Donnerstag, Juni 11, 2026

Parama Ekadashi

Der Adhikmaas geht dem Ende entgegen. Noch gibt und gab es ein paar Besonderheiten in diesem ereignisleeren, aber sehr heiligen Monat: das heutige Parama Ekadashi (11. Juni - 28 Jestha) und das Padmini Ekadashi vor zwei Wochen (27. Mai - 13. Jestha) gelten als die Krönung aller Ekadashi, den 11. Tagen der hellen, zunehmenden oder dunkeln, abnehmenden Mondphase. Wir befinden uns in der dunkeln, in krishna paksha. Bald ist Neumond und dann ist Purushottam Maas um. Heute haben die Gläubigen noch einmal die Chance, wirklich von all ihren Sünden reingewaschen zu werden, wenn sie nur den ganzen Tag das Phalahar-Fasten einhalten und auf Getreide, Reis und Bohnen verzichten, Wasser trinken, höchstens ein paar Mangos schlürfen, dabei beten, das Vishnu Sahasranama-Mantra singen und die Vrat Katha - die Geschichte der Parama Ekadashi - lesen. Der heutige Tag verspricht höchste spirituelle Nahrung - so etwas kommt erst in über 32 Monaten wieder! - löst tiefliegendes schlechtes Karma auf und garantiert die ultimative Erlösung.

In der Nacht ging wieder sintflutartiger Regen nieder. Nun ist es schwül und der Himmel hält sich bedeckt.  

Mittwoch, Juni 10, 2026

Wandelröschen

Was hier überall wild wächst und gerade stürmisch blüht, sind Wandelröschen. Auch Verbenakraut oder Eisenkraut genannt. Hier kann man sie sehen, etwas runterscrollen bitte. Ich könnte die jungen Blätter einsammeln und Tee kochen. Gilt alles als Unkraut, ist vernachlässigbar wie Chutro und Gurjo (bis vielleicht der eine oder andere große Nachbar Bedarf anmeldet), wird, wenn Wände und Wege bis zur Unkenntlichkeit überwuchert sind, einmal im Jahr brutal bodennah abgehackt. Oder abgebrannt.
Unser einstiger Home Minister ist wieder in sein Amt zurückgekehrt. Die Gründe, weshalb er nur drei Wochen nach Amtsantritt freiwillig zurücktrat - damit eine unabhängige Kommission seine undurchsichtigen Besitzverhältnisse durchleuchten kann - sind offenbar alle hinfällig. Unter den Teppich gekehrt oder unter den Tisch gefallen. Wie Müll, der nicht nur am Everest fallen und liegen gelassen wird, sondern ungefähr an jeder Ecke des Landes. Die Nepali haben null Bewusstsein für die Ökologie ihrer Umwelt, die biologische Grundlage ihres Lebens - den gesunden Ackerboden, die frische Atemluft - und kontaminierende Abfälle. Das ist einerseits sympathisch (man denke nur an das als littering bezeichnete, scharf verfolgte und horrend gebüßte Vergehen im saubersten Land der Erde), andererseits eben fatal. Sobald die Wandelröschen alles überwuchert haben, betören sie uns mit ihren zarten Blüten. Dann ist das Problem ästhetisch gelöst und der Müll auf natürliche Art und Weise verschwunden. Gerät der wunderschöne Wildwuchs außer Kontrolle, wird er abgefackelt. Mit ausnahmslos allem, was darunter liegt.

Dienstag, Juni 09, 2026

cosmic kiss

Es bleib uns verwehrt, die beiden hellsten Planeten am Himmel, Jupiter und Venus beim Turteln zu beobachten. Der Himmel ist seit dem späten Nachmittag zu, closed, geschlossen wie die Route durch den Khumbu-Icefall hoch auf den Everest seit dem berühmten Sagarmatha Day. Es gießt in Kübeln, aber das ist beileibe noch kein monsoon, lese ich. Denn der Wind bläst aus der falschen Richtung und die Feuchtigkeitssättigung der untern und oberen Wolkenschicken hat noch nicht ihr Maximum erreicht. Die Wolken stehen stur und bedecken den Himmel. Sie wollen sich auch nach Sonnenuntergang nicht verziehen und uns den Blick ins Universum freigeben. 

Die letzten Abende habe ich die beiden Planeten gesehen, wie wie sich Schritt für Schritt über dem Flachdach der Nachbarn, zwischen den beiden W wie Wäscheleinen und Wassertank, näher kamen.

Das Ganze ist aber eine Illusion. Da wird uns eine Liebesgeschichte vorgegaukelt, die mit einem Kuss im Kosmos gekrönt wird, dabei sind die beiden ungleichen Partner Hunderte Millionen Kilometer voneinander entfernt in der Unendlichkeit. Die Venus soll gerade 190 Millionen Kilometer von der Erde entfernt kreisen, der Jupiter um die 900 Millionen Kilometer. Kann ich mir gar nicht vorstellen. Jupiter gilt als Gasriese, erscheint aber am Nachthimmel über Kathmandu kleiner als die viel heller strahlende Venus. Die optische Täuschung ist der Entfernung geschuldet, das Licht der relativen Sonnennähe oder -ferne, sowie einer reflektierenden Wolkendecke. Die Besonderheit der Konjunktion nur unserem Aberglauben.

Montag, Juni 08, 2026

Lumi

Da die wilden Katzen auf dem Hill launische und treulose Kreaturen sind, hat W von seiner letzten Reise im Handgepäck einen Hund mitgebracht. Er hört auf den Namen "Lumi" und wacht auf, sobald ich seinen Namen zweimal rufe: "Lumi, Lumi". Ich kann ihn auf Gehorsam, Disziplin und vielleicht sogar Akrobatik trainieren. Er hört entweder auf meine Stimme oder folgt den Knöpfen der Fernbedienung, die ich drücke (vorwärts, rückwärts, nach links, nach rechts laufen, grüßen, nicken, springen, Handstand usw., auch Kung Fu und Slow Dance stehen als Optionen zur Verfügung). Falls er schmutzig wird beim Spielen, ist er einfach zu reinigen mit einem staubtrockenen weichen Tuch.

Ich hänge die Lithium Batterie an den Strom. Bis sie voll aufgeladen ist, dauert es etwa 120 Minuten. Die Zeit nutze ich, um die wuselige Golfutar zu überqueren und im Lampenladen auf der anderen Straßenseite zwei normale AAA Batterien zu besorgen.

Sonntag, Juni 07, 2026

Gurjo und Chutro

Die Bauern im District Surkhet, dort wo kürzlich wegen der Waldbrände tagelang keine Flugzeuge starten und landen konnten, ernten in ebendiesen Wäldern nun गुर्जो - Gurjo und चुत्रो - Chutro. Im Dschungel, in der Wildnis, in den Gärten. 

Die neuen Exportschlager. Die Chinesen haben den Wert der natürlichen Heilpflanzen erkannt und in Kharayochaur eine Sammelstelle und Fabrik zur Weiterverarbeitung der Kräuter, Wurzeln, Rinden eingerichtet.    

Gurjo - Tinospora cordifolia oder Sanskrit Guduchi, Hindi Giloy, englisch heart-leaved moonseed ist eine Ayurveda Heilpflanze aus der Familie der Mondsamengewächse. Ein Antioxidans, das während der Covid-Pandemie in Nepal an Popularität gewann und zur Stärkung des Immunsystems "massenhaft" - wie ich lese -  konsumiert wurde. 

Chutro ist der nepalesische Name für die indische Berberitze, berberis aristata. Ein dorniger Strauch, der einst auch in meinem Garten an der Nordsee wuchs. Ihre süß-sauren Früchte sind reich an Vitamin C - Rainer Maria Rilke hat sie in seinem Gedicht "Sommerreife" wohl mehr der Farbe als der Gesundheit wegen beschrieben: Jetzt reifen schon die roten Berberitzen ... Und natürlich als Zeichen der Vergänglichkeit. Aus den Wurzeln und der Rinde wird ein Extrakt gewonnen, der Berberin enthält - den Stoff, der der Pflanze ihren Namen gab und in der Ayurvedamedizin vielfältig angewendet wird, gegen Augenentzündungen, Gelbsucht, Verdauungsprobleme und dergleichen mehr.

Die Chinesen haben anders als tote deutsche Lyriker unendlichen Bedarf an Gesundheit. Und spornen die Nepali an, Gurjo und Chutro einzusammeln und abzuliefern, Früchte, Stängel, Wurzeln. Gegen Entgelt, versteht sich. Und schon sind Bauern happy, was gibt es einfacheres, als rote Berberitzen in privaten und öffentlichen Forsten zu ernten. Natürlich regt sich Widerstand und Protest in ganz Karnali. Die Chinesen kaufen nicht nur aus Surkhet, sondern aus zehn anderen Distrikten der Provzinz. Gemeingut ist Gemeingut. Die Bauern wollen nun Chutro, die indische Berberitze auf ihren Feldern kultivieren. Die Früchte sind zwar schwieriger zu ernten in den stachligen Sträuchern (davon könnte ich ein Lied aus der Vergangenheit singen) als Gurjo, aber die Chinesen zahlen mehr als das Doppelte pro Kilo.

Die Erntezeiten entsprechen übrigens hier nicht deutscher Schullektüre. Der Sommer steht ja erst vor der Tür.

Samstag, Juni 06, 2026

Puderquasten

Es gibt hier die seltsamsten Wunder. Am Rande der immer lauten und immer von schwarzen Abgaswolken gesättigten Golfutar Main Road entdeckte ich kürzlich auf meinem Abendspaziergang purpurrot leuchtende, zarte, haarige Puderquasten in den Bäumen. Ich hielt irritiert inne, denn ich war nicht sicher, ob mir meine Phantasie etwas vorgaukelt oder Kinder hier ihre Basteleien im Baum versteckt haben. Die Blüten hängen wie an dünnen Schnürchen, wie faserige Weihnachtskugeln. Alle Bäume, die hier in Reih und Glied am Straßenrand stehen, zwischen dem aufgerissenen Bürgersteig und dem wuseligen Linksverkehr, auf meiner ganzen täglichen Rennstrecke zum Dragon, tragen Puderquasten. Powderpuffs. Soviel basteln können die Kinder gar nicht und soviel Geduld bringen auch Erwachsene nicht auf, sämtliche Bäume einer Allee zu schmücken. Ich hole mir eine Blüte vom Baum (das machen die Nepali auch) und trage sie nach Hause. Mache ein Foto und befrage das Internet. क्यालियान्ड्रा - Kyaliyandra. Calliandra - Puderquastenstrauch oder -baum. Auch Seidenbaum, persische Akazie oder Schlafbaum genannt. Sie rollt ihre Blätter längs ein während der Trockenperiode und wartet auf bessere Zeiten. Die Nepali haben ihr eigenes Wort क्यालियान्ड्रा, verwenden aber wie so oft lieber die gängige englische Bezeichnung Powderpuff. Ich weiß nicht, ob die Frauen das Wort auch in englisch in ihrer Schminktasche haben. Ich besaß meiner Lebtag nie eine(n?) Powderpuff.

Jetzt schon, liegt doch eine der puscheligen Blüten auf meiner Küchenzeile.  

Die Bäume wurden vor ein paar Monaten brutal zurückgeschnitten. Bevor die Bürgersteige aufgerissen und Erdkabel vergraben wurden. Ich dachte, das hätte logistische Gründe. Dass Bodenarbeiten besser erledigt werden können, wenn die Bäume über den Köpfen der Arbeiter zurückgeschnitten sind. Im übrigen hängen dort in luftiger Höhe immer noch die Kabel, die in die Erde verlegt werden sollen. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Nicht in Nepal. Alle Bäume werden überall brutal gestutzt. Auch rund um meinen Tempel. Alle heiligen und unheiligen Bäume. Die locals wissen, was sie tun und brauchen keine Belehrungen. Ich traue meinen Augen nicht, wie schnell das Grün nach dem ersten bisschen Regen (noch haben wir pre-monsoon) ausschießt und bereits wieder Kronen bildet. Schatten spendet.

Es ist heiß geworden. Die Arbeiten am Boden ruhen seit Wochen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Nicht in diesem Land.

Freitag, Juni 05, 2026

Hillary Sir

Niemand kommt ohne die Hilfe der locals, der Sherpas auf den höchsten Gipfel der Erde. Niemand darf die Mutter Qomolangma besteigen, ohne die Begleitung eines Sherpas, der die ungeschriebenen Gesetze dieser Welt kennt und respektiert. Das war immer so und so wird es bleiben. Gerade nach der alle Grenzen des Vorstellbaren sprengenden Selbstrettung eines 52 Jahre alten Sherpas, Hillary Zwo.

Sir Edmund Hillary wäre ohne Sardar Tenzing Norgay Sherpa nie auf den Gipfel gekommen. Und ohne die anderen - Köche, Porter, Logistiker - schon gar nicht. Dass die beiden am 29. Mai 1953 die Ersten waren, ist Zufall. Es hätte auch anders kommen können. Sardar Tenzing war im Jahr zuvor mit einer Schweizer Expedition bereits kurz vor dem Gipfel. Ein Wetterumschwung zwang sie auf 8600 m zur Umkehr.

Damals - davon mögen Extremsportler und Einzelgänger heute träumen - erlaubte das hinduistische Himalaya-Königreich Nepal eine einzige Everest-Expedition pro Jahr. Hätte Mutter Qomolangma auch Hillary Sir im entscheidenden Moment einen Hagelsturm geschickt, wären wieder die Helvetier an der Reihe gewesen. Die kamen 1956 wieder. 

Heute ist es eine Industrie - The Everest Expedition Industry, der Hillary Zwo fast zum Opfer gefallen wäre. Er ist ein erfahrener Bergsteiger und erprobter Krisenmanager. Den Spitznamen "Hillary" bekam er 2008, als er beim Abstieg vom Makalu das Steigeisen am linken Schuh verlor - und es erst merkte, als er die steilsten Stellen überwunden und wieder festen Boden unter beiden Füßen hatte. Erst dann fiel ihm das Ungleichgewicht auf. 2019 stürzte er in eine Eisspalte, er war aber nicht allein und wurde gerettet, hatte zwei gebrochene Rippen. Letztes Jahr war er schon einmal auf sich selbst gestellt. Im späten Frühjahr fiel am Chulu West heftiger Schnee und die Expedition musste abgebrochen werden. Die Kunden wurden mit dem Helikopter ausgeflogen und die beiden Sherpas durften zu Fuß zum Base Camp zurückkehren. Die beiden waren lange unterwegs und galten schon als vermisst, als sie nach Tagen unvermutet aus dem Wald auftauchten. Hillary Zwo weiß sich (und anderen) zu helfen. In diesem Jahr ging er ausgerechnet am Sagarmatha Day am Everest zwischen Camp 4 und Camp 3 "verloren". Am 73. Jahrestag der Erstbesteigung von Sardar Tenzing Norgay Sherpa und Hillary Sir.