Donnerstag, Juni 27, 2024

the most probable value

Wissenschaftler denken anders als Fernsehjournalisten mit ihren Fingernageltheorien. Die porters (siehe Forty Years in the Mountains, S. 186 ff), die ihnen und den Promibergsteigern auf die Höhe helfen, haben nichts zu sagen. Sie tragen. Zelte, Brennmaterial, ganze Küchen und volle Vorratskammern, Reissäcke und Chilischoten, Wechselkleidung, Sauerstoffflaschen sowie natürlich das teure, hochempfindliche technische Equipment westeuropäischer Fernsehanstalten. 

Der Mount Everest, lese ich, ist seit der letzten Messung um fast einen Meter gewachsen. Nach dem verheerenden Erdbeben der Stärke 7,8 im Jahr 2015 machten sich chinesische und nepalesische Vermessungsteams auf, den Berg auf ihrer gemeinsamen Grenze neu zu vermessen - unter den kritischen Augen der geografischen Weltgemeinschaft sowie einer Wissenschaft, die gierig alle Daten, derer sie habhaft werden konnte, schluckte und analysierte.

Ich weiß, dass die Glarner Alpen durch Oberflächenerosion und die Erdanziehung in Schach gehalten werden. Nichts desto trotz sind auch sie in ständiger Bewegung. Unter dem abschmelzenden ewigen Eis fangen sie an zu bröckeln. Im Himalaya herrschen aber ganz andere Kräfte. Die Indische und Eurasische Kontinentalplatten, die einst in einem tektonischen worst case die Landschaft auf einer Länge von 2.500 Kilometeren "zerknitterte", wie es so schön heißt, stehen seither nicht still, sondern knautschen und knutschen weiter. Manche nennen das poetisch einen "geologischen Tanz". Die andern bekennen, dass jede Vermessung ein gewisser "Spielraum für Fehler" begleite: "Wir können weder einen genauen Punkt noch eine genaue Höhe finden". Sie könnten nur versuchen, den MPV - the most probable value - den wahrscheinlichsten Wert zu finden. Danach ist der Mount Everest seit Ende 2020 offiziell 8.848,86 Meter hoch.

Dienstag, Juni 25, 2024

Wachstumsschritte

Ich lese in einem Buch. In einem vor sage und schreibe 37 Jahren erschienen Buch. Und staune und zitiere: "Der Himalaya wächst mit etwa demselben Tempo wie ein Fingernagel: 10-15 cm pro Jahr." ***

Man darf auch Aussagen in traditionellen Druckerzeugnissen hinterfragen. Vor allem dann, wenn es sich um eine Begleiterscheinung zu einer Fernsehserie handelt.

Ich konsultiere also das www und finde - wen wundert's? - zum Wachstum von Fingernägeln widersprüchliche Angaben. Dass sie wachsen, ist unbestritten. Im Winter aber sollen sie langsamer wachsen als im Sommer, bei Männern schneller als bei Frauen, bei jungen Menschen jeglichen Geschlechts noch schneller als bei älteren Menschen jeglichen Geschlecht. Heutzutage wachsen Fingernägel rund um den Globus schneller als vor noch einem halben oder ganzen Jahrhundert, was allgemein auf eine veränderte oder verbesserte Ernährung zurückgeführt wird. Fingernägel wachsen auch schneller als Zehennägel, weil letztere weniger Zeit an Luft und Sonne verbringen. Und last but not least zeigen die Nägel unserer fünf Finger (einer Hand) leider auch kein einheitliches Wachstumstempo. Der Nagel des Mittelfingers wächst schneller als der des Daumens oder des kleinen Fingers. Und so weiter und so fort. Durchschnittlich, sagen meine Quellen auch nicht übereinstimmend, wächst ein Fingernagel zwischen 0,1 und 0,12 mm pro Tag oder zwischen 0,5 und 1 mm pro Woche oder ganz genau 3,47 mm pro Monat!

52 Millimeter (= 52 Wochen/Jahr x 1 mm) oder 41,64 Millimeter (= 12 Monate/Jahr x 3,47 mm) sind aber, wenn mich nicht alles täuscht, immer noch meilenweit entfernt von 10 oder gar 15 Zentimetern.

*** G. Dambmann, H. Lange, M. Rohde. Mit Edmund Hilary durch den Himalaya. Freiburg 1987, S. 118 

Samstag, Juni 22, 2024

Pässe II

Kürzlich, auf meiner ersten Reise nach Lalitpur, trug ich meine Wanderschuhen und musste sie bei keiner Kontrolle, an keinem Flughafen ausziehen. Ich behielt sie fast 24 Stunden lang an den Füßen. Nicht weil ich dort sofort in die Berge steigen wollte oder gar über mehrere im Wind schwankende Hängebrücken hinweg gleich mehrere Gebirgspässe passieren wollte. Nein, ich wollte die Wanderschuhe einfach nur stehen lassen. Damit sie angekommen sind. So wie ich zwei volle Koffer, eine Handvoll Bücher und einen meiner beiden laptops stehen lassen wollte. 

Mein halbes Leben steht seit einem halben Monat bereit in Kathmandu. 

Logistisch ist es sinnvoller, schwere Schuhe an den Füßen mitzutragen als im Koffer. Dies ist nur ein Beispiel für grandiose Missverständnisse, die mir gerade auf Schritt und Tritt entgegenschlagen. Rundum wird alles hinterfragt, was ich tue oder lasse. Ständig soll ich mich rechtfertigen. Noch nie in meinem Leben sah ich mich einer so hemmungslos lauernden Dauerbeobachtung ausgesetzt wie in den letzten Wochen und Monaten. Mein eigener Wille zählt nicht und nichts mehr, auch nicht mein Kopf oder mein Bauch, meine Seele, geschweige denn die Träume, mein unruhiger Geist und das ganze, wie ich immer dachte, überdurchschnittlich intelligente Ich!

Die Nepali hingegen stellten keine Fragen. Sie sagten: Oh! You will like it!

Freitag, Juni 21, 2024

Steine

Ein Stein nach dem anderen rollt den Hang hinunter und fällt mir schließlich vom Herzen. Die russischen Bücher hat mir die Optikerin abgenommen. Die französischen kommen nach Högel. Die italienischen verteile ich wie Pizzastücke. Die polnischen stehen imer noch stramm, geschlossen von A wie Anderman (brak tchu, kraj świata) bis Z z kropką, also Ż wie Żeromski (Przedwiośnie, Dzienniki - 3 grube tomy!), im Regal. Ktoś chętny?

Donnerstag, Juni 20, 2024

Stonehenge

Ich hole den allerletzten Aktenordner vom Dachboden und schreddere seinen Inhalt. Das muss geschehen, bevor die Sonne heute Abend ihren höchsten Stand am Himmel über der Nordhalbkugel erreicht. Es ist nicht schlimmer, als ich erwartet hatte, dauert aber deutlich länger. Gerichtsakten, Verhörprotokolle, seitenlange Urteilsbegründungen und Revisionen bis hoch zum BGH. Die Vergangenheit lässt sich nicht restlos eliminieren und in feine Streifen zerschnipselt in die Papiertonne kippen. Nein! Es bleibt dabei und kann nicht oft genug wiederholt werden: Schwiegervaters Leben hat eine Krankenschwester auf der kardiologischen Intensivstation der Berliner Charité vorzeitig beendet.

In Stonehenge - wo sich traditionell Tausende zur Sommersonnenwende versammeln, um die Sonne direkt hinter dem Eingang zum Steinkreis aufgehen und dann ihr Licht exakt auf den Altarstein in der Mitte fallen zu sehen - in diesem Stonehenge trieben gestern Klimaaktivisten ihr Unwesen und besprühten die Megalithblöcke der Jungsteinzeit mit einem sonnenuntergangsfarbenen Pulver. Mit harmloser Maisstärke, wie sie behaupteten, die der erste Regen weggewaschen hätte. Experten zweifelten an dieser Theorie und entfernten das künstliche Sonnenlicht (was sonst wollten die Unholde uns bieten?) rechtzeitig vor dem Auftreten des Natürlichen. 

Mittwoch, Juni 19, 2024

Pässe

 Ich besitze zwei Pässe. Im einen Pass ist ein Ort angegeben, den ausländische Behörden gerne als Geburtsort in ihre Akten nehmen. Es ist aber nicht mein Geburtsort. In diesem Heimatland steht die Vergangenheit über der Gegenwart. Der Geburtsort bedeutet nichts, die Herkunft der Väter alles. Im anderen Pass ist mein Geburtsort korrekt eingetragen. Dafür ist der Ort, an dem dieser Pass ausgestellt wurde, ein noplace. In diesem Heimatland steht die Architektur über natürlichen Bodenerhebungen. Die Behörde, die ihren Bürgerinnen und Bürgern persönliche Papiere wie Reisepässe ausstellt, sitzt an mehreren Orten zugleich, im Land, im Kreis, in der Stadt, meist in mehrstöckigen Verwaltungsgebäuden mit Aufzug und Dachterrasse, denn sie bietet ihrem Personal alles, ist eine Krake und betreibt immer mehr Aussenstellen.

Lege ich nun diese beiden Pässe probehalber offen nebeneinander auf meinen Schreibtisch, kann ich mir nicht vorstellen, dass irgendjemand auf der Welt glauben wird, dass sie ein und derselben Person zugeordnet werden müssen. Allein die Tatsache, dass die Fotos in beiden Pässen nicht identisch sind, gewisse Ähnlichkeiten aber auch nicht verbergen, schürt wie der Feuerhaken die Glut. Den Verdacht. Nur ein Pass hat meine Fingerabdrücke! Der andere das Hologramm des Staatswappens! Wer mit mehr als nur einem Pass unterwegs ist, muss eine Verbrecherin sein!