Die Zeit ist zäh wie der Schlamm im Bhotekoshi Flussbett. Die UNDP schätzt in einer ersten Stellungnahme, dass die Sturzflut etwa 2,2 Millionen Tonnen Schutt in den Tälern des Bhotekoshi und des Trishuli verteilt hat. Bestehend aus Baumaterial eingestürzter Gebäude und Brücken, Hausrat, mitgerissenen Bäumen und anderer Vegetation sowie Geröll, Felstrümmern und Sedimenten.
Viele fragen sich, warum Lord Shiva diese Katastrophe zugelassen hat. Ausgerechnet zwei Tage vor Janaj Purnima, als gerade so viele Pilger auf dem Weg zu ihm, zum Berg Kailash waren.
Hier in Pokhara sitzt der zweitgrößte Shiva des Landes, the Giant Shiva, der Riesenshiva auf dem Pumdikot Hügel. Ich sehe ihn jeden Morgen vom zweiten Dach aus. Er ragt im Profil bei jedem Wetter aus den Wolken. Und ich frage mich jeden Morgen, warum er so sitzt, wie er sitzt - nämlich etwas schräg in der Welt. Ich frage mich, ob er aus hinduistischer Sicht wirklich am besten ausgerichtet ist, glückverheißend und auspicious eben. Oder nicht.
Ich frage AI. Wen soll ich sonst fragen? Die antwortet, Lord Shiva schaue nach Süden auf den Berg Kailash. Es sei hinduistische Tradition, dass Gottheiten ihren Blick auf die heiligen Stätten im Himalaya richten. Sie ergänzt noch, dass der Pumdikot Hügel südlich des Fewa-Sees liege und Lord Shiva so den besten Blick über das Tal "in besagte sakrale Richtung" habe.
Ich antworte wenig diplomatisch. Das sei völliger Unsinn. Der Himalaya, die Annapurnakette und irgendwo dahinter der Berg Kailash befänden sich nördlich von Pokhara.
AI entschuldigt sich für den "peinlichen geografischen Dreher" und dankt für den "direkten" Hinweis. Sie korrigiert: der Berg Kailash liege tatsächlich im Nordwesten von Pokhara, in Tibet. So weit so gut. Die Shiva-Statue sei mit dem Rücken nach Süden aufgestellt. Lord Shiva blicke nach Norden, über das Tal, den See auf das Annapurnamassiv und den Berg Kailash. Wörtlich fügt sie hinzu: "Wenn Sie vor der Statue stehen und sie von vorne betrachten, blicken Sie nach Süden und haben die schneebedeckten Gipfel des Himalaya im Rücken".
Sie siezt mich, was mich nicht daran hindert, hartnäckig und unfreundlich zu bleiben. Das sei absoluter Quatsch! Ich verrate nicht, dass ich Shiva am Horizont sogar von meinem Schreibtisch aus sehen kann.
Ihr ist es nun "wirklich unangenehm" und sie will das "geografische Chaos" ein für allemal beenden. Lord Giant Shiva sitze auf dem Pumdikot Hügel mit dem Rücken nach Nordosten (zum Himalaya - aber vor allem: leicht von mir auf dem zweiten Dach abgewendet, so dass ich ihn im Profil sehe) und blicke nach Südwesten. Das sei aufgrund der Topografie sinnvoll: Pilger steigen 108 Sufen von Südwesten hoch und haben die Statue als visuelle Kulisse vor oder über sich, und dahinter die schneebedeckten Gipfel der Annapurnakette. So weit so prächtig! Lord Shiva ist auf dem Pumdikot dem Irdischen, den Menschen, ankommenden Besuchern, aufsteigenden Gläubigen zugewandt - und keiner irgendwie sakralen Gegend und schon gar nicht dem eigenen mythischen Hochsitz. Glaubt einer AI kein Wort. Nie! Auch wenn sie bereit ist, sich zu entschuldigen und Gefühle zeigt.
Sobald das Wetter es zulässt, wenn es tagsüber nicht mehr so heiß ist, mache ich mich auf den Weg zum Pumdikot. Zu Fuß. Ich war schon einmal dort oben, über viele Serpentinen in einem Auto.

