Mittwoch, September 02, 2026

Mittwoch

Die Zeit ist zäh wie der Schlamm im Bhotekoshi Flussbett. Die UNDP schätzt in einer ersten Stellungnahme, dass die Sturzflut etwa 2,2 Millionen Tonnen Schutt in den Tälern des Bhotekoshi und des Trishuli verteilt hat. Bestehend aus Baumaterial eingestürzter Gebäude und Brücken, Hausrat,  mitgerissenen Bäumen und anderer Vegetation sowie Geröll, Felstrümmern und Sedimenten.

Viele fragen sich, warum Lord Shiva diese Katastrophe zugelassen hat. Ausgerechnet zwei Tage vor Janaj Purnima, als gerade so viele Pilger auf dem Weg zu ihm, zum Berg Kailash waren.

Hier in Pokhara sitzt der zweitgrößte Shiva des Landes, the Giant Shiva, der Riesenshiva auf dem Pumdikot Hügel. Ich sehe ihn jeden Morgen vom zweiten Dach aus. Er ragt im Profil bei jedem Wetter aus den Wolken. Und ich frage mich jeden Morgen, warum er so sitzt, wie er sitzt - nämlich etwas schräg in der Welt. Ich frage mich, ob er aus hinduistischer Sicht wirklich am besten ausgerichtet ist, glückverheißend und auspicious eben. Oder nicht.

Ich frage AI. Wen soll ich sonst fragen? Die antwortet, Lord Shiva schaue nach Süden auf den Berg Kailash. Es sei hinduistische Tradition, dass Gottheiten ihren Blick auf die heiligen Stätten im Himalaya richten. Sie ergänzt noch, dass der Pumdikot Hügel südlich des Fewa-Sees liege und Lord Shiva so den besten Blick über das Tal "in besagte sakrale Richtung" habe.

Ich antworte wenig diplomatisch. Das sei völliger Unsinn. Der Himalaya, die Annapurnakette und irgendwo dahinter der Berg Kailash befänden sich nördlich von Pokhara.

AI entschuldigt sich für den "peinlichen geografischen Dreher" und dankt für den "direkten" Hinweis. Sie korrigiert: der Berg Kailash liege tatsächlich im Nordwesten von Pokhara, in Tibet. So weit so gut. Die Shiva-Statue sei mit dem Rücken nach Süden aufgestellt. Lord Shiva blicke nach Norden, über das Tal, den See auf das Annapurnamassiv und den Berg Kailash. Wörtlich fügt sie hinzu: "Wenn Sie vor der Statue stehen und sie von vorne betrachten, blicken Sie nach Süden und haben die schneebedeckten Gipfel des Himalaya im Rücken".

Sie siezt mich, was mich nicht daran hindert, hartnäckig und unfreundlich zu bleiben. Das sei absoluter Quatsch! Ich verrate nicht, dass ich Shiva am Horizont sogar von meinem Schreibtisch aus sehen kann.  

Ihr ist es nun "wirklich unangenehm" und sie will das "geografische Chaos" ein für allemal beenden. Lord Giant Shiva sitze auf dem Pumdikot Hügel mit dem Rücken nach Nordosten (zum Himalaya - aber vor allem: leicht von mir auf dem zweiten Dach abgewendet, so dass ich ihn im Profil sehe) und blicke nach Südwesten. Das sei aufgrund der Topografie sinnvoll: Pilger steigen 108 Sufen von Südwesten hoch und haben die Statue als visuelle Kulisse vor oder über sich, und dahinter die schneebedeckten Gipfel der Annapurnakette. So weit so prächtig! Lord Shiva ist auf dem Pumdikot dem Irdischen, den Menschen, ankommenden Besuchern, aufsteigenden Gläubigen zugewandt - und keiner irgendwie sakralen Gegend und schon gar nicht dem eigenen mythischen Hochsitz. Glaubt einer AI kein Wort. Nie! Auch wenn sie bereit ist, sich zu entschuldigen und Gefühle zeigt. 

Sobald das Wetter es zulässt, wenn es tagsüber nicht mehr so heiß ist, mache ich mich auf den Weg zum Pumdikot. Zu Fuß. Ich war schon einmal dort oben, über viele Serpentinen in einem Auto. 

Dienstag, September 01, 2026

Dienstag

Heute ist मङ्गल चौथी - Mangal Chauthi oder Mangalwari Chaturti. Wenn im Monat Bhadra, in dem wir uns gerade befinden, der vierte Tag einer Mondphase, derzeit der abnehmenden, dunklen krishna paksha, auf einen Dienstag fällt, ist das ein ganz besonders glücksverheißender Tag. मंगलबार - mangalbar ist der Dienstag in nepali und चौथी - cauthi der Vierte. Die Hindus glauben, dass an einem Dienstag wie heute Ganesh geboren wurde. Von seiner Mutter Parvati, die - nur zur Erinnerung - mit Ganeshs Vater, Lord Shiva auf dem Berg Kailash thront, wohin kürzlich gerade so viele Pilger unterwegs waren ...

... zurück an meinen Schreibtisch: W hat kürzlich von einer Reise (nicht zum Kailash) diesen handlichen Ganesh mitgebracht und ich habe ihn zu meinem Schreibtischganesh erhoben. Normalerweise sitzt er auf dem Fensterbrett vor dem Schreibtisch und guckt mich an. Befreit mich vor Schreib(tisch)blockaden. Fürs Foto habe ich ihn auf das Karmaholz gestellt und nach Osten ausgerichtet.

Ganesh ist ein विघ्नहर्ता - Vignaharta. Ein Beseitiger von Bremsklötzen oder Steinhaufen. Der Zerstörer von Hindernissen. विघ्न - Vigna sind Störungen aller Art, und हर्ता harta ist derjenige, der dies alles entfernt, was stört. Im Leben. Auf dem Weg. Zu Wasser, Land oder in der Luft. Ein Vignaharta ist in Nepal gerade sehr vonnöten. Einer, der nicht nur die triefenden Schuttmassen wegbewegen kann, sondern den Überlebenden auch Schmerz, Leid, Trauer, den Schock und das Trauma abnimmt. 

Wer heute den ganzen Tag fastet, bis am Abend der Mond aufgeht, und betet, wird spirituell belohnt, angeblich um das Millionenfache gestärkt im Vergleich zu normalen Fasttagen, normalen Gebeten und normalen Riten. Das brauchen die Menschen in diesem Land auch! 

Ein erster Bericht der nepalesischen Regierung nennt 1,6 Millionen Menschen, die von der Flut betroffen sind. Die meisten in den Distrikten Rasuwa und Nuwakot an der Grenze zu Tibet. Dahinter folgen Dhading, Gorkha und Chitwan. Geborgen sind Tausend Einhundert Tote, vermisst werden weiterhin fast Fünftausend. Stand heute, Dienstag, मङ्गल चौथी - Mangal Chauthi.

Montag, August 31, 2026

Die Verwundbarkeit

Als wir vor zwei Jahren aufbrachen, war mir nicht bewusst, dass wir ins verwundbarste Land dieser Erde ziehen. 


Nepal will Klimagerechtigkeit!

Nepal verursacht unter 1% der globalen Emissionen.
Nepal leidet geografisch bedingt überproportional unter den Folgen der Erderwärmung.
Die Gletscher im Himalaya schmelzen deutlich schneller als im Rest der Welt. 

Unvorhersehbare, nicht mehr aufzuhaltende Naturkatastrophen wie Dürren oder Überschwemmungen verursachen nie dagewesene wirtschaftliche und soziale Schäden und entziehen den Nepali jede Lebensgrundlage.

Sonntag, August 30, 2026

Heiliger Bimbam

Ich verliere den Verstand über all dem Unsinn, der mir im Netz entgegenschlägt. Die AI-Sturzflut! Die Videos, die mir gerade helfen, die Welt etwas besser zu verstehen, habe ich im blog vom 27. August "the day after" verlinkt. Vor allem anderen versuche ich mich zu schützen. 

Und trete aus dem Haus. Um durchzuatmen. Frische Luft ist immer gut. Um einen Blick in den Garten zu werden. Halte rechtzeitig inne. Heiliger Bimbam! Déjà-vu! Katze auf dem chinesischen Frieden! Oder ist es die Erde? Das Reich der Mitte? Egal! Das Rot ist blasser geworden, der Liegekomfort aber offenbar derselbe geblieben.   
Ich habe diese Katze schon gehört. Ihr hungriges oder einsames Miauen. Und nach jedem Regen finde ich Spuren ihrer Pfoten rund ums Haus und am hinduistischen Heiligtum an der hinteren linken Ecke des Grundstücks. Leibhaftig hat sie sich mir aber bis dato noch nicht vorgestellt. Ein Trostpflästerchen? Ein Wink von ganz oben herab? Vom Pumdikot? 
Ich frage den Nachbarn, der gerade von seinem Bike steigt, ob die Katze ihm gehört. Katzen, erwidert er mit einem nachsichtigen Lächeln, gehören in diesem Lande niemanden. You know ... Yes, I know! Nepali halten nichts von Katzen. Aber nein, widerspricht er sofort, es sei keine wilde Katze. Und nein, nein, ich brauche sie nicht zu füttern. Auf keinen Fall. Sie sei nicht hungrig. Niemand füttere hier Katzen. Katzen sind Selbstversorger, hier finden sie genug zu fressen. Sagt er. Mäuse und Ratten. Dafür lassen wir sie in Ruhe. Er lächelt noch einmal nachsichtig und verschwindet ins Haus. Ich verstehe. Meine Maus im Schuhschrank ist tatsächlich verschwunden. Allerdings habe ich dort radikal ausgemistet und ihr den Liegekomfort wahrscheinlich brutal zerstört.  

Déjà-entendu. Auf dem Hill sagten die vornehmen Hinduladies fast wörtlich dasselbe. Katzen gehören niemandem und wilde Katzen gibt es nicht!

Samstag, August 29, 2026

Heiliger Schweiß

Die Göttin Bhagawati schwitzte vor ein paar Tagen! Die Gläubigen, die sich in Kavrepalanchowk in der dreistöckigen Pagode zum abendlichen Lichtritual, dem आरती - Aarti versammelt hatten und Bhagawati brennende Ghee- und Kampferlampen darbrachten, beobachteten, wie Schweißtropfen aus der Stirn der Saligramstein-Statue traten. Dies wird als schlechtes omen gedeutet, als Warnung vor Katastrophen oder Krisen. Angeblich gab es ähnliche Zeichen 2058 BS (2001 AD) vor dem Massaker im Königspalast, 2072 BS (2015 AD) vor dem großen Erdbeben sowie vor zwei Jahren vor den massiven post-monsoon-Erdrutschen. Die 2001 in Lalitpur amtierende Kumari (Kindergöttin) hatte vor dem Königsmassaker einen unerklärlichen Tränenfluss. In normalen Zeiten sind Göttinnen Masken, ob sie leben oder nicht. Sie zeigen keinerlei Regungen. Sie behalten alle Gefühle und Gedanken für sich.

Nun also Schweißperlen der Bhagawati von Palanchowk. Wir schwitzen ja gerade alle mehr oder weniger ständig. Aber der heilige Schweiß gilt natürlich im Nachhinein - dann wenn wir alle klüger sind - als Verweis auf die Bhotekoshi-Sturzflut. Gestern wurde in Bhagawatis Tempel eine kshama puja abgehalten, ein Vergebungs- und Sühneritual. Die Göttin wurde zermoniell gebadet und mit tantrischen Tänzen um Gnade gebeten.

Freitag, August 28, 2026

जनै पूर्णिमा

Vollmond. Purnima. Ein spezieller Vollmond:  जनै पूर्णिमा - Janaj purnima. Feiertag - der erste public holiday, seit wir in Pokhara sind. Ein multipler Feiertag: Janai Purnima, Rishi Tarpani, Rakshya Bandhan, Gun:Punhi, Kwati Puni.  

Am Nachmittag fängt es an zu regnen. Der wirklich verheerende Regen kommt erst nach der verheerenden Sturzflut. Er bringt keine Erlösung.

Weil heute ein besonderer Vollmond ist - Janaj purnima waren in den letzten Tagen im Langtang Gebiet viele Pilger unterwegs. Buddhisten, Hinduisten, Animisten, Anhänger der Bon-Tradition. Und alle anderen. Auf dem Weg zum heiligen Gosaikunda See im Rasuwa District. Oder auf dem Weg zum Heiligen Berg Kailash, auf dem Lord Shiva mit seiner Parvati lebt. Niemand darf den Kailash besteigen, aber die Gläubigen umkreisen ihn und nehmen das reinigende Bad im मानस सरोवर - im "unübertroffenen" Mansa Sarovar See, dessen Wasser alle acht Eigenschaften "perfekten Wassers" besitzen soll: es ist kühl, süß, leicht, weich, klar und rein, reizt weder den Magen noch den Hals!

Weil heute ein besonderer Vollmnond ist und weil der heilige Berg Kailash und der heilige See Mansarovar zu seinen Füßen in Tibet liegen, sind die meisten Pilger genau dort in das Reich der Mitte ein- oder ausgereist, wo die Überwachungskameras die ersten entsetzlichen Bilder einer unvorstellbaren Sturzflut festhielten: am Grenzübergang Gyirong.         

Niemandem ist heute, am zweiten Tag danach, so richtig zum Feiern zumute. Auch nicht den Geschwistern, die mit Rakshya Bandhan ihre schützende und unverbrüchliche Verbindung beschwören und als Zeichen ein Rakhi, ein kunstvoll gestaltetes Band um das rechte Handgelenk flechten. जनै - Janaj ist der heilige Faden, der heute erneuert wird. Man bedankt sich bei den Saptarishi, den sieben großen Weisen für das spirituelle Wissen. Und isst Kwati, eine dicke heiße Suppe aus neun verschiedenen Bohnen und Hülsenfrüchten. Kwati wärmt den Körper und stärkt das Immunsystem. Bewahrt gerade zur Monsunzeit vor Erkältungen. 

Wirkt heute, jedenfalls auf mich, wie aus der Welt gefallen.

Donnerstag, August 27, 2026

the day after

Alles, was wir gestern an Erklärungsversuchen gehört, gesehen oder gelesen haben, ist heute überholt. Weder gab es ein Erdbeben noch ist ein Gletschersee ausgebrochen. Ein Felssturz in Verbindung mit einem Gletscherabbruch an der Nordseite des Langtang Lirung brachte Material mit einem 10- bis 40-fachen Volumen des Ereignisses vom helvetischen Nesthorn und Birchgletscher (das Blatten, das evakuierte einstige 300-Seelen-Dorf im Lötschental verschüttete), in den chinesisch-nepalesischen Grenzfluss Lhende-Khola. Die unglaubliche Masse an Schlamm, Wasser, Eis und Geröll zerstörte den Grenzübergang Gyirong, an dem wie immer reger Betrieb herrschte und wälzte sich dann durch das enge steile Tal des Bhotekoshi, der talabwärts in den Trishuli übergeht, etwa 200 Kilometer quer durch das schmale Land nach Südosten bis an die indische Grenze. 

Cause: https://www.youtube.com/watch?v=u5F175REX_U 

updates: 

The lake: https://www.youtube.com/watch?v=USgiTgiyi30

The warning: https://www.youtube.com/watch?v=D5em-GxG4PU&t=61s

The rescue: https://www.youtube.com/watch?v=zhhRZ6UTRgw

The water: https://www.youtube.com/watch?v=bfRyoauV3Wg&t=23s