Donnerstag, April 30, 2026

Sri Narasimha Jayanti

Shukla Chaturdashi - der vierzehnte Tag des zunehmenden Mondes. Die Hindus feiern नरसिंह - Narasimha, die vierte der zehn Hauptinkarnationen, der दशावतार - Dashavatara Vishnus. Lord Narasimha ist, was sein Name sagt: halb Mann, halb Löwe. नर - nar für männlich(er Mensch) und सिंह - simha für Löwe.

Narasimha Jayanti ist Narasimhas Geburtstag. Er erschien hienieden in der Abenddämmerung von Shukla Chaturdashi im Monat Baisakh, deshalb sollen gläubige Hindus heute bis Sonnenuntergang auf Getreide, Fleisch und schlechte Gedanken verzichten.

Der Legende nach hatte Narasimha die Aufgabe, seinen treuen Anhänger Prahlada vor dessen mächtigem Vater Hiranyakashipu zu beschützen. Hiranyakashipu war ein Dämonenkönig und der Erzfeind Vishnus, seit Varaha, die dritte Inkarnation Vishnus, seinen jüngeren Bruder tötete. Durch strenge Bußübungen erlangte Hiranyakashipu von Lord Brahma einen besonderen Segen, der ihm unendliche Macht und quasi Unsterblichkeit verlieh: so konnte er nicht getötet werden von einem durch Brahma erschaffenen Lebewesen (weder Halbgott, Dämon, Mensch oder Tier), weder drinnen noch draußen, weder tags noch nachts, weder auf Erden noch im Himmel, weder durch eine Waffe noch ein lebendes oder lebloses Wesen. Hiranyakashipu hasste seinen Sohn Prahlada und versuchte ihn zu töten, weil er Vishnu verehrte.

Vishnu inkarnierte sich in Gestalt von Narasimha, als halb Mensch-halb Löwe (dies ist weder ein Mensch noch ein Tier). Narasimha tötete den Dämon Hiranyakashipu am Abend (dies ist weder Tag noch Nacht) unter der Tür auf der Schwelle zu einer Versammlungshalle (dies ist weder drinnen noch draußen), indem er ihn im Schoß hielt (dies ist weder Erde noch Himmel) und seinen Leib mit seinen Krallen zerriss (dies ist weder eine Waffe noch ein lebendes oder lebloses Wesen). So bezwang Narasimha den Dämon trotz des besonderen Schutzes Brahmas.     

Heute früh versammelten sich so viele gläubige und festlich angezogene Hindus rund um meinen kleinen Haustempel, wie ich hier noch nie gesehen haben. Sie feierten eine अभिषेक - Abisheka. Verehrten Shiva und Parvati, Vishnu und beteten zu Narasimha, er möge sie von allen Gefahren und Turbulenzen auf dem spirituellen Weg bewahren, sie empfingen selbst Segen vom Priester, besprengten das Lingam mit Wasser, Milch, Honig und Ghee. Eine panche baaja spielte auf, Feuer wurde gemacht. Am Mittag war alles vorbei. Der Himmel hatte ein Einsehen, der Regen setzte erst am Nachmittag ein.

Mittwoch, April 29, 2026

Mother Qomolangma

Die Polen machen auch hier von sich reden. Pan Bartek hat mitgeholfen, Leitern und Fixseile durch den Khumbu Eisbruch zu befestigen. Es hat sich nichts geändert in den letzten Tagen, der Eisklotz - eine instabile, etwa 30 Meter hohe Eismasse, ein riesiger Eisturm, eine Eispyramide oder auch Serac - kann jederzeit und ohne Vorwarnung abbrechen. Entweder als ganzes oder in Teilen. Trotzdem wird heute - acht Tage verspätet und, wie es heißt, auf zunehmenden Druck der "Institutionen" - die Passage geöffnet. Eine Voraustruppe, darunter auch der Pole Bartek, ist über den Serac hoch geklettert und wieder herunter gekommen. Safe, wie sie sagen: "We believe Mother Qomolangma has shown us a path to make a safe climb." Sie glauben, dass Mutter Qomolangma ihnen den sicheren Weg gezeigt hat. Manchmal bleibt in der Tat nur beten. 

Qomolangma (oder Chomolungma) ist der tibetische Name für den Mount Everest. Kommt von tibetisch ཇོ་མོ་གླང་མ jo-mo-glang-ma und bedeutet Göttin Mutter der Welt. Oder des Schnees. Oder auch des Lebens. Die universal weibliche göttliche Kraft! Die Nepali nennen den Mount Everest सगरमाथा - Sagarmatha. Auch weiblich. Göttin des Himmels.

Auf dem Hill am kleinen Tempel ist die holy family wieder getrennt. Jemand hat Shiva und Parvati entfernt, zurückgeblieben ist Ganesh. Am Himmel über unseren Köpfen grummelt es den ganzen Morgen.

Dienstag, April 28, 2026

Czy będę mógł wrócić?

In Polen wird gefeiert. An der Ostgrenze, am Übergang Białowieża-Piererow nimmt Donald Tusk den seit 1860 Tagen in belarussischen Straflagern inhaftierten Journalisten Andrzej Poczobut in Empfang. Umarmt ihn, heißt ihn willkommen. Und was antwortet der sichtlich mitgenommene, abgemagerte, unbeugsame Verfechter des Wortes? 

"Czy będę mógł wrócić? Zostali tam ludzie, którzy we mnie wierzą ..." 

Werde ich zurückkehren können? Dort sind Menschen, die an mich glauben. 

Człowiek Skała - Ein Mann wie ein Fels. Oder besser Granit. Der ist anders als der Mann aus Marmor (Człowiek z marmuru, 1976) oder der Mann aus Eisen (Człowiek z żelaza, 1981). 

Montag, April 27, 2026

we don't teach females ...

... they learned anyway!

In Biratnagar, wo wir kürzlich waren, im südöstlichen Tarai, haben sich die Frauen durchgesetzt. Zwei Jahre lang nervten sie die Beamten im metropolitan office, bis Geld bewilligt und Räume zur Verfügung gestellt wurden, damit auch sie, nicht nur die Männer, traditionelle Instrumente spielen lernen konnten.

नौमती बाजा - Naumati baja ist ein nepalesisches Musikensemble aus 9 Instrumenten: नौ - nau ist die Zahl 9 und बाजा - baja sind die Instrumente. Naumati Baja besteht aber nur aus 6 verschiedenen Instrumenten, 3 sind doppelt vertreten: 2 Narsingha in Ost- und Zentralnepal (lange Horntrompete in der Form eines C) oder 2 Karnal im Westen Nepals (mehr als 1 Meter lange, gerade Trompete mit Schallbecher) , 2 Damaha (große Kesseltrommel), 2 Sanai (Folklore Oboe), je eine Tyamko (kleine Kesseltrommel), Dholaki (Trommel) und Jhyali (Cymbal).

नौमती बाजा - Naumati baja ist die erweiterte (lautere, wie ich lese und festlichere) Form von पञ्चे बाजा - panche baaja, das Ensemble aus fünf Instrumenten. पाँच - pac für 5 und बाजा - baja sind wie gehabt für Instrumente. Beide Ensembles treten bei Hochzeiten und religiösen Festen auf, die Musiker sind traditionell natürlich Männer und gehören den untersten Kasten der Damai oder Gaine, der untouchable - der Unberührbaren an. 

Und da kommen Frauen und wollen auch! Nur weil sie sich in Itahari auf einer Hochzeit prächtig amüsiert hatten. Ihnen wird gesagt, dass selbstverständlich keine Chhetri- oder Bahun-Frau Musik mache. Und sie werden hingehalten, abgewiesen, ausgelacht ... aber sie sind stur und entschlossen, etwas aus ihrem eigenen Leben zu machen. Sie finden einen Lehrer, werden unterstützt, lernen, lachen, freuen sich. Musik diene auch dem Stressabbau, sagen sie, dem sozialen Miteinander, dem gegenseitigen Aufmuntern und Motivieren. Ganz zu schweigen von dem, wenn auch vorläufig bescheidenen, Einkommen, das die Trommlerinnen und Trompeterinnen nebenher generieren. 

In Biratnagar wird die Tradition gerade umgekrempelt. Durch Frauen, who refused to stay silent. 

Sonntag, April 26, 2026

Januskopf

Bei der Luftqualität (AQI - Air Quality Index) ist Kathmandu wieder an der Weltspitze angekommen. Offiziell 192, bei uns auf dem Hill, in Golfutar 205 oder mehr. Im Everest Base Camp hängen seit einer Woche ein paar Hundert ausländische Bergsteiger und ihre nepalesischen Betreuer, Sherpas, Porters, Köche usw. fest. Sie können den Khumbu-Eisfall nicht queren, das immer schon schwierigste Nadelöhr auf dem Weg nach oben. Dort taut und gefriert es in einem, der Untergrund ist unberechenbar, in ständiger Bewegung. Nun drohen mehrere Eisklötze abzubrechen, wann und wohin die Eislawine ihren Weg nimmt, ist nicht abzusehen. So ist es auch nicht weiter schlimm, dass am Freitag sämtliche Morgenflüge nach Lukla ausfielen, due to weather, wie unserer nach Surkhet. Sonst würden sich im Base Camp noch mehr frustrierte Westler die Füße vertreten. Das Wetter ist kein Januskopf, es hat nicht zwei, sondern viele und vielfältige Gesichter in diesem Land.

Hätten wir rechtzeitig einen Blick auf die Regierungsseite Forest Fire Detection and Monitoring System in Nepal geworfen, hätten wir uns nicht wundern brauchen. Waldbrände sind im Tarai zu dieser Jahreszeit, in der Hitze vor dem Monsun, nichts Ungewöhnliches. Im District Surkhet sind aktuell 11 Waldbrände registriert, in Bardyia 7, in Banke 19. Dass brennende Wälder und Felder wesentlich dazu beitragen, dass die Luft kaum zum Atmen ist, wissen wir. Aber bislang war das ein theoretisches Wissen. Noch nie hat uns ein Flächenbrand persönlich betroffen. In unserer unmittelbaren Umgebung wird zwar ständig gezündelt,  im Winter, um die Hände zu wärmen und das ganze Jahr über, um den Müll loszuwerden. Ich habe mich aber immer schon gefragt, warum diese Feuer in den engen Hinterhöfen nie einen ordentlichen Hausbrand entfachen. 

Feuer ist also nicht der Rede wert. Feuer handeln die locals gekonnt und tragen dessen Konsequenzen mit stoischer Gelassenheit. Eis aber ist der Rede wert. Denn am Eis - an der Passage durch den Khumbu-Gletscher - hängt das (einzig) lukrative Geschäft des Bergsteigertourismus.

Samstag, April 25, 2026

Bardiya Nationalpark

Vorgestern wären wir in Karnali angereist, gestern hätte Wissenschaft für W auf dem Plan gestanden, für mich sightseeing und loneliness. Heute wären wir zusammen auf Safari im Bardiya Nationalpark und bestaunten seltene Wildtiere wie Asiatische Elefanten, Bengaltiger, Schweinshirsche oder Barasingha-Hirsche, Hirschziegenantilopen, Ganges-Gaviale, Sumpfkrokodile oder Panzernashörner - so sie denn unseren Weg kreuzten. Leoparden, Wildschweine, Muntjaks. Wir hörten mit etwas Glück den Gesang seltener Vogelarten, sähen einen Saruskranich schreiten, oder eine Flaggentrappe, den Gangesadler auffliegen ... und so weiter und so fort. Aber wir sind nach unseren beiden ausgedehnten Ausflügen zum domestic airport nur wieder zu Hause gelandet. Zu unserem Besten!

Denn heute lese ich in der Zeitung, dass im Bardiya Nationalpark seit zwei Wochen der Sal-Wald brennt, bereits mehr als 20 % der Gesamtfläche stehen in Flammen. Der Brand entstand in den nördlichen Chure-Hügeln und breitet sich aufgrund anhaltender Trockenheit nach Süden und Osten aus. Die Rauchentwicklung ist massiv und belastet umliegende Siedlungen. Das hat uns niemand verraten. Auch nicht die Ranger, die wir - typisch deutsch! - rechtzeitig vorab angefragt hatten für eine Ganz- oder Halbtagesführung. 

Vielleicht ist deshalb der Flughafen Surkhet seit Tagen wegen schlechter Sicht geschlossen. Auch das hat uns keiner verraten. Bei uns auf dem Hill kam letzte Nacht kühler Wind auf, es regnete, blitzte und donnerte heftig. Und gerade ist das nächste Gewitter mit Starkregen über unsere Köpfe gezogen. 

Freitag, April 24, 2026

Surkhet Zwei

Wir haben wenig geschlafen und starten zum zweiten Versuch. Umgebucht auf den Frühflug, brechen wir um 6 Uhr erneut auf. Gepackt wie gestern. Gelaunt gemischt. Haze auch in Kathmandu. Air pollution very high

W soll um 11 Uhr auf der Internationalen Konferenz der Mid-West University zu diesem Thema sprechen.

11:38 Uhr: back home! Diesmal ohne Rundflug. Vier Stunden in der Departure Lounge verbracht, gefrühstückt, beim ersten und zweiten Espresso auf die Anzeige "delay due to weather" gestarrt, bis sie auf "cancelled" wechselte, Surkhet Airport ist closed und wird es vielleicht noch lange bleiben! Das abgefertigte Gepäck wieder im Empfang genommen, nach Hause gefahren und Koffer ausgepackt.  

Heute ist der 11. Baisakh, also Loktantra Diwas. Tag der Demokratie. Genauer: der 20. Jahrestag der Demokratie. Kein public holiday, oder doch? Ich weiß es nicht. Die zweitägige Reise an Ort und Stelle hat mich erschöpft.  Loktantra Diwas erinnert an die "Zweite Volksbewegung" - लोकतन्त्र आन्दोलन Loktantra Andolan, am 11 Baisakh 2063 (= 24.4.2006). Sie beendete vor 20 Jahren in 19 Tagen die autokratische Herrschaft von König Gyanendra, stellte das 2002 von diesem aufgelöste Parlament wieder her, bereitete den Weg zur Abschaffung der Monarchie und Ausrufung einer demokratischen Republik.