Dienstag, September 30, 2025

Maha Ashtami

Dienstag. 14. Ashoj. Feiertag. Maha Ashtami. Die Göttin Durga und ihre drei Primadonnen werden verehrt. Tridevi, das weibliche Triumvirat des Hinduismus, sorgt mit seiner urweiblichen göttlichen Shakti-Energie für das kosmische Gleichgewicht: Mahasaraswati (die Göttin der Kunst und des Wissens) ist zuständig für die Schöpfung; Mahalaxmi (da steckt Laxmi drin, Reichtum, Glück und Macht) ist zuständig für den Erhalt und Mahakali, die furchterregende, schwarze Inkarnation Durgas, ist zuständig für die Zerstörung, ohne die es keine Transformation in den nächsten Schöpfungszyklus gibt. Also alles auf einmal. Wie in einer Nussschale. Es ist der Tag, an dem Durga ihre volle Kraft entwickelt. Und es ist der Tag der Tieropfer. Ziegen, Enten, Gänse, Hähne werden lebendig vor die Tempel gezerrt und geschlachtet. Das Blut soll allen Göttinnen schmecken, das rohe Fleisch dürfen die Gläubigen nach Hause nehmen und kochen. Sonst verdürbe es in der Hitze.

Die Newari verehren traditionsgemäß am achten Dashaintag auch ihre Waffen, Schwerter, Messer, Dolche, und diversen Maschinen. Nach जेन जेड (zen zed) und 75 Toten heute vielleicht nicht auf offener Straße.

Montag, September 29, 2025

Phulpati

Montag. 13. Ashoj. Feiertag. Kurz nach Mitternacht ist das 75. Opfer im NTC (National Trauma Center) gestorben. Laxman Rai lag seit dem 8.9. im Koma, Schuss in den Hinterkopf. Der siebte Tag von Dashain, nach dem letzten Montag, dem 6. Ashoj, erst der zweite public holiday, also landesweiter Feiertag. Und zugleich der erste in dieser Woche von ununterbrochenen 5 Feiertagen, angeblich bis Purnima (Vollmond). Vollmond ist aber erst in 8 Tagen. Ich habe schon vor einem Jahr die Zählung der 15 Dashaintage nicht verstanden, und verstehe sie immer noch nicht. Wenn der 6. Ashoj, wie rundum erklärt und gefeiert wurde, das 15-tägige Dashain-Festival eröffnete, ist nach meiner Auffassung heute nicht dessen siebenter Tag, sondern der achte. 

In der Nacht fiel leichter Regen und der Tag beginnt angenehm frisch. Kein Mensch am Tempel. Viele Flugzeuge am Himmel. Wer sich noch nicht auf der Weg gemacht hat, muss sich heute beeilen, um noch nach Hause zu kommen. Das ist an Dashain höchste Pflicht.

Der siebte Tag: फूलपाती - Phulpati. Das bedeutet Blumen, Blüten und ihre Blätter. Heute werden zu Ehren der Göttin Durga und ihrer neun Inkarnationen die Tempel und Hausaltäre mit neun verschiedenen Pflanzen geschmückt: Zuckerrohr, Kurkuma, Bananenblätter, Reisstängel, Bilvablätter, Granatäpfel, Jayantiblätter, Ashokablüten und Manavrikshablätter. Kein Wunder, ist weit und breit niemand zu sehen. Ich wüsste nicht, woher nehmen ... wenn nicht stehlen. Kürzlich - aber lange vor Dashain und lange vor den जेन जे-Protesten mit nachfolgenden Plünderungen und Brandstiftungen - haben sich einige unserer Nachbarinnen im community chat öffentlich beschwert, dass aus ihren Vorgärten Pflanzen gestohlen werden. Ganze Töpfe aber auch nur einzelne Blüten oder Blätter. Die Beschwerdeführerinnen berichteten zudem, dass sie die Aufzeichnungen der CCTV footage (closed circuit tv system - unser internes Überwachungssystem) eingesehen haben (mit wessen Zustimmung, frage ich mich) und ganz genau wissen, wer ohne zu klingeln, Gartentore zu fremden Gärten in eindeutiger Absicht öffnet. So what, dachte ich mir. Wozu diese öffentliche Beichte? Warum nicht einfach die Diebin stellen und ansprechen? Dass es eine Frau ist, scheint unbestritten. Ein seltsames Land! 

Heute ist der siebte Tag. फूलपाती - Phulpati: mit Bananenblättern beschwören wir Brahmani, mit dem Granatapfel Rakta Dantika, mit den Reisstängeln meine geliebte Laxmi, mit Kurkuma natürlich Durga, mit Manavriksha Chamunda, mit Zuckerrohr besänftigen wir die zornige Kali, mit den Bilvablättern verehren wir Shiva höchstpersönlich, mit Ashoka (Frauen-Kraut) Shokarahita, die Tochter von Maa Parvati und Lord Shiva sowie mit Jayanti (Bitterwurzel-Stinkstrauch) die Kriegsgöttin Kartiki.

Sonntag, September 28, 2025

Bergziegen

Sonntag. Kein Feiertag. Ein normaler Arbeitstag. Vielleicht nicht ganz normal, weil es der letzte vor Dashain ist. Und weil die Stadt sich bereits spürbar, sichtbar und hörbar, entleert hat. Von Hektik keine Spur. Ein heißer Sonntag bricht an. Laut Wetterprognose - auf die, wie die Erfahrung der letzten 12 Monate zeigt, ich hier nichts geben darf - soll es am Nachmittag heftig regnen. Ich habe meine Einkäufe in der Früh erledigt und vorsorglich die Bäume im Garten gewässert.

Im Community Chat postet unser fürsorglicher Community Manager eine Telefonnummer und einen nepalesischen Zweizeiler. Ich verstehe nur ein Wort: मासु - masu. Fleisch. Und ich verstehe die Zahlen: pro Kilo 2000 Rupees. Ich habe noch nie Fleisch gekauft in Nepal und habe keine Ahnung, ob der Preis hoch oder niedrig ist. Ob es sich also um eine Delikatesse für die Feiertage handelt, oder ein Schnäppchen, ein Wegwerf- oder Nebenprodukt. Aus rein sprachlicher Neugier frage ich big brother, der bietet mir zuerst als Übersetzung crab an, dann - für mich ein unerklärlicher Sinneswandel - kangaroo. Beides im Himalayaland nicht verbreitet und auf keiner lokalen Speisekarte zu finden. Ich konsultiere bewährte nepalische Quellen. Und mein persönliches Anki. 

च्याङ्राको मासु - Chyangrako masu ist das Fleisch von einem Tier namens च्याङ्ग्रा, also Chyangra. Die Bergziege. Ziegen stehen tatsächlich an manchen Straßenecken, lebendig, haarig, mager, meckernd. Obwohl auch sie Opfer nicht funktionierender Lieferwege wurden, wie TKP vor ein paar Tagen berichtete. Vielleicht deshalb heute das überraschende Angebot in unserem internen chat. 

Mein Anki kennt bereits fast alle Ziegen (goats) des Landes, und ich darf hier vorneweg, bevor ich Anki (nepali-englisch) sprechen lasse, auf einen alten Blogeintrag verweisen, in dem gurubaa meine Frage beantwortet, wie ich, wenn ich mich sprachlich präzise ausdrücken möchte, erkenne, ob der Bock kastriert ist oder nicht.

बाख्रा bakhra or बाख्री bakhri - she-goat, बाख्रो bakhro - he-goat; बोका boka or बोको boko - natural reproductive he-goat; खसी khasi - castrated he-goat; झारल jharal - himalayan tahr , भरल bharal or नाउर nahur - blue mountain sheep or goat (a major prey of the snow leopard), आइबेक्स aibeks - ibex, wild mountain goat; घोरल ghoral - himalayan wild goat. Sowie ab heute neu: च्याङ्ग्रा chyangra - domesticated mountain goat.

Diese domestizierte Bergziege wird nicht des zähen Fleisches wegen gezüchtet und in großen Herden von den Bauern in den Bergen gehalten. Sondern wegen der Wolle. Das geschorene Gut der Chyangras ist die Grundlage für Pashima, ein hochwertiges, besonders weiches, warmes und teures Cashmere.

Samstag, September 27, 2025

जेन जेड

Samstag. Kein Feiertag und kein Arbeitstag. Ein normaler arbeitsfreier Wochenendtag. Das Licht hat sich verändert. Es gibt klare Morgenstunden. Das hilft den Augen, wenn sie in die Ferne schauen wollen. Und dem Hirn beim Sortieren der Gedanken aus jener Ferne. Die Monsunwolken ziehen zuerst über die Hügel nach Süden ab und tauchen später von dort wieder auf. Noch regnet es fast jede Nacht. 

Die Kathmandu Post veröffentlicht heute Zahlen: laut Polizeiangaben wurden während der 2-Tage-Proteste der Gen Z (endlich habe ich sie in nepali geschrieben gefunden: जेन जेड - jen jed oder geläufiger zen zed) aus Pistolen, INSAS und SLR 2'642 Kugeln scharfer Munition abgefeuert, sowie zusätzlich 1'884 Gummigeschosse und 2'377 Warnschüsse (hoffentlich in die Luft) abgegeben. Außerdem wurden 6'279 Tränengasgranaten gezielt unter und über die Protestierenden sowie in Krankenhauseingänge geschossen. Insgesamt, gibt die Polizei nun unter Vorbehalt - die Zahlen könnten noch steigen! - bekannt, habe es aus ihren Reihen landesweit 13'182 "instances of firing" gegeben. Schusswaffengebrauchsvorfälle? Aber sie sagt nicht, weshalb und wie diese sagenhaft monströsen Zahlen angesichts unbewaffneter Jugendlicher, die zum Teil singend und in Schuluniformen die Straßen füllten, zustande kamen. Wo doch der damals noch amtierende Regierungschef nach seinem Rücktritt behauptet, es habe nie einen Schießbefehl gegeben und die Polizei habe nie die Waffen besessen, aus denen die Kopfschüsse abgegeben wurden.

Freitag, September 26, 2025

Eier

Ich habe endlich begriffen, dass die Nepali Eier nicht im Dutzend kaufen, weder im Ganzen noch im Halben. Sondern im Karat. Oder auf einem Quadrat, das rechteckig ist und das sie mit einem ebenso großen Deckel zusammengebunden, sicher durch das Gedränge und Gehupe auf den Straßen nach Hause transportieren können. 1 karat - एक क्यारेट - sind 5 x 6 = 30 Eier. Wir haben nicht Ostern, sondern Dashain. Im Moment nicht wirklich, eher so etwas wie vor-, between-, oder besser: intermittent-Dashain. Hin und wieder Dashain. Im Wechsel mit Arbeitstagen hin und wieder Feiertag. Könnte der Vorweihnachtszeit in christlich geprägten Ländern im Rest der Welt entsprechen. Einkaufsstress. Massiv reduziert, weil in Nepal grundsätzlich niemand Stress kennt. Und weil nach den alljährlich prompt (wie das Amen in der Kirche) auf- und eintretenden Monsunschäden (Überschwemmungen, Erdrutsche) etliche Brücken kaputt und viele Hauptverkehrsadern unpassierbar sind. Weil landesweit gerade alle Warenhäuser mitsamt der Waren in Schutt und Asche liegen. Weil nach einer Woche curfew Lieferungen immer noch im Stau stecken. Verderbliche Waren sind längst verdorben. Die shutterkeeper auf der Golfutar jammern, dass die Bestellungen für Teej (das Fest for women only genau vor einem Monat) noch nicht eingetroffen sind, woher sollen also jetzt die Geschenke für Dashain kommen? 

Weil heute nicht Feiertag ist, marschiere ich zur Bank, Filiale Golfutar. Wie nicht anders zu erwarten, erledige ich nicht, was ich erledigen wollte. Also kaufe ich auf dem Rückweg Eier, अण्डा - Andaa, 1 Karat: मलाई एक क्यारेट अण्डा दिनुस।

Weil Dashain vor der Tür steht. Die Hauptfeiertagswoche, während der tatsächlich alles still steht, was stillstehen kann. Dragon bleibt geschlossen. Auch die Köchinnen und die Kellnerin wollen zu ihren Familien nach Hause. Und der Chef kann endlich sein wenige Wochen altes Töchterchen im Arm wiegen. Und weil ich jeden Tag 1 ganzes Ei (one whole egg) essen soll. Um 15 Uhr. Um 11 Uhr soll ich lunchen. Vorher natürlich selber kochen. Reis, Chicken (you have to eat every day chicken) und Gemüse. Den Teufel werd ich tun! Chicken esse ich tatsächlich mehr oder minder jeden Tag und ein Ei normalerweise auch. Alles am Abend bei Dragon. Da bin ich gut aufgehoben und werde freundlich bedient, und brauche nie ein gerupftes Huhn vom shutter an der Straße ohne Kühlung in meine Küche holen. Überhaupt frage ich mich im Nachhinein (nach wie vor übel gelaunt, mit üblen Kopfschmerzen und übel zugerichteter Nase), warum eigentlich ich mich von einer blutjungen Ernährungsberaterin vollschwatzen lassen musste. Weil ich für mein Alter eine gute Figur abgebe? Und nicht mein gleichaltriger Gatte, der mindestens das Doppelte von dem, was ich an Gewicht zulegen soll, ablegen dürfte.

Donnerstag, September 25, 2025

Der Schuh

Wie erwartet bin ich krank. Kopfschmerzen. Schnupfen. Schlechte Laune. Schweißausbrüche. Ich lasse uns 200 tiefgefrorene Mo:Mo's liefern für die 9 Dashain-Tage. Ich lese das rote Buch zu Ende und weiß nun, was uns erwartet. Chaos. Noch mehr Chaos. Und am Ende sitzt wahrscheinlich jeder einzelne der alten korrupten Garde wieder fest in seinem Sessel.

Ergiffen - manipuliert? töricht betört? - bin ich von der Geschichte eines einzelnen Schuhs in der Kathmandu Post. Und W. lacht mich aus. Und wie! Alles Legende, sagt er, Legendenbildung, Selbstverherrlichung, Selbstüberhöhung. M. habe diesen blutgetränkten Schuh bereits am 9.9. für ihren erschossenen Freund beansprucht. Jeder nimmt, was er kann. 

Mittwoch, September 24, 2025

Gewitter

Eigentlich sollte der Monsun jetzt zu Ende sein. Dashain hat Pause, es wird gearbeitet bis der Strom ausfällt. Und der Hochsommer hat wieder Hochkonjunktur, es ist unerträglich heiß unter dem Dach und auf dem Dach. Am Nachmittag dann bricht urplötzlich der Himmel zusammen. Es kracht und schüttet, dass Durga erbarm. Hagelkörner, wie nie gesehen, prasseln gegen die Fensterscheiben. Und dann schaltet der Community Manager den Generator an, weil die Cityline kollabiedrt.