Freitag, August 07, 2026

Der erste Sprung in der Schüssel

W ist in der Nacht auf dem Dach ein Glas aus der Brille gefallen. Ich weiß nicht, was das bedeutet. Wahrscheinlich nichts. Pech. In der Dunkelheit. Das Glas ist ganz geblieben und er fährt am Nachmittag zu einem Optiker nach Lakeside. Das ist dort, wo sich die Touristen tummeln. Das Internet sagt, der Optiker würde das Glas zeitnah wieder in die Fassung setzen. Ich bleibe, wo ich bin. Damside. Das ist am südlichen Ende des Sees, out of trouble.

Natürlich geht er in den Buchladen, wenn er schon mal wieder in die Welt des entfesselten commerce eintaucht. Und bringt mir "Beyond possible" mit. Natürlich wollte ich das Buch haben, aber nicht jetzt gleich. Der Autor - Nimsdai Purja laut Cover, eigentlich Nirmal Purja - hat letzte Woche in der Lawine am Broad Peak sein Leben gelassen. Wenige Tage nach seinem 43. Geburtstag. Zusammen mit seinem ganzen Team, den Sherpas und internationalen Gästen. निम्सदाई - Nimsdaj heißt einfach "Bruder Nims". In Nepal sind alle Brüder und दाई ist der Ältere. 

निम्सदाई पुर्जा - Nimsdaj Purja reiht sich nun ein in die unglückliche Schar all jener Extrembergsteiger, die viel zu früh, meist mit plus minus 40 ihrer Leidenschaft erliegen und sterben. Ob aus Leichtsinn, Waghalsigkeit, Selbstüberschätzung oder einfach Pech im trügerischen Sonnenschein, Zufall, dummerweise zur falschen Zeit am falschen Ort, sei dahingestellt. Natürlich wollte ich das Buch lesen, aber nicht jetzt gleich. Ich wollte warten, bis die Sprünge rund um den Globus etwas gekittet sind. 

Nun liegt die Lebensbeichte des Älteren Bruders Nims an meinem Bett und ich kann nicht mehr ruhig schlafen.

Donnerstag, August 06, 2026

Der erste Espresso

Weil wir einen anderen Gasherd haben, passt die Espressomaschine nicht mehr auf die Flamme. Das heißt, sie passte prima und würde direkt auf den Brenner und ins Feuer fallen. Der Kreuz-Aufsatz, den ich aus alten Zeiten mit mir herumtrage - für alle Fälle, man weiß ja nie - passt noch weniger. Aber ich weiß, dass es hier für alles eine Lösung gibt. Ich muss nur im richtigen shutter vorbeikommen, die richtige Frage stellen und nach Möglichkeit das richtige Ding dabei haben. Den Topfträger. Und die Espressomaschine. Im ersten Anlauf gelingt es nicht. Ich hatte nur das Topfgitter dabei und die junge Frau sprach kein Wort Englisch. Außerdem musste sie der Nachbarshutterbesitzer, ein Gemüsehändler, von weither, aus dem gegenüberliegenden Haus ganz von oben nach unten rufen. Sie kam angerannt, war außer Atem und schwer von Begriff. Ich kaufte zwei kleine Messer, damit der weite Weg nicht ganz umsonst war und zahlte 200 Rupee. Heute der zweite Anlauf.  Ich hatte den Laden an der Ecke von Anfang an im Visier, aber beim ersten Versuch vor ein paar Tagen war er geschlossen. Wohl wegen Samstag. Manchmal dauert es eben. Die ebenfalls junge Frau strahlt und holt das perfekte Gasherdkreuz aus dem Innern ihres ordentlich sortierten Lagers. Es ist ein Reduzierstern, wie ich nun lerne. Ich bin very happy. Sie sagt 120 Rupee, but you give me 100.

Mittwoch, August 05, 2026

from 7 to 8

Heute findet in Halberstadt der 17. Klangwechsel statt. Genau um 15 Uhr MESZ, das ist bei uns 18:45 Uhrt und da geht schon bald die Sonne unter. In Halberstadt aber, das ist in Sachsen-Anhalt, entsteht aus dem bisherigen Klang aus den sieben Tönen c, des, d, dis, e, ais, e durch die Orgelbestückung mit dem neuen Ton a ein Achtklang: c, des, d, dis e, a, ais, e. Wie der neue Klang sich musikalisch aufbaut, verstehe ich natürlich nicht, aber hören kann hier das eintretende a ganz deutlich, ungefähr am Minute 2 und ein paar Sekunden, für alle die es eilig haben bei dem langsamsten Musikstück der Welt: John Cage, ASLSP - As Slow as Possible.

Wir machen derweil einen kurzen Ausflug in die Pampa, 7 Minuten durch unser Neubaugebiet und suchen das Eco Restaurant Biruwa Cottage. बिरुवा  - biruva ist die Pflanze und das Restaurant versteckt sich gut hinter riesigen Gewächshäusern. Die locals weisen uns unbeirrt den Weg und am Schluss sind wir genau 8 Minuten unterwegs.

Dienstag, August 04, 2026

Die Hitze

Wenn nach dem Regen die Sonne wieder da ist, wird es sofort heiß. Ich schwitze nonstop. Die Temperaturen scheinen nicht höher als in Kathmandu. Trotzdem bin ich ständig schweißgebadet. Auch wenn ich nichts tue und nur auf dem Bett liege. Tagsüber aus dem Haus gehen ist mission impossible. Nur auf dem unteren Dach ist es erträglich. Einmal habe ich schon fast einen Hitzschlag erlitten. Auf der Suche nach irgendetwas Unwichtigem. Ich meine, mich bewegen, die Umgebung erkunden, mich orientieren zu müssen. Wo ich hier eigentlich gelandet bin. 

Wir wohnen an dieser Straße. Aber das heißt gar nichts, ich bin schon an so vielen Street No. 4 mit Pfeil in die eine oder andere Richtung vorbeigekommen, dass mir der Kopf schwirrt. Auch ist, außer der street der erklärende Rest, zB der Name dieser street, auf den Straßenschildern nur in Devanagari aufgedruckt. Überhaupt wird hier vorwiegend nepali gesprochen, geschrieben und verstanden. Warum auch nicht. Ich bin eine von der Hauptstadt verwöhnte alte Tante und muss endlich meine Hausaufgaben machen.

Montag, August 03, 2026

Der graue Tag

Der dritte Shrawan Sombar. Der zweite Pokhara Montag. Der erste richtige Regentag. Wie er nie im Bilderbuch steht. Die Terrasse ist überdacht, ich erreiche meinen Schreibtisch trockenen Fußes. Der Regen klärt die Luft und die Gedanken. Ich muss alles neu lernen. Die Himmelsrichtungen. Wo ich Zwiebeln bekomme, Bananen und Mangos. Von Joghurt ganz zu schweigen. Ums Haus herum entdecke ich Riesengurken und so etwas wie Schlangenzucchini. Abertausende von Ameisen, die der Regen nun wegspült. Bei den Nachbarn wohnt ein Wasserbüffel. Und aus den Reisfeldern wird heute Unkraut entfernt. Das ist nicht unbedingt romantisch, die Frauen in ihren bunten Arbeitsklamotten, die sich, Regen hin oder her, in dem saftigen Grün bücken. Den lieben langen Tag. Hier gibt es eine visual story.

W sagt, in China machen das Fische, die in den Reisfeldern leben und das Unkraut fressen, die Reispflanzen aber unangetastet lassen. Die Fische brauchen nur ständig fließendes Wasser und hier steht es eher. Dümpelt vor sich hin.   

Sonntag, August 02, 2026

Das blaue Zimmer

Alles braucht seine Zeit. Ein jedes Ding und Unding. Ob wichtig oder unwichtig, nötig oder unnötig. Mitgenommen ist mitgenommen. Mitgegangen, mitgehangen. Ich bin mit meinem Schreibtisch und fünf Umzugskisten wieder im Zimmer unter dem Dach gelandet. Es ist blau gestrichen und hat blaue Vorhänge. Es ist nicht das erste blaue Zimmer, das ich in diesem Land ganz oben unter dem Dach eines Hauses entdecke. Blau ist die Verbindung zum Himmel. Höchste Reinheit. Eine spirituelle und glückseligmachende Farbe. Mein Arbeitszimmer ist derzeit das wärmste im Haus, en-suite! Seit der Routerverstärker draußen vor der Tür, an der Regengeschützten Wand der Dachterrasse hängt, ist es gut vernetzt mit der Außenwelt. Zutritt nur über die Terrasse. Fassadenkletterer wie Spinnen, Geckos oder Cockroaches sind willkommen. Auch Flugschüler, Anfänger und Fortgeschrittene, Moskitos, gemeine Stubenfliegen, Stechmücken usw.

Die blauen Schindelinschuhe sind zum wiederholten Mal zum Vorschein gekommen, diesmal unversehrt und korrekt im Plural. Ich verbanne alles Rot aus dem Zimmer und lege die türkisblauen Steine aufs Fensterbrett. Irgendwo muss ich ja anfangen. Die Fenster sind alle vergittert, bis in den obersten Stock hinauf. Auch in den Nachbarhäusern. Ich weiß immer noch nicht, wovor die Nepali sich eigentlich so sehr fürchten. Auch Beats "Sevilla '90" ist wieder da. Es lehnt am Boden. Wie eh und je. Noch scheue ich mich, Nägel in die blauen Wände zu schlagen.

Samstag, August 01, 2026

Der erste August

Die einen feiern, die andern nicht.

Nepal hat auf einen Schlag seine besten und international anerkanntesten Hochgebirgs-Bergsteiger-Experten verloren. Eine junge, leidenschaftliche, erfolgreiche Riege - die so schnell nicht zu ersetzen sei, sagt einer, der es wissen muss. Mit aller gebührenden Betroffenheit. "An international-standard mountain guide cannot be produced overnight", so der Direktor von Seven Summit Treks, "It takes years of training, repeated expeditions and practical experience." Seine Firma rekrutiert die Jungs aus entlegenen Himalayadörfern, trainiert sie über mehrere Saisons, bis sie "world-class professionals" werden. "Loosing climbers of this calibre is a devastating blow, not only for Nepal but also for the global mountaineering community." 

Am Donnerstag Mittag verschüttete eine Lawine am Broad Peak in Pakistan die zehnköpfige Expedition unter der Leitung von Nirmal Purja alias Nimsdai. GPS-Daten zeigen, dass die Gruppe bis zu 800 Meter in die Tiefe gerissen wurde. Keine und keiner hatte eine Überlebenschance. Weder der prominente Nimsdai, noch seine ebenso prominenten Sherpas: Pur Bahadur Gurung alias Yukta, Kili Pemba Sherpa alias Kilu, Nima Rinji Sherpa (der Jüngste, erst 20 Jahre alt und bereits mit Eintrag im Guiness Buch der Rekorde; als 18-Jähriger erklomm er alle 14 Achttausender der Welt, als Jüngster eben), Nawang Tendu Sherpa (der erste Beinamputierte auf dem Everest) und Gyaljen Sherpa alias Gyalu. Weder die arbeitende Klasse, die Lasten tragenden Sherpas. Noch ihre ambitionierten Kundinnen. Die Omanerin Nadhira Al Harthy (sie war 2019 die erste Frau ihres Landes auf dem Everest). Noch die Texanerin Sarah Mallory Geis (die einzige Anfängerin: es war ihr erster Versuch, einen Achttausender zu besteigen). Noch die Kunden. Der bescheidene Pakistani Sohail Sakhi. Noch der Chinese Wang Zhong. 

Die Bergung dauert an. Das Gelände ist schwierig, das Wetter unsicher, die Gefahr weiterer Schneeabgänge nicht gebannt. 

Mögen sie ruhen in Frieden. Dort, wo sie hingegangen und angekommen sind. 

Nimsdai übrigens hat der Welt das erste legendäre Foto vom Stau am Everest beschert - sowie die Diskussion darüber, wie mit den Massen am Berg umzugehen ist.