Freitag, Juni 07, 2024

(c)o two

Diesen Baum habe ich aus der gestrigen Oase gerettet. Auf einen leichten Tag folgt ein schwerer. Das übermütige Spiel mit den Dämonen rächt sich. Wir fahren nochmals dreimal quer durch die Stadt. Sehen den ersten Verkehrsunfall, leichter Blechschaden zweier Überlandbusse. Beglücken Taxifahrer und schauen Wohnungen an, die für uns nicht in Frage kommen. Ich packe und mich packt die Verzweiflung. Natürlich lasse ich die 40 kg mitsamt laptop hier, aber ich muss sie wieder verteilt bekommen auf zwei Koffer. Ein Kollege von W. wird mein halbes Leben an sich nehmen und beaufsichtigen, bis ich mit der anderen Hälfte wiederkomme. Dass wir keine Bleibe gefunden haben, findet niemand ungewöhnlich, nicht einmal wir. Das Umgekehrte wäre erstaunlich gewesen und wir haben gelernt, mit guten Ratschlägen umzugehen. Möbel sind immer Geschmackssache. Teppiche auch. Wohnungen sowieso und landende Flugzeuge über den Köpfen, wer will das zum anderen Lärm umsonst noch obendrauf bekommen?

Donnerstag, Juni 06, 2024

Advice from a tree

Ich verbringe einen Tag im Grünen. In einer Oase der Stille, umgeben von alten Bäumen und jungen Vögeln. Ich habe ganz vergessen, wie relaxing Ruhe ist. Wir denken nach und sind uns einig, dass es keinen Sinn macht, heute einen Mietvertrag für eine Wohnung zu unterschreiben, die noch eine Baustelle ist. Für ein Jahr, mit Vorauszahlung von 6 Monatsmieten plus 2 Kaution. Und einer beiderseitigen Kündigungsfrist von einem Monat, wobei weder bereits bezahlte Mieten noch die Kaution verrechnet werden.

Ich sitze in einer Gartenschaukel im Schatten und lese in meinem zweikiloschweren Himalayabuch mit dem Ama Dablan auf dem cover und einer dieser horrible suspending bridges. Ich lese von Geistern und Dämonen, von Gorkhakämpfern und Sherpas. Und am Abend beim business-Empfang treffe ich alle diese Leute leibhaftig.

Advice from a tree

- Stand tall and proud

- Go out on a limb

- Remember your roots

- Drinking plenty of water

- Be content with your natural beauty

- Enjoy the view 

Mittwoch, Juni 05, 2024

Weitergehen

Wir sind nicht zum Vergnügen hier, also arbeite ich den halben Tag, bis ich vor Hunger fast vom Stuhl falle. Nach dem Essen (fried rice) bin ich so müde, dass ich auf dem Sofa einschlafe. Mein Spaziergang verschiebt sich deshalb in die Abendstunden und ich lerne, dass mir die Dunkelheit keineswegs entgegenkommt beim Überqueren der Straßen. Meine größte Herausforderung in diesem Land ist das Gehen, das Vorwärtsgehen, Weitergehen. Irgendwann werde ich die laute Stadt verlassen und in die Berge, in die Höhe gehen wollen. Nicht auf den Everest. Nicht in meinem Alter. Darunter ist es überall hoch genug. Ich (alp-)träume von den Hängebrücken, die überall über engen Schluchten hängen, im Winde schwanken, in schwindelerregender Höhe und immer mal wieder Teile verlieren. Wer Pech hat, tritt mittendrin ins Leere. So stelle ich mir das schweißgebadet vor. Die schwer beladenen Yaks laufen aber auf den Filmchen bei YouTube unbekümmert rüber, Schulkinder auch, die Bauern sollen störrische Esel mitsamt ihrer Last gerne mit zusammengebundenen Beinen huckepack rübernehmen. Damit sie nicht verloren gehen. Gestern querte ich zweimal eine großstädtische Variante. Aus massivem Eisen. Über einem vertrockneten Rinnsal, sozusagen bodennah, auf Straßenniveau. Alle warten hier auf Regen. 

Und ich werde mir einen Lama suchen, der mir hilft, die Höhenangst zu überwinden. 

Noch habe ich das Gefühl, dass alles hier im ruhigen Fluss ist. In Warschau oder Berlin erkennt man Touristen daran, dass sie herumschlendern, sich zu langsam bewegen, herumgucken und den Einheimischen im Weg stehen. Hier ist es umgekehrt. Ich bin immer schneller und ungeduldiger als die Nepalis. Nicht nur Frauen und junge Mädchen schlendern, schwatzen, untergehakt oder nicht. Auch Männer. Jeden Alters. Niemand scheint es hier eilig zu haben. Das Tempo der Motorisierten ist rein äußerlich. Scheint mir. Wie das Hupen. Das ist eher Warnung als Wut. Aufruf zur Vorsicht. Keine Aggression. Niemand will dem andern etwas Böses. Nur Vorwärtskommen. Jeder weicht aus. Immer rechtzeitig. Scheint mir.

Die Studentin kürzlich sah das alles ganz anders. 

Dienstag, Juni 04, 2024

mixture

everything is a mixture ... meine Sprache auch. Und meine Gedanken wandern, wie die Füße. Stolpern, brennen. Heute vor 35 Jahren durften die Polen zum ersten Mal frei wählen. Und heute habe ich frei, weil W. busy ist auf seiner conference am anderen Ende der Stadt, also in Kathmandu. Geduldig warte ich das (heftige!) Gewitter am Mittag ab und durchquere dann Lalitpur von der Pucho Thura (Western Ashoka Stupa) zur Teta Thura (Eastern Ashoka Stupa). Puh! Das ist heftig! Auf dem Rückweg komme ich an der Ibahi Thura (Northern Ashoka Stupa) vorbei, mehr oder minder ungeplant. Die größte, die Lagan Thura (Southern Ashoka Stupa) spare ich mir für den nächsten Spaziergang und bringe so wahrscheinlich wie gewohnt alles durcheinander. Alle Heiligtümer sollen hier nämlich im Uhrzeigersinn abgeschritten werden. Aber ich bin schon so frei, dass ich an jedem Schrein oder Tempel, von denen es wahrlich genug gibt, die Gebetsmühlen drehe und wenn vorhanden, die Glocke schlage. Was sein muss, muss sein. Entkräftet esse ich unterwegs die besten Mo:mo's ever. Die Speisekarte ist von Hand in Nepali geschrieben, aber der Kellner versteht, was ich will.

Am Abend lese ich "Lost Horizon" aus, ein uraltes Taschenbuch mit vergilbten Seiten, die meinen Augen einiges abverlangen. Der Autor, James Hilton, hat mit diesem Buch nicht nur Weltruhm erlangt (really? who still remembers him?), sondern vor allem den Begriff (und die Vorstellung dahinter) von Shangri-La in die Welt (nicht nur der Literatur sondern auch des commerce) gesetzt. Das übliche Muster eines versierten Schreibers der ersen Hälfte des vergangenen Jahrhunderts: ein "gefundenes" (hier: eine nur mündlich überlieferte Geschichte) Manuskript entledigt den Erzähler jeglicher Verantwortung für dessen Inhalt und/oder Form. Er kann sich beständig darauf berufen, dass die facts nicht verifizierbar und die protagonists unauffindbar oder nachweislich nicht mehr am Leben seien. Im konkreten Fall: dass es überhaupt nicht seine Schuld sein könne, dass der resoluten britischen Missionarin Brinklow eindeutig zu wenig literarischer (Spiel-)Raum zugeteilt wurde. Eine Männerfantasie

Montag, Juni 03, 2024

kalahapriya

Das ist einer der Namen meiner Hirtenmaina im Sanskrit. Bedeutet, wie ich lese, soviel wie "einer, der gerne streitet". Sie streiten sich tatsächlich den ganzen Vormittag auf meinem Balkon im 5. Stock. Der Jungvogel, mächtig gewachsen, ist wieder da und die Alten möbeln ihn mächtig zusammen vom Geländer herunter, was ihm einfalle, sich wieder in die Ecke zu verkrümeln und den Schnabel aufzusperren. Im Sanskrit heißt er auch chitranetra (= der mit malerischen Augen) oder peetanetra (= der mit gelben Augen) oder peetapaad (= der mit gelben Beinen). Trifft alles zu!

Ich sehe heute den ersten Affen über die Stromkabel über der Strassenkreuzung wetzen. Ich lerne heute, dass nicht Toleranz Hinduisten und Buddhisten friedlich neben- oder miteinander leben lässt, sondern das Teilen. We share, what we have. We share, what is good. Eine Studentin führt mich in die Hinterhöfe und zu den alten Newarhäusern. Und wir landen schließlich im Goldenen Tempel. We share everything, sagt sie. It`s a mixture. Der Goldene Buddha ist für alle da. Man soll einmal oder dreimal die Runde um das Heiligtum vor ihm drehen. 

Als wir zurück sind in der Welt des Verkehrs und des Hupens, ist sie sehr erstaunt (und erleichtert), als ich sage, dass ich keinerlei Scheu habe, auf die andere Straßenseite zu kommen. Ich erzähle ihr, wie ich die Angst abgelegt habe, ehe sie von mir Besitz ergreifen konnte: eine Stunde Kontemplation vom Balkon des 5. Stocks aus auf eine lärmende Straßenkreuzung der Stadt hinunter, in der sie geboren und aufgewachsen ist. Ich an meinem ersten Tag, in den ersten Stunden in diesem Land und in dieser Stadt, Lalitpur oder früher Patan. Ich übermüdet und überfordert, ungereimt und unsortiert. Ich sah, dass dort unten alles im Fluss ist und kein Grund zur Sorge besteht. Ich biete ihr an, dass wir uns nun trennen, no problem at all, wenn ihr Heimweg auf dieser Seite der Yala Sadak liegt und meiner auf der anderen. 

Wir winken uns noch einmal zu, ehe ich hinter der westlichen Ashoka Stupa (Pucho Thura) bereits die nächste Straße überqueren muss.

Sonntag, Juni 02, 2024

working day

Der Samstag ist hier der Sonntag. Davon habe ich gestern nichts gemerkt. Heute hingegen, am Sonntag Mittag verbringen wir viel Zeit in der Hauptgeschäftstelle einer Nepalesischen Bank. Füllen Formulare zur Eröffnung zweier Konten aus, eines für W. und eines für mich. Dann besichtigen wir unser neues Heim, eine zweistöckige Wohnung, an der noch heftig gebaut wird, nur das Terrassengeländer in der unteren Etage ist bereits blau gestrichen. Blau scheint Nepals Lieblingsfarbe zu sein. Wir brauchen zwei Konten und zwei Stockwerke. Unterwegs - wir stehen heute viel länger im Stau als wir je auf einer Bank saßen - wird mir eine nepalesische SIM-Karte in mein Smartphone appliziert, neben meine deutsche. Nun weiß ich gar nicht mehr, wer oder wo ich gerade bin. Ich lerne, über InDrive Taxis zu bestellen, auf zwei oder vier Rädern, und komme für mich selbst überraschend sofort auf die verwegene Idee, mir, wenn ich dann dereinst alleine unterwegs bin, ein Motorcycle vor die neue Haustür zu bestellen. Ich bin noch nie in meinem Leben Moped gefahren, und noch nie als Rockerbraut hinten aufgestiegen, ohne Helm aber mit Maske. Die Luft lässt tatsächlich zu wünschen übrig an einem Tag wie diesem. Ich beobachte, wie Damen jeden Alters mitfahren, gelassen, mit oder ohne Einkaufstüten, Bürostühlen oder Plastikpalmen, und ohne sich irgendwo festzuhalten, jedenfalls nicht am Bauch des Fahrers, der meist ein fremder Mann ist.

Ich habe bereits gelernt, dass ich viel lerne, wenn ich nur lange genug hinschaue.

Am Abend Sound Bath (drowning in the calming vibrations of singing bowls, gong, hang, flute and pipe) und Vegetarian Food. Ice Cream on Warm Brownie at the End of the Day successfully Worked out. Delicious!

Samstag, Juni 01, 2024

Steigbügel

Ich gehe vor dem Frühstück einkaufen und rücke nach dem Frühstück unserem immer noch flugmüden Hausvogel den Frühstückstisch so hin, dass er ihn mit seinen kräftigen gelben Beinen als Steigbügel vom Küchenfensterbrett zur Balkonbrüstung nutzen kann. Die Altvögel kreischen immer lauter, ungeduldiger, schon leicht entnervt - und der erste Versuch misslingt natürlich. Die erschöpfte Hirtenmaina muss noch einmal von vorne beginnen. Sie ist tapfer, aber bedingt lernwillig. Als sie endlich oben auf der Brüstung zwischen Papa und Mama angekommen ist, fordert sie Futter. Trampelt mit den Krallen und sperrt den Schnabel weit auf. Die Erziehungsberechtigten fordern Gehorsam, trampeln auch mit den gelben Krallen und schlagen mit den Flügeln: Abflug! 5. Stock, ein Kinderspiel! Nach ungefähr einer weiteren Stunde ist es dann so weit und sie ziehen zu dritt in den gepflegten Garten des United Nations House gegenüber.

Ich danke Lord Buddha für die erste Lektion.

Dem Kassenzettel vom Bhat-Bhateni Super Market (Patan) entnehme ich das heutige Datum: 19/2/2081