Donnerstag, Mai 14, 2026

Begradigtes Gelände

Gestern am späteren Nachmittag rückte der Bagger an und entfernte innert kürzester Zeit (bis die Sonne unterging und der Regen einsetzte) alles Gestrüpp am Ende der unfertigen Straße unter meinem bescheidenen Tempel. Der Baggerfahrer in seiner Kabine wurde von einem Einsatzleiter am Boden instruiert, was von wo wohin umgebaggert werden soll.  

Tatsächlich war bis zum Feierabend die verwilderte Fläche bereinigt und begradigt. Hier stand einst der Schutthügel, der kürzlich nur halbherzig entfernt wurde, um den herum Schulkinder und Mütter täglich ihren Weg nach unten oder nach oben finden mussten, ohne sich ein Bein oder das Genick zu brechen. 

Unter dem Wildwuchs verbargen sich nämlich mehrere einstige Brunnen. Halb oder ganz verschüttete natürliche Wasserläufe, immer noch aktiv. Es ist die ganzen Monate und Jahre, seit wir hier wohnen, nie jemand in einen dieser Brunnenschächte gefallen. Die Nepali, auch in der Hauptstadt, egal ob aus der Provinz zugezogen oder nicht, jung oder alt, Frau oder Mann, scheinen Gefahren instinktiv aus dem Weg zu gehen. Der Bagger hat gestern alle Löcher mit Erde aufgefüllt. Wie nachhaltig das ist, wird sich zeigen. Heute morgen ist das begradigte Gelände jedenfalls eine riesige Matschfläche. Zu dem Wasser aus dem Untergrund kam in der Nacht das Wasser vom Himmel. Es regnete ununterbrochen, bis die Sonne wieder aufging.

Mittwoch, Mai 13, 2026

Vermintes Gelände

Es regnet fast den ganzen Tag. Die Hill-Katzen waren hier schon lange nicht mehr zu Gast. Tom ist verschwunden. Seine Hütte habe ich abgebaut und den Müllmännern übergeben. Sigi hat sich in einen anderen Teil der Siedlung verzogen. Ob sie von einem der Kater, die sie vor etwa drei Monaten tagelang belästigten, gedeckt wurde, weiß ich nicht. Ich sehe weder sie noch ihre jüngsten Nachkommen. Die Designerkatze hockt ab und zu auf dem Mäuerchen vor dem Küchenfenster. Sie schweigt nach wie vor. Will kein Futter, markiert aber rundum. Whity sieht wieder verboten aus. Die Nachbarin meinte kürzlich, so würde ihn gerne "baden". Sein Fell sei voller Ungeziefer. Das ist mir nicht neu. Aber sie fürchte, sagt sie, und ich nicke höflich, dass er sich wehren und ihre Arme zerkratzen könnte. Innerlich schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen. So etwas muss die Natur regeln. Auch an anderen Orten und bei größeren Geschöpfen. Der Kater hinkt seit in paar Tagen. Er läuft dreibeinig, die linke Vorderpfote ist böse angeschlagen und er kann sie nicht aufsetzen. Sein Timbre, einst die krächzende Stimme eines alten Mannes, hat sich seltsamerweise in die eines kranken Kindes verjüngt. Deshalb bekommt er jetzt auf Nachfrage immer einen Nachschlag. Solange er frisst, ist alles gut. Aus der Ferne sichte ich ab und zu Toms Sohn. Ich bin sicher, dass er von Tom abstammt, obwohl er das Fell der Mutter hat. Aber so wie der hier die Wege abschreitet. Mit einer Determiniertheit, die ihn unbestritten als neuen, jungen, drahtigen Chef im Revier ausweist. Und ein fast Rabenschwarzer stromert neuerdings herum, mit unterschiedlich weiß gefärbten Pfoten und ein paar hellen Flecken an den Flanken. Whity kommt mit der ungefähr genau konträren Fellfärbung daher und vertreibt den Eindringling sogar humpelnd sang- und klanglos vom Parkplatz. Die Katzen suchen dort unter den Autos Schutz vor der gnadenlosen Mittagssonne. Im Winter wärmte sich immer eine, nur eine oder einer, strategisch siegessicher auf einer der Motorhauben. In meine nahegelegene Futterzone, an die hintere Küchentür wagt sich außer der fast schneeweißen Hinkepfote niemand. Das ist nach wie vor vermintes Gelände. 

Dienstag, Mai 12, 2026

Fahnengeschichten

Gipfelgeschichten. Sagarmatha hat seinen international bekannten Namen Everest von der ehrwürdigen "Royal Geographical Society" im Jahr 1865 verliehen bekommen. Der Namensgeber, der britische Landvermesser Sir Georg Everest war nicht einverstanden, dass der höchste Gipfel der Erde nach ihm benannt wird. Berge sollten, sagte er, "einheimische" Namen tragen. Also Namen, die ihm die Menschen geben, die zu seinen Füßen leben. Die Menschen, die zu Füßen des Everest leben, hatten immer schon ihre eigenen, nämlich weiblichen Namen. Sie nennen sie, wie bereits berichtet, Sagarmatha oder Qomolangma. Sir George hat den Everest Zeit seines Lebens nie gesehen, geschweige denn vermessen oder gar bestiegen. Vermessen hat Georg Everest - lange bevor ihn Queen Victoria für seine Verdienste zum Ritter schlug - "nur" etwa 2500 Kilometer des 78. Längengrads durch Indien. Dabei ruinierte er seine Gesundheit. Everest wollte das Werk seines Vorgängers William Lambton vollenden. Aber bis hoch in den Himalaya, auf das Dach der Welt, stieß erst sein Nachfolger Andrew Scott Waugh vor. Und der wollte das Werk seines Vorgängers ehren, indem er den von ihm, dem Nachfolger, entdeckten höchsten Gipfel der Erde den Namen Everest aufsetzte.

Sir Georg starb ein Jahr später. Ich weiß nicht, ob aus Gram oder an den Spätfolgen von Malaria oder aufgrund eines Wutanfalls. Angeblich war er rechthaberisch und aufbrausend.

Am Everest und im Internet kochen heute die Emotionen über. Im Base Camp wurde eine indische Fahne gesichtet, die größer ist, als die nepalesische daneben. Dies wird als "illegale Aktivität" und Provokation gewertet. Alle sind rechthaberisch und aufbrausend. Auch im Land der Göttinnen. Die Fahnen sollen von den indisch-tibetischen Grenzpolizisten aufgestellt worden sein, im Gedenken an ihren kürzlich tragisch zu Tode gekommenen nepalesischen Bergführer Lapka Dendi Sherpa.

Montag, Mai 11, 2026

Skarifikation

Ich lerne, Mangobäume heranzuziehen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man lässt den aus der äußeren Schale befreiten Kern trocknen. Oder man legt ihn, nachdem man ihn vorher mit einem scharfen Messer kreuz und quer eingeritzt (= skarifiziert) hat, über Nacht in Wasser ein. Die "trockene" Variante sieht von Tag zu Tag erbärmlicher aus. Der Kern soll 14 Tage lang an einem sonnigen Platz am Fenster trocknen. Dabei bleibt fast gar nichts übrig. Die nasse Variante hingegen gibt Anlass zur Hoffnung. Ich habe den skarifizierten Kern nach Anleitung am Morgen aus dem Wasser genommen, in feuchtes Küchenpapier eingewickelt und in eine Plastiktüte gepackt. Man soll einen Gefrierbeutel nehmen, weil der verschließbar ist. Aber so etwas besitze ich nicht. Eine normale Plastiktüte von meiner Obstfrau tut es auch. Mehrmals umschlungen und auf das Fensterbrett gelegt. Entwickelt sich nach zehn Tagen ein so gesunder Trieb, dass ich den Kern mit dem Keimling nach oben in einen Blumentopf setze. Die beiden trockenen setze ich in zwei andere Blumentöpfe. Und harre nun der Dinge, die da aus der Erde kommen werden. 

Sonntag, Mai 10, 2026

Muttertag

Der Khumbu-Eisfall holt sich sein erstes (oder zweites?) Opfer. Das war nicht meine Absicht, als ich ihm gestern eine Seele zuschrieb. Bijay Ghimire Bishwakarma (was für ein Name!) hat früh am Morgen einen Schwächeanfall im Camp 1. Höhenkrankheit auf 6100 Metern? Er ist erst 35 Jahre alt und wird sofort ins Base Camp gebracht. Er stirbt unterwegs mitten im Khumbueis. Herzstillstand oder Kreislaufversagen?

Bijay ist der zweite Todesfall dieser Saison. Der erste war ein Unfall. Auch unerklärlich. Vor einer Woche stürzte der Bergführer Lapka Dendi Sherpa  auf der letzten Etappe zum Base Camp, auf  dem Weg von Gorak Shep, der letzten bewohnten Siedlung im Everesttal so unglücklich, dass er auf der Stelle verstarb. Die Strecke unterhalb des Basislagers über Moränen des Khumbugletschers gilt weder als technisch anspruchsvoll noch als besonders gefährlich. Lapka führte eine Gruppe der indisch-tibetischen Grenzpolizei an, die Expeditionsteilnehmer konnten ihm nicht mehr helfen.

Bijay war der erste Dalit (unterste hinduistische Kaste, die Unberührbaren), der erste Kaami (Angehörige der ethnischen Gemeinschaft der Bishwakarma innerhalb der Dalits) auf dem höchsten Punkt der Erde, auf der Qomolangma, der tibetischen Mutter des Universums, bzw der Sagarmatha, der nepalesischen Stirn des Himmels. Bijyaj hat den Gipfel, die Mutter des Universums viermal erreicht: 2017, 2019, 2023, 2025. 2026 nicht mehr. 

Sein Name विश्वकर्मा - Bishwakarma war sein Ziel, sage ich: विश्व - Vishna oder Bishwa für das Universum, die Welt oder schlichtweg "alles" und कर्म - Karma. Das berühmte Karma, das wir durch all unsere (guten) Taten und Werke, Gedanken und Handlungen im Laufe eines (einzigen) Lebens generieren, damit es für das nächste zur Verfügung steht. Bishwakarma als der (oder die) Allwirkende. Der Schöpfer des Universums. Möge er ruhen in Frieden oder weiter wandern.

Samstag, Mai 09, 2026

Sturm

Sturm über dem Valley. Und Sturm am Everest. Dort soll es schneien. Hier regnet es. Der Berg wettert! Und die Leute von nah und fern wettern. Alle wollen alles besser wissen, wie dieser - für die Nepali heilige - höchste Berg der Welt vermarktet werden darf, soll oder kann. Den Sherpas - die quasi erfahrene und unerfahrene Bergsteigen gleichermaßen an die Hand nehmen, damit sie zahlen und hochkommen - wirft man vor, sie würden die Situation ausnützen. Klar tun sie das (Hand aufs Herz: wer würde das nicht?), es ist ja auch ihr Leben und das Leben ihrer ganzen Familie, das sie riskieren, indem sie verwöhnte und ambitionierte Menschen an die Hand nehmen und sicher auf das Dach der Welt hinaufgeleiten. Sie holen auch die Leichen hinunter, immer unter extremsten Bedingungen, denn meist gibt der Körper dort auf, wo es am Unwegsamsten ist. Dem Staat wirft man vor, er sei geldgierig. Nun ja, da kenne ich andere Exempel von Geldgier, gekoppelt mit Machtgier. Er, der Staat muss ja letztlich auch mit dem Müll leben, den die Extremsportler hinterlassen. Inklusive Exkremente. Und das Wetter ist nun mal wie es ist. Ich glaube schon, dass dieser Berg - wie jeder andere in seiner unmittelbaren und mittelbaren Nachbarschaft - eine Seele hat. Auch der Khumbu Eisbruch hat seine Seele und weiß, wann er den nächsten Block ins Tal donnern lässt. Alles ist beseelt, nur die Menschen nicht.

Freitag, Mai 08, 2026

Sagarmatha Darshan Yatra 2083

Am Everest stockt gerade vieles. Aufgrund widriger Bedingungen, heftigen Winden und Schneefall. Die Poesie stockt nicht. Nach zwei Wochen Anlauf - im wahrsten Sinne des Wortes - geht heute das erste Hochgebirgs-Literaturfestival "Sagarmatha Darshan Yatra 2083" auf knapp 3000 müM in Pattale Dhap, im Grenzgebiet zwischen Solukhumbu und Okahdhunga zu Ende. 

सगरमाथा - Sagarmatha ist der offizielle nepalesische Name für den Mount Everest. Wörtlich meint सगर - sagar zwar den Himmel, aber सागर - saagar mit langem erstem "a" das Meer, den Ozean. Im Sanskrit ist es etwas unendlich weites und zugleich blaues. Himmel oder Meer?  माथा - matha oder माथाि - mathi bezeichnet alles, was oberhalb und vielleicht unerreichbar weit darüber ist. Naheliegender einfach das Haupt, den Kopf, die Stirn - den herausragendsten Punkt.

Der Start der literarischen Everest-Expedition begann natürlich unten. In Kathmandu. Die Teilnehmer - Beamte im Ruhestand, Tourismusspezialisten, Sozialarbeiter und Künstler - stiegen auf dem legendären Himalayapfad über Lukla, Namche Bazaar, Tengboche, Dingboche und Lobuche ins Everest Base Camp hoch. Auf atem(be)raubende 5364 MüM!

Die erste Lyrik-Session fand in Gorakshep unter dem Kala Patthar vor drei Tagen statt, die zweite vorgestern im Base Camp. Der emeritierte General der Nepalesischen Armee, Poet und Texter Krishna Prasad Bhandari trug im eisigen Wind, umgeben von schneebedeckten Gipfeln seine Gedichte vor, in denen er die Schönheit der Natur Nepals preist, aber auch Themen wie Familie und Arbeit, Identität und Patriotismus nicht ausspart. Die heutige Abschlussveranstaltung moderiert der Tourismusfachmann Ishwari Poudel, Überraschungsgast ist der Schauspieler Manoj Gajurel. Gelesen werden wieder Gedichte von Bhandari, diesmal über den Everest, als titelgebendes Symbol und Nationalstolztstiftendes Naturdenkmal. Ob er dabei auch auf die etymologische Tiefe und Weite und Farbe des सगरमाथा - Sagarmatha eingeht, weiß ich nicht. 

Die Teilnehmer erwartet morgen der weitere Abstieg. Sie sind hochzufrieden mit der körperlich anstrengenden Reise, teilen sie der Presse mit. Beglückt von einer spirituellen Erfahrung aus der Kombination von Natur und Literatur, von wärmenden Worten und kaltem Wind um die Nase.