Samstag, Oktober 31, 2026

Die Kehrseite

Ein Samstag wie Dithmarschen. Wochenende. Bei dem Wetter arbeitet keiner. Es regnet den ganzen Vormittag ohn' Unterlass. Der Strom fällt stundenlang aus. Am Himmel nur grau. Am Boden Grün in Gelb- und Brauntönen. Der Wind hat die schweren Ähren der Reisfelder über Nacht geschüttelt, zerrupft und zerzaust. Vielleicht stehen sie wieder auf, wenn die Sonne wieder kommt. 

Im Norden Bhutans ist vorletzte Nacht der Shintaphu Tsho geborsten. Übergelaufen. Ausgebrochen. Ein durch eine Endmoräne aufgestauter Gletschersee im Hochgebirge Laya Gewog. Einer von 17 als instabil und gefährlich eingestuften Gletscherseen des Landes. In Nepal gibt es Dutzende ebensolcher. Eine Sturzflutwelle von schätzungsweise 7,4 Millionen Eiswasser ergoss sich in den Mo Chhu und seine Seitenarme. Die Bewohner aus der Region konnten rechtzeitig gewarnt und evakuiert werden. Auch in den angrenzenden indischen Bundesstaaten Assam und Westbengalen gab es akuten Flutalarm, über 10 000 Menschen wurden vorsorglich in Sicherheit gebracht.

Das ist die Kehrseite der Leben spendenden Himals, des ganzjährig schneebedeckten endlosen Himalayagebirges. Meiner alle mit Nahrung versorgenden Annapurna, der Mutter des Überflusses. Früher sicherte das Schmelzwasser den Bauern im Tal das Überleben, es war zuverlässig, kam pünktlich und gut dosiert, garantierte eine reiche Ernte. Heute ist es unberechenbar. Unbeherrscht. Fuchsteufelswild.

Am Mittag ist der Spuk - der Dithmarschenblues - plötzlich vorbei und die Sonne scheint, als wär' nichts gewesen.

Freitag, Oktober 30, 2026

Arnab

Ein Freitag wie Dithmarschen. Der Morgen ist grau. Die Annapurna trägt Schleier. Ab dem Mittag regnet es, nicht stark aber beständig. Zyklon Arnab trifft uns nicht direkt, aber seine Begleiter. Arnab ist in meinen Ohren ein ungewöhnlicher Name, irritierend und faszinierend zugleich. Ich lese, dass Bangladesh diesen Namen eingereicht hat. Er stand auf der Liste für tropische Wirbelstürme im Nördlichen Indischen Ozean und wurde vom Indischen Meteorolischen Dienst vergeben. Arnab ist ein männlicher Vorname und kommt wie alles in diesen Teilen der Welt aus dem Sanskrit. Arnabs sind beliebt im Bengalischen, Odia und Assamesischen. Sie bringen etwas Unendliches mit sich, Tiefe und Weite wie das Meer.

Hier unten regnet es, weiter oben fällt Schnee. Das ist gut für die Himals.

Dienstag, Oktober 27, 2026

Himal

Ich sagte es vielleicht schon das eine und andere mal: in Nepal sind Berge weiß. Was nicht weiß ist, ist kein Berg. Bestenfalls ein Hügel. Eine Anhöhe. Für einmal ist die Sprache hilfreich: Das Wort zeigt die Farbe. Alle Himal's sind Schneeberge, Schneebergketten, Schneebergmassive. Weiße, endlos sich hinziehende Gebirgszüge wie zum Beispiel der 55 Kilometer lange Annapurna Himal vor meinem Fenster. Oder der anschließende Lamjung Himal. Der Mardi Himal. Der Mansiri oder Gurkha Himal. Und so weiter und so fort.

Für einmal öffnet mir die Sprache die Augen. Das Wort हिमाल - Himal kommt aus dem Sanskrit und setzt sich aus zwei Teilen zusammen: हिम - Him für Schnee oder Eis, Frost, Winter, kalt. Und आलय - Alaya für Haus, Platz, Ort. हिमालय - Himalaya ist der Wohnsitz des Schnees, des Eises, der Kälte. Das Adjektiv "ewig" erübrigt sich in dieser semantischen Unfehlbarkeit.

Ich lerne die Welt von oben kennen. Wenn sie kopfsteht. Oder von unten. Wenn ich einen Kopfstand mache und das Blut mein Hirn flutet. Das Wort für Schnee in nepali - ich weiß nicht mehr, wann es mir zum ersten Mal begegnete - schien mir immer eines der absonderlichsten und unverständlichsten. Merken konnte ich es mir bis eben nie. हिउँ - hium, google transkribiert als hi'um̐. Mit Chandrabindu (= Punkt in einer halben, nach oben offenen Mondsichel) über dem "m", der die Nasalierung des vorangehenden Vokals anzeigt. Ich lasse mir das Wort vorsprechen und es klingt nach [hio]. Ein nasaliertes Endungs-o wie im Urklang des Universums ॐ - Om oder Aum! Ich frage nach der Etymologie. Und tatsächlich hat der Schnee, der die Gipfel des Himalaya erst zu Bergen macht, mit dem Absolutum der hinduistischen Weltordnung zu tun. हिउँ - hium ist ein leicht abgewandeltes, um den h-Konsonanten mit kurzem i erweitertes ॐ - Om. Om, lerne ich, ist die Schwingung, aus der alles Sichtbare und Unsichtbare entstanden ist. Noch sind die Berge, die Himals sichtbar vor meinem Schreibtisch. An einem klaren Tag wie heute. Mein ganzer Annapurna Himal, der Gebirgslangstreckenzug. Schneekappen und Schneekutten schwinden, Frostbeulen und Eisfüße schmelzen in geologischen Zeiträumen und Zeitschritten. Die kennen wir zum Glück nicht. 

Montag, Oktober 26, 2026

Der Beginn

Purnima im Monat Kartik. Vollmond. Damit die Welt nicht allzu einfach ist, hat der Vollmond heute in Nepal einen eigenen Namen: कौमुदी - Kaumudi. Mit Kaumudi beginnt für die Hindus das nächste Fest. Oder die Vorbereitung darauf. Kartik Snan: sie nehmen rituelle Bäder, einen ganzen Monat lang, jeden Morgen vor Sonnenaufgang, nach Möglichkeit in einem heiligen Fluss oder See, das heimische Badezimmer zählt aber auch. Sie verehren Tulasi, das heilige Basilikum. Und sie zünden heute Abend die आकाशदीप - Akashdeep, die Himmelslampen an und hängen sie auf. Tihar, das Lichterfest liegt bereits in der Luft! Und die Berge, die sonst tagsüber eher geizen oder scheuen und sich hinter Quellwolken zurückziehen, leuchten heute schneeweiß den ganzen Tag vor einem unverdrossen blauen Himmel. 

कौमुदी - Kaumudi ist eigentlich das Nachtlicht, das Vollmond- oder Purnimalicht, der Mondenschein. Aber ich nehme das Licht auch tagsüber und frage AI, was ich sehe. Ich muss mehrmals nachfragen. Denn die artificial intelligence kann sich nicht vorstellen, was ich heute bei dieser phänomenalen Sicht vor den Augen habe sehe. Ein Gebirgszug, nicht nur einer, der Annapurna Himal von West nach Ost:

  • Dhaulagiri I (8.167 m)
  • Annapurna Süd (7.219 m) - sie dominiert den westlichen Teil des Annapurna-Hauptmassivs
  • Hiunchuli (6.441 m) - rechts daneben und etwas davor
  • Annapurna I (8.091 m) - der höchste Annapurna-Gipfel, hinter Annapurna Süd und Hiunchuli - (die Perspektive von meinem Schreibtisch täuscht etwas) 
  • Machhapuchhre (fish tail 6.993 m) - die markant geteilte Fischschwanzspitze ist prominent und nicht zu übersehen, aber sie ist nicht die höchste Erhebung 
  • Annapurna III (7.555 m) - östlich, leicht versetzt neben und hinter Machhapuchhre 
  • Annapurna IV (7.525 m) - die ausladend breite Schulter in der östlichen Kette
  • Annapurna II (7.937 m) - der dominierende, pyramidenförmige Eckpfeiler im Osten des Massivs
  • Lamjung Himal  (6.983 m) - die östlichen Ausläufer des Annapurna Himal
  • Myabasa Dande (6.003 m) und Vorberge - der Annapurna Himal endet, der Gebirgszug flacht ab in niedrigere, nicht mehr schneebedeckte, sondern überwaldete, stark zerklüftete Bergrücken. Nach dem Myasa Dande trennt der Gebirgspass Namun Bhaniyang die Annapurna-Region vom östlich angrenzenden Manaslu-Gebirgszug. Den Pass kann ich nicht sehen, aber ich sehe den   
  • Manaslu (8.163 m) - in weiter Ferne, abgesetzt von der Annapurna-Hauptgruppe, ist die spitze Silhouette des achthöchsten Berges der Welt von meinem Schreibtisch aus nur an einem Tag wie heute zu erkennen!
Nein, Bilder liefere ich keine. Hier gibt es welche, professionelle - nicht von meinem Schreibtisch, auch nicht vom zweiten Dach mit Blick nach Norden, sondern von anderen, einsamen Aussichtspunkten, zumeist Richtung Süden geknipst. Ich bin nur für Wörter zuständig. अन्नपूर्ण - die Annapurna, mein Hausgebirge, ist eine Göttin! Ihr Name setzt sich zusammen aus अन्न - anna für Nahrung, Korn, Speise und पूर्ण - purna für voll, vollständig, etwas, das bis oben gefüllt ist. Wie पूर्णिमा - purnima = Vollmond. Der für uns Menschen rundum gefüllte, vollständig sichtbare Mond am Himmel. अन्नपूर्ण - Annapurna ist eine Manifestation Parvatis, der Gemahlin Shivas. अन्नपूर्ण - Annapurna ist die an Nahrung Reiche, die Göttin des Hauses, der Ernte, des Reises (weniger des täglichen Brots, wie manche Westler behaupten), die Mutter des Kochens. In Nepal wird noch gekocht! Wenn auch vielerorts mit Holz und in ungesundem Qualm. अन्नपूर्ण - die Annapurna sorgt dafür, dass niemand hungern muss und es erregt ihren Zorn, wenn die kleinsten Krümel von Lebensmitteln achtlos weggeworfen werden. Ganz zu schweigen von der Verschwendung von Essensresten. In Kathmandu bekommen die Straßenhunde Reisreste, auf dem Land Kühe oder Ziegen im Stall. Essen ist essentiell. Und wer (wie wir) eine Firma gründet und Angestellte hat, muss im Büro eine Küche einrichten und einen Koch einstellen. Die Frage "did you have your food?" kommt immer wieder und ist nicht nur eine höfliche Floskel (anstelle von zum Beispiel तपाईंलाई कस्तो छ - tapailai kasto cha = how are you oder तपाई  सन्चै हुनुहुन्च - tapai sancai hunuhunca  - are you ok?), sondern  Anteilnahme. Hast du Hunger oder bist du satt?

Sonntag, Oktober 25, 2026

Das Finale

कोजाग्रत पूर्णिमा - Kojagrat purnima. Ich habe nun Dashain zum dritten Mal in Nepal erlebt. Heute ist der letzte Tag, die letzte Nacht, der fulminante Vorabend vor Vollmond, die Vigil zu Ehren Mahalaxmis, der Großen Göttin Laxmi, der Großen Göttin des Wohlstands. को - ko = wer und जाग्रत - jagrat = wach. Die Große Laxmi saust durchs Land, wie andernorts die Hexen auf Besen, und überprüft, wer noch wach ist. Und vielleicht Karten spielt. Wer nicht schläft diese Nacht, wird reichlich belohnt - wir hatten das schon.

Tagsüber ist noch Sonntag, kein Feiertag, kein public holiday. Das ist nun alles vorbei. Seit dem frühen Morgen wird bei mir, nebenan, auf dem Dach der Nachbarn, gehämmert und gelärmt. Für normale Arbeiter hat der Alltag begonnen. Sie sind wach und entfernen Schalbretter, dicke Bambusrohe und Eisenstangen unter dem frisch betonierten neuen, zusätzlichen Dach. Eine Feiertagswoche lang hatte ich einen Wald neben mir, neben meiner überdachten schattigen Terrasse, dem ersten Dach. Dieser künstliche Wald muss nun gerodet werden, damit Zimmer mit Wänden und Fenstern wachsen können für Menschen und ihre Kinder. Die Stützbäume können restlos entfernt werden. Das Material darüber ist ausgehärtet. Die Statik stimmt hoffentlich. Die Männer reden, singen, rauchen, klopfen, hauen, schlagen. Die nun nutzlosen Bretter und Rohre und Stangen fallen mit höllischen Getöse übereinander her. Ein wilder, unordentlicher Haufen. Ein Wunder, dass das Haus darunter das aushält.

Mein Schwiegervater war Zimmrmannm, ein ganz normaler Zimmermann, wie ich andernorts ausführlich beschrieben habe. Er hatte im Westen der geteilten Stadt Berlin vor etwa einem halben Jahrhundert vor allem mit Schalbrettern und der Tätigkeit des Betonierens zu tun. Er würde sich sehr wundern, wenn er sehen könnte, wie archaisch, mit bloßen Händen und nackten Füßen, hier heute noch gebaut und abgebaut wird. 

Samstag, Oktober 24, 2026

orthodox tea

Samstag. Sonne. Kein Feiertag. Ein normaler freier Wochenendtag. Alle shutters zu. Das 15-tägige Festival Dashain ist noch nicht vorbei. Heute ist der Dreizehnte oder Vierzehnte Tag. Ich habe die Feiertagswoche mit Statistik verbracht. Nicht, weil ich sie liebe oder mich ein Algorithmus unaufgefordert dazu gebracht hätte, sondern weil die Schlagzeilen der nepalesischen Tagespresse mir solches und kein anderes Kraftfutter zum Frühstück servierten. Auch Tee, bzw sein Anbau ist in Nepal eine mathematische Angelegenheit. Dies, obwohl die Nepali von von Zahlen und Zahlen zusammenzählen (zB eins plus eins) so gut wie keine Ahnung haben. Vorgestern erschien zur Hoch-Zeit von Dashain ein langes langes langes, nicht enden wollendes Tee-Lamento in Nepal News. Die Quelle verlinke ich hier, weil der unstrittige Anteil, die Zahlen und Fakten, sich auf Daten berufen, die zum 30. Nationalen Teetag veröffentlicht wurden. Und weil es überhaupt immer wieder amüsant ist, wie sozialistisch diese 5- oder 1 - oder 10-Jahrespläne anmuten. 

Ich frage AI, wann dieser Teetag begangen wird. Sie antwortet blitzschnell mit einem vollständig Satz. Der National Tea Day finde immer am 15. Baisakh BS statt. Das ist der 28. April AD. Seit Mitte Baisakh oder Ende April ist also bekannt, dass in Nepal im Fiskaljahr 2024/25 auf gut 20 Tausend Hektar Land Tee angebaut wurde. Über 15 Tausend Teebauern produzierten rund 26 Millionen Kilo Tee auf 170 großen Teeplantagen und in 120 kleinen bis mittleren Verarbeitungezentren mit insgesamt ungefähr 60 Tausend Angestellten. Gar nicht übel, denkt die Teetrinkerin. Aber der Verfasser der Teelitanei klagt! Über fehlende Expansions-Perspektiven, über mangelnde Absatz- und Preis-Garantien, über nicht vorhandene Pluralität - der nepalesische Tee-Export-Markt sei fixiert auf Indien ("excessive reliance on the Indian market") und (übermäßig!) abhängig vom dortigen Bedarf, von dortigen Qualitätsstandards, von dortigen Kontrollmechanismen. Ich verstehe diese Welt nicht, lerne aber, dass es orthodox tea gibt - ich würde den Teeblättertee nennen - und CTC-tea (von crush, tear und curl - also zerbrechen, zerreissen, rollen), Krümeltee (wie der indische Assamtee) oder Teebeuteltee, dient ua als praktische Grundlage für Masalatee und den Milchtee, den die Nepali trinken. Die rühren so viel Zucker rein, dass es ganz egal ist, woher der Tee kommt, wie er produziert wurde und ob er überhaupt schmeckt. Meine Präferenz ist klar. Und natürlich gäbe es weltweit begeisterte und zahlungskräftige Abnehmerinnen für handverlesenen pestizidfreien aromatischen Himalayagrünblättertee. Man müsste die Damen nur erreichen und ihnen einreden, dass gesünderer Tee nirgendwo auf der Welt geerntet wird!

Freitag, Oktober 23, 2026

हिउँ चितुवा

Feiertag. Public holiday. Auf Ekadashi folgt immer Dwadashi - der Zwölfte Tag. Dashain ebbt ab. Es ist weniger still, aber noch lange nicht laut. Nepal ist gewöhnlich ein sehr lautes Land, jedenfalls dort, wo Menschen zusammenkommen. Heute hupt nur das Wasserauto. Weil es zur Unzeit kommt und wir alle so sehr aus dem Takt geraten sind, dass wir vergessen haben könnten, was wir am dringendsten brauchen: Trinkwasser. Es funktioniert alles in diesem Land, wir müssen es nur zulassen. 

Heute wird der Internationale Tag des Schneeleoparden begangen und Nepal hat ihn - Dashain hin oder her - unter das Motto gestellt: Guardian of the High Himalayan Ecosystem: Conservation of the Snow Leopard (Wächter des Ökosystems im Hochhimalaya: Schutz für den Schneeleoparden). In nepali heißt er हिउँ चितुवा - hium cituwa. Eine wörtliche Übersetzung von Snow Leopard oder Schneeleopard: हिउँ - hium für Schnee und चितुवा - cituwa für Leopard. Der हिउँ चितुवा gilt als Indikator für intakte hochalpine Lebensräume und steht als Gipfelräuber (oder: Apex-Prädator - er hat keine Fressfeinde!) an der obersten Spitze der Nahrungskette. Der Schneeleopard kontrolliert dort oben die Populationen von Pflanzenfressern und kleineren Raubtieren. So hält er - solange es ihn gibt - das gesamte Ökosystem gesund.     

Ich bleibe vorerst unten. Der Reis vor meinen Fenstern steht hoch und duftet. Betörend. Die Ähren sind über die Halme hinausgewachsen und haben das satte Grün vertrieben. Nun herrscht ein warmer Goldton über den Feldern. Versöhnlich. Beginn der Feiertagsrückreisewelle.