Donnerstag, November 07, 2024

Chhath Parba

Ich erledige Pendenzen, arbeite helvetische Altlasten ab. 

Es ist schon wieder Feiertag, Chhath Parba oder Dala Puja. Chhath ist der sechste Tag - nach Tihar, nach Divali, nach dem Lichterfest. Deshalb rauschen manche Fassaden bis heute immer noch im Lichtermeer. Heute wird die Sonne, am Abend der Sonnenuntergang und Chhathi Maiya verehrt. Mit arghya. Morgen früh der Sonnenaufgang. Der Feiertag dient der Reinigung, der spirituellen wie der körperlichen, und wird deshalb vorzugsweise an Flüssen, in Kathmandu am Bagmatiufer gefeiert.

Ich reinige meine elekronischen Geräte von Wattenmeerbildern und erneuere alle Passwörter. 

Mittwoch, November 06, 2024

swimming pool

Es ist wieder heiß geworden. Und ich bin immer noch auf der Suche nach einem Hinterausgang aus unserem Twintower Komplex. Dabei entdeckte ich heute Mittag hinter Block A den Swimmingpool (leer!) mit pool rules (von wegen, dass ich hier nicht schwimmen kann!), und den Fitnessraum (verstaubte Geräte, seit langem nicht benützt). Das scheint zur Standardausrüstung solcher Wohnanlagen zu gehören. Weil ich keinen anderen Ausweg finde, laufe wieder durch den Haupteingang wieder in Richtung der wieder lauten Lazimpat hinaus, lasse mir wieder von den guards (namaste, have a nice day) Tür und Tor öffnen. Postalisch würden wir an derselben Straße wie der Prime Minister, Chief Justice und Speaker of Parliament wohnen, wenn hier irgendjemand Straßennamen zur Orientierung nutzen würde. Ich weiß wirklich nicht, wie die Fahrer von InDrive oder Foodmandu uns finden. Aber sie kommen zuverlässig immer irgendwann vor dem richtigen Tor an, vor der richtigen Tür.

Dienstag, November 05, 2024

Rangoli

Langsam kommt wieder Normalität auf, das Glitzern und Leuchten verebbt. Die Nacht war ruhiger. Am Morgen nimmt der Verkehr zu und bis zum Mittag die Luftqualität ab. Der Regen der letzten Nacht hat die meisten Rangoli weggewaschen, in unserem Hausflur übernehmen die cleaning ladies diese Aufgabe, denn da regnet es defintiv nicht rein. Die Tonscherben der ausgebrannten Kerzenschalen fegten entweder die Hausbesitzer oder die Müllmänner weg und alles was essbar war, Reis, Kekse, Bananen kam den Tieren zugute.

Rangoli - jetzt wo alles vorbei ist, lerne ich Wörter. Das Wort Rangoli kommt aus dem Sanskrit rangavalli, und besteht aus ranga für Farbe und avalli für Streifen, Linien. Die "Hauptzutat" für das wunderbare Zeichen am Boden, vor den Hauseingängen, auf den Straßen ist die Vergänglichkeit. Man soll Buntes mischen: Sand, Kalkstein, Getreide- oder Gewürzpulver, pasupu, sindooram, zerstampfte Blüten, Blätter usw. Möglichst bunt, denn so mag es die Göttin Laxmi, die in den letzten Tagen und Nächten viel zu tun hatte, den Wohlstand und das Glück über alle Häupter und unter alle Dächer zu bringen. Das Material dazu can easily found everywhere, lese ich, damit auch arme Leute die Möglichkeit haben, der Göttin den Weg zu weisen. Und es dient auch einfach der Hygiene: der Kalk soll Insekten und Mikroben daran hintern, ins Haus zu kommen, und das Getreide, die frischen Blüten sie umgekehrt anziehen. So werden die Schädlinge gefüttert und der Hauseingang bleibt rein.

Taza Treats - der syrische Süssigkeitenladen um die Ecke hat sein Rangoli mit Zucker und Sahne gemalt.

Montag, November 04, 2024

Tritiya

Es ist immer noch Feiertag. Oder schon wieder. Oder ein neuer. Oder alles zusammen. Jedenfalls ist die Lazimpat leergefegt und die Ampel vor der Botschaft der UAE steht auf Dauergrün. Es ist der dritte Tag nach Neumond. Shukla Paksha Tritiya. 

Dieser dritte Tag kommt zweimal in jedem Monat vor, wie andere Tage auch. Einmal bei zunehmendem Mond, also heute. Und einmal bei abnehmendem Mond, also später, ungefähr in zwei Wochen. Am dritten Tag nach Vollmond. Krishna Paksha Tritiya. 

Und um hier größtmögliche Verwirrung zu stiften, habe ich nachgeschlagen in der Tritiya Date List 2024 und herausgefunden, dass die heutige Tritiya gestern um 10:05 pm begonnen hat und heute Nacht, kurz vor Mitternacht, genau um 11:24 pm endet. In Indien. Ob das auch für Nepal gilt, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht ist bei mir im 10. Stock alles um 15 Minuten nach vorne verschoben. Also 10:20 pm - 11:39 pm. Passt auch noch gerade so in meinen 4.11.

Sonntag, November 03, 2024

Bhai Tika

Der fünfte und letzte Tag von Tihar. Nochmals ein wichtigster Haupt-Abschluss-Feiertag. Jedenfalls ist heute alles geschlossen. Nur die Arbeiter am dritten Turm vor meinem Fenstern hämmern und lärmen den ganzen Tag. Ich muss nicht alles verstehen in diesem Land. Am Nachmittag regnet es ein bisschen. Und früh, auf dem Weg in den Ranibariforest, riecht es nach Herbst, da während der Feiertage nicht so viele Abgase produzierende Gefährte unterwegs sind.

Geschwister, Brüder und Schwestern feiern heute ihre Verbundenheit. Die Schwestern singen heilige Mantras und verehren ihre Brüder, indem sie ihnen das oder die Tika auf die Stirn malen. Das heilige Zeichen setzen. Und ihnen Wohlergehen wünschen. Wenn es den Brüdern gut geht, geht es auch den Schwestern gut, denn die genießen deren uneingeschränkten Schutz. So ist das hier.

Und wer keine Schwester hat, geht in den Balgopaleshwar Tempel in Rani Pokhari und bekommt auch seinen Segen. Und sein Glück.

Und ich habe endlich begriffen, welche Rolle die Tiere der letzten Tage eigentlich spielen. Der Legende nach waren Yama (Lord Yama, der Gott des Todes) und seine Schwester Yamuna verabredet. Er war aber sehr beschäftigt mit dem Aussortieren der Seelen und der Frage, welche er nach oben in den Himmel, und welche nach unten in die Hölle schicken darf. Als Yama zum vereinbarten Zeitpunkt nicht erschien, machte sich Yamuna Sorgen und versuchte, ihren Bruder zu erreichen - heute wäre das easy per whatsapp oä. Yamuna besaß aber kein Smartphone und war nicht Sadhain On (always online), also schickte sie 1. eine Krähe mit einer Nachricht los, 2. einen Hund, 3. eine Kuh. Als alle drei Nachrichten unbeantwortet blieben, machte sich Yamuna am fünften (wo ist der 4. Tag abgeblieben? der Berg? das Selbst?) Tag selber auf den Weg, traf ihren fleißigen Bruder Yama bei der Arbeit und segnete ihn mit dem Ritual, mit dem heute alle Schwestern ihre Brüder segnen.

Samstag, November 02, 2024

Goruh Tihar

Der vierte Tag von Tihar. Oder Divali. Nach meinem Nepali Calendar Patro: Nepal Sambat 1145 Starts. Gleichzeitig sind wir im Bikram Sambat 2081, kartik 17. Und Anno Domini 2024, 2. November. Allerseelen. Die Newari führen heute die Maha Puja durch, Neuanfang, Selbstanbetung und Reinigung der Seele. Andere beten die Ochsen an. Und die Berge. Manche sagen, das alles sei schon gestern gewesen. Aber heute früh im Wald hörte ich eine einsame Kuh muhen. Vielleicht eine vergessene von gestern, die sich nach ihren Artgenossen sehnte oder gemolken werden möchte. Das Muhen kam aus der Richtung der Polizeihundeschule, wo sonst am Morgen immer Dutzende Polzeihundeschüler herumkläffen. Wahrscheinlich beim Morgenappell, vor dem Fressnapf. 

Die Berge! Einige Hindus führen heute die Govardhan-Puja durch - ein Ritual für den Berg Govardhan, der den Sieg von Lord Krishna über Lord Indra symbolisiert. So etwas wie die Arche Noah. Lord Indra ließ die Heimat von Lord Krishna überfluten (warum weiß ich nicht, Götterfehden eben, Wasserspiele) und Lord Krishna erhob den Govardhan-Berg aus den Fluten, damit sich Mensch und Tier auf ihn retten konnten. Gefeiert wird heute mit Bergnachbildungen aus Kuhdung. Vielleicht muhte deshalb die Kuh im Wald.

Freitag, November 01, 2024

Gai Tihar

Neumond und Gai Tihar, die Hauptfeiertagsnacht. Die Feuerwerke hatten wir schon letzte Nacht. Die Newaris feiern den Beginn des Jahres Nepal Sambat 1145 - oder erstmal das Ende von 1144. So etwas wie Silvester. Diese sogenannte Nepal Era ist seit 2007 wieder einer der drei offiziellen Kalender des Landes, davor war er genau 888 Jahre lang, nämlich von 881 bis 1769 unserer Zeitrechnung, der einzig Gültige und Verpflichtende. Als der Gorkha König Prithvi Narayan Shah die Herrschaft übernahm, führte er natürlich auch eine andere Zeit und einen anderen Kalender ein: Shaka Sambat. Und morgen beginnen die Newari das Jahr 1145 (was, wenn ich richtig rechne, fast aufgeht: 888 bis 1769, seither sind 255 Jahre vergangen - oder auch ein bisschen mehr, da der Lauf der Zeit dem zaudernden Mond unterworfen ist = also sind wir um das Jahr 1143/1144 angekommen). Zugegeben: es ist reichlich kompliziert! Aber hell und glitzernd. Aufregend. Wir sehen Kathmandu illuminated with an array of vibrant lights. Warum die Lichterketten unruhig sein müssen und tanzen oder vibrieren, ist mir nicht klar. Damit kommt die Nacht nicht zu Ruhe, die Dunkelheit nicht, die Zeit nicht, der Kalender - welcher auch immer - nicht und wir und die Stille erst recht nicht.

Der Mond wird erst heute nach Sonnenuntergang, um 18:21 local time, leer. Tihar wird in der Neumondnacht des achten Monats (= Kartik) des hinduistischen Kalenders gefeiert. Diese Nacht, also die kommende, gilt als die dunkelste des Jahres und wird deshalb mit kunterbunten, allüberall von den Fassaden hängenden Lichterketten und in allen Ecken brennenden Kerzen aufgehellt. Dass diese dunkelste Nacht in Nepal in diesem Jahr mit dem katholischen Allerheiligen, bzw heidnischen All Hallows’ Eve - Halloween zusammenfällt, ist Zufall und - wie alles hier - nur dem Mond geschuldet.