Dienstag, Oktober 20, 2026

Infrarot

Feiertag. Public Holiday. Nach meiner Zählung müsste heute der zehnte Tag von Dashain sein, aber es ist der Neunte. Auch das hatten wir schon und ich wundere mich nicht mehr. Der Achte lappte bereits in den neunten hinein und Maha Navami dauert eben bis heute. Die Zeitung listet weiter Zahlen auf. Die größte Ungleichheit, lese ich, zwischen reich und arm zeige sich in den Küchen des Landes. Wobei "zeigen" ein Euphemismus ist, denn zu sehen ist in dem Qualm meist nichts. Millionen - mehr als die Hälfte aller Haushalte im Lande! - mehrheitlich arme Familien, in mehrheitlich abgelegenen, ländlichen, gottverlassenen Bergregionen kochen auf offenem Feuer mit Holz oder anderer "Biomasse" wie land- oder forstwirtschaftlichen Abfallprodukten. Mit anbderen Worten: Dung! 

Diese Küchen sind naturgemäß verqualmt. Während die Küchen der reichen Hauptstädter durchsichtig und rein sind. So sauber, wie es die Maids mit ihren Hexenbesen eben hinkriegen. Ich weiß, wovon ich rede. Ich koche bereits in der dritten nepalesischen Küche. Schätzungsweise 25 000 Menschen sterben in Nepal jedes Jahr an "indoor air pollution", an Innenraumsmog, an ungesundem Raumluft, Rauch von den Feuerstellen, auf denen oft rund um die Uhr gekocht sin. Im Winter spenden sie auch etwas Wärme in den Küchen. 25 Tausend Tote - das sind mehr als doppelt so viele, wie Flut- und Monsunopfer der letzten 12 Monate. Dunkelziffern sind bekanntlich dunkel und mehrheitlich hoch. Wer will schon jede Greisin in den Bergen obduzieren, nur um den Verdacht auf Rauchvergiftung zu bestätigen. Da Gas gerade knapp ist und immer teuerer wird (ohne staatliche Subvention könnte sich kein Haushalt leisten, mit Gas zu kochen), liegt die Lösung in der Luft. In elektrischen Freilandleitungen und Infrarotkochplatten. Ich habe kürzlich selber zu dieser Alternative gegriffen, das erstens der neu und angeblich voll gefüllt angelieferte Gaszylinder nach unserem Einzug nach knapp zwei Monaten leer war (auf dem Hill reichte uns, die wir kaum kochen, ein voller Zylinder fast ein Jahr lang) und zweitens gerade "gas shortage" - Gasknappheit herrsche. Die Zeitungen und das Internet zeigen Kilometer lange Schlangen vor Kochgasverkaufsstellen. Und ich wurde von Giri, unserem Hauslieferanten jeden Tag auf den nächsten vertröstet, so lange, bis mir der Kragen platzte und ich zur Konkurrenz ging. Die ganze Geschichte spare ich mir für später auf. Jetzt ist Dashain und Feiern angesagt.

Das ehrgeizige Programm, die Frauen im ganzen Land auf Elektroherde umzuerziehen, gibt es seit langem. Bis 2030 sollte der Prozess eigentlich abgeschlossen und die Leitungen bis in den hintersten und obersten Winkel gelegt sein. Aber wie das so ist, mit der Zeit in diesem Land. Man ist meilenweit vom Ziel entfernt, flächen-, Hügel-, Täler-, Gipfeldeckend rauchfreie Küchen zu garantieren. 

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