Woher "Hillary" Dawa Sherpa seinen Spitznamen hat, weiß ich nicht. Aber er verdient ihn. Er lebt! Was niemand für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Das Wunder am Everest, oder besser im Khumbugletscher. Ein Team, das damit beschäftigt war, nach der Rekordfrühjahrssaison das Base Camp aufzuräumen und Müll zusammenzutragen, entdeckte den seit Tagen vermissten, tot geglaubten Sherpa heute vormittag. Er kroch mehr, als dass er ging. Wie er durch den Eisbruch, ohne eine einzige Leiter, über die vielen Spalten kam, bleibt ein Rätsel. Er hat sich selbst gerettet, wie, das wird er vielleicht eines Tages erzählen wollen. Sieben Tage ohne Nahrung, ohne Hilfe, am Rande der Todeszone ohne Sauerstoff. Angeblich war er bei dieser letzten Gruppe gar nicht als guide eingesetzt gewesen, sondern als Koch. Dann wäre seine Aufgabe nicht gewesen, die beiden Ausländer, einen Briten und einen Polen auf den Gipfel und wieder zurück zu bringen. Sondern sie zu verköstigen. Andererseits wusste er vielleicht als Koch, wo in den verlassenen Camps am ehestens noch Lebensmittel zu finden waren. Er muss die Nächte in einem der Zelte verbracht haben. In einem der Camps. Draußen wäre er erfroren. Es sind viele Fragen offen in dieser kaum zu glaubenden Geschichte.
Der Brite, der ihn als letzter noch über Camp III gesehen hatte, äußerte sich mit einem Video zu der Sache und wurde wüst beschimpft von der Netzgemeinde. Als Mörder verurteilt, der "Hillary" einfach seinem Schicksal überlassen hatte.
Bartek Ziemski, der Erdverbundene tut wahrlich gut daran, keine socialmediakanäle zu bedienen.
Niemand fragte sich, warum keine Rettungsaktion gestartet wurde, spätestens am 30. morgens, als alle wussten, dass "Hillary" nicht ins Camp II heruntergekommen war. Warum am 31. sämtliche Leitern aus dem Khumbu-Eisfall entfernt wurden. Obwohl "Hillary" noch irgendwo oberhalb des Gletschers sein musste. Warum der erste Helikopter erst nach 5 Tagen, gestern, am 3. Juni zu einem Erkundungsflug aufstieg und ohne Ergebnis nach Lukla zurückflog. "Hillary" erklärte - er war ja bei Bewusstsein und Verstand, hatte vom Räumungsdienst warmen süßen Tee bekommen - , er habe den Helikopter gehört und gesehen. Er habe zweimal die Arme gehoben, aber vergeblich. Das um Tage verspätete Rettungsteam suchte nicht mehr nach winkenden Armen. Es suchte nach einem reglosen Körper.
Andererseits verlieh ihm, dem seit Tagen am Berg im Eis und Schnee Alleingelassenen, dieser Helikopter am Himmel vielleicht die nötige Kraft, weiter abzusteigen. Die letzte und schwierigste Strecke zu bewältigen. Wenn auch auf allen Vieren.

