Montag, Januar 26, 2026

ढुङ्गे धारा

Unter meinem bescheidenen Shivatempel ist ein Brunnen. Mehrere krumme und wackelige Stufen führen hinab. Wahrscheinlich ein einstiger traditioneller, des Gefälles wegen tief in den Boden gegrabener Steinwasserbrunnen, ein ढुङ्गे धारा - dhunge dhara. ढुङ्गा ist der Stein und धारा das, was aus dem Stein herauskommt. Die Leitung, der Ausguss - mehr oder weniger schön zurechtgehauen. Was auch hier dereinst wohl ein kunstvoll verzierter oder geschnitzter Tierkopfmaulwasserspeier war, ist nun eine schnöde grüne Wasserleitung. Aber immerhin! Die Farbe deutet darauf hin, dass Trinkwasser aus dem Stein tröpfelt. Das wird mir auch immer wieder versichert und ich sehe täglich Frauen, die geduldig ihre Wasserbottiche volllaufen lassen. 20 Liter, so groß und blau wie die, die mir einmal in der Woche vor die Tür gestellt werden! Die schnallen sie sich mit einem Tuch auf den Rücken bzw um die Stirn und schleppen sie nach Hause. Jeden Morgen wieder. Oder junge Mädchen, die den boyfriend zum Haarewaschen mitbringen, damit der das Shampoo mit einem Eimer ausspült. Sie stehen dann lange kopfüber da. Oder Arbeiter, die ihre Füße, ihre Hemden, ihre Hosen, ihre Haare waschen und zum Schluss noch Zähne putzen. Oder jetzt gerade die Großfamilie und ihre halbe Dorfgemeinschaft, so scheint es mir, die sich zum traditionellen Trauern am Tempel versammelt und jeden Tag ein anderes Ritual vollzieht. Die schlafen hier, essen, wohnen, beten und waschen alles an der einen grünen Wasserleitung, was Mann und Frau und Kind waschen kann und muss. Bevor sie gehen, verbrennen sie, was sie nicht mitnehmen wollen oder können.  

ढुङ्गे धारा - dhunge dharas gehören zu einem komplexen unterirdischen Trinkwassersystem, das von den Lichchhavi oder Malla Königen vor Jahrhunderten im Valley errichtet wurde. 2008 produzierten diese Steinbrunnen im Kathmandutal ungefähr 2,95 Millionen Trinkwasser pro Tag, 2019 noch 382,399 Liter. Lese ich und verstehe wieder einmal die Kommastellen nicht. Ist das Wasser mehr oder weniger geworden? Wie auch immer die Antwort ausfällt, warum?  

Andere Zahlen: von den 389 Steinbrunnen, die im Kathmandutal 2010 gefunden wurden, waren 233 immer noch in Gebrauch und versorgten etwa 10 % der Bevölkerung mit sauberem Wasser. 68 waren ausgetrocknet, 45 verschüttet oder verschwunden durch Erdbeben oder Baumaßnahmen. Die restlichen 43 waren an kommunale Wasserversorgungsnetze angeschlossen.

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