Montag, August 31, 2026

Die Verwundbarkeit

Als wir vor zwei Jahren aufbrachen, war mir nicht bewusst, dass wir ins verwundbarste Land dieser Erde ziehen. 


Nepal will Klimagerechtigkeit!

Nepal verursacht unter 1% der globalen Emissionen.
Nepal leidet geografisch bedingt überproportional unter den Folgen der Erderwärmung.
Die Gletscher im Himalaya schmelzen deutlich schneller als im Rest der Welt. 

Unvorhersehbare, nicht mehr aufzuhaltende Naturkatastrophen wie Dürren oder Überschwemmungen verursachen nie dagewesene wirtschaftliche und soziale Schäden und entziehen den Nepali jede Lebensgrundlage.

Sonntag, August 30, 2026

Heiliger Bimbam

Ich verliere den Verstand über all dem Unsinn, der mir im Netz entgegenschlägt. Die AI-Sturzflut! Die Videos, die mir gerade helfen, die Welt etwas besser zu verstehen, habe ich im blog vom 27. August "the day after" verlinkt. Vor allem anderen versuche ich mich zu schützen. 

Und trete aus dem Haus. Um durchzuatmen. Frische Luft ist immer gut. Um einen Blick in den Garten zu werden. Halte rechtzeitig inne. Heiliger Bimbam! Déjà-vu! Katze auf dem chinesischen Frieden! Oder ist es die Erde? Das Reich der Mitte? Egal! Das Rot ist blasser geworden, der Liegekomfort aber offenbar derselbe geblieben.   
Ich habe diese Katze schon gehört. Ihr hungriges oder einsames Miauen. Und nach jedem Regen finde ich Spuren ihrer Pfoten rund ums Haus und am hinduistischen Heiligtum an der hinteren linken Ecke des Grundstücks. Leibhaftig hat sie sich mir aber bis dato noch nicht vorgestellt. Ein Trostpflästerchen? Ein Wink von ganz oben herab? Vom Pumdikot? 
Ich frage den Nachbarn, der gerade von seinem Bike steigt, ob die Katze ihm gehört. Katzen, erwidert er mit einem nachsichtigen Lächeln, gehören in diesem Lande niemanden. You know ... Yes, I know! Nepali halten nichts von Katzen. Aber nein, widerspricht er sofort, es sei keine wilde Katze. Und nein, nein, ich brauche sie nicht zu füttern. Auf keinen Fall. Sie sei nicht hungrig. Niemand füttere hier Katzen. Katzen sind Selbstversorger, hier finden sie genug zu fressen. Sagt er. Mäuse und Ratten. Dafür lassen wir sie in Ruhe. Er lächelt noch einmal nachsichtig und verschwindet ins Haus. Ich verstehe. Meine Maus im Schuhschrank ist tatsächlich verschwunden. Allerdings habe ich dort radikal ausgemistet und ihr den Liegekomfort wahrscheinlich brutal zerstört.  

Déjà-entendu. Auf dem Hill sagten die vornehmen Hinduladies fast wörtlich dasselbe. Katzen gehören niemandem und wilde Katzen gibt es nicht!

Samstag, August 29, 2026

Heiliger Schweiß

Die Göttin Bhagawati schwitzte vor ein paar Tagen! Die Gläubigen, die sich in Kavrepalanchowk in der dreistöckigen Pagode zum abendlichen Lichtritual, dem आरती - Aarti versammelt hatten und Bhagawati brennende Ghee- und Kampferlampen darbrachten, beobachteten, wie Schweißtropfen aus der Stirn der Saligramstein-Statue traten. Dies wird als schlechtes omen gedeutet, als Warnung vor Katastrophen oder Krisen. Angeblich gab es ähnliche Zeichen 2058 BS (2001 AD) vor dem Massaker im Königspalast, 2072 BS (2015 AD) vor dem großen Erdbeben sowie vor zwei Jahren vor den massiven post-monsoon-Erdrutschen. Die 2001 in Lalitpur amtierende Kumari (Kindergöttin) hatte vor dem Königsmassaker einen unerklärlichen Tränenfluss. In normalen Zeiten sind Göttinnen Masken, ob sie leben oder nicht. Sie zeigen keinerlei Regungen. Sie behalten alle Gefühle und Gedanken für sich.

Nun also Schweißperlen der Bhagawati von Palanchowk. Wir schwitzen ja gerade alle mehr oder weniger ständig. Aber der heilige Schweiß gilt natürlich im Nachhinein - dann wenn wir alle klüger sind - als Verweis auf die Bhotekoshi-Sturzflut. Gestern wurde in Bhagawatis Tempel eine kshama puja abgehalten, ein Vergebungs- und Sühneritual. Die Göttin wurde zermoniell gebadet und mit tantrischen Tänzen um Gnade gebeten.

Freitag, August 28, 2026

जनै पूर्णिमा

Vollmond. Purnima. Ein spezieller Vollmond:  जनै पूर्णिमा - Janaj purnima. Feiertag - der erste public holiday, seit wir in Pokhara sind. Ein multipler Feiertag: Janai Purnima, Rishi Tarpani, Rakshya Bandhan, Gun:Punhi, Kwati Puni.  

Am Nachmittag fängt es an zu regnen. Der wirklich verheerende Regen kommt erst nach der verheerenden Sturzflut. Er bringt keine Erlösung.

Weil heute ein besonderer Vollmond ist - Janaj purnima waren in den letzten Tagen im Langtang Gebiet viele Pilger unterwegs. Buddhisten, Hinduisten, Animisten, Anhänger der Bon-Tradition. Und alle anderen. Auf dem Weg zum heiligen Gosaikunda See im Rasuwa District. Oder auf dem Weg zum Heiligen Berg Kailash, auf dem Lord Shiva mit seiner Parvati lebt. Niemand darf den Kailash besteigen, aber die Gläubigen umkreisen ihn und nehmen das reinigende Bad im मानस सरोवर - im "unübertroffenen" Mansa Sarovar See, dessen Wasser alle acht Eigenschaften "perfekten Wassers" besitzen soll: es ist kühl, süß, leicht, weich, klar und rein, reizt weder den Magen noch den Hals!

Weil heute ein besonderer Vollmnond ist und weil der heilige Berg Kailash und der heilige See Mansarovar zu seinen Füßen in Tibet liegen, sind die meisten Pilger genau dort in das Reich der Mitte ein- oder ausgereist, wo die Überwachungskameras die ersten entsetzlichen Bilder einer unvorstellbaren Sturzflut festhielten: am Grenzübergang Gyirong.         

Niemandem ist heute, am zweiten Tag danach, so richtig zum Feiern zumute. Auch nicht den Geschwistern, die mit Rakshya Bandhan ihre schützende und unverbrüchliche Verbindung beschwören und als Zeichen ein Rakhi, ein kunstvoll gestaltetes Band um das rechte Handgelenk flechten. जनै - Janaj ist der heilige Faden, der heute erneuert wird. Man bedankt sich bei den Saptarishi, den sieben großen Weisen für das spirituelle Wissen. Und isst Kwati, eine dicke heiße Suppe aus neun verschiedenen Bohnen und Hülsenfrüchten. Kwati wärmt den Körper und stärkt das Immunsystem. Bewahrt gerade zur Monsunzeit vor Erkältungen. 

Wirkt heute, jedenfalls auf mich, wie aus der Welt gefallen.

Donnerstag, August 27, 2026

the day after

Alles, was wir gestern an Erklärungsversuchen gehört, gesehen oder gelesen haben, ist heute überholt. Weder gab es ein Erdbeben noch ist ein Gletschersee ausgebrochen. Ein Felssturz in Verbindung mit einem Gletscherabbruch an der Nordseite des Langtang Lirung brachte Material mit einem 10- bis 40-fachen Volumen des Ereignisses vom helvetischen Nesthorn und Birchgletscher (das Blatten, das evakuierte einstige 300-Seelen-Dorf im Lötschental verschüttete), in den chinesisch-nepalesischen Grenzfluss Lhende-Khola. Die unglaubliche Masse an Schlamm, Wasser, Eis und Geröll zerstörte den Grenzübergang Gyirong, an dem wie immer reger Betrieb herrschte und wälzte sich dann durch das enge steile Tal des Bhotekoshi, der talabwärts in den Trishuli übergeht, etwa 200 Kilometer quer durch das schmale Land nach Südosten bis an die indische Grenze. 

Cause: https://www.youtube.com/watch?v=u5F175REX_U 

updates: 

The lake: https://www.youtube.com/watch?v=USgiTgiyi30

The warning: https://www.youtube.com/watch?v=D5em-GxG4PU&t=61s

The rescue: https://www.youtube.com/watch?v=zhhRZ6UTRgw

The water: https://www.youtube.com/watch?v=bfRyoauV3Wg&t=23s

Mittwoch, August 26, 2026

26-08-26

Ich hatte schon einmal eine fast perfekt anmutende Zahlensymmetrie, hinter der sich unvorstellbare Abgründe auftun: 11-03-11. Nun also 26-08-26. Funktioniert natürlich nur im westlichen Kalender und in westlichen Hirnen. Im nepali calendar haben wir heute schlicht 10-05-83, den 10. Tag des 5. Monats Bhadra im Jahr 2083. 

Wie auch immer wir die Zeit berechnen und darstellen, der heutige Tag - genauer: die Geschehnisse ab 08:37 am Nepal time im Himalaya Grenzgebiet Nepal-Tibet-China, im Einzugsgebiet der Flüsse Lhende Khola, Bhotekoshi und Trishuli, quer durchs Land nach Süden bis zur indischen Grenze, wird in die Geschichte der Naturkatastrophen eingehen. Unter welchem Namen und mit welchen Etiketts wird sich noch zeigen müssen. Vorerst sind wir alle fassungslos. Und sprachlos.

Dienstag, August 25, 2026

amaranthus retroflexus

Ich bin immer noch im Garten. Die Schnecke auch. Sie ist nachtaktiv und zeigt sich nur kurz am Morgen. Ich weiß immer noch nicht, was ich wachsen lassen soll und was ich besser entferne. Ausreiße mit Stumpf und Stiel. Weil es zu stürmisch wuchert, giftig ist oder dürr. Bereits abgestorben. Unter den vielen schweren Säcken hat nur Robustes überlebt.

Ich lasse erst einmal alles einregnen. Wilder Amaranth gehört an einen poetischen Wegesrand. Ins Poesiealbum. Oder in einen nepalesischen Hausgarten. Küchengarten. Wilder Amaranth soll ein Superfood sein, voller Nährstoffe, Aminosäuren und Antioxidantien. Sagen westliche Esoterikerinnen.  Der Wilde Amaranth ist, wie sein Name schon sagt - amaranthus retroflexus - ein Wildkraut. Die Blätter sind essbar, die Samenstände auch. Für die Hindus ist es ein an Fastentagen erlaubtes Pseudogetreide. Amaranth gehört botanisch zu den Fuchsschwanzgewächsen und gilt als sattvisch = rein. Im Ayurveda ist der Amaranth ein geschätztes Heilkraut mit kühlender energetischer Wirkung. Hindufrauen nennen es das Korn Gottes. Von Sanskrit ramdana = das Korn von Lord Ram. Die Alten Griechen wussten es aus einem anderen (sprachlichen, etymologischen) Grund zu schätzen. Der Name leitet sich für sie von griechisch amarantos = unvergänglich ab. Ein Konzept der Unsterblichkeit gepaart mit dem Symbol für Reinheit und Lord Ram. Ich lasse das Unkraut stehen und weiterwuchern. Die Schnecke braucht ja was zum abknabbern mit ihrer Raspelzunge.

Montag, August 24, 2026

lissachatina fulica

Es hat geregnet in der Nacht und ich pflanze am Morgen das Zitronengras in eine Ecke im kleinen Rasenstück vor dem Haus. Zitronengras ist schneidend scharf. Wie Papier. Das kenne ich, habe mir auf dem Hill mehrere Schnittverletzungen an den Fingern zugezogen, bis ich endlich lernte, vorsichtiger auch mit dürren Gräsern umzugehen. Hier steckt das Zitronengras  in einem Kelloggsbeutel und hat sich schon nach allen Seiten darin festgebissen, und fast meterhoch daraus hervorgedrängt. Ich muss die bunte Folie aufreißen und in Fetzen ablösen, um überhaupt an den Wurzelballen zu kommen. 

Darin wohnt zu meiner Großen Verblüffung eine Große Achatschnecke. Eine lissachatina fulica. Oder Giant African Snail. Ostafrikanische Riesenschnecke. Wie die zu Kelloggs gelangt sein mag? Aus Ostafrika?

Ich habe sie wohl aufgeschreckt. Oder aufgeweckt. Brutal aus der Trockenstarre geholt! Ich hieve sie in ein Beet und sie setzt sich sofort in Bewegung. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit! Das Licht stresst sie offenbar. Sie sucht schnell Schutz und Dunkelheit unter Laub. Ich aber will sie zuerst ablichten. Setze mich auch in Bewegung, hole das Smartphone aus meinem Haus, ehe sie mir mit ihrem Rechtsgewundenen auf dem Buckel entwischt. Vergesse das scharfe Zitronengras. Hebe das eiförmige Gehäuse an und sie rollt sich blitzartig darin ein. Ich lege sie oben auf die ockerhellbraune Gartenmauer. Dort präsentiert sie sich optisch vorteilhafter, als in den dürren Blättern auf der nassen Erde. Wir haben Monsun. Ich trage Handschuhe. Angeblich können diese Riesenschnecken von Parasiten befallen sein. Sie sucht, ohne zu zögern, sofort den Weg nach unten zurück. Ich schaue reglos zu und frage mich, ob sie es schafft, diese hohe senkrechte Wand abzusteigen?

Natürlich gelingt ihr das. So ein Tier weiß besser, was es kann, als wir überheblichen Köpfe. Sie navigiert offenbar mit ihrem gestreiften Gehäuse, kann es drehen und wenden. Ich fürchte kurz, sie würde es verlieren. Was gewiss schmerzhaft wäre. Wenn nicht tödlich. Sie müsste abstürzen! 
Aber das Gehäuse hält und der Schleim klebt. Ein Balanceakt. Sie stürzt nicht, rutscht nicht, sondern kriecht kontinuierlich ihrem Ziel entgegen. Als das Schneckenhaus auf dem Rücken fast quer liegt, wie eine Kompassnadel mit der Spitze nach Süden ausgerichtet, zeigt mir die Große Achatschnecke ihren hellen Aalstrich. Nun wundere ich mich. Auch die Lissachatina fulica ist schließlich kein Wirbeltier. Sondern ein Weichtier. Eine Mollusca. Sie besitzt weder eine Wirbelsäule noch irgendwelche anderen Knochen. Aber einen Aalstrich.

Sonntag, August 23, 2026

crocothemis servilia mariannae

Eine scharlachrote Segellibelle hat sich früh am Morgen zu mir aufs zweite Dach gesetzt. Sie ruht sich aus auf der Brüstung, während ich mein QiGong absolviere und ihre Artgenossinen über meinem Kopf um die Wette segeln. 

Später am Schreibtisch lese ich, dass es ein Männchen gewesen sein muss, denn die Libellen-Weibchen sind nicht so auffällig blutrot gefärbt, sondern tragen dezentes olivbraungrün. Und es ist ein crocothemis servilia mariannae - weil ihm, dem Libellenmännchen, der schwarze Aalstrich auf dem Rücken fehlt. Dafür bekommt er als Suffix den Mädchennamen Marianne. Irgendwie irre. 

Der Aalstrich, lerne ich, ist ein Rückgratstrich. Aber die Libelle ist kein Wirbeltier und hat kein Rückgrat. Weil sich aber dieser Strich, wenn ihn mein scharlachroter Libellerich denn hätte und keine mariannae wäre, auf der Oberseite seines schmalen Körpers farblich deutlich abhöbe, wandert der Bestimmungsbegriff aus der Wirbeltierbiologie von seiner anatomischen Koppelung ab und wird aufgrund der visuellen Parallele zu einer rein optischen Übertragung.

Samstag, August 22, 2026

Das Reittier

Es gibt mindestens 5 Ram Tempel in Pokhara. Wir radeln bei schönstem Sonnenschein zum nächstgelegenen, श्री राम मन्दिर - Shree Ram Mandir in Birauta. Wir wohnen in Birauta. Birauta ist ein strategisch wichtiger Stadtteil und Verkehrsknotenpunkt! Ram ist die 7. Inkarnation Lord Vishnus, der Gatte Sitas, der Göttin der Ackerfrucht. Die hatten wir schon das eine und andere Mal, auch ihre arrangierte Ehe. Der Tempel ist von Bewässerungskanälen sowie von lauten und leisen Straßen umgeben. Der Legende nach wurde bei den Bauarbeiten der Bewässerungsanlagen (für die umliegenden Reisfelder) ein Ganesh Shila, ein Ganesh Stein gefunden. Vielleicht war es einfach ein fossiler Ammonit. Aber er wurde als Wink des Götterhimmels verstanden, dass an dieser Stelle, mitten im Gewühle, ein Tempel errichtet werden soll. Warum es ein Ram Tempel werden musste, verstehe ich natürlich nicht. 
Aber Ganesh ist auch da, hat seinen eigenen Nebentempel, vor dem sein "Reittier" wartet, die kleine Maus. Auf den Ausritt natürlich. 

Seit der Eröffnung 2040 BS / 1983 AD wird jeden Mittag von ca 12:30 bis 14:00 Uhr das Akhand Kirtan gesungen, ein ununterbrochener Lobgesang.  





Freitag, August 21, 2026

Der Dorn im Finger

4 Wochen Pokhara. Ich räume den Garten auf. Den letzten hinterließ ich in seiner ganzen Üppigkeit. Das gefiel der landlady nicht. The garden, sagte sie, has to be trimmed! Da wir am nächsten Morgen, heute vor vier Wochen, den Hill verließen, kamen wir der Aufforderung, trotz ihrer Unmissverständlichkeit, nicht mehr nach. Mitgenommen habe ich nur die zwei Mangopflänzchen in den Töpfen und die haben die Reise gut überstanden. Der Garten hier ist voll mit alten Reis- und Zementsäcken. Aus denen Pflanzen sprießen. Oder Unkraut. Zitronengras. Erde, Kies, Schutt, Baureste. Gestrüpp. Ameisen. Überall Ameisen. Zerbrochene Fliesen. Das Gemüse habe ich zum größten Teil geerntet und verkocht. Die trockenen Triebe zerre ich von der Hauswand herunter. Alles rankt. Übrig sind noch drei Auberginenbüsche. Die ranken nicht. Die jungen Früchte sind dunkelrot, auberginenrot eben. Je größer, länger sie werden, desto mehr verlieren sie an Farbe, wechseln in ein zartes Olivgrün. Ich buddle dort, wo Schatten ist. Entleere einige der Plastiksäcke. Pflanze das in Boden, was dorthin gehört und schütte Erde darüber. Manches blüht schon oder immer noch. Ich schwitze und hole mir einen Dorn in den Zeigefinger. Dann fängt es an zu regnen und hört erstmal nicht mehr auf.

Donnerstag, August 20, 2026

लक्की साईकल मर्मत सेन्टर

Vorgestern am Glücklichen Fahrradladen vorbeigelaufen. Zufällig, auf der Suche nach etwas ganz anderem. Das Firmenschild geknipst, damit ich es nicht vergesse. Zu Hause entziffert: 

लक्की साईकल मर्मत सेन्टर - lakki saikal marmata centar. Zu Deutsch Lucky Cycle Repair Center. Oder Lucky Cycle Shop. 


Gestern abend 2 Fahrräder gekauft. Über Nacht wurde alles Notwenige montiert (Klingel, Bremsen, Trinkwasser-Flaschenhalter usw). Heute früh angeliefert. Per Motorbike. Der Shopkeeper fuhr, sein Monteur saß hinten und hielt ein Zweirad quer vor der Brust. Zuerst kam das Rote, dann das Blaue.  


Mittwoch, August 19, 2026

Himmelsrichtungen

Am dritten Tage, nachdem wir eingezogen waren, kam am Morgen kein Wasser mehr aus den Wasserhähnen. Aus einem nach dem anderen tröpfelte es nur noch erbärmlich. Ich vermutete, dass die Tanks auf dem dritten Dach leer waren, konnte mir aber nicht erklären, wie wir in so kurzer Zeit soviel Wasser verbraucht haben sollen. Zumal, wie der landlord erklärt hatte, die Tanks "immer" und "automatisch" nachgefüllt würden. Wenn der Pegel unter eine bestimmte Marke fällt, wird Wasser angefordert und hochgepumpt.

Das weiß ich heute. Die Pumpe steht unten und braucht Strom sowie einen Motor. Der Motor der Nachbarn ist nicht zu überhören. Er schaltet sich mindestens zweimal täglich ein. Sie brauchen viel mehr Wasser als wir, aber sie haben auch Reisfelder hinter dem Haus. Und einen Wasserbüffel im Stall. 

Am dritten Tag nach dem Umzug erklärte der landlord auf Nachfrage, mit einem der Schalter in der Küche neben dem Kühlschrank müsse der Strom für den Motor der Wasserpumpe eingeschaltet werden. Ich hatte bereits alle Schalter im Haus ausprobiert und mich bei vielen gewundert, wofür sie da sind, wenn sie kein Licht geben. Der Schalter im Norden, schrieb der landlord per WhatsApp und W geriet ins Grübeln. Er schickte ein Foto der ganzen Schalterreihe zurück und fragte, ob Norden rechts sei, der letzte Schalter an der Seite zu den Schneegipfeln. Yes, Sir!

Das Wasser fließt seither ungehindert und ich habe den Schalter mit einem roten Punkt markiert, damit wir ihn nicht versehentlich ausschalten. Bei schönem Wetter sehen wir, wie bereits berichtet, die Annapurna-Kette am nördlichen Horizont. Einer der Gipfel ist अन्नपूर्ण दक्षिण - Annapurna daksin. Annapurna Süd. Im Hinduismus, lese ich, bedeutet दक्षिण - daksin auch rechts. Denn zum Gebet stellt man sich nach Osten, der aufgehenden Sonne zu. Dann ist Süden rechts und Norden links.

उत्तर - uttar, der Norden gilt als Sitz der Götter. Lord Shiva wohnt auf dem Berg Kailash. Von meinem Schreibtisch aus gesehen, stimmt das auch. Im Norden ragen die Annapurnagipfel in den Himmel. In meinem Schulheft ist उत्तर - uttar aber auch die Antwort. Die Antwort auf jede Frage. Was das eine - der Norden, mit dem anderen - der Antwort zu tun hat, weiß ich (noch) nicht. 

दक्षिण - daksin bedeutet nebst Süden und rechts, auch Spende. Das, was man Bedürftigen an Feiertagen oder an jedem anderen Tag gibt, oder seinem Guru, dem spirituellen oder jedem anderen Lehrer, als Dank für Weisheit, Belehrung, Begleitung auf dem Weg. Mit दक्षिण - daksin wird jedes Ritual abgeschlossen. दक्षिण - daksin als Gabe gilt als religiöse Pflicht.

Norden ist also nicht rechts, sondern links. Norden gilt als spirituellste, glückbringendste Himmelsrichtung. Norden hat kosmische Energie und symbolisiert den Weg der Erleuchtung, das Streben nach Moksha, der Befreiung aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt.

Süden hingegen ist rechts! Nach Süden geht der Weg der Ahnen, dort liegt das Reich des Todes. Der Süden wird von Lord Yama regiert, dem Gott des Todes und des Dharma, der universellen Gerechtigkeit. Süden ist der Ort der Transformation, der Auflösung des Egos.

Dienstag, August 18, 2026

Durgalal Shrestha

दुर्गालाल श्रेष्ठ - Durgalal Shrestha, der bekannteste Newari Dichter, einer der wenigen, der seine Poems, Lieder und Gedichte in Nepal Bhasa schrieb und quer durchs Land dank (eigenen oder fremden) Übersetzungen in die "Hochsprache" der Nepali bekannt wurde, starb vorgestern im Alter von 91 Jahren. Ein gutes Alter! Er starb zu Hause, in Kathmandu, in Budhanilkantha. Dort, wo wir bis vor einem knappen Monat gelebt haben. Ein guter Ort. 

Ich wusste nicht, oder habe es unterwegs wieder vergessen, dass Durgalal Shrestha den Text zum Hit unserer buddhistischen Nonne Ani Choying Drolma "फुलको आँखामा" (fulko ankhama) geschrieben hat. Ein Song, den ich aus Pranais Freitagsstunden kenne. Der Song, der mir den ersten tüchtigen Schlag versetzt hatte, weil ich das Wort "phoolko" im Titel des Songs auf dem Zettel, den Pranai verteilte, nicht als "ful" und schon gar nicht als फुल wie Blume erkannte. Diesem Song verdanke ich es - oder Durgalal Shrestha Sir - , dass ich um alles in der Welt die Devanagari-Schrift lernen wollte. Und nun mehr schlecht als recht beherrsche.

Seine Handschrift, übrigens, ist ein Kunstwerk für sich und wurde digitalisiert. Alle seine Bücher wurden im Herbst 2025 noch einmal mit der offziellen Durgalal Shrestha Drucktype veröffentlich. Der Font soll inzwischen auch allgemein zugänglich sein. Damals, gefragt, wie sich das anfühlt, die eigene Handschrrift als Drucktype zu sehen, antwortete er (sinngemäß übersetzt), mein Körper wird irgendwann nicht mehr da sein, aber meine Handschrift wird weiterleben.    

Heute wurde der Dichter der Herzen, oder des Volkes ("people's poet") von seinen Anhängern, Kollegen, Newaris, Buddhisten und der politischen Hauptstadt-Prominenz im Bijeshwari-Tempel verabschiedet und anschließend zur Kremation nach Karnadeep am Bishnumati River begleitet.

Montag, August 17, 2026

Nag Panchami

Es kommt wieder alles auf einmal. Der erste des Monats, der 1. भाद्र - Bhadra sowie der 17. August. Für uns der Dreiundzwanzigste 17. in diesem Land. Für die Hindus und Buddhisten der fünfte Tag (= पंचमी oder पञ्चमी  - panchami) der Shukla Paksha, der hellen, zunehmenden Mondphase. Sie feiern  नाग पंचमी - Nag Panchami. Das Schlangenfest. Sie verehren die Nagas, die Schlangengötter, nageln Schlangenbilder über die Haustüren und bitten um Schutz vor Schlangenbissen. Sowie um Segen, eine reiche Ernte, viel Regen. In der Nacht hat es heftig geregnet und der Morgen dümpelt und dampft vor sich hin. Eigentlich gehört Nag Panchami in den Monat Shrawan, aber in diesem Jahr ist alles etwas verschoben und wir sind bereits im Bhadra, dem fünften Monat des Jahres angekommen. Man soll heute auf keinen Fall in der Erde buddeln - um keine der Schlangen im Untergrund unnötig aufzustören. Das zöge Unglück nach sich und brächte im schlimmsten Fall das ganze Ökosystem durcheinander. Also lass ich es. Ich sollte nämlich das winzige Rasenquadrat in unserem Garten "trimmen" (nicht so, wie das in Dithmarschen geschieht), dazu habe ich mir zum Dreiundzwanzigsten 17. eine handliche Rasenschere geschenkt, mit schön polierten Holzgriffen.

Sonntag, August 16, 2026

Der letzte Tag des Monats

Sonntag. Der 31. Shrawan, der letzte Tag des Monats. Nach zwei vergeblichen Versuchen (beim ersten war die Werkstatt offen, aber ich hatte die Schuhe nicht dabei, beim zweiten hatte ich die Schuhe dabei und die Werkstatt war offen, aber der Schuhmacher, denn ein solcher ist er, beim Essen, wie mir die Nachbarshutterfrau zweifelsfrei durch entsprechene Gestik zu verstehen gab) treffe ich heute den Schuhmacher beim Arbeiten an. Er legt den Schuh, an dem er arbeitet, zur Seite und repariert mir auf der Stelle die ausgeleierten, zum Teil gerissenen Elastikbänder an insgesamt 4 Schuhen. Für die Orangefarbenen fädelt er eine Orangefarbene Fadenspule in seine Schuhmachernähmaschine. Ich warte, sitze auf einem Hocker und denke die ganze Zeit an meine emeritierte Menznauer Schuhmacherin mit ihrer Aversion gegen Näharbeiten, die sie ihr ganzes aktives Berufsleben begleitet hatte.

Der Schuhmacher gibt mir jeden Schuh einzeln zum Anprobieren, ob er fest genug sitzt, an einem trennt er die Nähte klaglos wieder auf und arbeitet nach. Schließlich laufe ich überglücklich in den uralten grünen Vabenes durch die street no 11 und nehme die Abkürzung am Kanal entlang nach Hause. Gekostet hat die ganze Sache so viel wie kürzlich das perfekte Gasherdkreuz. Oder eine Portion scharfe Chicken Chowmein. 

Samstag, August 15, 2026

Biruwa Guthi

बिरुवा - Biruwa ist die Pflanze, das wissen wir schon. Ein Setzling oder junger Baum aus der Baumschule. Aus dem Obstgarten neben unserem Haus. Wir können von der Dach Terrasse aus zugucken, wie und die Bananenpflanzen entgegenwachsen. Die Blätter entfalten sich in einem beeindruckenden Tempo. Das Biruwa Cottage ist ein Öko Restaurant bei uns um die Ecke. Mit eigenem Anbau von Gemüse.  

बिरुवा गुठी - Biruwa Guthi ist ein Dorf. Eine Dorfgemeinschaft. Ein einstiges VDC - village development committee im Parsa District. Ziemlich weit weg von unserem Bioobstgarten und Biorestaurant.  Bei der Verwaltungsreform 2017 wurden die Guthis aufgelöst, weil das althergebrachte, indigene soziale, wirtschaftliche und kulturelle Selbstverwaltungssysteme waren. Auf die der Staat keinen Zugriff hatte. Die Dörfer wurden zu Rural Municipalitys zusammengeschlossen und umbenannt.

गुठी - guthi leitet sich von Sanskrit गोष्ठी - gosthi für Versammlung, Vereinigung, Gesellschaft ab. Dem nepalesischen Staat ist es nicht gelungen, die autonomen Guthis 2019 ganz abzuschaffen. Es kam zu massiven Protesten der Newari im Valley und darüber hinaus. Worauf die Politiker einknickten und den Gesetzesentwurf mit dem schönen Namen "Guthi Bill" zurückzogen. 

Die Mitgliedschaft in den Guthis war und ist erblich, an die Familie, die Sippe, den Clan gebunden. Die Guthis tun viel Gutes innerhalb ihrer Gemeinschaft. Sie sorgen für den Erhalt der Tempel, die Sauberkeit der Brunnen sowie die Einhaltung der traditionellen Regeln bei religiösen Festen und Umzügen. Stirbt ein Mitglied, finanziert und organisiert die Gemeinschaft die अन्त्येष्टि - Antyesti, die letzten Riten der Trauerzeremonien bis zur Einäscherung. अन्त्येष्टि dient den Toten, nicht den Hinterbeliebenen. अन्त्येष्टि hilft den Seele, sich von irdischer Schwere zu befreien.

Freitag, August 14, 2026

Mitbewohner

Drei Wochen Pokhara. Ich huste schon lange nicht mehr. Wir wohnen mitten in Reisfeldern. Mitten in Neubauten. Die Häuser werden täglich etwas höher. In Zukunft werden sie sicher auch mehr und die Felder weniger. Noch herrscht die Natur vor.  

Wir haben viele Mitbewohner im Haus und rund um das Haus herum. Kleinzeug vetreibe ich mit rabiaten Mitteln. In der Küche verfolge ich Cockroaches erbarmungslos. Wenn sie sich nicht freiwillig ergeben - und das tun sie nie, warum sollten sie? - erschlage ich sie mit einer leeren Wasserflasche. Für irgendetwas muss das viele Plastik gut sein, das wir hier anhäufen.  

Schuhschränke stehen traditionsgemäß vor den Hauseingängen. Sie sind riesig. An ihren Dimensionen erkenne ich, wie viele Menschen welchen Alters in welchem Haus leben. Schuhe lässt man immer draußen stehen.  

In unserem Schuhschrank vor der Haustür wohnt eine Maus. Er ist noch relativ leer, weil ich mich scheue, meine Sonntagsschuhe (zum Beispiel) draußen aufzubewahren. Die Erfahrung auf dem Hill hat mich gelehrt, dass nicht alle Schuhe das wirklich schätzen. Außerdem ist die Hälfte des Schuhschranks voll mit altem Zeug der landlords, einem kaputten Motorradhelm, ausgetrochneter brauner Schuhwichse, Boden-, Wand- oder Badfliesen, rostigen Werkzeugen, bröselnden Blumendüngerpackungen usw. Ausgerechnet in diesem gastlichen Teil hat es sich eine Maus bequem gemacht. Sie guckt mich mit ihren Knopfaugen erschrocken an, wenn ich die Schiebetür zur Seite schiebe. Und verzieht sich in eine Ecke. Solange sie allein ist, mag sie bleiben, denke ich. 

Donnerstag, August 13, 2026

Ehrgeiz

Ehrgeiz ist nicht nur sprachlich eine Art von Geiz. Im Sinne von Gier. Das Wort setzt sich aus den althochdeutschen Begriffen für Ehre (êre) und Habgier, Gier oder Geiz (gite) zusammen und bedeutete ursprünglich eine unersättliche Sucht nach Ehre und Anerkennung.

Ich habe "Beyond possible" längst ausgelesen. Ich wusste von Anfang an, dass mir dieser ältere Bruder Nims nicht sympathisch ist. Ich bin biografisch vorbelastet durch meinen echten älteren Bruder. Ich habe nie verstanden, wie man sich für das Militär, den Krieg, den sinnlosen Drill und absoluten Gehorsam bis hin zur Selbstverleugnung begeistern kann. Wie man freiwillig sein ganzes Leben in eine Militärkarriere investiert. Mein wahrer Bruder hat den Ernstfall nie erlebt, für ihn war es immer nur ein Spiel auf dem Trockenen. Aber trotzdem so todernst, dass es für mich nur lächerlich wirkte! Nimsdai hingegen war ein britischer Elitesoldat und erzählt in "Beyond possible" voller Stolz, wie er das als erster Nepali überhaupt geschafft hat. Mich interessiert das nicht. Und statt seiner Frau die Schmerzen, die er während der Ausbildung leiden musste, zu verschweigen (wie er schreibt), hätte er ihr vielleicht besser davon erzählt. Aber das ist seine Privatsache und nun zu spät. Nicht seine Privatsache ist, dass er das Bergsteigen in extremen Höhen, das Funktionieren in der sogenannten Todeszone (über 8000 müM) ständig mit Krieg vergleicht, mit Angriffen, Schlachten, bombensicheren Plänen usw. Sein Vokabular ist widerlich! Er funktioniert dort oben wie der oberste Befehlshaber - der er naturgemäß nicht ist, niemals sein kann. Aber was bleibt seinen Trägern und Helfern, den Sherpas, sowie den zahlenden Kunden anderes übrig, als zu gehorchen?

Krieg zu führen ist für mich keine akzeptable Lebenshaltung, denn es bedeutet immer das Gegenteil von Leben. Nämlich Tod, und Tod nicht unbedingt des Schwächeren, Tod nicht als Gerechtigkeit. Nun hat Nimsdai der Ehrgeiz das Leben gekostet. Leider nicht nur seines, sondern auch das von 9 weiteren Bergsteigern.

Die Lawine (avalanche) taucht in dem Buch von der ersten bis zur letzten Seite ständig auf. Als Nimsdai es niederschrieb (2020) war er ein Neuling, ein Grünschnabel in Sachen Prominenz und Ehrsucht. Hätte er auf sich selbst gehört, auf seine innere Stimme, die ihm das Wort "avalanche" immer wieder in die Hand diktierte und auf den Bildschirm legte, wäre vielleicht alles anders gekommen. Vielleicht auch nicht. Denn die Lawine war sein Schatten, sein zweites Selbst. Sie begleitete ihn überallhin. In Pakistan hatte er im Juli 2019 am Nanga Parbat wahrscheinlich begründet Sorge vor einem Racheakt der Taliban. Aufgrund seiner Vergangenheit als Kämpfer der UK Special Forces. Dort fällt - in der Erinnerung im Buch - der Satz "I've rather have died in an avalanche than in an execution". Dieser Wunsch zumindest ist ihm in Erfüllung gegangen. Die Lawine vor zwei Wochen kam vom Broad Peak. In Pakistan. 

Wenn ich den Berichten glauben darf, war es eine doppelte Lawine. Sie führte die Schneelast von zwei Flanken ab, und vereinigte sie genau dort, wo zehn Leute unvernünftigerweise hochkletterten. Es hatte seit Tagen heftig geschneit und alle anderen Expeditionen waren abgestiegen und nach Hause geflogen. Es gilt als ungeschriebenes Gesetz in diesen Höhenlagen, dass nach anhaltendem Schneefall erst mal abgewartet werden soll. Bis der Neuschnee sich setzt. Oder die steilen Hänge herunter gekommen ist.

Mittwoch, August 12, 2026

Neumond

Von Sonnenfinsternis ist hier nichts zu sehen. Ein ganz normaler Neumond, eine ganz normale finstere Nacht. Auch von Sternschnuppenschauern ist nichts zu sehen. Es gießt gnadenlos. Eine ganz normale Monsunnacht. Das ist gut so. Der Reis unter meinem Fenster muss wachsen.

Dienstag, August 11, 2026

Karela Ko Acar

Die Ernte geht weiter. Das Gemüse übersteigt meine Kochkünste. Und meine Experimentierlaune.  

करेलाको अचार - Karelako acar. Bitter Gourd. Deutsch Bittermelone, Bittergurke oder Balsambirne. Oder eben Karela. Man kann daraus Pickle machen. Oder spicy salad. Ist sehr sehr bitter. Sehr sehr aufwändig. Wir haben diesen spicy salad schon gegessen. Meist vorsichtig. In homöopatischen Mengen. Es ist eine der Zutaten bei Thakali. Und dort ist es auch ok. Aber in meiner Küche geht das nicht. Das runzlige Grün ist über Nacht gelb geworden und voller übermütig springender Maden. So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich gebe die Gurken dem Garten zurück. Dort brechen sie in schwindellerregendem Tempo auf, zeigen ein blutrotes Inneres. Die Vögel toben vor Freude. Von den Ameisen ganz zu schweigen. 

Montag, August 10, 2026

Das weiße Huftier

Heute ist der vierte und letzte Shrawansombar. Der Monat geht seinem Ende entgegen. Die heiligen Montage schwinden.

Auch an die Geräusche in und um das Haus muss ich mich gewöhnen. Seit ich am Morgen auf dem zweiten Dach stehe, rückt alles an seinen festen Ort und in seinen feste Ordnung. Auch das Klopfen am Tag und in der Nacht. Je nach Wind und Wetter mal aufdringlicher, mal zurückhaltender. Mal heftiger, mal sanfter. Wir leben in einem Hindu-Haus. Wir haben einen Andachtsraum unter dem zweiten Dach, am Ausgang auf die Terrasse, das erste Dach. Und an der nordöstlichen Ecke das Hauses ist ein massiver Bambuspfahl aufgestellt und befestigt. Er ist höher als das Haus und seine immer dünner werdende Spitze neigt sich nach unten und wiegt m Wind. Der Bambuspfahl dient als religiöser Flaggenmast. Und die Flagge klopft, nicht der Bambus. Wahrscheinlich ist es eine Dharmafahne. Sie ist schon etwas verblichen, aber darauf reitet ein Gott auf einem weißen Pferd. Entweder ist es Kalki, der auf Devadatta reitet. Kalki ist der erwartete zehnte Avatar Vishnus, der Retter, der das jetzige finstere Zeitalter, die Kali Yuga beenden und die Welt von allem Bösen reinigen wird. Oder es ist Lord Shiva himself, und das Pferd ist kein Pferd, sondern der weiße Stier Nandi. Wie auch immer, wir sind beschützt vom Getrappel eines weißen Huftiers.

Sonntag, August 09, 2026

Die erste Ernte

Im Gemüsebeet auf dem zweiten Dach entdecke ich kleine rote, kreisrunde Chillis. Sie sind scharf wie der Teufel und es sind so viele,  dass ich sie unmöglich frisch verzehren kann. Ich muss sie trocknen. Aber wie? In der Küche gibt es viele nachtaktive Mitesser. 

Ich lerne, dass die verführerisch roten Beeren viele Namen haben: डल्ले खुर्सानी - Dalle khursani (runde Chillis); अकबारे खुर्सानी - Akbare khursani (Königschilli - nach dem Mogulkaiser Akbar) oder  ज्यानमारा खुर्सानी - Jyanmara khursani (Mörderchili - wegen ihrer tödlichen Schärfe). Es sind die schärfsten Chillis im Land. Wenn nicht überhaupt im Universum. Nepali world. Frau Sherpa hat mir schon vor langer langer Zeit die Lektion erteilt, dass nur runde Chillis wahre Chillis sind. Jetzt weiß ich warum: sie stehen auf der Scoville-Skala - dem Schärfeindex - ganz oben. Haben bis zu 350 000 SHU - Scoville Heat Units, Schärfeeinheiten, vergleichbar in etwa mit den mexikanischen Habaneros. 

Die Maßeinheit SHU ist benannt nach ihrem Erfinder, dem amerikanischen Pharmakologen Wilbur Lincoln Scoville. Mr Scoville war kein besonderer Freund von scharfem Essen, ihn trieb nur die wissenschaftliche Neugier: Wieviel schärfemachendes Capsaicin ist in welcher Chillisorte enthalten. Um dies herauszufinden, entwickelte er 1912 eine denkbar simple Methode: Das Capsaicin wird solange mit  Wasser verdünnt, bis die Schärfe nicht nur nicht mehr brennt auf den Schleimhäuten im Mund und Rachen, sondern ganz und gar aus dem menschlichen Empfinden verschwindet. Auch hat Mr Scoville in Selbsttests bewiesen, dass Milch das beste Gegenmittel gegen "Pfefferhitze" ist.

Ich habe heute vormittag um die Ecke endlich diesen shutter entdeckt : श्री कृष्ण दुघ डेरी - Shri Krishna dugh deri, Shri Krishnas Dugh Diary. Shri Krishnas Milchkäserei.

Samstag, August 08, 2026

Das zweite Dach

Wir haben ein erstes Dach, das ist die Terrasse. Sie ist riesengroß und überdacht mit einer soliden Blechkonstruktione. Darunter sitzen wir in der Nacht auch bei Regen im Trockenen und tagsüber im kühlen Schatten. Auf das zweite Dach führt vom ersten eine Wendeltreppe. Das Dach über der Terrasse ist nicht begehbar. Der Boden des zweiten Dachs ist aus massivem Beton - die Decke meines Arbeitszimmer! Auf dem zweiten Dach schützt eine ebenso massive Brüstung Kinder und Senioren vor dem Fall. Einem Sturz auf die Straße. Nach oben ist alles offen und der Regen kommt, wann immer es ihm gefällt. Das ist gut so, denn es gibt ein Gemüsebeet auf dem zweiten Dach. Sowie unsere solarbetriebene Heißwasseranlage. Beides braucht die Verbindung zum Himmel. Das dritte Dach ist klein und keine Aussichtsplattform. Es gibt keine Sicherheitsmauern. Menschen sollen nur im Notfall über die schmale Leiter aufsteigen. Vögeln, Geistern oder Göttern ist der Zutritt hingegen nie verwehrt. Auf dem dritten Dach stehen zwei silberne Eintausendliter-Wassertanks. Sie weden automatisch aufgefüllt, dafür sorgt eine elektrisch betriebene Pumpe und ein Sensor. Menschen haben dort oben nur etwas zu suchen, wenn die Technik versagt oder die Tanks überlaufen. Normalerweise passiert das nicht. Mit Wasser sind wir bestens versorgt. Es muss immer zuoberst stehen. Wegen der Schwerkraft und dem Druck in den Leitungen.

Ich beschließe, zum Sonnenaufgang aufs zweite Dach zu steigen, wenn es nicht gerade in Strömen regnet. An guten Tagen kann ich im Angesicht des schneebedeckten Zweizacks (माछापुच्छ्रे - Machapucchre, fishtail) sowie der anderen gemässigt gewölbt und geneigten Gipfel der Annapurnakette mein Morning QiGong absolvieren. The only way is up ... das war schon das Motto im ULNÖ in Krems an der Donau vor Jahren, Jahrzehnten und ist es wohl bis heute. Nun sehe ich oben zur Linken, wenn ich nach Norden stehe und nach Westen gucke, die zweitgrößte Shivastatue des Landes. Lord Giant Shiva schaut vom Pumdikot Hill auf mich herab. Und direkt daneben, auf dem Ananda Hill, leuchtet die weiße Shanti Stupa, die buddhistische Weltfriedenspagode. 

Mit Wasser und Gnade von ganz oben bin ich bestens versorgt.

Freitag, August 07, 2026

Der erste Sprung in der Schüssel

W ist in der Nacht auf dem Dach ein Glas aus der Brille gefallen. Ich weiß nicht, was das bedeutet. Wahrscheinlich nichts. Pech. In der Dunkelheit. Das Glas ist ganz geblieben und er fährt am Nachmittag zu einem Optiker nach Lakeside. Das ist dort, wo sich die Touristen tummeln. Das Internet sagt, der Optiker würde das Glas zeitnah wieder in die Fassung setzen. Ich bleibe, wo ich bin. Damside. Das ist am südlichen Ende des Sees, out of trouble.

Natürlich geht er in den Buchladen, wenn er schon mal wieder in die Welt des entfesselten commerce eintaucht. Und bringt mir "Beyond possible" mit. Natürlich wollte ich das Buch haben, aber nicht jetzt gleich. Der Autor - Nimsdai Purja laut Cover, eigentlich Nirmal Purja - hat letzte Woche in der Lawine am Broad Peak sein Leben gelassen. Wenige Tage nach seinem 43. Geburtstag. Zusammen mit seinem ganzen Team, den Sherpas und internationalen Gästen. निम्सदाई - Nimsdaj heißt einfach "Bruder Nims". In Nepal sind alle Brüder und दाई ist der Ältere. 

निम्सदाई पुर्जा - Nimsdaj Purja reiht sich nun ein in die glückliche Schar all jener Extrembergsteiger, die mit plus minus 40 von ihrer Leidenschaft erlöst werden. Sie sterben "viel zu früh", meinen die einen,  während andere der Ansicht sind, der Tod komme immer zum einzig richtigen  Zeitpunkt. Ob sie mit dem Leben bezahlen für Leichtsinn, Waghalsigkeit, Selbstüberschätzung, oder ob sie einfach einmal, meist zum ersten Mal Pech haben unter einem strahlend blauen Himmel, ob es Zufall ist und sie dummerweise zur falschen Zeit am falschen Ort sind, ist nicht wichtig. Natürlich wollte ich das Buch lesen, aber nicht jetzt gleich. Ich wollte warten, bis die Sprünge rund um den Globus etwas gekittet sind. 

Nun liegt die Lebensbeichte des Älteren Bruders Nims an meinem Bett, obwohl er Jahrzehnte nach mir geboren wurde und ich kann nicht mehr ruhig schlafen.

Donnerstag, August 06, 2026

Der erste Espresso

Weil wir einen anderen Gasherd haben, passt die Espressomaschine nicht mehr auf die Flamme. Das heißt, sie passte prima und würde direkt auf den Brenner und ins Feuer fallen. Der Kreuz-Aufsatz, den ich aus alten Zeiten mit mir herumtrage - für alle Fälle, man weiß ja nie - passt noch weniger. Aber ich weiß, dass es hier für alles eine Lösung gibt. Ich muss nur im richtigen shutter vorbeikommen, die richtige Frage stellen und nach Möglichkeit das richtige Ding dabei haben. Den Topfträger. Und die Espressomaschine. Im ersten Anlauf gelingt es nicht. Ich hatte nur das Topfgitter dabei und die junge Frau sprach kein Wort Englisch. Außerdem musste sie der Nachbarshutterbesitzer, ein Gemüsehändler, von weither, aus dem gegenüberliegenden Haus ganz von oben nach unten rufen. Sie kam angerannt, war außer Atem und schwer von Begriff. Ich kaufte zwei kleine Messer, damit der weite Weg nicht ganz umsonst war und zahlte 200 Rupee. Heute der zweite Anlauf.  Ich hatte den Laden an der Ecke von Anfang an im Visier, aber beim ersten Versuch vor ein paar Tagen war er geschlossen. Wohl wegen Samstag. Manchmal dauert es eben. Die ebenfalls junge Frau strahlt und holt das perfekte Gasherdkreuz aus dem Innern ihres ordentlich sortierten Lagers. Es ist ein Reduzierstern, wie ich nun lerne. Ich bin very happy. Sie sagt 120 Rupee, but you give me 100.

Mittwoch, August 05, 2026

from 7 to 8

Heute findet in Halberstadt der 17. Klangwechsel statt. Genau um 15 Uhr MESZ, das ist bei uns 18:45 Uhrt und da geht schon bald die Sonne unter. In Halberstadt aber, das ist in Sachsen-Anhalt, entsteht aus dem bisherigen Klang aus den sieben Tönen c, des, d, dis, e, ais, e durch die Orgelbestückung mit dem neuen Ton a ein Achtklang: c, des, d, dis e, a, ais, e. Wie der neue Klang sich musikalisch aufbaut, verstehe ich natürlich nicht, aber hören kann hier das eintretende a ganz deutlich, ungefähr am Minute 2 und ein paar Sekunden, für alle die es eilig haben bei dem langsamsten Musikstück der Welt: John Cage, ASLSP - As Slow as Possible.

Wir machen derweil einen kurzen Ausflug in die Pampa, 7 Minuten durch die Pfützen unseres  Neubaugebiets auf dem Weg zum Eco Restaurant Biruwa Cottage. बिरुवा - biruwa ist die Pflanze und das Restaurant versteckt sich gut hinter riesigen Gewächshäusern. Die locals weisen uns unbeirrt den Weg und am Schluss sind wir genau 8 Minuten unterwegs.

Dienstag, August 04, 2026

Die Hitze

Wenn nach dem Regen die Sonne wieder da ist, wird es sofort heiß. Ich schwitze nonstop. Die Temperaturen scheinen nicht höher als in Kathmandu. Trotzdem bin ich ständig schweißgebadet. Auch wenn ich nichts tue und nur auf dem Bett liege. Tagsüber aus dem Haus gehen ist mission impossible. Nur auf dem unteren Dach ist es erträglich. Einmal habe ich schon fast einen Hitzschlag erlitten. Auf der Suche nach irgendetwas Unwichtigem. Ich meine, mich bewegen, die Umgebung erkunden, mich orientieren zu müssen. Wo ich hier eigentlich gelandet bin. 

Wir wohnen an dieser Straße. Aber das heißt gar nichts, ich bin schon an so vielen Street No. 4 mit Pfeil in die eine oder andere Richtung vorbeigekommen, dass mir der Kopf schwirrt. Auch ist, außer der street der erklärende Rest, zB der Name dieser street, auf den Straßenschildern nur in Devanagari aufgedruckt. Überhaupt wird hier vorwiegend nepali gesprochen, geschrieben und verstanden. Warum auch nicht. Ich bin eine von der Hauptstadt verwöhnte alte Tante und muss endlich meine Hausaufgaben machen.

Montag, August 03, 2026

Der graue Tag

Der dritte Shrawan Sombar. Der zweite Pokhara Montag. Der erste richtige Regentag. Wie er nie im Bilderbuch steht. Die Terrasse ist überdacht, ich erreiche meinen Schreibtisch trockenen Fußes. Der Regen klärt die Luft und die Gedanken. Ich muss alles neu lernen. Die Himmelsrichtungen. Wo ich Zwiebeln bekomme, Bananen und Mangos. Von Joghurt ganz zu schweigen. Ums Haus herum entdecke ich Riesengurken und so etwas wie Schlangenzucchini. Abertausende von Ameisen, die der Regen nun wegspült. Bei den Nachbarn wohnt ein Wasserbüffel. Und aus den Reisfeldern wird heute Unkraut entfernt. Das ist nicht unbedingt romantisch, die Frauen in ihren bunten Arbeitsklamotten, die sich, Regen hin oder her, in dem saftigen Grün bücken. Den lieben langen Tag. Hier gibt es eine visual story.

W sagt, in China machen das Fische, die in den Reisfeldern leben und das Unkraut fressen, die Reispflanzen aber unangetastet lassen. Die Fische brauchen nur ständig fließendes Wasser und hier steht es eher. Dümpelt vor sich hin.   

Sonntag, August 02, 2026

Das blaue Zimmer

Alles braucht seine Zeit. Ein jedes Ding und Unding. Ob wichtig oder unwichtig, nötig oder unnötig. Mitgenommen ist mitgenommen. Mitgegangen, mitgehangen. Ich bin mit meinem Schreibtisch und fünf Umzugskisten wieder im Zimmer unter dem Dach gelandet. Es ist blau gestrichen und hat blaue Vorhänge. Es ist nicht das erste blaue Zimmer, das ich in diesem Land ganz oben unter dem Dach eines Hauses entdecke. Blau ist die Verbindung zum Himmel. Höchste Reinheit. Eine spirituelle und glückseligmachende Farbe. Mein Arbeitszimmer ist derzeit das wärmste im Haus, en-suite! Seit der Routerverstärker draußen vor der Tür, an der Regengeschützten Wand der Dachterrasse hängt, ist es gut vernetzt mit der Außenwelt. Zutritt nur über die Terrasse. Fassadenkletterer wie Spinnen, Geckos oder Cockroaches sind willkommen. Auch Flugschüler, Anfänger und Fortgeschrittene, Moskitos, gemeine Stubenfliegen, Stechmücken usw.

Die blauen Schindelinschuhe sind zum wiederholten Mal zum Vorschein gekommen, diesmal unversehrt und korrekt im Plural. Ich verbanne alles Rot aus dem Zimmer und lege die türkisblauen Steine aufs Fensterbrett. Irgendwo muss ich ja anfangen. Die Fenster sind alle vergittert, bis in den obersten Stock hinauf. Auch in den Nachbarhäusern. Ich weiß immer noch nicht, wovor die Nepali sich eigentlich so sehr fürchten. Auch Beats "Sevilla '90" ist wieder da. Es lehnt am Boden. Wie eh und je. Noch scheue ich mich, Nägel in die blauen Wände zu schlagen.

Samstag, August 01, 2026

Der erste August

Die einen feiern, die andern nicht.

Nepal hat auf einen Schlag seine besten und international anerkanntesten Hochgebirgs-Bergsteiger-Experten verloren. Eine junge, leidenschaftliche, erfolgreiche Riege - die so schnell nicht zu ersetzen sei, sagt einer, der es wissen muss. Mit aller gebührenden Betroffenheit. "An international-standard mountain guide cannot be produced overnight", so der Direktor von Seven Summit Treks, "It takes years of training, repeated expeditions and practical experience." Seine Firma rekrutiert die Jungs aus entlegenen Himalayadörfern, trainiert sie über mehrere Saisons, bis sie "world-class professionals" werden. "Loosing climbers of this calibre is a devastating blow, not only for Nepal but also for the global mountaineering community." 

Am Donnerstag Mittag verschüttete eine Lawine am Broad Peak in Pakistan die zehnköpfige Expedition unter der Leitung von Nirmal Purja alias Nimsdai. GPS-Daten zeigen, dass die Gruppe bis zu 800 Meter in die Tiefe gerissen wurde. Keine und keiner hatte eine Überlebenschance. Weder der prominente Nimsdai, noch seine ebenso prominenten Sherpas: Pur Bahadur Gurung alias Yukta, Kili Pemba Sherpa alias Kilu, Nima Rinji Sherpa (der Jüngste, erst 20 Jahre alt und bereits mit Eintrag im Guiness Buch der Rekorde; als 18-Jähriger erklomm er alle 14 Achttausender der Welt, als Jüngster eben), Nawang Tendu Sherpa (der erste Beinamputierte auf dem Everest) und Gyaljen Sherpa alias Gyalu. Weder die arbeitende Klasse, die Lasten tragenden Sherpas. Noch ihre ambitionierten Kundinnen. Die Omanerin Nadhira Al Harthy (sie war 2019 die erste Frau ihres Landes auf dem Everest). Noch die Texanerin Sarah Mallory Geis (die einzige Anfängerin: es war ihr erster Versuch, einen Achttausender zu besteigen). Noch die Kunden. Der bescheidene Pakistani Sohail Sakhi. Noch der Chinese Wang Zhong. 

Die Bergung dauert an. Das Gelände ist schwierig, das Wetter unsicher, die Gefahr weiterer Schneeabgänge nicht gebannt. 

Mögen sie ruhen in Frieden. Dort, wo sie hingegangen und angekommen sind. 

Nimsdai übrigens hat der Welt das erste legendäre Foto vom Stau am Everest beschert - sowie die Diskussion darüber, wie mit den Massen am Berg umzugehen ist.