Dienstag, Oktober 27, 2026

Himal

Ich sagte es vielleicht schon das eine und andere mal: in Nepal sind Berge weiß. Was nicht weiß ist, ist kein Berg. Bestenfalls ein Hügel. Eine Anhöhe. Für einmal ist die Sprache hilfreich: Das Wort zeigt die Farbe. Alle Himal's sind Schneeberge, Schneebergketten, Schneebergmassive. Weiße, endlos sich hinziehende Gebirgszüge wie zum Beispiel der 55 Kilometer lange Annapurna Himal vor meinem Fenster. Oder der anschließende Lamjung Himal. Der Mardi Himal. Der Mansiri oder Gurkha Himal. Und so weiter und so fort.

Für einmal hilft öffnet mir die Sprache die Augen. Das Wort हिमाल - Himal kommt aus dem Sanskrit und setzt sich aus zwei Teilen zusammen: हिम - Him für Schnee oder Eis, Frost, Winter, kalt. Und आलय - Alaya für Haus, Platz, Ort. हिमालय - Himalaya ist der Wohnsitz des Schnees, des Eises, der Kälte. Das Adjektiv "ewig" erübrigt sich in dieser semantischen Unfehlbarkeit.

Ich lerne die Welt von oben kennen. Wenn sie kopfsteht. Oder von unten. Wenn ich einen Kopfstand mache und das Blut mein Hirn flutet. Das Wort für Schnee in nepali - ich weiß nicht mehr, wann es mir zum ersten Mal begegnete - schien mir immer eines der absonderlichsten und unverständlichsten. Merken konnte ich es mir bis eben nie. हिउँ - hium, google transkribiert als hi'um̐. Mit Chandrabindu (= Punkt in einer halben, nach oben offenen Mondsichel) über dem "m", der die Nasalierung des vorangehenden Vokals anzeigt. Ich lasse mir das Wort vorsprechen und es klingt nach [hio]. Ein nasaliertes Endungs-o wie im Urklang des Universums ॐ - Om oder Aum! Ich frage nach der Etymologie. Und tatsächlich hat der Schnee, der die Gipfel des Himalaya erst zu Bergen macht, mit dem Absolutum der hinduistischen Weltordnung zu tun. हिउँ - hium ist ein leicht abgewandeltes, um den h-Konsonanten mit kurzem i erweitertes ॐ - Om. Om, lerne ich, ist die Schwingung, aus der alles Sichtbare und Unsichtbare entstanden ist. Noch sind die Berge, die Himals sichtbar vor meinem Schreibtisch. An einem klaren Tag wie heute. Mein ganzer Annapurna Himal, der Gebirgslangstreckenzug. Schneekappen und Schneekutten schwinden, Frostbeulen und Eisfüße schmelzen in geologischen Zeiträumen und Zeitschritten. Die kennen wir zum Glück nicht. 

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