Montag, Februar 16, 2026

चौरासी

चौरासी - caurāsī ist die Zahl 84. Aber nicht Orwell - sondern Nepal. Das ist das Alter, das hier erstrebenswert ist. Wer 84 Jahre alt wird, hat einen Meilenstein in seinem Leben erreicht und gilt als Halbgott oder sterblicher Gott resp. Göttin. Darüber lese ich gerade ein Buch, eine weitere Familiensaga: die Großmutter, die zur Feier ihres चौरासी - caurāsī, ihres 84. Geburtstags eben, die drei (nein, es sind vier, aber der vierte ist nicht eingeladen udn kommt trotzdem)  in der westlichen Welt zerstreuten Enkelkinder zurückruft. Die Eltern dieser Enkel, also der Sohn und die Schwiegertochter der Jubilarin, starben früh bei einem Unfall, weshalb die Oma die Kinder aufzog und weshalb diese wahrscheinlich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit das Weite suchten. Wie auch immer, der gap - Abgrund! - ist angelegt. Liest sich zäh. Langfädig. Ausufernde Sätze. Verwirrende Komposition. Ein literarischer Erstling (aus dem Jahr 2016, dem längst preisgekrönte Zweit- und Drittlinge folgten). 

Mich interessiert in erster Linie nur die Zahl. Nur die Sprache. 80 = अस्सी - assi. Und 4 = चार - car. Die Zahl 4 ist fast ein Vogel (= चरा - cara), aber ohne dessen langes helles a am Schluss. 84 wird in Nepali so gebildet wie im Deutschen: Vier-und-achzig, die 4 wird etwas aufgehellt als "caur"+"assi", aber syntaktisch spielt die Klangfarbe der Konsonanten (ja! das nepalesische Wort चौरासी - caurāsī besteht nur aus Konsonanten) keine Rolle. Die nepali numbers funktionieren wie die deutschen (Vierundachzig) und keineswegs wie englische (eightyfour).  

Prajwal Parajuly, der Autor erklärt in seiner abschließenden Notiz, warum ausgerechnet der 84. Geburtstag im Leben eines Menschen so entscheidend ist. Er gesteht, dass keiner der Texte, Priester, Weisen, Unweisen, die er konsultierte, eine ihn überzeugende und stichhaltige Antwort geben konnten. Deshalb habe er sich eine eigene mathematische Formel zurechtgelegt: 12 (Vollmonde) x 84 (Lebensjahre) = 1008. Ein 84-jähriger Mensch hat nach Parajulys Gleichung in seinem Leben 1008 Vollmonde erlebt. Und 108 und 1008 gelten im Hinduismus als auspicious numbers - symbolische, wichtige, Glück verheißende Zahlen. Parajuly ist happy, die Lösung scheint gefunden.

Wie so vieles in diesem Land: reine Phantasie! Pure Propaganda! Kreativ, zugegeben, aber leider nicht im Sinne des Universums. Hat nix mit den Rotationen der Himmelskörper zu tun. Wie wir wissen (wer weiß es nicht?), gibt es alle 2-3 Jahre ein Jahr mit 13 Vollmonden. So auch 2026: im Mai werden wir zwei Vollmonde am Himmel erleben, den zweiten als sogenannten bluemoon. Wir befinden uns gerade mitten in einem blauen Mondjahr. Und das ist den ungleichen Längen von Sonnen- und Mondjahr geschuldet, wie ich kürzlich schon feststellte. Nach wie vor addiert sich die Differenz von 11 Tagen nach etwa 3 Jahren zu einem zusätzlichen Mond-Monat. Und der beschert uns einen dreizehnten Vollmond. Auch einen 13. Neumond natürlich.

Ein 84-jähriger Mensch hat also die gute Chance, zu den von Herrn Parajuly ausgerechneten 1008 Vollmonden noch mehr oder weniger 30 Vollmonde mehr in seinem langen Leben gesehen zu haben. Ich mache mir den Spaß und die Mühe und rechne aus, wie viele Vollmonde mit bis zu meinem 84. Geburtstag den Schlaf geraubt haben werden: 1008 + 31 = 1039. Ein Total, eine Zahl ohne jeden HIntersinn, ohne auspicious Qualität! Außer man oder frau (er)findet etwas. 

Sonntag, Februar 15, 2026

Happy Maha Shivaratri

महाशिवरात्रिको शुभकामना - Happy Maha Shivaratri! Feiertag. Kein Bike. Schon den zweiten Tag in Folge. 

महाशिवरात्रि - Maha Shivaratri ist die große Nacht Shivas, am 14. Tag des abnehmenden Mondes im Monat Falgun. Also am Tag oder in der Nacht vor Neumond. Jeder Mondmonat hat sein Shivaratri, den 14. und dunkelsten Tag der abnehmenden Mondphase. Maha Shivaratri aber ist von höchster spiritueller Bedeutung.

Ich habe die hauchdünne Sichel mit den beiden sehr spitzen Enden früh im Osten gesehen, kurz nach Mondaufgang am noch tiefschwarzen Himmel, ehe eine verschwommene Dämmerung über dem Valley einsetzte und das wenige, das vom Mond zu sehen war, vereinnahmte und noch vor Sonnenaufgang verschluckte.

Maha Shivaratri feiert die "göttliche Hochzeit" von Lord Shiva und Parvati. Durch die Verbindung der beiden ist das Universum aus der Wiege gehoben worden - sagen die Hindus. Reines Bewusstsein (Shiva) und kreative Energie (Parvati) bringt den Kosmos zur Vernunft, bzw in Balance. Außerdem feiert Maha Shivaratri den kosmischen Tanz Tandava, Shiva als Tänzer Nataraja tanzt den Schöpfungstanz und setzt damit die Welt in Bewegung. Deshalb soll man heute Nacht nicht nur fasten, mit geradem Rücken meditieren und wach bleiben, sondern auch durchtanzen!

Und Maha Shivaratri feiert Shiva als unendliche Lichtsäule, als Jyotirlinga, als Besitzer unendlicher Macht. Im Trimurti nimmt er dadurch die höchste Stellung, über Brahman und über Vishnu ein.

Maha Shivaratri feiert auch Shivas Mut, als er das Gift der Welt trank und so die Menschheit davor bewahrte, daran zu sterben. Und wie an jedem hinduistischen Fest wird auch heute Nacht der Sieg des Guten über das Böse gefeiert. Shiva soll nämlich auch die dämonischen Brüder Kamalasksha, Tarakaksha und Vidyunmali mit einem einzigen Pfeil ausgeschaltet haben. Mehr geht eigentlich nicht.

महाशिवरात्रिको शुभकामना - Mahasivaratriko subhakamana - all the best for Maha Shivaratri! 



Samstag, Februar 14, 2026

Simarouba Glauca

Samstag. Kein Bike. Die Sonne zeigt sich nicht richtig. Der Mond leuchtete schmal und an den Enden spitz, bis der Tag hell wurde. Die Luft ist so schlecht wie die Sicht.

Vielleicht hilft meine tägliche pure Anwesenheit um oder am, unter, neben dem लक्ष्मी तरु - Laxmi Taru. Dem Laxmibaum. Die Blätter fallen gerade zu Hauf. Sie sollen, solange sie frisch und grün sind, wundersame Wirkungen haben. Das hat mir schon zu Beginn (vor über einem Jahr) mein Mönch erklärt, sie helfen gegen Zahnschmerzen. Wenn ich ihn richtig verstanden haben, soll man die Blätter oder ein Teil davon, denn sie können größer als zwei Handteller sein, kauen.  

Die Einheimischen kochen die Blätter aus, der Sud soll allgemein das Immunsystem stärken und man bleibt gesund, verschont von jedem Leiden. Das ganze Leben lang. Sagt der Volksmund oder Ayurveda, ich weiß es nicht. 

Alkoholextrakte aus den Blättern sollen antibakterielle und antitumoröse Wirkungen haben. Gegen Krebs hilft es nur im Anfangsstadium, danach kann sich die Wirkung ins Gegenteil umkehren und das Wachstum der Tumors befördern. Wie immer, kommt es auf den richtigen Zeitpunkt und die richtige Dosierung an. Die Quassinoide (abgebaute Triterpenlactone) der Simaroubaceae-Planzen haben Anti-Leukämie-Eigenschaften, verbessern den mitochondrialen Stoffwechsel und erhöhen den Energielevel. Gut so. Ich danke meinem लक्ष्मी तरु - Laxmi Taru jeden Tag, dass er da ist.

Freitag, Februar 13, 2026

1. Falgun

फाल्गुन - falgun, der elfte Monat im nepali calendar Bikram Sambat beginnt. Das Jahr 2082 hat 12 Monate wie unser Jahr 2026 auch, es geht aber bereits Mitte April AD zu Ende. Einen Kalender für das Jahr 2083 werde ich frühestens dann bekommen.  

प:मा ननि
Monatsanfang. Einen Freitag den Dreizehnten kennt man hier nicht, ich glaube, auch das hatten wir schon: Freitag ist immer der glücklichste Tag der Woche. Heute ist er noch glücklicher: das fünftägige Festival Maha Shivaratri beginnt. 

Am Pashupatinath Tempel sind alle Vorbereitungen getroffen, lese ich, und alle vier Tore geöffnet. Es werden bis zu 800 000 Gläubige, Pilger, und etwa 4000 साधु - Sadhus, Gute, Weise und Heilige erwartet. 

Der pretender kehrt am Mittag aus dem Osten in die Hauptstadt zurück. Wir sind auf dem Weg nach Thimi und sehen seinen Helikopter im Landeanflug auf den Flughafen. Sonst ist nichts in der Luft. Nicht einmal einer ewig hungrig kreisenden Schwarzmilane. Am Boden erwartet seine Hoheit eine Schar Monarchisten, die ihn sicher in sein Domizil eskortieren wollen. Bis wir zurückkehren, sind die Straßen hoffentlich wieder frei. 

प:मा ननि - pa:ma nani an einer Straßenecke in der Dreisprachenstadt Thimi meint vielleicht: Im Westen nix Neues. I don't know.

Donnerstag, Februar 12, 2026

29. Magh

Monatsende. Der 29. Magh. Der zehnte Monat im nepalesischen Kalender Bikram Sambat hat im Jahr 2082 nur 29 Tage. Ich versuche immer noch zu begreifen, was es mit der Zeit hier auf sich hat. Seit ein paar Tagen ruft mich der abnehmende Mond am Morgen aus dem Bett. Eigentlich ist Bikram Sambat der Sonnenkalender der Nepali, ihre religiösen Festivals feiern sie aber nach dem Mondkalender. Bikram Sambat macht den Spagat und integriert Sonnen- und Mondläufe zu einem Kalendersystem. Daraus wird ein Lunisolaralmanach, lese ich. Sonne und Mond haben aber unterschiedliche Laufgeschwindigkeiten, der Mond hinkt der Sonne pro Jahr 11 Tage hinterher: das Sonnenjahr hat 365 Tage, das Mondjahr 354. Diese 11 Tage summieren sich in drei Jahren zu 33 und ergeben einen ganzen zusätzlichen Monat. Den Schaltmonat. Genannt Malamas ("der Monat ohne besondere Anlässe"). Oder Adhik Mas ("der zusätzliche Monat"). Oder Purushottam Mahinas ("der Monat des Höchsten Wesens" - Purushottam ist ein weiteres Epitheton seiner Heiligkeit Lord Vishnus). Nicht nur die Zeit läuft mehrspurig wie eine Autobahn, auch die Sprache. Angeblich gibt es eine sogenannte Monatswechselregel, nach der der Beginn eines neuen Monats astronomisch festgestellt wird. Ich nehme an im Voraus, vielleicht für ein ganzes Jahr und nicht erst heute für morgen. Oder morgen für gestern.

Sicher ist aber, dass der letzte Malamas vom 18. Juli bis 16. August 2023 eingesetzt wurde. Der nächste folgt also bald. Nämlich nach genau 32 Monaten und 16 Tagen. Um das Datum exact ausrechnen zu können, müsste ich entweder einen Nepali Kalender haben, der über das laufende Jahr 2082 hinausreicht. Oder wissen, wie viele Tage jeder vergangene Monat seit dem letzten Malamas hatte. Beides ist mir gerade nicht vergönnt.

Mittwoch, Februar 11, 2026

लक्ष्मी

Auch Laxmi begreife ich nun: लक्ष्मी. Einige transkribieren als Lakshmi oder Laksmi. Ich bevorzuge Laxmi, dann muss ich nicht denken. Ein x befreit! Beseitigt jede Unruhe im Kopf. Das Original hingegen ist, wie immer, simpel: लक्ष्मी

Konsonant ल = "la" + Halb-Konsonant क्ष ="chhya" oder "kshya" (je nach Weltanschauung), verkürzt, weil ohne a = क्ष् + direkt verbunden mit म = ma (wie in म = ich oder मो:मो = mo:mo) wird daraus क्ष्म + Vokal i = क्ष्मी 

Alles hintereinander zusammengesetzt, 1 Konsonant + 1 Konsonantencluster + 1 Vokal: लक्ष्मी

Nichts einfacher als das! लक्ष्मी ist die Göttin des Glücks und des Wohlstands. Und mein Laxmibaum ist das weibliche Pendant zum Bodhibaum. Um jeden Tempel wächst ein männlicher und ein weiblicher Baum. Das ist so und muss so bleiben. Mein Laxmibaum ist in Wirklichkeit ein लक्ष्मी तरु - Laxmi Taru. Oder Paradiesbaum, wissenschaftlich Simarouba Glauca. Auch den hatten wir schon.

Dienstag, Februar 10, 2026

श्री हरि

Auch श्री हरि - Shri Hari ist ein Name Lord Vishnus. Er besitzt ungefähr so viele Namen wie Avater. Und auch das hatten wir schon. Der kleine Tempel in Dhapasi Devi mit dem in einem Miniwasserbecken liegenden Mini-Vishnu ist laut Inschrift श्री हरि विष्णु नारायण - Shri Hari Vishnu Narayan gewidmet. Das ist - wie ich erst jetzt verstehe - das Nonplusultra oder der gesamte cluster an Ehrerbietung und Hochachtung. Aber der Reihe nach. श्री हरि - Shri Hari, lese ich, sei der, der allen alle Sorgen und Schmerzen abnehme. Shri Hari ist ein weiteres Epitheton Lord Vishnus und meint hier, im Beiname des Obersten Hindugottes, Befreier von Sünden. Ich wusste nicht, dass Hindus auch sündigen. Ich dachte, das sei Rom vorbehalten und die Absolution dem Papst. Aber siehe da: wer inbrünstig genug (with a pure heart - mit einem reinen Herzen) zu श्री हरि विष्णु - Shri Hari Vishnu betet, wird von allen Sünden erlöst. Und wenn die Hingabe Wohlgefallen findet, kann Shri Hari Vishnu sogar die größten Krisen wegputzen. Mit einem Handstreich. Hände hat er mehrere.

Warum huldigen wir also nicht einfach alle Shri Hari und die Welt ist erlöst von allem Bösen und allen Irren?