Zuerst glaubte ich, es läge an meiner entzündungsbedingten Fehlsichtigkeit. Ich sah durch die Sonnenbrille, die ich jetzt draußen immer trage, einen kunterbunten und kugelrunden Regenbogen rund um die Sonne. Beim Morgenqigong vor dem Laxmibaum. Freie Sicht über das Valley bin zu den gegenüberliegenden baumbestandenen Hills. Klare Sicht. Gute Luft. Die Sonne mit dem bunten Hof vor mir, schon hoch und noch ziemlich weit im Osten. Es ist kurz nach acht und ich begreife: ein Sonnenhalo. So heißt das. Das Hallo vom Himmel, das verkünden soll: "Bald schlägt das Wetter um!" Lese ich später am Schreibtisch. Als ob hier nicht ständig etwas umschlüge. Oder um sich schlüge. Das halo war auch später am Vormittag bis gegen Mittag noch da, als ich auf dem Dach Wäsche aufhängte. Wieder mit Sonnenbrille. Eigentlich sollte es den ganzen Vormittag in Strömen regnen. Stattdessen trägt die Sonne bunt.
Das ist nicht einmal ungewöhnlich über Kathmandu, lese ich noch später am Schreibtisch. Hier ein Foto vom Juli 2015. Ich habe es natürlich versäumt, zu knipsen. Ich bin auch in dieser Hinsicht enthaltsam und gucke lieber. Außerdem lerne ich nun, warum der Regenbogen, der richtige Regenbogen in Nepali इन्द्रेणी - indreni heißt. Das Wort hatte uns der Doktor der Medizin in Thamel eines Tages an die Tafel geschrieben, wie immer, ohne etwas zu erklären. Ich fand es schon damals schön, ohne irgendetwas zu verstehen. Indreni kommt vom Regengott Indra. Der Regenbogen ist sein Bogen, wörtlich und präziser इन्द्रधनुष - indradhanus. इन्द्र - Indra für den Namen des Gottes und धनुष - dhanus für den Bogen. Der Bogen des Gottes Indra.
Das Sonnnehalo hingegen heißt इन्द्रसभा - indrasabha. So etwas wie der Hof(staat) des Indra, sein Gremium oder der Versammlungssaal. Indrasabha entsteht nur bei hochgelegenen Cirrus- oder Cirrostratuswolken. Das Sonnenlicht trifft auf Eiskristalle - nicht auf Wassertropfen wie beim Indreni, dem Regenbogen. Die Eiskristalle sind winzige Prismen, sie brechen und reflektieren das Licht und zerlegen es in seine Spektralfarben. Ich sehe bunt am Himmel.
Manche sagen, das Wetter verschlechtere sich nun. Für ältere Nepali ist इन्द्रसभा - indrasabha ein bad omen. Tibeter und Bergbewohner hingegen nehmen es als gutes Zeichen. Wie auch immer - für mich ist es der Beweis, dass die Luft kristallklar ist, und mein Auge hoffentlich auf dem Wege der Besserung.