Freitag, Januar 31, 2025

Aplomb

Zum Ende des Monats Januar nach unserem Kalender Anno Domini 2025 ein neues Wort: Der Aplomb. Hört sich ein bisschen an wie A-bombe (Hiroshima) oder A-Plombe (Zahnarzt) und passt aber wie angegossen auf den deutschen März (oder schreibt der Monat sich jetzt Merz?). 

Der Aplomp ist natürlich männlich, beweist Rückgrat (eine kerzengerade, aufrechte und aufrichtige Haltung), hat ein selbstsicheres Auftreten, ist beratungsresistent und immun gegen jede Kritik wie eine Teflonpfanne. Beherrscht obendrein perfekt die perfide Rede. Er beweist Dreistigkeit und Rücksichtslosigkeit und wenn es um das Durchsetzen eigener Ziele geht, sind ihm auch Ellbogen recht!

Im Ballett meint der Aplomp Standfestigkeit von weiblichen und männlichen Tanzenden (so schreibt man heute korrekterweise) - also die Stabilität in einer vertikalen Bewegung oder Pose. Oder vulgo Balance. Die Wirbelsäule, lese ich, sei der Ursprung des tänzerischen Aplombs, ein durchtrainierter Rücken verschafft Haltung. Womit wir wieder bei Merz angekommen wären. Oder sind.

Le plomb ist französisch (aus dem lateinischen plumbum für Blei) für Lot, auch Senkblei, Bleischrot, Klemmblei, Bleikugel und tatsächlich auch die Füllung im Zahn! Meine jahrzehntealte Amalgamfüllung im rechten hinteren Backenzahn wackelt, weil ich mir kürzlich dort wohl an einer harten Nuss ein Stück Zahn abgebissen habe. Ende Januar AD 2025!

Donnerstag, Januar 30, 2025

Sonam Lhosar

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Public Holiday. Heute feiern die Tamang und Hyolmo Neujahr. Sonam Lhosar oder Tamang Lhosar fällt nach dem zweiten Neumond nach der Wintersonnenwende auf den ersten Tag des zunehmenden Mondes, Shukla Pratipada (= Name für den ersten Tithi, den ersten Mondtag des folgenden Mondmonats). Paksha ist die Mondwoche. Lhosar, wir wissen es schon ist ein Wort aus dem Tibetischen: Lho für Jahr und sar für Wechsel oder neu. Der Jahreswechsel beginnt traditionell mit Hausputz und Hausschmuck. Frische bunt leuchtende buddhistische Gebetsfahnen werden aufgehängt. Alle sind gut gelaunt und beten für Frieden und Harmonie! Die Tamang sind sehr naturverbunden und folgen auch den 12 Tierkreiszeichen. Ich nehme an, auch für sie beginnt jetzt das Jahr der Schlange.


P.S. Die Nachrichten aus Europa schlängeln sich bis in den Himalaya hoch. Leider! Aber ich habe einst gebetsmühlenartig wiederholt, dass Herr Merz der Erste sein wird, der der AfD die Hand reicht - um seine Macht zu festigen! Ihr kennt ihn doch auch, was wundert Ihr Euch also? Und ich weiß, dass einige meiner ehemaligen Nachbarn in Dithmarschen darüber gar nicht unglücklich sind und dass andere jetzt anfangen zu beten.

Mittwoch, Januar 29, 2025

Das Jahr der Holz-Schlange

Frühlingsfest in China und andernorts. In Bhaktapur wurde schon vor zehn Tagen gefeiert, gerade als wir Guangzhou verließen. Die Japaner beginnen das Jahr traditionell am 1. Januar und ich bekomme von der japanischen Illustratorin meiner Hooger Nüsse immer rechtzeitig einen Neujahrsgruß, auch in diesem Jahr hatte ich bereits am 1.1. eine minimalistisch animierte hölzerne Schlange in meinem elektronischen Postfach. Das Jahr der Holz-Schlange beginnt aber eigentlich erst heute mit dem Neumond. Es ist mein dritter Neumond auf dem Hill. Und auch heute - ob Zufall oder Shivas Fügung lassen wir dahingestellt - läuft unser erstes, einmal verlängertes Visum in Nepal aus. Entgegen aller freundlichen Aussagen aller freundlichen neuen Freunde kann ein neues Visum erst beantragt werden, wenn das alte nicht mehr gültig ist. Also Morgen. Das ist so wie mit den 20-Liter-Trinkwasser-AquaHundred-Pfandbottichen - ich bekomme einen vollen nur gegen einen leeren.

Auf dem nepalesischen Kalender BS ist heute der 16 Magh 2081. Public holiday im Dreierpack: Shahid Diwas, Madhav Narayan Mela (the end), Tribeni Mela. Bleiben wir beim ersten, wichtigsten: Shahid Diwas ist der Märtyrertag und PM Oli hat am Shahid Gate seinen Kranz niedergelegt, im Gedenken an die vier bekanntesten und die unzählig unbekannten Männer und Frauen, die erfolgreich oder erfolglos gegen das 105-jährige tyrannische (iron-fisted) Rana-Regime gekämpft, ihr Leben für die Nation hingegeben und dem Land den Weg in eine bessere Zukunft gewiesen hatten. Die 4 Hauptmärtyrer wurden 1941 von den Schlächtern der Ranas hingerichtet: Dharma Bhakta Mathema und Shukra Raj Shastri gehängt, Ganga Lal Shrestha und Dashrath Chand erschossen. 20 Jahre nach der Exekution wurde in Kathmandu das Shahid Gate mit den vier Statuen der Märtyrer, zwei zu beiden Seiten des Tores, so dass von beiden Richtungen jeweils einer zu sehen ist, von König Mahendra, dem Sohn und Nachfolger Tribhuvans auf dem Thron, eingeweiht. Oben auf dem Gate sitzt ab und an noch eine fünfte Statue, die von König Tribhuvan höchstselbst. Die wird je nach politischer Wetterlage immer mal wieder ins Palastmuseum umgesiedelt und dann wieder den Gaffern und dem Smog der Hauptstadt ausgesetzt. König Tribhuvan wurde als Fünfjähriger 1911 auf den Thron gehievt und war offiziell bis zu seinem frühen Tod am 13. März 1955 (in einer Klinik Zürich, an einem Herzinfarkt?) im Amt. Faktisch stand er als Kind unter der Fuchtel seiner Mutter und als Erwachsener unter der Fuchtel des Rana-Clans. Im Winter 1950/51 brach die Revolution aus, Tribhuvan floh kurzzeitig nach Indien, kehrte als konstitutioneller Monarch zurück und hatte nach der Absetzung oder Abdankung des letzten Rana-PMs nichts gegen eine demokratische Regierung. Er ist im kollektiven Gedächtnis offenbar ein Guter, vielleicht ist diese Einordnung auch der Gnade seines frühen Todes geschuldet. Jedenfalls ist nach ihm ist der internationale Flughafen in Kathmandu benannt, sowie die größte Universität und der erste Highway des Landes, das zweitälteste Fußballtournier - und die Stadt Tribhuvannagar, heute Teil der größten Submetropole Ghorahi in der Provinz Lumbini. 

Die Shahids, die Märtyrer sind - wie manche behaupten, allgemein viel zu wenig bekannt. Deshalb soll man heute Kränze zu ihren kalten Füßen niederlegen und Reden halten und Gutes tun. Einer ist aber verewigt in the Metropolitan City of Kathmandu: Das Fußballstadion oder Nationalstadion - in dem seit unserer Ankunft schon denkwürdige Spiele stattfanden - trägt den Namen von Shahid Dashrath Chand.

Die Chinesischen Astrologen übrigens sagen, uns stehe ein Jahr voller Weisheit, Klugheit und Charme bevor.

Dienstag, Januar 28, 2025

Das Kopfüber

Das ist unsere Trinkwasser-Anlage. Unten ein dispenser mit ein paar Notlitern, oben kopfüber der 19-Liter-Bottich der Firma AquaHundred. Dieser speist den dispenser, bis er seinen Inhalt, die ganzen neunzehn Liter Wasser, nach unten abgegeben hat. Dann muss wieder ein voller 19-L-Container aufgesetzt werden, sonst trocknet der dispenser alsbald aus. 

Die Herausforderung unseres neuen Lebens ist das Kopfüber von 19 Litern Wasser. Die aus hygienischen Gründen verschweißte Hartplastikkapsel entfernen, die offene bottle vom Boden hochheben und kopfüber auf den dispenser auf der Anrichte hieven, ohne einen Tropfen Trinkwasser zu verschütten. 

Immer dienstags, also heute, wird nachgeliefert. Pro leere AquaHundred-bottle kann ich eine volle kaufen. Manchmal werden pro Woche zwei leer, manchmal nur eine, das hängt einerseits davon ab, wie der Wasserstand am vorausgegangenen Dienstag war, andererseits davon, wieviel Trinkwasser wir in 7 Tagen verbrauchen. Nicht nur zum (Tee- oder Kaffee-) Trinken, sondern auch zum (Mo:Mo-)Kochen, Waschen von grünem Gemüse (leafy greens with high pesticide level), Tomaten, Trauben uam, zum Einweichen von Red Chana, roten oder grünen Linsen. Und last but not least: ob ich alleine bin oder ob wir zu zweit saufen. 

Wir haben immer mindestens einen vollen Bottich in Reserve. Es ist also keine Frage der Versorgung, die Notlage - wenn es denn zu einer kommt - besteht im wahrsten Sinne des Wortes in der Lage des Wassers. Trinkwasser haben wir immer ausreichend. Aber es befindet sich nicht immer an der richtigen Stelle und dann kann es nicht fließen. 

W. hat zwei linke Hände, immer schon gehabt und daran wird sich auch nichts mehr ändern. Einmal ist ihm ein voller, aber bereits offener AquaHundred-Bottich aus der Hand gerutscht. Das reicht für ein lebenslängliches Trauma. Und ich bin ein schwaches Weib. Wenn ich Glück habe, ist die bottle am Dienstag leer und der Wasserschef so freundlich, mir gegen ein Trinkgeld eine volle nicht nur in die Küche zu rollen, sondern sie auch aufzusetzen. Wenn ich kein Glück habe, wird die bottle an jedem anderen Tag leer, nur nicht am Dienstag. Wenn ich noch mehr Glück habe, kommt zufällig jemand des Weges. Gescheiter Besuch von W. Kräftige Nepali, die alle zu Hause, seit sie denken können, kopfüber Wasserbottles aufsetzen. Ob auf einen simplen dispenser wie unseren, oder auf eine raffinierte Maschine, die das Wasser auch kühlen oder wärmen kann, macht keinen Unterschied. Die Handhabe ist leider immer dieselbe: das Oben muss offen und kopfüber auf das Unten kommen, sonst läuft gar nichts. Wenn ich überhaupt kein Glück habe, bitte ich unseren community manager. Der versichert mir jedes Mal strahlend, das sei überhaupt kein Problem und er sei jederzeit, an 7 Tagen der Woche, rund um die Uhr für mich da ...  

Trotzdem. Trotz all der hilfreichen Männerhände, sagt mir meine gestandene helvetische Seele, dass ich, wenn ich mit dem Trinkwassermanagement nicht klar komme, in diesem Land nichts zu suchen habe. Im 10. Stock hatten wir einen Filter. Der war auch nicht optimal. Ich traute ihm nicht, denn für einen Liter gefiltertes Wasser vergoss er mindestens drei- bis viermal so viel Dreckwasser in den Abfluss. Tränenreiche Sache! Außerdem funktionierte er nur mit Strom. Wenn der Strom nicht floss, floss auch kein Trinkwasser.

Heute also, gestärkt nach der Meditation unter dem Laxmibaum und bei Shiva und dem Morgenqigong mit Wanderschuhen und dem Besuch beim jungen Gemüsehändler mit den rot gefärbten Haaren und bevor die Wassermänner angefahren kamen, machte ich mich frisch ans Werk. Das Resultat seht Ihr oben! Und hier unten die stumme Herausforderung bis zum nächsten Dienstag: 2x19L.

Montag, Januar 27, 2025

Beben

Die Erde bebt. Heute kurz nach 3 pm local time mit 4,9. Ich sitze, wie immer um diese Zeit, am hellen Nachmittag, mit einem nepalesischen Espresso auf dem Dach. Hinunterspringen könnte ich nicht mit meinem auf dem zweiten Stuhl hochgelagerten, einbandagierten Fuß. Das Epizentrum liegt 29 km südwestlich von Shigatse oder Xigaze, der zweitgrößten Stadt Tibets. Also dort, wo sie, die Erde bereits am 7. Januar mit Stärke 7,1 bebte. Jetzt nicht ganz so heftig, dafür aber etwas näher an der Grenze zu uns. Auch am 21. Januar bebte sie in der selben Gegend mit 4,8. Am 22. Januar mit 4,1 und am 24. Januar mit 4,6. Die Stärke nimmt also tendenziell eher zu als ab und die zeitlichen Intervalle werden enger. 

Sonntag, Januar 26, 2025

Wolken

Wolken am Himmel! Ich habe bereits vergessen, dass es so etwas gibt und laufe zu meiner Apothekerin. Sie verkauft mir eine Fußbandage und ich liege den ganzen grauen Sonntag lang mit einbandagiertem und hochgelagertem Fuß im Bett. Zweimal muss ich aufstehen, weil Daraz-Kuriere liefern. Einmal long handle microfiber feather ceiling duster. Gegen zukünftige Spinnennetze. With extendable pole 30-100 Inch. Das müsste bis an die Decke reichen. Und einmal für den Boden Flat Mop Bucket Set with 2 Reusable and Washable Microfiber Mop Pads. Mit der Verpackung werde ich mein Katzenhaus auspolstern. Mit diesem zuversichtlichen Gedanken lege ich mich mit Herodot aufs Sofa im ersten Stock. 

Samstag, Januar 25, 2025

Gefühle

Ich bewege mich so ungeschickt barfuß auf den Steinen vor dem Laxmibaum, dass mir der Schmerz das Bein hochschießt. Die ganze Umsicht, Sorgfalt und Vorsicht der letzten Tage und Wochen ist dahin. Ich kann kaum auftreten und humple heulend nach Hause.

"Jump a little bit", sagt mein vietnamesischer Thay immer wieder am anderen Ende der Welt. Im Bluecliff Monastery. Spannungen lösen, Hände und Arme ausschütteln, und eben: jump a little bit. Nach dem Aufwärmen Beine lockern, Füße lockern. Ich habe vergessen, dass ich nicht in meinem Zimmer auf der federnden Sprungmatte meines Trampolins stehe. Sondern auf dem frisch gepflasterten harten Boden der Wirklichkeit vor dem Shivatempel!