Sonntag. Nach zwei Tagen Trübsal endlich wieder der glückliche Start in den Tag: Gurubaa. Heute sagt er mir, dass der Fachbegriff für seinen Beruf शिक्षक - Siksak ist. Ich weiß. Das Wort war mir aber immer zu kompliziert. Ich mag nur kurze Wörter und kurze Sätze. Ich verstehe nur klare Ansagen. गुरुबा - Gurubaa klingt freundlicher mit dem zweisilbigen गुरु. -बा ist das fast familiäre Anhängsel. Im Polnischen wäre das der Diminutiv oder ein Vokativ. Aber so etwas kennt Nepali mW nicht. Dafür hält es für fast alle Dinge des Lebens eine einfach und eine komplizierte Ausdrucksweise bereit. Eine einfache oder komplizierte Herangehensweise. Es ist alles nur eine Frage der persönlichen Sichtweise. Jeder und jede hat die Wahl. So oder anders zu sein, zu sprechen, zu schreiben.
Der Arzt ist entweder डाक्टर - daktar. Oder चिकित्सक - chikitsak. Da fällt die Wahl nicht schwer. Der berühmte plumber (Dauergast in unserem Haus) ist प्लम्बर - plambar, der Bäcker (den ich nicht brauche) बेकर - bekar. Don't worry, sagt nun auch शिक्षक. Wie vor ihm गुरुबा. Don't worry, das sagen alle seit Anbeginn. Wenn Du ein Wort nicht weißt - er duzt mich nicht wirklich, sondern benutzt immer die sehr respektvolle Form einer Schülerin gegenüber, die älter ist als seine Großmutter - , sagst du es einfach auf englisch. Das verstehen alle.Sonntag, August 31, 2025
Vokativ
Samstag, August 30, 2025
Literaturbilder
Ich dachte, mit der abflusslosen Dusche sei mein Tiefstpunkt erreicht. Weit gefehlt. W., in der Nacht aus dem Ausland zurückgekehrt, sitzt am Nachmittag ausgeschlafen an seinem Schreibtisch in seinem häuslichen Arbeitszimmer unter dem Dach. Er ruft mich, will mir eine Freude machen, zeigt zur Decke. Dort hängt ein Wassertropfen. Direkt neben der Deckenlampe. Ungefähr einmal in der Minute, sagt der Mann, fällt ein Tropfen hinunter. In den Nacken, oder auf den Boden. Derweil bildet sich oben bereits der nächste. Wir rücken den Schreibtisch näher ans Fenster und ich stelle meinen kleinen roten Plastikeimer mitten ins Zimmer. Wie man sich verhält, wenn man während des Monsuns merkt, dass das Dach nicht dicht ist, habe ich aus Karnali Blues gelernt.
Freitag, August 29, 2025
Freizeit
Freitag. Freizeit. Unser neuer Samstag. Diese Woche war kurz und trotzdem anstrengend mit Gurubaa. Es regnet seit dem frühen Morgen. Oder seit dem späten Abend. Ich weiß es nicht. Ich habe Bücher bestellt und lege mich zum Lesen auf das Sofa in die Bibliothek. Hier sind die Wände trocken. Ich solle mit dem roten anfangen, empfahl mir Pranai. Ich höre immer auf meine Lehrer. Auch auf die verflossenen. Also fange ich mit dem roten an: The Tutor of History.
Alternativ finde ich in meinem Postfach das Gedicht der Woche: Der letzte Tag im August. Von Michael Krüger. Auch schön. Aber nicht passend in meine Zeit. Der Apfel am Stamm hat hier nichts zu suchen.
Donnerstag, August 28, 2025
Steinfrüchte
Dauerregen, wie es sich gehört. Sigi, die trächtige Katze kommt nicht zum Frühstück. Tom hat den strategischen Platz auf dem Schuhschrank vor der Haustür eingenommen und bekommt sein Futter ausnahmsweise im Trockenen vor der Vordertür. Was ihn nicht daran hindert, schnurstracks ums Haus herumzulaufen, sobald er mich in der Küche rumoren hört, und vor der Hintertür dem Verhungern nahe herzzerreißend zu jammern.
Die hiesige Mangoernte scheint dem Ende entgegen zu gehen. Es liegen jetzt pralle chinesische Exemplare bereit, mit rotgefärbten Wangen. Ich misstraue diesen Früchten, kaufte aber gestern auf dem Heimweg im Regen doch zwei. Legte sie über Nacht in Wasser ein, wie mir Pranai, der im Hauptberuf Arzt ist, in Thamel vor langer Zeit geraten hat. Um die Chemikalien auszuschwemmen. Es müssen in der Tat gepamperte, womöglich genmanipulierte Mangos sein, den in den riesigen Früchten ist nur noch eine schmale ovale Scheibe als Stein vorhanden. Ich weiß nicht, wozu der Stein in Steinfrüchten wirklich gut ist, aber irgendeinen Sinn muss ihm die Evolution schon gegeben haben. Meist umschließt er den Fruchtkern und behütet den Samen. Die chinesische Mango, die ich mir heute zum Frühstück aufschneide, scheint keinen Samen mehr zu haben, der Stein ist zu einer flachen Attrappe verkümmert. Dafür liefert sie mir so viel Fruchtfleisch, dass ich mehrere Tage davon zehren kann. Je kleiner das Hölzerne nicht Essbare, desto größer die saftigsüße Ausbeute.
Mittwoch, August 27, 2025
my whole life
Die Kinder haben in unserer Siedlung auf dem Hill (= guarded community) keinen Platz zum Spielen. Fußball spielen die Jungs auf der winzigen Wiese neben dem Pool. Naturgemäß landet der Ball immer wieder im Wasser. Oder jenseits des Zauns. Aus dem Wasser fische ich ihn, wenn ich gerade schwimme. Jenseits des Zauns ist es schwieriger. Die kids - auch die Größeren, Halbwüchsigen, Schlaksigen - dürfen offenbar das eingezäunte Gelände nicht verlassen. Dann muss einer der Guards entweder außen herum laufen oder den Schlüssel für ein verschlossenes Tor suchen, aufschließen und den Ball für die verwöhnte Bande holen. Oder sie spielen auf den kleinen Wegen zwischen den Häusern. In unserem Minigarten landen immer wieder Bälle verschiedenster Größe. Manche finden die Kinder selbst, andere finde ich im Morgengrauen im Gestrüpp. Kürzlich, als ich gerade einen grasgrünen Cricketball auf den Pfosten legte, auf dem seit unserem Einzug die Lampe fehlt, war der eine Junge bereits außer Atem. Die Kinder spielen am Nachmittag nach der Schule und am Morgen vor der Schule. Er bedankte sich und fragte mich in fließendem Englisch, wie lange wir hier schon wohnen. Ich sagte, bald ein Jahr und fragte ihn, wie lange er schon hier wohne. "My whole life", verkündetet der Knirps mit den rabenschwarzen Augen und rannte weiter.
Heute erreicht mich die Nachricht, dass in Meldorf Anna W. gestorben ist. My whole life ... ich glaube, Anna sehnte sich mit zunehmendem Alter zunehmend nach Schweden. Wir hingegen wohnten die ersten Monate in ihrem Haus an der Hafenchaussee. Damals war ich dort mehr als glücklich, denn die Straße führte mich, wie ihr Name sagt, geradewegs an den Hafen, am alten vorbei zum neuen, an die Meldorfer Bucht, ins Wattenmeer. RIP - wo auch immer!
Dienstag, August 26, 2025
teej
Es ist der dritte Tag nach Neumond im Monat Bhadra. Die Hindufrauen feiern und fasten zum Wohle ihrer Männer und Söhne. Sie trinken nicht einmal Wasser und tanzen den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch. Als ich das kürzlich sinngemäß mit den Worten kommentierte, mitten im Sommer 24 Stunden ohne Wasser bei körperlich ausgelassener Tätigkeit wie tanzen dürfte ungesund sein, erhielt ich von einem Nepali die Antwort: der Glaube an Lord Shiva würde die Frauen nähren. Meine Nepaliclass fällt wieder aus, obwohl ich Gurubaa daran erinnere, dass in meinem Nepalicalendar steht: "Haritalika Teej. Holiday for Women Only". Er besteht darauf und ich lasse ihn. Ich will kein weiteres Unglück heraufbeschwören.
Stattdessen rücke ich im Morgengrauen meinen Schreibtisch von der bröckelnden Wand weg und habe nun eine noch bessere Aussicht über das Valley. Ich wage die Flucht nach vorne und lese den Böglicomic, den ich gestern aus Rzeszów elektronisch zugestellt bekommen habe. Die Papierausgabe ist per snailmail nach Meldorf unterwegs und landet möglicherweise nach einer Umrundung der Erdhalbkugel wieder beim Absender. Oder ganz ohne Umweg direkt in einer blauen Tonne der deutschen Post. Ich ergreife die Flucht nach vorne und nach hinten zugleich. Kürzlich begrüßte ich Gurubaa am Morgen mit witam. Er verstand nicht, und Pranai in Thamel hat es nie verstanden, warum mir hier in Kathmandu ausgerechnet das Polnische ständig zuvörderst auf der Zunge liegt. Weder der eine noch der andere Lehrer kann nachvollziehen, in welch sprachlichem Durcheinander ich seit Monaten funktioniere, mehr schlecht als recht. Das kann niemand nachvollziehen. Alle Kinder sprechen hier besser englisch als ich und Nepali über Englisch zu lernen, ist schon halsbrecherisch für mich. Da sucht sich mein müdes Hirn offenbar immer mal wieder eine Auszeit, Linderung und Labsal im Vertrauten. Im Polnischen! Ich feiere heute meinen persönlichen womansday mit Lina Bögli po polsku. Sekrety szwajcarskiej guwernantki. Kein Fasten, sondern viel Seelennahrung.
Und vergesse dabei nicht Giselas Geburtstag: happy birthday nach Wülfrath!
Montag, August 25, 2025
waterproofing
Ich glaube, dieses Wort versetzt mir hier den Todesstoß: waterproofing. Ich glaube, eine berüchtigte Foltermethode klingt ähnlich: waterboarding. Todesstoß und Folter ist natürlich, wie vieles andere mehr, von mir maßlos übertrieben. Heute erreicht meine Verzweiflung in diesem Land ihren Tiefstpunkt. Meine aktuelle Seelenverfassung veranschaulicht das Foto der sauber gefliesten abflussfreien neuen Dusche (siehe blogeintrag von Freitag). Gurubaa meldet sich um 05:37 am ab. Magenschmerzen. Kann ja vorkommen, nur fehlt mir nun zu allem Unglück auch noch Nepali zum Start in den Tag. Der Angetraute ist längst in Bangkok an der Sonne. Und von meinen Wänden rieselt es weiß und fein. Die Südwand ist mittlerweile gut durchfeuchtet. Das Wasser tropft (fast) nicht mehr außen herunter, seit einer oben auf dem Dach waterproofing (= Imprägnierung, Dichtmachung) ausgeführt hat. Nun sucht es sich erfolgreich andere Wege. Die Wand schimmelt, die Farbe flockt auf. Die Sporen segeln wie Schnee durchs ganze Zimmer. AC (air condition) nutze ich schon lange nicht mehr, weil dann das Zeug von den Wänden nur aufgewirbelt und nonstop gleichmäßig verteilt wird. Ich öffne stattdessen die Fenster. Und sitze den lieben langen Tag im kühlen Windzug am Schreibtisch. Und lasse mich beschneien. Dieser Schnee ist giftig und fällt auf mein Haupt, auf meine Tastatur, in meine Wörter, in meine Teetasse und das Wasserglas, siedelt sich unter den Fingerspitzen an und auf den Lippen - den bitteren Geschmack auf der Zunge werde ich nie wieder los! Natürlich ist eine gute Portion Hysterie mit dabei, Panik, Einsamkeit und Trauer. Die Augen brennen und tränen. Die Haut juckt. An beiden Schläfen klopft es wie wild. Jemand verlangt Einlass! Ich kann nichts mehr sehen, nichts mehr lesen, nichts mehr schreiben. Am Mittag springe ich in den pool und schwimme meine 40 Längen plus 10 Bonus = 50. Noch kann ich zählen und addieren!
