Samstag, Juni 06, 2026

Puderquasten

Es gibt hier die seltsamsten Wunder. Am Rande der immer lauten und immer von schwarzen Abgaswolken gesättigten Golfutar Main Road entdeckte ich kürzlich auf meinem Abendspaziergang purpurrot leuchtende, zarte, haarige Puderquasten in den Bäumen. Ich hielt irritiert inne, denn ich war nicht sicher, ob mir meine Phantasie etwas vorgaukelt oder Kinder hier ihre Basteleien im Baum versteckt haben. Die Blüten hängen wie an dünnen Schnürchen, wie faserige Weihnachtskugeln.  

Aber alle Bäume, die hier in Reih und Glied am Straßenrand stehen, zwischen dem aufgerissenen Bürgersteig und dem wuseligen Linksverkehr, auf meiner ganzen täglichen Rennstrecke zum Dragon, tragen Puderquasten. Powderpuffs. Soviel basteln können die Kinder gar nicht und soviel Geduld bringen auch Erwachsene nicht auf, sämtliche Bäume einer Allee zu schmücken. Ich hole mir eine Blüte vom Baum (das machen die Nepali auch) und trage sie nach Hause. Mache ein Foto und befrage das Internet. क्यालियान्ड्रा - Kyaliyandra. Calliandra - Puderquastenstrauch oder -baum. Auch Seidenbaum, persische Akazie oder Schlafbaum genannt. Sie rollt ihre Blätter längs ein während der Trockenperiode und wartet auf bessere Zeiten. Die Nepali haben ihr eigenes Wort क्यालियान्ड्रा, verwenden aber wie so oft lieber die gängige englische Bezeichnung Powderpuff. Ich weiß nicht, ob die Frauen das Wort auch in englisch in ihrer Schminktasche haben. Ich besaß meiner Lebtag nie eine(n?) Powderpuff.  Jetzt schon, liegt doch eine der puscheligen Blüten auf meiner Küchenzeile.  

Die Bäume wurden vor ein paar Monaten brutal zurückgeschnitten. Bevor die Bürgersteige aufgerissen und Erdkabel vergraben wurden. Ich dachte, das hätte logistische Gründe. Dass Bodenarbeiten besser erledigt werden können, wenn die Bäume über den Köpfen der Arbeiter zurückgeschnitten sind. Im übrigen hängen dort in luftiger Höhe immer noch die Kabel, die in die Erde verlegt werden sollen. Aber das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Nicht in Nepal. Alle Bäume werden überall brutal gestutzt. Auch rund um meinen Tempel. Alle heiligen und unheiligen Bäume. Die locals wissen, was sie tun und brauchen keine Belehrungen. Ich traue meinen Augen nicht, wie schnell das Grün nach dem ersten bisschen Regen (noch haben wir pre-monsoon) ausschießt und bereits wieder Kronen bildet. Schatten spendet.

Es ist heiß geworden. Die Arbeiten am Boden ruhen seit Wochen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Nicht in diesem Land.

Freitag, Juni 05, 2026

Hillary Sir

Niemand kommt ohne die Hilfe der locals, der Sherpas auf den höchsten Gipfel der Erde. Niemand darf die Mutter Qomolangma besteigen, ohne die Begleitung eines Sherpas, der die ungeschriebenen Gesetze dieser Welt kennt und respektiert. Das war immer so und so wird es bleiben. Gerade nach der alle Grenzen des Vorstellbaren sprengenden Selbstrettung eines 57 Jahre alten Sherpas, Hillary Zwo.

Sir Edmund Hillary wäre ohne Sardar Tenzing Norgay Sherpa nie auf den Gipfel gekommen. Und ohne die anderen - Köche, Porter, Logistiker - schon gar nicht. Dass die beiden am 29. Mai 1953 die Ersten waren, ist Zufall. Es hätte auch anders kommen können. Sardar Tenzing war im Jahr zuvor mit einer Schweizer Expedition bereits kurz vor dem Gipfel. Ein Wetterumschwung zwang sie auf 8600 m zur Umkehr.

Damals - davon mögen Extremsportler und Einzelgänger heute träumen - erlaubte das hinduistische Himalaya-Königreich Nepal eine einzige Everest-Expedition pro Jahr. Hätte Mutter Qomolangma auch Hillary Sir im entscheidenden Moment einen Hagelsturm geschickt, wären wieder die Helvetier an der Reihe gewesen. Die kamen 1956 wieder. 

Heute ist es eine Industrie - The Everest Expedition Industry, der Hillary Zwo fast zum Opfer gefallen wäre. Er ist ein erfahrener Bergsteiger und erprobter Krisenmanager. Den Spitznamen "Hillary" bekam er 2008, als er beim Abstieg vom Makalu das Steigeisen am linken Schuh verlor - und es erst merkte, als er die steilsten Stellen überwunden und wieder festen Boden unter beiden Füßen hatte. Erst dann fiel ihm das Ungleichgewicht auf.  

Donnerstag, Juni 04, 2026

Hillary Zwo

Woher "Hillary" Dawa Sherpa seinen Spitznamen hat, kann ich mir denken. Aber warum er ihn hat - und alle ihn offensichtlich rege nutzen - weiß ich nicht. Er war nie auf dem Gipfel des Everest, sagt seine Tochter im HAMS in Kathmandu den versammelten Reportern. Ihr Vater lebt! Er war gerade eingeflogen und auf die Intensivstation gebracht worden. Was niemand für möglich gehalten hat, ist eingetreten. Das Wunder am Everest, oder besser im Khumbugletscher. Ein Team, das damit beschäftigt war, nach der Rekordfrühjahrssaison das Base Camp aufzuräumen und Müll zusammenzutragen, entdeckte den seit Tagen vermissten, tot geglaubten Sherpa heute früh. Er kroch mehr, als dass er ging. Wie er durch den Eisbruch kam, bleibt ein Rätsel. Er hat sich selbst gerettet, wie, das wird er vielleicht eines Tages erzählen. Sieben Tage ohne Nahrung, ohne Hilfe, am Rande der Todeszone ohne Sauerstoff. Er war bei dieser letzten Expedition der Saison nicht als guide eingesetzt, sondern als Koch, Träger, Logistiker. Es war nicht seine Aufgabe, die beiden letzten Ausländer, einen Briten und einen Polen auf den Gipfel zu bringen.   

Aber wer weiß. Vielleicht hat er deshalb 7 Tage "ohne Nahrung" überlebt. Der Koch wusste, wo in den verlassenen Camps noch Vorräte lagern können. Einige Nächte muss er in einem der Zelte verbracht haben. In einem der Camps. Zweieinhalb Tage verbrachte er in einer Gletscherspalte. Befreien konnte er sich erst nach heftigem Schneefall. Der Schnee füllte das Loch und Hillary kroch hoch. Es sind viele Fragen offen in dieser kaum zu glaubenden Geschichte. 

Der Brite, mit dem er bis kurz vor Camp III zusammen abgestiegen war, äußerte sich mit einem Video betroffen über den angeblichen Tod "Hillarys". Er erntete - wie das heute üblich ist - einen massiven shitstorm. Weltweit fühlten sich alle von ihren weichen Sofas aus berufen, den Mann zu beschimpfen und als "Mörder" zu verurteilen, weil er einen Sherpa seinem Schicksal überlassen hatte. Dass er sich stattdessen um den polnischen Bergsteiger gekümmert hatte, interessierte niemanden. Die beiden Ausländer waren die letzten am Berg, die letzten einer Rekordsaison und in den letzten langen Stunden ihres Abstiegs allein, zu zweit, auf sich selbst gestellt. Mit einer halben Flasche Sauerstoff, die sie sich, mangels Nachschub, teilten. 

Mitten im Massenansturm vor ein paar Tagen wäre die Geschichte anders verlaufen und niemand hätte je davon erfahren. Bartek Ziemski, der Bodenverbundene polnische Skifahrer tut wahrlich gut daran, keine socialmedia-Kanäle zu bedienen.  

Niemand fragte, warum nicht sofort eine Rettungsaktion für "Hillary" eingeleitet wurde, spätestens am 30. Mai morgens, als klar war, dass er nicht in Camp II übernachtet hatte. Niemand fragte, warum alle Fixseile ab Camp IV nach unten bereits entfernt waren und warum am 31. Mai fast alle Leitern im Khumbu-Eisfall abgebaut wurden. Obwohl "Hillary" noch irgendwo oberhalb des Gletschers sein musste. Niemand fragte, warum der erste Helikopter erst nach 5 Tagen, nämlich gestern, am 3. Juni zu einem Erkundungsflug bis ungefähr auf die Höhe von Camp III aufstieg und unverrichteter Dinge nach Lukla zurückflog. Man habe nichts und niemanden gefunden, erklärte der Pilot. "Hillary" hingegen sagt heute, endlich wieder unter Menschen, bei Bewusstsein und klarem Verstand, nach ein paar Schlucken warmen süßen Tees, er habe den Helikopter gehört und gesehen. Er habe zweimal die Arme gehoben, aber vergeblich. Das um Tage verspätete Rettungsteam suchte wahrscheinlich nicht nach winkenden Armen, sondern nach einem reglosen Körper. 

Aber wer weiß. Vielleicht hat "Hillary" deshalb den Abstieg fast bis ins Base Camp aus eigener Kraft geschafft. Vielleicht gab ihm, dem seit Tagen am Berg Alleingelassenen, dieser Helikopter am Himmel den entscheidenden letzten Schub - sie haben mich nicht vergessen! Mein Arbeitgeber scheut die Kosten für eine Rettung aus der Luft nicht länger! Vielleicht verlieh ihm der gerade am Himmel wieder verschwundene Rettungsanker die Portion Energie, die er noch brauchte, um das schwierigste und letzte Stück seiner Selbstrettung in Angriff zu nehmen. Den Khumbu-Eisbruch zu queren. Rutschend. Kriechend. Auf allen Vieren. Die ganze Nacht durch.

Mittwoch, Juni 03, 2026

Der früheste Sonnenaufgang

3. Juni oder 20. Jeshta. Die Sonne geht um 05:07 auf, dabei bleibt es jetzt bis zum 17. Juni. Noch vor der Sommersonnenwende dreht sie wieder ab. Geht am 18. Juni eine Minute später auf, so wie gestern. Das behält sie für ein paar Tage bei, genau bis zum Tag nach dem Solstitium. Der Sonnenuntergang zieht sich weiter in den Abend hinein, so dass die Tageslänge von heute 13:47:59 kontinuierlich anwächst bis auf 13:53:47 am längsten Tag des Jahres. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: wir hängen hier etwas schräg im Universum, aber wir hängen! Und pendeln. 

Am Morgen ist auch der Mond noch zwei Stunden am Himmel. Fast, denn irgendwann verschwindet er im Dunst des Tages. Und am Abend stehen Jupiter und Venus im Westen schon ziemlich nah beieinander.

Dienstag, Juni 02, 2026

Rekorde

Ein Jahr der Rekorde, sagen alle, die dabei waren. Ob virtuell über irgend ein Fenster und in diversen chatrooms. Oder real, live. Frierend und zitternd. Auf dem Hin und Her zwischen den Camps genannten Zeltlagern. Zwecks Akklimatisierung. Und in der ständigen Hoffnung auf besseres Wetter. 

Ein kurzes Frühjahr der Rekorde. Am Everest hat das Jahr nur zwei Geh-Zeiten. Die Frühjahrs- und die Herbstsaison. Dazwischen ist der Berg closed. Seit Freitag, seit dem legendären Sagarmatha-Day, ist die erste Saison des Jahres beendet. Das ist immer so, höre ich. Immer am 29.5. ist Schluss. Ein paar zerstreute Bergsteiger waren noch auf dem Abstieg. Und - das wusste man spätestens seit dem Morgen des 30.5. - ein Sherpa war über Camp III, auf ungefähr 7.600 m "verloren" gegangen. Seine beiden ausländischen Kunden stiegen ab, selbst am Ende der Kräfte, der eine mit Frostbeulen und ohne Sauerstoff. Der zweite Sherpa dieser Gruppe ging auch "verloren", allerdings in der anderen Richtung. Der war als erster sicher im Camp II angekommen. Als am 31. Mai auch die Letzten das Base Camp erreichten, wurden die Leitern im Khumbu-Eisbruch abgebaut. Die Saison ist zu Ende. 

Der Sherpa mit dem Spitznamen "Hillary" - Hillary Dawa Sherpa - wird nach wie vor vermisst.

Bleiben wir bei den Rekorden. Einer der ersten auf dem Gipfel war der Pole Bartek Ziemski (der Name kommt vom polnischen Substantiv "ziemia" (= die Erde), das Adjektiv dazu kann also so etwas wie geerdet, irdisch, bodenverbunden meinen). Wir hatten ihn hier schon, er war der einzige Ausländer, der den Sherpas half, Leitern und Fix-Seile für einen sicheren Aufstieg der Massen zu installieren. Bartek hatte seine Hintergedanken dabei, teilte aber seine Pläne mit niemandem. Er ist der bescheidenste Mensch am Berg, trägt alles selbst, sein Zelt, sein Essen, die Skier. Er macht alles allein, ist gut vorbereitet, hat keinen Sponsor, nutzt keinen zusätzlichen Sauerstoff, keine social media Kanäle, ist kein selfie-man, (wohl aber ein self-made-man) und muss jeweils andere bitten, ein Foto von ihm machen, wenn er eines haben will. Am 12. Mai steht er auf dem Nachbarberg Lhotse (8.516 m) und fährt auf den Skiern ab. Die Abfahrt führt zum Everest Camp I und durch den Khumbu-Gletscher ins Base Camp. Nur eine Woche später, am 19. Mai, steht er auf dem Everest (8.848 m), weiß, dass er keine Zeit verlieren darf, schnallt die Skier an und fährt hinunter. Macht in Camp IV einen kurzen Halt, um sein Zelt einzupacken, das er dort für alle Fälle hatte stehen lassen. Wieder ohne Sauerstoff. Wieder durch das Nadelöhr, den Khumbu-Icefall. Er kommt unten im Base Camp an, ehe überhaupt jemand bemerkt hat, dass er oben war. Glücklich vor den 274 Bergsteigern, die am 20. Mai den Gipfel stürmen, die höchste je verzeichnete Anzahl an einem einzigen Tag in der Geschichte der Qomolangma, der Göttin Mutter dieser Erde. 

Eine Saison der Rekorde. Der bescheidenen und unbescheidenen. Bartek ist der zweite Mensch, der vom Everest auf Skiern abfuhr. Andrzej Bargiel, sein Landsmann kam ihm letzten Herbst zuvor: als erster auf Skiern vom Everest-Gipfel ins Base Camp. Auch ohne Sauerstoff, aber mit der Mütze seines Sponsors auf dem Kopf. Durch die gefährlichste Strecke, den Khumbu Eisbruch ließ er sich von einer Drohne leiten. Aber das ist Schnee von gestern.

Die Saison der Rekorde. Der schweizerisch-ecuadorianische Speedbergsteiger Karl Egloff musste seinen Versuch, nonstop und ohne Sauerstoff vom Base Camp auf den Gipfel zu kommen, in den frühen Morgenstunden des 27. Mai auf 7903 Metern abbrechen. Seinem Kletterparter Miranda ging es nicht gut und sie beschlossen umzukehren. Der US mountain runner, Extrem- und Ausdauersportler Tyler Andrews startete am Abend desselben Tages und schaffte es in 9 Stunden und 55 Minuten vom Base Camp auf den Gipfel, die schnellste je gemessene Zeit (FKT - fastest known time) - allerdings mit Sauerstoffunterstützung. Er konnte, wie Egloff auch, seinen Rekordversuch erst gegen Ende der Saison planen - sonst hätten ihm ein paar Hundert Leute im Weg gestanden, die er auf dem letzten Abschnitt unter dem Gipfel nicht überholen durfte, nicht überholen konnte. Er brach am Abend des 27.5. um 7:11 pm auf und erreichte den Gipfel am nächsten Morgen um 5:06 am. Für den run down  brauchte er nur 6 Stunden und 37 Minuten. Abwärts geht es immer schneller. Insgesamt war er 16 Sunden und 32 Minuten auf den Beinen. Egloff war 20 Stunden und 45 Minuten unterwegs, ohne den Gipfel erreicht zu haben. Auch wer aus Vernunft abbricht, muss den Weg zurück schaffen.    

Ein anderer Rekord: Mingma David Sherpa, der erste gewählte nepalesische Abgeordnete der Geschichte hisste die Fahne des Nepalesischen Parlaments am 27. Mai auf dem Gipfel. Er ist ein neues Mitglied des Parlaments, aber kein Neuling auf den Achttausendern. 

Die 1008 Bergsteiger auf dem Gipfel hatten wir schon, auch die Mountain Queen und den Everest Man. Verglichen dazu sind 5 Todesopfer (zwei indische Touristen, 3 Sherpas) zwar bedauerlich, aber im Verhältnis zu anderen Jahren gemäßigt. 

Die internationale Presse verbreitete viel Propaganda über die tödliche Todeszone und den von der Regierung zugelassenen Massenandrang. Ich möchte mal wissen, was wäre, wenn der höchste Berg der Erde nicht im ärmsten Land Südasiens stünde, sondern in einem der reichsten überhaupt. 

Montag, Juni 01, 2026

बाँदर

Ab und zu kommt ein einzelner Affe vorbei, wenn ich am Morgen am Tempel in mein Qigong versunken bin. बाँदर - badar ist der Affe, wir hatten den schon, vor fast genau einem Jahr, aber heute erst in Devanagari. Er interessiert sich nicht für mich, auch nicht für die komplizierten Buchstaben in meinem Kopf, sondern schwingt sich in die Bäume hoch auf der Suche nach etwas Essbarem. Die Vorhut, denke ich immer. Wenn hier ein Bananenstand stünde, ein Obstshutter voll beladen mit Mangos und Litchis, versammelte sich bestimmt gleich die ganze Großfamilie. Auch stellte ich kürzlich fest, dass die Angestellten der Municipality, die den Hintereingang benutzen, dem einen Affen, der hier ab und zu auf Streife ist, mit Respekt begegnen. Sie gehen ihm großzügig aus dem Weg.

Der heute scheint noch zu lernen. Er kommt vom schrägen Parking heruntergeschlendert, tapst durch die wilde Wiese und hockt sich dann mitten auf das neu begradigte Stück der unfertigen Straße. Wie um zu meditieren. Die Krähen, die immer ein Höllenspektakel veranstalten, kaum nähert sich ein बाँदर (die  काग - kag = Krähe / कागहरू - kagharu = Krähen kommunizieren sicherlich ausschließlich in nepali), sausen im Tiefflug über den Pelzigen hinweg und bereiten sich darauf vor, ihm das Hirn oder den Hintern aufzuhacken, aber der junge Affe begreift, dass er schleunigst Schutz suchen muss. Er klettert flugs über das Blechdach, unter dem ich stehe, in den Bodhibaum. Er braucht ein Blätterdach. Ein Shiva-Dach! Die Krähen kreischen hysterisch weiter, wahrscheinlich wütend, weil sie ihr Ziel nicht mehr ansteuern können. Sie verteidigen Nester und Jungvögel. बाँदर aber hält sich still. Ich kann ihn von unten sehen. Er hat so etwas wie Angst in den Augen. Duckt sich. Ist überhaupt nicht mehr an Futter interessiert. Tut so, als gäbe es ihn nicht. 

Irgendwann ist er des Gekrächzes leid. Er trollt sich. Zieht ab. Auf dem Weg, auf dem er gekommen ist. Ab und zu bleibt er stehen, dreht sich noch einmal um. Als ob ihm etwas leid täte. Die Krähen haben gesiegt und sind verstummt. 

Hier noch die anderen Wörter von vor einem Jahr in Devanagari - weil gerade ein बाँदर, ein भोको बाँदर - bhoko badar, ein hungriger Affe unterwegs ist:

बादल - badal = Wolke(n)

बदाम - badam = Nüsse, Erdnüsse oder Mandeln 

हाडे बदाम - hade badam = geschälte Nüsse 

काँचो बदाम - kamco badam = rohe Nüsse

कछुवा बदाम - kachuva badam = turtle almond, zu deutsch Karamellmandeln, klebriges süßes Zeug, gibt es auch als Eis oder Kuchen

Sonntag, Mai 31, 2026

Feiertag

Weil Sonntag. Neuerdings auch Wochenende. Vollmond, der zweite im Monat Mai des westlichen Kalenders. Ein sogenannter blue moon, heute sogar ein blue micro moon, ein winziger Vollmond, der kleinste des ganzen Jahres 2026 AD. Denn er befindet sich auf seiner Umlaufbahn gerade im Apogäum, an dem Punkt, der am weitesten entfernt von der Erde liegt. Weiter geht nicht. Außer unser Erdtrabant würde plötzlich aus seiner Bahn austreten - oder durch etwas Unvorhergesehenes aus ihr hinauskatapultiert. 

Ein blue apogee micro moon kommt selten vor (nicht ganz so selten wie kshaya maas), sagt die Fachwelt. Der letzte zeigte sich am 31. Oktober 2020, und der nächste kommt erst am 30. Juli 2053 wieder an unseren Nachthimmel. Dieselbe Fachwelt sagt, die Bezeichnung blue moon beruhe auf einem Missverständnis. In einem Artikel von 1946 im Fachjournal "Sky and Telescope Magazin" bezog sich der Autor auf eine frühere, komplexere Definition des blue moon und interpretierte sie falsch. Ursprünglich war ein blue moon der dritte Vollmond einer Jahreszeit (Frühling, Sommer, Herbst und Winter), in der vier statt üblicherweise nur drei Vollmonde auftreten. Blue moon meint also eigentlich den dritten Vollmond einer Jahreszeit und nicht den zweiten Vollmond eines Monats. Der heutige Vollmond wäre auf den Frühling (März, April, Mai) bezogen, der dritte oder der vierte. Je nach dem, wie man die Jahreszeit definiert. Ob kalendarisch oder astronomisch. Im Endeffekt eine rein fachweltliche Haarspalterei!   

Für die Hindus fällt der heutige Vollmond mitten in den Malamaas - in den Schaltmonat ohne besondere Anlässe. Da gibt es nur einen Vollmond und der heißt अनला पुन्ही - Anala Punhi. Der Vollmond in Anala. Anala ist ein weiterer Name für den zusätzlichen Monat, in dem nichts Wichtiges unternommen werden soll, nicht einmal in Gedanken!

Und so "blau" geht der blue apogee micro moon auf am Abend. Die Stadt liegt mir zu Füßen. In der Nacht ist sie lichtverschmutzt. Von meinem Dach aus gesehen trifft अनला पुन्ही - Anala Punhi die Sache besser!