Montag, Januar 26, 2026

zu Hause

Back to the city. Back to normal. Die Sonne geht über dem Kopankloster auf. Ich marschiere zum Tempel. Dort sind seit Tagen viele Leute. Eine Trauergemeinde, die schweigend 13 Tage lang trauert, Abschied nimmt und die Seele des Verstorbenen gehen lässt. Ich bin wackelig auf den Füßen. Jede Reise rüttelt am Fundament.

Am Nachmittag lese ich auf dem Dach an der Sonne mein Buch aus. Mindestens die Hälfte der Empfehlungen des Mönchs, der keiner ist, sondern ein Wissenschaftler, ein Atmosphären- und Erdsystemmodellierer, der die Wechselwirkungen von extremem Wetter, Luftqualität und menschlicher Gesundheit erforscht, befolge ich längst.

Samstag, Januar 24, 2026

नगरकोत

Nagarkot 3. Ich weiß immer noch nicht, ob नगरकोत - Nagarkot ein Dorf, eine Stadt oder etwas ganz anderes ist. Ein größeres Gebiet, eine höher gelegene Gegend, ein Rückzugsort, ein Landstrich, ein beliebtes Ausflugsziel? Mit sagenhaften Sonnenuntergängen und ebensolchen -aufgängen. Mit atemberaubender Sicht auf verschiedene ineinander und hintereinander verschachtelte Himalaya-Gebirgsketten, bei optimalen Bedingungen vom Langtang Himal über Gan Chenpo (Fluted Peak), Tilman's Pass, Urkinmang zum Lingsing Himal. Die markanten Gipfel des Shishapangma, Dome Blanc, Kansurum und Dorje Lhakpa soll man erkennen, weiter nach Osten dem Loenpo Gang, Gyahsen Peak sowie den Ladies Peak und Phurbi Chyachu. Es bleibt uns fast alles versagt, der Sonnenuntergang gestern abend und der Sonnenaufgang heute früh. Wir befinden uns auf 1,980 m oder 6,496 ft am Rand des Valley und dieses ist bis oben gefüllt mit Smog. Steigt auf wie Seifenschaum in einer Badewanne, wenn das Wasser frisch und dampfend heiß eingelassen wird. Einige wenige spitze, schneeweiße Gipfel schwimmen darüber wie Hütchen. No pic!

Das Wetter verschlechtert sich. Der Himmel zieht sich im Laufe des Tages vollends zu. In vielen höheren und tieferen Lagen fällt endlich Schnee, der erste in diesem Winter. Und die Bauern atmen auf.

Freitag, Januar 23, 2026

Ihi

In Hetauda findet heute und morgen eine Massenhochzeit statt, Ihi oder mass Bel Mariage. Eine traditionelle Zeremonie der Newari für ihre vorpubertären Mädchen. 65 junge Damen werden feierlich und symbolisch mit einer Steinfrucht (stone apple) vermählt. Steinfrüchte gelten als Verkörperung Shivas und stehen für Stabilität, denn sie werden nie schlecht, schimmeln nicht, faulen nicht, verderben auch nicht, wenn sie vertrocknen und Insekten verschmähen sie. Sagen die Newaris. Und beschwören ihre Töchter, das Zinnober, das sie heute auf die Stirn gemalt bekommen, nie abzuwaschen. Das zweitägige Ritual folgt einer richtigen Hochzeit mit Kanyadan - die Braut übergeben. Die Väter übergeben ihre Töchter, die noch nie menstruiert haben, den Göttern. Was will uns Aussenstehenden dieses Zeremoniell sagen?

In Kathmandu Shree Panchami. Die Eltern bringen ihre Kinder zum Saraswati Tempel in Swayambhu und beten die Göttin der Weisheit, des Lernens, der schönen Künste, der Musik und der Kultur überhaupt an. Die Kinder sollen Buchstaben an die Tempelwände schreiben. Die, die sie schon gelernt haben. Und ich wundere mich am Abend in Nagarkot über die Bilder in der Zeitung. Die Kinder schreiben offenbar lieber mit lateinischen Buchstaben als in Devanagari.

Wir verlassen die Stadt und ihre Schulkinder. Wir fahren nach Nagarkot. Zum bereits dritten Mal. An den Rand des Valley.

Mittwoch, Januar 21, 2026

Der neue Mond

Der neue Mond liegt am frühen Abend im Westen, nach oben offen wie eine Schaukel. Oder eine Krippe.  Eine Hängematte. Diese Position hat bestimmt auch mit unserer Schieflage im Universum zu tun. Kürzlich las ich in der Zeitung, dass in einem Dorf im Südosten des Landes ein Mann bei den Arbeiten auf dem Dach eines Neubaus erfroren ist. Das Wetter war garstig und ein eisiger Wind blies. Der 32-jähriger war von zu Hause aufgebrochen in einer kurze Hose und einer dünnen Jacke. Natürlich ohne Strümpfe und ohne feste Schuhe. Er wollte arbeiten und etwas Geld verdienen, damit er seiner 19 Tage (! nicht Monate) alten Tochter eine warme Decke kaufen konnte. 

Aufgrund mangelnder Absprache (Kompetenzstreitigkeiten?) zwischen den lokalen Behörden, konnten die warmen Kleider an Bedürftige in diesem Winter nicht rechtzeitig verteilt werden.

Dienstag, Januar 20, 2026

Sonnenaufgang

Wir leben in schiefen Zeiten. Ab heute geht die Sonne etwas früher auf. Nach dem eigentlich kürzesten Tag, der Wintersonnenwende ging sie 14 Tage lang kontinuierlich später auf, seit dem 4. Januar blieb sie hängen bei 06:55 am. Bis ich sie vom obersten Dach aus im Dunst aufsteigen sehe hinter dem höchsten Hügel im Westen, dem Kopanhügel, auf dem sich das Kopankloster mit mehreren Gebäuden und Dächern erhebt, dauert es immer noch fast 20 Minuten. Auch das ändert sich, denn die Sonne bewegt sich nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum. 

Heute also endlich eine Minute früher und kaum merklich etwas nördlicher. Ende Januar wird sie ungefähr zur gleichen Zeit aufgehen wie am Tag der Wintersonnenwende. Trotzdem sind die Tage längst länger geworden. Wir leben in schiefen Zeiten. Der früheste Sonnenuntergang um 17:08 pm war schon am 30. November - dabei blieb es bis zum 8. Dezember. Ab dem 9. Dezember ging die Sonne alle paar Tage eine Minute später unter. Am kürzesten Tag  des Jahres, am 21. Dezember ging sie bereits 5 Minuten später unter als am 8. Dezember. 

Wir leben in schiefen Zeiten. Die Sonne geht viel schneller später unter als sie früher aufgeht. Wie schief auch immer die Schieflage ist, sind wir mit zehneinhalb Stunden Licht und Sonne im Winter mehr als gesegnet. Die kürzesten Tage des Jahres, vom 16. - 27. Dezember waren genau 10 Stunden und 23 Minuten hell, die Dämmerung nicht mit eingerechnet. Seither nahm die Helligkeit am Abend rasant zu und am Morgen blieb sie gleich. Heute sind wir bei 10 Stunden und 40 Minuten Tageslicht angekommen. In Dithmarschen müssen Mensch und Tier bis Anfang März auf diese Menge Licht - ohne Garantie auf Sonnenschein - warten.

Montag, Januar 19, 2026

Sonam Lhosar

Neumond um 01:37 am local time. Feiertag. Shukla Pratipada im Monat Magh. Der erste Tag der heller werdenden Mondphase. Das Bikeparking bleibt leer und am Tempel werden Vorbereitungen getroffen. Sonam Lhosar. Tamang Lhochar, Shree Ballav Jayanti. Neujahr für die Tamang, Hyolmo, Thakali, Jirel, Nesyangwa, Bhote, Dura und Lepcha communities. Sie alle beginnen Ta Loh, das Jahr des Pferdes. Die Tamang haben das Pferd - Ta - schon und immer in ihrem Namen. Mang heißt Kämpfer. Sie sind stark und mutig. Wie die Cheemi in Thimi. 

Außerdem ist heute der Geburtstag von Acharya Shree Ballavacharya, er wurde 1479 geboren und starb 1531 AD, begründete die Pushtimarg Tradition, den Pfad der Gnade und der bedingungslosen Liebe (zu oder von Lord Krishna), übersetzte viele komplizierte Texte aus dem Sanskrit in sogenannt einfache Sprache für alle. 

Best wishes, lese ich, may the moon always stand right to us

Sonntag, Januar 18, 2026

Fahrrad

Zurück in der capital city. Sonntag. Arbeitstag. Alle Bikes zurück! Ein paar Grad Unterschied in der Nachttemperatur machen viel aus in unserem unbeheizbaren Haus. Sie bewegt sich nun wieder auf einen zweistelligen Wert zu, entsprechend wohltemperiert ist das Aufstehen. Also doch: Winterende. Andernorts wäre das Tauwetter.  

Unser cooler Bürgermeister tritt am Nachmittag nach langem hin und her zurück und schaltet sofort in den Wahlkampfmodus, wird als erstes begeistert endlich offiziell in die Partei unseres Nachbarn aufgenommen und eilt mit diesem nach Janakpur, in die Hauptstadt von Madhesh. Um dort, so munkelt man, anlässlich des Madhesh Martyr's Day seine Kandidatur für das Amt des Premierministers zu verkündigen.  

Hier übernimmt kommissarisch die bisherige Stellvertreterin, Sunita Dangol, eine blutjunge Kommunistin und wir marschieren zum Essen über die Straße zu Sukunda. Sobald wir nach Thimi gezogen sein werden, kaufe ich mir ein Fahrrad.