Montag, August 10, 2026

Das weiße Huftier

Heute ist der vierte und letzte Shrawansombar. Der Monat geht seinem Ende entgegen. Die heiligen Montage schwinden.

Auch an die Geräusche in und um das Haus muss ich mich gewöhnen. Seit ich am Morgen auf dem zweiten Dach stehe, rückt alles an seinen festen Ort und in seinen feste Ordnung. Auch das Klopfen am Tag und in der Nacht. Je nach Wind und Wetter mal aufdringlicher, mal zurückhaltender. Mal heftiger, mal sanfter. Wir leben in einem Hindu-Haus. Wir haben einen Andachtsraum unter dem zweiten Dach, am Ausgang auf die Terrasse, das erste Dach. Und an der nordöstlichen Ecke das Hauses ist ein massiver Bambuspfahl aufgestellt und befestigt. Er ist höher als das Haus und seine immer dünner werdende Spitze neigt sich nach unten und wiegt m Wind. Der Bambuspfahl dient als religiöser Flaggenmast. Und die Flagge klopft, nicht der Bambus. Wahrscheinlich ist es eine Dharmafahne. Sie ist schon etwas verblichen, aber darauf reitet ein Gott auf einem weißen Pferd. Entweder ist es Kalki, der auf Devadatta reitet. Kalki ist der erwartete zehnte Avatar Vishnus, der Retter, der das jetzige finstere Zeitalter, die Kali Yuga beenden und die Welt von allem Bösen reinigen wird. Oder es ist Lord Shiva himself, und das Pferd ist kein Pferd, sondern der weiße Stier Nandi. Wie auch immer, wir sind beschützt vom Getrappel eines weißen Huftiers.

Sonntag, August 09, 2026

die erste Ernte

Im Gemüsebeet auf dem zweiten Dach entdecke ich kleine rote, kreisrunde Chillis. Sie sind scharf wie der Teufel und es sind so viele,  dass ich sie unmöglich frisch verzehren kann. Ich muss sie trocknen. Aber wie? In der Küche gibt es viele nachtaktive Mitesser. 

Ich lerne, dass die verführerisch roten Beeren viele Namen haben: डल्ले खुर्सानी - Dalle khursani (runde Chillis); अकबारे खुर्सानी - Akbare khursani (Königschilli - nach dem Mogulkaiser Akbar) oder  ज्यानमारा खुर्सानी - Jyanmara khursani (Mörderchili - wegen ihrer tödlichen Schärfe). Es sind die schärfsten Chillis im Land. Wenn nicht überhaupt im Universum. Nepali world. Frau Sherpa hat mir schon vor langer langer Zeit die Lektion erteilt, dass nur runde Chillis wahre Chillis sind. Jetzt weiß ich warum: sie stehen auf der Scoville-Skala - dem Schärfeindex - ganz oben. Haben bis zu 350 000 SHU - Scoville Heat Units, Schärfeeinheiten, vergleichbar in etwa mit den mexikanischen Habaneros. 

Die Maßeinheit SHU ist benannt nach ihrem Erfinder, dem amerikanischen Pharmakologen Wilbur Lincoln Scoville. Mr Scoville war kein besonderer Freund von scharfem Essen, ihn trieb nur die wissenschaftliche Neugier: Wieviel schärfemachendes Capsaicin ist in welcher Chillisorte enthalten. Um dies herauszufinden, entwickelte er 1912 eine denkbar simple Methode: Das Capsaicin wird solange mit  Wasser verdünnt, bis die Schärfe nicht nur nicht mehr brennt auf den Schleimhäuten im Mund und Rachen, sondern ganz und gar aus dem menschlichen Empfinden verschwindet. Auch hat Mr Scoville in Selbsttests bewiesen, dass Milch das beste Gegenmittel gegen "Pfefferhitze" ist.

Ich habe heute vormittag um die Ecke endlich diesen shutter entdeckt : श्री कृष्ण दुघ डेरी - Shri Krishna dugh deri, Shri Krishnas Dugh Diary. Shri Krishnas Milchkäserei.

Samstag, August 08, 2026

Das zweite Dach

Wir haben ein erstes Dach, das ist die Terrasse. Sie ist riesengroß und überdacht mit einer soliden Blechkonstruktione. Darunter sitzen wir in der Nacht auch bei Regen im Trockenen und tagsüber im kühlen Schatten. Auf das zweite Dach führt vom ersten eine Wendeltreppe. Das Dach über der Terrasse ist nicht begehbar. Der Boden des zweiten Dachs ist aus massivem Beton und eine ebenso massive Brüstung schützt Kinder und Senioren vor einem Sturz auf die Straße. Nach oben ist alles offen und der Regen fällt ein, wann immer es ihm gefällt. Das ist gut so, denn es gibt ein Gemüsebeet auf dem zweiten Dach. Sowie unsere solarbetriebene Heißwasseranlage. Beides braucht die Verbindung zum Himmel. Das dritte Dach ist klein und keine Aussichtsplattform. Es gibt keine Sicherheitsmauern. Menschen sollen nur im Notfall über die schmale Leiter aufsteigen. Vögeln, Geistern oder Göttern ist der Zutriff nie verwehrt. Auf dem dritten Dach stehen zwei silberne Eintausendliter-Wassertanks. Sie weden automatisch aufgefüllt, dafür sorgt eine elektrisch betriebene Pumpe und ein Sensor. Menschen haben dort oben nur etwas zu suchen, wenn die Technik versagt und zum Beispiel die Tanks überlaufen. Normalerweise passiert das nicht und wir sind mit Wasser bestens versorgt. Es muss immer zuoberst stehen. Wegen der Schwerkraft und dem Druck in den Leitungen.

Ich beschließe, zum Sonnenaufgang aufs zweite Dach zu steigen, wenn es nicht gerade in Strömen regnet. An guten Tagen kann ich im Angesicht des schneebedeckten Zweizacks (माछापुच्छ्रे - Machapucchre, fishtail) sowie der anderen gemässigt gewölbt und geneigten Gipfel der Annapurnakette mein Morning QiGong absolvieren. The only way is up ... das war schon das Motto im ULNÖ in Krems an der Donau vor Jahren, Jahrzehnten und ist es wohl bis heute. Nun sehe ich oben zur Linken, wenn ich nach Norden stehe und nach Westen gucke, die zweitgrößte Shivastatue des Landes. Lord Giant Shiva schaut vom Pumdikot Hill auf mich herab. Und direkt daneben, auf dem Ananda Hill, leuchtet die weiße Shanti Stupa, die buddhistische Weltfriedenspagode. Auch mit der Gnade von ganz oben bin ich bestens versorgt.

Freitag, August 07, 2026

Der erste Sprung in der Schüssel

W ist in der Nacht auf dem Dach ein Glas aus der Brille gefallen. Ich weiß nicht, was das bedeutet. Wahrscheinlich nichts. Pech. In der Dunkelheit. Das Glas ist ganz geblieben und er fährt am Nachmittag zu einem Optiker nach Lakeside. Das ist dort, wo sich die Touristen tummeln. Das Internet sagt, der Optiker würde das Glas zeitnah wieder in die Fassung setzen. Ich bleibe, wo ich bin. Damside. Das ist am südlichen Ende des Sees, out of trouble.

Natürlich geht er in den Buchladen, wenn er schon mal wieder in die Welt des entfesselten commerce eintaucht. Und bringt mir "Beyond possible" mit. Natürlich wollte ich das Buch haben, aber nicht jetzt gleich. Der Autor - Nimsdai Purja laut Cover, eigentlich Nirmal Purja - hat letzte Woche in der Lawine am Broad Peak sein Leben gelassen. Wenige Tage nach seinem 43. Geburtstag. Zusammen mit seinem ganzen Team, den Sherpas und internationalen Gästen. निम्सदाई - Nimsdaj heißt einfach "Bruder Nims". In Nepal sind alle Brüder und दाई ist der Ältere. 

निम्सदाई पुर्जा - Nimsdaj Purja reiht sich nun ein in die glückliche Schar all jener Extrembergsteiger, die mit plus minus 40 von ihrer Leidenschaft erlöst werden. Sie sterben "viel zu früh", meinen die einen,  während andere der Ansicht sind, der Tod komme immer zum einzig richtigen  Zeitpunkt. Ob sie mit dem Leben bezahlen für Leichtsinn, Waghalsigkeit, Selbstüberschätzung, oder ob sie einfach einmal, meist zum ersten Mal Pech haben unter einem strahlend blauen Himmel, ob es Zufall ist und sie dummerweise zur falschen Zeit am falschen Ort sind, ist nicht wichtig. Natürlich wollte ich das Buch lesen, aber nicht jetzt gleich. Ich wollte warten, bis die Sprünge rund um den Globus etwas gekittet sind. 

Nun liegt die Lebensbeichte des Älteren Bruders Nims an meinem Bett, obwohl er Jahrzehnte nach mir geboren wurde und ich kann nicht mehr ruhig schlafen.

Donnerstag, August 06, 2026

Der erste Espresso

Weil wir einen anderen Gasherd haben, passt die Espressomaschine nicht mehr auf die Flamme. Das heißt, sie passte prima und würde direkt auf den Brenner und ins Feuer fallen. Der Kreuz-Aufsatz, den ich aus alten Zeiten mit mir herumtrage - für alle Fälle, man weiß ja nie - passt noch weniger. Aber ich weiß, dass es hier für alles eine Lösung gibt. Ich muss nur im richtigen shutter vorbeikommen, die richtige Frage stellen und nach Möglichkeit das richtige Ding dabei haben. Den Topfträger. Und die Espressomaschine. Im ersten Anlauf gelingt es nicht. Ich hatte nur das Topfgitter dabei und die junge Frau sprach kein Wort Englisch. Außerdem musste sie der Nachbarshutterbesitzer, ein Gemüsehändler, von weither, aus dem gegenüberliegenden Haus ganz von oben nach unten rufen. Sie kam angerannt, war außer Atem und schwer von Begriff. Ich kaufte zwei kleine Messer, damit der weite Weg nicht ganz umsonst war und zahlte 200 Rupee. Heute der zweite Anlauf.  Ich hatte den Laden an der Ecke von Anfang an im Visier, aber beim ersten Versuch vor ein paar Tagen war er geschlossen. Wohl wegen Samstag. Manchmal dauert es eben. Die ebenfalls junge Frau strahlt und holt das perfekte Gasherdkreuz aus dem Innern ihres ordentlich sortierten Lagers. Es ist ein Reduzierstern, wie ich nun lerne. Ich bin very happy. Sie sagt 120 Rupee, but you give me 100.

Mittwoch, August 05, 2026

from 7 to 8

Heute findet in Halberstadt der 17. Klangwechsel statt. Genau um 15 Uhr MESZ, das ist bei uns 18:45 Uhrt und da geht schon bald die Sonne unter. In Halberstadt aber, das ist in Sachsen-Anhalt, entsteht aus dem bisherigen Klang aus den sieben Tönen c, des, d, dis, e, ais, e durch die Orgelbestückung mit dem neuen Ton a ein Achtklang: c, des, d, dis e, a, ais, e. Wie der neue Klang sich musikalisch aufbaut, verstehe ich natürlich nicht, aber hören kann hier das eintretende a ganz deutlich, ungefähr am Minute 2 und ein paar Sekunden, für alle die es eilig haben bei dem langsamsten Musikstück der Welt: John Cage, ASLSP - As Slow as Possible.

Wir machen derweil einen kurzen Ausflug in die Pampa, 7 Minuten durch unser Neubaugebiet und suchen das Eco Restaurant Biruwa Cottage. बिरुवा  - biruva ist die Pflanze und das Restaurant versteckt sich gut hinter riesigen Gewächshäusern. Die locals weisen uns unbeirrt den Weg und am Schluss sind wir genau 8 Minuten unterwegs.

Dienstag, August 04, 2026

Die Hitze

Wenn nach dem Regen die Sonne wieder da ist, wird es sofort heiß. Ich schwitze nonstop. Die Temperaturen scheinen nicht höher als in Kathmandu. Trotzdem bin ich ständig schweißgebadet. Auch wenn ich nichts tue und nur auf dem Bett liege. Tagsüber aus dem Haus gehen ist mission impossible. Nur auf dem unteren Dach ist es erträglich. Einmal habe ich schon fast einen Hitzschlag erlitten. Auf der Suche nach irgendetwas Unwichtigem. Ich meine, mich bewegen, die Umgebung erkunden, mich orientieren zu müssen. Wo ich hier eigentlich gelandet bin. 

Wir wohnen an dieser Straße. Aber das heißt gar nichts, ich bin schon an so vielen Street No. 4 mit Pfeil in die eine oder andere Richtung vorbeigekommen, dass mir der Kopf schwirrt. Auch ist, außer der street der erklärende Rest, zB der Name dieser street, auf den Straßenschildern nur in Devanagari aufgedruckt. Überhaupt wird hier vorwiegend nepali gesprochen, geschrieben und verstanden. Warum auch nicht. Ich bin eine von der Hauptstadt verwöhnte alte Tante und muss endlich meine Hausaufgaben machen.