National day of mourning - Staatstrauertag. Kein public holiday. Es wird gearbeitet, die Fahnen hängen auf Halbmast. Trauerbeflaggung im ganzen Land und in allen nepalesischen diplomatischen Vertretungen weltweit.
Heute ist der 13. Tag nach der verheerenden Bhotekoshi-Sturzflut. Normalerweise wird von der "August 26 flood" gesprochen oder geschrieben. Kürzlich las ich zum ersten Mal in einem englischsprachigen Artikel (andere verstehe ich nicht) von der "Bhadra 10 flood". Diese Bezeichnung ist eigentlich angemessener und erleichtert für einmal die zeitliche Ein- und Zuordnung. Heute ist der 22. Bhadra und der 13. Tag nach der Flut (den ersten, den 10. miteingerechnet). In der hinduistischen Tradition hat der 13. Tag nach dem Tod eines Menschen eine besondere Bedeutung. Nichts ist hier ganz ohne Bedeutung. Aber die 13 Tage Trauerzeit sind wichtig im Leben eines jeden, auch ungläubigen Menschen. Sie separieren sich, sondern sich zum Schweigen (= nicht reden, kein Smartphone benützen) und Beten ab, verzichten auf Salz und sind in einfache weiße Tücher gekleidet, die sie jeden Morgen waschen. Ich habe unzählige Trauernde auf dem Hill an dem kleinen Shivatempel erlebt. Die Männer scheren sich den Kopf kahl. Die Frauen tun dies nur nach dem Tod des Gatten, wobei "scheren" in ihrem Fall "feminin" ausgelegt wird. Es reicht, wenn das oft hüftlange, dichte schwarze Haar auf Nackenlänge gekürzt wird. Der 13. Tag ist der feierliche Abschluss. Die Seele des Verstorbenen wird entlassen, die Familie veranstaltet eine puja mit anschließendem Festessen. Dann kehren die Angehörigen in ihren Alltag zurück. Auf dem Hill bedeutete das: auf die geschäftige Golfutar.
Dieser 13. Tag nach der Todesflut ist heute. Aber kaum jemand unter den Überlebenden hat noch einen Alltag. Und alle, die weiterhin warten, auf eine Rückkehr oder einen Anruf, haben noch gar nicht angefangen zu akzeptieren. Sie können keine Trauertage herunterzählen. Und die, die willens sind, hatten in den letzten Tagen keine Gelegenheit, keinen Ort um sich zu separieren, zu schweigen und jeden Tag saubere weiße Tücher zu tragen. Kaum jemand verzichtet auf Salz, wenn Notrationen aus dem Helikopter abgeworfen werden. Ja, sie sammeln nun Kush-Gras und flechten die Kush-Effigies - aber dann heißt es (lese ich), dass für mehrere Mitglieder ein und derselben Familie die final rites, die letzten Dienste, auch bei der symbolischen Verbrennung einer Graspuppe, nicht an ein und demselben Kalendertag stattfinden dürfen ... Die Menschen haben es wahrlich nicht leicht. Ganze Dörfer sind physisch zerstört und im wahrsten Sinne des Wortes ausgestorben.Weitverzweigte Sippschaften, Großfamilien eben, denn anders funktionierte das Leben in den Bergen nie, sind vom Schlamm mitgerissen worden und darin erstickt. Auf wieviele Tage, Wochen, Monate soll nun der heutige letzte, 13. Tag der Trauerrituals ausgedehnt werden?
Gestern gab die Regierung Zahlen bekannt:
- 1.355 Leichen wurden insgesamt geborgen, davon konnten 98 identifiziert werden
- von 1.181 nicht mehr identifizierbaren Leichen oder Leichenteilen wurden DNA-Proben entnommen, die sterblichen Überreste anschließend aus hygienischen Gründen vorläufig erdbestattet
- 1.186 Überlebende gaben Blutproben zum DNA-Abgleich ab
- 13.396 Menschen wurden gerettet
- 4.996 Menschen gelten weiterhin als vermisst
- Ungefähr 7.570 Häuser wurden zerstört, davon 48 Regierungsgebäude
- 32.933 Menschen sind obdachlos geworden
- 55 Kilometer Straße, 37 befahrbare Brücken, 68 Hängebrücken, etwa 1.806 Hektar Ackerland, 13 Wasserkraftwerke, 1 Solarkraftwerk, 2 Übertragungsleitungen wurden komplett zerstört, 783 MW Erzeugungskapazität aus Wasserkraft gingen verloren
