W ist in der Nacht auf dem Dach ein Glas aus der Brille gefallen. Ich weiß nicht, was das bedeutet. Wahrscheinlich nichts. Pech. In der Dunkelheit. Das Glas ist ganz geblieben und er fährt am Nachmittag zu einem Optiker nach Lakeside. Das ist dort, wo sich die Touristen tummeln. Das Internet sagt, der Optiker würde das Glas zeitnah wieder in die Fassung setzen. Ich bleibe, wo ich bin. Damside. Das ist am südlichen Ende des Sees, out of trouble.
Natürlich geht er in den Buchladen, wenn er schon mal wieder in die Welt des entfesselten commerce eintaucht. Und bringt mir "Beyond possible" mit. Natürlich wollte ich das Buch haben, aber nicht jetzt gleich. Der Autor - Nimsdai Purja laut Cover, eigentlich Nirmal Purja - hat letzte Woche in der Lawine am Broad Peak sein Leben gelassen. Wenige Tage nach seinem 43. Geburtstag. Zusammen mit seinem ganzen Team, den Sherpas und internationalen Gästen. निम्सदाई - Nimsdaj heißt einfach "Bruder Nims". In Nepal sind alle Brüder und दाई ist der Ältere.
निम्सदाई पुर्जा - Nimsdaj Purja reiht sich nun ein in die glückliche Schar all jener Extrembergsteiger, die mit plus minus 40 von ihrer Leidenschaft erlöst werden. Sie sterben "viel zu früh", meinen die einen, während andere der Ansicht sind, der Tod komme immer zum einzig richtigen Zeitpunkt. Ob sie mit dem Leben bezahlen für Leichtsinn, Waghalsigkeit, Selbstüberschätzung, oder ob sie einfach einmal, meist zum ersten Mal Pech haben unter einem strahlend blauen Himmel, ob es Zufall ist und sie dummerweise zur falschen Zeit am falschen Ort sind, ist nicht wichtig. Natürlich wollte ich das Buch lesen, aber nicht jetzt gleich. Ich wollte warten, bis die Sprünge rund um den Globus etwas gekittet sind.
Nun liegt die Lebensbeichte des Älteren Bruders Nims an meinem Bett, obwohl er Jahrzehnte nach mir geboren wurde und ich kann nicht mehr ruhig schlafen.
