Der neue Mond ist am Abend zu sehen, eine dünne liegend Sichel, bereits 4,9 % gefüllt!
Gestern gab es Rekorde am Everest. Lhakpa Sherpa stand um 9:30 am zum elften Mal auf dem höchsten Gipfel der Erde. Und ist - wie berichtet wird - mittlerweile gesund wieder im Base Camp angekommen. Damit hat sie ihren eigenen Rekord von 10 Besteigungen übertroffen. Keine Frau der Welt war öfter auf dem Qomolangma (wie die Sherpas den Berg nach wie vor nennen). Sie stieg acht mal von Norden, von der tibetischen Seite hoch und gestern zum dritten Mal von Süden, von der nepalesischen Seite.
Lhakpa Sherpa war nicht die erste Nepalesin auf dem Sagarmatha (wie der Berg offiziell in Nepal heißt), aber sie war die erste ihres Landes, die nicht nur hoch- sondern auch wieder heruntergekommen ist. Zum ersten Mal am 18. Mai 2000.
Die erste Frau auf dem Everest war die Japanerin Junko Tabei, sie erreichte den Gipfel am 16. Mai 1975 über die Südroute. Elf Tage später stieg die Tibeterin Phanthog über die Nordroute auf. Die dritte Frau war die Polin Wanda Rutkiewicz am 16. Oktober 1978. Die vierte, die Deutsche Hannelore Schmatz, war die erste Frau, die hoch, aber nicht mehr herunterkam. Sie starb auf dem Abstieg am 2. Oktober 1979. Es folgten viele viele Frauen, aber erst 1993 eine Nepalesin - Pasang Lhamu Sherpa. Auch sie starb auf dem Abstieg, keine 100 Meter unter dem Gipfel, auf etwa 8,750 Metern. An Entkräftung, wie es heißt. Und aufgrund miserabler Wetterverhältnisse.
Pasangs Gipfelgeschichte, bzw. die Geschichte der ersten nepalesischen 3-Frauen-Expedition kann man hier nachlesen. Die Autorin des Buches "Forty Years in the Mountains", Lhakpa Phuti Sherpa, ist natürlich nicht objektiv, sie muss es auch nicht sein. Es sind schließlich ihre autobiographischen Aufzeichnungen aus vier Jahrzehnten, die sie mit uns teilt. Sie war Teil des Frauentrios, Pasang war ihre "Schwester", Freundin, Gefährtin. Sie glichen sich auch äußerlich, berichtet Lhakpaphuti, und wurden oft verwechselt. Auch und gerade nach dem Tod der einen. Die Erinnerung an jene Tage und Wochen zwischen dem 8. März und dem 22. April 1993 sind schmerzhaft - das Scheitern und die Katastrophe kündigten sich in mehreren bad omens, schlechten Träumen und eindeutigen Orakeln mehrerer Lamas und Astrologen an. Alle Sherpas beten, bevor sie sich auf den Weg machen und befragen den Himmel, das Universum, Hell- und Schwarzseher. Auch der Donnerstag war für Pasang als Wochentag der denkbar ungünstigste Moment für den Gipfelsturm. Das sagte ihr Ehemann und Vater der drei gemeinsamen Kinder, der es wissen muss und im Base Camp vergeblich auf ihre Rückkehr wartete. Hätte Pasang einen Tag zugewartet, wäre entweder Lhakpaphuti mit ihr gegangen (die dritte im Bunde, Nanda Rai, musste wegen Höhenkrankheit aufgeben), oder der Wetterumschwung hätte beide rechtzeitig davon abgehalten. Letztlich - dies ist meine persönliche Interpretation am Schreibtisch unter dem Dach, nach der nochmaligen Lektüre der sehr umsichtig formulierten (nicht congenial ins Englische übersetzten) gut 50 Seiten - zahlte Pasang ihren Preis für ihr Verhalten. Sie kommt mir in Lahpaphutis Erinnerungen unsolidarisch, unkollegial und herrisch entgegen. Wenn nicht geradezu bösartig. Sie hatte Lakhpaphuti mit der kranken Nanda ins Base Camp zurückgeschickt. Und nutzte die Abwesenheit der beiden für einen egoistischen Alleingang. Sie wollte die Erste sein und den Erfolg nicht teilen. Auch den Superlativ nicht! Einer der vier Sherpas, die sie auf den Gipfel begleiteten, blieb bis zum Schluss bei ihr. Er bezahlte seine Solidarität mit seinem Leben. Die anderen drei stiegen ab und bereiteten die Spur. Vergeblich. Eine traurige Geschichte! Pasang war unbestritten die erste Nepalesin auf dem Gipfel und sie ist bis heute die einzige nepalesische Frau, die am Everest ihr Leben ließ. Alle nach ihr waren vernünftig und vorsichtig. Statistiken belegen, dass Frauen am Everest eher als Männer erkennen, wann ihre Grenzen erreicht sind und sie besser umkehren.
Heute ist alles einfacher am Berg, der, wie auch immer wir ihn nennen, immer noch den Sherpas gehört. Lhakpa Sherpa war gestern zum 11. Mal oben, in Eigenregie und Eigenverantwortung, Frauenrekord! Kami Rita Sherpa zum 32. Mal als Expeditionsleiter, Männerrekord. Sie wird "Mountain Queen" genannt, er "Everest Man".

