Donnerstag, Oktober 01, 2026

国庆节

An meiner Wand im blauen Zimmer hängt über dem Lichtschalter ein kleiner chinesischer Tagesabreißkalender. Jeden Morgen vor Arbeitsbeginn entferne ich das Gestern. Die Zahlen und den Monat kann ich lesen, mehr nicht. Die dünnen Blätter sind vollgekritzelt, wahrscheinlich mit Anweisungen der Harmonielehre. Darüberhinaus erkenne ich die Farben. Normale Tage sind grün, Wochenende und Feiertage rot. Heute ist rot, obwohl Donnerstag. Andere Länder, andere Sitten. Ich glaube, in Nepal gibt es keine Abreißkalender. Wir haben Wandkalender. Meiner im blauen Zimmer hängt unter dem Lichtschalter. Die Wandkalender sind Monatskalender und dünn. Sie haben nur 6 Blätter. Wir blättern sechs mal die Vorderseite um, drehen dann auf die Rückseite und blättern sechs mal zurück. Andere Länder, andere Sitten. Auch in China dauert der heutige Feiertag - es ist 国庆节 - Guóqìngjié, der Nationalfeiertag, am 1.10.1949 wurde die Volksrepublik gegründet - eine ganze Woche. Und diese Woche ist den chinesischen Machthabern "Gold wert" und so haben sie vor einem guten Vierteljahrhundert diese "Goldene Woche" ins Leben gerufen. Es gibt noch eine zweite. Beim Frühlingsfest oder vulgo chinesisch Neujahr. Alle Menschen im großen Reich der Mitte haben während der goldenen Wochen frei und sollen Geld ausgeben. Reisen, einkaufen, konsumieren, essen, trinken. Über die Stränge schlagen. Mit beiden Händen. Schaufeln. Sich nicht nur etwas, sondern viel mehr gönnen. Die Staatskasse füllen. Die aktuelle chinesische goldene Woche hat nichts mit dem europäischen goldenen Herbst zu tun. In Nepal gibt es weder goldene Wochen noch einen goldenen Herbst. Derzeit haben wir शरद - sarad, das ist die Nachmonsunzeit, Erntezeit, die Zeit der strahlend blauen Himmel - nicht der fallenden Blätter. Sarad liegt im modernen nepalesischen Kalender in der Jahresmitte. Und ich denke, die vielen, übers ganze Jahr verteilten tage-, ja wochenlangen Hindufeste dienen überhaupt nicht dazu, dem Staat finanziell unter die Arme zu greifen. Andere Länder, andere Sitten. Ganz nebenbei frage ich mich seit langem, wann und wo gläubige Hindus eigentlich so viel sündigen können, dass sie sich ständig beim morgendlichen Bade im kalten Fluss und mit strengem Fasten bis Sonnenuntergang von eben diesen Sünden lossagen und reinwaschen müssen. Ich dachte immer, der Umgang mit Sünden und Absolution sei allein Rom vorbehalten. 

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