Freitag, Juli 31, 2026

Die erste Woche

Das Gehen fällt hier viel leichter, weil die Straßen flach und mehr oder minder stolperfrei gepflastert sind. Das Atmen fällt leichter, weil die Luft besser ist. Ich schlafe gut und viel. Trotzdem komme ich nicht vom Fleck. Eine Woche Pokhara und ich weiß immer noch nicht wohin am Morgen. Wasser wird jeden Tag geliefert, soviel können wir gar nicht trinken. Eine 19-Liter Gallone kostet ein Drittel von dem, was wir in der capital city berappten. Dafür wird der Müll nur alle zwei Wochen einmal abgeholt und muss den Müllmännern auf den Wagen hochgehoben werden. You have to give it to them! Was würde ich bloß ohne die achtsame Nachbarin machen? Dass der Müll nicht an der Straße stehen darf, hatte der landlord verraten, auch dass das Müllauto nicht zu überhören sei.     

Donnerstag, Juli 30, 2026

Energie

Energie muss fließen und alles irgendwann wieder an seinen Platz zurückkehren. Ein jedes Ding. Auch wenn es nur wenige sind. Allerdings muss zuerst jedes wieder zum Vorschein kommen. Aus einer der Kisten. Ich entdecke einen lädierten Zeh am rechten Fuß und kann mir überhaupt nicht erklären, wo und wann ich ihn angeschlagen habe. Er ist rot und geschwollen, falls gebrochen, werde ich ihn an seinen Nachbarn, den Großen ankleben. 

Die Elektriker kommen und laufen durchs ganze Haus, betätigen alle Lichtschalter und inspizieren Sicherungskästen. Sie montieren eine Batterie, die uns bei stundenlangen Stromausfällen Strom liefert, aber nur an bestimmte Steckdosen, damit wir nicht übermütig werden. Es ist ein converter, wie wir schon auf dem Hill einen unter der Treppe stehen hatten und nie wussten, was der da eigentlich tut. Im Nachhinein klärt sich nun das Mysterium auf, dass dort bei Stromausfall einige Lampen brannten und andere nicht. Das war das Notstromaggregat. Zusätzlich zum generator

Mittwoch, Juli 29, 2026

Der erste Vollmond

Guru purnima - der Vollmond, an dem die spirituellen und akademischen Lehrer geehrt werden - gehört eigentlich in den Monat Ashad. In diesem Jahr haben wir in Nepal bereits Shrawan. In Nordindien aber, lese ich, beginnt Shrawan erst morgen. Was den heutigen Vollmondtag zusätzlich energetisch aufheizen soll. In der vedischen Kosmologie, lese ich, erreicht Jupiters Energie heute den Höhepunkt des Jahres. Jupiter gilt als Planet der Weisheit, des spirituellen Wissens und der Lehrer-Schüler (guru-disciple) Beziehung schlechthin. Der Vollmond - purnima verstärkt diese Energie zusätzlich. Mehr geht gar nicht! Und alles ist wunderbar beweglich, vor allem die Zeit. Und die Umblätterkalender. Wir haben in allen Zimmern Ventilatoren an der Decke, die ständig alles verwirbeln. Bei Stromausfall bleiben sie allerdings stehen. Heute ungefähr den ganzen Arbeitstag lang. Wir sind nicht mehr auf dem Hill, haben keinen fürsorglichen community manager mehr, der allzeit bereit für alle und jedes einspringt. Im Notfall zuverlässig den generator anhaut. Das Internet funktioniert auch mit Strom mehr schlecht als recht, jedenfalls in meinem neuen Arbeitszimmer unter meinem neuen Dach.

Die WLAN-Spezialisten kommen zu dritt mit einer mobilen Batterie und installieren einen zweiten Router sowie für mich einen Verstärker auf dem Dach. Die Batterie nehmen sie natürlich wieder mit, sie ist ihr Arbeitsgerät in Zeiten wie diesen, und wir bleiben den Rest des Tages mehr oder weniger tatenlos offline.

गुरु - Guru - lerne ich heute, setzt sich zusammen aus den Silben गु - gu (Sanskrit für Dunkelheit, Unwissenheit) und रु - ru (für Licht oder Entferner). Ein Guru ist einer, der die Finsternis der Ignoranz vertreibt. Schön gesagt!

Montag, Juli 27, 2026

Der zweite Shrawan Sombar

Der zweite Montag im Monat Shrawan, der zweite श्रावण सोमबार. Ich glaube, es ist mein erster Montag überhaupt in Pokhara. So weit ich mich entsinne, bin ich bisher entweder am Sonntag abgereist oder erst am Dienstag angereist. Für einen Montag war nie Zeit. Nun also ist mein erster Montag ausgerechnet einer der heiligen Montage des heiligsten Monats überhaupt nach der nepalesisch-hinduistischen Zeitrechnung. So etwas kommt hier immer gänzlich unverhofft über mich. Wie die Hitze. Oder der Staub. Und der Lärm. Natürlich wird auch an der Straße Nummer 4, an der wir nun wohnen, gebaut. Zwar in einer anderen Dimension, der Bauplatz ist überschaubar eingezwängt zwischen zwei Neubauten gegenüber. Aber auch hier geschieht alles von Hand.      

Sonntag, Juli 26, 2026

Der erste Blick auf die Berge

Es regnet die halbe Zeit. Die andere halbe Zeit regnet es nicht. Ich schlafe unruhig. Es ist heiß, auch nachts. Die Luft ist klar, die Aussicht prächtig.

Ich sehe zum ersten Mal schneebedeckte Gipfel. Berge. Das Annapurnamassiv. Wenn auch versteckt in den Quellwolken, aber mit ein bißchem gutem Willen gut zu erkennen. Ebenso die Reisfelder zu unseren Füßen.

Samstag, Juli 25, 2026

Ankunft in Pokhara

Wir sind angekommen. Mit einem halben Tag Verspätung, aber ohne Scherben. Wir freuen uns, dass die Umzugsmänner gute Arbeit geleistet haben und legen den Mantel des Schweigens über einen Typen von InDrive, der uns einfach sitzen ließ. 

Der bis zum letzten Millimeter unter der signalorangefarbenen Plane vollbeladene Minitruck verließ pünktlich um 08:30 Uhr unsere Hauseinfahrt, die gated community, den Hill, die Golfutar Richtung Ring Road und die capital city nach Westen, nach Pokhara. Das Auto aber, eine first-class-Limousine mit ausreichend Stauraum für unser Handgepäck, erschien nicht. Der Fahrer, der uns noch am Abend zuvor vollmundig versichert hatte, sure, don't worry, we will be on time (wobei uns, im Nachhinein betrachtet, der Plural etwas irritiert hatte) kam nicht nur nicht pünktlich um die Ecke gebogen, er ging auch nicht ans Telefon, las keine Nachrichten, hatte sein Smartphone ausgeschaltet oder weggeschmissen. Schlief oder war tot. Wer weiß. Wir mussten einen anderen Wagen besorgen, was etwas Zeit in Anspruch nahm, saßen auf den Sofas im Empfangsraum, in dem wir nie jemanden empfangen hatten, sahen dem Himmel über dem Hill zu, wie er sich eintrübte, und warteten. 

Wir fuhren mit gut zweieinhalb Stunden Verspätung los, verbrachten die gute erste Stunde im Stau durch Kathmandu, dann auf Rüttelstrecken im Schritttempo durch ein enges Tal. Die Straße wurde etwa ab der Hälfte erheblich besser und breiter. Sonst ist es eher umgekehrt, werden die Wege schlechter, je weiter man sich von der Metropole wegbewegt. Hier ist alles anders. Wir erreichten viel zu spät, aber wunderbarerweise zeitgleich mit der wetterfesten signalorangen Plane über unserem Hausrat den östlichen Stadtrand von Pokhara. W. sprang aus unserer Limousine, wedelte mit den Armen und wir fuhren brav hintereinander her zur Dhungesaghu Marg. Das Ausladen ging flott und kurz nach Sonnenuntergang saßen wir bereits bei unserem neuen Lieblings Mo:Mo Mann. Beim Dragon, das ist hier der Supermarkt, hatten wir zwei Dosen Bier aus dem Kühlschrank geholt. Der Mo:Mo-Koch verkauft keinen Alkohol, hat aber nichts dagegen, dass wir Mitgebrachtes trinken. Ganz neue Welt!

Freitag, Juli 24, 2026

Abschied von Kathmandu

Mein Abschied von Kathmandu. Der Umzugswagen wird seit 7 Uhr beladen. Unser InDrive Auto kommt um 8:30 Uhr. Es regnet nicht und wenn wir Glück haben, kommen wir vor der Morgen-rush-hour aus der Stadt. Mit noch mehr Glück sind die Straßen unterwegs frei. Alle warnen natürlich seit Tagen und empfehlen die Luftreise. Wie sollen wir das mit 20 Umzugskisten bewerkstelligen? Monsoon, landslide ...  

Diesen Ganesh habe ich vor langer Zeit auf einem meiner Spaziergänge gefunden, an einer sehr steilen und sehr engen Straßenkehre. Der Tempel hängt halb in der Luft, etwas schief und halsbrecherisch, auch die Bank für die Gläubigen. Zum Fürchten! Aber standhaft rot in der tiefstehenden Abendsonne. 

श्री गणेश मन्दिर 
टोखा नं. पा. वडा नं. ६ धापासी
स्थापित २०५७ १० ३ गते

Shri Ganesh Mandir  
Tokha Ward nr 6 Dhapasi
established 2057 10 3 gate -  das war am 16. Januar 2001 AD.

Ade!

Donnerstag, Juli 23, 2026

abbaden

Ich bin gepackt - bis auf die Küche. Wir warten auf die Umzugsmänner. Alles Zerbrechliche wollen sie selber in Luftpolster einwickeln. Viel ist es nicht, und mir ist alles recht, was meine Hände schont. Ich springe noch einmal in den community-eigenen Pool, solange ich Teil der dieser community bin. Ich schwimme meine 54 Längen. Das ist die Hälfte von 108 - lucky number bei den Buddhisten. So früh am Nachmittag kreischen keine Kinder und überhaupt ist das Wetter zu unbeständig für Familienbadespass. Abbaden hieß das an der Nordsee, aber mitten im Sommer kaum vorstellbar. Den Nachrichten entnehme ich, dass auch das Wasser in der Dithmarscher Bucht unter der Hitze leidet. Für die Zimperlichen wahrscheinlich wieder von Algen besetzt. Mein Pool ist immer clean. Ich werde ihn nicht wirklich vermissen, denn पोखरा - Pokhara ist, wie wir bereits wissen, die Stadt der Seen. Ich werde mir dort eine outdoor Bademöglichkeit suchen und bald wieder anbaden!

Mittwoch, Juli 22, 2026

Letzte Überraschung

Noch zwei Tage. W bestellte in meiner Lieblingsapotheke auf der rechten Seite der Golfutar rechtzeitig seine Medikamente. Manche shutters sind nur auf der einen, die anderen nur auf der anderen Seite. Gemüse links, Apotheken rechts. Obst rechts, Eisenwaren links. Büromaterial wie Klebeband für die Umzugskisten nur rechts, auch permanent markers für die Beschriftung. 

Von einem Medikament hatte die Apothekerin "two strips" zu wenig bekommen. Sie würde sofort nachordern und mich benachrichtigen. Das war vor drei Tagen. Gestern lief ich hin und sie war total erstaunt, was ich nun noch wolle. Die rosarote handgeschriebene winzige Quittung hatte W leider in seiner Hemdentasche. Ich half dem Gedächtnis der Apothekerin auch ohne Zettel auf die Sprünge.     

Heute tat ihr alles furchtbar leid. Sie hatte mich mit "hello sir" angetextet, "you (sic) medicine is ready". Also holten wir es auf dem Weg zum Sekuwa Adda ab. Zum Letzten Mal Matka Biryani (chef recommendation). Zu meiner Verblüffung musste ich nichts mehr bezahlen. Ich hatte alles bezahlt, was bestellt war. Alles, auch das, was ich nicht bekommen hatte. Hätte die Apothekerin die "two strips" erfolgreich vergessen, wärs das gewesen. Zwei Tage vor dem Umzug.

Dienstag, Juli 21, 2026

Seilringe

Nicht ohne mein Trampolin! Zur Feier des Tages bespanne ich das Trampolin mit neuen Seilringen und überlasse die ausgeleierten verstaubten dem Müll. Die leuchtenden Farben habe ich noch in Dithmarschen besorgt, mitgebracht und sorgsam gehütet, bis die Zeit reift. Grün, gelb, blau. Frisch! Eine stramme Sprungmatte. Ein neues Schwinggefühl! In Pokhara werde ich meinen Trainingsplan mit meinem Lieblingstrainer zu Ende machen. Es war mir am Nachmittag immer viel zu heiß unter dem Dach und P. ist fordernd! In der kühlen Früh beschränke ich mich auf meine zwölfeinhalb Minuten Aufwachroutine.  

Montag, Juli 20, 2026

Tulsi

Der erste Shrawan Sombar. Tulsi, das indische Basilikum gehört Lord Vishnu. Es gilt als seine irdische Manifestation. Wir hatten das schon, dass es gepflanzt werden soll, bevor Vishnu im क्षीर सागर - Kshir Sagar, im Milchozean für ein paar Monate entschläft. Bei mir wächst das Basilikum ungehemmt und ungeplant. Ich trage den übervollen Pflanztopf zum Tempel. Der Mönch erklärt mir, dass es schwarzes und grünes Tulsi gibt. Und dass demnächst, nämlich am Samstag, Harishayani Ekadashi ist. Dann sind wir bereits in Pokhara, sage ich, aber er versteht nicht, was ich meine. Wir leben in verschiedenen Gedankenwelten. Umziehen ist etwas ganz Unvorstellbares für die Leute hier. Er zupft sofort ein paar Pflänzchen heraus und setzt sie in den dafür vorgesehenen Quader, schön geometrisch angeordnet, vier zu vier. Den Rest trägt er nach Hause. First mission completed

Die zweite kommt am späten Nachmittag. Es regnet mit Unterbrüchen. Ich nehme die ausgebleichten, vom Wind gebeutelten Gebetsfahnen vom Dach. Wir warten eine Regenpause ab und marschieren dann zu zweit zum Tempel. Mit Streichhölzern und Feuerzeugen. Wir verbrennen die buddhistischen Fahnen in der Feuerstelle vor dem kopflosen Shiva und der stolzen Parvati. Sie werden uns das nicht übel nehmen! Der Himmel jedenfalls meint es gut mit uns, die Sonne kommt heraus und guckt neugierig zu. Der Wind bläst den Rauch in die richtige Richtung. 

Es fängt bald wieder an zu regnen. In der Baugrube herrscht Ruhe. Wir steigen den Tempelhügel hoch und überqueren noch einmal die laute Golfutar auf dem Weg zu Sukunda. Wir schütteln uns trocken wie nasse Hunde und essen noch einmal scharfe Newarigerichte. Alles passiert nun bereits ein letztes Mal.

Sonntag, Juli 19, 2026

Shrawan Sombar

Es ist Sonntag, der dritte Tag des Monats Shrawan. Ich greife um ein paar Stunden vor. Auf den Montag. Den ersten श्रावण सोमबार - Shrawan Sombar, den ersten Montag im Monat Shrawan. Den Hindus ist so gut wie alles heilig. Der ganze Monat Shrawan ist heilig und besonders heilig sind die Montage im Monat Shrawan, die श्रावण सोमबार - Shrawan Sombars. Es wird gefastet - die unverheirateten Frauen fasten für einen guten Zukünftigen, die Verheirateten für die Gesundheitet ihrer Familie.

Für mich eine gute Gelegenheit, mir heute schon, am आइतबार - Aitabar = Sonntag, die Wochentage in nepali in Erinnerung zu rufen.

Samstag, Juli 18, 2026

नागढुंगा सुरुङ्ग

नागढुंगा सुरुङ्ग - Nagdhunga surung ist der erste Straßentunnel Nepals. Er liegt praktischerweise auf unserem Weg. Unpraktischerweise ist er immer noch nicht für den Verkehr freigegeben. Die Eröffnung verzögert sich aus technischen und administrativen Gründen, wie es heißt. Die knapp drei Kilometer durch das Grundgestein der Sopyang-Formation zwischen Nagdhunga am westlichen Rand von Kathmandu und Sisnekhola im Dhading Distrikt sind schon seit einem guten Jahr fertig gebaut. Die geologischen Gegebenheiten waren schwierig, mehrere Scherzonen stellen ein hohes Risiko für Verformungsgefahr, Hangdruck und Nachbruch dar. Die Sopyang-Formation besteht aus "geringgradig metamorphem Gestein", wie ich lese, aus Phylit, tonigem Kalkstein und Quarzit.   

Nun soll aber der नागढुंगा सुरुङ्ग - Nagdhunga surung, der Tunnel zwischen genaugesagt Balambu und Sisnekhola, Teil des Tribhuvan Highway, am 27. Juli endlich - aber auch nur "stufenweise", wie ich lese und nicht verstehe - geöffnet werden. Wir bräuchten ihn bereits drei Tage früher, am 24. um unseren Umzug nach Pokhara etwas schneller zu bewerkstelligen, die Reisezeit für uns und unser Hab und Gut um etwa eine halbe Stunde zu verkürzen. Die Strecke von etwa siebeneinhalb Kilometern bergauf und bergab ist dann nur noch fünf Kilometer lang, die Fahrzeit halbiert sich dadurch.  

Heute dürfen "Fußgänger" den Tunnel passieren, was später streng verboten sein wird. Heute findet der "Nagdhunga Tunnel Fun Run and Walk" statt und es darf gefeiert, gerannt, gestaunt, geschwitzt und gelacht werden. 

Freitag, Juli 17, 2026

Luto falne

Der zweiundzwanzigste und letzte 17. in Kathmandu. Noch eine Woche. Ich packe punktuell. Wir besitzen so gut wie nichts und doch sammle ich im ganzen Haus unglaublich viel Krimskrams ein. Was klein ist und besonderen Schutz braucht, stecke ich in die Schuhe. Damit fülle ich die erste Umzungskiste!

Heute ist der 1. श्रावण - Shrawan. Oder der 1. सावन - Sawan oder der 1. साउन - Saun. Und: लुतो फाल्ने - luto falne - throwing away scabies. Zu deutsch vielleicht der Krätze entgegenwirken. Juckreiz vermeiden, indem man Insekten jeglicher Art vom Haus fernhält. Ich mache das so, wie die alle Leute hier: mit Fliegengittern an den Fenstern. Ich schlafe aber nicht unter einem Moskitonetz, sondern stecke zum Einschlafen den liquid vaporiser an den Strom. Auf dem Dach zünden wir Panchdevi Agarbatti an, Räucherstäbchen. Am frühen Morgen, bevor ich zum Tempel laufe, reibe ich exponierte Stellen wie Hand- und Fußgelenke sowie die Stirn und den Nacken mit Odomos ein. Etwas sticht trotzdem immer. Von Denghi und anderen bösartigen Blutsaugern sind wir bislang verschont geblieben. 

Luto falne. Die Nepali verehren heute Kandarak, den Gott der juckenden Krankheiten. Sie bringen ihm Zitronen und Gurken dar und reinigen das Haus mit Kuhdung. Das scheint mir eher kontraproduktiv bei der Fliegenabwehr. Aber vielleichgt helfen die Rankos - kleine Holzstücke, die sie nach dem Eindunkeln entzünden und in alle vier Himmelsrichtungen werfen. Dabei rufen sie laut und lauter लुतो जा - luto ja, go luto. Verschwinde Krankheit.       

Es regnet den ganzen Tag. Mit Unterbrüchen, die gegen Abend weniger werden. Also trinken wir den Monatssekt in der Bibliothek. 

Donnerstag, Juli 16, 2026

Jaya Jagannath

courtesy ISKCON
Wie bereits vor einem Jahr, geht auch heute, am 32. Ashad, der längste Monat des nepalesischen Jahres zu Ende. Die Hindus in Kathmandu feiern die 41. Shri Jagannath Rath Yatra Mahotsava und ziehen den Wagen mit dem Bildnis des Gottes Jagannath, des Herrn des Universums, durch die Stadt. Von Kamaladi (Nepal Academy) durch die Ghantaghar, Durbar Marg, Putali Sadak (das ist die Schmetterlingsgasse!), Bhadrakali bis zur New Road. Die Prozession endet in Khulla Manch.  

Ich habe den Jagannath Tempel Mahankal fast in Sichtweite. Das ist gut so, er ist der Haupttempel des Triumvirats, das unsere stolze Stacheldrahtsiedlung umgibt. Unten im Tal wird gebaut. Wie immer alles von Hand. Und zu Fuß. 

Gleichzeitig ist heute eines der wichtigen Sankrantis, Karka Sankranti - die Sonne tritt in das Tierkreiszeichen Krebs ein und beginnt ihr दक्षिणायन - Dakshinayana, die sechsmonatige südliche Reise. दक्षिण - dakshin bedeutet Süden und die Endung -(a)yana kommt wahrscheinlich von जान - jana = gehen, sich bewegen. Die Sonne hat im hinduistischen astronomischen Konzept den Gang nach Norden, ihr उत्तरायण - Uttarayana erst jetzt beendet. उत्तर - uttar ist der Norden und die Endung entsprechend. Es beginnt nun eine gesegnete Zeit, so oder so. Regen, Wachsum, Monsun, Reisernte ... Umzug!  

Jaya Jagannath - Glory to Lord Jagannath. Schon eine einzige Umdrehung der Räder seines Wagens während der heutigen Prozession bringt unbegrenzten spirituellen Segen!

Mittwoch, Juli 15, 2026

Café Zero

Die Hoffnung stirbt zuletzt. In Kathmandu gibt es das erste zero-waste Café. Der anfallende Müll wird weiterverarbeitet. Die Kunden können, während sie Buttertee schlürfen oder Reis kauen, lernen, wie sie mit einfachen Veränderungen ihren ökologischen Fußabdruck verbessern. Dies in einer Stadt, in der es keinen funktionierenden öPNV und keinen einzigen öffentlichen Mülleimer gibt. Jeder und jede ist mit einem stinkenden Benziner unterwegs und lässt alles überall fallen, was er oder sie gerade nicht mehr benötigt. 

Nun also: zero-waste in Lalitpur. Einst (in Japan, lang ist's her) waren es die drei berühmten R für Reduce, Re-use und Recycle, heute kommt das vierte R für Refuse dazu und soll am Anfang der R-Kette stehen. Gerade das Ablehnen (zB von Plastik) ist schwierig in einem Land, in dem sogar frische Milch in Plastiktüten abgefüllt über den Tresen gereicht wird, mit einem Gummiband gekonnt auslaufsicher verschnürt und in eine zweite Plastiktüte für den Transport über die Straße gepackt.

Im Café Zero werden Kartoffelschalen als Chips servierte, der harte Strunk eines Blumenkohls als Pakor frittiert. Nicht alle Gemüsereste kommen wirklich gut weg oder an. Es gibt aber auch den natürlichen Weg über den Kompost. Überhaupt sind nicht die Gemüsereste aus der Küche das Hauptproblem. Aus Wai Wai-Plastik - der Verpackung der allseits geliebten Instantnudeln, die die Nepali am liebsten roh verzehren! - entstehen modische Taschen. Aus Deckeln der Plastikflaschen (eingesammelt im Gebirge, wo sie tonnenweise liegenbleiben) coasters (Untersetzer). Und hier beginnt das Problem - oder endet. Wer geht und sammelt den Müll ein, sortiert ihn, säubert ihn, verwandelt ihn? Nicht die Kellnerinnen oder Köche des Cafè Zero!  Kinder können, wenn es ihnen zu langweilig wird, das Platikschredderfahrrad besteigen. In die Pedale treten und leere bottels in Schnipsel verwandeln. Das ist zwar lustig und vielleicht auch kreativ. Daraus soll später in kreativen Händen Schmuck entstehen. Nicht dass ich mir so etwas unbedingt um den Hals hängen muss. Und die kids lassen am nächsten Tag auf dem Schulweg ihre Chipstüte wie gewohnt fallen. Denn wohin sonst damit?

Dienstag, Juli 14, 2026

Neumond

औंशी - Aunshi. Neumond! Da ich an einem Neumondtag eingezogen bin (W war damals auf Dienstreise im Ausland), und es im ersten Monat einen Schwarzen Mond oder Black Moon (zweiter Neumond - der tritt so oft an den Himmel wie ein zweiter Vollmond, nämlich ungefähr alle 29 Monate) gab, ist die mein 20. und letzter Neumond auf dem Hill (und wieder ist W auf Dienstreise im Ausland). Noch zehn Tage liegen vor mir und kann ich den zunehmenden Mond am Himmel über Kathmandu beobachten    

Extra für mich fährt heute in der Baugrube nochmals der Bagger auf und mehrere Männer sowie die landlady, als einzige leuchtend signalgelb gewandet, füllen leere Reis- und Zementsäcke mit Erde und stapeln sie zu einem zweiten Erdsackschutzwall auf. Der Baggerfahrer muss mehrmals an seinen Schaufeln (er hat zwei und kann sich im Innern seines Fahrraums zur einen oder anderen drehen) ölen und schrauben und so zieht sich das Umwälzen des nassen Bodens bis in den Abend hin. Bhumi scheint nicht glücklich. Aber es regnet den ganzen Tag nicht.

Montag, Juli 13, 2026

Bhanu Jayanti

Heute ist der 29. Ashad BS. AD der 13. Juli, ein Montag, an dem nichts Besonderes passiert, außer dass ich in einer Regenpause beim Zahnarzt war. Der hat mir unkompliziert den rechten Eckzahn wieder eckig zementiert. Ging auf Garantie, Gewährleistung. Bricht die Ecke noch einmal ab, wird er die uralte Amalgamfüllung herausbohren und eine Krone aufsetzen.

Heute vor 213 Jahren, am 29. Ashad 1871 BS wurde भानुभक्त आचार्य - Bhanubhakta Acharya geboren. Deshalb wird heute Bhanu Jayanti gefeiert - Bhanus Geburtstag. Bhanu gilt als आदिकबि - Aadikabi, (the first-ever-poet). Der erste Dichter, der in Nepali schrieb und aus dem Sanskrit ins Nepali übersetzte. Ua das indische Epos "Ramayana". Natürlich werden wieder Kränze niedergelegt und Blumengirlanden um den Hals der Statue gehängt vor dem भानु शिक्षा सदन - Bhanu Shikshya Sadan, der Bhanu Secondary School direkt gegenüber dem Ranipokhari Teich . Der neue Bildungsminister wiederholt mehr oder minder das, was vor einem Jahr der alte gesagt hat. Dass Bhanu das Land sprachlich geeint hat, so wie König Prithvi Narayan Shah es territorial geeint hatte. Beides ist, wie so oft, schöngeredet und nur die halbe Wahrheit. Aber ich habe Glück: da wir nicht nach Thimi ziehen, muss ich nicht Newari lernen.

Sonntag, Juli 12, 2026

Yarsagumba

यार्सागुम्बा - Yarsagumba gilt als das Viagra des Himalaya, ein natürliches Aphrodisiakum. Stärkt aber auch allgemein das Immunsystem und die Leistungsfähigkeit der Menschen. Vor allem bei Nieren- oder Lungenkrankheit soll es helfen.Der Name kommt aus dem Tibetischen und bedeutet Sommergras, Winterwurm. In der Natur eine ziemlich eklige Angelegenheit, wissenschaftlich souverän Ophiocordyceps sinensis. Die Chinesen lieben dieses Zeug wie alles, was die Potenz verstärkt. Und zahlen einen guten Preis.

Die Bewohner aus den abgelegendsten und ärmsten Distrikten Nepals, aus Mugu und Dolpa steigen im Frühjahr mit Kind und Kegel ins Gebirge, auf bis zu 5000 Meter, und sammeln das kostbare Gut unter Lebensgefahr ein. Auch sie können stolpern im steilen Gelände, sich verletzen, zu Tode stürzen oder irre werden in der Höhe. Die Erträge sind in den letzten Jahren dramatisch gesunken. Warum, weiß niemand so genau. Klimawandel, Wetterwechsel? Auch die Preise sinken. Und das Risiko für die Sammler steigt. Der Wurm - die Raupen eines Wurzelspinners - scheint sich nicht mehr wohlzufühlen. Oder dem parasitischen Pilz, der sich von diesen Raupen ernährt, schmeckt etwas nicht mehr. Normalerweise wächst aus dem mumifizierten Kopf der Raupe der Fruchtkörper. Ein dünner, bräunlicher Stiel. Das यार्सागुम्बा - Yarsagumba. Das "biologische Gold" - das teuerste biologische Naturprodukt der Welt. 

Es schwindet und die Bergbauern können ihre Kinder nicht mehr ernähren. Die Biologen sagen, verschiedene Faktoren führten zum Rückgang. Unberechenbare heftige Niederschläge wechselnd mit extremen Trockenperioden sowie zunehmende Waldbrände verschlechtern den Lebensraum des fragilen alpinen Ökosystems. Während der Covic-19-Pandemie war das Yarsagumba-Sammeln drei Jahre lang verboten. Die nicht abgeernteten Stiele könnten zusätzlich zu allen anderen widrigen Entwicklungen den natürlichen Reproduktionszyklus der Species nachhaltig gestört haben.

Samstag, Juli 11, 2026

Das blaue Dreieck

Das größte Haus der Siedlung, das seit wir hier wohnen, leer steht, dafür aber lange, aufwändig, staubig und lärmend renoviert wurde, ist endlich bewohnt. Von einer Großfamilie - den Schuhen nach zu urteilen, die vor dem Eingang herumliegen. Als erstes kam eine Wagenladung Pflanzen, dann der mächtige Schuhschrank und alles andere.

Auf dem Dach weht nun neben dem Wassertank eine riesige, hellblaue dreieckige Fahne. Gänzlich unbeschriftet und ohne Symbole. Also keine politische Manifestation. Ich befrage, wie immer in solchen Fällen, das Netz. Und eine KI antwortet, dies sei kein offizielles Staatssymbol Nepals. Davon bin ich ausgegangen. 

Eine andere Weisheitsquelle berichtet, im tibetischen Buddhismus sei eine einzelne reinblaue dreieckige Fahne ein wichtiges spirituelles Symbol. Es stehe für den Himmel, den offenen Raum und das offene Herz, bedeute Weite und unendlichen Frieden. Die Farbe Blau soll helfen, den Geist zu reinigen und zu öffnen, Unwissen in Wissen zu verwandeln und der Seele innere Ruhe zu geben.

Mein neues Arbeitszimmer in Pokhara befindet sich zuoberst im Haus, seine Wände sind blau gestrichen.

Freitag, Juli 10, 2026

Marubhumi

Freitag - noch zwei Wochen KTM. Ich schalte in den Packmodus und denke über Götter und Dämonen nach. Wenn ich aus meinem hohen Fenster unter dem Dach hinausschaue, sehe ich unten in die Baugrube hinein. Trotz wiederholter Bhumimantras und Räuchereien, tut der umgewälzte Boden, was er will. Der Regen füllt Senken und spült ungeahnte Schlünde frei.

मरुभूमि - marubhumi ist die Wüste in Nepali. In Nepal gibt es keine Wüste. Trotzdem kennen die Nepali das Wort. Mir hat es Pranai in Thamel beigebracht durch eine seiner listigen Fragen:

के नेपालमा हिमाल, नदी, खोला, मरुभूमि र बुनजङ्गल छन्? - Ke Nepalma himal, nadi, khola, marubhumi ra bunjangala chan? [Does Nepal have mountains, rivers, streams, deserts and jungles? - man beachte: kein einziges Substantiv mit dem Nepali-Pluralsuffix -haru!]

Meine korrekte Antwort lautete: नेपालमा मरुभूमि छैन - Nepalma marubhumi chaina. In Nepal gibt es keine Wüste. 

Vor meinen [äußeren?] Augen schon. Unter meinem Fenster erstreckt sich eine wüste Stadtlandschaft, die gerade unter Wasser steht. Und vor dem inneren Augen sitzt immer noch der Earth-Touching-Buddha, der kurz vor der Erleuchtung vom Dämon Mara mit wüsten Worten bedrängt wird. Die Wüste ist ödes, abgestorbenes, ausgetrocknetes Land - maru-bhumi. Maru in Sanskrit meint genau das und soll auf eine indoeuropäische Wurzel mer für sterben zurückgehen. Ich frage mich nun natürlich, ob das etwas mit dem teuflisch schimpfenden Mara zu tun hat. Hat es (sagt AI), denn im Buddhismus ist Mara, wie wir bereits wissen, die Personifizierung des Bösen und vereint aller der Erleuchtung entgegenwirkenden Energien in sich. Ein listiger Versucher, der mit allen Kräften verhindern wollte, dass Buddha unter dem Bodhimbaum das Ziel seiner Reise, seiner letzten Inkarnation erreicht. Mara ist der buddhistische Teufel schlechthin, der Dämon des Todes, der Vergänglichkeit, der Illusion. Sein Name kommt von Sanskrit mr für sterben oder tot. Und das ist nicht sehr weit weg von indogermanisch mer. Und von Marubhumi, der Erde, die kein Leben mehr spenden kann.

Donnerstag, Juli 09, 2026

Dhurbe

Elefanten sind keine Engel. Dhurbe ist ein rogue elephant, ein aggressiver Einzelgänger-Elefantenbulle aus dem Chitwan Nationalpark. Elefanten sind frei wie Bengalgeier. Sie müssen sich nicht an Grenzen halten, schon gar nicht an die eines Nationalparks. Immer wieder gibt es Übergriffe auf Dörfer der Umgebung. Immer wieder tödliche. Die wilden Elefanten terrorisieren die Menschen.

Dhurbe trampelte im Dezember 2012 Shanicharas Eltern in Madi tot. Madi gilt als malerisches Öko-Reiseziel südlich des Chitwan Nationalparks. Shanichara beschloss in seiner Verzweiflung, mit seiner Frau und den drei Söhnen wegzuziehen. Sie zogen nach Norden, überquerten zwei Flüsse und wähnten sich in Jagatpur in  Sicherheit. Vor einer Woche kam Dhurbe wieder. Ob er wirklich Shanichara verfolgte oder einer blinden Zerstörungswut folgte, bleibt dahingestellt. Dhurbe griff Shanicharas neue Hütte an. Shanicharas ältester Sohn versuchte den Angreifer mit Feuer zu vertreiben. Das gelang ihm schließlich, aber zu spät. Seine Frau und der 4-jährige Sohn waren bereits tot und was Dhurbe nicht zertrampelt hatte, ging in den Flammen auf. Der Rest der 9-köpfigen Großfamilie überlebte und hat nun kein Dach mehr über dem Kopf!

Elefanten sind keine Glücksbringer. Dhurbe ist ein Killer und wird seit Jahren überwacht. Er trägt ein Satelliten-Ortungs-Collier. Sein erweiteres Revier außerhalb des Nationalparks ist den Behörden gut bekannt. Auch seine menschlichen Opfer, nun auf 25 angestiegen, darunter zwei Armeeangehörige, die für die Sicherheit im Nationalpark abgestellt waren. Versuche, Dhurbe mit Feuerschusswaffen zu töten, scheiterten. Elefanten sind Dickhäuter! Die Ortung schlägt immer wieder fehl. 2023 wurde ihm bereits das dritte Halsband appliziert.

Mittwoch, Juli 08, 2026

Der weiße Elefant

Eine Ecke des Buddha Peace Park in Nagarkot ist Mayadevi, der Mutter Siddhartha Gautamas gewidmet. Ein Wegweiser führt zu ihrem Tempel, der aber noch im Bau scheint. Der vergitterte Käfig mit dem kargen Interieur mutet wie eine Gefängniszelle an. Nebst einer bereits verwitternden leeren Liege betört (mich) einzig der kleine Elefant auf dem hohen Sockel. Auf einer stilisierten Lotosblüte.

Der weiße Elefant erschien Mayadevi im Traum. Er berührte ihre rechte Seite und kündigte die Geburt eines "starken Sohnes" an. Wir hatten das schon und die Geschichte gehört eigentlich in den Königspalast nach Kapilavastu. In anderen Kulturen wird das Überbringen solch glückverheißender Nachrichten anderen, eher ätherischen, leichten, schwebenden, himmlischen Wesen wie beispielsweise Engeln zugeordnet. Hier ist es ein Elefant und die "Berührung" durch das bodenständige schwere Tier hätte auch gut gern "erdrückend", also mit dem Tod der Schlafenden enden können.

Aber Siddharta Gautama ward geboren und vielleicht ist die "Gefängniszelle" in Nagarkot deshalb leer, weil der "starke Junge", aus der Rechten der Mutter entsprungen, genau an der Stelle, wo der weiße Elefant sie in einer Nacht (unsittlich?) berührt hatte, mit Geburt bereits laufen konnte. Eine Art Garten-Eden-Szene ist hinter dem leeren Tempel installiert. Noch lebt die Mutter, sie stirbt erst eine Woche nach der Geburt. Schon steht sie aufrecht, obwohl gerade entbunden. Unter einem Plastikbaum, obwohl rundum wahrlich genug natürliches Grün in den Himmel wächst. Sie winkt dem weglaufenden Kind hinterher. Was bleibt ihr denn anderes übrig? 

Dienstag, Juli 07, 2026

देव भूमि

Noch mehr Bhumi. देव भूमि - Dev Bhumi. Das (heilige) Land der Götter. Oder kurz gesagt: Nepal. 

In diesem Kontext bedeutet भूमि - Bhumi nicht die Göttin, nicht die Mutter Erde, sondern konkret den Boden, die Fläche, das Territorium. Frei interpretierbar zu: Heimat. देव - Dev ist schon der Gott oder die Göttin, die Gottheit im Allgemeinen. Ob die Götter im Wortspiel देव भूमि - Dev Bhumi im Singular oder Plural auftreten, darüber streiten sich die native speaker, die ich befragt habe. Tatsächlich mutet es mich wie doppeltgemoppelt an, denn ich verstehe: Gott oder Göttin im Allgemeinen + die spezielle Göttin Bhumi. Für mich ist देव - Dev ein Singular. Kombiniert mit भूमि - Bhumi entsteht daraus natürlich ein Plural, sofern Bhumi auch als Göttin auftritt. Wenn Bhumi aber der schnöde Erdboden meint, müsste an das Substantiv Dev zur Kennzeichnung des Plurals das Suffix हरू - haru angehängt werden und das Land der Götter hieße korrekt  देवहरू भूमि - Devharu Bhumi. Das ist holperig und umständlich, wie viele Wege in diesem Land. Allerdings habe ich auch gelernt, dass auf das Plural-Suffix verzichtet werden kann, wenn aus dem Kontext, etwa in Verbindung mit Zahlen, dieser logisch hervorgeht. 

देव भूमि - Dev Bhumi - ist der neue Slogan der neuen Regierung für das neue Fiskaljahr 2083/2084 BS (2026/2027 AD). Nepal soll sich als wichtigste Destination für den globalen spirituellen Tourismus etablieren. Ein hochgestecktes Ziel. Zumal Indien, vor allem die Provinzen Uttarakhand und Himachal Pradesh, diesen Werbespruch schon lange für sich beansprucht. Mit identischen Inhalten: Sitz der Götter, Quelle der goßen heiligen Flüsse (zB der "Zwillinge" Ganges und Yamuna), alte Klöster und Tempel als Pilgerstätten und Meditationzentren.   

Nepals Flüsse fließen allesamt nach Süden, nach Indien. Sie sollen nun im eigenen Land geschützt und reingehalten werden. Als Orte der Biodiversität, der Kultur und der Zivilisation. Tempel und Klöster sind auch da, zuhauf, altehrwürdig, spirituell hochprozentig: Pashupatinath, Lumbini (Buddhas Geburtsort), Janakpurdham, Muktinath ua. In Randregionen wie Karnali, Sudurpaschim, Madhesh und Koshi sollen touristische Angebote und Flugverbindungen (weil, bis Straßen von Menschenhand gebaut sind ...) verbessert werden. Alles kundenorientiert digitalisiert. देव भूमि - Dev Bhumi!

Montag, Juli 06, 2026

भूमिस्पर्श मुद्रा

Wir sind im Newariland, im Buddhaland, im peacewalkland. Nach dem Frühstück reicht die Zeit für einen kleinen Spaziergang zum Buddha Peace Park. Hier sitzt Lord Buddha in Gold als भूमिस्पर्श मुद्रा - Bhumisparsha Mudra, als "Earth Touching Buddha". Der die Erde berührende Buddha. भूमि - Bhumi kennen wir schon als Göttin der Erde. Ihr wird unter meinem Fenster in Kathmandu jetzt regelmäßig gehuldigt. Die Bauherren und Baudamen wollen jedes weitere disaster (eines gab es schon, aber davon vielleicht ein ander Mal) unbedingt vermeiden! Hier aber, in Nagarkot, unweit von Thimi (wo wir mal hinziehen wollten, wo das Denkmal der Kiratkönigs Yalambar steht), unweit von Bhaktapur, unweit von Namo Buddha, sitzt Lord Buddha auf dem goldenen Sockel, seine rechte Hand zeigt zur Erde (mehr symbolisch als wirklich). Der Mittelfinger dieser Hand berührt das goldene Kissen, auf dem der in Meditation Versunkene thront und das die Erde symbolisiert, als Zeichen der Erleuchtung.  

Der Legende nach saß Buddha unter einem Bodhibaum und meditierte. Der Dämon Mara versuchte ihn dabei mit wüsten Worten zu stören, aber Buddha widerstand den verbalen Versuchungen. Er rief Bhumi, die Göttin der Erde an, sie möge seine Erleuchtung bezeugen, wenn er mit dem Finger sie - also die Erde - berühre.
Bhumi war nicht nur Zeugin, sondern auch Beschützerin. Sie setzte eine mächtige Flut in Bewegung, die den immer noch brüllenden Dämon Mara fortriss und Lord Buddha erlaubte, seinen spirituellen Weg zu Ende zu gehen.  

Deshalb भूमिस्पर्श मुद्रा - Bhumisparsha Mudra:
भूमि - Bhumi, die Göttin der Erde und 
स्पर्श - sparsha = berühren und  
मुद्रा - mudra (in Sanskrit ursprünglich Siegel)  = die symbolische Handstellung 

Der die (Göttin) Erde mit dem Mittelfinger der rechten Hand (im Moment der Erleuchtung) berührende Lord Buddha.

Am Nachmittag fahren wir zurück in die laute Stadt.

Sonntag, Juli 05, 2026

Yala Chhen

Bevor wir abgeholt werden, sehe ich den Mond über den Dächern der Nachbarn untergehen (wer sieht ihn nicht?). Der Himmel strahlt am Morgen auch über der Capital City und über dem Hill, wenn in der Nacht viel Regen gefallen ist. 

Um die Zeit zu nutzen, fahren wir noch einmal nach Nagarkot. Ungefähr zum vierten - und wahrscheinlich vorerst letzten Mal ans östliche Ende des Valleys. Wir tanken frische Luft und genießen eine unverstellte Aussicht, so lange es eben geht. Der Himmel zieht sich zu, wie schon beim letzten Mal, kaum sind wir angekommen. Diesmal sind es Monsunwolken und sie entleeren sich, während wir beim Mittagessen sitzen.
Wir wohnen im Yala Chhen - in Yalas Palast! Das ist das Haus von Yala in Newari. "Chhen" ist das Haus, die Hütte, das Gebäude oder eben der Palast! Und "Yala" nannten die Newari ihre Stadt, die heute Lalitpur heißt und einst Patan war. Ich wusste nicht, dass der südlich gelegene Stadtteil von Kathmandu (wo wir einst vorhatten, wohnen zu wollen - wer erinnert sich nicht?) einen dritten, noch älteren Namen besitzt: Yala  nach dem ersten Kirati-König यलम्बर - Yalambar.
Wir wohnen also in यलम्बर - Yalambars bescheidener Kate, in der Königssuite. यलम्बर - Yalambar ist auch, das wissen wir schon, der Namensgeber für den Mondkalender der Kirat, Yelam Sambat. Der Wechsel von YA zu YE erklärt sich dadurch, dass König Yalambar auch Yalamber oder verkürzt Yalam oder Yele genannt wurde (vielleicht eine Art Kosename?).

Samstag, Juli 04, 2026

20 Tage

Samstag. In drei Wochen sind wir umgezogen. Ich muss mich ranhalten mit Tagerunterzählen. Die ersten Kisten habe ich aufgeklappt und die Böden zugeklebt. Nun stehen sie in Reih und Glied im Zimmer, das einst W's Arbeitszimmer war und seit Monaten leer steht. Der Regen kommt in der Nacht, ziemlich heftig. Ein Gewitter tobt sich stundenlang über unseren Köpfen aus. Wir hoffen, dass die Zimmerdecke noch Nässe speichern kann. Dass der Regen nicht durch das Dach in die bereitstehenden leeren Umzugskisten läuft.

Freitag, Juli 03, 2026

the own words

Ich habe in Nepal gelernt, keinem Wort zu trauen. Die meisten verstehe ich nicht und die wenigen anderen hinterfrage ich konsequent. Sortiere gnadenlos. Vieles erkläre ich mit dem Hang der Nepali zur Träumerei. Sie wünschen sich so vieles, das nie wirklich werden wird. Und das können sie sich getrost rund um die Uhr einreden. Ein Satz wie "don't worry", der mich am Anfang immer beruhigt hat, weckt nun mein allergrösstes Misstrauen. Sagt heute jemand "don't worry" zu mir, weiß ich, dass ich allen Grund habe, mir Sorgen zu machen. Das schult und stärkt die inneren Kräfte. 

Was hat man nicht alles über Hillary Dawa Sherpas Schicksal am Everest gelesen, gehört, gesehen - hier spricht er selbst und räumt mit Mythen und Märchen auf: "My life is like a dream. How did I get here? How did I make it down alive?" (0:28) - Der Mann wundert sich schließlich, warum sein halbes Dorf in Kathmandu im Krankenhaus zusammenkommt, warum seine Frau Mönche und Lamas einbestellt hat für die अन्त्येष्टि - Antyesti - die letzten Dienste. Es ist das Wichtigste im Leben eines jeden Menschen: dass für sein unbeschadetes Karma gebetet und nach seinem Tod 13 Tage salzlose Nahrung gegessen wird. 

Hillary Dawa Sherpa selbst fühlte sich dem Tod erst nahe, als er mehr als zwei Tage und Nächte in einer Gletscherspalte festsaß, mit gebrochenem Bein und ohne Hoffnung auf Rettung. Davor hatte er einfach seine Pflicht getan. Aber hört ihn selbst: Abandoned On Everest - Hillary Dawa Sherpa, in his own words (ins Englische übertragen von Ben Ayers): https://www.youtube.com/watch?v=RuIyupuIOZ8 

Donnerstag, Juli 02, 2026

Die Erde

Wie für alles andere auf dieser Erde, gibt es auch für sie, die Erde selbst, mehrere, aber mindestens zwei weibliche Göttinnen. भूमि - Bhumi oder पृथ्वी - Prthvi. Etwas leichter auszusprechen पृथिवी - Prthivi. Die einen Quellen sagen mir,  पृथ्वी माता - prthvi mata sei die archetypische Muttererde-Gottheit und Prthvi die älteste vedische Erdgöttin. Ihr Name bedeute im Sanskrit "Weite" oder "Breite". Damit wird die physische Dimension der Erde eingefangen. भूमि - Bhumi hingegen komme von Sanskrit "Boden" oder "Ursprung". Die Erde als Ursprung aller Dinge. Andere Quellen sagen mir, Bhumi habe einfach Prthvi abgelöst, vom Sockel gestoßen, als deren Zeit um war. Bhumi als Inkarnation von Prthvi. 

Ich weiß bereits, dass Bhumi mehr mit der Qualität, der Fruchtbarkeit, der nährenden Kraft des Bodens zu tun hat, als mit dessen geografischer Größe. Bhumis Tochter ist Sita - die Ackerfrucht. Deshalb soll, bevor eine Baugrube ausgehoben wird und der Acker - hier am Hill ganz konkret die einst mit viel Mühe, Schweiß und Steinen angelegten Reisterrassen - zweckentfremdet wird, eine Bhumi Puja abgehalten und die Göttin des Bodens und allen Ursprungs um ihren Segen für das Bauvorhaben gebeten werden. 

Gestern Abend schritt eine Frau ganz allein kurz vor dem Eindunkeln das grässlich zugerichtete Gelände unter meinem Fenster ab und zündete viele Öllampen und Räucherstäbchen an, sang 108 mal das Bhumi Gayatri Mantra:

Om Vasundharaya Vidmahe

Bhutadhatraya Dhimahi 

Tanno Bhumi Prachodayat 

Vielleicht war es die Käuferin des Grundstücks und zukünftige Eigentümerin der mehrstöckigen Mehrfamilienhäuser, die aus dieser Grube wachsen werden. Eine sogenannte landlady.

Mittwoch, Juli 01, 2026

Haatemaalo

Der Monsun marschiert ein, lese ich in der Zeitung. Am Himmel sieht immer alles anders auf. Der wieder ins Amt zurückgekehrte Innenminister verkündete unlängst, das Ziel seien 0 (null) Monsunopfer in diesem Jahr. Die NDRRMA (National Disaster Risk Reduction and Management Authority - so etwas wie Nationale Katastrophenverhinderungsbehörde) zählt aber bereits 27Unwetterbedingte Todesfälle seit Beginn des Jahres BS (= Mitte April AD): 6 Menschen sind ertrunken, 13 bei Sturm umgekommen, 5 wurden von Erdrutschen verschüttet, und 3 starben infolge heftiger Regenfälle.

Ich lerne derweil ein neues Wort: हातेमालो - haatemaalo von हाते - haat für die Hand und मालो - maalo für halten, umarmen, verlinken. Zusammenhalten. Zusammenstehen. Sich solidarisch verhalten, den Nachbarn helfen, in Not Geratene unterstützen, und so weiter. Und so fort. Ein schönes Wort. Eine gute Sache. Handreichung.

Außerdem wird eine App eingerichtet, über die über Ufer tretende Flüsse und abrutschende Hänge gemeldet werden können, damit entsprechende Hilfe ohne Verzögerung in die Wege geleitet wird. Wir werden sehen, was die nächsten Tage und Wochen bringen. Regen, Regen, Regen!