Sonntag, November 01, 2026

Kartoffeln

Ein Morgen wie November. Neblig, feucht, undurchsichtig. Dies, obwohl die Nacht sternenklar war und wir mitten im Monat Kartik sind. 

Ein Mittag wie Sommer. Die Wolken liegen noch tief, die Sonne steht schon hoch. Die Annapurna schält sich aus dem Nichts. Nicht einfacher als das. Klare Sicht, blauer Himmel.

Ein Abend wie Ausflug. Wir fahren mit den Fahrrädern zu Monalisa. Ich esse Fapar-Dhido-Thakali, W den üblichen Reis, dafür mit allem drum herum, Huhn, Fisch, Mutton. Danach nehmen wir ein Kilo goldgelbe, saftige, süße Mustang Äpfel mit nach Hause. Einen Geviertelten haben wir zum Nachtisch bekommen. Ein riesiger Berg Kartoffeln aus Mustang liegt auch zum Verkauf vor dem Restaurant. 

Samstag, Oktober 31, 2026

Die Kehrseite

Ein Samstag wie Dithmarschen. Wochenende. Bei dem Wetter arbeitet keiner. Es regnet den ganzen Vormittag ohn' Unterlass. Der Strom fällt stundenlang aus. Am Himmel nur grau. Am Boden Grün in Gelb- und Brauntönen. Der Wind hat die schweren Ähren der Reisfelder über Nacht geschüttelt, zerrupft und zerzaust. Vielleicht stehen sie wieder auf, wenn die Sonne wieder kommt. 

Im Norden Bhutans ist vorletzte Nacht der Shintaphu Tsho geborsten. Übergelaufen. Ausgebrochen. Ein durch eine Endmoräne aufgestauter Gletschersee im Hochgebirge Laya Gewog. Einer von 17 als instabil und gefährlich eingestuften Gletscherseen des Landes. In Nepal gibt es Dutzende ebensolcher. Eine Sturzflutwelle von schätzungsweise 7,4 Millionen Eiswasser ergoss sich in den Mo Chhu und seine Seitenarme. Die Bewohner aus der Region konnten rechtzeitig gewarnt und evakuiert werden. Auch in den angrenzenden indischen Bundesstaaten Assam und Westbengalen gab es akuten Flutalarm, über 10 000 Menschen wurden vorsorglich in Sicherheit gebracht.

Das ist die Kehrseite der Leben spendenden Himals, des ganzjährig schneebedeckten endlosen Himalayagebirges. Meiner alle mit Nahrung versorgenden Annapurna, der Mutter des Überflusses. Früher sicherte das Schmelzwasser den Bauern im Tal das Überleben, es war zuverlässig, kam pünktlich und gut dosiert, garantierte eine reiche Ernte. Heute ist es unberechenbar. Unbeherrscht. Fuchsteufelswild.

Am Mittag ist der Spuk - der Dithmarschenblues - plötzlich vorbei und die Sonne scheint, als wär' nichts gewesen.

Freitag, Oktober 30, 2026

Arnab

Ein Freitag wie Dithmarschen. Der Morgen ist grau. Die Annapurna trägt Schleier. Ab dem Mittag regnet es, nicht stark aber beständig. Zyklon Arnab trifft uns nicht direkt, aber seine Begleiter. Arnab ist in meinen Ohren ein ungewöhnlicher Name, irritierend und faszinierend zugleich. Ich lese, dass Bangladesh diesen Namen eingereicht hat. Er stand auf der Liste für tropische Wirbelstürme im Nördlichen Indischen Ozean und wurde vom Indischen Meteorolischen Dienst vergeben. Arnab ist ein männlicher Vorname und kommt wie alles in diesen Teilen der Welt aus dem Sanskrit. Arnabs sind beliebt im Bengalischen, Odia und Assamesischen. Sie bringen etwas Unendliches mit sich, Tiefe und Weite wie das Meer.

Hier unten regnet es, weiter oben fällt Schnee. Das ist gut für die Himals.

Donnerstag, Oktober 29, 2026

Kartik

Es ist schon der 12. Kartik - aber vorher kam ich nicht dazu. Zu erklären, dass dies mein neuer Lieblingsmonat ist. Früher war es der Oktober, dessen zweite Hälfte die erste des Kartik überlappt. Mehr Gemeinsamkeit ist aber nicht. Angekommen sind wir vor zwei Jahren am 1. Ashwin. Der Kartik war der zweite Monat in Nepal, aber der erste, dessen Name ich mir merken konnte. 

Kartik ist der heiligste, der energetisch kraftvollste und spirituell, wie es heißt, "ertragreichste" Monat im hinduistischen Kalender. Kartik wird von modernen Meistern mit "Schlussverkauf" verglichen - schon die kleinste Geste der Hingabe, wie das tägliche Anzünden einer Öllampe, wird tausendfach belohnt und bringt spirituell reiche Ernte. Kartik gilt als Damodara-Monat, und ist eng mit Radha und Krishna verbunden. Gott - in Form von Damodara - ist besonders zugänglich. Dann erwacht im Monat Kartik Vishnu aus seinem viermonatigen kosmischen Schlaf im Milchozean. Am Kartik-Vollmond erscheint er als Matsya Avatar - als Fisch-Inkarnation und rettet die Schöpfung. Lord Shiva, sein Kollege, besiegt an demselben Vollmond, an Kartik Purnima den Dämon Tripurasura und rettet die Götterwelt. Die Hindus feiern deshalb Kartik Purnima als Lichterfest der Götter, als Dev Diwali. Der zunehmenden Dunkelheit auf Erden wirken aber die Gläubigen mit allerhand Lichterfesten auch für sich entgegen. Tihar oder Diwali fällt immer in den Monat Kartik. Wenn draußen kein oder immer weniger Licht ist, wird das Licht innen gestärkt.

Mittwoch, Oktober 28, 2026

Setibeni

Setibeni liegt westlich von Pokhara am Ufer des Kali-Gandaki. Durch Pokhara fließt der Seti-Gandaki. Der eine Fluss ist der Schwarze, der andere der Weiße. Beide fließen kurvenreich von Nordwest nach Südost. Solche Konträrnamen für Flüsse gibt es auch andernorts auf der Welt. Meist hat die parallele Namensgebung geografische oder geologische Gründe. Der Schwarze, der Kali-Gandaki trat vor einem Monat nach tagelangen heftigen Regenfällen über die Ufer und nahm halb Setibeni mit sich. Das Zentrum, den Marktplatz und alle für Dashain bereits gut gefüllten Shutters, die Zufahrtsstraßen, zwei Brücken und 50 Wohnhäuser. Auch die Nachbargemeinden verschonte er nicht, riss 30 Häuser aus Bihadi und 20 aus Galyang fort. Er zerstörte die massive Brücke zwischen Mirmi und Harmichaur und damit die einzige Verbindung zwischen den drei Distrikten Parbat, Syangja und Gulmi. 

An der Grenze dieser drei Distrikte liegt am Kali-Gandaki ein riesiger Monolith, ein Shaligram Shila. Für gläubige Hindus sind diese Steine heilig, sie erkennen darin eine Manifestation Vishnus. Der Shaligram Shila von Setibeni gilt als größter weltweit. Ein viel bescheidenerer liegt bei uns um die Ecke im Ram-Tempel von Birauta. Shaligrams sind prähistorische Ammoniten-Fossilien, lese ich, aus dem ehemaligen Tethys-Meer. Als der Himalaya sich zu heben begann, gelangten solche Brocken in die Gandaki Flüsse, in den Kali und und den Seti. Strömung und Zeit schliffen sie rund. Der Monolith von Setibeni ist seit Jahren bedroht. Hinter der Staumauer des 7 Kilometer südlich gelegenen Wasserkraftwerks Kaligandaki A lagern sich Unmengen von Sedimenten ab, Sand, Steine, Geröll, Felstrümmer. Das Flussbett steigt kontinuierlich an und der heilige Shaligram Shila, den Scharen von Pilgern aufsuchen, um ihn mit einer Pradakshina (drei Umkreisungen im Uhrzeigersinn) zu verehren, ist dabei, in diesem Schutt zu verschwinden. Während des Monsuns versinkt er regelmäßig für Monate ganz unter Wasser und in trockenen Monaten ragt mittlerweile nur noch der oberste Teil aus dem Wasser.

Die Kali-Gandaki-Flut hat ihn nicht mitgenommen. Er ist schwer von der Stelle zu bewegen. Aber sie hat alle Zugangswege verschüttet. Seitbeni ist seither verwaist und der Shaligram unerreichbar. 

Dienstag, Oktober 27, 2026

Himal

Ich sagte es vielleicht schon das eine und andere mal: in Nepal sind Berge weiß. Was nicht weiß ist, ist kein Berg. Bestenfalls ein Hügel. Eine Anhöhe. Für einmal ist die Sprache hilfreich: Das Wort zeigt die Farbe. Alle Himal's sind Schneeberge, Schneebergketten, Schneebergmassive. Weiße, endlos sich hinziehende Gebirgszüge wie zum Beispiel der 55 Kilometer lange Annapurna Himal vor meinem Fenster. Oder der anschließende Lamjung Himal. Der Mardi Himal. Der Mansiri oder Gurkha Himal. Und so weiter und so fort.

Für einmal öffnet mir die Sprache die Augen. Das Wort हिमाल - Himal kommt aus dem Sanskrit und setzt sich aus zwei Teilen zusammen: हिम - Him für Schnee oder Eis, Frost, Winter, kalt. Und आलय - Alaya für Haus, Platz, Ort. हिमालय - Himalaya ist der Wohnsitz des Schnees, des Eises, der Kälte. Das Adjektiv "ewig" erübrigt sich in dieser semantischen Unfehlbarkeit.

Ich lerne die Welt von oben kennen. Wenn sie kopfsteht. Oder von unten. Wenn ich einen Kopfstand mache und das Blut mein Hirn flutet. Das Wort für Schnee in nepali - ich weiß nicht mehr, wann es mir zum ersten Mal begegnete - schien mir immer eines der absonderlichsten und unverständlichsten. Merken konnte ich es mir bis eben nie. हिउँ - hium, google transkribiert als hi'um̐. Mit Chandrabindu (= Punkt in einer halben, nach oben offenen Mondsichel) über dem "m", der die Nasalierung des vorangehenden Vokals anzeigt. Ich lasse mir das Wort vorsprechen und es klingt nach [hio]. Ein nasaliertes Endungs-o wie im Urklang des Universums ॐ - Om oder Aum! Ich frage nach der Etymologie. Und tatsächlich hat der Schnee, der die Gipfel des Himalaya erst zu Bergen macht, mit dem Absolutum der hinduistischen Weltordnung zu tun. हिउँ - hium ist ein leicht abgewandeltes, um den h-Konsonanten mit kurzem i erweitertes ॐ - Om. Om, lerne ich, ist die Schwingung, aus der alles Sichtbare und Unsichtbare entstanden ist. Noch sind die Berge, die Himals sichtbar vor meinem Schreibtisch. An einem klaren Tag wie heute. Mein ganzer Annapurna Himal, der Gebirgslangstreckenzug. Schneekappen und Schneekutten schwinden, Frostbeulen und Eisfüße schmelzen in geologischen Zeiträumen und Zeitschritten. Die kennen wir zum Glück nicht. 

Montag, Oktober 26, 2026

Der Beginn

Purnima im Monat Kartik. Vollmond. Damit die Welt nicht allzu einfach ist, hat der Vollmond heute in Nepal einen eigenen Namen: कौमुदी - Kaumudi. Mit Kaumudi beginnt für die Hindus das nächste Fest. Oder die Vorbereitung darauf. Kartik Snan: sie nehmen rituelle Bäder, einen ganzen Monat lang, jeden Morgen vor Sonnenaufgang, nach Möglichkeit in einem heiligen Fluss oder See, das heimische Badezimmer zählt aber auch. Sie verehren Tulasi, das heilige Basilikum. Und sie zünden heute Abend die आकाशदीप - Akashdeep, die Himmelslampen an und hängen sie auf. Tihar, das Lichterfest liegt bereits in der Luft! Und die Berge, die sonst tagsüber eher geizen oder scheuen und sich hinter Quellwolken zurückziehen, leuchten heute schneeweiß den ganzen Tag vor einem unverdrossen blauen Himmel. 

कौमुदी - Kaumudi ist eigentlich das Nachtlicht, das Vollmond- oder Purnimalicht, der Mondenschein. Aber ich nehme das Licht auch tagsüber und frage AI, was ich sehe. Ich muss mehrmals nachfragen. Denn die artificial intelligence kann sich nicht vorstellen, was ich heute bei dieser phänomenalen Sicht vor den Augen habe sehe. Ein Gebirgszug, nicht nur einer, der Annapurna Himal von West nach Ost:

  • Dhaulagiri I (8.167 m)
  • Annapurna Süd (7.219 m) - sie dominiert den westlichen Teil des Annapurna-Hauptmassivs
  • Hiunchuli (6.441 m) - rechts daneben und etwas davor
  • Annapurna I (8.091 m) - der höchste Annapurna-Gipfel, hinter Annapurna Süd und Hiunchuli - (die Perspektive von meinem Schreibtisch täuscht etwas) 
  • Machhapuchhre (fish tail 6.993 m) - die markant geteilte Fischschwanzspitze ist prominent und nicht zu übersehen, aber sie ist nicht die höchste Erhebung 
  • Annapurna III (7.555 m) - östlich, leicht versetzt neben und hinter Machhapuchhre 
  • Annapurna IV (7.525 m) - die ausladend breite Schulter in der östlichen Kette
  • Annapurna II (7.937 m) - der dominierende, pyramidenförmige Eckpfeiler im Osten des Massivs
  • Lamjung Himal  (6.983 m) - die östlichen Ausläufer des Annapurna Himal
  • Myabasa Dande (6.003 m) und Vorberge - der Annapurna Himal endet, der Gebirgszug flacht ab in niedrigere, nicht mehr schneebedeckte, sondern überwaldete, stark zerklüftete Bergrücken. Nach dem Myasa Dande trennt der Gebirgspass Namun Bhaniyang die Annapurna-Region vom östlich angrenzenden Manaslu-Gebirgszug. Den Pass kann ich nicht sehen, aber ich sehe den   
  • Manaslu (8.163 m) - in weiter Ferne, abgesetzt von der Annapurna-Hauptgruppe, ist die spitze Silhouette des achthöchsten Berges der Welt von meinem Schreibtisch aus nur an einem Tag wie heute zu erkennen!
Nein, Bilder liefere ich keine. Hier gibt es welche, professionelle - nicht von meinem Schreibtisch, auch nicht vom zweiten Dach mit Blick nach Norden, sondern von anderen, einsamen Aussichtspunkten, zumeist Richtung Süden geknipst. Ich bin nur für Wörter zuständig. अन्नपूर्ण - die Annapurna, mein Hausgebirge, ist eine Göttin! Ihr Name setzt sich zusammen aus अन्न - anna für Nahrung, Korn, Speise und पूर्ण - purna für voll, vollständig, etwas, das bis oben gefüllt ist. Wie पूर्णिमा - purnima = Vollmond. Der für uns Menschen rundum gefüllte, vollständig sichtbare Mond am Himmel. अन्नपूर्ण - Annapurna ist eine Manifestation Parvatis, der Gemahlin Shivas. अन्नपूर्ण - Annapurna ist die an Nahrung Reiche, die Göttin des Hauses, der Ernte, des Reises (weniger des täglichen Brots, wie manche Westler behaupten), die Mutter des Kochens. In Nepal wird noch gekocht! Wenn auch vielerorts mit Holz und in ungesundem Qualm. अन्नपूर्ण - die Annapurna sorgt dafür, dass niemand hungern muss und es erregt ihren Zorn, wenn die kleinsten Krümel von Lebensmitteln achtlos weggeworfen werden. Ganz zu schweigen von der Verschwendung von Essensresten. In Kathmandu bekommen die Straßenhunde Reisreste, auf dem Land Kühe oder Ziegen im Stall. Essen ist essentiell. Und wer (wie wir) eine Firma gründet und Angestellte hat, muss im Büro eine Küche einrichten und einen Koch einstellen. Die Frage "did you have your food?" kommt immer wieder und ist nicht nur eine höfliche Floskel (anstelle von zum Beispiel तपाईंलाई कस्तो छ - tapailai kasto cha = how are you oder तपाई  सन्चै हुनुहुन्च - tapai sancai hunuhunca  - are you ok?), sondern  Anteilnahme. Hast du Hunger oder bist du satt?