Mir fehlt das schiefe Bike-Parking als Orientierung - nicht in der Landschaft, sondern in der Zeit. Heute ist Sonntag. Ich muss mein Hirn schon sehr anstrengen, um das zu begreifen. Es ist einigermaßen ruhig rundherum. Aber das kann vieles oder nichts bedeuten.
Sonntag. Also Ausflug. Die meisten Highways in diesem Land sind nach historisch wichtigen Männern benannt, nach Herrschern, Tyrannen, Volksverächtern oder Königen. Manche tragen keinen Namen, aber alle, auch die (noch) namenlosen, die in die Kategorie NH wie National Highway gehören, sind nummeriert. Es gibt 80 davon. Wir sind auf dem NH 17, auf dem Prithvi Highway von Kathmandu nach Pokhara umgezogen. Gut haben wir das Ende Juli gemacht, denn einen Monat später, Ende August wären wir wahrscheinlich nicht weit gekommen. Den Prithvi Highway - benannt nach Prithvi Narayan Shah, den wir schon kennen - hat nämlich der steigende Pegel des Trishuli in Krishnabhir in Dhading unterspült. Und der Highway, der während des Monsuns immer für Kummer sorgt, für stunden- oder auch tagelanges Warten an verschütteten Stellen, bis ein Bagger das Schlimmste wegschiebt und danach Schritttempofahren über Kies und durch Schlaglöcher, ist diesmal auf mehreren Kilometern abgesackt und vorläufig vollständig gesperrt.
"Highway" ist ein Euphemismus. Oft sind es Staubpisten, nach Regen verschlammte Serpentinen, auf denen zwei PKWs oder Reisebusse "gerade so" - dank excellenter Fahrtechniken der Driver! - aneinander vorbeikommen. Die einzige Frau, die auf dieser hohen Ebene in Nepals Straßennetz verewigt wurde, ist Pasang Lhamu Sherpa. Auch sie kennen wir bereits, sie war die erste Nepalesin auf dem Gipfel des Everest, überlebte aber den Abstieg nicht. Deshalb kam der NH 18 zu seinem - ihrem! - Namen. Der Pasang Lhamu Highway beginnt im Westen Kathmandus im Stadtteil Balaju und führt nach Nordwesten in die Berge, am Trishuli-Flussbett entlang durch das Nuwakot Distrikt nach Dhunche und weiter ins Rasuwa Distrikt. Er endet in Syafrubesi bzw geht dort in den namenlosen NH 42 über, der den in den letzten Jahren rapide ansteigenden Waren-, Personen- und Pilgerverkehr durch den Trishuli Korridor weiter nach Norden bis zur Grenzstation Rasuwagadhi ermöglichte. Ermöglichte! All diese Flurnamen sind uns in den letzten Tagen aus nicht gutem Grunde geläufig geworden. Orte, die allesamt verwüstet wurden, Dörfer, die von der Landkarte verschwanden. Brücken, die mitsamt ihrer Mess- und Alarmstationen einstürzten. Der nördlichste Abschnitt des NH 18 ist nicht mehr befahrbar, ganz zu schweigen vom NH 42. Der Trishuli Korridor ist mehr oder wenig vollständig zugeschüttet. Die Bewohner der höher gelegenen, unversehrten Dörfer an seinem Verlauf sind, wenn sie noch leben, gefangen. Sie sind auf Hilfe angwiesen, können nur noch aus der Luft versorgt werden oder müssen auf eben diesem Weg evakuiert werden. Wer es nicht glaubt, kann es hier nachlesen oder nachgucken. Also kein Sonntagsausflug heute.
