Montag, August 03, 2026

Der graue Tag

Der dritte Shrawan Sombar. Der zweite Pokhara Montag. Der erste richtige Regentag. Wie er nie im Bilderbuch steht. Die Terrasse ist überdacht, ich erreiche meinen Schreibtisch trockenen Fußes. Der Regen klärt die Luft und die Gedanken. Ich muss alles neu lernen. Die Himmelsrichtungen. Wo ich Zwiebeln bekomme, Bananen und Mangos. Von Joghurt ganz zu schweigen. Ums Haus herum entdecke ich Riesengurken und so etwas wie Schlangenzucchini. Abertausende von Ameisen, die der Regen nun wegspült. Bei den Nachbarn wohnt ein Wasserbüffel. Und aus den Reisfeldern wird heute Unkraut entfernt. Das ist nicht unbedingt romantisch, die Frauen in ihren bunten Arbeitsklamotten, die sich, Regen hin oder her, in dem saftigen Grün bücken. Den lieben langen Tag. 

W sagt, in China machen das Fische, die in den Reisfeldern leben und das Unkraut fressen, die Reispflanzen aber unangetastet lassen. Die Fische brauchen aber ständig fließendes Wasser. Hier steht das Wasser eher.   

Sonntag, August 02, 2026

Das blaue Zimmer

Alles braucht seine Zeit. Ein jedes Ding und Unding. Ob wichtig oder unwichtig, nötig oder unnötig. Mitgenommen ist mitgenommen. Mitgegangen, mitgehangen. Ich bin mit meinem Schreibtisch und fünf Umzugskisten wieder im Zimmer unter dem Dach gelandet. Es ist blau gestrichen und hat blaue Vorhänge. Es ist nicht das erste blaue Zimmer, das ich in diesem Land ganz oben unter dem Dach eines Hauses entdecke. Blau ist die Verbindung zum Himmel. Höchste Reinheit. Eine spirituelle und glückseligmachende Farbe. Mein Arbeitszimmer ist derzeit das wärmste im Haus, en-suite! Seit der Routerverstärker draußen vor der Tür, an der Regengeschützten Wand der Dachterrasse hängt, ist es gut vernetzt mit der Außenwelt. Zutritt nur über die Terrasse. Fassadenkletterer wie Spinnen, Geckos oder Cockroaches sind willkommen. Auch Flugschüler, Anfänger und Fortgeschrittene, Moskitos, gemeine Stubenfliegen, Stechmücken usw.

Die blauen Schindelinschuhe sind zum wiederholten Mal zum Vorschein gekommen, diesmal unversehrt und korrekt im Plural. Ich verbanne alles Rot aus dem Zimmer und lege die türkisblauen Steine aufs Fensterbrett. Irgendwo muss ich ja anfangen. Die Fenster sind alle vergittert, bis in den obersten Stock hinauf. Auch in den Nachbarhäusern. Ich weiß immer noch nicht, wovor die Nepali sich eigentlich so sehr fürchten. Auch Beats "Sevilla '90" ist wieder da. Es lehnt am Boden. Wie eh und je. Noch scheue ich mich, Nägel in die blauen Wände zu schlagen.

Samstag, August 01, 2026

Der erste August

Die einen feiern, die andern nicht.

Nepal hat auf einen Schlag seine besten und international anerkanntesten Hochgebirgs-Bergsteiger-Experten verloren. Eine junge, leidenschaftliche, erfolgreiche Riege - die so schnell nicht zu ersetzen sei, sagt einer, der es wissen muss. Mit aller gebührenden Betroffenheit. "An international-standard mountain guide cannot be produced overnight", so der Direktor von Seven Summit Treks, "It takes years of training, repeated expeditions and practical experience." Seine Firma rekrutiert die Jungs aus entlegenen Himalayadörfern, trainiert sie über mehrere Saisons, bis sie "world-class professionals" werden. "Loosing climbers of this calibre is a devastating blow, not only for Nepal but also for the global mountaineering community." 

Am Donnerstag Mittag verschüttete eine Lawine am Broad Peak in Pakistan die zehnköpfige Expedition unter der Leitung von Nirmal Purja alias Nimsdai. GPS-Daten zeigen, dass die Gruppe bis zu 800 Meter in die Tiefe gerissen wurde. Keine und keiner hatte eine Überlebenschance. Weder der prominente Nimsdai, noch seine ebenso prominenten Sherpas: Pur Bahadur Gurung alias Yukta, Kili Pemba Sherpa alias Kilu, Nima Rinji Sherpa (der Jüngste, erst 20 Jahre alt und bereits mit Eintrag im Guiness Buch der Rekorde; als 18-Jähriger erklomm er alle 14 Achttausender der Welt, als Jüngster eben), Nawang Tendu Sherpa (der erste Beinamputierte auf dem Everest) und Gyaljen Sherpa alias Gyalu. Weder die arbeitende Klasse, die Lasten tragenden Sherpas. Noch ihre ambitionierten Kundinnen. Die Omanerin Nadhira Al Harthy (sie war 2019 die erste Frau ihres Landes auf dem Everest). Noch die Texanerin Sarah Mallory Geis (die einzige Anfängerin: es war ihr erster Versuch, einen Achttausender zu besteigen). Noch die Kunden. Der bescheidene Pakistani Sohail Sakhi. Noch der Chinese Wang Zhong. 

Die Bergung dauert an. Das Gelände ist schwierig, das Wetter unsicher, die Gefahr weiterer Schneeabgänge nicht gebannt. 

Mögen sie ruhen in Frieden. Dort, wo sie hingegangen und angekommen sind. 

Nimsdai übrigens hat der Welt das erste legendäre Foto vom Stau am Everest beschert - sowie die Diskussion darüber, wie mit den Massen am Berg umzugehen ist.

Freitag, Juli 31, 2026

Die erste Woche

Das Gehen fällt hier viel leichter, weil die Straßen flach und mehr oder minder stolperfrei gepflastert sind. Das Atmen fällt leichter, weil die Luft besser ist. Ich schlafe gut und viel. Trotzdem komme ich nicht vom Fleck. Eine Woche Pokhara und ich weiß immer noch nicht wohin am Morgen. Wasser wird jeden Tag geliefert, soviel können wir gar nicht trinken. Eine 19-Liter Gallone kostet ein Drittel von dem, was wir in der capital city berappten. Dafür wird der Müll nur alle zwei Wochen einmal abgeholt und muss den Müllmännern auf den Wagen hochgehoben werden. You have to give it to them! Was würde ich bloß ohne die achtsame Nachbarin machen? Dass der Müll nicht an der Straße stehen darf, hatte der landlord verraten, auch dass das Müllauto nicht zu überhören sei.     

Donnerstag, Juli 30, 2026

Energie

Energie muss fließen und alles irgendwann wieder an seinen Platz zurückkehren. Ein jedes Ding. Auch wenn es nur wenige sind. Allerdings muss zuerst jedes wieder zum Vorschein kommen. Aus einer der Kisten. Ich entdecke einen lädierten Zeh am rechten Fuß und kann mir überhaupt nicht erklären, wo und wann ich ihn angeschlagen habe. Er ist rot und geschwollen, falls gebrochen, werde ich ihn an seinen Nachbarn, den Großen ankleben. 

Die Elektriker kommen und laufen durchs ganze Haus, betätigen alle Lichtschalter und inspizieren Sicherungskästen. Sie montieren eine Batterie, die uns bei stundenlangen Stromausfällen Strom liefert, aber nur an bestimmte Steckdosen, damit wir nicht übermütig werden. Es ist ein converter, wie wir schon auf dem Hill einen unter der Treppe stehen hatten und nie wussten, was der da eigentlich tut. Im Nachhinein klärt sich nun das Mysterium auf, dass dort bei Stromausfall einige Lampen brannten und andere nicht. Das war das Notstromaggregat. Zusätzlich zum generator

Mittwoch, Juli 29, 2026

Der erste Vollmond

Guru purnima - der Vollmond, an dem die spirituellen und akademischen Lehrer geehrt werden - gehört eigentlich in den Monat Ashad. In diesem Jahr haben wir in Nepal bereits Shrawan. In Nordindien aber, lese ich, beginnt Shrawan erst morgen. Was den heutige Vollmondtag zusätzlich energetisch aufheizen soll. In der vedischen Kosmologie, lese ich, erreicht Jupiters Energie heute den Höhepunkt des Jahres. Jupiter gilt als Planet der Weisheit, des spirituellen Wissens und der Lehrer-Schüler (guru-disciple) Beziehung schlechthin. Der Vollmond - purnima verstärkt diese Energie zusätzlich. Mehr geht gar nicht! Und alles ist wunderbar beweglich, vor allem die Zeit. Und die Umblätterkalender. Wir haben in allen Zimmern Ventilatoren an der Decke, die ständig alles verwirbeln. Bei Stromausfall bleiben sie allerdings stehen. Heute ungefähr den ganzen Arbeitstag lang. Wir sind nicht mehr auf dem Hill, haben keinen fürsorglichen community manager mehr, der allzeit bereit für alle und jedes einspringt. Im Notfall zuverlässig den generator anhaut. Das Internet funktioniert auch mit Strom mehr schlecht als recht, jedenfalls in meinem neuen Arbeitszimmer unter meinem neuen Dach.

Die WLAN-Spezialisten kommen zu dritt mit einer mobilen Batterie und installieren einen zweiten Router sowie für mich einen Verstärker auf dem Dach. Die Batterie nehmen sie natürlich wieder mit, sie ist ihr Arbeitsgerät in Zeiten wie diesen, und wir bleiben den Rest des Tages mehr oder weniger tatenlos offline.

गुरु - Guru - lerne ich heute, setzt sich zusammen aus den Silben गु - gu (Sanskrit für Dunkelheit, Unwissenheit) und रु - ru (für Licht oder Entferner). Ein Guru ist einer, der die Finsternis der Ignoranz vertreibt. Schön gesagt!