Ein Jahr der Rekorde, sagen alle, die dabei waren. Ob virtuell über irgend ein Fenster und in diversen chatrooms. Oder real, live. Frierend und zitternd. Auf dem Hin und Her zwischen den Camps genannten Zeltlagern. Zwecks Akklimatisierung. Und in der ständigen Hoffnung auf besseres Wetter.
Ein kurzes Frühjahr der Rekorde. Am Everest hat das Jahr nur zwei Geh-Zeiten. Die Frühjahrs- und die Herbstsaison. Dazwischen ist der Berg closed. Seit Freitag, seit dem legendären Sagarmatha-Day, ist die erste Saison des Jahres beendet. Das ist immer so, höre ich. Immer am 29.5. ist Schluss. Ein paar zerstreute Bergsteiger waren noch auf dem Abstieg. Und - das wusste man spätestens seit dem Morgen des 30.5. - ein Sherpa war über Camp III, auf ungefähr 7.600 m "verloren" gegangen. Seine beiden ausländischen Kunden stiegen ab, selbst am Ende der Kräfte, der eine mit Frostbeulen und ohne Sauerstoff. Der zweite Sherpa dieser Gruppe ging auch "verloren", allerdings in der anderen Richtung. Der war als erster sicher im Camp II angekommen. Als am 31. Mai auch die Letzten das Base Camp erreichten, wurden die Leitern im Khumbu-Eisbruch abgebaut. Die Saison ist zu Ende.
Der Sherpa mit dem Spitznamen "Hillary" - Hillary Dawa Sherpa - wird nach wie vor vermisst.
Bleiben wir bei den Rekorden. Einer der ersten auf dem Gipfel war der Pole Bartek Ziemski (der Name kommt vom polnischen Substantiv "ziemia" (= die Erde), das Adjektiv dazu kann also so etwas wie geerdet, irdisch, bodenverbunden meinen). Wir hatten ihn hier schon, er war der einzige Ausländer, der den Sherpas half, Leitern und Fix-Seile für einen sicheren Aufstieg der Massen zu installieren. Bartek hatte seine Hintergedanken dabei, teilte aber seine Pläne mit niemandem. Er ist der bescheidenste Mensch am Berg, trägt alles selbst, sein Zelt, sein Essen, die Skier. Er macht alles allein, ist gut vorbereitet, hat keinen Sponsor, nutzt keinen zusätzlichen Sauerstoff, keine social media Kanäle, ist kein selfie-man, (wohl aber ein self-made-man) und muss jeweils andere bitten, ein Foto von ihm machen, wenn er eines haben will. Am 12. Mai steht er auf dem Nachbarberg Lhotse (8.516 m) und fährt auf den Skiern ab. Die Abfahrt führt zum Everest Camp I und durch den Khumbu-Gletscher ins Base Camp. Nur eine Woche später, am 19. Mai, steht er auf dem Everest (8.848 m), weiß, dass er keine Zeit verlieren darf, schnallt die Skier an und fährt hinunter. Macht in Camp IV einen kurzen Halt, um sein Zelt einzupacken, das er dort für alle Fälle hatte stehen lassen. Wieder ohne Sauerstoff. Wieder durch das Nadelöhr, den Khumbu-Icefall. Er kommt unten im Base Camp an, ehe überhaupt jemand bemerkt hat, dass er oben war. Glücklich vor den 274 Bergsteigern, die am 20. Mai den Gipfel stürmen, die höchste je verzeichnete Anzahl an einem einzigen Tag in der Geschichte der Qomolangma, der Göttin Mutter dieser Erde.
Eine Saison der Rekorde. Der bescheidenen und unbescheidenen. Bartek ist der zweite Mensch, der vom Everest auf Skiern abfuhr. Andrzej Bargiel, sein Landsmann kam ihm letzten Herbst zuvor: als erster auf Skiern vom Everest-Gipfel ins Base Camp. Auch ohne Sauerstoff, aber mit der Mütze seines Sponsors auf dem Kopf. Durch die gefährlichste Strecke, den Khumbu Eisbruch ließ er sich von einer Drohne leiten. Aber das ist Schnee von gestern.
Die Saison der Rekorde. Der US mountain runner, Extrem- und Ausdauersportler Tyler Andrews rannte in 9 Stunden und 55 Minuten vom Base Camp auf den Gipfel, die schnellste je gemessene Zeit (FKT - fastest known time) - mit Sauerstoffunterstützung. Er konnte seinen Rekord erst am Ende der Saison vollbringen, sonst hätten ihm jeweils ein paar Hundert Leute im Weg gestanden. Er brach am Abend des 27.5. um 7:11 pm auf und erreichte den Gipfel am nächsten Morgen um 5:06 am. Für den run down brauchte er nur 6 Stunden und 37 Minuten. Abwärts geht es immer schneller. Insgesamt war er 16 Sunden und 32 Minuten auf den Beinen. Auf einer Strecke, für die "normale" Bergsteiger einige Tage wenn nicht Wochen brauchen.
Ein anderer Rekord: Mingma David Sherpa, der erste gewählte nepalesische Abgeordnete der Geschichte hisste die Fahne des Nepalesischen Parlaments am 27. Mai auf dem Gipfel. Er ist ein neues Mitglied des Parlaments, aber kein Neuling auf den Achttausendern.
Die 1008 Bergsteiger auf dem Gipfel hatten wir schon, auch die Mountain Queen und den Everest Man. Verglichen dazu sind 5 Todesopfer (zwei indische Touristen, 3 Sherpas) zwar bedauerlich, aber im Verhältnis zu anderen Jahren gemäßigt.
Die internationale Presse verbreitete viel Propaganda über die tödliche Todeszone und den von der Regierung zugelassenen Massenandrang. Ich möchte mal wissen, was wäre, wenn der höchste Berg der Erde nicht im ärmsten Land Südasiens stünde, sondern in einem der reichsten überhaupt.
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