Freitag, Juni 21, 2024

Steine

Ein Stein nach dem anderen rollt den Hang hinunter und fällt mir schließlich vom Herzen. Die russischen Bücher hat mir die Optikerin abgenommen. Die französischen kommen nach Högel. Die italienischen verteile ich wie Pizzastücke. Die polnischen stehen imer noch stramm, geschlossen von A wie Anderman (brak tchu, kraj świata) bis Z z kropką, also Ż wie Żeromski (Przedwiośnie, Dzienniki - 3 grube tomy!), im Regal. Ktoś chętny?

Donnerstag, Juni 20, 2024

Stonehenge

Ich hole den allerletzten Aktenordner vom Dachboden und schreddere seinen Inhalt. Das muss geschehen, bevor die Sonne heute Abend ihren höchsten Stand am Himmel über der Nordhalbkugel erreicht. Es ist nicht schlimmer, als ich erwartet hatte, dauert aber deutlich länger. Gerichtsakten, Verhörprotokolle, seitenlange Urteilsbegründungen und Revisionen bis hoch zum BGH. Die Vergangenheit lässt sich nicht restlos eliminieren und in feine Streifen zerschnipselt in die Papiertonne kippen. Nein! Es bleibt dabei und kann nicht oft genug wiederholt werden: Schwiegervaters Leben hat eine Krankenschwester auf der kardiologischen Intensivstation der Berliner Charité vorzeitig beendet.

In Stonehenge - wo sich traditionell Tausende zur Sommersonnenwende versammeln, um die Sonne direkt hinter dem Eingang zum Steinkreis aufgehen und dann ihr Licht exakt auf den Altarstein in der Mitte fallen zu sehen - in diesem Stonehenge trieben gestern Klimaaktivisten ihr Unwesen und besprühten die Megalithblöcke der Jungsteinzeit mit einem sonnenuntergangsfarbenen Pulver. Mit harmloser Maisstärke, wie sie behaupteten, die der erste Regen weggewaschen hätte. Experten zweifelten an dieser Theorie und entfernten das künstliche Sonnenlicht (was sonst wollten die Unholde uns bieten?) rechtzeitig vor dem Auftreten des Natürlichen. 

Mittwoch, Juni 19, 2024

Pässe

 Ich besitze zwei Pässe. Im einen Pass ist ein Ort angegeben, den ausländische Behörden gerne als Geburtsort in ihre Akten nehmen. Es ist aber nicht mein Geburtsort. In diesem Heimatland steht die Vergangenheit über der Gegenwart. Der Geburtsort bedeutet nichts, die Herkunft der Väter alles. Im anderen Pass ist mein Geburtsort korrekt eingetragen. Dafür ist der Ort, an dem dieser Pass ausgestellt wurde, ein noplace. In diesem Heimatland steht die Architektur über natürlichen Bodenerhebungen. Die Behörde, die ihren Bürgerinnen und Bürgern persönliche Papiere wie Reisepässe ausstellt, sitzt an mehreren Orten zugleich, im Land, im Kreis, in der Stadt, meist in mehrstöckigen Verwaltungsgebäuden mit Aufzug und Dachterrasse, denn sie bietet ihrem Personal alles, ist eine Krake und betreibt immer mehr Aussenstellen.

Lege ich nun diese beiden Pässe probehalber offen nebeneinander auf meinen Schreibtisch, kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand auf der Welt glauben wird, dass sie ein und derselben Person zugeordnet werden müssen. Allein die Tatsache, dass die Fotos in beiden Pässen nicht identisch sind, gewisse Ähnlichkeiten aber auch nicht verbergen, schürt wie der Feuerhaken die Glut. Den Verdacht. Nur ein Pass hat meine Fingerabdrücke! Der andere das Hologramm des Staatswappens! Wer mit mehr als nur einem Pass unterwegs ist, muss eine Verbrecherin sein!

Samstag, Juni 15, 2024

Haare

Alle nepalesischen Frauen tragen ihr Haar lang. Es ist von Natur aus tiefschwarz. Wie die Augen. Die Frauen sind von Natur aus sehr schön. Je jünger, desto länger, desto schwärzer, desto glänzender das Haar. Einige versuchen, es aufzuhübschen. Ganz ohne Not. Mit Henna Abwechslung, Strähnchen reinzukriegen.

Nur bei Lhakpaphuti lese ich "Nanda was in jean pants. She had cut her hair short and looked beautiful" (S. 224 Forty Years in the Mountain). Nanda, Pasang und Lhakpaphuti auf dem Weg zum Everest, das erste nepalesische women-team ever. Im März 1993. Die Expedition misslang. Nanda wurde krank, Pasang scherte aus - trotz mehrerer "bad omens" - und kam vom Alleingang nicht zurück, Lhakpaphuti hatte keine Gefährtinnen mehr und begrub ihren Traum. Eine der vielen bedrückenden Geschichten in diesem Buch. Keine/r darf sich über die Götter erheben!

Ich hingegen bin eine von zwei Frauen in Kathmandu mit raspelkurzen Haaren. An jenem Sonntag auf jener Bank begrüßte mich jene Dame, die in Zukunft unsere Dollars verwalten wird, mit den Worten: I know you! Oh, antwortete ich reichlich verblüfft. Where did we meet? I can't remember. War ich doch zum ersten Mal und gerade mal ein paar Tage in Nepal. Sie zippte und zappte auf ihrem handy herum und zeigte mir unzählige Bilder. Der ganze kleine Bildschirm voller einzelner, noch kleinerer Bilder. Tatsächlich ist auf allen, wie auf den früheren Negativstreifen - nur in Farbe und nicht spiegelverkehrt - , eine Frau mittleren Alters zu sehen, natürlich ergraut, flotter Kurzharschnitt. Aber das bin nicht ich! Das ist die derzeit amtierende Schweizer Botschafterin in Kathmandu. 

Eingereist bin ich mit meinem deutschen Pass, dort klebt auch das mittlerweile abgelaufene Visum. Das Bankkonto musste ich als Deutsche eröffnen, weil ich als Schweizerin kein Visum besass und mich folglich illegal im Land aufhielt. Wer zwei Pässe besitzt, lebt immer am Rande des Abgrunds, fällt leicht zwischen Stuhl und Bank, Baum und Borke, Hammer und Amboss.

Für mein zukünftiges Leben lerne ich erstmal, mir selber die Haare zu schneiden.

Dienstag, Juni 11, 2024

monsoon clouds

Kaum sind wir weg, kommt der Regen, und zwar verfrüht! Normalerweise, sagen die nepalesischen Meteorologen, beginnt die monsoon season am 13. Juni und endet am 23. September. Aber: monsoon clouds entered the country from eastern Nepal on Monday, three days ahead of the usual onset date. Ab morgen soll der Regen das Kathmandu valley und die Hauptstadt erreichen. Geschätzt 1,81 Millionen Menschen und 412,000 Haushalte sollen gefährdet sein in diesem Jahr.

https://kathmandupost.com/climate-environment/2024/06/10/monsoon-enters-nepal-three-days-ahead-of-schedule

Sonntag, Juni 09, 2024

without - within

Ich bin zurück und nicht ansprechbar. Seit dem Umsteigen in Dubai rebelliert alles in mir. I didn't want to come back! Wenn ich richtig rechne, war ich fast 24 Stunden unterwegs, durch die Zeitverschiebung aber kaum einen halben Tag.

Ich schlafe und lese. Und lese und schlafe. Ich bin mit einem einzigen Buch zurückgekommen, das mir die Autorin Lhakpa Phuti Sherpa auf den Weg mitgegeben hat: Forty Years in the Mountains

My English is not perfect - seltsamerweise aber habe ich den Eindruck, als ob durch die an vielen Stellen holpernde englische Übersetzung das nepalesische Original näher an mich heranträte. Learning by reading! 

Samstag, Juni 08, 2024

left

Wir stehen mit der Sonne auf und ich werfe einen letzten Blick vom Balkon im 5. Stock. So leer und still habe ich die Stadt noch nie erlebt. Sogar ein Geh-Behinderter mit Stock, den ersten, den ich sehe, überquert in aller Ruhe die unbelebte Straße! Auch von den Vögeln mit den malerischen Augen ist nichts zu sehen und nichts zu hören. Wir verlassen den Linksverkehr und heben ab in Richtung Westen. Ich sitze am Fenster und schaue hinab auf die Häuser und Köpfe, die die Turbinen am Samstagmorgen - dem Sonntag Nepals - in Lalitpur malträtieren.