Freitag, November 14, 2025

zurückkehren

W bringt mir ein langärmeliges Oberteil meiner Lieblingsmodemarke aus Barcelona mit. In warmen, dunklen Herbstfarben. Ich habe dem Konsum (der Gier!) noch nicht ganz abgeschworen und freue mich! Obwohl es hier keinen Herbst gibt. Tagsüber haben wir Sommer bis Hochsommer, nachts Frühsommer.

Vipashwi brachte dem Valley Licht. Sein Lotos entfachte das Dharma Licht, das erleuchtete Licht. Alle Adis, die nach dem ersten folgten, ließen sich von den leuchtenden Blüten blenden. An der Stelle, wo Vipashwi den Lotos gepflanzt hatte, erstand (nicht ganz von selbst) Swayambhu Dharmadhatu Chaitya. 

Die Purana erklärt das folgendermaßen: "The term Dharma signifies Buddhist law and doctrine, while Dhatu represents the elemental form. Together, Dharmadhatu embodies the ultimate essence of the Dharma. The term Chaitya refers to a Buddhist stupa and is the dwelling place of all Enlightened Beings, including Buddhas, Bodhisattvas and Tathagatas." 

So - mit der Pflanze, die fehlte (warum fehlte sie eigentlich in der absoluten Idylle, im Naturheiligtum?) - kamen also das Wesen und die Wesen des Buddhismus in die Legende.

Donnerstag, November 13, 2025

vorauseilen

Der City-Strom geht und der CG Hills-Generierte Strom kommt. Die Waschmaschine kann zu Ende laufen. Nach drei Stunden meldet der Community Manager "Generator is off for rest ..." Was das bedeutet, verstehe ich natürlich nicht, obwohl ich jedes einzelne Wort verstehe und auch die Pünktchen, Pünktchen, Pünktchen richtig (wie mir scheint) deute. So lange hatten wir aber in der Tat schon lange keinen line-cut mehr. Noch ist heller Tag, die Sonne scheint und der Wind ist kalt.  

Zurück zu den Mythen. Mein alter laptop mit seiner ausgeleierten Batterie hängt an der Router-Steckdose und die hat immer Strom. Warum, verstehe ich auch nicht. Ich habe mir aber kürzlich (während dreier Tage walking-meditation auf dem Asphalt des Kathmandu-Valleys) vorgenommen, nichts mehr zu hinterfragen und alles hinzunehmen. Das Valley - das historische Nepal Valley, bzw.  unser heutiges zugebaute Kathmandu Valley - war einst ein See. Das ist, glaube ich, erdgeschichtlich und geologisch unbestritten. Wasser ist mythologisch ein dankbares Element, viel dankbarer als Feuer, Wind oder Erde. Dieser herrliche, heilige See hat - immer nach Swayambhu Purana - alle Adis, die 7 Buddhas aus verschiedenen Himmelsrichtungen mit unterschiedlichsten Beweggründen in ihren jeweiligen Weltzeitaltern magisch angezogen. Der erste Tathagata, Vipashwi umrundete den See und betrachtete ihn von allen Seiten sehr aufmerksam. Er zählte alle ihm bekannten Wasserpflanzen und fand heraus, dass eine fehlte: die Lotosblüte. Also pflanzte er mitten in den See einen Lotos. 

Irgendwie müssen die Geschichten anfangen. Es ist kein Zufall, dass eine buddhistische Legende den Lotos bemüht für ihre Initiation, gilt die Pflanze doch als Symbol für spirituelles Erwachen, Reinheit und Erleuchtung - sowie als Buddhas Geburtsort schlechthin. Der Lotos wächst in trübem, schlammigem Wasser, ohne dass ihm selbst irgendetwas von dem Schmutz anhaftet. Dafür gibt es eine physikalische Erklärung: die Oberflächenstruktur - eine komplexe mikro- und nanoskopische Architektur - der Blätter lässt Wasser, Dreck, Bakterien, Umweltgifte und andere Schädlinge, einfach abperlen und die Pflanze bleibt vital und gesund. Die Wissenschaft nennt das heute Lotoseffekt.

Mittwoch, November 12, 2025

Kali Yuga

Es ist kalt und bewölkt. Wenn die Sonne nicht aufgeht, wird die Welt nicht warm. Ich werde demnächst auch mit Mütze zu meiner Morgengymnastik laufen müssen. Und nicht mehr barfuß herumhüpfen können.   

Wir befinden uns - nach der hinduistischen und buddhistischen Kosmologie - im Kali Yuga. Im finsteren Zeitalter. Im Zeitalter des Verfalls und Verderbens. Im Zeitalter des Niedergangs. Am Ende einer über die drei vorausgegangenen Weltzeitalter stufenweisen Degeneration, dominiert, dämonisiert, angetrieben von den drei "Wurzel-Geistesgiften" Hass, Gier und Verwirrung.

Dienstag, November 11, 2025

entgegenlaufen

In den Träumen laufe ich immer noch. Wenn ich aufwache, weiß ich weder, wohin ich gelaufen bin noch wo ich gerade stehengeblieben bin. Das liegt wahrscheinlich an der Bettlektüre.

Nach Swayambhu Purana (reine Legende, wäre wunderbar zu lesen zur guten Nacht, wenn nur die Namen nicht so unaussprechlich daherkämen!) waren die Vorgänger des "historischen" (sic!) Shakyamuni Gautama Buddha (शाक्यमुनी गौतम बुद्ध) sogenannte Adi Buddhas.  

Der erste lebte im goldenen Zeitalter Satya Yuga, als die Menschen um die 80 000 Jahre alt wurden und hieß Vipaswi Tathagata - विपस्वी तथागत. Tathagata ist ein Ehrentitel für einen Buddha und meint "as they come in the same way they go". Also einer, der den Zyklus der Reinkarnation bereits verlassen hat, nicht wiedergeboren werden muss und entsprechend frei ist (zB von Begierde, Hass, Verblendung oder Leid). Vipaswi verließ diese Welt, nachdem er seine achtzig Tausend Jahre gelebt hatte.  

Der zweite Buddha war Sikhi Tathagata - सिखी तथागत. Zu seiner Zeit lebten die Menschen nur noch 70 000 Jahre. Die Legende kündet, dass zu Sikhis Lebzeiten Shakyamuni Buddha (also unser Gautama) als Bodhisattva unter dem Namen Ksemakara - क्षेमाकर geboren wurde. Ein Bodhisattva ist einer, der zwar Erleuchtung anstrebt, aber auf den Eintritt ins Nirvana verzichtet, solange es noch leidende Wesen auf der Welt gibt. Als Sikhi einging in das Swayambhu Dharmadhatu (in die Sphäre oder Leere, die reine Essenz von Swayambhu) folgte ein langes Interregnum.

Der dritte Buddha erschien erst im zweiten Weltzeitalter, im Treta Yuga - त्रेता युग, und hieß Vishwabhu Tathagata - विश्वभू तथागत. Die Menschen wurden höchstens noch 60 000 Jahre alt. 

Auch der vierte Buddha, Krakucchanda Tathagata - क्रकुच्छन्द तथागत kam erst nach einem längeren Intervall, aber noch im Treta Yuga. Die Menschen lebten nur noch 40 000 Jahre.  

Der fünfte Buddha, Kanakamuni Tathagata folgte unverzüglich auf das Ableben des Krakucchanda, trotzdem lebten zu seiner Zeit die Menschen gerade noch 30 000 Jahre.

Der sechste Buddha erschien im dritten der vier Weltzeitalter, im Dvapara Yuga -द्वापर युग und hieß Kashyapa Tathagata - कश्यप तथागत. Die Menschen hatten eine Lebenserwartung von 20 000 Jahren.

Als Kashyapa die Welt verließ, ging auch Dvapara Yuga zu Ende und der siebte Buddha, Shakyamuni Gautama Buddha erschien, geboren im Königreich Kapilvastu (heute Lumbini) und das Weltzeitalter Kali Yuga begann.

Das sind nur die Namen. Die Legenden und Mythen hinter den Namen. deren Bedeutung für Nepal, das Kathmandu Valley und Swayambhu, kann ich vielleicht ein andermal referieren. Oder auch nicht. Denn es ist alles - wie könnte es anders sein - höchst verwirrlich und anstrengend! Die vier Yuga-Weltzeitalter, von denen in der Purana die Rede ist, folgen in absteigendem Zyklus aufeinander von spiritueller Reinheit (Satya Yuga) bis zur schwärzesten Verderbtheit (Kali Yuga). Darin befinden wir uns gegenwärtig. Wenn es zu Ende geht, fängt alles wieder von vorne an mit Satya. Das ist doch tröstlich!

Und: nach allem, was historisch zu Prinz Siddharta Gautama erforscht ist, war er nach seiner Erleuchtung als Buddha nie mehr im heutigen Nepal, weder im Valley noch im Wald. Weder in Swayambhu, noch in Panauti. Weder im Hiranyagiri Gandhamadan Parbat noch sonstwo. Er hat nie das Grab von Prinz Mahasattva besucht, noch den Namo Buddha Tempel, noch den Ort, wo der prächtige Panchal Palast einst stand. Das ist anderswo nicht anders. Winkelried und Tell sind auch Geschöpfe der Phantasie. Letzterer wäre ohne Schiller nie über die Schweizer Grenzen gekommen, ersterer ohne Słowacki.

Montag, November 10, 2025

Der Wärmehaushalt

Die Nachttemperatur nähert sich der +10°-Marke. Entsprechend frisch ist der Morgen in einem Haus ohne Heizung. Meine Nachbarn joggen mit Wollmützen um die Häuser. Sie drehen ihre Runden nur innerhalb des vom CCTV überwachten Bereichs. Ich verlasse das Tor jeden Morgen. Die Guards salutieren. Heute reiben sie sich die Hände: it's cold! Ich nicke und gehe außen am Stacheldrahtzaun entlang zu meinem Tempel. Umrunde als erstes den Laxmibaum, der kürzlich von einem herabgestürzten rostigen Teil (mit Betonfuß) eines ganz anderen Zauns fast erschlagen wurde. Dann lasse ich neben dem Bodhibaum an der Morgensonne mein Morgenqi hochkochen. Diese Wärme versorgt mich für den Rest des Tages.  

Am Mittag trinke ich meinen Kar.ma-Espresso auf dem Dach und ziehe alles aus, was ich ausziehen kann. So heiß ist es. Noch wärmt sich das Haus ohne Heizung tagsüber von selber auf, wenn ich rechtzeitig alle Fenster wieder schließe. In W's Zimmer tropft es immer noch an mehreren Stellen von der Decke, obwohl es seit Tagen, Wochen nicht mehr regnet. Das Wasser verdunstet in den bunten Eimern und zurückbleibt so etwas wie heller Sand. Ein feingeriebenes Gemisch der Materialien, die im Frühjahr über eine Seilwinde säckeweise aufs Dach gehievt und oben sorgsam verteilt wurden. Jedenfalls ist unten nichts davon übrig geblieben. Ich frage mich nicht, was das bedeutet, wenn es durch die Decke nicht nur tropft, sondern auch rieselt.

Am Abend esse ich bei Dragon thailändischen roten Curry. Die Schärfe heizt mir die ganze Nacht ein.  

Sonntag, November 09, 2025

Abugida

Sonntagabend. W. ist unterwegs nach Marbella. Ich habe keine Ahnung, wo das ist. Ich denke nicht mehr in Koordinaten und Flugdestinationen. Bevor es ganz dunkel ist, sammle ich Kadaver im Vorgarten ein. Mindestens 2 Tauben haben die Katzen während meiner Abwesenheit hier geschlachtet. Es sieht wüst aus. Tom ist seit Wochen verschwunden, dafür ist jetzt der weiße Kater wieder da und Sigi, die Katzenmutter scheint ihre Mutterpflichten beendet zu haben. Jedenfalls ist sie frech, verspielt und aufmüpfig. Besetzt den ganzen Tag Kater Toms Hütte. Ich räume meinen Schreibtisch auf und überlege, was ich mit meinen armseligen Nepali-Sprachkenntnissen anfangen kann. Ob ich die Whiteboards mit dem duster wieder weiß machen -  oder Gurubas Zeichen, Wörter, Halb- und Ganzsätze sowie die letzte Hausaufgabe besser noch ein bisschen stehen lassen soll. Falls wir aus der Stadt ziehen wollen würden, nach Osten, dorthin wo ich gerade herkomme, wohin ich zu Fuß gelaufen bin, müsste ich Newari lernen. Das ist eine eigene, tibeto-burmanesische Sprache und die hat selbstverständlich ihr eigenes Alphabet. Das haben mir alle Peacewalker bestätigt. Die meisten waren Newari und sprechen von Haus aus ihre Sprache. Der Staat nennt sie "Nepal Bhasa", die locals "Newa Bha". Newari ist eigentlich falsch und eher die Bezeichnung für die Menschen, nicht unbedingt für ihre Rede. Nepali hingegen ist eine indoarische Sprache. Die alleinige Amtssprache Nepals und gerade nicht zu verwechseln mit "Nepal Bhasa", obwohl die Wörter mehr als irreführend sind - bedeutet doch भाषा - bhasa in Nepali Sprache. Also ist "Nepal Bhasa" wörtlich die Sprache Nepals. Meine Mitläufer lernten Nepali erst in der Schule. Ich ginge den umgekehrten Weg. Vom Nepali ins Newari. Vom Nichts ins Nirwana. Eine höchst komplizierte Angelegenheit.    

Das einzige, was die beiden Sprachen verbindet, ist die Systematik ihrer Schrift. Beide sind Abugida. Alphasyllabar. Diese Buchstabenschrift (im Nepali Devanagari - देवनागरी) ordnet ihre Buchstaben nicht nach der gesprochenen Reihenfolge an, sondern gruppiert sie "segmental nach Silben". Schön gesagt! Die Hälfte der 7 Nepali-Linien habe ich bereits wieder vergessen.

Samstag, November 08, 2025

Avayadan

Ich muss nun mein Hirn wieder etwas anstrengen und Wörter einsammeln, nachdem der Körper vollkommen unversehrt eine dreitägige Wanderung über Asphalt überstanden hat. Im nächsten Jahr sollen wir 5 Tage laufen. Auf derselben Strecke. Immer auf den Spuren des sich aufopfernden Prinzen Mahasattva - oder erleuchteten Vor-Buddhas. Die selbstlose Tat des Prinzen - dass er sein eigen Fleisch einer vor Hunger sterbenden Tigermutter und ihren fünf Tigerwelpen darbot - wird "Avayadan" genannt und ins Englische übersetzt mit "selfless giving", "enlightened compassion", "the ultimate act of compassion", "selfless sacrifice", "an extraordinary compassion" usw. Der Avayadan Day, in den wir in Namo Buddha mittenhineinplatzten, findet einmal jährlich statt, immer an Kartik Purnima (Vollmond im Nepali Monat Kartik), bzw beginnend in der Nacht davor, an Chaturdashi, am 14. Tag des Shukla Paksha (der hellen Mondphase) und endend am Tag danach. Es werden Kerzen und Öllampen angezündet am Grab Mahasattvas, am Namo Buddha Tempel im heutigen Kusume Community Forest, dem einstigen Hiranyagiri Gandhamadan Parbat oder Golden Fragranced Mountain.

Ich werde mir nun die Legenden und Mythen einverleiben, die Swayambhu Purana lesen, soweit mir das sprachlich möglich ist: The Sacred Buddhist Text of Nepal Valley, sozusagen die Heilige Schrift des Nepal Valley, heute Kathmandu Valley. Darin geht es natürlich vor allem die Entstehung des Swayambhu-Tempels auf einem der höchsten Hügel der heutigen Metropole. Swayambhu meint so viel wie self-born, self-manifested, self-arisen. Swayambhu soll von selbst dem Wasser, dem einstigen See, der das Valley in Urzeiten füllte, entstiegen sein. 

Jetzt ist mir auch klar (im Nachhinein löst sich so mancher Dunst auf), warum der peace walk in Swayambhu, dem von Affen bevölkerten Tempel, an der Swayambhu Stupa ganz im Westen der Stadt beginnt. Warum wir den ersten Tag immer vorwiegend nur damit zubringen, die Stadt zu verlassen. Dazu müssen wir sie einmal von West nach Ost durchqueren. In diesem Jahr nahmen wir leider die falsche Ausfahrt nach Bhaktapur, weil niemand den Weg kannte und es keine Wanderwege aus einer Metropole gibt, nur Autostraßen. Im letzten Jahr wurden wir am Stadtrand in einen Bus gebeten, weil (wie ich erst dieses Jahr erfuhr), 7 Ausländer mitliefen, denen man die ganze Strecke zu Fuß nicht zumuten wollte (schöne Logik! Als ob man anderswo nie zu Fuß ginge!). Diesen beschwerlichen Anfang könnten wir uns in Zukunft sparen, wenn der peace walk an der Bouddha Nath Stupa im Osten der Stadt begänne ... aber damit ginge die ganze Pilgerschar des mythologischen Fundaments verlustig, des legendären Ursprungs allen und jedens.