Freitag, März 07, 2025

back home zwo

Schon wieder zu Hause. Diesmal mit Bus bis Kalimati und Bike-Taxi nach Hause. Ich werde süchtig nach der frischen Luft um die Nase und dem Temporausch hinten auf einem Motorrad. Das Mitfahren ist vor allem eine Sache des Gleichgewichts. Locker bleiben am Freitagnachmittag. Wir fahren von Südwest nach Nordost. Queren die Hauptverkehrsadern. Auch die laute Lazimpat brausen wir hoch. Was für ein herrliches Gefühl! Als wir meinen früheren Lieblingseinkaufspunkt, den blue moon bei Grün passieren, knallt es hinter uns, als ob der Krieg ausgebrochen und eine Bombe niedergegangen wäre. An der im Herbst frisch eröffneten Ampel gab es Kurzschluss und ein Feuerball schoss in die Höhe, verletzte aber niemanden. Kathmandu ist safe - im Gegensatz zu Pokhara. 

An der Hausecke auf dem Hill steht ein respektables Bambusgerüst. Nach dem Schutt auf der Dachterrasse zu urteilen, wurde hier schon mächtig gehämmert und gemeißelt. Alles from outside. Die Arbeiter haben zum Glück schon Feierabend. Der Kater kommt zur üblichen Abendmahlszeit angeschlichen und glaubt es fast gar nicht, dass ich wieder da bin und auf das zaghafteste Miauen schon Futter herreiche.



Donnerstag, März 06, 2025

Dhading

Dhading ist, wie bereits gesagt, kein Ort sondern ein Distrikt der Provinz Bagmati, zu der auch the Capital City of Kathmandu gehört, in der ich derzeit wohne. Dieser Distrikt ist nach wie vor touristisch  "unexplored", wie hier vor bereits 7 1/2  Jahren von einem Absolventen der HNEE (Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde - dort in der Nähe habe ich auch ein paar Jahre gewohnt) beschrieben.

Ich marschiere den Berg hoch und den Berg wieder hinunter. Es ist wie im Tessin. Entweder geht es steil aufwärts oder steil abwärts. Nur ist alles viel sandiger, trockener. Es gibt kaum befestigte Straßen. Und natürlich keinen Wein! Aber es gibt Bananenbäume, Mangobäume, Reisterrassen. Shivatempel. Freilaufende Ziegen und angebundene Ziegen. Ebenso vergoldete Kühe und lebendige Kühe mit Kälber.
Ganz oben ist die Schule. Und noch ein Tempel. Die Buben eskortieren mich und sind grundlos glücklich. Sie sagen "Thapa" - und ich kann mir den Namen sogar merken - , als ich frage, wer der Gentleman in Gold sei. Ein Nationalheld. Freiheitskämpfer. Wiki klärt mich später auf: es ist der Gorkha-General. Amar Singh Thapa. Schön steht er in luftiger Höhe. Mir ist heiß und ich habe Durst.

Mittwoch, März 05, 2025

next trip

Die zweite Domestic-Premiere: Manoj holt mich um 8.00 Uhr ab und ich schwinge mich beherzt hinten auf sein Motorbike. Endlich geht mein Wunsch in Erfüllung. Happy, happy, happy! Ab durch die Mitte der Capital City nach Dhading! Zum ersten Mal mit FFP 2 (filtering face piece) Atemschutzmaske. W schimpft aus der Ferne (Berlin - da ist es noch lange dunkel), ohne Helm sei es verboten. But this is Nepal! Und wie immer kompliziert. Dhading ist ein Distrikt und kein Ort! Wie der Ort heißt, den ich in eineinhalb Stunden erreichen will, weiß ich nicht. But never mind. Ich bin nun vorerst on the road und offline.

Dienstag, März 04, 2025

Vorfreude

This is Nepal - diesen Satz höre ich ständig. Ich lerne dabei, nur auf meinen Bauch zu hören. Ich bin ständig hungrig. Ich lerne, meine eigenen Wünsche zu haben. Meine eigenen Probleme. Kürzlich ein roter Fleck unter dem rechten Auge. Tat nicht weh und ist von selbst wieder verschwunden. Heute mit Halsschmerzen und Schnupfen erwacht. Das kann ich nun wirklich nicht gebrauchen! Beim Straßenüberqueren habe ich in den ersten Tagen in dieser Stadt gelernt, mich durchzusetzen. Rücksichtslos oder unbeirrt meinen eigenen Weg zu beschreiten. Durchzuhalten bis auf die andere (sichere) Seite. Auch in der Nacht, wenn die Lichter blenden und der Verkehr noch unübersichtlicher ist als am Tag. Mein Hofkater bekommt nur Futter, wenn ich da bin und er da ist. Es gibt keine Vorratshaltung. Kein Recht auf ein gefülltes Futterschälchen oder einen gefüllten Kühlschrank. Gemüse und Obst kaufe ich jeden Morgen frisch. Auch mein open dahi. Für hungrige Menschen gibt es alles, zu jeder Tages- und Nachtzeit, an allen Ecken und Enden. Überfluss. This is not Nepal. This is Kathmandu! 

Beidseits der Golfutar sind alle Bäume gestutzt worden. Das Schnittgut, dicke Äste mit viel frischem Grün liegt zu ihren Füßen am Straßenrand. Ich mache eine kurze Einkaufstour zur Apotheke, zum Salz- und Reishändler, esse zur Feier des Tages noch einmal scharfe drunken noodles, packe meinen kleinen Rucksack und gehe früh schlafen. Ziehe mich zurück in meine roten Tiger-Balsam-Träume und hoffe, dass ich morgen besser atmen kann.

Montag, März 03, 2025

Mantra

Ab dem 1.3. sollte auch an unserer Fassade herumgeklopft werden. Auch wir haben feuchte Wände, besonders im Eckzimmer oben unter dem Dach. Das ist W's Arbeitszimmer. Es ist der 2. Stock, auch wenn ich ständig vom 3. rede. Wir haben über dem Erdgeschoss zwei Etagen und darüber das ausladende offene Dach. Die landlady fragte am 28.2. nach, wann sie am 1.3. kommen dürften und ich antwortete wahrheitsgemäß: "early in the morning". Sie erwiderte: "early in the morning won't be possible". Ich schwieg. Sie kam am Mittag mit einem neuen, diesmal senior engineer. Sie stiefelten durch das ganze Haus und aufs Dach, dort war nach dem Regen alles nass, also baten sie um Slippers und bekamen sie. Anschließend setzten sie sich in unser ebenerdiges Empfangszimmer und beratschlagten ungefähr eine Stunde und teilten mir das Resultat in english mit: dass "day after tomorrow" - also heute, am 3. - die Arbeiten an der Außenfassade aufgenommen werden würden. Denn tomorrow - morgen bzw. gestern aus heutiger Sicht  - war ja am frühen Nachmittag des 1. bereits in kritischer Nähe und die Arbeiter noch outside the capital city of Kathmandu. Or even out of the country. In Dubai oder Dehli. Der Senior Engineer erklärte mir, das Problem mit der Feuchtigkeit müsse zuerst von außen angegangen werden und könne erst danach innen behoben werden. Ich nickte und - namaste! -  schloss erleichtert die Tür hinter den beiden. 

Heute ist Montag, von Samstag aus gesehen übermorgen - day after tomorrow. Ich bin wie immer früh auf den Beinen, am Schreibtisch und auf dem Trampolin. Nach Sonnenaufgang marschiere ich zu meinem Laxmibaum und meditiere hoch in den blauen Himmel mit Morning-QiGong. Zurück zu Hause göttliche Ruhe. Niemand zu sehen, nichts zu hören und ich beschließe, meine Pläne für diese Woche festzuklopfen. Gegen Mittag kommt die landlady unangekündigt mit dem alten Elektriker, der hier schon das eine und andere Mal kaum die Treppen hochkam, aber sämtliche verwunschenen Wege und verschlungenen Verbindungen der Stromleitungen im Haus kennt. Er soll nochmals alle (ALLE? frage ich entsetzt, dazu braucht er mindesten 3 Tage) Steckdosen im Haus überprüfen. Lord Shiva und seiner Gattin sei Dank belässt er es bei denjenigen in meinem Schlafzimmer und in W's Arbeitszimmer. Das sind die beiden nach Südosten übereinanderliegenden Eckzimmer, die am meisten Spuren von "seepage" (Feuchtigkeit) zeigen, das obere leider auch "mould" (Schimmel). Der Strom fließt zur Zufriedenheit des Elektrikers ungehindert durch alle feuchten Wände. Zum Abschied sage ich der landlady, dass ich am Mittwoch wegfahre. "No problem," - ihre Antwort - "tomorrow (= morgen) they will come and fix the ladder". Dazu müssen sie aufs Dach, und um aufs Dach zu kommen, müssen sie ins Haus, und um ins Haus zu kommen, muss ich die Tür öffnen. Ich nicke. No problem. 

Das Arbeiten auf und mit Strickleiter-Leiter-Gerüsten beobachte ich seit Tagen und Wochen bei den Nachbarn gegenüber. Nepalesische Maler und Fassadenklopfer zeigen keinerlei Anzeichen von Höhenangst oder Gleichgewichtsstörung. Auch nicht barfuß oder in Slippers auf den runden Bambusstangen.

Am Abend sehe ich den neuen Mond, der bei uns im Himmel liegt. Über der hell erleuchteten Sichel rundet sich deutlich und rötlich der volle Erdtrabant.  

sto lot, auguri und happy birthday für Luigi in Basel

Sonntag, März 02, 2025

Gotra

Die Namen sind so verwirrend wie die Verwandtschaften oder meteorologischen Verhältnisse. Der Regen hat aufgehört und soll "nur" den Wechsel der Jahreszeiten markiert haben, wie mir die Nachbarin erklärt. Also von Winter zu Sommer? Von Frühling zu Frühling? Bald ist Hitze angesagt.

Lumbini ist kein Geheimcode für Buddhisten weltweit, sondern ein offener, verständlicher, klarer Wegweiser zum Geburtsort ihres Gründervaters. Allgemein zugängliche und von AI gespeiste Enzyklopädien, google maps oder Vielflieger kennen oder finden Lumbini aber in ihrem Korpus nicht. Es gibt weder einen Flughafen noch eine Stadt oder ein Dorf diesen Namens. Als ich mir vorab die Straßenverbindung von Pokhara nach Lumbini auf das Smartphone laden wollte, um dann unterwegs mit dem Zeigefinger unseren Standort auf der elektronischen Karte aufrufen, vergrößern oder verkleinern zu können, musste ich ziemlich viel Zeit und Grips investieren, um im Netz ans Ziel zu gelangen. Es gibt eine Provinz Lumbini und die ist für google maps zu groß und zu vielfältig, um mir eine einzige, die kürzeste und schnellste natürlich, Verbindung anzubieten. Ich konnte aber auswählen zwischen Lumbini Sanskritik, Lumbini Development Trust und Lumbini the Birthplace of the Lord Buddha. Nicht zur Wahl stand Lumbini UNESCO World Heritage Site. So oder so sind diese Destinationen mehr oder minder deckungsgleich, alternative Namen für ein und dieselbe Sehenswürdigkeit oder Pilgerstätte, 20 Kilometer westlich der nächstgrößten Stadt, Siddharthanagar gelegen. Siddharthanagar ist der Verwaltungssitz des zuständigen Distrikts Rupandehi. Die Stadt wurde 1967 unter dem Namen Bhairahawa gegründet und 1977 auf die Initiative des Dichters (oder der Dichterin?) Komal Dutta Tiwari nach dem in den Lumbiniblumengärten geborenen Buddha alias Siddhartha Gautama umbenannt. So weit so gut. Die Nepali nennen die Stadt unverdrossen ("formerly and colloquially" - wie es so schön heißt) bis heute lieber und liebevoll Bhairahawa. Ebenso den Flughafen, der 1958, also  bereits vor der Gründung der Stadt auf eben deren Gebiet eröffnet wurde als Bhairahawa Airport. Er wurde zeitgleich mit der Stadt, also 1977 umbenannt, aber nicht mehr mit identischem bzw. dem Ort zuzuordnendem Namen. Die Stadt heißt fortan Siddharthanagar, ihr Flughafen Gautam Buddha Airport. Natürlich gehen beide Bezeichnungen auf ein und dieselbe historische Person oder Inkarnation zurück. Aber das muss das Hirn des Ausländers oder der Ausländerin erstmal korrekt verarbeiten. Seit die 3 Kilometer lange Landebahn 2022 endlich eröffnet wurde, darf der Flughafen den Zusatz "International" verwenden, seine Abkürzung GBIA wird dadurch unaussprechlicher. Internationale Flugverbindungen sind im Aufkommen und local people bevorzugen local names, vertraute Namen. Sie wissen, was sie meinen, wenn sie uns fragen: Bhairahawa? 

Warum aber Gautam und nicht Gautama? Frage natürlich nur ich mich. Das Wort Gautama geht etymologisch auf Sanskrit gotra zurück. Gotra bezeichnet in Indien bis heute das patrilineare System exogamer Clans. Ende meiner Sonntagspredigt.

Samstag, März 01, 2025

Mayadevi

Neuer Monat. Es hat die ganze Nacht geregnet. W. ist in der Früh abgereist. Deshalb musste gestern die Wäsche trocknen. Deshalb fiel der Strom im dümmsten Moment aus. Der Community Manager hat mir nun erklärt, wie ich unser Haus an den Generatorstromkreislauf anschließe. Lieber spät als nie. Bei der Gelegenheit habe ich ihn in die Küche gebeten und er hat mir klaglos eine neue Wasserflasche aufgesetzt. Nun bin ich erstmal allein und versorgt.

Und denke weiter über Buddhas Mutter nach. Sie hieß Maya, wurde und wird auch Mahamaya (die große Maya) oder Mayadevi (Königin Maya oder Göttin Maya) genannt. Tatsächlich war sie die Ehefrau von König Shuddhodana, dem Herrscher des Sakya-Clans, also Königin. Maya war auch die Tochter des Königs von Devadaha, also Prinzessin. Und Devadaha war der Onkel von Shuddhodana, des Gatten Mayas. Maya war also Ehefrau und Cousine von Shuddhodana, Königin und Prinzessin. Reichlich kompliziert! Angeblich haben die beiden, das königliche Cousinenpaar, zwanzig Jahre lang vergeblich versucht, ein Kind zu zeugen. Dann stieg in Mayas Traum eines Nachts ein weißer Elefant vom Himmel und die Träumerin - ihr Name Mâyâ bedeutet im Sanskrit wörtlich "Illusion" oder "Verzauberung" - war überzeugt, dass sie endlich schwanger werde oder sei, und einen starken Sohn gebären würde.

So kam es denn auch. Aber nicht im Palast in Kapilavastu, wo der König und die Königin logierten, sondern draußen in der Welt, in den Lumbinigärten. Mâyâ war auf dem Weg in ihr Elternhaus. Zu ihrer Mutter. Zur eigenen Mutter haben Gebärende mehr Vertrauen, als zur Schwiegermutter oder dem ganzen Hofstaat. Das ist logisch und wird bis heute in gewissen Gesellschaften so praktiziert. Entweder ist Mâyâ in ihrer Sänfte zu spät aufgebrochen, zur Vollmondzeit, wie es heißt. Oder das Kind wollte raus, war ungeduldig und neugierig. Die Geburt setzte in dem Moment ein, als Mâyâ sich in den Blumengärten von Lumbini von der anstrengenden Reise ausruhte und den Zweig eines Baumes berührte. Der Sohn trat aus ihrer rechten Seite und bekam den Namen Siddhartha ("derjenige, der sein Ziel vollendet hat") und Gautama ("Anführer der Herde", "größter Stier") nach der Lineage, der Sippe (vergleichbar der römischen Gens), der er nun angehörte. Der Neugeborene konnte laufen und sprechen, tat sieben Schritte und verkündete, dies werde seine letzte (Wieder-)Geburt sein. 

Mâyâ starb sieben Tage nach der Geburt, wie sich das, wie ich lese, gehört für eine Buddhamutter, und stieg in den Tushita Himmel auf.