Samstag, August 29, 2026

Heiliger Schweiß

Die Göttin Bhagawati schwitzte vor ein paar Tagen! Die Gläubigen, die sich in Kavrepalanchowk in der dreistöckigen Pagode zum abendlichen Lichtritual, dem आरती - Aarti versammelt hatten und Bhagawati brennende Ghee- und Kampferlampen darbrachten, beobachteten, wie Schweißtropfen aus der Stirn der Saligramstein-Statue traten. Dies wird als schlechtes omen gedeutet, als Warnung vor Katastrophen oder Krisen. Angeblich gab es ähnliche Zeichen 2058 BS (2001 AD) vor dem Massaker im Königspalast, 2072 BS (2015 AD) vor dem großen Erdbeben sowie vor zwei Jahren vor den massiven post-monsoon-Erdrutschen. Die 2001 in Lalitpur amtierende Kumari (Kindergöttin) hatte vor dem Königsmassaker einen unerklärlichen Tränenfluss. In normalen Zeiten zeigen Göttinnen keine Regungen. Sie behalten ihre Gefühle für sich.

Nun also Schweißperlen der Bhagawati von Palanchowk. Im Nachhinein sind die natürlich ein deutlicher Verweis auf die Bhotekoshi-Sturzflut. Gestern wurde in ihrem Tempel eine kshama puja abgehalten, ein Vergebungs- und Sühneritual. Die Göttin wurde zermoniell gebadet und mit tantrischen Tänzen um Gnade gebeten.

Freitag, August 28, 2026

जनै पूर्णिमा

Vollmond. Purnima. Ein spezieller Vollmond:  जनै पूर्णिमा - Janaj purnima. Feiertag - der erste public holiday, seit wir in Pokhara sind. Ein multipler Feiertag: Janai Purnima, Rishi Tarpani, Rakshya Bandhan, Gun:Punhi, Kwati Puni.  

Am Nachmittag fängt es an zu regnen. Der wirklich verheerende Regen kommt erst nach der verheerenden Sturzflut. Er bringt keine Erlösung.

Weil heute ein besonderer Vollmond ist - Janaj purnima waren in den letzten Tagen im Langtang Gebiet viele Pilger unterwegs. Buddhisten, Hinduisten, Animisten, Anhänger der Bon-Tradition. Und alle anderen. Auf dem Weg zum heiligen Gosaikunda See im Rasuwa District. Oder auf dem Weg zum Heiligen Berg Kailash, auf dem Lord Shiva mit seiner Parvati lebt. Niemand darf den Kailash besteigen, aber die Gläubigen umkreisen ihn und nehmen das reinigende Bad im मानस सरोवर - im "unübertroffenen" Mansa Sarovar See, dessen Wasser alle acht Eigenschaften "perfekten Wassers" besitzen soll: es ist kühl, süß, leicht, weich, klar und rein, reizt weder den Magen noch den Hals!

Weil heute ein besonderer Vollmnond ist und weil der heilige Berg Kailash und der heilige See Mansarovar zu seinen Füßen in Tibet liegen, sind die meisten Pilger genau dort in das Reich der Mitte ein- oder ausgereist, wo die Überwachungskameras die ersten entsetzlichen Bilder einer unvorstellbaren Sturzflut festhielten: am Grenzübergang Gyirong.         

Niemandem ist heute, am zweiten Tag danach, so richtig zum Feiern zumute. Auch nicht den Geschwistern, die mit Rakshya Bandhan ihre schützende und unverbrüchliche Verbindung beschwören und als Zeichen ein Rakhi, ein kunstvoll gestaltetes Band um das rechte Handgelenk flechten. जनै - Janaj ist der heilige Faden, der heute erneuert wird. Man bedankt sich bei den Saptarishi, den sieben großen Weisen für das spirituelle Wissen. Und isst Kwati, eine dicke heiße Suppe aus neun verschiedenen Bohnen und Hülsenfrüchten. Kwati wärmt den Körper und stärkt das Immunsystem. Bewahrt gerade zur Monsunzeit vor Erkältungen. 

Wirkt heute, jedenfalls auf mich, wie aus der Welt gefallen.

Donnerstag, August 27, 2026

the day after

Alles, was wir gestern an Erklärungsversuchen gehört, gesehen oder gelesen haben, ist heute überholt. Weder gab es ein Erdbeben noch ist ein Gletschersee ausgebrochen. Ein Felssturz in Verbindung mit einem Gletscherabbruch an der Nordseite des Lantang Lirung brachte Material mit einem 10- bis 40-fachen Volumen des Ereignisses vom helvetischen Nesthorn und Birchgletscher (das Blatten, ein Dorf im Lötschental letztes Jahr verschüttete), zuerst in den chinesisch-nepalesischen Grenzfluss, dann weiter nach Südenosten in die steilen, engen Flußtäler Nepals: https://www.youtube.com/watch?v=u5F175REX_U 

Mittwoch, August 26, 2026

26-08-26

Ich hatte schon einmal eine fast perfekt anmutende Zahlensymmetrie, hinter der sich unvorstellbare Abgründe auftun: 11-03-11. Nun also 26-08-26. Funktioniert natürlich nur im westlichen Kalender und in westlichen Hirnen. Im nepali calendar haben wir heute schlicht 10-05-83, den 10. Tag des 5. Monats Bhadra im Jahr 2083. 

Wie auch immer wir die Zeit berechnen und darstellen, der heutige Tag - genauer: die Geschehnisse ab 08:37 am Nepal time im Himalaya Grenzgebiet Nepal-Tibet-China, im Einzugsgebiet der Flüsse Lhende Khola, Bhotekoshi und Trishuli, quer durchs Land nach Süden bis zur indischen Grenze, wird in die Geschichte der Naturkatastrophen eingehen. Unter welchem Namen und mit welchen Etiketts wird sich noch zeigen müssen. Vorerst sind wir alle fassungslos. Und sprachlos.

Dienstag, August 25, 2026

amaranthus retroflexus

Ich bin immer noch im Garten. Die Schnecke auch. Sie ist nachtaktiv und zeigt sich nur kurz am Morgen. Ich weiß immer noch nicht, was ich wachsen lassen soll und was ich besser entferne. Ausreiße mit Stumpf und Stiel. Weil es zu stürmisch wuchert, giftig ist oder dürr. Bereits abgestorben. Unter den vielen schweren Säcken hat nur Robustes überlebt.

Ich lasse erst einmal alles einregnen. Wilder Amaranth gehört an einen poetischen Wegesrand. Ins Poesiealbum. Oder in einen nepalesischen Hausgarten. Küchengarten. Wilder Amaranth soll ein Superfood sein, voller Nährstoffe, Aminosäuren und Antioxidantien. Sagen westliche Esoterikerinnen.  Der Wilde Amaranth ist, wie sein Name schon sagt - amaranthus retroflexus - ein Wildkraut. Die Blätter sind essbar, die Samenstände auch. Für die Hindus ist es ein an Fastentagen erlaubtes Pseudogetreide. Amaranth gehört botanisch zu den Fuchsschwanzgewächsen und gilt als sattvisch = rein. Im Ayurveda ist der Amaranth ein geschätztes Heilkraut mit kühlender energetischer Wirkung. Hindufrauen nennen es das Korn Gottes. Von Sanskrit ramdana = das Korn von Lord Ram. Die Alten Griechen wussten es aus einem anderen (sprachlichen, etymologischen) Grund zu schätzen. Der Name leitet sich für sie von griechisch amarantos = unvergänglich ab. Ein Konzept der Unsterblichkeit gepaart mit dem Symbol für Reinheit und Lord Ram. Ich lasse das Unkraut stehen und weiterwuchern. Die Schnecke braucht ja was zum abknabbern mit ihrer Raspelzunge.

Montag, August 24, 2026

lissachatina fulica

Es hat geregnet in der Nacht und ich pflanze am Morgen das Zitronengras in eine Ecke im kleinen Rasenstück vor dem Haus. Zitronengras ist schneidend scharf. Wie Papier. Das kenne ich, habe mir auf dem Hill mehrere Schnittverletzungen an den Fingern zugezogen, bis ich endlich lernte, vorsichtiger auch mit dürren Gräsern umzugehen. Hier steckt das Zitronengras  in einem Kelloggsbeutel und hat sich schon nach allen Seiten darin festgebissen, und fast meterhoch daraus hervorgedrängt. Ich muss die bunte Folie aufreißen und in Fetzen ablösen, um überhaupt an den Wurzelballen zu kommen. 

Darin wohnt zu meiner Großen Verblüffung eine Große Achatschnecke. Eine lissachatina fulica. Oder Giant African Snail. Ostafrikanische Riesenschnecke. Wie die zu Kelloggs gelangt sein mag? Aus Ostafrika?

Ich habe sie wohl aufgeschreckt. Oder aufgeweckt. Brutal aus der Trockenstarre geholt! Ich hieve sie in ein Beet und sie setzt sich sofort in Bewegung. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit! Das Licht stresst sie offenbar. Sie sucht schnell Schutz und Dunkelheit unter Laub. Ich aber will sie zuerst ablichten. Setze mich auch in Bewegung, hole das Smartphone aus meinem Haus, ehe sie mir mit ihrem Rechtsgewundenen auf dem Buckel entwischt. Vergesse das scharfe Zitronengras. Hebe das eiförmige Gehäuse an und sie rollt sich blitzartig darin ein. Ich lege sie oben auf die ockerhellbraune Gartenmauer. Dort präsentiert sie sich optisch vorteilhafter, als in den dürren Blättern auf der nassen Erde. Wir haben Monsun. Ich trage Handschuhe. Angeblich können diese Riesenschnecken von Parasiten befallen sein. Sie sucht, ohne zu zögern, sofort den Weg nach unten zurück. Ich schaue reglos zu und frage mich, ob sie es schafft, diese hohe senkrechte Wand abzusteigen?

Natürlich gelingt ihr das. So ein Tier weiß besser, was es kann, als wir überheblichen Köpfe. Sie navigiert offenbar mit ihrem gestreiften Gehäuse, kann es drehen und wenden. Ich fürchte kurz, sie würde es verlieren. Was gewiss schmerzhaft wäre. Wenn nicht tödlich. Sie müsste abstürzen! 
Aber das Gehäuse hält und der Schleim klebt. Ein Balanceakt. Sie stürzt nicht, rutscht nicht, sondern kriecht kontinuierlich ihrem Ziel entgegen. Als das Schneckenhaus auf dem Rücken fast quer liegt, wie eine Kompassnadel mit der Spitze nach Süden ausgerichtet, zeigt mir die Große Achatschnecke ihren hellen Aalstrich. Nun wundere ich mich. Auch die Lissachatina fulica ist schließlich kein Wirbeltier. Sondern ein Weichtier. Eine Mollusca. Sie besitzt weder eine Wirbelsäule noch irgendwelche anderen Knochen. Aber einen Aalstrich.

Sonntag, August 23, 2026

crocothemis servilia mariannae

Eine scharlachrote Segellibelle hat sich früh am Morgen zu mir aufs zweite Dach gesetzt. Sie ruht sich aus auf der Brüstung, während ich mein QiGong absolviere und ihre Artgenossinen über meinem Kopf um die Wette segeln. 

Später am Schreibtisch lese ich, dass es ein Männchen gewesen sein muss, denn die Libellen-Weibchen sind nicht so auffällig blutrot gefärbt, sondern tragen dezentes olivbraungrün. Und es ist ein crocothemis servilia mariannae - weil ihm, dem Libellenmännchen, der schwarze Aalstrich auf dem Rücken fehlt. Dafür bekommt er als Suffix den Mädchennamen Marianne. Irgendwie irre. 

Der Aalstrich, lerne ich, ist ein Rückgratstrich. Aber die Libelle ist kein Wirbeltier und hat kein Rückgrat. Weil sich aber dieser Strich, wenn ihn mein scharlachroter Libellerich denn hätte und keine mariannae wäre, auf der Oberseite seines schmalen Körpers farblich deutlich abhöbe, wandert der Bestimmungsbegriff aus der Wirbeltierbiologie von seiner anatomischen Koppelung ab und wird aufgrund der visuellen Parallele zu einer rein optischen Übertragung.