Sonntag, Februar 01, 2026

Das Pferd

Nein, das Jahr des Feuerpferdes hat noch nicht begonnen. Zuerst steht der Vollmond vor der Tür, bzw vor dem Fenster, über dem Dach, am Himmel, den wir auch in der Nacht nicht mehr sehen. Um auf andere Gedanken - als das Ausbluten eines ganzen Landes - zu kommen, versuche ich es mit Komik. Ich lese A Horse Walks into a Bar. Ist nicht taufrisch. David Grossmann, der Autor bekam dafür mit Jessica Cohen, seiner Übersetzerin ins Englische, den Man Booker International. Vor geraumer Zeit.  Zum Lachen ist mir nicht zumute. Ich lese, um mein english zu testen. Und zu testen, ob ich (noch) in der Lage bin, irgendetwas von dieser Welt zu verstehen. Schon der Witz im Titel geht an mir vorbei. Und in einer Rezension lese ich (wozu eigentlich?), dass Grossmann keine(n) comic novel geschrieben habe, also keinen komischen Roman, sondern eine Parabel! Eine Parabel über den Verlust einer (ganzen?) Nation! "As with all good prarables, it requires the reader to do some work in order to understand its meaning". Na bitte, da habe ich mir wieder etwas eingebrockt.

Samstag, Januar 31, 2026

Samstag

Samstag ist immer so etwas wie Feiertag. Der einzige freie Tag in der Woche für alle, die einer geregelten Arbeit nachgehen. Kein einziges Bike auf dem schiefen Parking unter meinem Fenster. Viele, die vergeblich so eine Arbeit suchen, verlassen das Land. Ungefähr 650 Tausend junge, gut ausgebildete Nepali reisten im letzten Fiskaljahr  (= nach unserer Zeitrechnung Mitte Juli 2024 bis Mitte Juli 2025) pro Monat aus mit einem Arbeitsvisum. Prozentual absteigend in die Golfstaaten, nach Saudi Arabien, Qatar, Kuwait, Malaysia, Japan, Rumänien, Kroatien ua.  Studierende nicht mit eingerechnet! Nach den Gen-Z-Protesten im September und dem Rücktritt der Regierung Oli dürfte der Exodus weiter angestiegen sein. Insgesamt gingen eineinhalb Millionen Menschen - und nur wir zwei kamen. Das ist ziemlich absurd. Tragisch und bitter.

Freitag, Januar 30, 2026

Feiertag

Freitag, 16. Magh. Feiertag. शहीद दिवस - Sahid Diwas. Märtyrergedenktag. शहीद - Sahid ist der Märtyrer, दिवस - Diwas der Tag. Kein Bike zu sehen. Nur eine müde Sonne.

Präsident Paudel appelliert an die politischen Parteien sowie an alle Bürgerinnen und Bürger (general public) - weise im Vorfeld der Wahlen vom 5. März - ernsthaft, mutig und inspiriert die Träume der Märtyrer umzusetzen, die ihr Leben für eine bessere Zukunft des Landes ließen. Er nannte die 75 Gen-Z-Märtyrer nicht explizit. Offiziell gilt der heutige Tag dem Andenken an die vier "großen" Märtyrer, die sich vor über 60 Jahren gegen das tyrannische Rana-Regime auflehnten. Und mit dem Tod bezahlten. 

Wir alle wissen, was gegenwärtig auf dem Spiel steht.

Donnerstag, Januar 29, 2026

Nebel

Heute früh ist gar nichts zu sehen. Und es fällt kein einziger Tropfen. Weder dick noch dünn, weder leicht noch schwer. Keine Sintflut. Kein Niesel. Kein Niederschlag. Nur Nebel. 

Er lichtet sich im Laufe des Vormittags. Hebt sich nach oben, verschwindet gen Himmel. Die Sonne kommt herunter, bis zu meinem Fenster unter dem Dach. Aber zu meinen Füßen, unten im Tal und über der ganzen Stadt immer noch Suppe. 

Mittwoch, Januar 28, 2026

Niesel

Es regnet! Es sprüht leicht vom Himmel. Nieselregen. Eher Nebel als Niederschlag. Dampf. Ich kann nicht unterscheiden, ob Smog oder Dunst die Sicht verhängt. 

Die Luftverschmutzung ist nach wie vor hoch und ungesund. Heute sind wir weltweit auf Platz 3 angekommen, hinter Kairo und Neu-Delhi.  

Ich versuche ein Wort zu finden für diese Art von Wetter. Die Meteorologen nennen den heutigen Regen drizzle, lese ich in der Kathmandu Post, und das bedeutet: light rain falling in very fine drops. Leichter Regen, der in sehr feinen Tropfen fällt.  

Ich möchte das nun in nepali haben. Ich soll jeden Tag etwas lernen, sagt gurubaa. Ich frage den online translator. Er scheint überfordert. Oder verwirrt. Tatsächlich fallen hier während der Regenzeit nie "sehr feine Tropfen". Der Regen prasselt immer Eimerwiese vom Himmel. Er bietet mir an:

सिमसिम पानी - Simasima pānī für drizzle bzw Niesel oder मुसलधारे वर्षा - Musaladhārē varṣā für drizzling rain, also Nieselregen. Kehre ich die Suche um, wird daraus heavy oder torrential rain (= falling rapidly and in copious quantities). Also starker oder sintflutartiger Regen.

Ich kapituliere und suche vor dem Fenster vergeblich den Horizont.

Dienstag, Januar 27, 2026

फल्चा oder पाटी

फल्चा oder पाटी - Falcha in Newari, Pati in Nepali - das sind die neuen alten "Wartehäuschen" der Stadt, die wie durch ein Wunder hier und da aus dem Boden schießen. Worauf man wartet, bleibt jedem selbst überlassen. Auf eine Straßenbahn vergeblich, denn die gibt es nicht. Busse fahren zuhauf, aber ob sie die Wartehäuschen anfahren, bleibt ungewiss. Ein "Ansager", ein meist junger, durchtrainierter Mann schreit mit kräftiger Stimme aus der offenen Tür des fahrenden Busses und gibt dem Fahrer durch Klopfzeichen auf die Karrosserie zu verstehen, wenn Passagiere ein- oder aussteigen wollen.

Die फल्चा - Falchas - fa bedeutet in Newari "offener (öffentlicher?) Platz", lcha "ausruhen" - sind ursprünglich gebaut worden als Rastplatz. Für Reisende oder Träger (porters) von weither. Klein e Hüten mit geschwungenen Dächern, oft in der Nähe von Tempeln. Mit Sitzbänken. Manchmal sogar mit Trinkwasserquellen. Die heißen in Newari हिठी - hithi. Wasser ist allgegenwärtig und überlebenswichtig.

Die erste Falcha in Kathmandu wurde 2024 (wieder) errichtet am Bijulibazaar. Seither sind 24 weitere entstanden und 30 befinden sich im Bau. Eine Initiative unseres coolen Ex-Bürgermeisters, dessen Anliegen es war, das kulturelle Erbe mit dem modernem Großstadtleben zu verbinden. 

In den neuen Falchas sitzen am Abend oft zumeist ältere Nachbarn zusammen. Ganz nach dem Motto: If elders do not rest in a falcha, it cannot truly be considered one

Zwei Bilder gibt es hier.

Montag, Januar 26, 2026

ढुङ्गे धारा

Unter meinem bescheidenen Shivatempel ist ein Brunnen. Mehrere krumme und wackelige Stufen führen hinab. Wahrscheinlich ein einstiger traditioneller, des Gefälles wegen tief in den Boden gegrabener Steinwasserbrunnen, ein ढुङ्गे धारा - dhunge dhara. ढुङ्गा ist der Stein und धारा das, was aus dem Stein herauskommt. Die Leitung, der Ausguss - mehr oder weniger schön zurechtgehauen. Was auch hier dereinst wohl ein kunstvoll verzierter oder geschnitzter Tierkopfmaulwasserspeier war, ist nun eine schnöde grüne Wasserleitung. Aber immerhin! Die Farbe deutet darauf hin, dass Trinkwasser aus dem Stein tröpfelt. Das wird mir auch immer wieder versichert und ich sehe täglich Frauen, die geduldig ihre Wasserbottiche volllaufen lassen. 20 Liter, so groß und blau wie die, die mir einmal in der Woche vor die Tür gestellt werden! Die schnallen sie sich mit einem Tuch auf den Rücken bzw um die Stirn und schleppen sie nach Hause. Jeden Morgen wieder. Oder junge Mädchen, die den boyfriend zum Haarewaschen mitbringen, damit der das Shampoo mit einem Eimer ausspült. Sie stehen dann lange kopfüber da. Oder Arbeiter, die ihre Füße, ihre Hemden, ihre Hosen, ihre Haare waschen und zum Schluss noch Zähne putzen. Oder jetzt gerade die Großfamilie und ihre halbe Dorfgemeinschaft, so scheint es mir, die sich zum traditionellen Trauern am Tempel versammelt und jeden Tag ein anderes Ritual vollzieht. Die schlafen hier, essen, wohnen, beten und waschen alles an der einen grünen Wasserleitung, was Mann und Frau und Kind waschen kann und muss. Bevor sie gehen, verbrennen sie, was sie nicht mitnehmen wollen oder können.  

ढुङ्गे धारा - dhunge dharas gehören zu einem komplexen unterirdischen Trinkwassersystem, das von den Lichchhavi oder Malla Königen vor Jahrhunderten im Valley errichtet wurde. 2008 produzierten diese Steinbrunnen im Kathmandutal ungefähr 2,95 Millionen Trinkwasser pro Tag, 2019 noch 382,399 Liter. Lese ich und verstehe wieder einmal die Kommastellen nicht. Ist das Wasser mehr oder weniger geworden? Wie auch immer die Antwort ausfällt, warum?  

Andere Zahlen: von den 389 Steinbrunnen, die im Kathmandutal 2010 gefunden wurden, waren 233 immer noch in Gebrauch und versorgten etwa 10 % der Bevölkerung mit sauberem Wasser. 68 waren ausgetrocknet, 45 verschüttet oder verschwunden durch Erdbeben oder Baumaßnahmen. Die restlichen 43 waren an kommunale Wasserversorgungsnetze angeschlossen.