Samstag, September 05, 2026

Kush-Effigie

Samstag. Wochenende. Freier Tag. Ruhe rundum. Fast gespenstig.

पहिरेबेसी - Pahirebesi war ein Dorf in der Gemeinde Uttargaya Rural Municipality im Rasuwa Distrikt. Es lag direkt am Ufer des Trishuli. Seit November 2024 Standort der Trishuli 3B Hub Substation, neben Thambuchet die zweite wichtige Umspannstation für die Chilime-Trishuli Übertragungsleitung. Das Dorf, die Masten, die Stationen - komplett zerstört. Ein knappes Viertel der Bewohner konnte sich retten, fast alle ihre Häuser liegen unter Felstrümmern, Schutt und zähelm Schlamm. 

Die Bewohner waren Kummer gewohnt, ihr Dorf war immer bedroht. Von oben und von unten. Von herabrutschenden Hängen, vom steigenden Flusspegel. Sie räumten nach jedem Monsun auf. Die Frauen entwickelten sogar ein Selbsthilfeprogramm, versuchten durch den gezielten Anbau von tiefwurzelnden Pflanzen die Erde an den steilen Hängen zu stabilisieren. Warum das Dorf an dieser Stelle überhaupt je entstand, kann ich nicht sagen. Es trug sein Schicksal, wie alle in diesem Land ihr Schicksal tragen: gefasst. Es hatte das Orakel im Namen: पहिरो - pahiro = Erdrutsch. बेसी - besi = Flachland (Bassin), Flussniederung, fruchtbares Land zwischen Bergen. Also etwa das Erdrutschtal. Das Dorf am Fuße einer Naturkatastrophe. In einem der ersten Kommentare eines nepalesischen Geologen nach der Katastrophe hörte ich (sinngemäß) den Satz: unsere Großeltern wohnten nie unten im Tal, dort bewirtschafteten sie auf dem fruchtbaren Boden ihre Felder, die Häuser aber bauten sie oben. 

Die Überlebenden von पहिरेबेसी - Pahirebesi, dem Erdrutschtaldorf leben nun in überfüllten Notunterkünften und beginnen, ihre vermissten Angehörigen symbolisch zu bestatten. Nach hinduistischer Tradition soll man spätestens am achten Tag die Trauerrituale beginnen, am 13. Tag müssen sie abgeschlossen sein, damit die Seele freikommt. Die Hinterbliebenen flechten eine Effigie, eine Puppe aus Kush Gras und zelebrieren eine कुश शव दहन - kush sav dahan. Eine Behelfs-Kremation. Ein Stellvertreterritual. Sie verbrennen eine Graspuppe anstelle des Leichnams. कुश - kush ist auch eines der höchst heiligen Hindu-Gräser, aber ich glaube, es wuchs nicht in meinen bescheidenen Beeten, also habe ich ihm kein Unrecht angetan! 

Auch in den buddhistischen Tamang-Dörfern Thulo Bharkhu und Sano Bharkhu - etwa Groß-Bharku und Klein-Bharkhu beginnt allmählich die "Akzeptanz", wie es der 83-jährige Lama nennt. Er macht den Anfang mit der eigenen Familie. Ein Sohn und zwei Schwiegertöchter sind vermisst - aber wie lange können wir warten? Fragt er. Auch in der buddhistischen Tradition muss am 7. Tag nach dem Tod das Trauerritual abgehalten werden, also tut er es. Geht voran. Wer es in der ersten Woche nicht schafft, kann es in der zweiten Woche versuchen, sagt der alte Priester. In der 7. Woche nach der Flut wird er eine gemeinschaftliche Trauerfeier abhalten, damit die Seelen ihren "ewigen Frieden" finden können. Dazu brauchen sie unsere Unterstützung, unsere Gebete, unsere Riten. Sagt der alte Priester. Die beiden Dörfer liegen auf fast 2000 Metern Höhe und blieben vor materieller Zerstörung verschont. Aber viele ihrer Bewohner arbeiteten unten, am Fluss, in den Tunneln der Kraftwerke und kehrten nach dem 26. August nicht mehr nach Hause zurück.

Freitag, September 04, 2026

Shree Krishna Janmashtami

Freitag. Feiertag,  public holiday, rund um um mein Arbeitszimmer wird gehämmert und gelärmt. Auf der Baustelle gegenüber ist ein Heer von Frauen in bunten Kopftüchern aufmarschiert. Das verheißt nichts Gutes. Wenn es etwas zu schaufeln und zu schleppen gibt, werden immer Frauen eingesetzt. Und unser direkter Nachbar im Süden - zwischen den Häusern ist ein winziger Spalt - stockt das Dach auf. Für den Nachwuchs (nehme ich an). Verheißt auch nichts Gutes. 

Aber immer mit der Ruhe. Shree Krishna Janmashtami - sagt mein nepali calendar. Geburtstag von Lord Krishna, dem achten Avatar Vishnus. Ram, wir erinnern uns, ist der siebte. Aber heute ist Astami, der achte Tag der krishna paksha, der dunklen Mondphase, im Monat Bhadra. Lord Krishna soll um Mitternacht im Gefängnis von Mathura in Nordindien zur Welt gekommen sein. 

  • Weil Krishnas Onkel mütterlicherseits Kansa, der grausamer Herrscher von Mathura, seine Schwester und deren Mann Vasudeva eingesperrt hatte. 
  • Weil ein Orakel vorausgesagt hatte, dass Devakis achter Sohn König Kansa töten werde. 
  • Weil der tobsüchtige Kansa dachte, er könnte seinem Schicksal entgehen, indem er jedes Neugeborene seiner Schwester in der Gefängniszelle umbringen ließ. 
  • Weil den Eltern nach Krishnas Geburt die Flucht gelang. 
  • Weil sich im Hinduismus jedes Orakel erfüllt. Früher oder später. Als Krishna herangewachsen und kräftig genug war, nahm er den Kampf mit dem bösen Onkel auf.

Rund um das einstige Gefängnis wurde Krishnas Geburtstempel errichtet - der Sri-Krishna-Janmasthan- Tempel. Dort - und anderswo - versammeln sich heute die Pilger zum Singen, Fasten und Beten. Und hier die message unseres PM Balendra Shah.

Donnerstag, September 03, 2026

Heilige Dreifaltigkeit

Donnerstag. दूर्वा - durva, oder दूर्वा घास - durva ghas, ist ein den Hindus heiliges Gras. Ich habe es wahrscheinlich kürzlich zuhauf eliminiert aus dem Garten. Weil ich alles ausriss, was mir zu sehr wucherte. Ich wollte sehen, was außer Gras und Sandsäcken in den Beeten steckt. Und potentiellen Blumen oder Sträuchern etwas Luft und Licht verschaffen. Ihnen die Gelegenheit geben, sich auch zu entwickeln. Stürmisch oder nicht 

Durva Gras oder zu deutsch Hundszahngras, auch Bermudagras ist eine, wie ich erst jetzt lerne, in hinduistischen Ritualen "unverzichtbare Opfergabe". Soll göttlichen Segen bringen und göttlichen Ursprungs sein. Das Haar der Mutter Erde. Nun denn, hin ist hin ... aber nein: es ist so robust und so tief verwurzelt, dass es sofort nachwächst, wenn man einen Halm abzwackt oder vermeintlich mitsamt Wurzel aus dem weichen Boden zieht. दूर्वा - durva ist ein kriechendes, widerstandsfähiges, sich flugs regenerierendes Gras. Deshalb steht es für Fruchtbarkeit, Neubeginn, Wiedergeburt. Und: es ist Ganeshs Lieblingsgras. Das hätte ich ihm vorgestern, am Dienstag, an Mangal Chauthi darbringen müssen. Keine Puja für Ganesh ist vollständig ohne Durva. Lese ich. Nun denn. Ich habe ihm bloß ein kurzes Verweilen auf dem Karmaholz gegönnt.

Die Halme verzweigen sich dreiblättrig. Daran erinnere ich mich. Dass ich an dreiblättrigen Gräsern zog und mir sofort kilometerlange Stränge und Verwachsungen in die Hände fielen. दूर्वा - durva lässt sich tatsächlich widerstandslos aus, unter oder über der Erde entfernen. Das Dreiblättrige ist aber auch heilig! Diese natürlich gewachsene Form, lese ich, vereine die göttlichen Kräfte von Shiva, Parvati und Ganesh. Heilige Dreifaltigkeit!  

Ein vielleicht schwacher Trost - nebst den Rhizomen - ist, dass viele meiner Halme bereits Rispen trugen. Samentragende Gräser sind nutzlos für religiöse Rituale. Blühen oder Reifen verringert die Vitalität der Pflanze. Dann ist ihre biologische Kraft aufgebraucht und der göttliche Zauber wirkt nicht mehr.

Mittwoch, September 02, 2026

Mittwoch

Die Zeit ist zäh wie der Schlamm im Bhotekoshi Flussbett. Die UNDP schätzt in einer ersten Stellungnahme, dass die Sturzflut etwa 2,2 Millionen Tonnen Schutt in den Tälern des Bhotekoshi und des Trishuli verteilt hat. Bestehend aus Baumaterial eingestürzter Gebäude und Brücken, Hausrat,  mitgerissenen Bäumen und anderer Vegetation sowie Geröll, Felstrümmern und Sedimenten.

Viele fragen sich, warum Lord Shiva diese Katastrophe zugelassen hat. Ausgerechnet zwei Tage vor Janaj Purnima, als gerade so viele Pilger auf dem Weg zu ihm, zum Berg Kailash waren.

Hier in Pokhara sitzt der zweitgrößte Shiva des Landes, the Giant Shiva, der Riesenshiva auf dem Pumdikot Hügel. Ich sehe ihn jeden Morgen vom zweiten Dach aus. Er ragt im Profil bei jedem Wetter aus den Wolken. Und ich frage mich jeden Morgen, warum er so sitzt, wie er sitzt - nämlich etwas schräg in der Welt. Ich frage mich, ob er aus hinduistischer Sicht wirklich am besten ausgerichtet ist, glückverheißend und auspicious eben. Oder nicht.

Ich frage AI. Wen soll ich sonst fragen? Die antwortet, Lord Shiva schaue nach Süden auf den Berg Kailash. Es sei hinduistische Tradition, dass Gottheiten ihren Blick auf die heiligen Stätten im Himalaya richten. Sie ergänzt noch, dass der Pumdikot Hügel südlich des Fewa-Sees liege und Lord Shiva so den besten Blick über das Tal "in besagte sakrale Richtung" habe.

Ich antworte wenig diplomatisch. Das sei völliger Unsinn. Der Himalaya, die Annapurnakette und irgendwo dahinter der Berg Kailash befänden sich nördlich von Pokhara.

AI entschuldigt sich für den "peinlichen geografischen Dreher" und dankt für den "direkten" Hinweis. Sie korrigiert: der Berg Kailash liege tatsächlich im Nordwesten von Pokhara, in Tibet. So weit so gut. Die Shiva-Statue sei mit dem Rücken nach Süden aufgestellt. Lord Shiva blicke nach Norden, über das Tal, den See auf das Annapurnamassiv und den Berg Kailash. Wörtlich fügt sie hinzu: "Wenn Sie vor der Statue stehen und sie von vorne betrachten, blicken Sie nach Süden und haben die schneebedeckten Gipfel des Himalaya im Rücken".

Sie siezt mich, was mich nicht daran hindert, hartnäckig und unfreundlich zu bleiben. Das sei absoluter Quatsch! Ich verrate nicht, dass ich Shiva am Horizont sogar von meinem Schreibtisch aus sehen kann.  

Ihr ist es nun "wirklich unangenehm" und sie will das "geografische Chaos" ein für allemal beenden. Lord Giant Shiva sitze auf dem Pumdikot Hügel mit dem Rücken nach Nordosten (zum Himalaya - aber vor allem: leicht von mir auf dem zweiten Dach abgewandt, so dass er sich aus meiner Perspektive klar vom Hintergrund, dem zumeist blauen Himmel im Profil abhebt) und blicke nach Südwesten. Das sei aufgrund der Topografie sinnvoll: Pilger steigen 108 Stufen von Südwesten hoch und haben die Statue als visuelle Kulisse vor oder über sich, oben angekommen erblicken sie hinter dem Riesen die atemberaubenden Gipfel der Annapurnakette. So weit so wunderbar! 

Lord Shiva ist auf dem Pumdikot dem Irdischen, den Menschen, ankommenden Besuchern, aufsteigenden Gläubigen zugewandt - und keiner irgendwie sakralen Gegend und schon gar nicht dem eigenen mythischen Hochsitz. Glaubt einer AI kein Wort. Nie! Auch wenn sie bereit ist, sich zu entschuldigen und halbherzige Gefühle zeigt. 

Sobald es tagsüber nicht mehr so heiß ist, mache ich mich auf den Weg zum Pumdikot. Zu Fuß. Ich war schon einmal dort oben, über viele Serpentinen in einem Auto. 

Dienstag, September 01, 2026

Dienstag

Heute ist मङ्गल चौथी - Mangal Chauthi oder Mangalwari Chaturti. Wenn im Monat Bhadra, in dem wir uns gerade befinden, der vierte Tag einer Mondphase, derzeit der abnehmenden, dunklen krishna paksha, auf einen Dienstag fällt, ist das ein ganz besonders glücksverheißender Tag. मंगलबार - mangalbar ist der Dienstag in nepali und चौथी - cauthi der Vierte. Die Hindus glauben, dass an einem Dienstag wie heute Ganesh geboren wurde. Von seiner Mutter Parvati, die - nur zur Erinnerung - mit Ganeshs Vater, Lord Shiva auf dem Berg Kailash thront, wohin kürzlich gerade so viele Pilger unterwegs waren ...

... zurück an meinen Schreibtisch: W hat kürzlich von einer Reise (nicht zum Kailash) diesen handlichen Ganesh mitgebracht und ich habe ihn zu meinem Schreibtischganesh erhoben. Normalerweise sitzt er auf dem Fensterbrett vor dem Schreibtisch und guckt mich an. Befreit mich vor Schreib(tisch)blockaden. Fürs Foto habe ich ihn auf das Karmaholz gestellt und nach Osten ausgerichtet.

Ganesh ist ein विघ्नहर्ता - Vignaharta. Ein Beseitiger von Bremsklötzen oder Steinhaufen. Der Zerstörer von Hindernissen. विघ्न - Vigna sind Störungen aller Art, und हर्ता harta ist derjenige, der dies alles entfernt, was stört. Im Leben. Auf dem Weg. Zu Wasser, Land oder in der Luft. Ein Vignaharta ist in Nepal gerade sehr vonnöten. Einer, der nicht nur die triefenden Schuttmassen wegbewegen kann, sondern den Überlebenden auch Schmerz, Leid, Trauer, den Schock und das Trauma abnimmt. 

Wer heute den ganzen Tag fastet, bis am Abend der Mond aufgeht, und betet, wird spirituell belohnt, angeblich um das Millionenfache gestärkt im Vergleich zu normalen Fasttagen, normalen Gebeten und normalen Riten. Das brauchen die Menschen in diesem Land auch! 

Ein erster Bericht der nepalesischen Regierung nennt 1,6 Millionen Menschen, die von der Flut betroffen sind. Die meisten in den Distrikten Rasuwa und Nuwakot an der Grenze zu Tibet. Dahinter folgen Dhading, Gorkha und Chitwan. Geborgen sind Tausend Einhundert Tote, vermisst werden weiterhin fast Fünftausend. Stand heute, Dienstag, मङ्गल चौथी - Mangal Chauthi.

Montag, August 31, 2026

Die Verwundbarkeit

Als wir vor zwei Jahren aufbrachen, war mir nicht bewusst, dass wir ins verwundbarste Land dieser Erde ziehen. 


Nepal will Klimagerechtigkeit!

Nepal verursacht unter 1% der globalen Emissionen.
Nepal leidet geografisch bedingt überproportional unter den Folgen der Erderwärmung.
Die Gletscher im Himalaya schmelzen deutlich schneller als im Rest der Welt. 

Unvorhersehbare, nicht mehr aufzuhaltende Naturkatastrophen wie Dürren oder Überschwemmungen verursachen nie dagewesene wirtschaftliche und soziale Schäden und entziehen den Nepali jede Lebensgrundlage.

Sonntag, August 30, 2026

Heiliger Bimbam

Ich verliere den Verstand über all dem Unsinn, der mir im Netz entgegenschlägt. Die AI-Sturzflut! Die Videos, die mir gerade helfen, die Welt etwas besser zu verstehen, habe ich im blog vom 27. August "the day after" verlinkt. Vor allem anderen versuche ich mich zu schützen. 

Und trete aus dem Haus. Um durchzuatmen. Frische Luft ist immer gut. Um einen Blick in den Garten zu werden. Halte rechtzeitig inne. Heiliger Bimbam! Déjà-vu! Katze auf dem chinesischen Frieden! Oder ist es die Erde? Das Reich der Mitte? Egal! Das Rot ist blasser geworden, der Liegekomfort aber offenbar derselbe geblieben.   
Ich habe diese Katze schon gehört. Ihr hungriges oder einsames Miauen. Und nach jedem Regen finde ich Spuren ihrer Pfoten rund ums Haus und am hinduistischen Heiligtum an der hinteren linken Ecke des Grundstücks. Leibhaftig hat sie sich mir aber bis dato noch nicht vorgestellt. Ein Trostpflästerchen? Ein Wink von ganz oben herab? Vom Pumdikot? 
Ich frage den Nachbarn, der gerade von seinem Bike steigt, ob die Katze ihm gehört. Katzen, erwidert er mit einem nachsichtigen Lächeln, gehören in diesem Lande niemanden. You know ... Yes, I know! Nepali halten nichts von Katzen. Aber nein, widerspricht er sofort, es sei keine wilde Katze. Und nein, nein, ich brauche sie nicht zu füttern. Auf keinen Fall. Sie sei nicht hungrig. Niemand füttere hier Katzen. Katzen sind Selbstversorger, hier finden sie genug zu fressen. Sagt er. Mäuse und Ratten. Dafür lassen wir sie in Ruhe. Er lächelt noch einmal nachsichtig und verschwindet ins Haus. Ich verstehe. Meine Maus im Schuhschrank ist tatsächlich verschwunden. Allerdings habe ich dort radikal ausgemistet und ihr den Liegekomfort wahrscheinlich brutal zerstört.  

Déjà-entendu. Auf dem Hill sagten die vornehmen Hinduladies fast wörtlich dasselbe. Katzen gehören niemandem und wilde Katzen gibt es nicht!