Dienstag, Oktober 13, 2026

Spätfolgen

Zum Dreizehnten etwas Glück im Unglück. Noch sind wir verschont. Die großen Sturzfluten der letzten zwei Monate waren keine Regenereignisse. Nicht Monsunbedingt stiegen die Pegel der kleinen Flüsse in den engen Tälern unvermittelt an. Unerwartet. Überrraschend. Mitten in der Nacht. Oder an einem sonnigen Morgen. Es hat nie geregnet, bevor die Überschwemmung kam.  Es war kein Unwetter und trotzdem wie Weltuntergang.

Nein, kein Glück im Unglück, sondern Spätfolgen des schweren Erdbebens von 2015. Erschütterungen! 10 Jahre, auch 11 sind aus geologischer Sicht ein pures Nichts. Berge bewegen sich majestätisch und beherrscht. Sie rechnen mit anderen Zeiträumen. Wenn einmal etwas gerissen ist, am Fundament oder Sockel, an einer Flanke, wo auch immer, wird es nie wieder ganz. Was gebrochen ist, kann nicht wieder zusammenwachsen, sondern bricht weiter auf. Verliert irgendwann den Halt. Spalten. Klüfte. Abgründe. Entstehen. Ich glaube, ich habe das alles bereits beschrieben ... 

Hier kann das scheinbare Glück - dass wir (noch) verschont geblieben sind - im Unglück nachverfolgt werden. Alle können sich vergewissern, dass die Gefahr nicht gebannt ist. Und nie mehr gebannt werden kann: 

https://www.youtube.com/watch?v=XIxcogEiOn8

Montag, Oktober 12, 2026

Blauer Tee

Wir sitzen im "Chillionaire", im Kunstcafé mit Waste-to-Art-Studio in Mahatgauda. Bei uns um die Ecke. Ich trinke Anchan, blauen Tee, butterfly pea tea und W Americano, schwarzen Kaffee. Das Blau in meinem Glas stammt von Blüten der Schmetterlingserbse - clitoria ternatea, das Schwarz in Ws Tasse von gerösteten Kaffeebohnen. Der Chillionairebetreiber zeigt uns sein Atelier, den Hinterhof, das Reisfeld, den Haustempel. Er hat den Namen "Chillionaire" natürlich nicht erfunden, sondern übernommen. So wie das Konzept des re- und upcyclings. Und macht sein eigenes Ding daraus mit seinen Freunden, Kumpels, Kindern und der über 90-jährigen Großmutter. Auch so kann man alt werden, mit einem Enkel, Kunst und happenings. Eigentlich ist dieser Chillionaire in Pokhara ein Herpetofaunaforscher. Einer, der sich mit Fröschen und Kröten, mit Echsen und Krokodilen auskennt. Ein Konfliktmanager zwischen Mensch und Wildtier. Ein Schlangenbeschwörer und Städterflüsterer.

Wir trinken aus und radeln nach Hause, ich mit einer Handvoll getrockneter blauer Schmetterlingsblüten. Ein Geschenk! Das zweite innerhalb zweier Tage. Aber davon vielleicht ein andermal mehr. Wir müssen uns beeilen, denn die Dämmerung ist kurz und die Nacht dunkel. Die Straßen sind voller Kinder. 
Am Schreibtisch finde ich heraus, dass das Wort "Chillionaire" von Jaja Jackson erfunden und von Chip Conley populär gemacht wurde. Vor ungefähr einem Jahr. So jung ist das Wort und die Sache dahinter uralt. Hier gibt es weitere wunderschöne Chip-isms. 
Vorläufig bescheide ich mich damit, eine अपराजिता - Aparajita oder butterfly pea flower, eine schnellwachsende Blaue Klitorie zu finden und in den Garten unter das natürliche Klettergerüst zu pflanzen. Bis es so weit ist, geselle ich mich zu den Malakologen und beobachte meine Achatschnecken. Es sind bereits drei an der Zahl und die hier ist besonders durstig:


Sonntag, Oktober 11, 2026

Ghatasthapana

25. Ashoj. Public holiday. Der erste Tag von shukla paksha, der hellen Mondphase, des zunehmenden Mondes. Beginn von Dashain mit घटस्थापना - Ghatasthapana. Das feierliche Aufstellen (स्थापना - sthapana = installieren, einrichten) des heiligen Gefäßes (घट - ghata = Krug oder Topf, einer der berühmten Blumentöpfe, an denen es in diesem Land nicht mangelt), gefüllt mit sandiger Erde, in die Gerstensamen gelegt werden, die bis zum Ende von Dashain sprießen und wachsen sollen, und dann büschelweise geerntet werden können, ins Haar gesteckt, hinter die Ohren, im Haustempel platziert, rund um die Hausheiligen usw usf. Sowie der erste Tag von Navrati, den neun Nächten zur Anbetung der Göttin Durga und ihren neun Inkarnationen.

Und: der Morgen nach der nächsten Flut. Das wichtigste Festival des Jahres wird eingeläutet mit einer neuen Katastrophe. Um 4 Uhr morgens tritt der Budhi Gandaki Fluss über die Ufer. Warum, wird man noch erfahren. Einen Namen hat die Flut bereits: es sind die Gorkha Überschwemmungen. Die reißen über 200 Häuser mit sich, zerstören Brücken, Straßen, ein Wasserkraftwerk. Wieder passiert es in einem engen Tal. Im westlichen Nachbartal zum Bhotekoshi-Trishuli-Tal. Der Budhi Gandai mündet weiter unten in den Trishuli und wird den entsprechend nähren. Die meisten Anwohner können sich retten, da sie rechtzeitig von den Bewohnern der höher gelegenen Dörfer aus dem Schlaf gerissen werden. Der Staat hingegen schläft und erklärt im Nachhinein, in dem abgelegen Tal existierten keine Mesststationen oder Frühwarnsysteme. Erst nach Sonneaufgang werden Warn-SMS verschickt. Es ist ja Sonntag und Feiertag in einem. 

दशैंको शुभकामना - Dasainko subhakamana. Happy Dashain!

Samstag, Oktober 10, 2026

Sohra Shradda

Heute geht Sohra Shradda zu Ende, auch Pitri Paksha genannt. Von paskha wie Hälfte, Mondhälfte, der zu- oder abnehmende Zyklus. Heute Nacht wird der Mond leer, dunkel. Neumond im Monat Ashoj oder Ashwin, die krishna paksha - die dunkle Mondphase endet, die vollständig den pitri, den Vorfahren, Ahnen, Vorvätern geweiht war. In den 15 (manche sagen, es seien 16) Tagen seit dem letzten Vollmond gedenken die Hindus ihrer Verstorbenen. So etwas wie ein auf einen halben Monat zerdehntes christliches Allerseeelen. Dieser so genannte Shradh Monat, der nach meiner Vorstellung nur ein halber ist, wird mit einem feierlichen Ritual abgeschlossen. Die Gläubigen bringen ihren Ahnen symbolische Speiseopfer dar: tarpan (Wasser vermischt mit schwarzem Sesam und Kushagras), sidadaan (ungekochte, zur Verarbeitung vorbereitete, gewaschene, geputzte Lebensmittel wie Reis, Linsen, Gemüse, Gewürze und Senföl) und pindadaan (runde Klöße aus gekochtem Reis, Gerstenmehl, schwarzem Sesam, Ghee und Honig).

Wenn damit die Toten gestärkt, gesättigt und zufrieden sind, kann morgen Dashain beginnen, der Feiertagsmarathon für die Lebenden.

Freitag, Oktober 09, 2026

Der zweite Blumenstrauß

Der erste Besuch aus Kathmandu. Der zweite Blumenstrauß in Nepal! Wann ich den ersten bekommen habe, weiß ich nicht mehr (ich suchte gerade vergeblich mein eigenes blog ab - war mir wohl damals nicht der Rede wert). Als ich ihn auswickelte, hatte ich sofort ein haptisches déjà-vu. Das Papier ist in Streifen geschnitten, besser gesagt, in Torten- oder Pizzastückformen. Jedes Viertel oder Achtel ist kunstvoll in die Blumen hineingeklebt, mit sehr viel Tesastreifen (von denen ich nicht ahnte, dass es sie in diesen Mengen diesem Land gibt), so dass das Arrangement von außen hübsch und von innen jämmerlich verunstaltet aussieht. Von den Blumenstielen entferne ich meterlange Klebstreifen und wieder verstehe ich nicht, wie eine Floristin (oder wer war das?) den Pflanzen so etwas antun kann. Schlimmer noch: die Blütenblätter der Gerberas sind auch mit Tesa zusammengeklebt, von unten, so dass sie einen nach oben adress geöffneten Kelch bilden. Eine Schande in einem Land, das ein einziges Blumenmeer ist. Auf dem Dach jeder noch so schiefen Hütte stehen Dutzende Blumentöpfe eng aneinander geschmiegt. So viele, wie eben Platz haben. Ich frage mich immer und immer wieder, warum denn die Nepali ihre Pflanzen alle in Töpfe aufs Dach setzen und nicht in die Erde pflanzen. Aber das ist eine andere Geschichte. Zurück zu meinem zweiten Blumenstrauß, der nicht in einen Topf aufs Dach, sondern in eine Vase ins Wohnzimmer gehört. Wir besitzen keine Blumenvase, weder eine passende noch eine unpassende. Wie ich den ersten Blumenstrauß vor dem Verdursten bewahrte, weiß ich auch nicht mehr. Das war in einer anderen Wohnung, in einer anderen Stadt, möglicherweise in einem anderen Leben, in Lalitpur oder auf der lauten Lazimpat. Jedenfalls in einer karg ausgestatteten Küche. Vielleicht gab es dort einen bayerischen Bierhumpen mit Henkel. Hier und heute behelfe mich mit einer Kaffeetasse und beschließe, das geometrisch zurechtgeschnittene Grünzeug bei nächster Gelegenheit zu entfernen. Zuerst muss ich mit dem ersten Gast aus der Hauptstadt Schwarztee trinken.

Donnerstag, Oktober 08, 2026

Alle Jahre wieder

Der diesjährige Literaturnobelpreis geht an die kanadische Dichterin und Übersetzerin Anne Carson. Sie sei ein writer's writer, ein poet's poet, lese ich. Aber ich gestehe, dass sie an mir vorbeigegangen ist und wohl nicht mehr vorbeikommen wird. Denn ich habe vieles hinter mir gelassen, auch Sappho (die sie ins Englische übersetzt hat) und die ganzen antiken Tragödien.

Mittwoch, Oktober 07, 2026

Ach, das Wetter

Der Tag beginnt mit mächtigem Grummeln, da ist die Nacht noch gar nicht zu Ende. Hell will es nicht werden. Lange hörte ich im Schlaf nur das Donnern in der Ferne. Dann wache ich plötzlich auf, weil die Blitze mich blenden und der Regen über das Dach prasselt, dass Shiva erbarm.

Gestern war das Licht am Morgen so milchig und mild, dass ich in meiner Einfalt oben auf dem zweiten Dach dachte, der Frühherbst sei nun da. Und der Monsun endgültig abgezogen. Mit all seinen Regenwolken. Und heute so etwas wie Weltuntergang. Ich lege Putzlappen unter das einzige Fenster im Haus, das sich nicht ganz schließen lässt. Im Spalt hängen die Kabel, die uns im ersten Stock mit der großen weiten Welt verbinden. Die kommen von oben, oder gehen nach oben - das ist eine Grundsatzfrage, welche Wege solche Verbindungen eigentlich nehmen - weil auch ich im zweiten Stock unter dem zweiten Dach etwas von der Welt haben muss. Das war, als wir einzogen, die praktisch schnelle Lösung, für die die Nepali weltberühmt sind. Aber eben - wie so oft, oder gar immer - nicht nachhaltig. Das muss irgendwann nachgebessert werden. Nachgearbeitet, Löcher gebohrt und die Kabel durch das Innere des Hauses geführt, mit Kabelschuhen oder einer richtigen Kabelschiene an den hohen Wänden und Decken befestigt werden ... das ist mühsam und man braucht eine Leiter. Der Weg durch das Treppenhau wäre von Anfang an der kürzere, aber eben aufwändigere gewesen. Wenn an einem Tag wie heute die Welt untergeht und ein kräftiger Ostwind den Regen an die Ostseite des Hauses klatscht, hangeln sich die akrobatisch versierten Regentropfen den Kabeln entlang ins Zimmer hinein.

Feuchte Luft ziehe derzeit vom Golf von Bengalen und vom Arabischen Meer nach Nepal, lese ich auf der Wetterseite der Zeitung. Und die beschere uns Regen, obwohl der Monsun bereits auf dem Rückzug sei. Wir befinden uns in einer transition period, einer Übergangsphase mit einer temporären Intensivierung der Regenfälle im Zentrum und in den Ostteilen des Landes. Wir leben exakt in der geografischen Mitte. Das wollten wir so. Es regnet den ganzen Tag und wird wieder dunkel, ehe es richtig hell war.