Mittwoch, Mai 07, 2025

Black Hero

Endlich ist er am Horizont aufgetaucht: Rajesh, my personal driver! Seit bald 7 Wochen bestelle ich an 5 Tagen der Woche täglich zweimal einen Fahrer von inDrive. Der erste bringt mich auf seiner Honda oder Yamaha nach Thamel, der zweite auf ebenso einem Teil zurück nach Hattigauda. Manche reden, manche nicht. Mir ist es lieber, wenn sie sich nicht reden und sich auf das Fahren konzentrieren. Manche wollen wissen what's your country oder how long are you in Nepal. Alle, ob sie schweigen oder nicht in dem höllischen Lärm rundum, bewegen sich absolut souverän mit ihren Maschinen durch das absolute Chaos. Um nicht als blöde Touristin hinten zu sitzen, sage ich jedem, der es hören will, dass ich im Chhaya Center - meiner immergleichen Hinbring- oder Abhol-Destination - weder shoppe noch zum Frisör gehe oder Filme gucke, sondern ihre Sprache lerne: Ma nepali bhasa sikdai chhu.  

Als ich heute abend auf dem Hill von Rajeshs Black Hero stieg, fragte er mich, ob ich jeden Tag zu dieser Zeit nach Hause gefahren werden möchte. Yes, antwortete ich und zählte ihm sein Honorar mit Trinkgeld auf die Hand, every day. Monday til friday, sombaar dekhi sukrabar. Unterwegs hatte er mich gefragt, ob ich die location, zu der er mich bringen soll, kenne. Diese Frage stellen viele, und alle sind erleichtert, wenn ich bejahe. Dann entlaste ich sie nämlich auf den letzten Metern und führe sie mittlerweile routiniert und höflich, noch ein bisschen geradeaus, sidha janus, und hier bitte nach rechts, daayaa modnus bis vor meine Haustür. Rajesh hatte mir außerdem unterwegs erzählt, dass er nicht weit von meiner location sein Zimmer (my room) habe. Also wohnt er bescheiden und ist ein kluger Kopf! Ein Mann, der denken kann. Der seinen Heimweg mit meinem kombiniert. Er könne mich jeden Abend, verspricht er, zu dieser Zeit abholen. Und bittet mich, nicht mehr über inDrive zu buchen. Gesagt, getan. Same time, same price. Handschlag. My private driver!  

Auf diese brillante Geschäftsidee kam in genau 29 Schultagen (2 x war Feiertag, 1 x sagte Pranai ab und 1 x schwänzte ich, weil die Maler im Haus waren) mit genau 58 Fahrten resp. 57 Fahrern (sie waren ausnahmslos männlich, und nur einer, der erste, dieser Tausendsassa kam zweimal) keiner. Bis heute - am 30. Schultag der 58. Fahrer auf seiner Black Hero.

Dienstag, Mai 06, 2025

Das imprägnierte Haus

Das frisch renovierte Haus lebt. Es kann atmen und trinken. Es ist Wind- und Wasserdurchlässig. Oben auf das Dach und auf alle vorstehenden Simse und Zinnen bekam es Marmor und frischen Beton, rundum eine dicke Schicht weißer Farbe. Unten hat es nasse Füße.

So ein Wetter wie diesen Winter, sagen unsere hier geborenen Freunde, gab es noch nie. Ein viel zu warmer Winter, viel zu trockener Frühling, viel zu heißer April, viel zu nasser Start in den Mai ... Die Frage, ob der Monsun bereits da sei, wird immer verneint. Nein, unmöglich! 

Alles ist möglich, nur das nicht. 

Gestern abend regnete es heftig und heute Mittag noch heftiger. Statt Vokabeln zu lernen oder den Pool zu nutzen, lege ich das Wohnzimmer trocken und laufe mit Lappen treppauf, treppab auf der Suche nach weiteren Pfützen. 

Montag, Mai 05, 2025

Jacarandasegen

Nach dem Wochenende wieder auf dem Bike in meine Schule. Und wieder ist die Stadt ganz anders. In leuchtendes Violett getaucht. Ich mag es gar nicht glauben und kann während der rasanten Fahrt nicht knipsen. Das tun andere von Berufs wegen geschickter als ich.

Im Klassenzimmer sitze ich allein mit Pranai. Er bringt mir, auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin, die 36 nepalesischen Konsonanten bei. Ich schwitze wie eine Erstklässlerin. Das ungeschickte Malen der ungewohnten Linien und Bogen ist das Eine. Das ungewohnte Artikulieren das Andere. Konsonanten sind hier Silben, die in einem geometrischen Netz angeordnet werden können. 7 Linien, 5 Positionen. Barsha macht das überzeugend vor.

Auf dem Heimweg wird es dunkel, der Jacarandasegen ist wie ein Abendgebet.

Sonntag, Mai 04, 2025

Schmetterlingseisenbahn

Es hat in der Nach geregnet und es regnet den ganzen Morgen in Strömen. Um das Haus bildet sich wieder ein See. Ganz ohne geplatzte Wasserleitung. So muss es während der Regenzeit sein. Vielleicht hat sie bereits begonnen. Tom bettelt nicht und will nicht aus seiner Hütte kommen. Ich serviere ihm das Frühstück unter der offenen Küchentür. Kaum hat er es verputzt, zieht er sich wieder unter seine frisch gestrichene Spüle in seine zerbeulte Schlafbox zurück. Vielleicht ist auch er einfach nur froh, dass keine fremden Menschen mehr in unserem kleinen Hinterhof herumstehen, herumlärmen, herumsteigen, herummachen, herumtelefonieren, herumfuhrwerken, herum ... herum ... herum ...

W schläft bis zum Mittag und will gar nicht glauben, dass es in Strömen geregnet hat. Die Sonne scheint und der See ums Haus ist ausgetrocknet. So schnell ändert sich hier alles. Ständig und rapide. Im Schnellzugstempo, obwohl es in diesem Land keine Schnellzüge gibt. Am Freitag kam in dem lyrischen Heimatliebessong, den mir Pranai mitgebracht hat, die interessante Metapher der vielleicht elektrisch hell erleuchteten und [durch die Nacht?] fahrenden "Schmetterlingseisenbahn" vor: Bijuli baleko hola maj janey putali relaima ... auch mal schlecht nachgesungen, dafür einleuchtend visualisiert.

Es gibt zum Origininalvideo ein "Behind the scenes" - wie immer ist so ein dahinter auch einleuchtend, lustig, tiefsinnig, viel spannender und weniger romantisch im Regen hinter Scheibenwischern, und so weiter und so fort. Höchst sehens- und hörenswert!

Samstag, Mai 03, 2025

Naya Patrika

Ich marschiere am Morgen mit meinem bis auf wenige MB vollen Notebook zu meinem Gewährsmann auf der lauten Golfutar. Er schläft in der Ecke hinter dem Tresen, auf dem Bildschirm vor ihm spult sich in derselben Ecke die Geschichte irgendeines Heimatfilms ab. Auf mein namaste springt er sofort auf und macht sich an die Arbeit. Schraubt das Teil auf, setzt eine neue Festplatte ein, steckt die alte mit meinen sensiblen und unsensiblen Daten in ein schwarzes Kästchen, das ich mit Kabel und USB-Stecker mit der neuen Festplatte verbinden kann. Dann installiert er mir alle meine Programme. Weil das ein bisschen dauert, unterhalten wir uns gepflegt. Auf dem Tresen liegt die heutige Ausgabe der नयाँ पत्रिका. Der Computerspezialist transkribiert mir den Titel und erklärt: Naya = new, Patrika = paper. Newspaper. Wie alle Nepali sagt auch er, ich würde die Sprache im Nu lernen. No problem. Easy. Die einfachste Sprache der Welt! 

Den Rest des Tages verbringe ich damit, meine alte Routine mit der neuen Festplatte wieder zu erlangen.       

Freitag, Mai 02, 2025

2. Mai

Die Handwerker packen ihr Zeug zusammen. Bauen die Bambusstangen ab. Putzen den letzten Dreck weg. Nehmen den Müll, ihre Arbeitsklamotten und ihre Slippers mit. Slippers heißen hier chapaal, feste Schuhe jutta. Chapaal erinnert von ferne an Antons Schlärpli, Jutta an eine Mitsängerin. Mit anderen Worten: Der Sprache ist nicht zu trauen. Sie führt nur in die Irre. Und ich traue meinen Augen nicht, als ich nach meiner Privatstunde, die anderen foreigners sind alle ausgeflogen übers lange Wochenende, vor dem Haus vom Bike steige. Nach genau zwei Monaten ist der Spuk einfach vorbei.

Donnerstag, Mai 01, 2025

1. Mai

Aufatmen. Ein heftiges Gewitter in der Früh, danach viel Regen. Feiertag auch in Nepal. World Workers Day. W kommt so wie er gegangen ist, über Istanbul. Am Nachmittag klart es auf und die Wäsche trocknet im Nu. Wir trinken unter den wieder flatternden buddhistischen Fahnen den ersten sundowner. Ich musste sie im Zuge der Fassadenarbeiten abnehmen, ein paar Farbkleckse haben sie trotzdem abbekommen. Macht nichts. Wir leben in einer bunten Welt.