Ehrgeiz ist nicht nur sprachlich eine Art von Geiz. Im Sinne von Gier. Das Wort setzt sich aus den althochdeutschen Begriffen für Ehre (êre) und Habgier, Gier oder Geiz (gite) zusammen und bedeutete ursprünglich eine unersättliche Sucht nach Ehre und Anerkennung.
Ich habe "Beyond possible" längst ausgelesen. Ich wusste von Anfang an, dass mir dieser ältere Bruder Nims nicht sympathisch ist. Ich bin biografisch vorbelastet durch meinen echten älteren Bruder. Ich habe nie verstanden, wie man sich für das Militär, den Krieg, den sinnlosen Drill und absoluten Gehorsam bis hin zur Selbstverleugnung begeistern kann. Wie man freiwillig sein ganzes Leben in eine Militärkarriere investiert. Mein wahrer Bruder hat den Ernstfall nie erlebt, für ihn war es immer nur ein Spiel auf dem Trockenen. Aber trotzdem so todernst, dass es für mich nur lächerlich wirkte! Nimsdai hingegen war ein britischer Elitesoldat und erzählt in "Beyond possible" voller Stolz, wie er das als erster Nepali überhaupt geschafft hat. Mich interessiert das nicht. Und statt seiner Frau die Schmerzen, die er während der Ausbildung leiden musste, zu verschweigen (wie er schreibt), hätte er ihr vielleicht besser davon erzählt. Aber das ist seine Privatsache und nun zu spät. Nicht seine Privatsache ist, dass er das Bergsteigen in extremen Höhen, das Funktionieren in der sogenannten Todeszone (über 8000 müM) ständig mit Krieg vergleicht, mit Angriffen, Schlachten, bombensicheren Plänen usw. Sein Vokabular ist widerlich! Er funktioniert dort oben wie der oberste Befehlshaber - der er naturgemäß nicht ist, niemals sein kann. Aber was bleibt seinen Trägern und Helfern, den Sherpas, sowie den zahlenden Kunden anderes übrig, als zu gehorchen?
Krieg zu führen ist für mich keine akzeptable Lebenshaltung, denn es bedeutet immer das Gegenteil von Leben. Nämlich Tod, und Tod nicht unbedingt des Schwächeren, Tod nicht als Gerechtigkeit. Nun hat Nimsdai der Ehrgeiz das Leben gekostet. Leider nicht nur seines, sondern auch das von 9 weiteren Bergsteigern.
Die Lawine (avalanche) taucht in dem Buch von der ersten bis zur letzten Seite ständig auf. Als Nimsdai es niederschrieb (2020) war er ein Neuling, ein Grünschnabel in Sachen Prominenz und Ehrsucht. Hätte er auf sich selbst gehört, auf seine innere Stimme, die ihm das Wort "avalanche" immer wieder in die Hand diktierte und auf den Bildschirm legte, wäre vielleicht alles anders gekommen. Vielleicht auch nicht. Denn die Lawine war sein Schatten, sein zweites Selbst. Sie begleitete ihn überallhin. In Pakistan hatte er im Juli 2019 am Nanga Parbat wahrscheinlich begründet Sorge vor einem Racheakt der Taliban. Aufgrund seiner Vergangenheit als Kämpfer der UK Special Forces. Dort fällt - in der Erinnerung im Buch - der Satz "I've rather have died in an avalanche than in an execution". Dieser Wunsch zumindest ist ihm in Erfüllung gegangen. Die Lawine vor zwei Wochen kam vom Broad Peak. In Pakistan.
Wenn ich den Berichten glauben darf, war es eine doppelte Lawine. Sie führte die Schneelast von zwei Flanken ab, und vereinigte sie genau dort, wo zehn Leute unvernünftigerweise hochkletterten. Es hatte seit Tagen heftig geschneit und alle anderen Expeditionen waren abgestiegen und nach Hause geflogen. Es gilt als ungeschriebenes Gesetz in diesen Höhenlagen, dass nach anhaltendem Schneefall erst mal abgewartet werden soll. Bis der Neuschnee sich setzt. Oder die steilen Hänge herunter gekommen ist.