Woher "Hillary" Dawa Sherpa seinen Spitznamen hat, kann ich mir denken. Aber warum er ihn hat - und alle ihn offensichtlich benützen - weiß ich nicht. Er war nie auf dem Gipfel des Everest, sagt seine Tochter im HAMS in Kathmandu den versammelten Reportern. Ihr Vater lebt! Er war gerade eingeflogen und auf die Intensivstation gebracht worden. Was niemand für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Das Wunder am Everest, oder besser im Khumbugletscher. Ein Team, das damit beschäftigt war, nach der Rekordfrühjahrssaison das Base Camp aufzuräumen und Müll zusammenzutragen, entdeckte den seit Tagen vermissten, tot geglaubten Sherpa heute früh. Er kroch mehr, als dass er ging. Wie er durch den Eisbruch, ohne eine einzige Leiter, über die vielen Spalten kam, bleibt ein Rätsel. Er hat sich selbst gerettet, wie, das wird er vielleicht eines Tages erzählen. Sieben Tage ohne Nahrung, ohne Hilfe, am Rande der Todeszone ohne Sauerstoff. Er war bei dieser letzten Gruppe - wie bei keiner davor - nicht als guide eingesetzt gewesen, sondern als Koch, Träger, Logistiker. Es war nicht seine Aufgabe, die beiden letzten Ausländer, einen Briten und einen Polen sicher auf den Gipfel und wieder zurück zu bringen. Sondern sie zu verköstigen.
Aber wer weiß. Vielleicht hat er deshalb die 7 Tage "ohne Nahrung" überlebt. Er wusste, wo in den verlassenen Camps noch Vorräte lagern können. Die Nächte muss er in einem der Zelte verbracht haben. In einem der Camps. Draußen wäre er erfroren. Es sind viele Fragen offen in dieser kaum zu glaubenden Geschichte.
Der Brite, der mit ihm bis kurz vor Camp III abgestiegen war, äußerte sich mit einem Video zu der Sache, betroffen über den angeblichen Tod "Hillarys". Er erntete - wie das heute üblich ist - einen massiven shitstorm. Weltweit glaubten sich alle von ihrem weichen Sofa aus berufen, ihn wüst zu beschimpfen und als "Mörder" zu verurteilen, weil er einen Sherpa seinem Schicksal überlassen hatte. Dass er sich stattdessen um einen polnischen Bergkameraden gekümmert hatte, interessierte niemanden. Die beide Ausländer waren die letzten am Berg, die letzten einer Rekordsaison und in den letzten langen Stunden des Abstiegs allein, zu zweit, auf sich selbst gestellt.
Mitten im Massenansturm vor ein paar Tagen wäre die Geschichte anders verlaufen und niemand hätte je davon erfahren. Bartek Ziemski, der Bodenverbundene Skifahrer tut wahrlich gut daran, keine socialmediakanäle zu bedienen.
Niemand fragte, warum nicht sofort eine Rettungsaktion für "Hillary" eingeleitet wurde, spätestens am 30. Mai morgens, als klar war, dass er nicht in Camp II übernachtet hatte. Niemand fragte, warum alle Fixseile ab Camp IV nach unten bereits entfernt waren und warum am 31. Mai auch sämtliche Leitern im Khumbu-Eisfall abgebaut wurden. Obwohl "Hillary" noch irgendwo oberhalb des Gletschers sein musste. Niemand fragte, warum der erste Helikopter erst nach 5 Tagen, nämlich gestern, am 3. Juni zu einem Erkundungsflug bis ungefähr auf die Höhe von Camp III aufstieg und unverrichteter Dinge nach Lukla zurückflog. Man habe nichts und niemanden gefunden, erklärte der Pilot. "Hillary" hingegen sagt heute, endlich wieder unter Menschen, bei Bewusstsein und klarem Verstand, nach ein paar Schlucken warmen süßen Tees, er habe den Helikopter gehört und gesehen. Er habe zweimal die Arme gehoben, aber vergeblich. Das um Tage verspätete Rettungsteam suchte wahrscheinlich nicht nach winkenden Armen, sondern nach einem reglosen Körper.
Aber wer weiß. Vielleicht hat "Hillary" deshalb den Abstieg fast bis ins Base Camp aus eigener Kraft geschafft. Vielleicht gab ihm, dem seit Tagen am Berg Alleingelassenen, dieser Helikopter am Himmel den entscheidenden letzten Schub - sie haben mich doch nicht vergessen! Mein Arbeitgeber scheut die Kosten für eine Rettung aus der Luft nicht länger! Vielleicht verlieh ihm der gerade am Himmel wieder verschwundene Rettungsanker die Portion Energie, die er noch brauchte, um in der Nacht ohne funktionierende Stirnlampe, aber mit Mondlicht von einem gnädigen Himmel, das schwierigste Stück seiner Selbstrettung in Angriff zu nehmen. Den Khumbu-Eisbruch zu queren. Auf allen Vieren.

