Freitag, November 07, 2025

Eine Blase

Beim Kaffee in der Sonne auf dem Dach entdecke ich eine respektable Blase am rechten kleinen Zeh, an der linken Innenseite. Sie duckt sich in den Schatten des Nachbarzehs (wie heißt der? An der Hand wäre es der Ringfinger) und ich sichte sie trotzdem. Wundere mich, woher sie kommt. Seit wann sie da ist. Die aufgespannte Haut glänzt, sonst hätte ich sie gar nicht bemerkt. Weh tut sie nicht.

Mit den Buddhas ist es fast wie mit den Blasen an den Füßen in zu engen Schuhen (meine Wanderschuhe  sind keineswegs zu eng!). Mal verstecken sie sich, mal tun sie weh, mal nicht. Meine buddhistischen Mitläuferinnen der letzten Tage behaupteten, nicht nur Buddha (Siddharta Gautama) sei in Nepal geboren, sondern auch alle 8 Inkarnationen vor ihm. Er wäre also der 9. Und der 10. ist Vishnu - sagen die Hindus. Die Buddhavamsa berichtet von 24 Buddhas, die Gautama vorausgingen. Er selbst wäre demnach der 25. und immer noch aktuelle. Der nächste, für die Zukunft erwartete, soll Maitreya sein. Wann er kommt, darüber sind sich die Experten nicht einig. 

Donnerstag, November 06, 2025

Kein Muskelkater

Keine Blasen, kein Wehwehchen, kein Bedauern. Ich kann laufen und habe wieder etwas für die Wand, collecting certificates. Suchbild: wo ist mein Name?


Mittwoch, November 05, 2025

Auf dem Gipfel

Heute abend wird der Mond voll. Der Novembervollmond nach AD, Kartik Shukla Purnima nach BS und NS. Einer der wichtigsten Tage für die Buddhisten, die aller Vorfahren gedenken. So auch der Vorfahren Siddharta Gautamas. In einer Vor-Lumbini Inkarnation soll Buddha nämlich vor ungefähr zweieinhalbtausend (oder sind es doch sechstausend?) Jahren Prinz Mahasattva gewesen sein, der dort, wo wir heute hinlaufen, wo der Namo Buddha Tempel steht, im Gandhaman Wald, sein Leben in einem ultimativen Akt der Barmherzigkeit und Selbstaufopferung aushauchte. Er bot seinen Körper freiwillig einer Tigermutter zum Fraße dar, damit sie ihre fünf Jungen säugen konnte. Prinz Mahasattva war damals in seinem irdischen Leben gerade als Jäger in besagtem Wald unterwegs. Zusammen mit seinen zwei älteren Brüdern und den Eltern, König Maharath und Königin Satyawati von Panchaladesh, dem einstigen Königreich Panuti. 

Schon gestern Abend begann hier das Deep Prajwalan (lamp lighting) und Scharen von Pilgern - nicht nur wir peacewalker - tragen heute brennende Kerzen zum Andenken an ihre Vorfahren. Die Kerzen sollen die ganze nächste Nacht - die Vollmondnacht - brennen und Frieden bringen - nicht nur den Seelen der Verstorbenen.

Wir zwängen uns zuerst durch den Stau auf der Zufahrtsstraße, durch Autos, Busse, Bikes, bis wir in den kühlen Wald abbiegen und auf steilem Wege den Gipfel direkt erreichen. Oben ist ein Volksfest, wir drehen unsere Runden um den buried place - die Grabstätte des sagenhaften Prinzen, bringen unsere Dankesopfer dar, waten durch ein Meer von Blumen und Reis und Rauch. Und steigen euphorisiert wieder ab. Wir haben noch einen langen Heimweg vor uns.

In Panauti sehen wir die Schäden der letztjährigen Überschwemmungen, laufen tapfer, wieder angetrieben von ekstatisch Trommelnden, alle Gassen der Stadt ab, kreuz und quer und deponieren endlich unsere peace lamps im Bhagawan Danda. An dieser Stelle stand angeblich einst der Königspalast, der Panchal Palace, in dem Prinz Mahasattva geboren wurde und aufgewachsen ist. 

Dienstag, November 04, 2025

Ekanta Kumari

Me in Muni Vihar, Bhaktapur an einem frischen Morgen. Bhiksu Bhante - the venerable monk, ein ausgesprochen freundlicher Zeitgenosse - führt uns persönlich zu den 15 Bahas - den heiligen Stätten der Newari in der Stadt. Er erzählt viel, ist gutgelaunt und ich verstehe wenig, sehe umso mehr. 

Im Prashansheel Bihar auf dem Bhaltapur Durbar Square empfängt uns Ekanta Kumari, die lebendige Kindergöttin von Bhaktapur. Wir sind früh zum sightseeing auf den Beinen, weil wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Offenbar ist unser Besuch nicht angemeldet. Jedenfalls ist die 8-Jährige noch nicht angezogen und nicht fertig geschminkt. Das dritte Auge fehlt auf ihrer Stirn, nur die schwarzen Linien führen geschwungen von beiden Augen zu den Schläfen. Sie wirkt wie ein normales Kind im Schlafanzug. Niedlich, etwas pummelig, wenn sie auf einem normalen Stuhl säße und mit den Beinen schlenkern könnte - sie sitzt selbstverständlich im Schneidersitz auf ihrem Thron - , wäre die Entzauberung perfekt. Sie ist still konzentriert und spendet denen, die sich vor ihr verbeugen, Segen und Tika. Ich betrachte sie aus der Distanz, sie mich auch. Mit einer vielleicht ähnlich gearteten Neugier. Ihre Regentschaft begann vor 4 Jahren, also ist sie bereits ihr halbes junges Leben Göttin! Wir treten zurück in den Hof, wo Bhiksu Bhante mit seinen Erklärungen fortfährt. Derweil huscht Ekanta Kumari an der Hand ihrer Mutter oder dyapala (caretaker) an mir, an uns vorbei - nach Hause zum Frühstück und zur Morgentoilette. Ich bin elektrisiert: sie läuft auf ihren eigenen nackten Füßen in normalen slippers. So wie alle hier! Vielleicht ist sie schon zu groß und zu schwer und die dyapala mag sie nicht mehr tragen. Oder es steht gerade keine Sänfte bereit. Ich dachte, ihre Heiligkeit die Kumari dürfte, solange sie das Amt der lebenden Göttin auf Erden ausübt, ebendiese Erde mit ihren Füßen nicht berühren ...  
Bhiksu Bhante scheint nichts Ungewöhnliches gesehen zu haben. Weder den Schlafanzug noch das durch den Hof laufende Mädchen. Als ich später, in Nala beim Lunch, meine Tischnachbarn frage, sagen sie, in Bhaktapur nähme man die Dinge nicht so ernst wie in Kathmandu oder Patan. Als ich zu Hause an meinem Schreibtisch das Internet frage, serviert es mir eine Studie, die ich hier leider nicht verlinken kann, die besagt, dass Ekanta Kumari in Bhaktapur tatsächlich mehr Freiheiten genießt als alle ihre Kolleginnen im Land der lebenden Kindergöttinnen. Sie darf bei ihren Eltern wohnen und mit normalen Kindern spielen und bekommt vom Staat ein Taschengeld.

Ich bleibe bei der Sache und auf dem Weg. Noch laufen wir. Heute geht alles geschmeidiger als gestern. Wir vermeiden Umwege. Die Straßen sind immer noch Straßen - asphaltiert und staubig, voller Löcher. Die Mittagshitze brennt immer noch auf unsere Köpfe. Am späten Nachmittag erreichen wir Chandeswori - wo es sich meine nimmermüden MitläuferInnen nicht nehmen lassen, zu tanzen, und schließlich auch mich hineinzuziehen in ihren Reigen. Weiter nach Banepa. Übernachtung im Dhyanakuti Vihar. 

Montag, November 03, 2025

peace walk II

Ich mache einen zweiten Versuch, zu Fuß von Swayambhu zu Namo Buddha zu kommen. Letztes Jahr sind wir mehr gefahren als gelaufen. Wir versammeln uns zum Frühstück im Anandakuti Vivar. Swayambhu wird vulgo Affentempel genannt, der Affen wegen, die hier, in den Bäumen, auf den Dächern, in den Tempeln, zwischen Mönchen, Betenden, Meditierenden, Touristen, Flötenden und Trommelnden, Kitschanbietern, Kerzenfrauen, Weihrauchdampf und Wasserflaschen auf immer und ewig Wohnrecht haben. 

Dann laufen wir los, eskortiert von einer Trommelgruppe. Blutjunge Jungs und Mädels, die uns mit unglaublicher Schlagkraft quer durch Kathmandu bis zur Boudhanath Stupa führen. Aus der Stadt heraus laufen wir unbegleitet, immer weiter nach Osten. Geradewegs. Bis Bhaktapur. Ohne Regen, ohne Mitfahrgelegenheit. Nur die Rucksäcke werden uns nach dem Mittagessen abgenommen und in das Auto des medizinischen Begleiters geladen. Es ist trotzdem heiß und staubig. Wir laufen lange auf der falschen Ausfallstraße und machen einen Umweg von mindestens zwei Stunden (was uns erst übermorgen verraten werden wird). Die Sonne geht unter und als ich schon glaube, wir kämen nie an, sind wir angekommen! 




  

Sonntag, November 02, 2025

Allerseelen

Allerseelen ist anderswo. Hier Arbeitstag, Sonntag, kein Ruhetag. Leichte Wetterbesserung. Die Müllkippenblockade wird aufgehoben. Der Interimsinnenminister verspricht den Anwohnern, dass innerhalb von zwei Wochen alle Zusagen, die frühere Regierungen machten, erfüllt werden. Wenn nicht, darf wieder gestreikt werden. Müssen die Müllautos sich wieder irgendwo anstellen. Wenig Zuversicht. 

Ich packe. Etwas gegen Regen. Etwas gegen Kälte. Trotz Sonntag, soll ich mich ausruhen. Und gut essen. Essen ist etwas fundamental wichtiges in diesem Land.

Samstag, November 01, 2025

Haribodhani Ekadashi

Immer noch Regen. W ist sicher gelandet und schläft. Lord Vishnu hingegen wacht heute, an Haribodhani Ekadashi auf aus seinem kosmischen Schlaf, in den er vor ungefähr vier Monaten, an Harishayani Ekadashi gefallen ist. Ekadashi ist, wie wir wissen immer der elfte Tag einer Mondphase, der zunehmenden oder abnehmenden. Heute der hellen, also zunehmenden und in 4 Tagen wird Vollmond sein. Der Himmel zeigt sich gerade Tag und Nacht bedeckt, so dass es überhaupt keinen Unterschied macht, ob wir uns in der hellen oder dunkeln Phase befinden. Trotzdem ist heute das allerallerwichtigste Ekadashi des Jahres, es ist das Große Ekadashi - die große 11? - oder das Thulsi- Ekadashi - das Basilikumekadashi. Oder Tulasi Bibaha. Das Basilikum, das gepflanzt wurde, als Lord Vishun schlafen ging, ist nun erntereif. Es wird heute rituell mit der ficus religiosa vermählt, dem Bodhibaum oder Peepaltree. Die Gebete zu Ehren des Basilikums wecken Lord Vishnu auf und natürlich ist, wie könnte es anders sein, mit der Pflanzenhochzeit der heilige Bund Lords Vishnus mit Mother Lakshmi gemeint. Wetter hin oder her, die Geschichten sind immer wieder herzerweichend schön.

देवी त्वं निर्मिता पूर्वमर्चितासि मुनीश्वरैः ।
नमो नमस्ते तुलसी पापं हर हरिप्रिये ।।