Montag, September 21, 2026

नजर

Ich räume das Gemüsebeet auf dem zweiten Dach auf. Es ist überwuchert von Bodendeckern, die ich ohne Rücksicht auf Verluste entferne. Die खुर्सानी - khursani, die Chillipflanzen lasse ich natürlich stehen. Ich sehe erst jetzt, wie viele es sind, sie haben sich unter dem Unkraut erfreulicherweise behauptet. Die runden feurigen Mörderchilli - wir hatten sie schon - blühen und reifen unverdroßen weiter, unser täglicher Bedarf ist gesichert. Auch das feine buschige Kraut lasse ich stehen, weil es schön aussieht. Es soll zu einer unterirdischen Gemüsespargelpflanze gehören und die braucht das oberirdische Grün als Krafttankstelle für ihre Wurzeln. Lese ich und lasse mich überraschen, ob ich dereinst Spargel ernten kann. 

Wirklich leiden tun wohl die dicken Kaktusstecklinge. Zwar sehen sie keineswegs leidend aus, sondern stecken dornig und robust fest in der klammen Erde. Eigentlich, denke ich, mögen sie lieber trockenen Saharasand statt dieser Monsunnässe. Aber Kakteen und katkusähnliche Sukkulenten gehören auf jedes Dach eines Hinduhauses. Sie sind ein spiritueller Schutzschild, lese ich und sollen vor Blitzeinschlägen schützen und zerstörerische Naturgewalten abwehren. Dornige Kakteen (die in meinem Gemüsebeet haben viele Dornen!) gelten außerdem aufgrund ihrer "asketischen Natur und Zähigkeit" (also: Kummer gewohnt) als Symbole für Lord Shiva himself. Und besonders in Nepal (da bin ich!) bilden die Stacheln der Kakteen eine Barriere gegen negative Energien. Sie fangen den नजर - nazar ab, den bösen Blick, das evil eye (von neidischen Nachbarn oder bösen Geistern!) und halten das Haus rein. 

नजर - nazar, notiere ich in mein Schulheft, ist der böse Blick. Kann aber neutral auch einfach der Blick bedeuten, das Auge, die Sicht, allgemein die Fähigkeit zu sehen.    

 नजर लगना - nazar lagna heißt, vom bösen Blick getroffen sein, to be jinxed in Englisch. Verhext, verflucht, vom Pech verfolgt.

Dagegen hilft nur नजर ना लगे - nazar na lage. Der fromme Wunsch, vom bösen Blick nicht getroffen zu werden, touch wood, auf Holz klopfen. Insbesonders bei Neugeborenen muss diese Formulierung immer verwendet werden. Wer ein Baby mit "ach wie süß!" o.ä. lobt, soll sofort नजर ना लगे - nazar na lage hinterherschieben. Denn Kleinkinder sind besonders anfällig für Teufel und Neider, und deren Verfluchungen und Verwünschungen. Den bösen Blick eben. 

Es bleibt alles, wie es ist auf dem zweiten Dach. Mögen die Kakteen und ihre Dornen sich entwickeln. Der eine zeigt ja schon einen hoffnungsvollen Trieb. 

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