Montag, Juni 15, 2026

Adhikmaas Samapatti

Ein neuer Monat im Nepali Calendar: असार - Asar, oder auch Ashad. Ein neuer Mond am Himmel: औंसी - Aunsi. Das Ende des Adhikmaas, also अधिकमास समापत्ति - Adhikmaas Samapatti. Ende aller Ausnahmezustände. Man versammelt sich noch einmal zum Gebet, zur Meditation, zur inneren Einkehr. Zu Hause in den पुजा कोठा - Pujazimmern unter dem Dach, oder rund um die Tempel unter freiem Himmel. Zum Rezitieren der Vishnu- oder Krishna-Mantras. Zum Fastenbrechen. Manche runden den Monat ohne besondere Ereignisse spirituell ab mit dem vedischen Feuerritual Homa und einer Vishnu-Puja. Feuer reinigt und transformiert. Trägt den Segen nach unten und nach oben. 

Für uns einfach nur Neumond und Mitte Juni. Heiß und schwül. Es regnet nicht. Die Gewitter lassen auf sich warten, auch der Monsun. Am Abend stehen immer noch Jupiter und Venus am Himmel. Jeden Tag etwas weiter voneinander entfernt. Die kosmische Vereinigung hat nicht lange gehalten.

Sonntag, Juni 14, 2026

Urnengang

Ich habe nicht abgestimmt. Die Abstimmungsunterlagen sind zwar rechtzeitig auf dem Hill in Kathmandu, Hattigauda eingetroffen. Aber das E-Voting des Kantons Basel-Stadt ist aufgrund einer Panne bei der letzten Abstimmung bis Ende des Jahres 2026 ausgesetzt. Pannenhilfe kann zuweilen dauern. Am 8. März konnte "die elektronische Urne nicht entschlüsselt werden", teilt mir ein Vizestaatsschreiber in einem Vierzeiler mit. Also sind - wie mir auch mitgeteilt wird - 2048 elektronisch abgegebene Stimmen nicht in das Abstimmungsresultat des Halbkantons Basel-Stadt eingeflossen. Theoretisch könnte ich nun wahrscheinlich eine Lawine lostreten, protestieren und Einspruch erheben. Auf meine politischen Rechte in einem Land pochen, in dem ich seit Jahrzehnten nicht mehr lebe. Und eine Wiederholung jener Abstimmung fordern. 

Das lasse ich lieber. Auch das Abstimmen. Es ist mir gerade weder auf dem Postweg noch persönlich möglich, meine Stimme rechtzeitig im Stimmlokal abzugeben oder in einem dazu gehörigen Briefkasten legen zu lassen. Postalisch hätte dies bis gestern 12 Uhr MEZ erfolgen müssen, persönlich hätte ich 24 Stunden länger Zeit. Aber heute ist es mir zuwider wie noch nie, über angeblich gute "Nachhaltigkeit" abzustimmen, wo nur bösartige Ausländerfeindlichkeit dahinter steckt. Bleibt unter Euch! 10 Millionen Rütliwiesenbewohner. 

Samstag, Juni 13, 2026

Schmerzwege

Gestern in der DI Dental Clinic hat nichts weh getan. Ich war nach zwei Stunden Liegen so übermütig, dass ich auf den Hill laufen wollte. W hielt mich vernünftigerweise davon ab. Zu Hause legte ich mich sofort ins Bett. Ich sollte 40 Minuten nichts trinken und mehrere Stunden nichts essen. Und danach möglichst auf nichts Hartes beißen. Also schlief ich und der Schmerz tobte sich aus. Ich weiß nicht, woher er kam und wohin er ging. Er ist kugelrund und überall. Jede Stelle, die gestern von wem oder was auch immer berührt wurde, regt sich. Überstimulierte Nerven. Das Ziel ist das Hirn. 

Es dauert über 24 Stunden, bis sich mein Mund beruhigt und der Schmerz oben aus der Kopfhaut tritt. . Am Nachmittag gehe ich schwimmen.  Damit andere Muskeln und andere Nerven zum Zuge kommen. Am Abend essen wir beim Dragon Brinjal. Eggplant. Die sind weich und fett.

Freitag, Juni 12, 2026

Zähnebröckeln

Ich habe mir vor ein paar Tagen an einem zweiten Zahn auf der rechten Seite, nun aber oben, eine Ecke abgebissen. Wo sie abgeblieben ist, weiß ich nicht. Wahrscheinlich habe ich sie verschluckt. Die erste scharfe Kante habe ich seit ein paar Monaten rechts unten. Weh tut nichts, nur die Zunge eckt an. Sie ist neugierig und überprüft immer wieder, ob sich nichts rundschleift. Tut es natürlich nicht. Aus irgendeinem Grunde schone ich seit längerem die linke Gebissseite. 

Nun hat auch W einen Wackelzahn verloren. Also ist es höchste Zeit für einen Zahnarzt oder eine Zahnärztin. 

Ihm geschieht heute nichts außer einem x-ray. Das Bild, auch meines, kommt später in mein Smartphone. Nun weiß auch Big Brother, wie es um unsere Zähne steht und fällt. Ich liege geschlagene zwei Stunden auf dem Stuhl und lasse mich rundum säubern, pflegen, restaurieren. Noch nie habe ich eine so schmerzfreie Zahnreinigung erlebt, obwohl die Hälse immer länger und empfindlicher werden. Auch schnattert mich niemand an, warum ich nicht früher und regelmäßiger komme und ob ich überhaupt wisse (in meinem Alter!), was Mundhygiene sei. Nein, die professionelle Zähneputzerin - sie ist blutjung, wie ihre Kolleginnen rund um die Welt - fordert mich zwischendurch nur immer wieder auf, den Mund kurz zu schließen. Dann hält sie mir die Wangen. Ihre Hände sind sehr warm.

Donnerstag, Juni 11, 2026

Parama Ekadashi

Der Adhikmaas geht dem Ende entgegen. Noch gibt und gab es ein paar Besonderheiten in diesem ereignisleeren, aber sehr heiligen Monat: das heutige Parama Ekadashi (11. Juni - 28 Jestha) und das Padmini Ekadashi vor zwei Wochen (27. Mai - 13. Jestha) gelten als die Krönung aller Ekadashi, den 11. Tagen der hellen, zunehmenden oder dunkeln, abnehmenden Mondphase. Wir befinden uns in der dunkeln, in krishna paksha. Bald ist Neumond und dann ist Purushottam Maas um. Heute haben die Gläubigen noch einmal die Chance, wirklich von all ihren Sünden reingewaschen zu werden, wenn sie nur den ganzen Tag das Phalahar-Fasten einhalten und auf Getreide, Reis und Bohnen verzichten, Wasser trinken, höchstens ein paar Mangos schlürfen, dabei beten, das Vishnu Sahasranama-Mantra singen und die Vrat Katha - die Geschichte der Parama Ekadashi - lesen. Der heutige Tag verspricht höchste spirituelle Nahrung - so etwas kommt erst in über 32 Monaten wieder! - löst tiefliegendes schlechtes Karma auf und garantiert die ultimative Erlösung.

In der Nacht ging wieder sintflutartiger Regen nieder. Nun ist es schwül und der Himmel hält sich bedeckt.  

Mittwoch, Juni 10, 2026

Wandelröschen

Was hier überall wild wächst und gerade stürmisch blüht, sind Wandelröschen. Aus der Familie der Eisenkrautgewächse, der VerbenaceaeHier kann man sie sehen, etwas runterscrollen bitte. Ich könnte die jungen Blätter vielleicht einsammeln und Tee kochen, sie sind aber stachelig und runzlig. Außerdem lese ich, dass alle Pflanzenteile giftig sind. Ist hier ein Unkraut, verbreitet sich invasiv und gilt als vernachlässigbar wie Chutro und Gurjo (bis der eine oder andere große Nachbar Bedarf an den Giftstoffen anmeldet), wird, wenn Wände und Wege bis zur Unkenntlichkeit überwuchert sind, einmal im Jahr brutal bodennah abgehackt. Oder abgebrannt.
Unser einstiger Home Minister ist wieder in sein Amt zurückgekehrt. Die Gründe, weshalb er nur drei Wochen nach Amtsantritt freiwillig zurücktrat - damit eine unabhängige Kommission seine undurchsichtigen Besitzverhältnisse durchleuchten kann - sind offenbar alle hinfällig. Unter den Teppich gekehrt oder unter den Tisch gefallen. Wie Müll, der nicht nur am Everest fallen und liegen gelassen wird, sondern ungefähr an jeder Ecke des Landes. Die Nepali haben null Bewusstsein für die Ökologie ihrer Umwelt, die biologische Grundlage ihres Lebens - den gesunden Ackerboden, die frische Atemluft - und kontaminierende Abfälle. Das ist einerseits sympathisch (man denke nur an das als littering bezeichnete, scharf verfolgte und horrend gebüßte Vergehen im saubersten Land der Erde), andererseits eben fatal. Sobald die Wandelröschen alles überwuchert haben, betören sie uns mit ihren zarten Blüten. Dann ist das Problem ästhetisch gelöst und der Müll auf natürliche Art und Weise verschwunden. Gerät der wunderschöne Wildwuchs außer Kontrolle, wird er abgefackelt. Mit ausnahmslos allem, was darunter liegt.

Dienstag, Juni 09, 2026

cosmic kiss

Es bleib uns verwehrt, die beiden hellsten Planeten am Himmel, Jupiter und Venus beim Turteln zu beobachten. Der Himmel ist seit dem späten Nachmittag zu, closed, geschlossen wie die Route durch den Khumbu-Icefall hoch auf den Everest seit dem berühmten Sagarmatha Day. Es gießt in Kübeln, aber das ist beileibe noch kein monsoon, lese ich. Denn der Wind bläst aus der falschen Richtung und die Feuchtigkeitssättigung der untern und oberen Wolkenschicken hat noch nicht ihr Maximum erreicht. Die Wolken stehen stur und bedecken den Himmel. Sie wollen sich auch nach Sonnenuntergang nicht verziehen und uns den Blick ins Universum freigeben. 

Die letzten Abende habe ich die beiden Planeten gesehen, wie wie sich Schritt für Schritt über dem Flachdach der Nachbarn, zwischen den beiden W wie Wäscheleinen und Wassertank, näher kamen.

Das Ganze ist aber eine Illusion. Da wird uns eine Liebesgeschichte vorgegaukelt, die mit einem Kuss im Kosmos gekrönt wird, dabei sind die beiden ungleichen Partner Hunderte Millionen Kilometer voneinander entfernt in der Unendlichkeit. Die Venus soll gerade 190 Millionen Kilometer von der Erde entfernt kreisen, der Jupiter um die 900 Millionen Kilometer. Kann ich mir gar nicht vorstellen. Jupiter gilt als Gasriese, erscheint aber am Nachthimmel über Kathmandu kleiner als die viel heller strahlende Venus. Die optische Täuschung ist der Entfernung geschuldet, das Licht der relativen Sonnennähe oder -ferne, sowie einer reflektierenden Wolkendecke. Die Besonderheit der Konjunktion nur unserem Aberglauben.