Donnerstag, September 24, 2026

schulfrei

Es regnet den ganzen Tag. Leise und leicht, aber beständig. Das Rieseln, Tröpfeln, Klopfen (aufs Regendach) sowie das Getrappel von Shivas Nandi, ist wider Erwarten beruhigend. Ein für hiesige Verhältnisse aussergewöhnlich stiller Tag. Niemand hämmert bei diesem Wetter. Niemand lässt Bretter oder schwere Bambusstangen von oben nach unten krachen, die an anderer Stelle wieder von unten nach oben geschleppt werden. Niemand baut Gerüste auf oder ab. Keine Schulbusse fahren. Es wird seit Tagen vor Starkregen und Starkwinden gewarnt. Wer kann, soll zu Hause bleiben. Vielerorts gilt bereits ein Nachtfahrverbot. Die Schulen sind in weiten Teilen des Landes heute und morgen geschlossen. Alle Flüsse, warnen die Meteorologen, werden über die Ufer treten. Früher oder später. Ist das das Monsunende? In der Theorie oder im Schulbuch hört er am 23. September auf, das war gestern. Aber heute bietet in unserer Straße 4 kein fliegender Händler seine Ware an, von Gemüse und Obst angefangen, über Küchenutensilien, Plastikeimer, Putzmittel bis zu Tüchern, Teppichen und langen Gewändern. Kein indischer Pappesammler fragt nach Pappe. Keine blinde Obdachlose bittet per Megafon um ein Almosen. Niemand ist auf dem Moped unterwegs, zur Arbeit, zum Arzt, zur Tante, zum Onkel. Geschweige denn zu Fuß! Keine Lastwagen brummen, weil sie kaum aneinander vorbei kommen, und kippen Steine, Kies, Sand einfach vor unser Gartentor mitten auf die Straße.

An diesem Regentag gibt es eine Bildergeschichte der besonderen Art. Dies ist der Baumaterialsammelplatz gegenüber unserem Haus in Pokhara für mindestens zwei Baustellen. 

Hier habe ich endlich kapiert, was mit langen, zur halben, am einen Ende offenen Ellipse gebogenen Eisenstangen passiert. Ich hatte diese Teile in Kathmandu an der Golfutar in einem Hinterhof immer zu einem riesigen Haufen aufgetürmt liegen gesehen. Der Haufen wurde in regelmäßigen Abständen restlos abgetragen. Männer schleppten die schweren Teile Tag für Tag auf Ladeflächen von klapprigen Kleintransportern, die damit wegfuhren. Ich fragte mich immer, wohin und wozu. Wenn ein Haufen abgetragen war, wurde der nächste aufgetragen. Das Umgekehrte passierte. Die schweren Teile wurden en gros von einem Großlaster angeliefert, abgeladen und zu einem riesigen Haufen aufgetürmt. 

Seit zwei Monaten geniesse ich ganz umsonst Anschauungsunterricht: mit diesen elendiglich langen und unhandlichen halben Eisenellipsen werden Häuser gebaut! Stützsäulen armiert. Das Eisen hält den Beton und der sorgt hoffentlich für die Statik. Die Jungs - es sind allesamt blutjunge, schlaksige Kerle, die hier stets gut gelaunt, singend und pfeifend, bei der größten Hitze arbeiten - brechen und biegen das sperrige Material auf die Form zurecht, die sie gerade brauchen. Von Hand. Sie beherrschen bewundernswerte Techniken, mit der sie harte Metallstäbe ganz ohne Feuer oder Hitze kurz und klein, lang und gerade oder ins raffinierte Rechteck verwandeln. 

Von oben, von meinem Arbeitszimmer sowie vom ersten oder zweiten Dach aus, sieht alles easy aus. Ich höre die Jungs lachen und scherzen. 

Kann eigentlich nicht sein, sagt in meinem Kopf der Verstand und in meiner Brust das Herz.

Aber so werden wohl derzeit alle Häuser an dieser Straße, in dieser Stadt und in diesem Land gebaut.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen