Montag, Oktober 07, 2024

Jahrestag

Ich feiere meinen persönlichen Jahrestag. Der ist positiver, als alle Jahrestage dieser Welt. Das oder der Blog (laut Duden geht beides) "In Lalitpur" existiert seit genau einem Jahr, zwischenzeitlich unter leicht abgewandelten Namen "Na(ch) Lalitpur" oder "Nach Lalitpur". Das war eine meiner persönlichen Wortspielspinnereien, die niemand verstehen muss. Initiiert wurde das Ganze von einem einzigen, simplen, unüberlegten, leichtfertigen und folgenschweren Satz.

Wer A sagt, muss auch B sagen. Vor genau drei Wochen haben wir Europa verlassen. Seither wohnen wir (noch) nicht in Lalitpur, sondern im Norden Kathmandus, in Panipokhari, im B-Wing.

Zur Feier des Tages speisen wir im Walnut Bistro. 6 Gehminuten von unserem 10. Stock entfernt. W. hat dort schon öfters über foodmandu Essen bestellt. Bistro ist irreführend. Wir sitzen draußen, unter einem Blätterdach, unter Bäumen, wie im Wald. Mitten in der Stadt. Im Windschatten der lauten Lazimpat Sadak. Für Kinder gibt es neben Rutsche und Sandkasten auch ein Trampolin, für Gesellschaften einen Saal, für Singende und Tanzende eine Bühne, für Lesende einen Bücherschrank (take one out - bring one in), für uns einen Antimückenfeuerring. Für jeden etwas. Die Damentoilette ist rechts (because women are always right), die Herrentoilette links.  

Sonntag, Oktober 06, 2024

sugar

 Da auch die Kristallzuckerdose unversehrt aus einem der Pakete zutage trat, sowie der silberne Zuckerlöffel mit eingefasstem Bernstein, beschloss ich, Zucker zu kaufen. Es ist das einzige Beste Teil, das ich je besessen, und mitsamt Löffel kein Familienerbstück sondern eine Erinnerung an Warschau der 1980er Jahre. Verzichten wollte ich darauf aus irgendeinem Grund auf keinen Fall, ein Minimum an hirnloser Sentimentalität sei auch mir gegönnt. 

Da sie nun da ist, muss sie gefüllt werden. Ich habe nichts mitgenommen, nur um es in den Schrank zu stellen.

Da wir auf dem peace walk wir immer wieder Tee gereicht bekamen, Tee zum Ankommen in den Klöstern, Tee zum Frühstück, Tee zum Aufbrechen, zuckersüßen, brühendheißen Tee in Metallbechern, an denen ich mir regelmäßig die Lippen verbrannte, schlussfolgerte ich, dass in diesem Land kein Mangel an Zucker ist. Denn: je süßer der Tee, schien mir, desto wohlmeinender der ausschenkende Mönch. 

Da ich seit Tagen vergeblich in mehreren Shops nach Zucker Ausschau hielt, nahm ich gestern meinen ganzen Mut zusammen und fragte eine junge Verkäuferin im Blue Moon: "Do you have sugar?" Dabei kam ich mir unvorstellbar bescheuert vor. Die Dame nickte freundlich, sure! White sugar? One kilo? Sie stupste den Kollegen, der neben ihr stand, an und der rief einem Dritten etwas zu. Dann passierte lange nichts, bis ich nicht mehr an mich halten konnte und nochmals nach dem sugar fragte. Yes, yes, beeilte sich die junge Dame. Und richtig! Im nächsten Moment bog der bisher unsichtbare Dritte hinten um eine Ecke und warf ihr etwas durch den langen schmalen Gang zu. Es traf sie an der Schulter und fiel zu Boden. Sie schrie, schimpfte (vielleicht) und hob das Päckchen auf. Es war mein Kilo Zucker, in eine unbeschriftete Plastiktüte abgepackt, die den Sturz unbeschadet überstanden hatte. Ich bedankte mich artig und lief zur Kasse. 

Da der sugar schön grobkörnig glitzert wie Bergkristall in der Kristalldose, und eine Löffelspitze meinen täglichen Himalaya-Espresso mehr als genug süßt, muss ich hoffentlich in den nächsten Jahren in diesem Land keinen Zucker mehr kaufen.

Samstag, Oktober 05, 2024

Ficus Religiosa L Moraceae

Ich habe meinen Lieblingsplatz für mein Morning Qigong gefunden. In der Nähe einer riesigen Ficus Religiosa L Moraceae - einer Pappel-Feige bzw. des heiligen Buddhabaums oder Bodhibaums, des Baums des Erwachens der Buddhisten, nicht der Erleuchtung! -, deren verschlungenen Stamm ich vorher dreimal umrunde und berühre. Auf der anderen Seite des Tempelhügels wurde bereits eine Ableger gepflanzt, geschützt von einer robusten Bambusabsperrung und mit einem Bewässerungsschlauch zu Füßen.

Ich habe gelernt, dass hier Berge schneebedeckt sind. Alles andere sind Steigungen, Anhöhen, Hügel oder Wald. Der Schnee macht den Berg zum Berg nicht der Stein oder Fels. In Kathmandu geht es immer wieder auf und ab, aber die Stadt liegt im Tal. Und wenn die Leute über die kommenden Feiertage nach Hause fahren - sie kommen fast alle von weither, von einem Dorf in einer entlegenen Gegend, egal in welcher Himmelsrichtung -, sagen sie: "I'm out of the valley". Das bedeutet, dass sie per whatsapp nicht erreichbar sind. 

Freitag, Oktober 04, 2024

Selbstversorgung

Da meine japanische Ingwerreibe gänzlich unversehrt aus einem der Pakete wieder zum Vorschein kam, kaufte ich gestern ein prächtiges Exemplar von Ingwerwurzel. Rieb mir zu Hause ein Stück fein und übergoss es mit heißem Wasser und trank den ganzen Abend von dem bitteren Zeug. Heute kann ich merklich besser atmen. 

Da ausgerechnet der "Schindelinschuh" (eines meiner Frühwerke) unterwegs aus dem Rahmen geraten ist, muss ich nun Hand anlegen und Schrauben aufdrehen. Werkzeug haben wir keines mitgenommen, aber W. bekam einst von der Gemeinde Gossau das größte Viktorinox geschenkt, das ich je gesehen und das er aus sentimentalen Gründen nicht zurücklassen wollte. Es steckt in einem Lederetui mit Klettverschluss, das er sich sogar an den Gürtel schnallen könnte, wäre er nicht ständig zu Luft unterwegs. Mit Sägeblättern diverser Größe, die als Waffen oder Brotmesser eingesetzt werden könnten, wenn hier Brot in Laiben angbeboten würde. Sowie einem Kreuzschlitzschraubendreher, der leider nicht in die Schrauben passt, die ich aufdrehen möchte. Vorsorglich merke ich mir, dass es ihn gibt. Und einem Bierflaschenöffner, dessen oberes gerades Ende tatsächlich in die Schrauben am schiefen Rahmen passt. So kommt der Schindelinschuh bereits am frühen Morgen wieder in den rechten Winkel.

Da ich heute Geburtstag habe, wieder atmen kann und alles im Lot ist, gehe ich nun in den Wald. Sauerstoff tanken. Da ich in den letzten Monaten und Jahren unter der Edelkastanie mein tägliches Qigong praktizierte, haben Körper und Geist alles verinnerlicht und brauche ich keine Einflüsterungen von meinem vietnamesischen Thay über youtube mehr. Da wir im Ranibari Forest still sein sollen, sind wir es alle. Lärm ist genug rundherum. Da das Straßenüberqueren nicht mehr zur Sprache kommt, habe ich auch das längst verinnerlicht. 

Donnerstag, Oktober 03, 2024

Feiertage

Meine vaterländische Pflicht habe ich gestern schon erfüllt: an der "Reception", die der deutsche Botschafter in Kathmandu anlässlich des "Day of German Unity" im Hyatt Regency gab, teilgenommen. Leider unter denkbar ungünstigen Vorzeichen. Erstens ging ein heftiger Regenschauer nieder, kurz bevor wir aufbrechen wollten. Der Strom fiel aus und das Internet war weg, inDrive nicht erreichbar. Als alles wieder floss, war kein Fahrer verfügbar. Erst nach längerem kam ein freundlicher Nepali, mit dem wir geduldig die Zeit von 18:08 bis 19:45 im Stau quer durch die Stadt verbrachten. Wir erreichten also die Reception, nachdem alle Reden bereits gehalten waren, und die Schlacht am Büffet in vollem Gange war. Es bot deutsche (Sauerkraut und Würste) und italienische (Nudeln tomatenrot oder sahneweiß) Kost an. Nicht prickelnd. Als Bhaltis bekamen alle auf den Nachhauseweg 2 Tüten Haribo, liebevoll mit einem schwarzrotgoldenen Bändelchen zusammengebunden.

Aufgewacht bin ich mit Halsschmerzen und Husten. Ich habe gestern zur besten Sendezeit 97 Minuten lang Abgase vom Feinsten eingeatmet (zuerst erklärte unser driver den Stau mit den heute beginnenden Festtagen, vor denen jeder noch etwas zu erledigen habe, dann klärte ihn ein Kollege, der in der Gegenrichtung unterwegs war - wir standen uns ziemlich lange gegenüber und die beiden konnten sich im wahrsten Sinne des Wortres anhaltend über die momentane Lage austauschen - auf: ein VIP der Regierung sei unterwegs, deshalb viele Straßen gesperrt und überall Verkehrspolizisten im Einsatz, die allerdings wenig ausrichten mit ihren Trillerpfeifen) und lade mir heute zur Feier des Tages einen nepalesischen Kalender auf das Smartphone: Der Mond ist erst kurz nach Mitternacht, um 00:34 neu geworden. Und wir haben den 17 Ashoj Thursday, 2081. Pratipada. Sowie October 03, 2024. Und Ghatasthapana (one of the important rituals of Navratri, it marks the beginning of nine days of festivities), Navratri Arambha, Matamaha Shradda. 

Bis zum nächsten Vollmond wird das Dashain Festival gefeiert. Von den 15 Tagen ist der heutige erste der wichtigste, die Initialzündung sozusagen, gefolgt im Aufstieg vom siebten, achten, neunten und zehnten, gipfelnd natürlich im fünfzehnten. We will see! 

Mittwoch, Oktober 02, 2024

Scherben

Von den abholbereiten Dehaels habe ich nur 6 bekommen, W nur 8 - die anderen waren unauffindbar, dafür trugen die starken Männer 1 Paket in den 10. Stock, das gar nicht für uns bestimmt ist. 

Meine Sendungen sehen einigermassen gesittet aus, wenn auch das eine, das wie von der Post schriftlich an den Absender (also an mich in Meldorf, wo ich seit 2 Wochen nicht mehr lebe) mitgeteilt, gemäß § 9a Luftsicherheitsgesetz geöffnet und bis auf die letzte Büroklammer und meine intimsten Aufzeichnungen über die Tide in der Meldorfer Buch durchwühlt worden ist. Never mind. Unser freundlicher Meldorfer Briefträger hat den Brief bei den Nachbarn abgegeben. Und der freundliche Nachbar hat sich von mir die Erlaubnis geholt, ihn öffnen und mir als scan elektronisch schicken zu dürfen. So war ich gefasst auf das Allerschlimmste.

W. hingegen pflegte in Hamburg nie gute Nachbarschaften, so dass er nicht zeitnah unterrichtet wurde darüber, dass sämtliche seiner Pakete geöffnet, durchwühlt, bis ins letzte Detail untersucht, Bilder aus den Rahmen gerissen, Essstäbchen aus den Verpackungen geholt - von einst 12 kamen tatsächlich nur 5 an - also grade mal 1 Paar für uns zwei, und umgepackt (das ist ein Euphemismus: der Inhalt wahllos in einen viel zu großen Karton geworfen) worden sind. Einzig die Scherben kommen sorgfältig mit Pappe und Klebstreifen umwickelt zum Vorschein. Damit kein Zweifel besteht: nichts ging verloren, nur manches leider kaputt. Und einiges kam dazu: ein himmelblauer Kinderregenanzug sowie ein sauber gewaschenes, wunderbar nach Weichspüler duftendes Hoodie, Team Dino, beide Größe 104. 

Dienstag, Oktober 01, 2024

Himalajabülbül

Neuer Monat, neues Glück. Ich habe den Wald entdeckt, direkt bei mir um die Ecke, hinter der Japanischen Botschaft, im nördlichen Teil neben der Thailändischen. Den Ranibari Community Forest. Ab heute gehe ich dort im Morgengrauen laufen, meditieren, nachdenken, atmen, dem Himalajabülbül und tausend anderen Vögeln lauschen, dem Bambus beim Wachsen zusehen. Im 10. Stock ist es schwierig, Energien zu sammeln und gleichzeitig die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Auch das Trampolin erweist sich so nah dem Himmel mehr als halsbrecherisch. 

Per heute sind 7 von meinen 9 und 8 von W's 10 DeHaeL-parcels in KTM abholbereit. Wir brauchen 1 Van, 2 kräftige Männer und viel, viel Geduld.