Sonntag, Juni 21, 2026

Rabi Saptami

Der astronomische Sommer beginnt bei uns um 2:09 pm Ortszeit, Nepaltime. Die Sonne geht bereits seit vier Tagen wieder eine Minute später auf, aber, wie bereits berichtet, immer noch kontinuierlich später unter. Die Tageslänge nahm, wie es sich gehört bis heute zu, und nimmt ab morgen wieder ab.  

In der Nacht fiel der letzte Frühlingsregen und füllte die Baugrube. Weiße Reiher versammeln sich in der Früh am Ufer. Die Vögel baden und die Kinder veranstalten am Nachmittag so etwas wie Wattölympiade. Schlammschlachten.

Weil heute der siebente Tag des zunehmenden Mondes ist und gleichzeitig Sonntag, feiern die Hindus रवि सप्तमी - Rabi Saptami. Rabi oder Ravi ist ein anderer Name für Surya, den Sonnengott. Für mich war Surya immer weiblich, aber hier wird Lord Surya gedacht, heute ganz besonders in Erwartung seines göttlichen Segens für Gesundheit, Weisheit und Wohlstand. Der Sonntag - आइतबार - Aaitabar gehört auch im Hindukosmos der Sonne. Der Name geht auf das alte Sanskritwort आदित्य - Aaditya für Sonne zurück. Aber सप्तमी - Saptami gehört dem Mond und kommt von der Zahl 7, in Sanskrit सप्त - sapta, in Nepali heute eher सात - saat. Saptami kommt jeden Monat zweimal, wie alle anderen 14 Tage auch (beispielsweise Ekadashi). Saptami ist immer am 7. Tag des zu- oder abnehmenden Mondes. Derzeit nimmt er zu und steigt immer höher, wie wir jeden Abend vom Drach aus beobachten können. 

Fällt dieser 7. Mond-Tag auf einen Sonn-Tag, wie heute, verstärken sich die göttlichen Energien von Sonne und Mond. Die Synergie am Himmel hilft, sagen die Gläubigen Hindus, bei allerlei Zipperlein, aber auch bei größeren Leiden. W verbringt gerade den halben Tag im OP der Zahnklinik.

may light and life always favor 

Samstag, Juni 20, 2026

Sithi Nakha II

Die Newari reinigen heute ihre Brunnen. Wieder ist, wie bereits vor einem Monat, der 6. Tag der hellen Mondphase. Also des zunehmenden Mondes. Wieder Sithi Nakha. Immer noch - Glück gehabt, trotz des Schaltmonats Adhik Maas, der zwar alle weltlichen Festivitäten aufhalten kann, nicht aber das Wetter oder die Wolken - premonsoon. Also vor dem großen Regen. Das Brunnenputzen lohnt sich. Sithi Nakha, sagt auch mein Nepali Calendar. 

Und Rato Machhindranath - das längste "Wagen"-Festival Nepals geht endlich zu Ende. Die Prozession begann an Baisakh Shukla Pratipada, am ersten Tag nach Neumond im ersten Monat des nepalesischen Jahres, am 5. Baisakh BS oder 18. April AD. Der Wagen mit Machhindranath, dem Gott des Regens und einer guten Ernte, durfte nicht weiter gezogen werden, als der Schaltmonat Adhikmaas begann, der Monat ohne besondere Anlässe wie Jatras, Umzüge, Festivitäten. Machhindranaths Wagen blieb in den frühen Morgenstunden des 17. Mai in Thati Tole, Lagankhel stehen und durfte erst vor 5 Tagen seine Fahrt fortsetzen. Heute erreichte er endlich sein Ziel Jawalakhel in Lalitpur. Der Regengott darf nun in seinen Haustempel Bungamati zurückkehren.

Traditionell endet Rato Machhindranath mit der Botho Jatra, einem spektakulären happening in Jawalakhel, an dem ua unser Premierminister sowie der kürzlich (ich glaube, der hatte 2 Adhikmaas) wieder ins Amt geholte Innenminister teilnehmen.

Donnerstag, Juni 18, 2026

Dangre Rupi

Es wird Zeit, dass wir hier wegkommen. Am Mittag fährt der Bagger wieder auf und ebnet bis zum Abend eine beachtliche Baugrube direkt unter meinem Fenster. Die Hirtenmainas - डाङ्ग्रे रुपी Dangre Rupi - unsere Stammvögel, sind verstört, frenetisch, verschreckt, ekstatisch ... ihre Schaukelstühle und Hängematten verschwinden, alle feinen Verästelungen der meterhohen Sträucher werden kopfüber untergegraben. Wenn noch etwas herausragt, dann sind es Wurzeln. Die werden bei der nächsten Kehre plattgefahren. Ein würziger Duft liegt bis in den späten Abend in der Luft, hier wuchsen allerlei Heil- und Wildkräuter (Viehfutter!). Und die Tauben kommen, die Krähen, die sich mit den Mainas auf das Kriechzeug stürzen, das in der umgewälzten Erde wehrlos an die Oberfläche geriet. 
Beim nächsten Einsatz des Baggers wird das Fußballfeld der Stadtjugend daran glauben müssen.

Mittwoch, Juni 17, 2026

Der 21. Siebzehnte

21 Monate काठमाडौँ - Kathmandu. Ein-Dreiviertel Jahr. Nach unserem Kalender und nach dem Nepali Patro. Wir bleiben noch einen guten Monat auf dem Hill, dann verlassen wir ihn und das ganze Valley. Wir ziehen etwa 200 Kilometer nach Westen. Wie bereits berichtet in die geografische Mitte des langgezogenen Landes. Nach पोखरा - Pokhara und werden zu पोखरेली - Pokhareli. So heißen die Bewohner Pokharas. Menschen aus Kathmandu hingegen werden पुर्बेलि - Purbeli genannt. Von der Himmelsrichtung पूर्व - purva = Osten. Also Ossis! Die Wessis siedeln auch hier im Fernen Westen und heißen पसिमेलि - Pasimeli oder korrekter पश्चिमेली - Pascimeli. Zu der geografischen Bezeichnung पश्चिम - pascim = Westen. Die Endung -ली - "-li" (= Konsonant ल wie "la" mit i-Erweiterung) hat hier meines Wissens keine diminutivische, verkleinernde, abwertende oder ins Lächerliche ziehende Relevanz, sondern nur eine der örtlichen Zugehörigkeit. 

Im Gegensatz zu Deutschland sind in Nepal die Wessis arm. Zu den Far und  Mid Western Development Region zählen die beiden am wenigsten entwickelten Provinzen Sudurpaschim und Karnali. Die Ossis hingegen, zumeist Hauptstädter, sind eher reich. Die aus dem Westen auf der Suche nach Arbeit Zugewanderten bleiben unter sich, arm wie eh und je. Da die Pokhareli in der Mitte des Landes leben und diese Mitte schätzen, sind sie frei von allen Zuordnungen, Etiketten, Prädikaten oder Wandergelüsten. पोखरेली eben!

Noch sehen wir die Venus jeden Abend vom Dach auf dem Hill. Mit ein bisschen Glück auch den Jupiter. Der Mond ist noch verhältnismäßig jung (8,8% Füllung! Hängemattenmond). Er zeigt sich aber großzügig und geht erst um 21:28 Ortszeit unter.

Die Kamera meines Smartphones sieht mehr als das Auge. Der Neue Mond erscheint auf dem Bild prall und dick mitten im Nachthimmel, kugelrund, mit einem Hof. Der ganze Mond! Schräg darüber strahlt die Venus und fast senkrecht darunter zieht sich Jupiter bereits zurück. 

Dienstag, Juni 16, 2026

Wolkenmeer

Das könnte der Chomolungma sein, der heilige Berg der Sherpas. Der sich hier aus einem Wolkenmeer emporstemmt. W ist kürzlich darüber hinweg geflogen. Hillary Zwo ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Er nimmt es niemandem übel, was ihm widerfahren ist. Die Fermurkondylenfraktur am rechten Bein heilt ohne Operation. Auch die Erfrierungen an den kleinen Fingern beider Hände erfordern, wenn er weiterhin Glück hat, keine Amputation  Der Ernst seiner Lage wurde ihm erst bewusst, als er über zwei Tage im Khumbueisbruch in einer Gletscherspalte festsaß. Vorher, vor dem Fall, hatte er immer noch den Weg nach unten vor sich. Nachher, nach dem Fall, wusste er nicht, wie er ohne Hilfe aus dem Eis wieder nach oben kam.

Montag, Juni 15, 2026

Adhikmaas Samapatti

Ein neuer Monat im Nepali Calendar: असार - Asar, oder auch Ashad. Ein neuer Mond am Himmel: औंसी - Aunsi. Das Ende des Adhikmaas, also अधिकमास समापत्ति - Adhikmaas Samapatti. Ende aller Ausnahmezustände. Man versammelt sich noch einmal zum Gebet, zur Meditation, zur inneren Einkehr. Zu Hause in den पुजा कोठा - Pujazimmern unter dem Dach, oder rund um die Tempel unter freiem Himmel. Zum Rezitieren der Vishnu- oder Krishna-Mantras. Zum Fastenbrechen. Manche runden den Monat ohne besondere Ereignisse spirituell ab mit dem vedischen Feuerritual Homa und einer Vishnu-Puja. Feuer reinigt und transformiert. Trägt den Segen nach unten und nach oben. 

Für uns einfach nur Neumond und Mitte Juni. Heiß und schwül. Es regnet nicht. Die Gewitter lassen auf sich warten, auch der Monsun. Am Abend stehen immer noch Jupiter und Venus am Himmel. Jeden Tag etwas weiter voneinander entfernt. Die kosmische Vereinigung hat nicht lange gehalten.

Sonntag, Juni 14, 2026

Urnengang

Ich habe nicht abgestimmt. Die Abstimmungsunterlagen sind zwar rechtzeitig auf dem Hill in Kathmandu, Hattigauda eingetroffen. Aber das E-Voting des Kantons Basel-Stadt ist aufgrund einer Panne bei der letzten Abstimmung bis Ende des Jahres 2026 ausgesetzt. Pannenhilfe kann zuweilen dauern. Am 8. März konnte "die elektronische Urne nicht entschlüsselt werden", teilt mir ein Vizestaatsschreiber in einem Vierzeiler mit. Also sind - wie mir auch mitgeteilt wird - 2048 elektronisch abgegebene Stimmen nicht in das Abstimmungsresultat des Halbkantons Basel-Stadt eingeflossen. Theoretisch könnte ich nun wahrscheinlich eine Lawine lostreten, protestieren und Einspruch erheben. Auf meine politischen Rechte in einem Land pochen, in dem ich seit Jahrzehnten nicht mehr lebe. Und eine Wiederholung jener Abstimmung fordern. 

Das lasse ich lieber. Auch das Abstimmen. Es ist mir gerade weder auf dem Postweg noch persönlich möglich, meine Stimme rechtzeitig im Stimmlokal abzugeben oder in einem dazu gehörigen Briefkasten legen zu lassen. Postalisch hätte dies bis gestern 12 Uhr MEZ erfolgen müssen, persönlich hätte ich 24 Stunden länger Zeit. Aber heute ist es mir zuwider wie noch nie, über angeblich gute "Nachhaltigkeit" abzustimmen, wo nur bösartige Ausländerfeindlichkeit dahinter steckt. Bleibt unter Euch! 10 Millionen Rütliwiesenbewohner.