Dienstag, Oktober 07, 2025

Purnima

Dienstag, der 7. Oktober. Purnima - Vollmond. Endgültiges Ende von Dashain. Endgültiges Ende von public holiday. Ich wache wie immer um 05:05 am auf, es ist noch dunkel und im Bad brennt kein Licht. Also wieder kein Strom! Wieder shortcut. Wieder glücklicherweise ohne Feuer im Dach. Ich warte eine Stunde, bis ich die landlady mit dem Wort zum neuen Tag wecke: again no electricity! Sie braucht eine weitere Stunde, um die Nachricht zu verdauen und schickt einen der guards, der gerade seine Nachtschicht beendet. Der sagt etwas, was ich nicht verstehe, verschwindet wieder und 5 Minuten später, um 07:06 am ist der Strom da! Woher auch immer. Ich stelle die Waschmaschine an, lade mein Smartphone und setze Wasser auf. Um 10:20 am ist der Strom wieder komplett weg. Vielleicht ist wieder einmal cityline-cut. Ich habe gerade meine zweite Waschmaschine in Gang gesetzt. Es gilt, die Sonne auszunützen. Einweichen schadet nichts. Es klingelt und ich laufe alle Treppen hinunter. Trinkwasser wird geliefert. 40 Liter. Ich mag die Wassermänner, die sind immer gut gelaunt. Um 12:05 pm ist der Strom wieder da, ohne dass der um 11:34 am angekündigte (is on the way) Elektriker aufgetaucht wäre. Die Waschmaschine wäscht ein bisschen. Ich habe leichtsinnigerweise cotton eco gewählt. Das dauert!  Um 12:29 pm kommen zwei Männer, die Ws Schreibtisch vom zweiten in den ersten Stock hinunter tragen. Ich gebe ihnen Trinkgeld, das sie nicht annehmen wollen. Um 12:52 pm ist der Strom wieder weg. Um 1:23 pm ruft der Darazkurier an. Zwei Minuten später überreicht er mir zwei Päckchen für unser zukünftiges Leben und schenkt mir ein Lächeln. Um 1:41 pm kommt der Elektriker pfeifend um die Ecke und nimmt mir auf einen Schlag alle Sorgen. Nach einer Stunde findet er den shortcut in einer nassen Wand und um 2:59 pm kann ich meine Weißwäsche aufhängen.

Vor zwei Jahren aßen wir zu Abend im Sabai Jai am Bahnhof in Itzehoe und beschlossen, für uns beide überraschend, nach Nepal zu ziehen. Also doch Feiertag heute, wenn auch nicht public. 

Montag, Oktober 06, 2025

no fire two

Montag. Immer noch public holiday. Immer noch unpassierbare Straßen. Bei uns eitel Sonnenschein. Trotzdem sind fast alle shutterstores auf der Golfutar geschlossen. Wegen Abwesenheit der shopkeeper. Oder wegen Abwesenheit der Waren.

Über Nacht ist der Strom unter unserem tropfenden Dach wieder gegangen, wohin auch immer. Wieder, ohne sich abzumelden. W drückt die Sicherung kurzerhand rein - was ich nicht wagte - und die Waschmaschine läuft. Am Nachmittag sitzen wir frohgemut im Roots an der Sonne und trinken Blaubeerlassi. Auf dem Heimweg sehen wir, dass auch Dragon seine shutters noch nicht wieder hochgezogen hat. Also gehen wir nach Hause und bestellen bei foodmandu japanische Nudelsuppe. Scharf! Bis das Essen kommt - es dauert länger als sonst, da mindestens die Hälfte der Köche und Kurier noch nicht wieder an ihrem Arbeitsplatz in der Hauptstadt eingetroffen sind - sitzen wir auf dem Dach und gucken in den Abendhimmel. Oben ist es trocken. Unten tropft es unablässig. Wir machen Pläne für die Zukunft. In diesem Tropfsteinhaus ist unser Bleibens nicht! Während wir sinnieren, macht der Strom seine eigenen 'Pläne und ist prompt auf und davon. Und als ob das nicht genug wäre, entdecke ich in Ws Arbeitszimmer eine zweite tropfende Stelle an der Decke. Ich hole den grünen Eimer und platziere ihn exakt darunter. Statt Suppe zu löffeln, räumen wir Ws Schreibtisch ab, bringen die sensiblen Geräte ins Trockene. Der Elektriker kommt gegen 22 Uhr auf dem Motorrad. Trotz später Stunde läuft er gut gelaunt durch das ganze Haus, von unten nach oben und von oben nach unten. Einige der Deckenlampen haben seltsamerweise Strom. Aber so ist das immer. Den Kurzschluss findet er nicht. Diesmal hat es hat eine der drei Hauptsicherungen unten im Hauptsicherungskasten rausgehauen, zu dem wir ohne Hauptschlüssel gar keinen Zugang haben. 

Sonntag, Oktober 05, 2025

no fire!

Sonntag. Public holiday wegen Unwetter. Starkregen. Erdrutsche. Über die Ufer getretene Flüsse. Gestern hat es den ganzen Tag geregnet und den ganzen Tag gewittert. Auch die Nacht davor sowie die Nacht danach. Also die Nacht auf heute. Pünktlich mit dem Aufgang der Sonne endet der Regen, auch das Donnern und Blitzen. Sie ist an der Reihe, und die Monsunwolken ziehen sich unentschlossen zurück. Wir werden wieder kommen! Alle Zufahrtstraßen zum Kathmandu Valley und zur Hauptstadt wurden gestern Nachmittag bis auf weiteres gesperrt. Trotzdem gibt es Ertrunkene, Weggespült, vom Blitz getroffene. 

Public holiday hat die Interimsregierung verhängt. Sie will nichts falsch machen. Arbeiten müssen heute nur Mitarbeiter des disaster managements sowie wesentliche Dienstleister. Wie beispielsweise der Elektriker, den wir über unsere landlady notfallmäßig rufen lassen müssen. Als ich nämlich erfrischt und beglückt vom Morgenqigong unter dem Laxmibaum wieder nach Hause kam, gab es im zweiten Stock, in unseren Arbeitszimmern unter dem tropfenden Dach, keinen Strom mehr. Das ist erstmal nicht weiter ungewöhnlich. Ungewöhnlich war, dass auch der Router offline war und das Internet tot. Der Router hängt an einer Sicherheitsstromleitung, die nie ausfällt, wenn der citystrom ausfällt. Und ungewöhnlich ist natürlich, dass es stinkt im Flur. Verbrannt, verschmort. Ich öffne den Sicherungskasten und drücke die Sicherungen, die rausgeflogen sind wieder rein. Nichts passiert. Auch im ersten Stock und im Erdgeschoss sind einzelne Sicherungen rausgeflogen. Aber der Kühlschrank hat Strom und auch der Wasserkocher kocht. Ich verfalle trotzdem in Panik und wecke etwas unsanft den Gatten.   

Der Elektriker kommt gegen Mittag pfeifend und gutgelaunt zu seinem emergency Einsatz an public holiday. Er stellt den Hauptstromschalter auf off, schraubt alle Sicherungskästen auf, zieht verkohlte Kabel heraus und sagte: "You are lucky, no fire!" Er ist die Ruhe selbst und Stunden damit beschäftigt, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. 

Samstag, Oktober 04, 2025

Dwadashi

Dwadashi ist der 12. Tag des derzeit zunehmenden Mondes (shukla paksha). Dwadashi folgt immer auf Ekadashi, auch in der anderen Hälfte des Mondzyklus. Also wenn der Mond abnimmt (krishna paksha). Wir hatte das schon des öftern hier, dass alles sich vierzehntäglich wiederholt. Ekadashi ist immer ein Fasttag und an Dwadashi wird immer das eintägige Fasten gebrochen. Heute ist Samstag. 18. Ashoj. Kein Feiertag, kein public holiday, sondern ein normaler freier Samstag. Die Hindufrauen, die sonst immer am Samstag fasten, dürfen heute essen. Alles unabhängig von Dashain. Tika und Jamara können bis Purnima weiterhin verteilt und empfangen werden. Es regnet. Zwischendurch blitzt und donnert es. Durga und ihre Inkarnationen sind wohl unwohl nach dem Besuch auf Erden. Es hat die ganze Nacht geregnet und wird voraussichtlich den ganzen Tag weiterregnen. Die NDRRMA (National Diaster Risk Reduction and Management Authority - was für ein Name für eine Behörde!) warnt weiterhin vor Reisen und verbietet bis Montag LKWs und Fernbusse auf den Straßen des ganzen Landes. Es ist kalt und ich ziehe zum erstenmal seit Monaten Wollstrümpfe über meine Füße nach dem Trampolin. Die Polizei patrouilliert seit dem frühen Morgen an den Flussufern im Kathmandu Valley und registriert steigende Pegel.

Freitag, Oktober 03, 2025

Papankusha Ekadashi

Freitag. 17. Ashoj. Feiertag. Fasttag. Wer heute auf Nahrung verzichtet soll von allen Sünden befreit, reingewaschen werden, die bewusst oder unbewusst begangen wurden. Am späten Nachmittag setzt der versprochene Regen ein. 

Donnerstag, Oktober 02, 2025

Bijaya Dashami

Donnerstag. Feiertag. 16. Ashoj. Bijaya Dashami. Regen in der Nacht und am Morgen. Der Monsun ist zurück oder hat uns noch gar nicht verlassen. Das Department für Hydrologie und Meteorologie teilt mit, dass die Monsunwinde, reaktiviert durch ein anmarschierendes Tiefdruckgebiet aus Indien bzw dem Golf von Bengalen, seit letzter Nacht dem Kathmandu Valley und anderen Gebieten des Landes Niederschläge bescheren. Es warnt vor heftigen Regenfällen in den nächsten Tagen und rät zum Verzicht auf unnötige Reisen, vor allem des Nachts. Flüsse könnten über die Ufer treten, Straßen überflutet oder von Erdrutschen verschüttet werden. Im ganzen Land, aber vor allem in den Provinzen Koshi, Madhesch, Bagmati, Gandaki und Lumbini.  

Heute ist der wichtigste Tag von Dashain, der Zehnte, manche sagen, der letzte von Fünfzehn. Also beginnt morgen für die halbe Million Menschen, die Kathmandu kürzlich verlassen haben, die Rückreise aus den entlegendsten Dörfern. Ab Sonntag wird in der Hauptstadt wieder gearbeitet. Heute empfangen und spenden alle Tika. Die Älteren den Jüngeren. Als auspicious time bestimmten die Astrologen 11:53 am, betonten aber, dass dies für normale Menschen nicht verpflichtend sei. Man kann Tika (eine Mischung aus Reis, Yoghurt und Vermillion-Zinnober auf die Stirn appliziert) und Jamara (das seit Ghatasthapana gesprossene Gerstengras) bis Vollmond mit genausoviel Hoffnung auf Glück und Segen verteilen.

Präsident Paudel und Interimspremierministerin Karki verzichten beide angesichts der nationalen Lage auf Tika Audienzen.

Mittwoch, Oktober 01, 2025

Maha Nawami

Mittwoch. 15. Ashoj. Feiertag. Maha Nawami. Die Nacht war schwarz für Kali, die Böse. Kalaratri. Der Tag, der neunte von Dashain, der neunte des zunehmenden Mondes, wird heiß. Er gehört den Göttinnen Durga Bhawani und Chamunda. Letztere soll den Dämon Raktabij an diesem neunten Tag nach Neumond getötet haben. Also ein weiterer Sieg einer Guten über einen Bösen.

Derweil salbt Präsident Paudel im Präsidentenpalast die Füße von 9 Jungfrauen (Navakanya), sie sollen heute symbolisch die neun Inkarnationen der Göttin Nawadurga auf Erden vertreten. 

Mit den Jungfrauen ist es so eine Sache. Wie mit den Frauen überhaupt. Gestern wurde die neue "living goddess" inthronisiert, die Kindergöttin Kumari. Die zweieinhalbjährige Aryatara Shakya löst Trishna Shakya ab, die pünktlich mit ihrer ersten Monatsblutung aus dem buddhistisch-hinduistischen Göttinnenuniversum zurück ins irdische Leben verstoßen wird. Das ist nicht einfach für ein Mädchen, das zehn oder mehr Jahre seines jungen Lebens als lebende Göttin hinter den Gittern der Tradition verbracht hat und künftig seine "Tage" in einer Chaupadi verbringen darf. Kürzlich wurden in Kanchanpur von den Behörden 150 dieser Chaupadi (menstrual huts) zerstört. Um der Unsitte, unreine, weil menstruierende Frauen von Haus und Herd und heiligen Stätten zu vertreiben, und in schmutzige Viehhütten zu sperren, die längst unter Strafe steht, ein Ende zu setzen. Die Hütten werden traditionsgemäß so schnell wieder aus dem Boden schießen, wie sie diesem Erdboden gleichgemacht wurden. Menstruierende Frauen haben bis heute an keinem der Dashaintage Zugang zu den Tempeln. Daran ändert die Salbung des Präsidenten nichts. Seine weiblichen Gäste wurden sorgfältig ausgesucht und sind erwiesenermaßen im vormenstruierenden Alter.