Samstag, November 07, 2026

तिहार

Morgennebel. Der letzte Tag, an dem der abnehmende Mond in der Frühe noch zu sehen wäre. Er küsst Venus kurz vor Sonnenaufgang, knapp über dem Horizont. Ganz ohne irdische Zeugen und Gaffer.

तिहार - Tihar beginnt mit Kaag Tihar. Mit dem Tag der Krähen. In der Nacht brannten schon überall in den Hauseingängen und an den Straßenecken und Reisfeldrändern Öllampen, geschmückt mit Marigoldblüten. Wir hatten das alles schon zweimal und nun zum dritten Mal: wir steuern die dunkelste Nacht des Jahres an. Den Kartik-Neumond. Die Krähen sind die (Vor-)Boten des Todes, die Diener von Lord Yamraj, dem Gott des Todes und der Gerechtigkeit. Sie tragen ihm die Botschaften aus der Welt der Lebenden zu. Sind sozusagen Spitzel, oder Verräter. Um sie abzulenken von ihrer eigentlichen Aufgabe, füttert man sie heute ausgiebig mit Reis und Fleisch und Süßigkeiten. So dass sie satt und zufrieden werden, träge, schläfrig. Und ihrem Herrn, wenn sie wieder fliegen können, nur gute Nachrichten überbringen. 

Und heute ist Dhanwantari Jayanti, der Geburtstag des Ayurvedabegründers Lord Dhanwantari, des himmlischen Arztes, Gottes des Medizin und einer Inkarnation Lord Vishnus in einem. Nationaler Wellnesstag. Immer an Trayodashi, am 13. Tag der abnehmenden Mondphase im Monat Kartik. Zusammen mit Kaag Tihar. Der eine heilt, die andere holt. 

Trotzdem kein Feiertag, kein public holiday, nur ein normaler freier Samstag. Bei uns wurde Strom und Wasser abgelesen und auf dem Dach der Nachbarn bauen die Frauen die Ziegelmauern weiter in die Höhe, hingebungsvoll von Hand mit Senklot und gespannten Schnüren. Wie beim Turmbau zu Babel. Ob die Zimmer im rechten Winkel stehen, wird sich spätestens dann zeigen, wenn Betten, Schränke und Tische hineinkommen. Und auf dem Neubau gegenüber wird der dritte Boden für das dritte Stockwerk oder das poberste Dach, die Terrasse mit den Wassertanks und Wäscheleinen, armiert. Unten wird zentnerweise Zement abgeladen. Wir dürfen damit rechnen, dass demnächst die Betonmaschinerie anläuft. Mit allem Drum und Dran, Tihar hin oder her.

Donnerstag, November 05, 2026

Thumko

Es gibt Berge in diesem Land, die heißen हिमाल - Himal und tragen lebenslänglich weiß oder grau, Schnee, Eis, Fels. Himals sind mindestens 5000 Meter hoch. Es gibt viele davon und nur etwa 400 sind für Bergsteiger freigegeben.

Und es gibt Hügel, über die jeder laufen kann. Die heißen पहाड - Pahad. Die sind grün, befinden sich in mittleren Gebirgsregionen von etwa 600 bis maximal 4000 Metern. Pahads werden landwirtschaftlich genutzt und können im Winter auch mal Schnee abbekommen. Aber der bleibt nicht das ganze Jahr über liegen.  

Dann gibt es डाँडा - Danda. Das sind kleine Hügel, so etwas wie Anhöhen, Bergrücken, Grate, auch langgezogene Hügelketten oder eine Wasserscheide. Oder einfach Aussichtspunkte über einer lieblichen Landschaft. Oft haben Bergdörfer das Wort डाँडा - Danda als Namenszusatz, wie etwa Kokhe Danda.

Sind die Hügel eher Kuppen, rund und alleinstehend, werden sie थुम्को - Thumko genannt. 

Mittwoch, November 04, 2026

Berge zählen

Die NMA (Nepal Mountaineering Association) hat beim Dachverband für Bergsteiger und Kletterer, der UIAA (Union Internationale des Associations d'Alpinisme) mit Sitz in Bern offiziell den Antrag auf Anerkennung 6 weiterer Achttausender auf ihrem, Nepals Hoheitsgebiet gestellt. Damit würde die Zahl der Achttausender weltweit auf 20 (bisher 14) steigen und davon befänden sich in Nepal 14 (bisher 8).

Die UIAA hielt kürzlich ihre Generalversammlung in Kathmandu ab und so konnte die NMA den Antrag, an dem sie seit Jahren feilt, schriftlich und offiziell überreichen. Eine Delegation der UIAA weilt noch im Lande, um sich über den aktuellen Stand des Ökosystems im Himalaya zu informieren. Zu überprüfen, ob die 10 Punkte ihrer Kathmandu-Deklaration von 1982 (!) noch Bestand haben. Damals war von den nepalesischen und helvetischen Partnern festgehalten worden, dass Flora, Fauna und die natürlichen Ressourcen der Himalaya-Region bewahrt und geschützt werden sollen und alles unternommen werden muss, um negative Folgen durch Bergsteiger-Aktivitäten zu vermeiden.

Im Kontext der diesjährigen Sturz-Flut-Katastrophen und des overtourism am Everest (um nur 2 Beispiele zu nennen) wirkt es eigenartig, dass das Land weitere 6 Achttausender für sich reklamiert. Neu sind diese Gipfel allemal nicht. Bekannt, erobert, begangen. Auf der nationalen Lise sind diese Gipfel längst aufgeführt. 

Am कञ्चनजङ्घा - Kanchenjunga, dem dritthöchsten Berg der Welt, über dessen Gipfel die Grenze zwischen Nepal und Sikkim (Indien) verläuft, sollen neu 4 Unter- oder Nebengipfel als eigenständige Achttausender gelten. Die Inder sagen sowieso, der Kanchenjunga sei ihr höchster Berg. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Nepali beanspruchen nicht nur den Hauptgipfel Kanchenjunga (8,586 m) für sich, sondern auch den Kanchenjunga Süd (8,476 m), Kanchenjunga West (8,077 m), Kanchenjunga Zentral (8,473 m) und den Yalung Khang (8,595 m). Besteigungsgenehmigungen werden bereits gesondert vergeben. Ich kenne mich nicht genau aus, aber im Prinzip muss man alles hinter sich lassen, um einen höchsten Punkt zu erreichen. Der कञ्चनजङ्घा - Kanchenjunga ist ein Gebirgsmassiv, wie es viele andere im Himalaya gibt (man denke nur an die kilometerlange Annapurna-Kette vor meinem Fenster), sein Name kommt aus dem Tibetischen und bedeutet so etwas wie "die fünf Schätze des großen Schnees". Der Name कञ्चनजङ्घा - Kanchenjunga setzt sich wie folgt zusammen: Kang (oder gangs) = Schnee, Chen = groß, mächtig, Jun (oder Dzö, wie manche sagen, oder Mzdod) = Schatztruhe, Lagerraum, Nga = 5. Die 5 ist also bereits angelegt und bezieht sich auf die Schätze. Oder die (unterirdischen) Schatzkammern. Auf die überirdischen 5 Gipfel. Der Legende oder dem Volks(aber)glauben nach befinden sich unter den 5 Gipfeln 5 göttliche Lagerstätten: für Gold, Silber, Juwelen, Korn und Heilige Schriften. Schön! Das gehört alles zusammen (unter ein Dach) und kann nicht mit dem Hackbeil aufgespalten werden wie ein alter Baumstamm. 

Auch der ल्होत्से - Lhotse (8,516 m), der vierthöchste Berg der Erde, soll zersplittert werden. Er ist der südliche Gipfel des Everest-Lhotse Massivs an der Grenze von Nepal und Tibet resp. China. Lho heißt Süden und tse Gipfel. Der ल्होत्से - Lhotse soll um Lhotse Mitte (8,410 m) und Lhotse Shar (8,400 m) ergänzt werden. 

Die UIAA wird den Antrag prüfen und wissenschaftlich bewerten. Das dauert wahrscheinlich bis zur nächsten GV in Chile. 

Dienstag, November 03, 2026

Reisreifezeit

Die Nacht war feucht, der abnehmende Mond trifft in der Früh Mars, bevor der Morgennebel Himmel und Erde verschluckt. Einige fangen trotzdem an, die umgewehten Halme zu schneiden und sie ordentlich zum Trocknen auszulegen. Es ist wahrscheinlich früher reifender Reis. Die meisten lassen die Felder, wie sie sind. Verwüstet, geknickt, in Wellen und Tälern. Von Wind und Regen gepeitscht. Postmonsun. 

Gegen Mittag hat die Sonne den Nebel verschluckt und HImmel und Erde wieder freigegeben. Ein Viertel des Reisfeldes bleibt einen Tag lang stehen. Liegende Halme brauchen mehr Platz als stehende. Wenn sie geschnitten sind, sehe ich, wie ordentlich angepflanzt wurde. Und wie ordentlich jetzt geschnitten ist.

Der eigentliche Frühreis heißt चैते धान - Chaite Dhan. Das ist der Frühlingsreis, der vor dem Monsun geerntet wird und entsprechend früh, im Monat Falgun (= Februar/März) ausgesät, im Chaitra (= März/April) umgepflanzt und im Asar (=Juni/Juli) geerntet wird. Er hat den Namen चैते धान - Chaite Dhan nicht vo, Zeitpunkt der Ernte, sondern vom Zeitpunkt des Umpflanzens bekommen. 

धान Dhan ist ungekochter, roher, ungeschälter Reis - Körner, die direkt vom Feld kommen. Im Gegensatz zu भात - Bhat, gekochter Reis den wir tagtäglich im Nationalgericht दाल भात - Dalbhat (dünne Linsensuppe mit Reis und diversen Zutaten) zu uns nehmen.

Was jetzt umgeknickt auf den Feldern vor meinem Fenster liegt ist बरखे धान - Barakhe Dhan. Monsunreis. Ein schöner Name! Der wird vor dem Monsun ausgesät, vor dem ersten starken Monsunregen umgepflanzt, damit er mit dem Monsun wachsen kann, und nach dem Monsun - also jetzt, gestern, heute oder morgen - geerntet. Meist erst nach Dashain und Tihar, da zu den ausgedehnten Festivalzeiten keiner arbeiten will.

Montag, November 02, 2026

Essenszeit

Der Mond hat deutlich abgenommen, ist ein 22 Tage alter waning gibbous, wie ich mir sagen lasse, steht aber unverhofft so hell über mir, in einer geraden Linie über Mars, Jupiter und Regulus, dass er meinen Blick geradezu magisch nach oben, in den Nachthimmel zieht. Es ist rundum noch stockfinster und ruhig, ich auf den Beinen. Die hintere Küchentür öffne ich aus lauter Gewohnheit, bis mein Wasser kocht, um nach dem Rechten oder den Schnecken zu sehen, oder ganz anderen Tieren. Regulus ist der Alpha Leonis, der hellste Stern im Sternbild Löwen, das "Herz des Tieres", wie ich später, bei Tageslicht lese, aber welchen Tieres? Frage ich mich da. Der Mond liegt wie eine Schaukel über mir. 

Als die Sonne über den Horizont gekrochen kommt, bereits deutlich südöstlich, stehe ich auf dem zweiten Dach und der Mond immer noch über mir. Als Nachtlager taugt er nun nicht mehr, die Schaukel ist gekippt. Wie ein Zeiger der Uhr, erklärt W. am späten Vormittag, endlich aus dem Bett gekommen. Der dreht sich auch im Laufe eines Tages oder einer Stunde. Und wäre an seinem Ende eine volle Suppenkelle befestigt, müsste irgendwann der leere Teller darunter stehen und den Inhalt aufnehmen. Denn dann ist Essenszeit, sage ich. 

Sonntag, November 01, 2026

Kartoffeln

Ein Morgen wie November. Neblig, feucht, undurchsichtig. Dies, obwohl die Nacht sternenklar war und wir mitten im Monat Kartik sind. 

Ein Mittag wie Sommer. Die Wolken liegen noch tief, die Sonne steht schon hoch. Die Annapurna schält sich aus dem Nichts. Nichts ist einfacher als das. Klare Sicht, blauer Himmel.

Ein Abend wie Ausflug. Wir fahren mit den Fahrrädern zu Monalisa. Ich esse फापरको ढिँडो थकाली - Faparko Dhido Thakali (Buchweizengrütze Thakali), W das übliche Reis Thakali, dafür mit allem drum herum, Huhn, Fisch, Mutton. Danach nehmen wir ein Kilo goldgelbe, saftige, süße Mustang Äpfel mit nach Hause. Einen Geviertelten haben wir bereits zum Nachtisch verzehrt. Ein riesiger Berg Kartoffeln aus Mustang liegt auch zum Verkauf vor dem Restaurant. 

Samstag, Oktober 31, 2026

Die Kehrseite

Ein Samstag wie Dithmarschen. Wochenende. Bei dem Wetter arbeitet keiner. Es regnet den ganzen Vormittag ohn' Unterlass. Der Strom fällt stundenlang aus. Am Himmel nur grau. Am Boden Grün in Gelb- und Brauntönen. Der Wind hat die schweren Ähren der Reisfelder über Nacht geschüttelt, zerrupft und zerzaust. Vielleicht stehen sie wieder auf, wenn die Sonne wieder kommt. 

Im Norden Bhutans ist vorletzte Nacht der Shintaphu Tsho geborsten. Übergelaufen. Ausgebrochen. Ein durch eine Endmoräne aufgestauter Gletschersee im Hochgebirge Laya Gewog. Einer von 17 als instabil und gefährlich eingestuften Gletscherseen des Landes. In Nepal gibt es Dutzende ebensolcher. Eine Sturzflutwelle von schätzungsweise 7,4 Millionen Eiswasser ergoss sich in den Mo Chhu und seine Seitenarme. Die Bewohner aus der Region konnten rechtzeitig gewarnt und evakuiert werden. Auch in den angrenzenden indischen Bundesstaaten Assam und Westbengalen gab es akuten Flutalarm, über 10 000 Menschen wurden vorsorglich in Sicherheit gebracht.

Das ist die Kehrseite der Leben spendenden Himals, des ganzjährig schneebedeckten endlosen Himalayagebirges. Meiner alle mit Nahrung versorgenden Annapurna, der Mutter des Überflusses. Früher sicherte das Schmelzwasser den Bauern im Tal das Überleben, es war zuverlässig, kam pünktlich und gut dosiert, garantierte eine reiche Ernte. Heute ist es unberechenbar. Unbeherrscht. Fuchsteufelswild.

Am Mittag ist der Spuk - der Dithmarschenblues - plötzlich vorbei und die Sonne scheint, als wär' nichts gewesen.