Samstag, Mai 16, 2026

Shani Jayanti

Samstag. शनिबार - sanibar in Nepali. Der Tag des Planeten Saturn शनि ग्रह - sani graha. Heute ist ein besonderer Samstag, ein besonderer Saturntag, ein besonderer Tag überhaupt. Der Mond wird heute Nacht, kurz nach Mitternacht, also eigentlich morgen neu. Aber bereits der heutige Samstag sowie die Nacht auf morgen Sonntag gelten im hinduistischen Kalender als Amavasya - mondlos. Die mondlose Zeit ist spirituell die kraftvollste für Ahnenrituale. 

Und es ist ein besonderer Neumond - an Neumond im Monat Jesh oder Jeshta (der gestern begonnen hat) wird der Geburtstag von Lord Shani - der Gott des Saturn gefeiert. Es ist Zufall - oder auch nicht - dass Shanis Geburtstag in diesem Jahr auf einen Samstag, also auf den Tag des Saturn fällt. Das verstärkt die kosmischen Energien. Wer heute innehält, fastet, meditiert, einen Tempel besucht, eine Weile unter einem Baum verbringt, Pflanzen wässert und Bedürftigen schwarze Dinge (schwarze Kleidung, schwarze Sesamsamen, schwarzes Sesamöl, schwarze Bohnen, Urad Dal usw.) aber auch Gegenstände aus Eisen, Saphir oder Glas spendet, der durchbricht negative Einflüsse des Saturn und reinigt sein eigenes Karma. Denn Lord Shani - oder Lord Saturn - der Sohn von सूर्य - Surya (Sonne) und छायाँ - Chaya (Schatten) ist der Gott der Gerechtigkeit und des Karma.  

Aber noch immer ist des Guten nicht genug: in diesem Jahr fällt Shani Jayanti, der Geburtstag Saturns am Jesh-Neumond auch zusammen mit Vat Savitri Vrat. Savitri soll der Legende nach ihren Gatten Satyavan erfolgreich von Lord Yama, dem Gott des Todes zurückerobert haben! Es ist einer der Festtage, an denen die Hindufrauen für die Gesundheit und das lange Leben ihrer Ehemänner fasten.

Freitag, Mai 15, 2026

Sithi Cha:Hre

Heute ist der Erste Tag im Zweiten Monat des nepalesischen Jahres 2083 nach Bikram Sambat. जेठ - Jeth oder etwas altertümlicher जयेष्ठ - Jayestha, was verkürzt im heutigen Alltag zu Jestha wird. Die Sprache ist vielfältig. Die Zeit auch. Die Newari feiern heute सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre ihres Jahres 1146 ihres Kalenders Nepal Sambat. Der Doppelpunkt im zweiten Wort deutet ein angehauchtes oder nasaliertes, kaum vernehmbares "n" an.

सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre wird immer an Chaturdashi im Nepali Monat Jeth, das ist der Newari Monat  Bachala, gefeiert. Chaturdashi ist der 14., manchmal auch der 13. Tag jeder Mondphase, der shukla paksha - der hellen, zunehmenden wie der krishna paksha - der dunklen, abnehmenden. Momentan befinden wir uns in der krishna paksha, übermorgen ist in Nepal Neumond. Also ist heute eher der dreizehnte als der vierzehnte Tag der abnehmenden Mondphase. Im Newari Kalender Nepal Sambat ist außerdem der aktuelle Monat Bachala der 7. Monat des Jahres und nicht wie Jeth im Bikram Sambat der zweite. Kompliziert? Nein! 

Chaturdashi, also der 13. oder 14. Tag jeder Mondphase heißt in der Sprache der Nevari Cha:Hre. Aber nur heute ist सिथि चःह्रे - Sithi Cha:Hre. Die Newari haben ihre Brunnen geputzt und verehren heute Lord Kumar Kartikeya, den zweiten Sohn von Shiva und Parvati, Ganeshs Bruder. Nicht zu verwechseln mit Kumar Kartikeya Singh, dem indischen linkshändig orthodoxen Cricket-Profi.

Mittwoch, Mai 13, 2026

Vermintes Gelände

Es regnet fast den ganzen Tag. Die Hill-Katzen waren hier schon lange nicht mehr zu Gast. Tom ist verschwunden. Seine Hütte habe ich abgebaut und den Müllmännern übergeben. Sigi hat sich in einen anderen Teil der Siedlung verzogen. Ob sie von einem der Kater, die sie vor etwa drei Monaten tagelang belästigten, gedeckt wurde, weiß ich nicht. Ich sehe weder sie noch ihre Nachkommen. Die Designerkatze hockt ab und zu auf dem Mäuerchen vor dem Küchenfenster. Sie schweigt nach wie vor. Will kein Futter, markiert aber rundum. Whity sieht wieder verboten aus. Die Nachbarin meinte kürzlich, so würde ihn gerne "baden". Sein Fell sei voller Ungeziefer. Aber sie fürchte, dass er sich wehrt und ihre Arme zerkratzt. Ich schlage innerlich die Hände über dem Kopf zusammen. Das muss schon die Natur regeln. So wie alles andere auch. Er hinkt nun, die linke Vorderpfote ist böse angeschlagen. Und seine Stimme, einst die eines alten Mannes, hat sich in die eines kranken Kindes verjüngt. Er bekommt jetzt immer einen Nachschlag. Solange er frisst, ist alles gut. Aus der Ferne sichte ich ab und zu Toms Sohn. Ich bin sicher, dass er von Tom abstammt, obwohl er das Fell der Mutter hat. Aber so wie der hier die Wege abschreitet. Mit einer Determiniertheit, die ihn unbestritten als neuen, jungen, drahtigen Chef im Revier ausweist. Aber in meine Futterzone, an meine Küchentür wagt er sich nicht. Das ist nach wie vor vermintes Gelände. 

Dienstag, Mai 12, 2026

Fahnengeschichten

Gipfelgeschichten. Sagarmatha hat seinen international bekannten Namen Everest von der ehrwürdigen "Royal Geographical Society" im Jahr 1865 verliehen bekommen. Der Namensgeber, der britische Landvermesser Sir Georg Everest war nicht einverstanden, dass der höchste Gipfel der Erde nach ihm benannt wird. Berge sollten, sagte er, "einheimische" Namen tragen. Also Namen, die ihm die Menschen geben, die zu seinen Füßen leben. Die Menschen, die zu Füßen des Everest leben, hatten immer schon ihre eigenen, nämlich weiblichen Namen. Sie nennen sie, wie bereits berichtet, Sagarmatha oder Qomolangma. Sir George hat den Everest Zeit seines Lebens nie gesehen, geschweige denn vermessen oder gar bestiegen. Vermessen hat Georg Everest - lange bevor ihn Queen Victoria für seine Verdienste zum Ritter schlug - "nur" etwa 2500 Kilometer des 78. Längengrads durch Indien. Dabei ruinierte er seine Gesundheit. Everest wollte das Werk seines Vorgängers William Lambton vollenden. Aber bis hoch in den Himalaya, auf das Dach der Welt, stieß erst sein Nachfolger Andrew Scott Waugh vor. Und der wollte das Werk seines Vorgängers ehren, indem er den von ihm, dem Nachfolger, entdeckten höchsten Gipfel der Erde den Namen Everest aufsetzte.

Sir Georg starb ein Jahr später. Ich weiß nicht, ob aus Gram oder an den Spätfolgen von Malaria oder aufgrund eines Wutanfalls. Angeblich war er rechthaberisch und aufbrausend.

Am Everest und im Internet kochen heute die Emotionen über. Im Base Camp wurde eine indische Fahne gesichtet, die größer ist, als die nepalesische daneben. Dies wird als "illegale Aktivität" und Provokation gewertet. Alle sind rechthaberisch und aufbrausend. Auch im Land der Göttinnen. Die Fahnen sollen von den indisch-tibetischen Grenzpolizisten aufgestellt worden sein, im Gedenken an ihren kürzlich tragisch zu Tode gekommenen nepalesischen Bergführer Lapka Dendi Sherpa.

Montag, Mai 11, 2026

Skarifikation

Ich lerne, Mangobäume heranzuziehen. Dazu gibt es zwei Möglichkeiten: entweder man lässt den aus der äußeren Schale befreiten Kern trocknen. Oder man legt ihn, nachdem man ihn vorher mit einem scharfen Messer kreuz und quer eingeritzt (= skarifiziert) hat, über Nacht in Wasser ein. Die "trockene" Variante sieht von Tag zu Tag erbärmlicher aus. Der Kern soll 14 Tage lang an einem sonnigen Platz am Fenster trocknen. Dabei bleibt fast gar nichts übrig. Die nasse Variante hingegen gibt Anlass zur Hoffnung. Ich habe den skarifizierten Kern nach Anleitung am Morgen aus dem Wasser genommen, in feuchtes Küchenpapier eingewickelt und in eine Plastiktüte gepackt. Man soll einen Gefrierbeutel nehmen, weil der verschließbar ist. Aber so etwas besitze ich nicht. Eine normale Plastiktüte von meiner Obstfrau tut es auch. Mehrmals umschlungen und auf das Fensterbrett gelegt. Entwickelt sich nach zehn Tagen ein so gesunder Trieb, dass ich den Kern mit dem Keimling nach oben in einen Blumentopf setze. Die beiden trockenen setze ich in zwei andere Blumentöpfe. Und harre nun der Dinge, die da aus der Erde kommen werden. 

Sonntag, Mai 10, 2026

Muttertag

Der Khumbu-Eisfall holt sich sein erstes (oder zweites?) Opfer. Das war nicht meine Absicht, als ich ihm gestern eine Seele zuschrieb. Bijay Ghimire Bishwakarma (was für ein Name!) hat früh am Morgen einen Schwächeanfall im Camp 1. Höhenkrankheit auf 6100 Metern? Er ist erst 35 Jahre alt und wird sofort ins Base Camp gebracht. Er stirbt unterwegs mitten im Khumbueis. Herzstillstand oder Kreislaufversagen?

Bijay ist der zweite Todesfall dieser Saison. Der erste war ein Unfall. Auch unerklärlich. Vor einer Woche stürzte der Bergführer Lapka Dendi Sherpa  auf der letzten Etappe zum Base Camp, auf  dem Weg von Gorak Shep, der letzten bewohnten Siedlung im Everesttal so unglücklich, dass er auf der Stelle verstarb. Die Strecke unterhalb des Basislagers über Moränen des Khumbugletschers gilt weder als technisch anspruchsvoll noch als besonders gefährlich. Lapka führte eine Gruppe der indisch-tibetischen Grenzpolizei an, die Expeditionsteilnehmer konnten ihm nicht mehr helfen.

Bijay war der erste Dalit (unterste hinduistische Kaste, die Unberührbaren), der erste Kaami (Angehörige der ethnischen Gemeinschaft der Bishwakarma innerhalb der Dalits) auf dem höchsten Punkt der Erde, auf der Qomolangma, der tibetischen Mutter des Universums, bzw der Sagarmatha, der nepalesischen Stirn des Himmels. Bijyaj hat den Gipfel, die Mutter des Universums viermal erreicht: 2017, 2019, 2023, 2025. 2026 nicht mehr. 

Sein Name विश्वकर्मा - Bishwakarma war sein Ziel, sage ich: विश्व - Vishna oder Bishwa für das Universum, die Welt oder schlichtweg "alles" und कर्म - Karma. Das berühmte Karma, das wir durch all unsere (guten) Taten und Werke, Gedanken und Handlungen im Laufe eines (einzigen) Lebens generieren, damit es für das nächste zur Verfügung steht. Bishwakarma als der (oder die) Allwirkende. Der Schöpfer des Universums. Möge er ruhen in Frieden oder weiter wandern.

Samstag, Mai 09, 2026

Sturm

Sturm über dem Valley. Und Sturm am Everest. Dort soll es schneien. Hier regnet es. Der Berg wettert! Und die Leute von nah und fern wettern. Alle wollen alles besser wissen, wie dieser - für die Nepali heilige - höchste Berg der Welt vermarktet werden darf, soll oder kann. Den Sherpas - die quasi erfahrene und unerfahrene Bergsteigen gleichermaßen an die Hand nehmen, damit sie zahlen und hochkommen - wirft man vor, sie würden die Situation ausnützen. Klar tun sie das (Hand aufs Herz: wer würde das nicht?), es ist ja auch ihr Leben und das Leben ihrer ganzen Familie, das sie riskieren, indem sie verwöhnte und ambitionierte Menschen an die Hand nehmen und sicher auf das Dach der Welt hinaufgeleiten. Sie holen auch die Leichen hinunter, immer unter extremsten Bedingungen, denn meist gibt der Körper dort auf, wo es am Unwegsamsten ist. Dem Staat wirft man vor, er sei geldgierig. Nun ja, da kenne ich andere Exempel von Geldgier, gekoppelt mit Machtgier. Er, der Staat muss ja letztlich auch mit dem Müll leben, den die Extremsportler hinterlassen. Inklusive Exkremente. Und das Wetter ist nun mal wie es ist. Ich glaube schon, dass dieser Berg - wie jeder andere in seiner unmittelbaren und mittelbaren Nachbarschaft - eine Seele hat. Auch der Khumbu Eisbruch hat seine Seele und weiß, wann er den nächsten Block ins Tal donnern lässt. Alles ist beseelt, nur die Menschen nicht.