Dienstag, Januar 13, 2026

Dämmrung

Oder Zwielicht. Die Sonne ist immer noch blass, und wird blasser, je mehr der Tag voranschreitet. Die pollution steigt in der Nacht und zwielichtige Figuren gibt es überall. Nun hat Ungarns Orbán Polens Ziobro, dem einstigen Justizminister oder obersten Sheriff des Landes, politisches Asyl gewährt. Auch Ziobros Gattin übrigens. Asyl allein ist eben allzu einsam. Und am Morgen danach stellen sich die ersten unbequemen Fragen: Was, wenn auch Orbán einmal seine Macht verliert? 

Ich gucke aus dem Fenster nach dem Zwielicht und finde am frühen Morgen Eichendorff: 

Dämmrung will die Flügel spreiten,
Schaurig rühren sich die Bäume,
Wolken zieh’n wie schwere Träume –
Was will dieses Grau’n bedeuten?

Hast ein Reh du lieb vor andern,
Laß es nicht alleine grasen,
Jäger zieh’n im Wald’ und blasen,
Stimmen hin und wider wandern.

Hast du einen Freund hienieden,
Trau ihm nicht zu dieser Stunde,
Freundlich wohl mit Aug’ und Munde,
Sinnt er Krieg im tück’schen Frieden.

Was heut müde gehet unter,
Hebt sich morgen neu geboren.
Manches bleibt in Nacht verloren –
Hüte dich, bleib’ wach und munter!

Joseph von  Eichendorff (um 1812 ohne Titel, 1837 mit Titel: "Zwielicht")

vertont von Robert Schumann, hier gesungen von Jessye Norman

Montag, Januar 12, 2026

Lord Gorakhnath

Es wird wieder gearbeitet. Der Parkplatz füllt sich nach und nach mit Mopeds. Die Sonne hingegen zieht sich mehr und mehr zurück. Smog. 

Also mache ich mich an meine Hausaufgaben.

Goraknath - गोरखनाथ gilt als Begründer des Hatha Yoga. Und der Nath-Bewegung. Etymologisch geht sein Name auf Goraksha - गोरक्ष zurück und bedeutet Rinderhirt. So wird er auch oft dargestellt. Er soll eine Inkarnation Shivas sein (welcher Hindu-Gott ist das nicht?) und die Nepali verehren ihn als Schutzpatron. Angeblich einte Prithvi Narayan Shah das Land mit dem Segen und unter Goraknaths spiritueller Führung.

Die Shah-Könige bis hin zu unserem pretender Gyanendra sahen und sehen ihre Dynastie in direkter Nachfolge von Guru-Rinderhirt Goraknath. Deshalb die royale Fürbitte vor den anstehenden demokratischen Parlamentswahlen: "May Lord Gorakhnath grant us all good sense." 

Sonntag, Januar 11, 2026

Prithvi Jayanti

Feiertag. 27 Poush 2082 oder 11. Januar 2026. Der 304. (!) Geburtstag von Prithvi Narayan Shah (1723-1775 AD), Tag der nationalen Einheit. Der Gorkha-König Prithvi hat einst das in viele kleine Königreiche zersplitterte Land geeint. Man kann sich vorstellen, dass das nicht nur mit Wohlwollen vonstatten ging. Trotzdem wird er heute als Vater der Nation gefeiert. Gerade in den wieder wirren Nach-Gen-Z-Zeiten. Auf dem schrägen Parking hinter der Municipality steht kein einziges Moped.

Gestern nachmittag schon zogen Vertreter der Nepalesischen Armee feierlich (unification torch rally) in Kathmandu ein - der Marsch begann auf den Spuren Prithvis am 5. Januar in Gorkha, führte durch Bharyangbhurung in Dhading und über Nuwakot, Kakani zum Hanuman Doka Durbar Square in Basantapur ins Zentrum Kathmandus. Heute wird am Denkmal des einstigen Königs am Singha Durbar weiter gefeiert. 

Präsident Paudel richtet ein Grußwort an die Bevölkerung und ruft zur Einheit auf. Interims-Premierministerin Karki nimmt an einem Tee-Empfang der Königstreuen teil. Balen Shah, amtierender Bürgermeister von Kathmandu und seit kurzem Anwärter auf das Amt des Premierministers des Landes, postet auf social media nebst Glückwünschen an die Nation sein statement, dass beide, die die Schmiergeld geben und die, die es nehmen, Feinde des Staates seien. Der Pretender spricht zehn Minuten auf youtube und endet mit den Worten "May Lord Gorakhnath grant us all good sense. Jaj Nepal". Ich muss nachgucken, wer dieser Lord war. Das letzte Mal endete the kings speech mit Lord Pashupatinath.

Samstag, Januar 10, 2026

Nachbarn

छिमेकी - Chimēkī - das ist der Nachbar oder die Nachbarin. Heute ist Samstag. Wochenende. Kein Bike auf dem neuen Parking. Und die Nachbarn im Plural, wir haben ja viele solche, sind छिमेकीहरू - Chimēkīharū. Auch so ein Wort, das ich, abgesehen vom hintangehängten Pluralpartikel -harū mit nichts, aber auch gar nichts verbinden kann. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass einer unserer Nachbarn berühmt ist. Ich habe ihn noch nie gesehen. Er ist sehr beschäftigt und saß im übrigen die meiste Zeit, die wir hier auf dem Hill wohnen, im Knast. Sogar in verschiedenen solchen Etablissements im ganzen Lande, weil er verschiedene Verfahren am Hals hat, und immer mal wieder von einer Provinz oder Instanz an die nächste weitergereicht wurde. Seine Frau sah ich ab und zu, ohne zu wissen, wer sie ist, am Pool. Ich schwamm und sie saß umgeben von einem Kamerateam auf einem Stuhl. Hübsch gekleidet und zurechtgezupft, gab sie Interviews vor vortrefflicher Kulisse. Verstehen konnte ich kein Wort, ich horchte nicht, sondern zählte meine Unterwasserbahnen.

Ende Dezember wurde der Nachbar gegen Kaution entlassen. Die Kaution entsprach genau dem Betrag, den er veruntreut haben soll. Ein paar Dutzend Millionen Nepalesische Rupees. Unmittelbar nach der Freilassung auf Kaution - was in meinem Verständnis nicht zu verwechseln ist mit einer reinen Weste, also mit einem oder mehreren ordentlich durchgeführten Gerichtsverfahren, die allesamt mit Urteil, Freispruch oder Haft enden - scharte er die prominenten Leute um sich, die er für seine Zwecke ("catering to personal egos") einspannen wollte: unseren coolen Bürgermeister und den interims-Energieminister, der einst (lang ist's her) das Land von einer Dauerenergiekrise erlöst hatte. Sie ließen sich noch vor Jahresende AD, mitten in ihrem Monat Poush zu dritt mit pokerface ablichten und ich hatte endlich Gelegenheit, den Bürgermeister ohne schwarze Sonnenbrille zu sehen. Ein adretter Mann! Mit Handschlag wurde gemeinsame Sache beschlossen. Ich konnte zwar nicht verstehen, wie zwei, wie ich meine, unbescholtene Herren mit einem, wie ich denke, Verbrecher das Land nach den Neuwahlen regieren wollen. Aber ich habe hier nichts zu vermelden.

Außer: dass das Triumvirat letzte Nacht geplatzt ist. Das Bündnis hat genau 12 Tage gehalten und ich finde immer noch keine Eselsbrücke für छिमेकी - Chimēkī, den Nachbarn in Nepali.

Freitag, Januar 09, 2026

Cereulid

Cereulid ist ein Toxin. Also Gift! Damit ist Babynahrung von Nestlé verunreinigt. Bekannt ist es den Verantwortlichen seit Anfang Dezember. Rückrufe erfolgen nach Ländern gestaffelt, zuerst in Dänemark und Spanien. Österreich testet selbst und ruft in Eigenregie zurück. "Aktiv kommuniziert", lese ich, hat der Schweizer Konzern die leidige Sache erst vor ein paar Tagen.

In einem ganz anderen Zusammenhang lese ich eine niederschmetternde Analyse des helvetischen Selbstbewusstseins. Ausgerechnet die südlichen Nachbarn, die Italiener kommen zum Schluss, dass es für das "Land der scheinbaren Perfektion" an der Zeit sei, den Blick zu senken, "nicht aus Scham, sondern um der Realität ins Auge zu sehen" (Forse è arrivato il momento che anche il paese dell'apparente serenità abbassi lo sguardo, non per vergogna ma per guardare dritto alle realtà).

In einem nochmals anderen Zusammenhang habe ich heute herausgefunden, warum Beats Foto "Sevilla '90" seit einem guten Jahr oben an meiner Treppe hängt: Beat hat seine wissenschaftliche Karriere als Kinderarzt mit einer "Längsschnittstudie" zur Entwicklung von Kindern und zur Familienplanung in Nepal begonnen. Lang ist's her und hier sieht man naturgemäß der Realität ins Auge. Untersuchungen an Schwangeren zur Bestimmung des Geschlechts des Ungeborenen stehen unter Strafe. Ebenso Geschlechtsselektive Abtreibungen. Trotzdem werden viel weniger Mädchen als Buben geboren. Trend steigend. Wen wundert es denn? 

Donnerstag, Januar 08, 2026

nicht packen

Nicht packen! Kühlen Kopf bewahren - ungefähr so verhält es sich mit der Geistesgegenwart. Es ist jeden Morgen etwas kälter. Wenn ich aufstehe. Wenn ich die Treppe hochsteige. Wenn ich die Treppen wieder hinunter steige. Wenn ich das Haus zu meiner Morgenmeditation am Shivatempel verlasse. Es ist gerade kein Kunststück, seinen Kopf kühl zu bewahren. Eher das Gegenteil ist der Fall. Ich trage nun auch schon eine Mütze und die guards reiben sich die Hände beim Salutieren. Ich vertraue auf Pulswärmer und die Morgensonne unter dem Laxmibaum. Ich kann mich nicht erinnern, an der rauen Nordsee tägliche Temperaturunterschiede je so exakt auf der bloßen Haut registriert zu haben. Irgendetwas ist immer der reinen Luft ausgesetzt. Die Nasenspitze, die Fingerspitzen, die Zehenspitzen. Später am Tag sitze ich auf dem Dach. Dort oben ist es heiß wie im Hochsommer. 

Geistesgegenwart sei die Fähigkeit (lese ich), ganz im Hier und Jetzt zu sein. Das bin ich. Ich bin nirgendwo anders. Geistesgegenwart sei eine Tugend, lese ich weiter und könne wie jede Tugend bei Übertreibung ins Gegenteil kippen. Also Untugend werden. Als Laster auf die schmalen Schultern drücken. Ein wohl schwieriger Balanceakt zwischen vollständiger Abwesenheit konkreter Gedanken und blitzschneller Reaktionsfähigkeit im Fall einer Gefahr (zB Feuersbrunst). Zwischen Halbschlaf und Handschlag. Nicht packen!

Mittwoch, Januar 07, 2026

Masyaura und Chhurpi

Vor elf Jahren bin ich zwischen den Tagen, also zum Jahreswechsel 2014/2015 AD mit einer Flasche Champagner einmal quer durch Europa gefahren. Vom schleswig-holsteinischen Wattenmeer in die Metropole Polens. Es war kalt und in Warschau fiel Schnee. Mein Meister lag im Sterben. Er genoss noch einen homöopathischen Schluck aus besagter Flasche, hustete, verlangte ab und zu nach einer Zigarette, die er bekam und nach den ersten Zügen zufrieden wieder weglegte. Er harrte bis zum orthodoxen Weihnachtsfest aus, bis zum ersten Vollmond. Beides fiel auf den 7. Januar. Im Nachhinein ist alles gut, wie es gekommen ist.  

Heute lerne ich endlich, die riesigen Wurzeln zu unterscheiden, die bei meinen Gemüsehändlern auf der Golfutar herumliegen, und die ich nie zu kaufen wage. Erstens koche ich nicht, zweitens nur, wenn wir es am Magen haben. Und dann verzichten wir lieber auf unbekannte Knollen und bleiben bei Karotten, Grütze und etwas ungeräuchertem Tofu. Die TKP berichtet, dass die Regierung (wer ist das dieser Tage des Interims, dass in knapp zwei Monaten von Neuwahlen beendet werden soll?) zum ersten Mal Qualitätsstandards für मस्यौरा (masyaura) und छुर्पी (chhurpi - der härteste Käse der Welt! - kann auch als Hundekauknochen verwendet werden) festsetzt. Im Sinne der Lebensmittelsicherheit und erhöhter Exportchancen. Und der Besinnung auf nationale Werte. Jetzt, kurz vor den Feiertagen! 

मस्यौरा - masyaura sind fermentierte und sonnengetrocknete Gemüsebällchen. Ewig haltbar. Sie bestehen aus feingeriebenem taro (eine der monströsen Knollen), yam (dito, einer der beeindruckenden Wurzeln), ashgourd (Wintermelone, Wachsgurke oder eine Art Flaschenkürbis) und radish (Rettich, weiß oder rot, auch riesengroß, scharf und saftig), vermischt mit schwarzen Linsen oder Urdbohnen. Angebraten in Senföl lecker im Curry mit Reis!

छुर्पी - chhurpi ... nun ja! Proviant oder Snack, Proteinbombe auf Yakkäsebasis für Reisen ins Entlegenste. Besser als Kaugummi. Es gibt auch eine weichere Variante, die wird in Suppen oder im Curry mitgekocht und macht die Sache sämig.