Mittwoch, Januar 07, 2026

Masyaura und Chhurpi

Vor elf Jahren bin ich zwischen den Tagen, also zum Jahreswechsel 2014/2015 AD mit einer Flasche Champagner einmal quer durch Europa gefahren. Vom schleswig-holsteinischen Wattenmeer in die Metropole Polens. Es war kalt und in Warschau fiel Schnee. Mein Meister lag im Sterben. Er genoss noch einen homöopathischen Schluck aus besagter Flasche, hustete, verlangte ab und zu nach einer Zigarette, die er bekam und nach den ersten Zügen zufrieden wieder weglegte. Er harrte bis zum orthodoxen Weihnachtsfest aus, bis zum ersten Vollmond. Beides fiel auf den 7. Januar. Im Nachhinein ist alles gut, wie es gekommen ist.  

Heute lerne ich endlich, die riesigen Wurzeln zu unterscheiden, die bei meinen Gemüsehändlern auf der Golfutar herumliegen, und die ich nie zu kaufen wage. Erstens koche ich nicht, zweitens nur, wenn wir es am Magen haben. Und dann verzichten wir lieber auf unbekannte Knollen und bleiben bei Karotten, Grütze und etwas ungeräuchertem Tofu. Die TKP berichtet, dass die Regierung (wer ist das dieser Tage des Interims, dass in knapp zwei Monaten von Neuwahlen beendet werden soll?) zum ersten Mal Qualitätsstandards für मस्यौरा (masyaura) und छुर्पी (chhurpi - der härteste Käse der Welt! - kann auch als Hundekauknochen verwendet werden) festsetzt. Im Sinne der Lebensmittelsicherheit und erhöhter Exportchancen. Und der Besinnung auf nationale Werte. Jetzt, kurz vor den Feiertagen! 

मस्यौरा - masyaura sind fermentierte und sonnengetrocknete Gemüsebällchen. Ewig haltbar. Sie bestehen aus feingeriebenem taro (eine der monströsen Knollen), yam (dito, einer der beeindruckenden Wurzeln), ashgourd (Wintermelone, Wachsgurke oder eine Art Flaschenkürbis) und radish (Rettich, weiß oder rot, auch riesengroß, scharf und saftig), vermischt mit schwarzen Linsen oder Urdbohnen. Angebraten in Senföl lecker im Curry mit Reis!

छुर्पी - chhurpi ... nun ja! Proviant oder Snack, Proteinbombe auf Yakkäsebasis für Reisen ins Entlegenste. Besser als Kaugummi. Es gibt auch eine weichere Variante, die wird in Suppen oder im Curry mitgekocht und macht die Sache sämig.

Dienstag, Januar 06, 2026

Dorfleben

Wir hatten gerade die kälteste Nacht, lese ich in der Zeitung. 3° (plus!) um 08:45 - gegen 3,4° um 05:45. Es erstaunt mich immer wieder, dass die Temperatur nach Sonnenaufgang sinkt. Also ist es eher der kälteste Morgen. Im schattigen Tal zu meinen Füßen liegt so etwas wie Bodenfrost. Auch auf den dunklen Autodächern auf dem Parkplatz vor meinem Küchenfenster. Auf hellen Karosserien ist Kälte seltsamerweise nicht zu erkennen.  

Ich bin seit Tagen zum ersten Mal ohne Flaute im Magen erwacht. Erfrischt und ausgeschlafen! Springe auf, mache Tee, füttere die Katze, absolviere mein Gleichgewichtstraining auf dem Trampolin und gehe hinaus. Ungefähr zum Zeitpunkt der niedrigsten Temperatur. An die Luft. An die Sonne. Zu meinem Laxmibaum. Dort ziehe ich immer noch Schuhe und Strümpfe aus und absolviere mein Morgen Qigong barfuß. Sobald das Qi in Wallung kommt, muss ich mich auch von Jacke und Schal befreien. 

Heute kommt ein alter Sherpa vorbei und erzählt mir, wie oft er schon auf dem Everest war. Ich lese es aus seinem zerfurchten Gesicht. Und aus den Zahnlücken. Ein bisschen Englisch haben ihm seine Kunden beigebracht.  

Ich lebe wie auf dem Dorf. Jeder und jede kennt mich.    

Montag, Januar 05, 2026

constellation

Das ist die Konstellation am Himmel, die Stellung der hellen, für uns sichtbaren Himmelskörper zueinander. Diese Stellung - la constellation oder the constellation - hat nichts mit der Wirklichkeit im Weltall zu tun und erscheint nur uns Winzlingen auf der Erde so. Sie ist pure Illusion - und manchmal trotzdem überwältigend schön. Wenn ich mich auf meinen neuen Guru berufe - The lunar cycle will remind you of your life cycle ... And it will also make sure that you are never lost in your life. - ist der Name der Bar in Crans-Montana eigentlich stimmig. Der Titel seines Buches, der mir anfangs nicht gefallen wollte, erscheint nun auch plötzlich wegweisend: "Agony to Ecstasy" - und nicht umgekehrt! Die minderjährigen Brandopfer konnten das nicht wissen, woher auch - und ob ihre erwachsenen Begleiter, wenn es sie denn gab, je einen Gedanken an so etwas verschwendeten, who knows! Who cares ... Als 14- oder 15-Jährige die Silvesternacht in einer angesagten Bar in einem angesagten Ort zu verbringen, ist geil oder krass. Wie ich solche Wörter verabscheue! Ekstase pur. Aber das Universum akzeptiert keine Abkürzungen oder übermütigen Übersprünge.

Ich komme nicht darüber hinweg: wer auch immer die Verantwortung für den Ausbruch des Brandes, für verschlossene Türen und enge Treppen trägt - jeder und jede ist höchst freiwillig in jener Nacht in jenen Keller gestiegen, von fürsorglichen Eltern mit dem nötigen Kleingeld ausgestattet. Wer nun im Nachhinein in die Mikrophone der Weltpresse weint und verkündet, das hätte man immer gewusst und schon lange kommen sehen, hat sehenden Auges seine Kinder in die Hölle geschickt.

Sonntag, Januar 04, 2026

zwangloszuversichtlich

Nun sitzt Shiva im Laxmi-Baum. Die Götter kommen und gehen. Die Gläubigen auch. Alles und jedes zu seiner Zeit. 

In der Nacht überkommt W der Magen.

Wir sind uns der Risiken bewusst, denen wir Tag für Tag ausgesetzt sind. Aber zweimal schlechte Stimmung im Darm in eineinhalb Jahren ist keine große Sache. 

Samstag, Januar 03, 2026

wolf moon

Feiertag. Samstag. Wochenende. Die Hindus feiern immer unter freiem Himmel. Sie räuchern überall, der Duft der Räucherstäbchen ist wohltuend und besänftigend, dient der Verehrung der Götter. Wer nicht feiert, verbrennt nachts am Straßenrand, was er gerade findet, und wärmt sich über den Flammen die klammen Finger. Eine Gefahr brennender Decken besteht nie. Heute, am Vollmond des Monats Poush, ist der Beginn von Shree Swasthani Brat Suru. Man beginnt das Fasten bis zum nächsten Vollmond mit einem rituellen Bad in einem Fluss. Wasser hat eine andere Energie als Feuer und die Menschen verlieren darin garantiert nie ihre Geistesgegenwart, die awareness.  

Triple-fire-horse zwo: das Feuerpferd ist in Venezuela angekommen.

In meinem Magen immer noch Sturm. Ich koche Grütze und lerne Wörter: कागुनो - kaguno. Foxtail millet. Die Kelten nannten den Januar-Vollmond auch Stay-home-moon. Bei uns ist es tagsüber hochsommerlich warm. Nachts heulen nur Hunde. Mein Umwelt Experte rät, den Mond am Himmel im Blick zu behalten. Zu beobachten, wie er wächst und schwindet. Ich tue das seit langem. So, schreibt der Mönch, der keiner ist, synchronisiere sich unser Geist ganz von selbst mit dem Universum. Und: "... it will also make sure that you are never lost in your life." 

Freitag, Januar 02, 2026

awareness

Ich liege krank am Magen und lese "A monk's guide to joy through consciousness". Der Haupttitel lautet anders, aber der Untertitel sagt mir mehr. Der Autor ist kein Mönch, sondern ein Umwelt-Geo-Wissenschaftler. Er fängt an mit dem Tod. Mit dem Sterben. Mit der immortality of life. Mit Bewusstsein und Wahrnehmung. 

Der Tod beschäftigt uns gerade alle sehr. Ungefähr die Hälfte der in Crans-Montana zu Tode gekommenen Partygäste waren minderjährig. Ich frage mich, was 14-Jährige überhaupt in dieser Bar zu suchen hatten. Aber ich lese, dass in der Schweiz (und das wundert mich natürlich nicht), Minderjährige in Begleitung eines Erwachsenen "in einer Bar feiern dürfen". Wenn alle Minderjährigen Opfer in Begleitung eines Erwachsenen waren, haben diese Erwachsenen ihre minderjährigen Begleiter nicht beschützt, wie es ihre Aufgabe gewesen wäre. Sie haben sie im Stich gelassen! Ebenso die Eltern, die nach dem Brand mit ihren Autos angefahren kamen und "verzweifelt nach ihren Kindern suchten".

Nicht nur den Minderjährigen war es wichtiger, noch ein Video der brennenden Decke in die virtuelle Welt zu pusten. Aber vor allem den Minderjährigen fehlte offenbar das Bewusstsein - the awareness - der Lebensgefahr. Das ist tragisch und sagt viel aus über die Gesellschaft, in der sie groß geworden sind und jung sterben mussten. Mein Geowissenschaftler schreibt "You may die in an accident ... Accidents happen only when you lose awareness ... Many people die in accidents ... it doesn't happen because of fate. Death never happens by accident. ... Nothing happens by accident in this universe. You are 100 % responsible for your death. If you die in an accident, it is a precisely determined event, not a random one."  

Und: "At the time of death, you must make a decision to go without hesitation. A very difficult decision indeed. If you resist death, you will only suffer."  

Donnerstag, Januar 01, 2026

triple fire

In Nepal kein Feiertag. Donnerstag, 17 Poush 2082.  Ein normaler Arbeitstag mitten in der Woche.

Alle Bikes im Gegenlicht oder Halbschatten, ordentlich aufgereiht.

In Japan beginnt heute das Feuer-Pferd-Jahr, für die Gurungs ist es bereits zwei Tage alt, die Chinesen folgen eigenen Himmelsregeln und starten es erst am 17. Februar. Ich habe gelernt, dass Zeit relativ ist. Absolut sind nur ihre Zeichen: alle Astrologen im asiatischen Raum sind sich einig: es wird ein heftiges (ein "bäumiges", wie die Helvetier sagen würden, wäre es nicht gerade so unpassend) Jahr: des Feuer ist aufgrund einer besonderen kosmischen Konstellation dreifach verstärkt und diese constellation werde ich bei passender Gelegenheit zu erklären versuchen. Das Pferd an sich bringt schon unbändige Kraft und entsprechende Energie für ein bodenständiges Getrampel mit sich. 

In der Schweiz Trauertag. Halbmasttag. In Crans-Montana hat das Feuerpferd bereits kurz nach Mitternacht Ortszeit zugeschlagen.