Mittwoch, Dezember 31, 2025

kar.ma

Kürzlich entdeckte ich ganz absichtslos den besten Kaffee Nepals. Dahinter steckte ein fürsorglicher Algorithmus eines Internethändlers, der mir zum french coffe maker (andernorts gilt das Teil als Schweizer Kaffeezubereiter) den passenden Kaffee anbot. Und ich biss an - weil es keinen Grund gibt, überzeugenden Versuchungen zu widerstehen: der Name der Marke gefiel mir, kar.ma coffee! Ich kann hier ruhig ein bisschen Werbung machen. Und dann war der bereits passend für frenchpress gemahlen, was mir mit meiner manuellen Mühle (das war noch vor dem Bosch-Mitbringsel aus Dubai) womöglich nicht fachgerecht gelingt. Also bestellte ich zum Ausprobieren 250 gr kar.ma coffee und mein Gatte war bei nächsten Frühstück begeistert! Ich auch. Seither bestelle ich direkt, dark roast, beans für meine italienische Espressomaschine, medium roast frenchpress für Ws französischen Kaffeezubereiter. Die letzte Lieferung kam letzten Freitag, am Tag nach public holiday (Christmas Day). Ich bestellt um 12:38 und erhielt die Bestätigung um 12:39 "I can send you in a few hours". Ich bezahlte um 12:44 über fonepay. Um 14:12 klingelte der Kurier an unserer Haustür. Ich packte 2 Kilo Kaffee aus und auf den Etiketts stand handschriftlich: roasted 22 dec 2025! Ich möchte mal wissen, wer auf der Welt frischeren Kaffee trinkt als wir! 

Kaffee wird in Nepal seit 1938 angebaut. Hira Giri brachte die ersten Kaffee-Samen aus der Sindu Provinz von damals Burma (heute Myanmar) und pflanzte sie in Aapchaur im heutigen Gulmi District bei Tansen an. Es dauerte gute 30 Jahre, bis der Staat (damals das einzige hinduistische Himalaya Königreich) das wirtschaftliche Potential erkannte und den kommerziellen Anbau von Kaffee förderte. 

In einer Pressemeldung der Swiss Nepal Chamber of Commerce lese ich heute, dass mein kar.ma coffee "in some of Switzerland's coolest cafés" angeboten werden soll. Haltet also Augen, Nasen und Ohren auf. Die genannten in-places (ViCAFE, Stoll Kaffee, CAFéNOIR, Cafiosa AG oder standout cafés wie MAME und Babu's) kenne ich allesamt nicht. So lange lebe ich schon nicht mehr in der Schweiz. Ich habe den Vorteil, kar.ma vor Ort zu trinken.

Dienstag, Dezember 30, 2025

Feuerpferd

Alle Jahre wieder ... Heute ist der 15 पौष oder पुष, Paus oder Pus, normalerweise als Poush oder auch Paush latinisiert. Neujahr für die Gurung. Sie verabschieden pugri, die Schlange und begrüßen heute schon toh, das Pferd bzw das Jahr des Feuer-Pferdes. Sie folgen, wie die Chinesen, mit ihrer Zeitrechnung den 12 Tierkreiszeichen, sind aber den großen Nachbarn gut eineinhalb Monate voraus. Das Fest beginnt heute Morgen, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Gurung-Dörfer in Lamjung, Gorkha, Tanahun, Syangja, Manang, Kaski und Parbat erreichen. 

Zum Zeichen der Toleranz ist heute in ganz Nepal public holiday. Kein einziges Moped auf dem Parking hinter der Municipality! In Kathmandu Feststimmung in Tundikhel. 

An meinem bescheidenen Shiva-Tempel werden andere Vorbereitungen getroffen. Heerscharen von Frauen und Männern tragen Töpfe, Geschirr, Möbel, Becken, Decken, Stühle, Bänke, Teppiche über die schiefe Ebene vom schiefen leeren Mopedparkplatz zum Gemeindehaus. Die Hindus feiern Paush Putrada Ekadashi - wir haben den 11. Mondtag der Shukla Paksha (in 4 Tagen ist Vollmond!) im Monat पौष oder पुष = Paus,  Pus, Poush oder Paush. Wie gehabt. Paare fasten von heute 07:50 am bis morgen 05:00 am, verehren Vishnu, schlafen nicht, sondern beten für einen guten Sohn, falls sie noch keinen haben. Ansonsten für die Gesundheit der Kinder. Es ist das Sohn-geben-Ekadashi. Putra - पुत्र  heißt Kind (im günstigsten Fall männlich) und da द geben. 

Montag, Dezember 29, 2025

Grenzverletzung Zwo

"You made my day!" sagte mir eines Mittags im April oder Mai ein बाइक चालक baik chalak - ein Biketaxidriver, der mich in die Sprachschule nach Thamel brachte. Er hatte gerade seinen Dienst angefangen und ich war seine erste Kundin. Das bringt Glück, strahlte er, eine Ausländerin. "You made my day!" 

Man stelle sich vor, ein deutscher Taxifahrer fährt in einer deutschen Großstadt mitten im deutschen Berufsverkehr eine türkische Studentin zur Uni, oder eine türkische Oma ins Krankenhaus, sie womöglich mit Kopftuch, er Christ oder Antichrist - was würde er wohl zu ihr sagen, beim Ein- oder Aussteigen, auch wenn sie mit Trinkgeld nicht knausert? Vielleicht ist die Frage müßig, weil es in Deutschland keine deutschen Taxifahrer (mehr) gibt. 

Anderes Beispiel. Kürzlich sprach uns im Sukunda - सुकुन्दा नेवारी खाजा घर unserer neuen Newari-Lieblingskneipe - einer der rauchenden Gäste an. Er wollte wissen, woher wir kommen und warum wir hier sind. Dann verabschiedete er sich mit dem Satz: "Thank you for your love for our country!"  

Ich frage alle meine deutschen Leserinnen und Leser: wer hat schon einmal zu einer afghanischen Mutter, einem afghanischen Opa auf dem Kinderspielplatz gesagt: Danke, dass Du da bist! Zu einem türkischen Obst- und Gemüsehändler, einem syrischen Arzt, einem arabischen Frisör, einer polnischen Restaurateurin, einer ukrainischen Zahnärztin ... Es muss ja nicht gleich alles (Liebe!) sein, Dank wäre schon schön genug. 

Soviel als Antwort auf die Frage in einem anonymen Kommentar. Ich weiß natürlich, wer sie punktgenau an Heilig Abend gelandet hat. Es ist aber nach fast genau zwei Jahren erst die zweite Grenzverletzung. Da will ich nicht meckern. Weder über Scheinheiligkeit noch über Hochmut. 

Vor vielen vielen Jahren erklärte mir eine Freundin im damals noch sozialistischen Polen, warum sie, eine Nichtraucherin, wenn sie Zug fährt, sich immer in ein Raucherabteil setzt. Das gab es damals noch. Und es gab die popularne, die populären und einzigen Zigaretten, ein fürchterliches Kraut. Aber: "Da sitzen einfach die netteren Leute." Zu Deutschland hatte ich nie eine emotionale Beziehung. Dort sind Raucher wie Nichtraucher unauffällig muffig. Von daher ist eine Frage, ob es in Deutschland "doch besser" sei (mit einem, wie ich vermute, gedachten "nicht" davor), bei mir (einer potentiell zu Remigrierenden) ganz falsch platziert. Zur Schweiz habe ich meine biografisch bedingte Beziehung erfolgreich abgearbeitet. Wenn es ein Land in Europa gibt, das mir nach wie vor am Herzen liegt, dann ist es Polen. Dort sind die Menschen einfach nett, die rauchenden etwas netter als die nicht rauchenden.

Sonntag, Dezember 28, 2025

Otter

Weit im Westen, an der Grenze zu Indien ist vor einem guten Jahr die kleinste Otterart überhaupt nach 185 Jahren in Nepal wieder gesichtet worden: Der Zwergotter oder Kurzkrallenotter, Asian small-clawed otter oder wissenschaftlich Aonyx cinereus. Förster entdeckten in einem Wald im Dadeldhura Distrikt, am Zusammenfluss von Rangun (oder Yangon) und Puntara, einen jungen, geschwächten und ausgehungerten सानो ओटर - saano otar. Sie päppelten den Kleinen auf, ohne zu wissen, was für eine Seltenheit sie da füttern. Da sie selbst neugierig waren, schickten sie Fotos in die Welt. Bei der IUCN Otter Specialist Group wurde die Sensation bestätigt: es ist ein Aonyx cinereus.   

Leider ist der Kleine, kaum zu Kräften gekommen, abgehauen und ward nicht mehr gesehen. Trotzdem ist die Fachwelt der Himalaya-Otter-Spezialisten überzeugt, dass er im Land geblieben ist. Die letzte Sichtungen vor ihm stammen aus dem Jahr 1839. Damals lebte er offenbar in verschiedenen Gebieten und Höhen, im Ost-Himalaya im Makalu Barun Nationalpark sowie in Kailali und Kapilvastu im westlichen Tarai.

Traditionell und bis heute leben außer dem Kurzkrallenotter in Nepal Weichfellotter (smooth-coated otter - lutrogale perspicilliata) und Eurasische Fischotter mit dem schönen wissenschaftlichen Namen lutra lutra.

Samstag, Dezember 27, 2025

Narayan

Samstag. Kein Moped auf dem schiefen Parking. Alle haben frei. Mein zweiter Ausflug nach Dhapasi. Ich finde viele मन्दिर (Mandir = Tempel), die googlemaps nicht kennt, dafür nicht alle, die googlemaps nennt. Einen zweiten auf dem Schlangenbett im Wasser schlafenden Vishnu finde ich nicht. Das ist gut so. Ich lerne, dass Lord Vishnu Narayan genannt wird, weil er im Wasser lebt (oder schläft), während die anderen Götter meist sitzend (oder auch mal stehend) dargestellt sind. Laxmi auch galoppierend, denn Vishnu hat sie, die seine Gattin war und ist, angeblich in ein Pferd verwandelt.

Der erste Teil des Wortes Narayan - नारायण (ist es ein Eigenname oder eine Berufsbezeichnung?), नारा - nara = Wasser, der zweite यण - ayan = Ort, Platz, Stelle, wo sich jemand gerade aufhält. Also der Gott im Wasser, aber kein Fisch und keine Schlange. Sondern Lord Vishnu in tiefe Meditation versunken. Wir hatten schon Vishnus viermonatigen Tiefschlaf - oder vornehmer ausgedrückt: sein चतुर्मास - Chaturmaas, die vier Monate andauernde yog nidra, Tiefenentspannung zwischen Wachsein und Schlaf im ksheer sagar, im Milchozean. Im Verständnis der Hindus sind in dieser Zeit alle auspicous acts (glücksverheißende Taten) verboten und die Mönche verzichten auf Reisen. Der Wohnsitz (oder treffender gesagt: die Wohnlage) im Wasser bewahrt Lord Vishnus unendliche Reinheit. Er gilt auch als Supreme Narayan oder Parabrahman.

Freitag, Dezember 26, 2025

Gohoro

Die Mopeds stehen wieder dicht an dicht. Das ist beruhigend, es wird wieder voll gearbeitet. Die westliche Welt feiert boxing day oder Stephanstag. Stephan ist der Protomärtyrer der Christenheit. Und der boxing day geht auf das Öffnen der Almosenboxen zurück. Nicht auf den Boxsack, den unsere Nachbarn im Außenbereich vor das Wohnzimmerfenster hängen ließen. Für ihre hyperaktiven Jungs und die Helikoptermama. Die hat die Kontrolle vom Sofa aus im Schatten. Sonne meiden die Frauen hier wie der Teufel das Weihwasser.

In der Zeitung lese ich, dass in den Sundarbans, den Mangrovenwäldern von Westbengalen eine Fischkatze, in der Gegend auch Fischtiger genannt, eines schönen Julimorgens zufällig vor die Kamera eines Naturfotografen lief, mit einem beträchtlichen Waran (monitor lizard oder locally gohoro) im Maul. Das ist ein eidechsenähnliches Schuppenkriechtier, das bis zu 3 Meter lang werden kann. 

Die Naturschützer sind begeistert (so etwas hat noch keiner je gesehen!) und besorgt zugleich: warum jagt eine Fischkatze, die eine ausgezeichnete Schwimmerin ist und sich, wie ihr Name sagt, normalerweise von Fischen ernährt, an Land? Warum ist sie am hellen Morgen noch auf der Jagd. Warum schleppt sie ein riesiges Schuppentier mit sehr harter Haut mit sich herum, an dessen zartes Fleisch sie nur mit großem Energieaufwand herankommt? Die Menschen, die meinen, die Tiere, die sie durch das Objektiv einer Kamera sehen, zu verstehen, schließen daraus, dass das Tier sehr hungrig gewesen sein muss. Es bekam in der Nacht nicht genug Fische in den Magen.

In meinem Garten erlegte kürzlich eine meiner wilden Hauskatzen eine Schönechse. Die war vergleichsweise winzig und der Jäger rührte sie nicht weiter an. Vielleicht war ihm der Panzer zu hart und/oder das Fleisch zu wenig. Natürlich lohnte hier die Mühe nicht, denn es ist allemal einfacher, sich vor meiner Küchentür anzustellen und lauthals Trockenfutter zu fordern.

Donnerstag, Dezember 25, 2025

brinjal

Feiertag in meinem nepali calendar. Christmas Day. Im Sinne der Toleranz in einem bis vor kurzem von Marxisten, Leninisten und Maoisten regierten einstigen einzigen Himalaya-Hindu-Kingdom. 

Das Mopedparking ist halbvoll. Also ist die halbe Belegschaft der Budhanilkantha Municipality vor 10 am zur Arbeit erschienen. Vielleicht doch kein public holiday. Auf der Golfutar reger Betrieb wie immer. Am Tempel auch. Ganesh ist aus dem Laxmibaum verschwunden. Entweder hat er sich in das Innere der vielen verschlungenen Stämme verkrochen oder überhaupt aus dem Staub gemacht. Göttern steht nichts im Wege.

Wieder zu Hause lese ich die wunderlichsten Dinge. Kürzlich habe ich bei dragon von der neuen Speisekarte das Wort eggplant gelernt. Wir bestellen alles, was neu aus der Küche kommt. Seither verzehren wir alle paar Tage einen ganzen Teller voll hervorragender eggplants (Auberginen). Nun lese ich in einem hinduistischen Internet-Forum, dass Sri Krishna eggplants dermaßen verabscheut haben soll, dass er auch alle Leute mied, die eggplants essen. Hoho, denke ich, das betrifft ja mich höchstpersönlich! Und verfolge die Kommentare. Blanker Unsinn, lese ich, ein Gott stehe über aller Materie, also auch über Gemüse jeglicher Art. Ein Gott verteile keine likes oder unlikes (ha! sprich: ein Gott hasst nicht und liebt nicht!), wer bloß so crazy sein könne, so etwas zu behaupten ... Und ganz nebenbei lerne ich, dass eggplant in indianenglish bringal oder brinjal heißt.