Sonntag, August 30, 2026

Heiliger Bimbam

Ich verliere den Verstand über all dem Blödsinn, der mir im Netz entgegenschlägt. Die AI-Sturzflut! Die Videos, die mir gerade helfen, die Welt etwas besser zu verstehen, habe ich im gestrigen blog verlinkt. Vor allem anderen verschließe ich die Augen. Wer mag, kann es mir gleich tun. 

Ich trete aus der Haustür. Frische Luft ist immer gut. Und halte rechtzeitig inne. Heiliger Bimbam! Déjà-vu! Katze auf dem chinesischen Frieden! Oder ist es die Erde? Das Reich der Mitte? Egal! Das Rot ist blasser geworden, der Liegekomfort aber offenbar derselbe geblieben.   
Ich habe diese Katze schon gehört. Ihr hungriges oder einsames Miauen. Und nach jedem Regen finde ich Spuren ihrer Pfoten rund ums Haus und am hinduistischen Heiligtum an der hinteren linken Ecke des Grundstücks. Leibhaftig hat sie sich mir aber bis dato noch nicht vorgestellt. Ein Trostpflästerchen? Ein Wink von ganz oben herab? Vom Pumdikot? 
Ich frage den Nachbarn, der gerade von seinem Bike steigt, ob die Katze ihm gehört. Katzen, erwidert er mit einem nachsichtigen Lächeln, gehören in diesem Lande niemanden. You know ... Yes, I know! Nepali halten nichts von Katzen. Aber nein, widerspricht er sofort, es sei keine wilde Katze. Und nein, nein, ich brauche sie nicht zu füttern. Auf keinen Fall. Sie sei nicht hungrig. Niemand füttere hier Katzen. Katzen sind Selbstversorgen, sie finden genug zu fressen. Sagt er. Mäuse und Ratten. Dafür lassen wir sie in Ruhe. Er lächelt noch einmal nachsichtig und verschwindet ins Haus. Ich verstehe. Meine Maus im Schuhschrank ist tatsächlich verschwunden. Allerdings habe ich dort radikal ausgemistet. Vielleicht hat sie ein bequemeres Nest gefunden.  

Déjà-entendu. Auf dem Hill sagten die vornehmen Hinduladies fast wörtlich dasselbe. Katzen gehören niemandem und wilde Katzen gibt es nicht!

Samstag, August 29, 2026

Heiliger Schweiß

Die Göttin Bhagawati schwitzte vor ein paar Tagen! Die Gläubigen, die sich in Kavrepalanchowk in der dreistöckigen Pagode zum abendlichen Lichtritual, dem आरती - Aarti versammelt hatten und Bhagawati brennende Ghee- und Kampferlampen darbrachten, beobachteten, wie Schweißtropfen aus der Stirn der Saligramstein-Statue traten. Dies wird als schlechtes omen gedeutet, als Warnung vor Katastrophen oder Krisen. Angeblich gab es ähnliche Zeichen 2058 BS (2001 AD) vor dem Massaker im Königspalast, 2072 BS (2015 AD) vor dem großen Erdbeben sowie vor zwei Jahren vor den massiven post-monsoon-Erdrutschen. Die 2001 in Lalitpur amtierende Kumari (Kindergöttin) hatte vor dem Königsmassaker einen unerklärlichen Tränenfluss. In normalen Zeiten sind Göttinnen Masken, ob sie leben oder nicht. Sie zeigen keinerlei Regungen. Sie behalten alle Gefühle und Gedanken für sich.

Nun also Schweißperlen der Bhagawati von Palanchowk. Wir schwitzen ja gerade alle mehr oder weniger ständig. Aber der heilige Schweiß gilt natürlich im Nachhinein - dann wenn wir alle klüger sind - als Verweis auf die Bhotekoshi-Sturzflut. Gestern wurde in Bhagawatis Tempel eine kshama puja abgehalten, ein Vergebungs- und Sühneritual. Die Göttin wurde zermoniell gebadet und mit tantrischen Tänzen um Gnade gebeten.

Freitag, August 28, 2026

जनै पूर्णिमा

Vollmond. Purnima. Ein spezieller Vollmond:  जनै पूर्णिमा - Janaj purnima. Feiertag - der erste public holiday, seit wir in Pokhara sind. Ein multipler Feiertag: Janai Purnima, Rishi Tarpani, Rakshya Bandhan, Gun:Punhi, Kwati Puni.  

Am Nachmittag fängt es an zu regnen. Der wirklich verheerende Regen kommt erst nach der verheerenden Sturzflut. Er bringt keine Erlösung.

Weil heute ein besonderer Vollmond ist - Janaj purnima waren in den letzten Tagen im Langtang Gebiet viele Pilger unterwegs. Buddhisten, Hinduisten, Animisten, Anhänger der Bon-Tradition. Und alle anderen. Auf dem Weg zum heiligen Gosaikunda See im Rasuwa District. Oder auf dem Weg zum Heiligen Berg Kailash, auf dem Lord Shiva mit seiner Parvati lebt. Niemand darf den Kailash besteigen, aber die Gläubigen umkreisen ihn und nehmen das reinigende Bad im मानस सरोवर - im "unübertroffenen" Mansa Sarovar See, dessen Wasser alle acht Eigenschaften "perfekten Wassers" besitzen soll: es ist kühl, süß, leicht, weich, klar und rein, reizt weder den Magen noch den Hals!

Weil heute ein besonderer Vollmnond ist und weil der heilige Berg Kailash und der heilige See Mansarovar zu seinen Füßen in Tibet liegen, sind die meisten Pilger genau dort in das Reich der Mitte ein- oder ausgereist, wo die Überwachungskameras die ersten entsetzlichen Bilder einer unvorstellbaren Sturzflut festhielten: am Grenzübergang Gyirong.         

Niemandem ist heute, am zweiten Tag danach, so richtig zum Feiern zumute. Auch nicht den Geschwistern, die mit Rakshya Bandhan ihre schützende und unverbrüchliche Verbindung beschwören und als Zeichen ein Rakhi, ein kunstvoll gestaltetes Band um das rechte Handgelenk flechten. जनै - Janaj ist der heilige Faden, der heute erneuert wird. Man bedankt sich bei den Saptarishi, den sieben großen Weisen für das spirituelle Wissen. Und isst Kwati, eine dicke heiße Suppe aus neun verschiedenen Bohnen und Hülsenfrüchten. Kwati wärmt den Körper und stärkt das Immunsystem. Bewahrt gerade zur Monsunzeit vor Erkältungen. 

Wirkt heute, jedenfalls auf mich, wie aus der Welt gefallen.

Donnerstag, August 27, 2026

the day after

Alles, was wir gestern an Erklärungsversuchen gehört, gesehen oder gelesen haben, ist heute überholt. Weder gab es ein Erdbeben noch ist ein Gletschersee ausgebrochen. Ein Felssturz in Verbindung mit einem Gletscherabbruch an der Nordseite des Langtang Lirung brachte Material mit einem 10- bis 40-fachen Volumen des Ereignisses vom helvetischen Nesthorn und Birchgletscher (das Blatten, das evakuierte einstige 300-Seelen-Dorf im Lötschental verschüttete), in den chinesisch-nepalesischen Grenzfluss Lhende-Khola. Die unglaubliche Masse an Schlamm, Wasser, Eis und Geröll zerstörte den Grenzübergang Gyirong, an dem wie immer reger Betrieb herrschte und wälzte sich dann durch das enge steile Tal des Bhotekoshi, der talabwärts in den Trishuli übergeht, etwa 200 Kilometer quer durch das schmale Land nach Südosten bis an die indische Grenze. 

Cause: https://www.youtube.com/watch?v=u5F175REX_U 

updates: 

The lake: https://www.youtube.com/watch?v=USgiTgiyi30

The warning: https://www.youtube.com/watch?v=D5em-GxG4PU&t=61s

The rescue: https://www.youtube.com/watch?v=zhhRZ6UTRgw

The water: https://www.youtube.com/watch?v=bfRyoauV3Wg&t=23s

Mittwoch, August 26, 2026

26-08-26

Ich hatte schon einmal eine fast perfekt anmutende Zahlensymmetrie, hinter der sich unvorstellbare Abgründe auftun: 11-03-11. Nun also 26-08-26. Funktioniert natürlich nur im westlichen Kalender und in westlichen Hirnen. Im nepali calendar haben wir heute schlicht 10-05-83, den 10. Tag des 5. Monats Bhadra im Jahr 2083. 

Wie auch immer wir die Zeit berechnen und darstellen, der heutige Tag - genauer: die Geschehnisse ab 08:37 am Nepal time im Himalaya Grenzgebiet Nepal-Tibet-China, im Einzugsgebiet der Flüsse Lhende Khola, Bhotekoshi und Trishuli, quer durchs Land nach Süden bis zur indischen Grenze, wird in die Geschichte der Naturkatastrophen eingehen. Unter welchem Namen und mit welchen Etiketts wird sich noch zeigen müssen. Vorerst sind wir alle fassungslos. Und sprachlos.

Dienstag, August 25, 2026

amaranthus retroflexus

Ich bin immer noch im Garten. Die Schnecke auch. Sie ist nachtaktiv und zeigt sich nur kurz am Morgen. Ich weiß immer noch nicht, was ich wachsen lassen soll und was ich besser entferne. Ausreiße mit Stumpf und Stiel. Weil es zu stürmisch wuchert, giftig ist oder dürr. Bereits abgestorben. Unter den vielen schweren Säcken hat nur Robustes überlebt.

Ich lasse erst einmal alles einregnen. Wilder Amaranth gehört an einen poetischen Wegesrand. Ins Poesiealbum. Oder in einen nepalesischen Hausgarten. Küchengarten. Wilder Amaranth soll ein Superfood sein, voller Nährstoffe, Aminosäuren und Antioxidantien. Sagen westliche Esoterikerinnen.  Der Wilde Amaranth ist, wie sein Name schon sagt - amaranthus retroflexus - ein Wildkraut. Die Blätter sind essbar, die Samenstände auch. Für die Hindus ist es ein an Fastentagen erlaubtes Pseudogetreide. Amaranth gehört botanisch zu den Fuchsschwanzgewächsen und gilt als sattvisch = rein. Im Ayurveda ist der Amaranth ein geschätztes Heilkraut mit kühlender energetischer Wirkung. Hindufrauen nennen es das Korn Gottes. Von Sanskrit ramdana = das Korn von Lord Ram. Die Alten Griechen wussten es aus einem anderen (sprachlichen, etymologischen) Grund zu schätzen. Der Name leitet sich für sie von griechisch amarantos = unvergänglich ab. Ein Konzept der Unsterblichkeit gepaart mit dem Symbol für Reinheit und Lord Ram. Ich lasse das Unkraut stehen und weiterwuchern. Die Schnecke braucht ja was zum abknabbern mit ihrer Raspelzunge.

Montag, August 24, 2026

lissachatina fulica

Es hat geregnet in der Nacht und ich pflanze am Morgen das Zitronengras in eine Ecke im kleinen Rasenstück vor dem Haus. Zitronengras ist schneidend scharf. Wie Papier. Das kenne ich, habe mir auf dem Hill mehrere Schnittverletzungen an den Fingern zugezogen, bis ich endlich lernte, vorsichtiger auch mit dürren Gräsern umzugehen. Hier steckt das Zitronengras  in einem Kelloggsbeutel und hat sich schon nach allen Seiten darin festgebissen, und fast meterhoch daraus hervorgedrängt. Ich muss die bunte Folie aufreißen und in Fetzen ablösen, um überhaupt an den Wurzelballen zu kommen. 

Darin wohnt zu meiner Großen Verblüffung eine Große Achatschnecke. Eine lissachatina fulica. Oder Giant African Snail. Ostafrikanische Riesenschnecke. Wie die zu Kelloggs gelangt sein mag? Aus Ostafrika?

Ich habe sie wohl aufgeschreckt. Oder aufgeweckt. Brutal aus der Trockenstarre geholt! Ich hieve sie in ein Beet und sie setzt sich sofort in Bewegung. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit! Das Licht stresst sie offenbar. Sie sucht schnell Schutz und Dunkelheit unter Laub. Ich aber will sie zuerst ablichten. Setze mich auch in Bewegung, hole das Smartphone aus meinem Haus, ehe sie mir mit ihrem Rechtsgewundenen auf dem Buckel entwischt. Vergesse das scharfe Zitronengras. Hebe das eiförmige Gehäuse an und sie rollt sich blitzartig darin ein. Ich lege sie oben auf die ockerhellbraune Gartenmauer. Dort präsentiert sie sich optisch vorteilhafter, als in den dürren Blättern auf der nassen Erde. Wir haben Monsun. Ich trage Handschuhe. Angeblich können diese Riesenschnecken von Parasiten befallen sein. Sie sucht, ohne zu zögern, sofort den Weg nach unten zurück. Ich schaue reglos zu und frage mich, ob sie es schafft, diese hohe senkrechte Wand abzusteigen?

Natürlich gelingt ihr das. So ein Tier weiß besser, was es kann, als wir überheblichen Köpfe. Sie navigiert offenbar mit ihrem gestreiften Gehäuse, kann es drehen und wenden. Ich fürchte kurz, sie würde es verlieren. Was gewiss schmerzhaft wäre. Wenn nicht tödlich. Sie müsste abstürzen! 
Aber das Gehäuse hält und der Schleim klebt. Ein Balanceakt. Sie stürzt nicht, rutscht nicht, sondern kriecht kontinuierlich ihrem Ziel entgegen. Als das Schneckenhaus auf dem Rücken fast quer liegt, wie eine Kompassnadel mit der Spitze nach Süden ausgerichtet, zeigt mir die Große Achatschnecke ihren hellen Aalstrich. Nun wundere ich mich. Auch die Lissachatina fulica ist schließlich kein Wirbeltier. Sondern ein Weichtier. Eine Mollusca. Sie besitzt weder eine Wirbelsäule noch irgendwelche anderen Knochen. Aber einen Aalstrich.