Mittwoch, Juni 24, 2026

Kalender und Sanduhr

Im Original Kalendarz i klepsydra. Bis heute nicht ins Deutsche übersetzt, das Lügentagebuch (lże-dziennik) Meister Konwickis aus dem Jahr 1974.  Ab heute zähle ich die Tage des aktuellen Monats herunter. Noch genau ein Monat CG Hill. Es ist heiß, und so lange wir in dieser vornehmen Siedlung wohnen, kann ich jeden Tag im communityeigenen pool schwimmen. Der Monsun lässt auf sich warten.

In der Baugrube beginnt die Feinarbeit. Von Hand mit Spaten. In Slippers. Ohne Lärm werden den lieben langen Tag leere Zement- oder Reissäcke mit Erde gefüllt und aufgestapelt. Eine Art Schutzwall gegen rutschendes Gelände. Solange es nicht regnet, ist alles gut. Vielleicht kommt davor, als Rand der Grube, noch eine richtige Mauer. Kurz vor Feierabend legt sogar der Chef Hand an.

Dienstag, Juni 23, 2026

Das Vakuum

Ich habe kürzlich beim hiesigen Onlinehändler zufällig eine einfache Wasserpumpe entdeckt, bestellt und am nächsten Tag an die Haustür geliefert bekommen. Die schraube ich oben auf den 20-Liter-Trinkwasserbottich und sie pumpt mir, das des langen Schlauchs, das Wasser bis zum allerletzten Rest nach oben. Ich muss nur ein paar Mal manuell auf den Pumpkopf drücken, je weniger Wasser in der Gallone, desto öfter muss ich drücken. Easy working

Davon träume ich schon lange. Anders gesagt, ich wundere mich, seit ich in Nepal bin, dass es keine andere Systeme gibt, um die Trinkwassergallonen anzuzapfen als das Kopfüberstülpen-Prinzip. Vom simplen dispenser bis hin zur pfiffigen Anlage, die, solange sie am Strom hängt, eiskaltes, zimmerwarmes oder kochendes Wasser spendiert, funktioniert alles nur, indem man den Flaschenhals der Gallone öffnet und die Gallone mit dem offenen Hals nach unten auf ein Gefäß aufsetzt, das immer kleiner ist als sie selbst. 

Zwar habe ich gelernt, meine inneren Blockaden zu überwinden und den offenen Bottich kopfüber auf den Dispenser zu setzen, obwohl mein Hirn mich auch nach 21 Monaten und ungefähr 87 Gallonen Trinkwasser immer noch zuverlässig versucht, mich davon abzuhalten. Es warnt mich, weil das nicht gut gehen kann. Weil das Wasser überlaufen muss. Die 20 Liter von oben passen nie und nimmer in das kleine Gefäß unten. Die Küche wird überschwemmt!

Mein Hirn weiß nichts von Physik. Von Schwerkraft und Unterdruck. Von der Vakuumsperre, die verhindert, dass mehr Wasser in den Dispenser fließt als dort Platz hat. Sobald der Wasserstand unten den offenen Flaschenhals von oben erreicht, fließt kein Wasser mehr nach unten und steigt keine Luft mehr nach oben = Vakuum! So einfach ist das. Easy working! Wenn ich unten Wasser zapfe, schwebt die Öffnung der Gallone wieder frei in der Luft. Die Luft steigt blubbernd auf und genausoviel Wasser, wie ich entnommen habe, fließt wieder nach unten.

Auch die Pumpe nutzt, wie ich in der Bedienungsanleitung lese, mit Vakuum, genauer mit innovativem Vakuum - innovative vacuum action for easy pumping. Tatsächlich kostet es mich kaum Kraft und das Wasser fließt. Der Kopf gibt Ruhe, denn auf die Hand ist Verlass. 

Montag, Juni 22, 2026

100-lecie Mistrza

Der Umzugsmann kommt und schaut sich alles an, was mit muss. Er wird in den nächsten Tagen 40 Kisten liefern und ich kann anfangen zu packen. Er meint, die Hälfte würde reichen. Wir kamen mit 20 DHL's an und ein paar Koffern. Ein bisschen was ist dazugekommen. 2 Schreibtische (die nicht in die Kisten passen müssen), 2 Stühle, 3 Heater, 1 Ventilator ... 3 Töpfe, 1 Bratpfanne, 4 Teller, ein paar Tassen und Gläser.

Mein Meister, Tadeusz Konwicki wäre heute 100 Jahre alt geworden. Es ist gut, dass er nicht mehr da ist. Seine Welt ist untergegangen, Czytelnik umgewidmet, Blikle verkauft oder geschlossen, die Nowy Swiat keine neue Welt mehr. Nur der Kulturpalast steht noch, wo er immer stand.  

Sonntag, Juni 21, 2026

Rabi Saptami

Der astronomische Sommer beginnt bei uns um 2:09 pm Ortszeit, Nepaltime. Die Sonne geht bereits seit vier Tagen wieder eine Minute später auf, aber, wie bereits berichtet, immer noch kontinuierlich später unter. Die Tageslänge nahm, wie es sich gehört bis heute zu, und nimmt ab morgen wieder ab.  

In der Nacht fiel der letzte Frühlingsregen und füllte die Baugrube. Weiße Reiher versammeln sich in der Früh am Ufer. Kobaltblaue Eisvögel baden. Frösche quaken. Die Jungs, die sonst Fußball spielten veranstalten am Nachmittag so etwas wie Wattölympiade. Schlammschlachten.

Weil heute der siebente Tag des zunehmenden Mondes ist und gleichzeitig Sonntag, feiern die Hindus रवि सप्तमी - Rabi Saptami. Rabi oder Ravi ist ein anderer Name für Surya, den Sonnengott. Für mich war Surya immer weiblich, aber hier wird Lord Surya gedacht, heute ganz besonders in Erwartung seines göttlichen Segens für Gesundheit, Weisheit und Wohlstand. Der Sonntag - आइतबार - Aaitabar gehört auch im Hindukosmos der Sonne. Der Name geht auf das alte Sanskritwort आदित्य - Aaditya für Sonne zurück. Aber सप्तमी - Saptami gehört dem Mond und kommt von der Zahl 7, in Sanskrit सप्त - sapta, in Nepali heute eher सात - saat. Saptami kommt jeden Monat zweimal, wie alle anderen 14 Tage auch (beispielsweise Ekadashi). Saptami ist immer am 7. Tag des zu- oder abnehmenden Mondes. Derzeit nimmt er zu und steigt immer höher, wie wir jeden Abend vom Drach aus beobachten können. 

Fällt dieser 7. Mond-Tag auf einen Sonn-Tag, wie heute, verstärken sich die göttlichen Energien von Sonne und Mond. Die Synergie am Himmel hilft, sagen die Gläubigen Hindus, bei allerlei Zipperlein, aber auch bei größeren Leiden. W verbringt gerade den halben Tag im OP der Zahnklinik.

may light and life always favor 

Samstag, Juni 20, 2026

Sithi Nakha II

Die Newari reinigen heute ihre Brunnen. Wieder ist, wie bereits vor einem Monat, der 6. Tag der hellen Mondphase. Also des zunehmenden Mondes. Wieder Sithi Nakha. Immer noch - Glück gehabt, trotz des Schaltmonats Adhik Maas, der zwar alle weltlichen Festivitäten aufhalten kann, nicht aber das Wetter oder die Wolken - premonsoon. Also vor dem großen Regen. Das Brunnenputzen lohnt sich. Sithi Nakha, sagt auch mein Nepali Calendar. 

Und Rato Machhindranath - das längste "Wagen"-Festival Nepals geht endlich zu Ende. Die Prozession begann an Baisakh Shukla Pratipada, am ersten Tag nach Neumond im ersten Monat des nepalesischen Jahres, am 5. Baisakh BS oder 18. April AD. Der Wagen mit Machhindranath, dem Gott des Regens und einer guten Ernte, durfte nicht weiter gezogen werden, als der Schaltmonat Adhikmaas begann, der Monat ohne besondere Anlässe wie Jatras, Umzüge, Festivitäten. Machhindranaths Wagen blieb in den frühen Morgenstunden des 17. Mai in Thati Tole, Lagankhel stehen und durfte erst vor 5 Tagen seine Fahrt fortsetzen. Heute erreichte er endlich sein Ziel Jawalakhel in Lalitpur. Der Regengott darf nun in seinen Haustempel Bungamati zurückkehren.

Traditionell endet Rato Machhindranath mit der Botho Jatra, einem spektakulären happening in Jawalakhel, an dem ua unser Premierminister sowie der kürzlich (ich glaube, der hatte 2 Adhikmaas) wieder ins Amt geholte Innenminister teilnehmen.

Freitag, Juni 19, 2026

Shivas Tränen Zwo

Es gibt DI Skin Hospital und DI Dental Hospital. Praktischerweise in einem Haus. Wir betreten nur den rechten Flügel. Heute ist W dran. 

courtesy DISHARC
Auf der Auffahrt nimmt den größten Teil des Parkplatzes ein riesiger Shiva Lingam ein. Wie ich auf der Erklärungstafel lese, stand hier einst ein रुद्राक्षको रूख - ein Rudrakshabaum oder wissenschaftlich Elaeocarpus ganitrus. Der heilige Baum der Buddhisten und Hindus. Sie binden aus den getrockneten Steinfrüchten, den Rudraksha-Perlen oder Tränen Shivas ihre Gebetsketten. Das ist so etwas wie ein Rosenkranz, nur sind die Perlen größer, gröber und natürlichen Ursprungs. Der Rudkrashabaum auf dem Gelände der heutigen DI-Klinken war einst riesengroß, dann trocknete er aus und starb ab. Er war durch nichts mehr zu retten. Aber die Erinnerung an den alten, heiligen Baum ist erhalten geblieben. Man stellte ihm ein Kunstwerk zur Seite: eine überdimensionierte Muschel mit einem Kupfersiphon im Zentrum, aus dem der auch überdimensionierte Shiva Lingam herausragt. Die Patienten, die zu Fuß kommen, schreiten der Muschel entlang bis ans Ende der Wirbelspitze auf den Eingang der Klinik zu.
Vor dem Lingam, an der Wurzel des toten Baumes, unten am Lingam und in der Mitte der Muschel sitzt Lord Shiva behängt mit mehreren seiner eigenen Tränen, den Rudrakshaketten: रुद्र सिद्धेश्वर महादेव - Rudra Siddheshwar Mahadev. 
Ich habe nachgelesen: Rudra meint den wilden, ungezähmten vedischen Aspekt Shivas. Shiva tritt vor den DI Kliniken als derjenige auf, der die Probleme an der Wurzel ausrottet (zB einen faulen Zahn zieht!). Siddeshwar bedeutet Herr aller Siddhis, aller göttlichen Kräfte, der spirituellen Vollkommenheit und Erleuchtung. Mahadev ist der höchstmögliche Titel für Shiva. Kombiniert bezeichnen die drei Namen die Gottheit, die über absolute kosmische Macht verfügt und vollkommene spirituelle Befreiung gewährt. Ende allen Leidens, nicht nur der Zahnschmerzen! 

Donnerstag, Juni 18, 2026

Dangre Rupi

Es wird Zeit, dass wir hier wegkommen. Am Mittag fährt der Bagger wieder auf und ebnet bis zum Abend eine beachtliche Baugrube direkt unter meinem Fenster. Die Hirtenmainas - डाङ्ग्रे रुपी Dangre Rupi - unsere Stammvögel, sind verstört, frenetisch, verschreckt, ekstatisch ... ihre Schaukelstühle und Hängematten verschwinden, alle feinen Verästelungen der meterhohen Sträucher werden kopfüber untergegraben. Wenn noch etwas herausragt, dann sind es Wurzeln. Die werden bei der nächsten Kehre plattgefahren. Ein würziger Duft liegt bis in den späten Abend in der Luft, hier wuchsen allerlei Heil- und Wildkräuter (Viehfutter!). Und die Tauben kommen, die Krähen, die sich mit den Mainas auf das Kriechzeug stürzen, das in der umgewälzten Erde wehrlos an die Oberfläche geriet. 
Beim nächsten Einsatz des Baggers wird das Fußballfeld der Stadtjugend daran glauben müssen.