Donnerstag, August 27, 2026

the day after

Alles, was wir gestern an Erklärungsversuchen gehört, gesehen oder gelesen haben, ist heute überholt. Weder gab es ein Erdbeben noch ist ein Gletschersee ausgebrochen. Ein Felssturz in Verbindung mit einem Gletscherabbruch an der Nordseite des Langtang Lirung brachte Material mit einem 10- bis 40-fachen Volumen des Ereignisses vom helvetischen Nesthorn und Birchgletscher (das Blatten, das evakuierte einstige 300-Seelen-Dorf im Lötschental verschüttete), in den chinesisch-nepalesischen Grenzfluss Lhende-Khola. Die unglaubliche Masse an Schlamm, Wasser, Eis und Geröll zerstörte den Grenzübergang Gyirong, an dem wie immer reger Betrieb herrschte und wälzte sich dann durch das enge steile Tal des Bhotekoshi, der talabwärts in den Trishuli übergeht, etwa 200 Kilometer quer durch das schmale Land nach Südosten bis an die indische Grenze. 

Cause: https://www.youtube.com/watch?v=u5F175REX_U 

updates: 

The lake: https://www.youtube.com/watch?v=USgiTgiyi30

The warning: https://www.youtube.com/watch?v=D5em-GxG4PU&t=61s

The rescue: https://www.youtube.com/watch?v=zhhRZ6UTRgw

The water: https://www.youtube.com/watch?v=bfRyoauV3Wg&t=23s

Mittwoch, August 26, 2026

26-08-26

Ich hatte schon einmal eine fast perfekt anmutende Zahlensymmetrie, hinter der sich unvorstellbare Abgründe auftun: 11-03-11. Nun also 26-08-26. Funktioniert natürlich nur im westlichen Kalender und in westlichen Hirnen. Im nepali calendar haben wir heute schlicht 10-05-83, den 10. Tag des 5. Monats Bhadra im Jahr 2083. 

Wie auch immer wir die Zeit berechnen und darstellen, der heutige Tag - genauer: die Geschehnisse ab 08:37 am Nepal time im Himalaya Grenzgebiet Nepal-Tibet-China, im Einzugsgebiet der Flüsse Lhende Khola, Bhotekoshi und Trishuli, quer durchs Land nach Süden bis zur indischen Grenze, wird in die Geschichte der Naturkatastrophen eingehen. Unter welchem Namen und mit welchen Etiketts wird sich noch zeigen müssen. Vorerst sind wir alle fassungslos. Und sprachlos.

Dienstag, August 25, 2026

amaranthus retroflexus

Ich bin immer noch im Garten. Die Schnecke auch. Sie ist nachtaktiv und zeigt sich nur kurz am Morgen. Ich weiß immer noch nicht, was ich wachsen lassen soll und was ich besser entferne. Ausreiße mit Stumpf und Stiel. Weil es zu stürmisch wuchert, giftig ist oder dürr. Bereits abgestorben. Unter den vielen schweren Säcken hat nur Robustes überlebt.

Ich lasse erst einmal alles einregnen. Wilder Amaranth gehört an einen poetischen Wegesrand. Ins Poesiealbum. Oder in einen nepalesischen Hausgarten. Küchengarten. Wilder Amaranth soll ein Superfood sein, voller Nährstoffe, Aminosäuren und Antioxidantien. Sagen westliche Esoterikerinnen.  Der Wilde Amaranth ist, wie sein Name schon sagt - amaranthus retroflexus - ein Wildkraut. Die Blätter sind essbar, die Samenstände auch. Für die Hindus ist es ein an Fastentagen erlaubtes Pseudogetreide. Amaranth gehört botanisch zu den Fuchsschwanzgewächsen und gilt als sattvisch = rein. Im Ayurveda ist der Amaranth ein geschätztes Heilkraut mit kühlender energetischer Wirkung. Hindufrauen nennen es das Korn Gottes. Von Sanskrit ramdana = das Korn von Lord Ram. Die Alten Griechen wussten es aus einem anderen (sprachlichen, etymologischen) Grund zu schätzen. Der Name leitet sich für sie von griechisch amarantos = unvergänglich ab. Ein Konzept der Unsterblichkeit gepaart mit dem Symbol für Reinheit und Lord Ram. Ich lasse das Unkraut stehen und weiterwuchern. Die Schnecke braucht ja was zum abknabbern mit ihrer Raspelzunge.

Montag, August 24, 2026

lissachatina fulica

Es hat geregnet in der Nacht und ich pflanze am Morgen das Zitronengras in eine Ecke im kleinen Rasenstück vor dem Haus. Zitronengras ist schneidend scharf. Wie Papier. Das kenne ich, habe mir auf dem Hill mehrere Schnittverletzungen an den Fingern zugezogen, bis ich endlich lernte, vorsichtiger auch mit dürren Gräsern umzugehen. Hier steckt das Zitronengras  in einem Kelloggsbeutel und hat sich schon nach allen Seiten darin festgebissen, und fast meterhoch daraus hervorgedrängt. Ich muss die bunte Folie aufreißen und in Fetzen ablösen, um überhaupt an den Wurzelballen zu kommen. 

Darin wohnt zu meiner Großen Verblüffung eine Große Achatschnecke. Eine lissachatina fulica. Oder Giant African Snail. Ostafrikanische Riesenschnecke. Wie die zu Kelloggs gelangt sein mag? Aus Ostafrika?

Ich habe sie wohl aufgeschreckt. Oder aufgeweckt. Brutal aus der Trockenstarre geholt! Ich hieve sie in ein Beet und sie setzt sich sofort in Bewegung. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit! Das Licht stresst sie offenbar. Sie sucht schnell Schutz und Dunkelheit unter Laub. Ich aber will sie zuerst ablichten. Setze mich auch in Bewegung, hole das Smartphone aus meinem Haus, ehe sie mir mit ihrem Rechtsgewundenen auf dem Buckel entwischt. Vergesse das scharfe Zitronengras. Hebe das eiförmige Gehäuse an und sie rollt sich blitzartig darin ein. Ich lege sie oben auf die ockerhellbraune Gartenmauer. Dort präsentiert sie sich optisch vorteilhafter, als in den dürren Blättern auf der nassen Erde. Wir haben Monsun. Ich trage Handschuhe. Angeblich können diese Riesenschnecken von Parasiten befallen sein. Sie sucht, ohne zu zögern, sofort den Weg nach unten zurück. Ich schaue reglos zu und frage mich, ob sie es schafft, diese hohe senkrechte Wand abzusteigen?

Natürlich gelingt ihr das. So ein Tier weiß besser, was es kann, als wir überheblichen Köpfe. Sie navigiert offenbar mit ihrem gestreiften Gehäuse, kann es drehen und wenden. Ich fürchte kurz, sie würde es verlieren. Was gewiss schmerzhaft wäre. Wenn nicht tödlich. Sie müsste abstürzen! 
Aber das Gehäuse hält und der Schleim klebt. Ein Balanceakt. Sie stürzt nicht, rutscht nicht, sondern kriecht kontinuierlich ihrem Ziel entgegen. Als das Schneckenhaus auf dem Rücken fast quer liegt, wie eine Kompassnadel mit der Spitze nach Süden ausgerichtet, zeigt mir die Große Achatschnecke ihren hellen Aalstrich. Nun wundere ich mich. Auch die Lissachatina fulica ist schließlich kein Wirbeltier. Sondern ein Weichtier. Eine Mollusca. Sie besitzt weder eine Wirbelsäule noch irgendwelche anderen Knochen. Aber einen Aalstrich.

Sonntag, August 23, 2026

crocothemis servilia mariannae

Eine scharlachrote Segellibelle hat sich früh am Morgen zu mir aufs zweite Dach gesetzt. Sie ruht sich aus auf der Brüstung, während ich mein QiGong absolviere und ihre Artgenossinen über meinem Kopf um die Wette segeln. 

Später am Schreibtisch lese ich, dass es ein Männchen gewesen sein muss, denn die Libellen-Weibchen sind nicht so auffällig blutrot gefärbt, sondern tragen dezentes olivbraungrün. Und es ist ein crocothemis servilia mariannae - weil ihm, dem Libellenmännchen, der schwarze Aalstrich auf dem Rücken fehlt. Dafür bekommt er als Suffix den Mädchennamen Marianne. Irgendwie irre. 

Der Aalstrich, lerne ich, ist ein Rückgratstrich. Aber die Libelle ist kein Wirbeltier und hat kein Rückgrat. Weil sich aber dieser Strich, wenn ihn mein scharlachroter Libellerich denn hätte und keine mariannae wäre, auf der Oberseite seines schmalen Körpers farblich deutlich abhöbe, wandert der Bestimmungsbegriff aus der Wirbeltierbiologie von seiner anatomischen Koppelung ab und wird aufgrund der visuellen Parallele zu einer rein optischen Übertragung.

Samstag, August 22, 2026

Das Reittier

Es gibt mindestens 5 Ram Tempel in Pokhara. Wir radeln bei schönstem Sonnenschein zum nächstgelegenen, श्री राम मन्दिर - Shree Ram Mandir in Birauta. Wir wohnen in Birauta. Birauta ist ein strategisch wichtiger Stadtteil und Verkehrsknotenpunkt! Ram ist die 7. Inkarnation Lord Vishnus, der Gatte Sitas, der Göttin der Ackerfrucht. Die hatten wir schon das eine und andere Mal, auch ihre arrangierte Ehe. Der Tempel ist von Bewässerungskanälen sowie von lauten und leisen Straßen umgeben. Der Legende nach wurde bei den Bauarbeiten der Bewässerungsanlagen (für die umliegenden Reisfelder) ein Ganesh Shila, ein Ganesh Stein gefunden. Vielleicht war es einfach ein fossiler Ammonit. Aber er wurde als Wink des Götterhimmels verstanden, dass an dieser Stelle, mitten im Gewühle, ein Tempel errichtet werden soll. Warum es ein Ram Tempel werden musste, verstehe ich natürlich nicht. 
Aber Ganesh ist auch da, hat seinen eigenen Nebentempel, vor dem sein "Reittier" wartet, die kleine Maus. Auf den Ausritt natürlich. 

Seit der Eröffnung 2040 BS / 1983 AD wird jeden Mittag von ca 12:30 bis 14:00 Uhr das Akhand Kirtan gesungen, ein ununterbrochener Lobgesang.  





Freitag, August 21, 2026

Der Dorn im Finger

4 Wochen Pokhara. Ich räume den Garten auf. Den letzten hinterließ ich in seiner ganzen Üppigkeit. Das gefiel der landlady nicht. The garden, sagte sie, has to be trimmed! Da wir am nächsten Morgen, heute vor vier Wochen, den Hill verließen, kamen wir der Aufforderung, trotz ihrer Unmissverständlichkeit, nicht mehr nach. Mitgenommen habe ich nur die zwei Mangopflänzchen in den Töpfen und die haben die Reise gut überstanden. Der Garten hier ist voll mit alten Reis- und Zementsäcken. Aus denen Pflanzen sprießen. Oder Unkraut. Zitronengras. Erde, Kies, Schutt, Baureste. Gestrüpp. Ameisen. Überall Ameisen. Zerbrochene Fliesen. Das Gemüse habe ich zum größten Teil geerntet und verkocht. Die trockenen Triebe zerre ich von der Hauswand herunter. Alles rankt. Übrig sind noch drei Auberginenbüsche. Die ranken nicht. Die jungen Früchte sind dunkelrot, auberginenrot eben. Je größer, länger sie werden, desto mehr verlieren sie an Farbe, wechseln in ein zartes Olivgrün. Ich buddle dort, wo Schatten ist. Entleere einige der Plastiksäcke. Pflanze das in Boden, was dorthin gehört und schütte Erde darüber. Manches blüht schon oder immer noch. Ich schwitze und hole mir einen Dorn in den Zeigefinger. Dann fängt es an zu regnen und hört erstmal nicht mehr auf.