Samstag, Januar 31, 2026

Samstag

Samstag ist immer so etwas wie Feiertag. Der einzige freie Tag in der Woche für alle, die einer geregelten Arbeit nachgehen. Kein einziges Bike auf dem schiefen Parking unter meinem Fenster. Viele, die vergeblich so eine Arbeit suchen, verlassen das Land. Ungefähr 650 Tausend junge, gut ausgebildete Nepali reisten im letzten Fiskaljahr  (= nach unserer Zeitrechnung Mitte Juli 2024 bis Mitte Juli 2025) pro Monat aus mit einem Arbeitsvisum. Prozentual absteigend in die Golfstaaten, nach Saudi Arabien, Qatar, Kuwait, Malaysia, Japan, Rumänien, Kroatien ua.  Studierende nicht mit eingerechnet! Nach den Gen-Z-Protesten im September und dem Rücktritt der Regierung Oli dürfte der Exodus weiter angestiegen sein. Insgesamt gingen eineinhalb Millionen Menschen - und nur wir zwei kamen. Das ist ziemlich absurd. Tragisch und bitter.

Freitag, Januar 30, 2026

Feiertag

Freitag, 16. Magh. Feiertag. शहीद दिवस - Sahid Diwas. Märtyrergedenktag. शहीद - Sahid ist der Märtyrer, दिवस - Diwas der Tag. Kein Bike zu sehen. Nur eine müde Sonne.

Präsident Paudel appelliert an die politischen Parteien sowie an alle Bürgerinnen und Bürger (general public) - weise im Vorfeld der Wahlen vom 5. März - ernsthaft, mutig und inspiriert die Träume der Märtyrer umzusetzen, die ihr Leben für eine bessere Zukunft des Landes ließen. Er nannte die 75 Gen-Z-Märtyrer nicht explizit. Offiziell gilt der heutige Tag dem Andenken an die vier "großen" Märtyrer, die sich vor über 60 Jahren gegen das tyrannische Rana-Regime auflehnten. Und mit dem Tod bezahlten. 

Wir alle wissen, was gegenwärtig auf dem Spiel steht.

Donnerstag, Januar 29, 2026

Nebel

Heute früh ist gar nichts zu sehen. Und es fällt kein einziger Tropfen. Weder dick noch dünn, weder leicht noch schwer. Keine Sintflut. Kein Niesel. Kein Niederschlag. Nur Nebel. 

Er lichtet sich im Laufe des Vormittags. Hebt sich nach oben, verschwindet gen Himmel. Die Sonne kommt herunter, bis zu meinem Fenster unter dem Dach. Aber zu meinen Füßen, unten im Tal und über der ganzen Stadt immer noch Suppe. 

Mittwoch, Januar 28, 2026

Niesel

Es regnet! Es sprüht leicht vom Himmel. Nieselregen. Eher Nebel als Niederschlag. Dampf. Ich kann nicht unterscheiden, ob Smog oder Dunst die Sicht verhängt. 

Die Luftverschmutzung ist nach wie vor hoch und ungesund. Heute sind wir weltweit auf Platz 3 angekommen, hinter Kairo und Neu-Delhi.  

Ich versuche ein Wort zu finden für diese Art von Wetter. Die Meteorologen nennen den heutigen Regen drizzle, lese ich in der Kathmandu Post, und das bedeutet: light rain falling in very fine drops. Leichter Regen, der in sehr feinen Tropfen fällt.  

Ich möchte das nun in nepali haben. Ich soll jeden Tag etwas lernen, sagt gurubaa. Ich frage den online translator. Er scheint überfordert. Oder verwirrt. Tatsächlich fallen hier während der Regenzeit nie "sehr feine Tropfen". Der Regen prasselt immer Eimerwiese vom Himmel. Er bietet mir an:

सिमसिम पानी - Simasima pānī für drizzle bzw Niesel oder मुसलधारे वर्षा - Musaladhārē varṣā für drizzling rain, also Nieselregen. Kehre ich die Suche um, wird daraus heavy oder torrential rain (= falling rapidly and in copious quantities). Also starker oder sintflutartiger Regen.

Ich kapituliere und suche vor dem Fenster vergeblich den Horizont.

Dienstag, Januar 27, 2026

फल्चा oder पाटी

फल्चा oder पाटी - Falcha in Newari, Pati in Nepali - das sind die neuen alten "Wartehäuschen" der Stadt, die wie durch ein Wunder hier und da aus dem Boden schießen. Worauf man wartet, bleibt jedem selbst überlassen. Auf eine Straßenbahn vergeblich, denn die gibt es nicht. Busse fahren zuhauf, aber ob sie die Wartehäuschen anfahren, bleibt ungewiss. Ein "Ansager", ein meist junger, durchtrainierter Mann schreit mit kräftiger Stimme aus der offenen Tür des fahrenden Busses und gibt dem Fahrer durch Klopfzeichen auf die Karrosserie zu verstehen, wenn Passagiere ein- oder aussteigen wollen.

Die फल्चा - Falchas - fa bedeutet in Newari "offener (öffentlicher?) Platz", lcha "ausruhen" - sind ursprünglich gebaut worden als Rastplatz. Für Reisende oder Träger (porters) von weither. Klein e Hüten mit geschwungenen Dächern, oft in der Nähe von Tempeln. Mit Sitzbänken. Manchmal sogar mit Trinkwasserquellen. Die heißen in Newari हिठी - hithi. Wasser ist allgegenwärtig und überlebenswichtig.

Die erste Falcha in Kathmandu wurde 2024 (wieder) errichtet am Bijulibazaar. Seither sind 24 weitere entstanden und 30 befinden sich im Bau. Eine Initiative unseres coolen Ex-Bürgermeisters, dessen Anliegen es war, das kulturelle Erbe mit dem modernem Großstadtleben zu verbinden. 

In den neuen Falchas sitzen am Abend oft zumeist ältere Nachbarn zusammen. Ganz nach dem Motto: If elders do not rest in a falcha, it cannot truly be considered one

Zwei Bilder gibt es hier.

Montag, Januar 26, 2026

ढुङ्गे धारा

Unter meinem bescheidenen Shivatempel ist ein Brunnen. Mehrere krumme und wackelige Stufen führen hinab. Wahrscheinlich ein einstiger traditioneller, des Gefälles wegen tief in den Boden gegrabener Steinwasserbrunnen, ein ढुङ्गे धारा - dhunge dhara. ढुङ्गा ist der Stein und धारा das, was aus dem Stein herauskommt. Die Leitung, der Ausguss - mehr oder weniger schön zurechtgehauen. Was auch hier dereinst wohl ein kunstvoll verzierter oder geschnitzter Tierkopfmaulwasserspeier war, ist nun eine schnöde grüne Wasserleitung. Aber immerhin! Die Farbe deutet darauf hin, dass Trinkwasser aus dem Stein tröpfelt. Das wird mir auch immer wieder versichert und ich sehe täglich Frauen, die geduldig ihre Wasserbottiche volllaufen lassen. 20 Liter, so groß und blau wie die, die mir einmal in der Woche vor die Tür gestellt werden! Die schnallen sie sich mit einem Tuch auf den Rücken bzw um die Stirn und schleppen sie nach Hause. Jeden Morgen wieder. Oder junge Mädchen, die den boyfriend zum Haarewaschen mitbringen, damit der das Shampoo mit einem Eimer ausspült. Sie stehen dann lange kopfüber da. Oder Arbeiter, die ihre Füße, ihre Hemden, ihre Hosen, ihre Haare waschen und zum Schluss noch Zähne putzen. Oder jetzt gerade die Großfamilie und ihre halbe Dorfgemeinschaft, so scheint es mir, die sich zum traditionellen Trauern am Tempel versammelt und jeden Tag ein anderes Ritual vollzieht. Die schlafen hier, essen, wohnen, beten und waschen alles an der einen grünen Wasserleitung, was Mann und Frau und Kind waschen kann und muss. Bevor sie gehen, verbrennen sie, was sie nicht mitnehmen wollen oder können.  

ढुङ्गे धारा - dhunge dharas gehören zu einem komplexen unterirdischen Trinkwassersystem, das von den Lichchhavi oder Malla Königen vor Jahrhunderten im Valley errichtet wurde. 2008 produzierten diese Steinbrunnen im Kathmandutal ungefähr 2,95 Millionen Trinkwasser pro Tag, 2019 noch 382,399 Liter. Lese ich und verstehe wieder einmal die Kommastellen nicht. Ist das Wasser mehr oder weniger geworden? Wie auch immer die Antwort ausfällt, warum?  

Andere Zahlen: von den 389 Steinbrunnen, die im Kathmandutal 2010 gefunden wurden, waren 233 immer noch in Gebrauch und versorgten etwa 10 % der Bevölkerung mit sauberem Wasser. 68 waren ausgetrocknet, 45 verschüttet oder verschwunden durch Erdbeben oder Baumaßnahmen. Die restlichen 43 waren an kommunale Wasserversorgungsnetze angeschlossen.

Sonntag, Januar 25, 2026

zu Hause

Back to the city. Back to normal. Die Sonne geht über dem Kopankloster auf. Ich marschiere zum Tempel. Dort sind seit Tagen viele Leute. Eine Trauergemeinde, die schweigend 13 Tage lang trauert, Abschied nimmt und die Seele des Verstorbenen gehen lässt. Ich bin wackelig auf den Füßen. Jede Reise rüttelt am Fundament.

Am Nachmittag lese ich auf dem Dach an der Sonne mein Buch aus. Die Hälfte oder mehr der Empfehlungen des Mönchs, der keiner ist, sondern ein Wissenschaftler, ein Atmosphären- und Erdsystemmodellierer, der die Wechselwirkungen von extremem Wetter, Luftqualität und menschlicher Gesundheit erforscht, befolge ich längst.

Samstag, Januar 24, 2026

नगरकोत

Nagarkot 3. Ich weiß immer noch nicht, ob नगरकोत - Nagarkot ein Dorf, eine Stadt oder etwas ganz anderes ist. Ein größeres Gebiet, eine höher gelegene Gegend, ein Rückzugsort, ein Landstrich, ein beliebtes Ausflugsziel? Mit sagenhaften Sonnenuntergängen und ebensolchen -aufgängen. Mit atemberaubender Sicht auf verschiedene ineinander und hintereinander verschachtelte Himalaya-Gebirgsketten, bei optimalen Bedingungen vom Langtang Himal über Gan Chenpo (Fluted Peak), Tilman's Pass, Urkinmang zum Lingsing Himal. Die markanten Gipfel des Shishapangma, Dome Blanc, Kansurum und Dorje Lhakpa soll man erkennen, weiter nach Osten dem Loenpo Gang, Gyahsen Peak sowie den Ladies Peak und Phurbi Chyachu. Es bleibt uns fast alles versagt, der Sonnenuntergang gestern abend und der Sonnenaufgang heute früh. Wir befinden uns auf 1,980 m oder 6,496 ft am Rand des Valley und dieses ist bis oben gefüllt mit Smog. Steigt auf wie Seifenschaum in einer Badewanne, wenn das Wasser frisch und dampfend heiß eingelassen wird. Einige wenige spitze, schneeweiße Gipfel schwimmen darüber wie Hütchen. No pic!

Das Wetter verschlechtert sich. Der Himmel zieht sich im Laufe des Tages vollends zu. In vielen höheren und tieferen Lagen fällt endlich Schnee, der erste in diesem Winter. Und die Bauern atmen auf.

Freitag, Januar 23, 2026

Ihi

In Hetauda findet heute und morgen eine Massenhochzeit statt, Ihi oder mass Bel Mariage. Eine traditionelle Zeremonie der Newari für ihre vorpubertären Mädchen. 65 junge Damen werden feierlich und symbolisch mit einer Steinfrucht (stone apple) vermählt. Steinfrüchte gelten als Verkörperung Shivas und stehen für Stabilität, denn sie werden nie schlecht, schimmeln nicht, faulen nicht, verderben auch nicht, wenn sie vertrocknen und Insekten verschmähen sie. Sagen die Newaris. Und beschwören ihre Töchter, das Zinnober, das sie heute auf die Stirn gemalt bekommen, nie abzuwaschen. Das zweitägige Ritual folgt einer richtigen Hochzeit mit Kanyadan - die Braut übergeben. Die Väter übergeben ihre Töchter, die noch nie menstruiert haben, den Göttern. Was will uns Aussenstehenden dieses Zeremoniell sagen?

In Kathmandu Shree Panchami. Die Eltern bringen ihre Kinder zum Saraswati Tempel in Swayambhu und beten die Göttin der Weisheit, des Lernens, der schönen Künste, der Musik und der Kultur überhaupt an. Die Kinder sollen Buchstaben an die Tempelwände schreiben. Die, die sie schon gelernt haben. Und ich wundere mich am Abend in Nagarkot über die Bilder in der Zeitung. Die Kinder schreiben offenbar lieber mit lateinischen Buchstaben als in Devanagari.

Wir verlassen die Stadt und ihre Schulkinder. Wir fahren nach Nagarkot. Zum bereits dritten Mal. An den Rand des Valley.

Donnerstag, Januar 22, 2026

Wind

Der eisige Wind ist bei uns angekommen. Ich versuche mich mit ein paar zweisilbigen Wörtern unter meinem einsilbigen Dach.

Dach =  छाना - chānā oder छत - chat und das führt mich wieder in die Irre bzw nach Polen: Czym chata bogata ... Bleiben wir dabei:  

Eis = बरफ - baraf. Schnee = हिउँ - hiu mit einem gedachten oder aspirierten "m" am Schluss, was graphisch mit Kringel und Punkt in der Mitte über dem Vokal उ = u gekennzeichnet ist. Kompliziert.

Feuer = आगो - ago. Oder डढ - dadh. Letzteres (Wort) besteht aus zwei Konsonanten aus derselben dritten palatalen Reihe, zweimal "d", direkt hintereinander, da und dh. Unaussprechlich.

Wind ist einfach: हावा - hava. Was durch den Wind bewegt wird, ist ein Flugzeug: हवाइजहाज - havaijahaj. Und wer das Ding oder Zeug durch den Wind bzw die Luft steuert ist ein Pilot: हवाइजहाज चालक - havaijahaj calak, ein Windmaschinen- oder Luftgefährtfahrer. Der Fahrer eines Autos oder Bikes heißt genauso, den hatten wir schon das eine und andere mal. 

Mittwoch, Januar 21, 2026

Der neue Mond

Der neue Mond liegt am frühen Abend im Westen, nach oben offen wie eine Schaukel. Oder eine Krippe.  Eine Hängematte. Diese Position hat bestimmt auch mit unserer Schieflage im Universum zu tun. Kürzlich las ich in der Zeitung, dass in einem Dorf im Südosten des Landes ein Mann bei den Arbeiten auf dem Dach eines Neubaus erfroren ist. Das Wetter war garstig und ein eisiger Wind blies. Der 32-jähriger war von zu Hause aufgebrochen in einer kurze Hose und einer dünnen Jacke. Natürlich ohne Strümpfe und ohne feste Schuhe. Er wollte arbeiten und etwas Geld verdienen, damit er seiner 19 Tage (! nicht Monate) alten Tochter eine warme Decke kaufen konnte. 

Aufgrund mangelnder Absprache (Kompetenzstreitigkeiten?) zwischen den lokalen Behörden, konnten die warmen Kleider an Bedürftige in diesem Winter nicht rechtzeitig verteilt werden.

Dienstag, Januar 20, 2026

Sonnenaufgang

Wir leben in schiefen Zeiten. Ab heute geht die Sonne etwas früher auf. Nach dem eigentlich kürzesten Tag, der Wintersonnenwende ging sie 14 Tage lang kontinuierlich später auf, seit dem 4. Januar blieb sie hängen bei 06:55 am. Bis ich sie vom obersten Dach aus im Dunst aufsteigen sehe hinter dem höchsten Hügel im Westen, dem Kopanhügel, auf dem sich das Kopankloster mit mehreren Gebäuden und Dächern erhebt, dauert es immer noch fast 20 Minuten. Auch das ändert sich, denn die Sonne bewegt sich nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum. 

Heute also endlich eine Minute früher und kaum merklich etwas nördlicher. Ende Januar wird sie ungefähr zur gleichen Zeit aufgehen wie am Tag der Wintersonnenwende. Trotzdem sind die Tage längst länger geworden. Wir leben in schiefen Zeiten. Der früheste Sonnenuntergang um 17:08 pm war schon am 30. November - dabei blieb es bis zum 8. Dezember. Ab dem 9. Dezember ging die Sonne alle paar Tage eine Minute später unter. Am kürzesten Tag  des Jahres, am 21. Dezember ging sie bereits 5 Minuten später unter als am 8. Dezember. 

Wir leben in schiefen Zeiten. Die Sonne geht viel schneller später unter als sie früher aufgeht. Wie schief auch immer die Schieflage ist, sind wir mit zehneinhalb Stunden Licht und Sonne im Winter mehr als gesegnet. Die kürzesten Tage des Jahres, vom 16. - 27. Dezember waren genau 10 Stunden und 23 Minuten hell, die Dämmerung nicht mit eingerechnet. Seither nahm die Helligkeit am Abend rasant zu und am Morgen blieb sie gleich. Heute sind wir bei 10 Stunden und 40 Minuten Tageslicht angekommen. In Dithmarschen müssen Mensch und Tier bis Anfang März auf diese Menge Licht - ohne Garantie auf Sonnenschein - warten.

Montag, Januar 19, 2026

Sonam Lhosar

Neumond um 01:37 am local time. Feiertag. Shukla Pratipada im Monat Magh. Der erste Tag der heller werdenden Mondphase. Das Bikeparking bleibt leer und am Tempel werden Vorbereitungen getroffen. Sonam Lhosar. Tamang Lhochar, Shree Ballav Jayanti. Neujahr für die Tamang, Hyolmo, Thakali, Jirel, Nesyangwa, Bhote, Dura und Lepcha communities. Sie alle beginnen Ta Loh, das Jahr des Pferdes. Die Tamang haben das Pferd - Ta - schon und immer in ihrem Namen. Mang heißt Kämpfer. Sie sind stark und mutig. Wie die Cheemi in Thimi. 

Außerdem ist heute der Geburtstag von Acharya Shree Ballavacharya, er wurde 1479 geboren und starb 1531 AD, begründete die Pushtimarg Tradition, den Pfad der Gnade und der bedingungslosen Liebe (zu oder von Lord Krishna), übersetzte viele komplizierte Texte aus dem Sanskrit in sogenannt einfache Sprache für alle. 

Best wishes, lese ich, may the moon always stand right to us

Sonntag, Januar 18, 2026

Fahrrad

Zurück in der capital city. Sonntag. Arbeitstag. Alle Bikes zurück! Ein paar Grad Unterschied in der Nachttemperatur machen viel aus in unserem unbeheizbaren Haus. Sie bewegt sich nun wieder auf einen zweistelligen Wert zu, entsprechend wohltemperiert ist das Aufstehen. Also doch: Winterende. Andernorts wäre das Tauwetter.  

Unser cooler Bürgermeister tritt am Nachmittag nach langem hin und her zurück und schaltet sofort in den Wahlkampfmodus, wird als erstes begeistert endlich offiziell in die Partei unseres Nachbarn aufgenommen und eilt mit diesem nach Janakpur, in die Hauptstadt von Madhesh. Um dort, so munkelt man, anlässlich des Madhesh Martyr's Day seine Kandidatur für das Amt des Premierministers zu verkündigen.  

Hier übernimmt kommissarisch die bisherige Stellvertreterin, Sunita Dangol, eine blutjunge Kommunistin und wir marschieren zum Essen über die Straße zu Sukunda. Sobald wir nach Thimi gezogen sein werden, kaufe ich mir ein Fahrrad.

Samstag, Januar 17, 2026

Mehrsprachig

Was lange währt, wird endlich gut. Wir fahren nach Thimi. Zum sechzehnten 17. in diesem Land, also zur Vollendung unserer persönlichen, niemandem außer uns etwas bedeutenden 16 Monate in diesem Land. Wir pflegen unsere eigene Zählweise und malen unsere privaten Feiertage rot an im Kalender an der Wand. Heute ist Samstag  und der Tag bereits rot, nicht speziell für uns, sondern für alle Menschen in diesem Land. Wochenende! No single Bike auf dem schrägen Parking unter meinem Fenster.

Wir fahren nach मध्यपुर थिमि - Madhyapur Thimi. Alle nennen die Stadt Thimi, obwohl मध्यपुर der neuere Name der alten (angeblich 3000 Jahre alten) Stadt ist. Er bedeutet Stadt in der Mitte. मध्य ist die Mitte und पुर die Stadt. Also das Zentrum. Das Zentrum des Valleys, des Landes, des Universums. Der Ewigkeit? Wer weiß.

Der alte Name थिमि geht auf die Fähigkeiten der Bewohner zurück. Heute sind sie alle Töpfer und heißen mit Nachnamen auch so: Prajapati sind die potters in local newari speech. Manche schreiben Thimi mit th aus der dritten Konsonantenreihe (palatal sound) am Anfang: ठिमी - was mE nicht korrekt sein kann. Denn थिमि fängt mit dem th aus der vierten Konsonantenreihe (dental sound) an - mit dem zB mein Vorname endet. Nach der ältesten überlieferten Version soll der Ort "Themmring" geheißen haben. Auf dem Schild an einer Hauswand stehen noch viele andere Namen in anderen Sprachen. Der Legende nach hat Thimi immer zu seinen östlichen Nachbarn in damals Khwopa gehalten. Das waren die Frommen. Bei den Zwisten zwischen den konkurrierenden Mini-Königtümern Kathmandu, Patan und Khwopa bildete Thimi das Bollwerk. Die Khwopakönige bezeichneten deshalb ihre erfolgreichen Verteidiger im Westen als "Chhemi" - die Starken, Wehrhaften, Treuen, Unerschrockenen, Mutigen. Der Name schliff sich nach und nach ab zu Thimi. 

Als Prithivi Narayan Shah das Reich vor 303 Jahren einte, führte er Rochaden durch und neue Namen ein: aus Gorkha wurde für das ganze Land Nepal, die Hauptstadt verlegte er nach Kantipur (heute Kathmandu), aus Patan wurde Lalitpur, aus Khwopa Bhaktapur (भक्तपुर - aus भक्त die Frommen und  पुर die Stadt), aus Thimi, den Starken in der Mitte eben Madhyapur.

Ich entdecke bunt und mehrsprachig bedrucktes Papier an den Wänden. Rot Newari (Ranjana script), blau Nepali (Devanagari), schwarz lateinische Buchstaben für die Touristen. Ranjana-Newari sieht mit den vielen parallelen Schrägstrichen eckig aus. Die Sprache heißt offiziell "Nepal Bhasa" (also die Sprache Nepals, was wie schon des öftern gesagt Verwirrung stiften kann) und ich lerne, dass sie auch in einer zweiten Abugida-Type verschriftlicht werden kann: in Prachalit Nepal script. Die Welt der Wörter wird reich und reicher. 

मरु त्वाः
Maru Twa - Die Wüste

लायकू 
Layaku

Der Name des einstigen Königspalastes

Oder: neu-newari-nepali like - Daumen hoch!



इनाय् लाछि 

Inaya Lachhi 

I am sorry - es tut mir leid

Freitag, Januar 16, 2026

Yelam Sambat 5086

Noch ein Kalender: येलम संबत् - Yelam Sambat. Das ist der Mondkalender, dem die Kirat in Nepal folgen. Für sie hat gestern das Jahr 5086 begonnen. An meinem Morgenhimmel steht nur noch eine dünne Mondsichel. Nach Sonnenaufgang verschwindet sie im Tageslicht und das Parking füllt sich mit Mopeds, einem nach dem anderen.

Die Kirat sind eine indigene Volksgruppe und unser Bürgermeister Balendra Shah hat anlässlich der Neujahrsfeierlichkeiten und der Verleihung des "Hang Yalambar Memorial awards"  gestern dazu aufgerufen, Sorge zu tragen zu verschwindenden Sprachen, Schriften, Künsten, Traditionen und Kulturen. 

Die Kirat nennen ihren Kalender nach ihrem ersten König, Yalambat, der dereinst die Gopal Dynastie im Kathmandu Valley besiegte - wahrscheinlich, so denke ich mir, genau vor 5086 Jahren am 15. Januar. 

Donnerstag, Januar 15, 2026

Maghe Sankranti

1 Magh, Monatsanfang, das Bikeparking ist leergefegt - Feiertag! Die Hindus feiern heute die Magh-Sonnenwende माघे सङ्क्रान्ति oder संक्रान्ति, das Ende des Winters und schon wieder Erntedank. Sie nehmen ihre Reinigungsbäder am frühen Morgen in den kalten Flüssen des Landes. Vorzugsweise, wie ich lese, an Zusammenflüssen möglichst vieler kleinerer oder größerer Nebenflüsse. Für Hindus soll jede Stelle, an der Wasser eines Flusses mit Wasser eines anderen Flusses zusammenkommt, heilig sein. Das leuchtet mir ein. Wasser setzt Energie anders um als beispielsweise Feuer. Feng-Shui Meister sagen, Wasser habe in der Geomantik die größte Bedeutung, weil es das ch'i binde.   

Den heiligsten Zusammenfluss in Nepal finden wir in der Provinz Chitwan, in Devghat, etwa 5 Kilometer nordwestlich der Stadt Narayanghat. Hier treffen sich die Flüsse Kali Gandaki und Trishuli, letzterer gestärkt von den Nebenflüssen Seti, Budhi, Gandaki und Madi. In Devghat wurde gestern abend die rituelle Bambusstange aufgerichtet. Erwartet zum rituellen Bad werden um die Dreihunderttausend Unerschrockene Gläubige.   

Sankranti - संक्रान्ति gibt es mehrere im Jahr, denn dieses hinduistische Fest folgt anders als die meisten anderen nicht dem Mond, sondern der Sonne. Verschiedene Volksgruppen wie die Madeshi, Magar und Tharu preisen die Sonnengöttin Surya und begleiten sie von einem Sternbild ins nächste. Nach hiesiger Himmelsbeobachtung tritt sie heute in den Steinbock (Capricorn oder Makara Rashi weshalb das Fest auch Makara Sankranti genannt wird). Für die Nepali endet heute eine ungünstige, dunkle und kalte Phase. Es beginnen die Glück verheißenden, Erfolg versprechenden warmen langen Tage. So etwas wie Frühling! Im Bauch und um die Nase.

Mittwoch, Januar 14, 2026

Chaku

Seit einer Woche schon überschlagen sich Meldungen, dass die Konditoren und Zuckerbäcker des Valleys alle Hände voll zu tun haben. Im wahrsten Sinne des Wortes - schaut Euch nur diese Bilder an. Es wird चाकु - chaku zubereitet (= gekocht, geknetet, geschleudert, gezogen, gewunden, geschlagen, geschnitten, gequält, getröstet, ge...). Ich kannte das Wort bislang nur aus der Kühltruhe im Big Mart als Bezeichnung einer der beiden, der dunklen (chaku - चाकु) und der hellen (khuwa - खुवा) Yomari-Füllungen im Angebot. Da die Yomari zu Hause in der Küche aufgetaut und gedämpft werden, ist die Füllung immer warm und weich. Nun erweitert sich mein kulinarischer Horizont. Ich kaufe bei meinem Obsthändler drei Packungen festival food, eine dunkle und eine helle, in mundgerechten Würfeln sowie einen mittelgroßen Fladen. Alles steinhart. Wie wir das verzehren, wird sich zeigen. 

Man soll chaku erst morgen essen, weil es zu Maghe Sankranti gehört, zum neuen Monat und dem Winterende. Chaku soll den Körper wärmen, es ist ein echtes Winterkraftfood, besteht es doch nur aus Zucker und Fett. Wir kosten schon mal vor. Es ist bittersüß und zum Zähne ausbeißen. Am besten lutschen, am besten ohne Eile und mit viel Geduld. Stundenlang. Nachhaltig!

Dienstag, Januar 13, 2026

Dämmrung

Oder Zwielicht. Die Sonne ist immer noch blass, und wird blasser, je mehr der Tag voranschreitet. Die pollution steigt in der Nacht und zwielichtige Figuren gibt es überall. Nun hat Ungarns Orbán Polens Ziobro, dem einstigen Justizminister oder obersten Sheriff des Landes, politisches Asyl gewährt. Auch Ziobros Gattin übrigens. Asyl allein ist eben allzu einsam. Und am Morgen danach stellen sich die ersten unbequemen Fragen: Was, wenn auch Orbán einmal seine Macht verliert? 

Ich gucke aus dem Fenster nach dem Zwielicht und finde am frühen Morgen Eichendorff: 

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau’n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!

Joseph von  Eichendorff (um 1812 ohne Titel, 1837 mit Titel: "Zwielicht")

vertont von Robert Schumann, hier gesungen von Jessye Norman

Montag, Januar 12, 2026

Lord Gorakhnath

Es wird wieder gearbeitet. Der Parkplatz füllt sich nach und nach mit Mopeds. Die Sonne hingegen zieht sich mehr und mehr zurück. Smog. 

Also mache ich mich an meine Hausaufgaben.

Goraknath - गोरखनाथ gilt als Begründer des Hatha Yoga. Und der Nath-Bewegung. Etymologisch geht sein Name auf Goraksha - गोरक्ष zurück und bedeutet Rinderhirt. So wird er auch oft dargestellt. Er soll eine Inkarnation Shivas sein (welcher Hindu-Gott ist das nicht?) und die Nepali verehren ihn als Schutzpatron. Angeblich einte Prithvi Narayan Shah das Land mit dem Segen und unter Goraknaths spiritueller Führung.

Die Shah-Könige bis hin zu unserem pretender Gyanendra sahen und sehen ihre Dynastie in direkter Nachfolge von Guru-Rinderhirt Goraknath. Deshalb die royale Fürbitte vor den anstehenden demokratischen Parlamentswahlen: "May Lord Gorakhnath grant us all good sense." 

Sonntag, Januar 11, 2026

Prithvi Jayanti

Feiertag. 27 Poush 2082 oder 11. Januar 2026. Der 304. (!) Geburtstag von Prithvi Narayan Shah (1723-1775 AD), Tag der nationalen Einheit. Der Gorkha-König Prithvi hat einst das in viele kleine Königreiche zersplitterte Land geeint. Man kann sich vorstellen, dass das nicht nur mit Wohlwollen vonstatten ging. Trotzdem wird er heute als Vater der Nation gefeiert. Gerade in den wieder wirren Nach-Gen-Z-Zeiten. Auf dem schrägen Parking hinter der Municipality steht kein einziges Moped.

Gestern nachmittag schon zogen Vertreter der Nepalesischen Armee feierlich (unification torch rally) in Kathmandu ein - der Marsch begann auf den Spuren Prithvis am 5. Januar in Gorkha, führte durch Bharyangbhurung in Dhading und über Nuwakot, Kakani zum Hanuman Doka Durbar Square in Basantapur ins Zentrum Kathmandus. Heute wird am Denkmal des einstigen Königs am Singha Durbar weiter gefeiert. 

Präsident Paudel richtet ein Grußwort an die Bevölkerung und ruft zur Einheit auf. Interims-Premierministerin Karki nimmt an einem Tee-Empfang der Königstreuen teil. Balen Shah, amtierender Bürgermeister von Kathmandu und seit kurzem Anwärter auf das Amt des Premierministers des Landes, postet auf social media nebst Glückwünschen an die Nation sein statement, dass beide, die die Schmiergeld geben und die, die es nehmen, Feinde des Staates seien. Der Pretender spricht zehn Minuten auf youtube und endet mit den Worten "May Lord Gorakhnath grant us all good sense. Jaj Nepal". Ich muss nachgucken, wer dieser Lord war. Das letzte Mal endete the kings speech mit Lord Pashupatinath.

Samstag, Januar 10, 2026

Nachbarn

छिमेकी - Chimēkī - das ist der Nachbar oder die Nachbarin. Heute ist Samstag. Wochenende. Kein Bike auf dem neuen Parking. Und die Nachbarn im Plural, wir haben ja viele solche, sind छिमेकीहरू - Chimēkīharū. Auch so ein Wort, das ich, abgesehen vom hintangehängten Pluralpartikel -harū mit nichts, aber auch gar nichts verbinden kann. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass einer unserer Nachbarn berühmt ist. Ich habe ihn noch nie gesehen. Er ist sehr beschäftigt und saß im übrigen die meiste Zeit, die wir hier auf dem Hill wohnen, im Knast. Sogar in verschiedenen solchen Etablissements im ganzen Lande, weil er verschiedene Verfahren am Hals hat, und immer mal wieder von einer Provinz oder Instanz an die nächste weitergereicht wurde. Seine Frau sah ich ab und zu, ohne zu wissen, wer sie ist, am Pool. Ich schwamm und sie saß umgeben von einem Kamerateam auf einem Stuhl. Hübsch gekleidet und zurechtgezupft, gab sie Interviews vor vortrefflicher Kulisse. Verstehen konnte ich kein Wort, ich horchte nicht, sondern zählte meine Unterwasserbahnen.

Ende Dezember wurde der Nachbar gegen Kaution entlassen. Die Kaution entsprach genau dem Betrag, den er veruntreut haben soll. Ein paar Dutzend Millionen Nepalesische Rupees. Unmittelbar nach der Freilassung auf Kaution - was in meinem Verständnis nicht zu verwechseln ist mit einer reinen Weste, also mit einem oder mehreren ordentlich durchgeführten Gerichtsverfahren, die allesamt mit Urteil, Freispruch oder Haft enden - scharte er die prominenten Leute um sich, die er für seine Zwecke ("catering to personal egos") einspannen wollte: unseren coolen Bürgermeister und den interims-Energieminister, der einst (lang ist's her) das Land von einer Dauerenergiekrise erlöst hatte. Sie ließen sich noch vor Jahresende AD, mitten in ihrem Monat Poush zu dritt mit pokerface ablichten und ich hatte endlich Gelegenheit, den Bürgermeister ohne schwarze Sonnenbrille zu sehen. Ein adretter Mann! Mit Handschlag wurde gemeinsame Sache beschlossen. Ich konnte zwar nicht verstehen, wie zwei, wie ich meine, unbescholtene Herren mit einem, wie ich denke, Verbrecher das Land nach den Neuwahlen regieren wollen. Aber ich habe hier nichts zu vermelden.

Außer: dass das Triumvirat letzte Nacht geplatzt ist. Das Bündnis hat genau 12 Tage gehalten und ich finde immer noch keine Eselsbrücke für छिमेकी - Chimēkī, den Nachbarn in Nepali.

Freitag, Januar 09, 2026

Cereulid

Cereulid ist ein Toxin. Also Gift! Damit ist Babynahrung von Nestlé verunreinigt. Bekannt ist es den Verantwortlichen seit Anfang Dezember. Rückrufe erfolgen nach Ländern gestaffelt, zuerst in Dänemark und Spanien. Österreich testet selbst und ruft in Eigenregie zurück. "Aktiv kommuniziert", lese ich, hat der Schweizer Konzern die leidige Sache erst vor ein paar Tagen.

In einem ganz anderen Zusammenhang lese ich eine niederschmetternde Analyse des helvetischen Selbstbewusstseins. Ausgerechnet die südlichen Nachbarn, die Italiener kommen zum Schluss, dass es für das "Land der scheinbaren Perfektion" an der Zeit sei, den Blick zu senken, "nicht aus Scham, sondern um der Realität ins Auge zu sehen" (Forse è arrivato il momento che anche il paese dell'apparente serenità abbassi lo sguardo, non per vergogna ma per guardare dritto alle realtà).

In einem nochmals anderen Zusammenhang habe ich heute herausgefunden, warum Beats Foto "Sevilla '90" seit einem guten Jahr oben an meiner Treppe hängt: Beat hat seine wissenschaftliche Karriere als Kinderarzt mit einer "Längsschnittstudie" zur Entwicklung von Kindern und zur Familienplanung in Nepal begonnen. Lang ist's her und hier sieht man naturgemäß der Realität ins Auge. Untersuchungen an Schwangeren zur Bestimmung des Geschlechts des Ungeborenen stehen unter Strafe. Ebenso Geschlechtsselektive Abtreibungen. Trotzdem werden viel weniger Mädchen als Buben geboren. Trend steigend. Wen wundert es denn? 

Donnerstag, Januar 08, 2026

nicht packen

Nicht packen! Kühlen Kopf bewahren - ungefähr so verhält es sich mit der Geistesgegenwart. Es ist jeden Morgen etwas kälter. Wenn ich aufstehe. Wenn ich die Treppe hochsteige. Wenn ich die Treppen wieder hinunter steige. Wenn ich das Haus zu meiner Morgenmeditation am Shivatempel verlasse. Es ist gerade kein Kunststück, seinen Kopf kühl zu bewahren. Eher das Gegenteil ist der Fall. Ich trage nun auch schon eine Mütze und die guards reiben sich die Hände beim Salutieren. Ich vertraue auf Pulswärmer und die Morgensonne unter dem Laxmibaum. Ich kann mich nicht erinnern, an der rauen Nordsee tägliche Temperaturunterschiede je so exakt auf der bloßen Haut registriert zu haben. Irgendetwas ist immer der reinen Luft ausgesetzt. Die Nasenspitze, die Fingerspitzen, die Zehenspitzen. Später am Tag sitze ich auf dem Dach. Dort oben ist es heiß wie im Hochsommer. 

Geistesgegenwart sei die Fähigkeit (lese ich), ganz im Hier und Jetzt zu sein. Das bin ich. Ich bin nirgendwo anders. Geistesgegenwart sei eine Tugend, lese ich weiter und könne wie jede Tugend bei Übertreibung ins Gegenteil kippen. Also Untugend werden. Als Laster auf die schmalen Schultern drücken. Ein wohl schwieriger Balanceakt zwischen vollständiger Abwesenheit konkreter Gedanken und blitzschneller Reaktionsfähigkeit im Fall einer Gefahr (zB Feuersbrunst). Zwischen Halbschlaf und Handschlag. Nicht packen!

Mittwoch, Januar 07, 2026

Masyaura und Chhurpi

Vor elf Jahren bin ich zwischen den Tagen, also zum Jahreswechsel 2014/2015 AD mit einer Flasche Champagner einmal quer durch Europa gefahren. Vom schleswig-holsteinischen Wattenmeer in die Metropole Polens. Es war kalt und in Warschau fiel Schnee. Mein Meister lag im Sterben. Er genoss noch einen homöopathischen Schluck aus besagter Flasche, hustete, verlangte ab und zu nach einer Zigarette, die er bekam und nach den ersten Zügen zufrieden wieder weglegte. Er harrte bis zum orthodoxen Weihnachtsfest aus, bis zum ersten Vollmond. Beides fiel auf den 7. Januar. Im Nachhinein ist alles gut, wie es gekommen ist.  

Heute lerne ich endlich, die riesigen Wurzeln zu unterscheiden, die bei meinen Gemüsehändlern auf der Golfutar herumliegen, und die ich nie zu kaufen wage. Erstens koche ich nicht, zweitens nur, wenn wir es am Magen haben. Und dann verzichten wir lieber auf unbekannte Knollen und bleiben bei Karotten, Grütze und etwas ungeräuchertem Tofu. Die TKP berichtet, dass die Regierung (wer ist das dieser Tage des Interims, dass in knapp zwei Monaten von Neuwahlen beendet werden soll?) zum ersten Mal Qualitätsstandards für मस्यौरा (masyaura) und छुर्पी (chhurpi - der härteste Käse der Welt! - kann auch als Hundekauknochen verwendet werden) festsetzt. Im Sinne der Lebensmittelsicherheit und erhöhter Exportchancen. Und der Besinnung auf nationale Werte. Jetzt, kurz vor den Feiertagen! 

मस्यौरा - masyaura sind fermentierte und sonnengetrocknete Gemüsebällchen. Ewig haltbar. Sie bestehen aus feingeriebenem taro (eine der monströsen Knollen), yam (dito, einer der beeindruckenden Wurzeln), ashgourd (Wintermelone, Wachsgurke oder eine Art Flaschenkürbis) und radish (Rettich, weiß oder rot, auch riesengroß, scharf und saftig), vermischt mit schwarzen Linsen oder Urdbohnen. Angebraten in Senföl lecker im Curry mit Reis!

छुर्पी - chhurpi ... nun ja! Proviant oder Snack, Proteinbombe auf Yakkäsebasis für Reisen ins Entlegenste. Besser als Kaugummi. Es gibt auch eine weichere Variante, die wird in Suppen oder im Curry mitgekocht und macht die Sache sämig.

Dienstag, Januar 06, 2026

Dorfleben

Wir hatten gerade die kälteste Nacht, lese ich in der Zeitung. 3° (plus!) um 08:45 - gegen 3,4° um 05:45. Es erstaunt mich immer wieder, dass die Temperatur nach Sonnenaufgang sinkt. Also ist es eher der kälteste Morgen. Im schattigen Tal zu meinen Füßen liegt so etwas wie Bodenfrost. Auch auf den dunklen Autodächern auf dem Parkplatz vor meinem Küchenfenster. Auf hellen Karosserien ist Kälte seltsamerweise nicht zu erkennen.  

Ich bin seit Tagen zum ersten Mal ohne Flaute im Magen erwacht. Erfrischt und ausgeschlafen! Springe auf, mache Tee, füttere die Katze, absolviere mein Gleichgewichtstraining auf dem Trampolin und gehe hinaus. Ungefähr zum Zeitpunkt der niedrigsten Temperatur. An die Luft. An die Sonne. Zu meinem Laxmibaum. Dort ziehe ich immer noch Schuhe und Strümpfe aus und absolviere mein Morgen Qigong barfuß. Sobald das Qi in Wallung kommt, muss ich mich auch von Jacke und Schal befreien. 

Heute kommt ein alter Sherpa vorbei und erzählt mir, wie oft er schon auf dem Everest war. Ich lese es aus seinem zerfurchten Gesicht. Und aus den Zahnlücken. Ein bisschen Englisch haben ihm seine Kunden beigebracht.  

Ich lebe wie auf dem Dorf. Jeder und jede kennt mich.    

Montag, Januar 05, 2026

constellation

Das ist die Konstellation am Himmel, die Stellung der hellen, für uns sichtbaren Himmelskörper zueinander. Diese Stellung - la constellation oder the constellation - hat nichts mit der Wirklichkeit im Weltall zu tun und erscheint nur uns Winzlingen auf der Erde so. Sie ist pure Illusion - und manchmal trotzdem überwältigend schön. Wenn ich mich auf meinen neuen Guru berufe - The lunar cycle will remind you of your life cycle ... And it will also make sure that you are never lost in your life. - ist der Name der Bar in Crans-Montana eigentlich stimmig. Der Titel seines Buches, der mir anfangs nicht gefallen wollte, erscheint nun auch plötzlich wegweisend: "Agony to Ecstasy" - und nicht umgekehrt! Die minderjährigen Brandopfer konnten das nicht wissen, woher auch - und ob ihre erwachsenen Begleiter, wenn es sie denn gab, je einen Gedanken an so etwas verschwendeten, who knows! Who cares ... Als 14- oder 15-Jährige die Silvesternacht in einer angesagten Bar in einem angesagten Ort zu verbringen, ist geil oder krass. Wie ich solche Wörter verabscheue! Ekstase pur. Aber das Universum akzeptiert keine Abkürzungen oder übermütigen Übersprünge.

Ich komme nicht darüber hinweg: wer auch immer die Verantwortung für den Ausbruch des Brandes, für verschlossene Türen und enge Treppen trägt - jeder und jede ist höchst freiwillig in jener Nacht in jenen Keller gestiegen, von fürsorglichen Eltern mit dem nötigen Kleingeld ausgestattet. Wer nun im Nachhinein in die Mikrophone der Weltpresse weint und verkündet, das hätte man immer gewusst und schon lange kommen sehen, hat sehenden Auges seine Kinder in die Hölle geschickt.

Sonntag, Januar 04, 2026

zwangloszuversichtlich

Nun sitzt Shiva im Laxmi-Baum. Die Götter kommen und gehen. Die Gläubigen auch. Alles und jedes zu seiner Zeit. 

In der Nacht überkommt W der Magen.

Wir sind uns der Risiken bewusst, denen wir Tag für Tag ausgesetzt sind. Aber zweimal schlechte Stimmung im Darm in eineinhalb Jahren ist keine große Sache. 

Samstag, Januar 03, 2026

wolf moon

Feiertag. Samstag. Wochenende. Die Hindus feiern immer unter freiem Himmel. Sie räuchern überall, der Duft der Räucherstäbchen ist wohltuend und besänftigend, dient der Verehrung der Götter. Wer nicht feiert, verbrennt nachts am Straßenrand, was er gerade findet, und wärmt sich über den Flammen die klammen Finger. Eine Gefahr brennender Decken besteht nie. Heute, am Vollmond des Monats Poush, ist der Beginn von Shree Swasthani Brat Suru. Man beginnt das Fasten bis zum nächsten Vollmond mit einem rituellen Bad in einem Fluss. Wasser hat eine andere Energie als Feuer und die Menschen verlieren darin garantiert nie ihre Geistesgegenwart, die awareness.  

Triple-fire-horse zwo: das Feuerpferd ist in Venezuela angekommen.

In meinem Magen immer noch Sturm. Ich koche Grütze und lerne Wörter: कागुनो - kaguno. Foxtail millet. Die Kelten nannten den Januar-Vollmond auch Stay-home-moon. Bei uns ist es tagsüber hochsommerlich warm. Nachts heulen nur Hunde. Mein Umwelt Experte rät, den Mond am Himmel im Blick zu behalten. Zu beobachten, wie er wächst und schwindet. Ich tue das seit langem. So, schreibt der Mönch, der keiner ist, synchronisiere sich unser Geist ganz von selbst mit dem Universum. Und: "... it will also make sure that you are never lost in your life." 

Freitag, Januar 02, 2026

awareness

Ich liege krank am Magen und lese "A monk's guide to joy through consciousness". Der Haupttitel lautet anders, aber der Untertitel sagt mir mehr. Der Autor ist kein Mönch, sondern ein Umwelt-Geo-Wissenschaftler. Er fängt an mit dem Tod. Mit dem Sterben. Mit der immortality of life. Mit Bewusstsein und Wahrnehmung. 

Der Tod beschäftigt uns gerade alle sehr. Ungefähr die Hälfte der in Crans-Montana zu Tode gekommenen Partygäste waren minderjährig. Ich frage mich, was 14-Jährige überhaupt in dieser Bar zu suchen hatten. Aber ich lese, dass in der Schweiz (und das wundert mich natürlich nicht), Minderjährige in Begleitung eines Erwachsenen "in einer Bar feiern dürfen". Wenn alle Minderjährigen Opfer in Begleitung eines Erwachsenen waren, haben diese Erwachsenen ihre minderjährigen Begleiter nicht beschützt, wie es ihre Aufgabe gewesen wäre. Sie haben sie im Stich gelassen! Ebenso die Eltern, die nach dem Brand mit ihren Autos angefahren kamen und "verzweifelt nach ihren Kindern suchten".

Nicht nur den Minderjährigen war es wichtiger, noch ein Video der brennenden Decke in die virtuelle Welt zu pusten. Aber vor allem den Minderjährigen fehlte offenbar das Bewusstsein - the awareness - der Lebensgefahr. Das ist tragisch und sagt viel aus über die Gesellschaft, in der sie groß geworden sind und jung sterben mussten. Mein Geowissenschaftler schreibt "You may die in an accident ... Accidents happen only when you lose awareness ... Many people die in accidents ... it doesn't happen because of fate. Death never happens by accident. ... Nothing happens by accident in this universe. You are 100 % responsible for your death. If you die in an accident, it is a precisely determined event, not a random one."  

Und: "At the time of death, you must make a decision to go without hesitation. A very difficult decision indeed. If you resist death, you will only suffer."  

Donnerstag, Januar 01, 2026

triple fire

In Nepal kein Feiertag. Donnerstag, 17 Poush 2082.  Ein normaler Arbeitstag mitten in der Woche.

Alle Bikes im Gegenlicht oder Halbschatten, ordentlich aufgereiht.

In Japan beginnt heute das Feuer-Pferd-Jahr, für die Gurungs ist es bereits zwei Tage alt, die Chinesen folgen eigenen Himmelsregeln und starten es erst am 17. Februar. Ich habe gelernt, dass Zeit relativ ist. Absolut sind nur ihre Zeichen: alle Astrologen im asiatischen Raum sind sich einig: es wird ein heftiges (ein "bäumiges", wie die Helvetier sagen würden, wäre es nicht gerade so unpassend) Jahr: des Feuer ist aufgrund einer besonderen kosmischen Konstellation dreifach verstärkt und diese constellation werde ich bei passender Gelegenheit zu erklären versuchen. Das Pferd an sich bringt schon unbändige Kraft und entsprechende Energie für ein bodenständiges Getrampel mit sich. 

In der Schweiz Trauertag. Halbmasttag. In Crans-Montana hat das Feuerpferd bereits kurz nach Mitternacht Ortszeit zugeschlagen.