Dienstag, Januar 20, 2026

Sonnenaufgang

Wir leben in schiefen Zeiten. Ab heute geht die Sonne etwas früher auf. Nach dem eigentlich kürzesten Tag, der Wintersonnenwende ging sie 14 Tage lang kontinuierlich später auf, seit dem 4. Januar blieb sie hängen bei 06:55 am. Bis ich sie vom obersten Dach aus im Dunst hinter dem höchsten Hügel im Westen, dem Kopanhügel mit dem Kloster erblicke, dauert es immer noch etwa 20 Minuten. 

Heute also endlich eine Minute früher. Ende Januar wird sie ungefähr zur gleichen Zeit aufgehen wie am Tag der Wintersonnenwende. Trotzdem sind die Tage längst länger geworden. Wir leben in schiefen Zeiten. Der früheste Sonnenuntergang um 17:08 pm war schon am 30. November - dabei blieb es bis zum 8. Dezember. Ab dem 9. Dezember ging die Sonne alle paar Tage eine Minute später unter. Am kürzesten Tag  des Jahres, am 21. Dezember ging sie bereits 5 Minuten später unter als am 8. Dezember. 

Wir leben in schiefen Zeiten. Die Sonne geht viel schneller später unter als sie früher aufgeht. Wie schief auch immer die Schieflage ist, sind wir mit zehneinhalb Stunden Licht und Sonne im Winter mehr als gesegnet. Die kürzesten Tage des Jahres, vom 16. - 27. Dezember waren genau 10 Stunden und 23 Minuten hell, die Dämmerung nicht mit eingerechnet. Seither nahm die Helligkeit am Abend rasant zu und am Morgen blieb sie gleich. Heute sind wir bei 10 Stunden und 40 Minuten Tageslicht angekommen. In Dithmarschen warten die Menschen darauf bis Anfang März.

Montag, Januar 19, 2026

Sonam Lhosar

Neumond um 01:37 am local time. Feiertag. Shukla Pratipada im Monat Magh. Der erste Tag der heller werdenden Mondphase. Das Bikeparking bleibt leer und am Tempel werden Vorbereitungen getroffen. Sonam Lhosar. Tamang Lhochar, Shree Ballav Jayanti. Neujahr für die Tamang, Hyolmo, Thakali, Jirel, Nesyangwa, Bhote, Dura und Lepcha communities. Sie alle beginnen Ta Loh, das Jahr des Pferdes. Die Tamang haben das Pferd - Ta - schon und immer in ihrem Namen. Mang heißt Kämpfer. Sie sind stark und mutig. Wie die Cheemi in Thimi. 

Außerdem ist heute der Geburtstag von Acharya Shree Ballavacharya, er wurde 1479 geboren und starb 1531 AD, begründete die Pushtimarg Tradition, den Pfad der Gnade und der bedingungslosen Liebe (zu oder von Lord Krishna), übersetzte viele komplizierte Texte aus dem Sanskrit in sogenannt einfache Sprache für alle. 

Best wishes, lese ich, may the moon always stand right to us

Sonntag, Januar 18, 2026

Fahrrad

Zurück in der capital city. Sonntag. Arbeitstag. Alle Bikes zurück! Ein paar Grad Unterschied in der Nachttemperatur machen viel aus in unserem unbeheizbaren Haus. Sie bewegt sich nun wieder auf einen zweistelligen Wert zu, entsprechend wohltemperiert ist das Aufstehen. Also doch: Winterende. Andernorts wäre das Tauwetter.  

Unser cooler Bürgermeister tritt am Nachmittag nach langem hin und her zurück und schaltet sofort in den Wahlkampfmodus, wird als erstes begeistert endlich offiziell in die Partei unseres Nachbarn aufgenommen und eilt mit diesem nach Janakpur, in die Hauptstadt von Madhesh. Um dort, so munkelt man, anlässlich des Madhesh Martyr's Day seine Kandidatur für das Amt des Premierministers zu verkündigen.  

Hier übernimmt kommissarisch die bisherige Stellvertreterin, Sunita Dangol, eine blutjunge Kommunistin und wir marschieren zum Essen über die Straße zu Sukunda. Wenn wir nach Thimi ziehen, kaufe ich mir ein Fahrrad.

Samstag, Januar 17, 2026

Mehrsprachig

Was lange währt, wird endlich gut. Wir fahren nach Thimi. Zum sechzehnten 17. in diesem Land, also zur Vollendung unserer persönlichen, niemandem außer uns etwas bedeutenden 16 Monate in diesem Land. Wir pflegen unsere eigene Zählweise und malen unsere privaten Feiertage rot an im Kalender an der Wand. Heute ist Samstag  und der Tag bereits rot, nicht speziell für uns, sondern für alle Menschen in diesem Land. Wochenende! No single Bike auf dem schrägen Parking unter meinem Fenster.

Wir fahren nach मध्यपुर थिमि - Madhaypur Thimi. Alle nennen die Stadt Thimi, obwohl मध्यपुर der neuere Name der alten (angeblich 3000 Jahre alten) Stadt ist. Er bedeutet Stadt in der Mitte. मध्य ist die Mitte und पुर die Stadt. Also das Zentrum. Das Zentrum des Valleys, des Landes, des Universums. Der Ewigkeit? Wer weiß.

Der alte Name थिमि geht auf die Fähigkeiten der Bewohner zurück. Heute sind sie alle Töpfer und heißen mit Nachnamen auch so: Prajapati sind die potters in local newari speech. Manche schreiben Thimi mit th aus der dritten Konsonantenreihe (palatal sound) am Anfang: ठिमी - was mE nicht korrekt sein kann. Denn थिमि fängt mit dem th aus der vierten Konsonantenreihe (dental sound) an - mit dem zB mein Vorname endet. Nach der ältesten überlieferten Version soll der Ort "Themmring" geheißen haben. Auf dem Schild an einer Hauswand stehen noch viele andere Namen in anderen Sprachen. Der Legende nach hat Thimi immer zu seinen östlichen Nachbarn in damals Khwopa gehalten. Das waren die Frommen. Bei den Zwisten zwischen den konkurrierenden Mini-Königtümern Kathmandu, Patan und Khwopa bildete Thimi das Bollwerk. Die Khwopakönige bezeichneten deshalb ihre erfolgreichen Verteidiger im Westen als "Chhemi" - die Starken, Wehrhaften, Treuen, Unerschrockenen, Mutigen. Der Name schliff sich nach und nach ab zu Thimi. 

Als Prithivi Narayan Shah das Reich vor 303 Jahren einte, führte er Rochaden durch und neue Namen ein: aus Gorkha wurde für das ganze Land Nepal, die Hauptstadt verlegte er nach Kantipur (heute Kathmandu), aus Patan wurde Lalitpur, aus Khwopa Bhaktapur (भक्तपुर - aus भक्त die Frommen und  पुर die Stadt), aus Thimi, den Starken in der Mitte eben Madhyapur.

Ich entdecke bunt und mehrsprachig bedrucktes Papier an den Wänden. Rot Newari (Ranjana script), blau Nepali (Devanagari), schwarz lateinische Buchstaben für die Touristen. Ranjana-Newari sieht mit den vielen parallelen Schrägstrichen eckig aus. Die Sprache heißt offiziell "Nepal Bhasa" (also die Sprache Nepals, was wie schon des öftern gesagt Verwirrung stiften kann) und ich lerne, dass sie auch in einer zweiten Abugida-Type verschriftlicht werden kann: in Prachalit Nepal script. Die Welt der Wörter wird reich und reicher. 

मरु त्वाः
Maru Twa - Die Wüste

लायकू 
Layaku

Der Name des einstigen Königspalastes

Oder: neu-newari-nepali like - Daumen hoch!



इनाय् लाछि 

Inaya Lachhi 

I am sorry - es tut mir leid

Freitag, Januar 16, 2026

Yelam Sambat 5086

Noch ein Kalender: येलम संबत् - Yelam Sambat. Das ist der Mondkalender, dem die Kirat in Nepal folgen. Für sie hat gestern das Jahr 5086 begonnen. An meinem Morgenhimmel steht nur noch eine dünne Mondsichel. Nach Sonnenaufgang verschwindet sie im Tageslicht und das Parking füllt sich mit Mopeds, einem nach dem anderen.

Die Kirat sind eine indigene Volksgruppe und unser Bürgermeister Balendra Shah hat anlässlich der Neujahrsfeierlichkeiten und der Verleihung des "Hang Yalambar Memorial awards"  gestern dazu aufgerufen, Sorge zu tragen zu verschwindenden Sprachen, Schriften, Künsten, Traditionen und Kulturen. 

Die Kirat nennen ihren Kalender nach ihrem ersten König, Yalambat, der dereinst die Gopal Dynastie im Kathmandu Valley besiegte - wahrscheinlich, so denke ich mir, genau vor 5086 Jahren am 15. Januar. 

Donnerstag, Januar 15, 2026

Maghe Sankranti

1 Magh, Monatsanfang, das Bikeparking ist leergefegt - Feiertag! Die Hindus feiern heute die Magh-Sonnenwende माघे सङ्क्रान्ति oder संक्रान्ति, das Ende des Winters und schon wieder Erntedank. Sie nehmen ihre Reinigungsbäder am frühen Morgen in den kalten Flüssen des Landes. Vorzugsweise, wie ich lese, an Zusammenflüssen möglichst vieler kleinerer oder größerer Nebenflüsse. Für Hindus soll jede Stelle, an der Wasser eines Flusses mit Wasser eines anderen Flusses zusammenkommt, heilig sein. Das leuchtet mir ein. Wasser setzt Energie anders um als beispielsweise Feuer. Feng-Shui Meister sagen, Wasser habe in der Geomantik die größte Bedeutung, weil es das ch'i binde.   

Den heiligsten Zusammenfluss in Nepal finden wir in der Provinz Chitwan, in Devghat, etwa 5 Kilometer nordwestlich der Stadt Narayanghat. Hier treffen sich die Flüsse Kali Gandaki und Trishuli, letzterer gestärkt von den Nebenflüssen Seti, Budhi, Gandaki und Madi. In Devghat wurde gestern abend die rituelle Bambusstange aufgerichtet. Erwartet zum rituellen Bad werden um die Dreihunderttausend Unerschrockene Gläubige.   

Sankranti - संक्रान्ति gibt es mehrere im Jahr, denn dieses hinduistische Fest folgt anders als die meisten anderen nicht dem Mond, sondern der Sonne. Verschiedene Volksgruppen wie die Madeshi, Magar und Tharu preisen die Sonnengöttin Surya und begleiten sie von einem Sternbild ins nächste. Nach hiesiger Himmelsbeobachtung tritt sie heute in den Steinbock (Capricorn oder Makara Rashi weshalb das Fest auch Makara Sankranti genannt wird). Für die Nepali endet heute eine ungünstige, dunkle und kalte Phase. Es beginnen die Glück verheißenden, Erfolg versprechenden warmen langen Tage. So etwas wie Frühling! Im Bauch und um die Nase.

Mittwoch, Januar 14, 2026

Chaku

Seit einer Woche schon überschlagen sich Meldungen, dass die Konditoren und Zuckerbäcker des Valleys alle Hände voll zu tun haben. Im wahrsten Sinne des Wortes - schaut Euch nur diese Bilder an. Es wird चाकु - chaku zubereitet (= gekocht, geknetet, geschleudert, gezogen, gewunden, geschlagen, geschnitten, gequält, ge....). Ich kannte das Wort bislang nur als eine der Yomari-Füllungen. Da ist es dunkel, warm und weich. Nun erweitert sich mein kulinarischer Horizont. Ich habe bereits drei Packungen beim Obsthändler gekauft, dort liegt nebst Bananen, Äpfeln, Orangen, Papayas und dergleichen mehr immer auch aktuelles festival food auf. Neugierig und stets hungrig, wie ich nun einmal bin, greife ich ohne zu zögern zu.  

Man soll chaku erst morgen essen, weil es zu Maghe Sankranti gehört, zum neuen Monat und dem Winterende. Chaku soll den Körper wärmen, es ist ein echtes Winterkraftfood, besteht es doch nur aus Zucker und Fett. Also kosten wir schon mal vor. Steinhart, zum Zähne ausbeißen. Am besten lutschen. Und das stundenlang. Nachhaltig!