Donnerstag, Juni 04, 2026

Hillary Zwo

Woher "Hillary" Dawa Sherpa seinen Spitznamen hat, kann ich mir denken. Aber warum er ihn hat - und alle ihn offensichtlich rege nutzen - weiß ich nicht. Er war nie auf dem Gipfel des Everest, sagt seine Tochter im HAMS in Kathmandu den versammelten Reportern. Ihr Vater lebt! Er war gerade eingeflogen und auf die Intensivstation gebracht worden. Was niemand für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Das Wunder am Everest, oder besser im Khumbugletscher. Ein Team, das damit beschäftigt war, nach der Rekordfrühjahrssaison das Base Camp aufzuräumen und Müll zusammenzutragen, entdeckte den seit Tagen vermissten, tot geglaubten Sherpa heute früh. Er kroch mehr, als dass er ging. Wie er durch den Eisbruch kam, bleibt ein Rätsel. Er hat sich selbst gerettet, wie, das wird er vielleicht eines Tages erzählen. Sieben Tage ohne Nahrung, ohne Hilfe, am Rande der Todeszone ohne Sauerstoff. Er war bei dieser letzten Expedition der Saison nicht als guide eingesetzt, sondern als Koch, Träger, Logistiker. Es war nicht seine Aufgabe, die beiden letzten Ausländer, einen Briten und einen Polen auf den Gipfel zu bringen.   

Aber wer weiß. Vielleicht hat er deshalb 7 Tage "ohne Nahrung" überlebt. Der Koch wusste, wo in den verlassenen Camps noch Vorräte lagern können. Einige Nächte muss er in einem der Zelte verbracht haben. In einem der Camps. Zweieinhalb Tage verbrachte er in einer Gletscherspalte. Befreien konnte er sich erst nach heftigem Schneefall. Der Schnee füllte das Loch und Hillary kroch hoch. Es sind viele Fragen offen in dieser kaum zu glaubenden Geschichte. 

Der Brite, mit dem er bis kurz vor Camp III zusammen abgestiegen war, äußerte sich mit einem Video betroffen über den angeblichen Tod "Hillarys". Er erntete - wie das heute üblich ist - einen massiven shitstorm. Weltweit fühlten sich alle von ihren weichen Sofas aus berufen, den Mann zu beschimpfen und als "Mörder" zu verurteilen, weil er einen Sherpa seinem Schicksal überlassen hatte. Dass er sich stattdessen um den polnischen Bergsteiger gekümmert hatte, interessierte niemanden. Die beiden Ausländer waren die letzten am Berg, die letzten einer Rekordsaison und in den letzten langen Stunden ihres Abstiegs allein, zu zweit, auf sich selbst gestellt. Mit einer halben Flasche Sauerstoff, die sie sich, mangels Nachschub, teilten. 

Mitten im Massenansturm vor ein paar Tagen wäre die Geschichte anders verlaufen und niemand hätte je davon erfahren. Bartek Ziemski, der Bodenverbundene polnische Skifahrer tut wahrlich gut daran, keine socialmedia-Kanäle zu bedienen.  

Niemand fragte, warum nicht sofort eine Rettungsaktion für "Hillary" eingeleitet wurde, spätestens am 30. Mai morgens, als klar war, dass er nicht in Camp II übernachtet hatte. Niemand fragte, warum alle Fixseile ab Camp IV nach unten bereits entfernt waren und warum am 31. Mai fast alle Leitern im Khumbu-Eisfall abgebaut wurden. Obwohl "Hillary" noch irgendwo oberhalb des Gletschers sein musste. Niemand fragte, warum der erste Helikopter erst nach 5 Tagen, nämlich gestern, am 3. Juni zu einem Erkundungsflug bis ungefähr auf die Höhe von Camp III aufstieg und unverrichteter Dinge nach Lukla zurückflog. Man habe nichts und niemanden gefunden, erklärte der Pilot. "Hillary" hingegen sagt heute, endlich wieder unter Menschen, bei Bewusstsein und klarem Verstand, nach ein paar Schlucken warmen süßen Tees, er habe den Helikopter gehört und gesehen. Er habe zweimal die Arme gehoben, aber vergeblich. Das um Tage verspätete Rettungsteam suchte wahrscheinlich nicht nach winkenden Armen, sondern nach einem reglosen Körper. 

Aber wer weiß. Vielleicht hat "Hillary" deshalb den Abstieg fast bis ins Base Camp aus eigener Kraft geschafft. Vielleicht gab ihm, dem seit Tagen am Berg Alleingelassenen, dieser Helikopter am Himmel den entscheidenden letzten Schub - sie haben mich nicht vergessen! Mein Arbeitgeber scheut die Kosten für eine Rettung aus der Luft nicht länger! Vielleicht verlieh ihm der gerade am Himmel wieder verschwundene Rettungsanker die Portion Energie, die er noch brauchte, um das schwierigste und letzte Stück seiner Selbstrettung in Angriff zu nehmen. Den Khumbu-Eisbruch zu queren. Rutschend. Kriechend. Auf allen Vieren. Die ganze Nacht durch.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen