauen, fasten für Shiva und Parvati. प्रदोष - pradosh bedeutet Dämmerung und meint die "heilige" Zeitspanne von ca 3 Stunden rund um den Sonnenuntergang. Die eineinhalb Stunden vor und eineinhalb Stunden nach Sonnenuntergang eignen sich am besten für Gebete und Meditation. Man kann sich so von Sünden befreien und Wünsche formulieren. Dieses günstige Zeitfenster heißt auch प्रदोष काल - pradosh kaal - die Zeit der Dämmerung. Die Hindus glauben, dass Lord Shiva während प्रदोष काल - pradosh kaal, seinen kosmischen Tanz ताण्डव - Tandava aufführt. 

Die Muslime (nicht nur in Nepal) feiern das Gegenteil von fasten. Eid-Ul-Adha, oder Bakra-Eid oder Idul Zuha. Das zweitgrößte Fest im islamischen Kalender. Das Opferfest. Oder Ziegenfest. 70 Tage nach Eid-al-Fitr, dem Fastenbrechen nach dem Ramadan. Bakra ist die Ziege und Eid das Fest. Es soll ein Tier geschlachtet werden (Ziege, Schaf, Kuh oder Kamel!) und das Fleisch in drei Teile geteilt werden. Für die Familie, für die Freunde und für die Armen. 

Von offizieller Seit werden allen die besten Wünsche ausgesprochen und Nepal als multi-ethnisches, multi-sprachliches, multi-religiöses und multi-kulturelles Land beschworen.

Mittwoch, Mai 27, 2026

Reisfelder

Genaugenommen wohnten und wohnen wir auch auf dem Hill am Rande von terrassierten Reisfeldern. Nur sind sie verbuscht und vergrast. Die Bäuerinnen holen hier regelmäßig Futter für ihr Vieh. Auf der einen leergetretenen Terrasse spielen am frühen Morgen zwei Erwachsene, meist eine Frau und ein Mann Federball. Und am Nachmittag die Jungs, die außerhalb unserer gated community leben, Fußball. Dazwischen gehört das Feld allen freilebenden schwarzen Hunden. Ein halbes bis ganzes Dutzend tollt und trollt sich da, dass es eine wahre Freude ist. Bleibt mal ein Ball von den Buben über Nacht liegen, wird er freudig in Stücke gerissen.   

Auch vor über 20 Jahren wohnten wir einen kurzen Winter lang an Reisfeldern. In Tsukuba. Dort lag Schnee auf dem Feld und nichts geschah. Reisfelder heißen in Japan Seiden.  

Dienstag, Mai 26, 2026

Zeichen der Zeit

Wozu ich das alles mache? Heute früh - so etwas kann ich nur ganz früh am morgen machen, riss ich büschelweise Gras aus. Das ist hier "Rasenmähen". Das Gras wächst derzeit ungefähr einen halben Meter pro Tag. Viel Gras ist es nicht. Mehr Klee und sonstiges Wucherzeug. Das muss ich daran hindern, dass es meine zarten Plantagen verschlingt. Wozu ich das alles mache? Um ein - oder mehrere Zeichen zu setzen. Die Nachbarn haben tausende Blumentöpfe rund um ihre Häuser, auf den Dächern, Terrassen, Mauervorsprüngen und rund um ihr Auto vor den Wohnzimmerfenstern stehen. Die werden täglich aufwändig gewässert. Dafür ist ein boy oder eine maid angestellt. Die meisten Töpfe stehen so, dass sie von dem Regen, der ab und zu sintflutartig niedergeht, gar nichts abbekommen.

Wozu ich das alles mache? Um Zeichen gesetzt zu haben. Wir haben gestern abend unsere Bleibe in dieser stolzen Festung auf dem Hill gekündigt. Und vorgestern in Pokhara einen neuen Mietvertrag unterschrieben. Wir verlassen das Valley und ziehen in ein Reisfeld.  

Seit unser Entschluss steht, ist das schiefe Bike-Parking hinter der Municipality wieder bis auf den letzten Platz gefüllt.    

Montag, Mai 25, 2026

Gartenarbeit

Der erste Mangobaum begrüßt mich im Topf. Aus der Erde heraus. Er hat meine Abwesenheit trotz Hitze überstanden.

Den zweiten wickele ich aus seinem improvisierten Tropenhaus. Er kommt nun auch in die Erde. In einen Tontopf. Er hat unter Gewächshausbedingungen auf meinem Fensterbrett eine kräftige Wurzel und den Beginn einer Krone ausgebildet. Den dritten zeige ich nicht, da ist nicht viel zu sehen, ich setze ihn hoffnungsvoll trotzdem in die Erde. Denn aller guten Dinge sind Drei. Die Kerne, die ich austrocknen ließ, dienen höchstens noch als Kompost.  

Auf der Golfutar sind bereits fliegende Händler mit Litschibüscheln unterwegs. Im Garten wachsen, wenn ich mich nicht irre, drei Litchibäume heran. Ich habe letztes Jahr Dutzende von Kernen verbuddelt. Ich verbuddele hier alles. Kürzlich warf ich eine überreife Tomate in eine Ecke im Garten, weil der Mülleimer nicht der geeignete Platz für so etwas schien. Ich zerquetsche sie leicht mit den Zehenspitzen, der Saft spritzte nach allen Richtungen. Dann schob ich ein bisschen Erde darüber. Ganz ohne mich zu bücken. Wie es aussieht, haben die Kerne verstanden, was ich von ihnen will. Vor ein paar Wochen entdeckte ich im Gestrüpp neben meinem Tempel jungen Bambus. Zart und frisch. Ich habe keine Ahnung, woher der plötzlich kam. Am nächsten Morgen steckte ich mein ein und alles-Werkzeug in die Tasche, den कुटो कोदालो - kuto kodalo und zog nach dem Morgenqiogong drei Triebe aus dem weichen warmen Boden. Es hatte die ganze Nacht geregnet und ich setzte den Bambus in die den Tomaten entgegengesetzte Ecke. Zuerst sahen die Triebe höchst unglücklich aus, mittlerweile aber haben auch sie sich an mich gewöhnt. 

Sonntag, Mai 24, 2026

Pokhara drei

Wir fliegen zurück ohne das berauschende Hochgebirgspanorama gesehen zu haben. Dafür haben wir berauschenden Regen erlebt, Wasserbüffel, Reisfelder und weiße Kraniche bestaunt. Und frischen Fisch aus dem See gegessen. 

Back on the hill. Mit sozusagen null Verspätung. Ohne Himalayasicht,. Wir flogen durch dicke Gewitterwolken und mussten während des ganzen Fluges angeschnallt bleiben. Später, als es dunkel und wir müde waren, sahen wir vom Dach aus den Mond über Kathmandu. Schon über halb voll. 

Samstag, Mai 23, 2026

Pikhalakhu

पिखालखु - pikhalakhu bedeutet in der Sprache der Newari "draußen vor der Tür".  

पिखालखु - pikhalakhu ist ein kleines Symbol aus Stein, Marmor oder auch Metall, meist in Form einer offenen Lotusblüte. पिखालखु - pikhalakhu hat seinen festen Platz draußen vor der Tür, eingelassen in den Boden, in die Erde, in das Pflaster. Unverrückbar vor dem Haupteingang des Hauses. In Thimi haben wir viele solche gesehen in der Innenstadt, पिखालखु - pikhalakhu gehört dort zu jedem Haus. Es ist der absorbierende Stein, die geschmückte kleine erhabene und tief verehrte Stelle draußen vor der Tür, die Unreinheiten, Dreck und Staub, aber auch alle bad omens und bad vibrations von den Innenräumen fernhält. Die Newari sind überzeugt, dass Lord Kumar sie immerfort beschützt, wenn sie den Tag mit einem Gebet "draußen vor der Tür", an पिखालखु - pikhalakhu beginnen. Viele Häuser unserer Nachbarn auf dem Hill zieren übermenschlich mächtige Ganeshskulpuren. Die Newari sind weniger auf Pomp und Prunk bedacht in der Verehrung von Ganeshs Bruder Kumar.

Wir sind in Pokhara, out of the Kathmandu Valley, draußen vor der Tür.  पोखरा - Pokhara kommt von पोखरी - pokhari = Teich, See, Tümpel, Wasserloch. पोखरा - Pokhara ist die Stadt der Seen und liegt exakt in der geografischen Mitte des Landes, das lang und schmal zwischen zwei Großmächten liegt. Klimatisch längs dreigestreift ins subtropische Tarai, das gemäßigte Mittelgebirge, hilly region mit Kathmandu Valley und die hochalpine, arktische Himalayakette. Hier in पोखरा am See und am Fuße des Annapurnamassivs ist es heiß und gewittrig.

Freitag, Mai 22, 2026

Sithi Nakha

Wir fliegen nach Pokhara. Es regnet. Es ist der 6. Tag der shukla paksha im Monat Jesh, also der hellen Mondphase. Der Mond nimmt von Abend zu Abend merklich zu. 

Es müsste Sithi Nakha gefeiert werden, wenn gefeiert würde und wir uns nicht im Malamaas befänden, im Monat des Nichtfeierns. Die Natur nimmt ihren Lauf und keine Rücksicht auf weltliche Kalender. Für die Newari bedeutet Sithi Nakha das Ende der Trockenzeit. Sie reinigen nun trotzdem, wie bereitsvor einer Woche berichtet, vor dem Monsun ihre hitis und verehren weiterhin  कुमार - Kumar, Shivas Sohn, Ganeshs Bruder.

Donnerstag, Mai 21, 2026

kshaya maas

Es gibt im Hindukalender nicht nur den zusätzlichen Monat अधिक मास - adhik maas, sondern auch den verlorenen Monat: क्षय मास - kshaya maas. Das ist irgendwie logisch. Kommt einer dazu, muss auch mal einer wegfallen. Aber so einfach ist es nicht. Der Schaltmonat adhik maas schaltet sich alle 32 Monate, 16 Tage, 1 Stunde und 36 Minuten ein. Der Fallmonat kshaya maas hingegen fällt nur sehr selten aus, ungefähr alle 141 bis 190 Jahre. Das letzte Mal geschah dies im Jahr 2040 BS (= 1983 AD), das nächste Mal wird es voraussichtlich im Jahr 2181 BS (= 2124 AD) sein. 

Beide außergewöhnlichen Monate - adhik, der zusätzliche und kshaya, der verlorene - sind selbstregulierende Elemente einer komplizierten Zeitrechnung. Sie haben die Aufgabe, den Lauf der Sonne und den Lauf des Mondes für uns Irdische wieder etwas aneinander anzugleichen. Sie sorgen für eine perfekte Balance im Universum. Und im Feiertagskalender. Wenn auch jeweils nur für einen kurzen Moment.

Ein Monat geht dann verloren, wenn zwischen seinem ersten und letzten Tag zwei Sankranti auftreten, dh wenn die Sonne zweimal in ein neues Sternzeichen übertritt. Das kann nur in den Monaten Kartik (= AD Mitte Oktober - Mitte November), Mangsir (Mitte November - Mitte Dezember) oder Poush (Mitte Dezember - Mitte Januar) vorkommen.   

Wenn die Sonne in einem Monat zwei Sankrantis ansteuert und der ganze Monat deshalb als kshaya maas verloren geht, schaltet sich sowohl davor wie danach ein adhik maas - ein zusätzlicher Monat ein. Das Jahr, das durch den kshaya maas eigentlich nur noch 11 Monate hat, hat dann wieder 13 Monate - wie jedes Jahr mit adhik maas. 

Adhik maas - das wissen wir schon, ist der zusätzliche Monat ohne Sankranti. Auch das scheint logisch. Wenn die Sonne im kshaya maas so schnell unterwegs ist, dass sie zwei Sternzeichen passiert, muss sie davor Luft holen und danach verschnaufen. 

Natürlich haben die beiden Schaltmonate andere Namen, wenn sie als Platzhalter für kshaya maas auftreten: संसर्प - samsarpa ist der zusätzliche Monat vor und अहंस्पति - ahamspati der zusätzliche Monat nach क्षय मास - kshaya maas, dem verloren gegangenen Monat.

Mittwoch, Mai 20, 2026

swimmingpool

Ich habe gestern meine Schwimmsaison eröffnet. Der Pool wurde über die Wintermonate entleert und ich fragte mich lange Zeit, wo das Wasser wohl hin gegangen ist. Die blauen Fliesen wurden aufwändig geputzt, geflickt und dann das Wasser sehr langsam wieder eingelassen.  

Dienstag, Mai 19, 2026

namegame

Die kurze Frühjahrhochgebirgsklettersaison dauert noch ein paar Tage, also kann ich meine Gedanken weiterhin um den Berg kreisen lassen, den die Tibeter und die Sherpas Qomolangma oder Chomolungma nennen. Den Namen "Everest" hat ihm, wie wir wissen, die ehrwürdige "Royal Geographical Society" (von der mein Gatte ein ehrwürdiger fellow ist) 1865 verliehen und in die Welt verbreitet. 

Die Tibeter hatten ihren Namen schon immer. Jedenfalls ist mir nichts Gegenteiliges bekannt. Eine französische Karte von 1733, die offenbar Zeichnungen von Kapuzinermönchen als Grundlage nutzte, die im frühen 18. Jahrhundert in Lhasa lebten, nennt den Berg "Tschoumou-Lancma". Die orthographische Verwandtschaft und/oder die artikulatorische Nähe zu Qomolangma oder Chomolungma ist nicht zu überhören. Noch vor der Erstbesteigung, nämlich im Juni 1952 erklärte übrigens das offizielle Peking per Dekret, dass der Mount Everest im Chinesischen nur seinen ursprünglichen Namen Chomolungma tragen soll.

Dieser Umstand mag den damals amtierenden König Mahendra dazu bewogen haben, dem Berg, der immerhin zur Hälfte in seinem Hoheitsgebiet, dem einzigen Hindu-Himalayakönigreich steht, endlich einen nepalesischen Namen zu geben. Er schickte seine Untertanen auf die Suche nach dem eigentlich richtigen Namen und die fanden in einem Artikel des Historikers Baburam Acharya von 1938 den Namen bereits im Titel "Sagarmatha or Jhyamolongma" angelegt. Soweit sind meine bescheidenen  Nepalikenntnisse bereits gediehen, dass ich in dem zweiten Namen natürlich den tibetischen erkenne, in nepalesischer Aussprache eben. Nicht so Barubam, der nepalesische Historiker. Angeblich (ich berufe mich auf Informationen aus zweiter Hand, die mir zugänglich sind, da mir das Original nicht zugänglich ist) lässt er sich in seinem wissenschaftlichen Essay intensiv darüber aus, dass "Jyhamolongma" ein - wie man heute sagen würde - no-name sei. Ist es auch, bei Lichte betrachtet. Um Sagarmatha hingegen baut er Berge und Abgründe von Spekulationen über die Kiratsparche - die keiner seriösen Überprüfung standhalten dürften. Acharya selbst soll Jahrzehnte später erklärt haben, der Name sei ihm "zugefallen". Das sind die weltweit bekannten Erinnerungslücken bei Erklärungsnot. Alles deutet darauf hin, dass ihm der Name auf dem Flur zwischen den Büros der Behörde, bei der er damals beschäftigt war, zugefallen ist oder zugetragen wurde. In einem Pausengespräch oder neudeutsch small talk. Eine "third-hand" Fundsache. Aber immerhin. Den König überzeugte sie nach heftigen internen Querelen (der Hof warf dem Historiker ua mangelnddn Patriotismus vor) doch. Nach fast 20 Jahre. Und so erhob sich Sagarmatha - die Stirn der Erde, die den Himmel berührt - aus dem Himalayamassiv.

Montag, Mai 18, 2026

women climbers

Der neue Mond ist am Abend zu sehen, eine dünne liegend Sichel, bereits 4,9 % gefüllt!

Gestern gab es Rekorde am Everest. Lhakpa Sherpa stand um 9:30 am zum elften Mal auf dem höchsten Gipfel der Erde. Und ist - wie berichtet wird - mittlerweile gesund wieder im Base Camp angekommen. Damit hat sie ihren eigenen Rekord von 10 Besteigungen übertroffen. Keine Frau der Welt war öfter auf dem Qomolangma (wie die Sherpas den Berg nach wie vor nennen). Sie stieg acht mal von Norden, von der tibetischen Seite hoch und gestern zum dritten Mal von Süden, von der nepalesischen Seite.   

Lhakpa Sherpa war nicht die erste Nepalesin auf dem Sagarmatha (wie der Berg offiziell in Nepal heißt), aber sie war die erste ihres Landes, die nicht nur hoch- sondern auch wieder heruntergekommen ist. Zum ersten Mal am 18. Mai 2000. 

Die erste Frau auf dem Everest war die Japanerin Junko Tabei, sie erreichte den Gipfel am 16. Mai 1975 über die Südroute. Elf Tage später stieg die Tibeterin Phanthog über die Nordroute auf. Die dritte Frau war die Polin Wanda Rutkiewicz am 16. Oktober 1978. Die vierte, die Deutsche Hannelore Schmatz, war die erste Frau, die hoch, aber nicht mehr herunterkam. Sie starb auf dem Abstieg am 2. Oktober 1979. Es folgten viele viele Frauen, aber erst 1993 eine Nepalesin - Pasang Lhamu Sherpa. Auch sie starb auf dem Abstieg, keine 100 Meter unter dem Gipfel, auf etwa 8,750 Metern. An Entkräftung, wie es heißt. Und aufgrund miserabler Wetterverhältnisse.  

Pasangs Gipfelgeschichte, bzw. die Geschichte der ersten nepalesischen 3-Frauen-Expedition kann man hier nachlesen. Die Autorin des Buches "Forty Years in the Mountains", Lhakpa Phuti Sherpa, ist natürlich nicht objektiv, sie muss es auch nicht sein. Es sind schließlich ihre autobiographischen Aufzeichnungen aus vier Jahrzehnten, die sie mit uns teilt. Sie war Teil des Frauentrios, Pasang war ihre "Schwester", Freundin, Gefährtin. Sie glichen sich auch äußerlich, berichtet Lhakpaphuti, und wurden oft verwechselt. Auch und gerade nach dem Tod der einen. Die Erinnerung an jene Tage und Wochen zwischen dem 8. März und dem 22. April 1993 sind schmerzhaft - das Scheitern und die Katastrophe kündigten sich in mehreren bad omens, schlechten Träumen und eindeutigen Orakeln mehrerer Lamas und Astrologen an. Alle Sherpas beten, bevor sie sich auf den Weg machen und befragen den Himmel, das Universum, Hell- und Schwarzseher. Auch der Donnerstag war für Pasang als Wochentag der denkbar ungünstigste Moment für den Gipfelsturm. Das sagte ihr Ehemann und Vater der drei gemeinsamen Kinder, der es wissen muss und im Base Camp vergeblich auf ihre Rückkehr wartete. Hätte Pasang einen Tag zugewartet, wäre entweder Lhakpaphuti mit ihr gegangen (die dritte im Bunde, Nanda Rai, musste wegen Höhenkrankheit aufgeben), oder der Wetterumschwung hätte beide rechtzeitig davon abgehalten. Letztlich - dies ist meine persönliche Interpretation am Schreibtisch unter dem Dach, nach der nochmaligen Lektüre der sehr umsichtig formulierten (nicht congenial ins Englische übersetzten) gut 50 Seiten - zahlte Pasang ihren Preis für ihr Verhalten. Sie kommt mir in Lahpaphutis Erinnerungen unsolidarisch, unkollegial und herrisch entgegen. Wenn nicht geradezu bösartig. Sie hatte Lakhpaphuti mit der kranken Nanda ins Base Camp zurückgeschickt. Und nutzte die Abwesenheit der beiden für einen egoistischen Alleingang. Sie wollte die Erste sein und den Erfolg nicht teilen. Auch den Superlativ nicht! Einer der vier Sherpas, die sie auf den Gipfel begleiteten, blieb bis zum Schluss bei ihr. Er bezahlte seine Solidarität mit seinem Leben. Die anderen drei stiegen ab und bereiteten die Spur. Vergeblich. Eine traurige Geschichte! Pasang war unbestritten die erste Nepalesin auf dem Gipfel und sie ist bis heute die einzige nepalesische Frau, die am Everest ihr Leben ließ. Alle nach ihr waren vernünftig und vorsichtig. Statistiken belegen, dass Frauen am Everest eher als Männer erkennen, wann ihre Grenzen erreicht sind und sie besser umkehren.   

Heute ist alles einfacher am Berg, der, wie auch immer wir ihn nennen, immer noch den Sherpas gehört. Lhakpa Sherpa war gestern zum 11. Mal oben, in Eigenregie und Eigenverantwortung, Frauenrekord! Kami Rita Sherpa zum 32. Mal als Expeditionsleiter, Männerrekord. Sie wird "Mountain Queen" genannt, er "Everest Man".

Sonntag, Mai 17, 2026

Schaltmondmonat

अधिकमास - Adhikmaas - der zusätzliche, dreizehnte, heilige Schalt-Mondmonat im Hindukalender beginnt mit dem heutigen Neumond um 01:46 local time und dauert bis zum nächsten, am 15. Juni 08:39. Das Zeitfenster ist logisch und der Name verständlich: अधिक - adhik heißt extra, मास - maas Monat. Wie immer existieren auch dafür viele andere Namen. So heißt der Monat auch Purushottam nach Lord Vishnu oder Malamaas - der Monat ohne besondere Anlässe. Wir hatten das schon.    

Dieser "leere" Monat ist von Zeit zu Zeit (ganz genau alle 32 Monate, 16 Tage, 1 Stunde und 36 Minuten) notwendig, um den hinduistischen Feiertags- und Mondkalender wieder mit dem bürokratischen Sonnenkalender zu synchronisieren. Ob das immer genau auf die Minute zutrifft, ist fraglich, denn natürlich setzt ein Komitee - Nepal Panchanga Nirnayak Bikas Samiti (Nepal Calendar Determination Development Committee) - jeweils fest, wann der Adhikmaas beginnt und endet. Ausgewählt wird von den Kalendermachern immer ein Mondmonat, in dem kein Surya Sankranti stattfindet, also die Sonne nicht in ein neues Sternbild übertritt. 

Adhikmaas, der Schaltmondmonat soll frei bleiben von kamya karmas, von emotions- oder geschäftsgetriebenen Tätigkeiten wie Hochzeiten, Hausbau, Geldanlagen oder anderen Investitionen, denn er bietet keinen einzigen auspicious - glücksverheißenden und erfolgsversprechenden Moment an. Man darf kein Kind zeugen, denn es könnte krank sein oder werden. Jungvermählte sollen sich für diesen Monat sogar trennen. Die Ehefrau kehrt mit Einverständnis ihres Ehemannes zu den Eltern zurück, damit ja kein Unglück geschieht. Die Gläubigen sind angehalten, sich auf nishkama karmas, selbstloses Tun, Enthaltsamkeit und spirituelle Disziplin in der Verehrung Vishnus zu konzentrieren. Wer in diesem Monat eine Pilgerreise zum Matsyanarayan Tempel unternimmt, den Tempel, der Lord Vishnus erster Inkarnation als Fisch (Matsya) geweiht ist und dort in den Wasserteich eintaucht, oder zum reinigenden Bad in die Höhe wandert, zum Gosaikunda Snan, dem höchstgelegenen und heiligsten alpinen See Nepals auf 4.380 Metern über Meer, wird bestimmt von allen Sünden befreit.

Samstag, Mai 16, 2026

Shani Jayanti

Samstag. शनिबार - sanibar in Nepali. Der Tag des Planeten Saturn शनि ग्रह - sani graha. Heute ist ein besonderer Samstag, ein besonderer Saturntag, ein besonderer Tag überhaupt. Der Mond wird heute Nacht, kurz nach Mitternacht, also eigentlich morgen neu. Aber bereits der heutige Samstag sowie die Nacht auf morgen Sonntag gelten im hinduistischen Kalender als Amavasya - mondlos. Die mondlose Zeit ist spirituell die kraftvollste für Ahnenrituale. 

Und es ist ein besonderer Neumond - an Neumond im Monat Jesh oder Jeshta (der gestern begonnen hat) wird der Geburtstag von Lord Shani - der Gott des Saturn gefeiert. Es ist Zufall - oder auch nicht - dass Shanis Geburtstag in diesem Jahr auf einen Samstag, also auf den Tag des Saturn fällt. Das verstärkt die kosmischen Energien. Wer heute innehält, fastet, meditiert, einen Tempel besucht, eine Weile unter einem Baum verbringt, Pflanzen wässert und Bedürftigen schwarze Dinge (schwarze Kleidung, schwarze Sesamsamen, schwarzes Sesamöl, schwarze Bohnen, Urad Dal usw.) aber auch Gegenstände aus Eisen, Saphir oder Glas spendet, der durchbricht negative Einflüsse des Saturn und reinigt sein eigenes Karma. Denn Lord Shani - oder Lord Saturn - der Sohn von सूर्य - Surya (Sonne) und छायाँ - Chaya (Schatten) ist der Gott der Gerechtigkeit und des Karma.  

Aber noch immer ist des Guten nicht genug: in diesem Jahr fällt Shani Jayanti, der Geburtstag Saturns am Jesh-Neumond auch zusammen mit Vat Savitri Vrat. Savitri soll der Legende nach ihren Gatten Satyavan erfolgreich von Lord Yama, dem Gott des Todes zurückerobert haben! Es ist einer der Festtage, an denen die Hindufrauen für die Gesundheit und das lange Leben ihrer Ehemänner fasten.

Freitag, Mai 15, 2026

Sithi Cha:Hre

Heute ist der Erste Tag im Zweiten Monat des nepalesischen Jahres 2083 nach Bikram Sambat. जेठ - Jeth oder etwas altertümlicher जयेष्ठ - Jayestha, was verkürzt im heutigen Alltag zu Jestha wird. Die Sprache ist vielfältig. Die Zeit auch. Die Newari feiern heute सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre ihres Jahres 1146 ihres Kalenders Nepal Sambat. Der Doppelpunkt im zweiten Wort deutet ein angehauchtes oder nasaliertes, kaum vernehmbares "n" an.

सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre wird immer an Chaturdashi im Nepali Monat Jeth, das ist der Newari Monat  Bachala, gefeiert. Chaturdashi ist der 14., manchmal auch der 13. Tag jeder Mondphase, der shukla paksha - der hellen, zunehmenden wie der krishna paksha - der dunklen, abnehmenden. Momentan befinden wir uns in der krishna paksha, übermorgen ist in Nepal Neumond. Also ist heute eher der dreizehnte als der vierzehnte Tag der abnehmenden Mondphase. Im Newari Kalender Nepal Sambat ist außerdem der aktuelle Monat Bachala der 7. Monat des Jahres und nicht wie Jeth im Bikram Sambat der zweite. Kompliziert? Nein! 

Chaturdashi, also der 13. oder 14. Tag jeder Mondphase heißt in der Sprache der Nevari Cha:Hre. Aber nur heute ist सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre. Die Newari haben ihre Brunnen geputzt und verehren heute Lord Kumar Kartikeya, den zweiten Sohn von Shiva und Parvati, Ganeshs Bruder. Nicht zu verwechseln mit Kumar Kartikeya Singh, dem indischen linkshändig orthodoxen Cricket-Profi.

Donnerstag, Mai 14, 2026

Begradigtes Gelände

Gestern am späteren Nachmittag rückte der Bagger an und entfernte innert kürzester Zeit (bis die Sonne unterging und der Regen einsetzte) alles Gestrüpp am Ende der unfertigen Straße unter meinem bescheidenen Tempel. Der Baggerfahrer in seiner Kabine wurde von einem Einsatzleiter am Boden instruiert, was von wo wohin umgebaggert werden soll.  

Tatsächlich war bis zum Feierabend die verwilderte Fläche bereinigt und begradigt. Hier stand einst der Schutthügel, der kürzlich nur halbherzig entfernt wurde, um den herum Schulkinder und Mütter täglich ihren Weg nach unten oder nach oben finden mussten, ohne sich ein Bein oder das Genick zu brechen. 

Unter dem Wildwuchs verbargen sich nämlich mehrere einstige Brunnen. Halb oder ganz verschüttete natürliche Wasserläufe, immer noch aktiv. Es ist die ganzen Monate und Jahre, seit wir hier wohnen, nie jemand in einen dieser Brunnenschächte gefallen. Die Nepali, auch in der Hauptstadt, egal ob aus der Provinz zugezogen oder nicht, jung oder alt, Frau oder Mann, scheinen Gefahren instinktiv aus dem Weg zu gehen. Der Bagger hat gestern alle Löcher mit Erde aufgefüllt. Wie nachhaltig das ist, wird sich zeigen. Heute morgen ist das begradigte Gelände jedenfalls eine riesige Matschfläche. Zu dem Wasser aus dem Untergrund kam in der Nacht das Wasser vom Himmel. Es regnete ununterbrochen, bis die Sonne wieder aufging.

Mittwoch, Mai 13, 2026

Vermintes Gelände

Es regnet fast den ganzen Tag. Die Hill-Katzen waren hier schon lange nicht mehr zu Gast. Tom ist verschwunden. Seine Hütte habe ich abgebaut und den Müllmännern übergeben. Sigi hat sich in einen anderen Teil der Siedlung verzogen. Ob sie von einem der Kater, die sie vor etwa drei Monaten tagelang belästigten, gedeckt wurde, weiß ich nicht. Ich sehe weder sie noch ihre jüngsten Nachkommen. Die Designerkatze hockt ab und zu auf dem Mäuerchen vor dem Küchenfenster. Sie schweigt nach wie vor. Will kein Futter, markiert aber rundum. Whity sieht wieder verboten aus. Die Nachbarin meinte kürzlich, so würde ihn gerne "baden". Sein Fell sei voller Ungeziefer. Das ist mir nicht neu. Aber sie fürchte, sagt sie, und ich nicke höflich, dass er sich wehren und ihre Arme zerkratzen könnte. Innerlich schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen. So etwas muss die Natur regeln. Auch an anderen Orten und bei größeren Geschöpfen. Der Kater hinkt seit in paar Tagen. Er läuft dreibeinig, die linke Vorderpfote ist böse angeschlagen und er kann sie nicht aufsetzen. Sein Timbre, einst die krächzende Stimme eines alten Mannes, hat sich seltsamerweise in die eines kranken Kindes verjüngt. Deshalb bekommt er jetzt auf Nachfrage immer einen Nachschlag. Solange er frisst, ist alles gut. Aus der Ferne sichte ich ab und zu Toms Sohn. Ich bin sicher, dass er von Tom abstammt, obwohl er das Fell der Mutter hat. Aber so wie der hier die Wege abschreitet. Mit einer Determiniertheit, die ihn unbestritten als neuen, jungen, drahtigen Chef im Revier ausweist. Und ein fast Rabenschwarzer stromert neuerdings herum, mit unterschiedlich weiß gefärbten Pfoten und ein paar hellen Flecken an den Flanken. Whity kommt mit der ungefähr genau konträren Fellfärbung daher und vertreibt den Eindringling sogar humpelnd sang- und klanglos vom Parkplatz. Die Katzen suchen dort unter den Autos Schutz vor der gnadenlosen Mittagssonne. Im Winter wärmte sich immer eine, nur eine oder einer, strategisch siegessicher auf einer der Motorhauben. In meine nahegelegene Futterzone, an die hintere Küchentür wagt sich außer der fast schneeweißen Hinkepfote niemand. Das ist nach wie vor vermintes Gelände. 

Dienstag, Mai 12, 2026

Fahnengeschichten

Gipfelgeschichten. Sagarmatha hat seinen international bekannten Namen Everest von der ehrwürdigen "Royal Geographical Society" im Jahr 1865 verliehen bekommen. Der Namensgeber, der britische Landvermesser Sir Georg Everest war nicht einverstanden, dass der höchste Gipfel der Erde nach ihm benannt wird. Berge sollten, sagte er, "einheimische" Namen tragen. Also Namen, die ihm die Menschen geben, die zu seinen Füßen leben. Die Menschen, die zu Füßen des Everest leben, hatten immer schon ihre eigenen, nämlich weiblichen Namen. Sie nennen sie, wie bereits berichtet, Sagarmatha oder Qomolangma. Sir George hat den Everest Zeit seines Lebens nie gesehen, geschweige denn vermessen oder gar bestiegen. Vermessen hat Georg Everest - lange bevor ihn Queen Victoria für seine Verdienste zum Ritter schlug - "nur" etwa 2500 Kilometer des 78. Längengrads durch Indien. Dabei ruinierte er seine Gesundheit. Everest wollte das Werk seines Vorgängers William Lambton vollenden. Aber bis hoch in den Himalaya, auf das Dach der Welt, stieß erst sein Nachfolger Andrew Scott Waugh vor. Und der wollte das Werk seines Vorgängers ehren, indem er den von ihm, dem Nachfolger, entdeckten höchsten Gipfel der Erde den Namen Everest aufsetzte.

Sir Georg starb ein Jahr später. Ich weiß nicht, ob aus Gram oder an den Spätfolgen von Malaria oder aufgrund eines Wutanfalls. Angeblich war er rechthaberisch und aufbrausend.

Am Everest und im Internet kochen heute die Emotionen über. Im Base Camp wurde eine indische Fahne gesichtet, die größer ist, als die nepalesische daneben. Dies wird als "illegale Aktivität" und Provokation gewertet. Alle sind rechthaberisch und aufbrausend. Auch im Land der Göttinnen. Die Fahnen sollen von den indisch-tibetischen Grenzpolizisten aufgestellt worden sein, im Gedenken an ihren kürzlich tragisch zu Tode gekommenen nepalesischen Bergführer Lapka Dendi Sherpa.

Montag, Mai 11, 2026

Skarifikation

Ich lerne, Mangobäume heranzuziehen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man lässt den aus der äußeren Schale befreiten Kern trocknen. Oder man legt ihn, nachdem man ihn vorher mit einem scharfen Messer kreuz und quer eingeritzt (= skarifiziert) hat, über Nacht in Wasser ein. Die "trockene" Variante sieht von Tag zu Tag erbärmlicher aus. Der Kern soll 14 Tage lang an einem sonnigen Platz am Fenster trocknen. Dabei bleibt fast gar nichts übrig. Die nasse Variante hingegen gibt Anlass zur Hoffnung. Ich habe den skarifizierten Kern nach Anleitung am Morgen aus dem Wasser genommen, in feuchtes Küchenpapier eingewickelt und in eine Plastiktüte gepackt. Man soll einen Gefrierbeutel nehmen, weil der verschließbar ist. Aber so etwas besitze ich nicht. Eine normale Plastiktüte von meiner Obstfrau tut es auch. Mehrmals umschlungen und auf das Fensterbrett gelegt. Entwickelt sich nach zehn Tagen ein so gesunder Trieb, dass ich den Kern mit dem Keimling nach oben in einen Blumentopf setze. Die beiden trockenen setze ich in zwei andere Blumentöpfe. Und harre nun der Dinge, die da aus der Erde kommen werden. 

Sonntag, Mai 10, 2026

Muttertag

Der Khumbu-Eisfall holt sich sein erstes (oder zweites?) Opfer. Das war nicht meine Absicht, als ich ihm gestern eine Seele zuschrieb. Bijay Ghimire Bishwakarma (was für ein Name!) hat früh am Morgen einen Schwächeanfall im Camp 1. Höhenkrankheit auf 6100 Metern? Er ist erst 35 Jahre alt und wird sofort ins Base Camp gebracht. Er stirbt unterwegs mitten im Khumbueis. Herzstillstand oder Kreislaufversagen?

Bijay ist der zweite Todesfall dieser Saison. Der erste war ein Unfall. Auch unerklärlich. Vor einer Woche stürzte der Bergführer Lapka Dendi Sherpa  auf der letzten Etappe zum Base Camp, auf  dem Weg von Gorak Shep, der letzten bewohnten Siedlung im Everesttal so unglücklich, dass er auf der Stelle verstarb. Die Strecke unterhalb des Basislagers über Moränen des Khumbugletschers gilt weder als technisch anspruchsvoll noch als besonders gefährlich. Lapka führte eine Gruppe der indisch-tibetischen Grenzpolizei an, die Expeditionsteilnehmer konnten ihm nicht mehr helfen.

Bijay war der erste Dalit (unterste hinduistische Kaste, die Unberührbaren), der erste Kaami (Angehörige der ethnischen Gemeinschaft der Bishwakarma innerhalb der Dalits) auf dem höchsten Punkt der Erde, auf der Qomolangma, der tibetischen Mutter des Universums, bzw der Sagarmatha, der nepalesischen Stirn des Himmels. Bijyaj hat den Gipfel, die Mutter des Universums viermal erreicht: 2017, 2019, 2023, 2025. 2026 nicht mehr. 

Sein Name विश्वकर्मा - Bishwakarma war sein Ziel, sage ich: विश्व - Vishna oder Bishwa für das Universum, die Welt oder schlichtweg "alles" und कर्म - Karma. Das berühmte Karma, das wir durch all unsere (guten) Taten und Werke, Gedanken und Handlungen im Laufe eines (einzigen) Lebens generieren, damit es für das nächste zur Verfügung steht. Bishwakarma als der (oder die) Allwirkende. Der Schöpfer des Universums. Möge er ruhen in Frieden oder weiter wandern.

Samstag, Mai 09, 2026

Sturm

Sturm über dem Valley. Und Sturm am Everest. Dort soll es schneien. Hier regnet es. Der Berg wettert! Und die Leute von nah und fern wettern. Alle wollen alles besser wissen, wie dieser - für die Nepali heilige - höchste Berg der Welt vermarktet werden darf, soll oder kann. Den Sherpas - die quasi erfahrene und unerfahrene Bergsteigen gleichermaßen an die Hand nehmen, damit sie zahlen und hochkommen - wirft man vor, sie würden die Situation ausnützen. Klar tun sie das (Hand aufs Herz: wer würde das nicht?), es ist ja auch ihr Leben und das Leben ihrer ganzen Familie, das sie riskieren, indem sie verwöhnte und ambitionierte Menschen an die Hand nehmen und sicher auf das Dach der Welt hinaufgeleiten. Sie holen auch die Leichen hinunter, immer unter extremsten Bedingungen, denn meist gibt der Körper dort auf, wo es am Unwegsamsten ist. Dem Staat wirft man vor, er sei geldgierig. Nun ja, da kenne ich andere Exempel von Geldgier, gekoppelt mit Machtgier. Er, der Staat muss ja letztlich auch mit dem Müll leben, den die Extremsportler hinterlassen. Inklusive Exkremente. Und das Wetter ist nun mal wie es ist. Ich glaube schon, dass dieser Berg - wie jeder andere in seiner unmittelbaren und mittelbaren Nachbarschaft - eine Seele hat. Auch der Khumbu Eisbruch hat seine Seele und weiß, wann er den nächsten Block ins Tal donnern lässt. Alles ist beseelt, nur die Menschen nicht.

Freitag, Mai 08, 2026

Sagarmatha Darshan Yatra 2083

Am Everest stockt gerade vieles. Aufgrund widriger Bedingungen, heftigen Winden und Schneefall. Die Poesie stockt nicht. Nach zwei Wochen Anlauf - im wahrsten Sinne des Wortes - geht heute das erste Hochgebirgs-Literaturfestival "Sagarmatha Darshan Yatra 2083" auf knapp 3000 müM in Pattale Dhap, im Grenzgebiet zwischen Solukhumbu und Okahdhunga zu Ende. 

सगरमाथा - Sagarmatha ist der offizielle nepalesische Name für den Mount Everest. Wörtlich meint सगर - sagar zwar den Himmel, aber सागर - saagar mit langem erstem "a" das Meer, den Ozean. Im Sanskrit ist es etwas unendlich weites und zugleich blaues. Himmel oder Meer?  माथा - matha oder माथाि - mathi bezeichnet alles, was oberhalb und vielleicht unerreichbar weit darüber ist. Naheliegender einfach das Haupt, den Kopf, die Stirn - den herausragendsten Punkt.

Der Start der literarischen Everest-Expedition begann natürlich unten. In Kathmandu. Die Teilnehmer - Beamte im Ruhestand, Tourismusspezialisten, Sozialarbeiter und Künstler - stiegen auf dem legendären Himalayapfad über Lukla, Namche Bazaar, Tengboche, Dingboche und Lobuche ins Everest Base Camp hoch. Auf atem(be)raubende 5364 MüM!

Die erste Lyrik-Session fand in Gorakshep unter dem Kala Patthar vor drei Tagen statt, die zweite vorgestern im Base Camp. Der emeritierte General der Nepalesischen Armee, Poet und Texter Krishna Prasad Bhandari trug im eisigen Wind, umgeben von schneebedeckten Gipfeln seine Gedichte vor, in denen er die Schönheit der Natur Nepals preist, aber auch Themen wie Familie und Arbeit, Identität und Patriotismus nicht ausspart. Die heutige Abschlussveranstaltung moderiert der Tourismusfachmann Ishwari Poudel, Überraschungsgast ist der Schauspieler Manoj Gajurel. Gelesen werden wieder Gedichte von Bhandari, diesmal über den Everest, als titelgebendes Symbol und Nationalstolztstiftendes Naturdenkmal. Ob er dabei auch auf die etymologische Tiefe und Weite und Farbe des सगरमाथा - Sagarmatha eingeht, weiß ich nicht. 

Die Teilnehmer erwartet morgen der weitere Abstieg. Sie sind hochzufrieden mit der körperlich anstrengenden Reise, teilen sie der Presse mit. Beglückt von einer spirituellen Erfahrung aus der Kombination von Natur und Literatur, von wärmenden Worten und kaltem Wind um die Nase.

Donnerstag, Mai 07, 2026

Zwillinge

Es gibt hier viele Kinder, aber verhältnismäßig wenige Zwillinge. Andernorts ist das umgekehrt. Das kann neben Ernährung und Reproduktionsmedizin auch mit dem Alter der Mütter bzw mit früher oder später Mutterschaft zusammenhängen. Die Mütter hier sind allesamt sehr jung - auch wenn sie älter aussehen - und tragen ihre Kinder das halbe Leben lang auf dem Rücken. Kinderwagen gibt es nicht. 

Meine Schwiegermutter war die jüngere Zwillingsschwester. Sie wäre heute 97 Jahre alt geworden, ihre Schwester, die ältere, wäre gestern 97 Jahre alt geworden. Auch das gibt es. Zwillinge, die vor oder nach Mitternacht geboren werden. Je nach Zeitzone haben sie dann an verschiedenen Kalendertagen Geburtstag

In unserer gated community gibt es ein Zwillings-Mädchenpaar. Es sind die frechsten Gören weit und breit. Auch das gibt es und in nepali heißen sie जुम्ल्याहा - jumlyaha. Da es verschiedene Wörter für jüngere oder ältere Schwester und Bruder gibt, ist es schwierig (jedenfalls für mich), sie korrekt zu benennen. दिदी - didi wäre die ältere, जुम्ल्याहा दिदी und बहिनी - bahini, जुम्ल्याहा बहिनी die jüngere Zwillingsschwester.

Schwiegermutter, so viel ist klar, war eine जुम्ल्याहा बहिनी - jumlyaha bahini.

Mittwoch, Mai 06, 2026

Fußabdrücke

Nicht nur in Nepal brennen Wälder. Und nicht nur in Nepal ist der Reis schadstoffbelastet.

Im Südosten Polens brennen Wälder, im Grenzgebiet zur Slowakei, im Karpatenvorland. In der Puszcza Solska, einem Urwald, etwa 100 km südlich von Lublin, brach gestern in der Nähe von Kozaki ein Feuer aus, das sich, begünstigt von heftigen Winden und langanhaltender Trockenheit, rasend schnell auf die Wälder der Umgebung ausbreitete. Bis zum Abend standen über 300 Hektar Wald in den Kreisen Biłgoraj, Zamość und Tomaszów in Flammen. 

Die Feuerwehren werden von der Armee unterstützt, es werden Drohnen, Hubschrauber und Agrarflugzeuge eingesetzt. Leider stürzte ein Dromedar-Löschflugzeug ab und der Pilot kam ums Leben. Das könnte hier nicht passieren, denn Löschflugzeuge gibt es nicht, und Wasserschläuche sind meist zu kurz für unwegsames Gelände. So werden die brennenden Bäume weitestgehend sich selbst überlassen.

In "ausnahmslos jedem Reis", der in Deutschland verkauft wird - lese ich, haben Tests der Stiftung Warentest ergeben -, findet sich das Halbmetall Arsen. Nebst anderen Leicht- und Schwermetallen wie zB Kadmium, Schimmelpilzen und Pestiziden. Zwar, lese ich weiter, überschreitet weder Basmati-, Jasmin-, Parboiled-, Vollkorn- noch Rundkorn-Reis die offiziellen Grenzwerte. Trotzdem (!) empfehlen die Experten, nicht täglich Reis zu essen. Sondern höchstens ein- oder zweimal in der Woche. Dass soll man mal hierzulande verkünden! Dann, so sagen sie, Reis hat auch einen ungünstigen CO2-Fußabdruck. Hier vielleicht nicht, weil er auf dem Feld nebenan angebaut wird. Mitten in der Stadt. In Bhaktapur wird er nach der Ernte mitten im Weltkulturerbe auf der staubigen Straße getrocknet. Über die Körnerberge stolpern höchstens Touristen. 

Dienstag, Mai 05, 2026

halo

Zuerst glaubte ich, es läge an meiner entzündungsbedingten Fehlsichtigkeit. Ich sah durch die Sonnenbrille, die ich jetzt draußen immer trage, einen kunterbunten und kugelrunden Regenbogen rund um die Sonne. Beim Morgenqigong vor dem Laxmibaum. Freie Sicht über das Valley bin zu den gegenüberliegenden baumbestandenen Hills. Klare Sicht. Gute Luft. Die Sonne mit dem bunten Hof vor mir, schon hoch und noch ziemlich weit im Osten. Es ist kurz nach acht und ich begreife: ein Sonnenhalo. So heißt das. Das Hallo vom Himmel, das verkünden soll: "Bald schlägt das Wetter um!" Lese ich später am Schreibtisch. Als ob hier nicht ständig etwas umschlüge. Oder um sich schlüge. Das halo war auch später am Vormittag bis gegen Mittag noch da, als ich auf dem Dach Wäsche aufhängte. Wieder mit Sonnenbrille. Eigentlich sollte es den ganzen Vormittag in Strömen regnen. Stattdessen trägt die Sonne bunt.

Das ist nicht einmal ungewöhnlich über Kathmandu, lese ich noch später am Schreibtisch. Hier ein Foto vom Juli 2015. Ich habe es natürlich versäumt, zu knipsen. Ich bin auch in dieser Hinsicht enthaltsam und gucke lieber. Außerdem lerne ich nun, warum der Regenbogen, der richtige Regenbogen in Nepali इन्द्रेणी - indreni heißt. Das Wort hatte uns der Doktor der Medizin in Thamel eines Tages an die Tafel geschrieben, wie immer, ohne etwas zu erklären. Ich fand es schon damals schön, ohne irgendetwas zu verstehen. Indreni kommt vom Regengott Indra. Der Regenbogen ist sein Bogen, wörtlich und präziser इन्द्रधनुष - indradhanus. इन्द्र - Indra für den Namen des Gottes und धनुष - dhanus für den Bogen. Der Bogen des Gottes Indra. 

Das Sonnnehalo hingegen heißt इन्द्रसभा - indrasabha. So etwas wie der Hof(staat) des Indra, sein Gremium oder der Versammlungssaal. Indrasabha entsteht nur bei hochgelegenen Cirrus- oder Cirrostratuswolken. Das Sonnenlicht trifft auf Eiskristalle - nicht auf Wassertropfen wie beim Indreni, dem Regenbogen. Die Eiskristalle sind winzige Prismen, sie brechen und reflektieren das Licht und zerlegen es in seine Spektralfarben. Ich sehe bunt am Himmel. 

Manche sagen, das Wetter verschlechtere sich nun. Für ältere Nepali ist इन्द्रसभा - indrasabha ein bad omen. Tibeter und Bergbewohner hingegen nehmen es als gutes Zeichen. Wie auch immer - für mich ist es der Beweis, dass die Luft kristallklar ist, und mein Auge hoffentlich auf dem Wege der Besserung.

Montag, Mai 04, 2026

hordeolum internum

Mein Langzeitgeschenk von dem kürzlich nicht stattgefundenen Ausflug nach Surkhet und in den Bardiya-Nationalpark: ein Gerstenkorn am linken Auge, genauer gesagt hordeolum internum im unteren Lid. Statt Rhesusaffen, Lippenbären oder Axishirsche zu bestaunen saßen wir (gefühlt, nicht wirklich) zwei Tag in der luftigen Abfertigungshalle des domestic airport. Über unseren Köpfen verwirbelten Dutzende Ventilatoren die heiße Luft. Ich saß ständig im Zug (nicht in der Eisenbahn) und spürte eine ungesunde Kühle im Nacken. Der Schal lag schön gefaltet im handlichen Köfferchen. Das Gepäck war aufgegeben und ich hatte keinen Zugriff mehr darauf, bis wir den turnaround über den Wolken hinter uns hatten und der Flug annulliert war. Das Gepäck kam mit uns auf demselben Weg zurück, auf dem es gegangen war. Ich zog den Schal hervor, noch bevor wir das Taxi ins Walnut bestiegen. Trotzdem zu spät!

Gerstenkorn. Das letzte hatte ich vor ungefähr zehn Jahren auf Hooge. Auch vom Zug, den es dort nicht gibt. Vom Wintersturm. Eissturm. Hier heißt das hordeolum आँखामा टाँसिने - Amkhama tasine oder आँखामा दाग - Amkhama dag. Englisch sty oder stye. Stye in the eye - ein unglücklicher Reim! Es gibt überall und immer für alles Varianten oder Alternativen. Meine Apothekerin auf der Golfutar verkauft mir Augentropfen, die auch für die Ohren geeignet sind. Damit soll ich das entzündete Auge fünf Tage lang dreimal täglich tröpfeln. Am zweiten Tag verschwindet das hordeolum externum, dafür setzt sich am dritten ein horrendes hordeolum internum fest. Hartnäckig. Heute ist der fünfte Tag.

Sonntag, Mai 03, 2026

smog

Es regnet fast jeden Abend und jede Nacht. Heftige Gewitter gehen nieder, begleitet von Starkregen. Die Luftqualität verbessert sich bis zum Morgen, und verschlechtert sich danach zuverlässig im Laufe des heißen trockenen Tages wieder. Ein hin und her, auf und ab. Es ist der erste Sonntag im Mai, andernorts Nationalfeiertag (święto konstytucji - die erste moderne Verfassung Europas wurde tatsächlich am 3. Mai 1791 vom Großen Sejm im Warschauer Königsschloss verabschiedet - es ist die zweite weltweit nach der der USA). Ich widme mich den Wörtern.

Es ist nun ein Jahr her, seit ich täglich durch den größten Smog nach Thamel gebraust bin und wieder zurück. Pranai, der Doktor der Medizin, der dort nepali for foreigners unterrichtet, hatte auf meine wiederholte und hartnäckige Frage, wie denn smog in nepali heiße, keine klare Antwort. Wie auch, bei der dicken Luft! Auch er kam täglich mit Bike angefahren, allerdings mit seinem eigenen. 

Nun bin ich also selber fündig geworden. Aufgrund des häufig auftretenden smogs in nepalesischen Städten wie Kathmandu sind die englischen Wörter smog oder haze in die Alltagssprache der Nepali eingegangen. Nahtlos sozusagen, kein Wunder, wie viele andere englische Wörter auch. Angeblich werden die Kinder in der Schule bestraft, wenn sie im Unterricht oder auch in den Pausen untereinander nicht englisch sprechen. 

Der technische Ausdruck air pollution (Luftverschmutzung) kann wörtlich übersetzt werden zu वायु प्रदूषण - vaju pradusan. वायु - vaju für air oder Luft, und प्रदूषण - pradusan für pollution oder Verschmutzung. Smog ist natürlich einfacher, allein wegen der Kürze! Alternativ kann (könnte, wenn man wollte) eine eher poetische Umschreibung verwendet werden: धुँवा र धुलो - dhuva ra dhulo. Rauch und Staub. Ergibt smog. Das ist irgendwie fast mathematisch logisch. Dann gibt es noch तुवाँलो - tuvalo. Das ist das Wort, das uns Pranai genannt hatte, aber in meinem Notizbuch finde ich eine so haarsträubende Schreibweise, dass ich das Wort nicht wiederholen mag. तुवाँलो - tuvalo ist das, was uns kürzlich am domestic airport in Kathmandu als Grund für den über mehr als zwei Tage immer wieder verschobenen und schließlich annullierten Flug nach Surkhet genannt wurde: haze. Dunst. Nebel. Rauchschwaden. Wolkenschleier. Unklare Sicht. Aufgrund der starken Rauchentwicklung über den brennenden Wäldern und Steppen. Wie wir heute wissen. 

Alles braucht seine Zeit. Auch die Einsicht, dass nicht immer alles sofort klar sein kann.

Samstag, Mai 02, 2026

Kwapa Dyah

Zur Feier von Buddhas 2570. Geburtstag wurde gestern क्वापाद्य: - der Torwächter Kwapa Dyah wieder an seinem angestammten Platz installiert. Es ist wichtig, dass jeder Heilige, jede Statue, jeder noch so kleine Stein am richtigen Ort steht, sitzt oder liegt. Und dort, wo er hingehört, seine Pflicht tut und dafür verehrt werden kann. Man denke nur an Kafkas Türhüter. Kwapa Dyah stammt aus dem 13. Jahrhundert, sein Platz ist seit eh und je das buddhistische Kloster Nhuchhe Baha oder Bajradhatu Bihar in Jorganesh Ombahal Tole, in Kathmandu Metropolitan City. 1980 wurde Kwapa Dyah aus seinem Schrein im Innenhof des Klosters gestohlen. Von wem, weiß man nicht. Oder sagt man nicht. Wieder aufgefunden wurde Kwapa Dyah eines Tages in der Tibet House Collection in New York. Im März 2022 brachte man ihn nach Nepal zurück und die Zeit bis gestern verbrachte er in den Werkstätten und unter den kundigen Händen der Archäologen im Hanuman Dhoka Museum. Er musste - oder durfte  umfassend gereinigt und restauriert werden. Und gelangte also gestern in einer festlichen Prozession endlich wieder in seine Nische im Hof, gegenüber dem Eingang, wo er den Überblick hat und alle Bewohner oder Besucher des Kloster begrüßen und beschützen kann.

Sein Name क्वापाद्य: Kwapa Dyah bedeutet in Newari "guardian of the community", er ist die zentrale Schutzgottheit eines Klosters und seiner Gemeinschaft. Und natürlich des gesamten Besitztums! क्वापाद्य: Kwapa Dyah geht zurück auf das Newariwort क्वाचपाल - kwacpal. Und das meint nicht nur den Beschützergott unter der Tür, den Gott im Eingangsbereich, im Torraum, sondern auch den Wächter über der Schatztruhe, den Kassenwart. Vielleicht nimmt er ja von jedem, der ihn begrüßt, gnädigst einen obolus entgegen und führt Buch über alle Eingänge. 

क्वाचपाल - kwacpal, lese ich, soll eigentlich कोषपाल - koshpal heißen und ich wundere mich überhaupt nicht (mehr) über derartige Konsonantenverschiebungen. कोष - kosh ist heute so etwas wie cash, oder Knete, auch schon wieder aus der Mode gekommen, denn für alles zahlt mittlerweile das Smartphone über einen QR-Code, der auch an allen Tempeltoren zu finden uist. Früher war कोष - kosh vielleicht tatsächlich eine Truhe. Eine Kassette. Ein Tresor. Und पाल - paal ist der Hüter, der guard, der Aufpasser und Verwalter, der den einzigen Schlüssel zum Schatz besitzt. 

Wer einen क्वापाद्य: - Kwapa Dyah, einen क्वाचपाल - kwacpal oder einen कोषपाल - koshpal klaut, auch wenn er nicht weiß oder nicht versteht, was er tut und wen er in seinen schmierigen Fingern hält, ist nicht mehr zu retten. Nicht in dieser und in keiner anderen Welt. Sein Karma ist endgültig verdorben.

Freitag, Mai 01, 2026

Swanya Punhi

Feiertag. Endlich! Multipler Feiertag. Purnima. Vollmond. Der erste Mai-Vollmond. Hier Baisakh-Purnima , also Baisakh-Vollmond, der Vollmond im ersten Monat des neuen nepalesischen Jahres. An dem Tag wird immer, ganz unabhängig vom Sonnenkalendertag, Buddhas Geburtstag, Buddhas Erleuchtung und Buddhas Tod, Mahaparinirvana, Buddhas Eingang ins endgültige Nirvana gefeiert. Alles in einem, ein kompakter Dreifachfeiertag. Nach dem Nepali Kalender Bikram Sambat wird Buddha heute, am 18. Baisakh 2083 2570 Jahre alt. Er hat einen beweglichen Geburts-, Erleuchtungs- und Todestag, im letzten Jahr feierte er am 29. Baisakh 2082 = 12. Mai 2025. Vorletztes Jahr ging die Baisakh-Purnima-Regel nicht auf. Warum? Das wissen nur die hinduistischen Götter. Buddha hatte am 10. Jeth  2081 / 23. Mai 2024 Geburtstag. 2024 AD war ein Schaltjahr und der Februar einen Tag länger. Bikram Sambat kennt alle 32 Monate und 16 Tage einen Schaltmonat - Adhik Mas, den zusätzlichen Monat "ohne besondere Anlässe" - damit werden Mond- und Sonnenkalender wieder etwas angeglichen. Tatsächlich war Shrawan 2080 ein Adhik Mas. Mag sein, dass dadurch etwas wieder auf Spur gebracht wurde, während anderes etwas entgleiste. 

Die Newari nennen den heutigen Tag Swanya Punhi und das bedeutet in ihrer Sprache der Blumenvollmond. Die Newari haben nicht nur eine eigene (Bilder-)Sprache und einen eigenen Kalender (Nepal Sambat, aktuell sind sie mitten im Jahr 1146), sondern auch, wie könnte es anders sein, und eigene Monatsnamen. Der Nepali Monat Baisakh heißt in Newari Bachhala.  

Die Kirati (bei denen wir kürzlich zu Besuch waren) feiern heute Chandi Purnima und Ubhauli (oder Urvyaului Parba - ach dieser Sprachen ... ). Auch sie haben ihren eigenen Kalender, den Yelam Sambat, und der zeigt aktuell das Jahr 5086. Chandi Purnima bezieht sich natürlich auch auf den Vollmond und Lord Buddha, ist aber ein Landwirtschaftsfest, feiert den Beginn der Saat- und Ackersaison, erbittet den Segen für eine reiche Ernte. Ubhauli markiert den Start nach oben, wenn Bauern, Korn und Vieh in höhere Regionen ziehen, um der sengenden Hitze im Tarai zu entgehen.

In Gotikhel, Lalitpur schließlich wird heute zum Ende des heiligen Bademonats Baisakhsnan Sampati  ein letztes spirituell reinigendes Bad im Baitarni Fluss genommen: Baitarnidham Snan! Dieses Bad soll ultimativ alle alten Sünden abwaschen!

Ein wahrlicher bedeutungsschwangerer Tag in Nepal. Ganz am Schluss folgt in der Aufzählung der vielen Festivitäten in meinem nepali calendar noch in englisch: World Workers Day! Alles in rot. Public holiday. Kein bike, keine Schule, alle shutters offen.